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Mein freier Fall !

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Es ist Samstag Morgen, und ich sitze in meinem Auto und fahre gerade die Auffahrt der Südost Tangente in Richtung zur Südautobahn hinauf. Mein Blick fällt auf die Uhr - sie zeigt 6.30 - und da kaum Verkehr herrscht, erlaube ich meinen Gedanken einen Spaziergang in die Vergangenheit, zurück zu jenen Ereignissen, die mich an einem Wochenende alleine, zu einer derartig nachtschlafenden Zeit putzmunter am Steuer meines PKW`s sitzen lassen.

Begonnen hat alles bei meiner Bundesheerausbildung und nach sehr vielen Jahren eher ganz harmlos, mit einem Gutschein für einen Tandemfallschirmsprung. Eigentlich wollte ich nach meiner Bundesheerausbildung mit dem Fallschirmspringen weiter machen, aber irgendwie fehlte es an Zeit, oder es hatte sich ganz einfach nichts ergeben. Aber nun war er da, der Anlass und ich nutzte diese Gelegenheit. Selbst jetzt, nach mehreren Jahren, überkommt mich noch das Prickeln und die unbändige Lebensfreude, die mir der Tandemsprung vermittelt hatte. Und voll von diesem unglaublichen Erlebnis begann ich damals meine Ausbildung zum Fallschirmspringer mit einer AFF Ausbildung (AFF ist die Abkürzung für accelerated freefall und bedeutet übersetzt beschleunigter Freifall. Bei dieser Lehrmethode springt der Schüler von Anfang an aus 3500 - 4000 Meter in Begleitung zweier Lehrer (AFF - Instruktoren). Der Schüler lernt das kontrollierte Fallen quasi während er fliegt ), aufzufrischen. Ein kleines Lächeln schleicht sich in meine Mundwinkel, wenn ich an jenen Donnerstag zurückdenke, an dem der Kurs begann. Der Hangar, lag verlassen im grauen Dunst als ich dort angekommen bin. Drinnen aber herrschte schon rege Tätigkeit, meine Nervosität legte sich als ich sah, nicht der einzige Schüler zu sein. Die Lehrer gönnten uns noch einen Kaffee, dann legten sie mit der Freifallhaltung los. Zwei Tage lang graue Theorie, zwar nicht ganz so grau wie der Himmel vor der Tür, aber dennoch Theorie. Aufgelockert wurde es immer wieder durch praktische Übungen, aber die Freifallhaltung auf dem Boden zu üben, konnte ganz schön anstrengend sein.

Mehr Spaß hatte ich an den Übungen im "Hängegurtzeug": ich hing in einem Gurtzeug, das dem Fallschirm nachempfunden ist, an einem Haken von der Decke und musste den Sprungablauf vom Ausstieg aus dem Flugzeug bis hin zur Öffnung des Fallschirmes simulieren. Damit aber nicht genug, um mich auf die selten, aber doch vorkommenden Fehlfunktionen des Hauptschirmes vorzubereiten, mussten wir die Notfallprozeduren bis zum Umfallen üben: Öffnungshöhe - Fallschirm öffnen - ein Blick zum Schirm hinauf - feststellen, ob der Schirm sich ordnungsgemäß geöffnet hat - und wenn nicht: Blick und rechte Hand auf den Trenngriff (um den "schlechten" Schirm loszuwerden), Blick und linke Hand auf den Reservegriff (um den zweiten Fallschirm zu öffnen) - rechte Hand zieht den Trenngriff - linke Hand zieht den Reservegriff - und der Reserveschirm trägt Dich sanft und sicher zur Erde.

Diese Prozedur erinnerte mich an die Bundesheerzeit, den auch dort hatten ich es so oft geübt, bis ich davon geträumt habe! Aber noch heute habe ich das Gefühl, in jeder erdenklichen Lage, ob tief verschlafen oder mitten im Prüfungsstress, die Notfallprozedur ohne lange nachzudenken durchführen zu können.

Dann waren die Tage der Theorie vorbei und der Samstag brachte dann endlich besseres Wetter, wir Schüler konnten endlich unser Schulungs-Tandem machen. Ich fühlte mich ziemlich überlegen, immerhin konnte ich hier bereits gewisse Erfahrung vorweisen! Dennoch war ich bei weitem nicht so locker wie bei meiner Bundesheerzeit, ging es doch jetzt darum, zu beweisen, dass man im freien Fall fähig ist, die Höhe abzulesen und den Schirm zu öffnen. Zwar gab es noch immer ein Backup, den Tandemlehrer, aber trotzdem: hier war eine Aufgabe zu erfüllen, bei der man auch versagen konnte. Aber mein Schulungs-Tandem ging glatt über die Bühne und die nächste Aufgabe war schon bei weitem kniffliger: nach langem, mein erster Solo-Sprung....jede freie Minute über wiederholte ich im Geist den Sprungablauf: in die Türe stellen - ein OK vom rechten Lehrer - ein OK vom linken Lehrer - Blick zum Propeller - "Hoch-Runter-Raus" - Becken vor - Höhenkontrolle - Griffkontrolle (Hand auf den Aufziehgriff, mit dem man den Fallschirm öffnet) - Blick zum rechten Lehrer ...usw. bis zur Öffnung des Schirmes. Und endlich, es war ein sonniger Sonntag morgen, glasklare Luft und frische Temperaturen, aber mein Zittern kam vielleicht nicht nur von der Morgenkälte...

Da ich der Erste von den Schülern am Platz war, durfte ich auch den ersten Sprung in der ersten Maschine machen. Möglicherweise war es gut, dass alles so rasch ging: kaum war ich angekommen, nahm mich mein AFF Lehrer zur Seite und ging mit mir nochmals den Fallschirmsprung durch. Er erklärte mir ein weiteres Mal die Notfallprozedur und dann ging es wirklich los: eine Kombi aussuchen, einen passenden Helm, die Brillen, den Höhenmesser, das Funkgerät überprüfen, den Fallschirm anlegen und nicht vergessen zu atmen!

Die Lehrer überprüften meine Ausrüstung nochmals, dann nahmen sie mich in die Mitte, diese beiden würden dabei sein, wenn ich mich wieder einmal "alleine" aus einem funktionierenden Flugzeug wagen würde. Wenn ich buchstäblich gelähmt wäre vor Angst, würden diese beiden gemeinsam mit dem Bodenlehrer darauf achten, dass ich dennoch heil zur Erde käme. Aber das hatte ich ja auch vor...

Schließlich saßen wir im Flugzeug, sehr schnell hob es ab und schraubte sich in die Höhe. Mein Mund wurde trocken, mein Magen verkrampfte sich und ich stellte mir zum ersten Mal die Frage, warum ich mir dies eigentlich antäte. Doch plötzlich hörte ich die vertraute Stimme meines AFF Lehrers, der mich aufforderte, den Sprungablauf nochmals durchzugehen. Und so, als ob man einen Schalter umlege, bekam ich wieder Luft, der Magen entspannte sich und ich rasselte im Gedanken den gelernten Ablauf ab.,.. dabei tauchten wieder all diese Bilder aus der Vergangenheit und aus der Schulung auf und ich begann mich etwas wohler zu fühlen.

Auf 3.000m setzte ich die Brille und den Helm auf und bekam eine letzte Überprüfung der Ausrüstung. Dann waren wir auf Absetzhöhe und die Lehrer öffneten die Türe des Flugzeuges. Der frische Luftstrom der durch die Tür ins Flugzeug stürmte brachte ohrenbetäubenden Lärm mit sich, die Verständigung erfolgte nur über Zeichen. Dann grinste mich mein "Reserve Side"-Lehrer breit an, zeigte mir einen hochgestreckten Daumen und schwang sich aus der Tür. Ohne Nachzudenken stellte ich mich in die Türe, schaute nach rechts zu meinen "Main Side"-Lehrer, bekam ein OK, schaute nach links, bekam mein OK, schaute zum Propeller und mit Hoch-Runter-Raus war ich plötzlich im freien Fall.

Ich erledigte meine Aufgaben in einer gelassenen Ruhe, registrierte die Hilfestellungen und die Aufforderungen, etwas mehr "Becken vor" zu machen, und bevor ich noch den freien Fall richtig genießen konnte, war es Zeit den Schirm zu öffnen. Über mir entfaltete sich ein wunderschöner, farbenfroher Fallschirm und mir kam es so vor, als könnte ich zum ersten Mal seit dem Aufwachen tief durchatmen. Doch da hörte ich schon die Stimme aus dem Funkgerät, Ausrasten war erst später angesagt! Zuerst musste der Luftraum kontrolliert werden, ein Zusammenstoß am Schirm kann schlimme Folgen haben. Dann kam der Schirm dran und schließlich waren die Bremsen zu lösen. Und schon kam der Boden näher und näher. Ich landete sanft auf beiden Beinen stehend und nun endlich konnte ich wirklich durchatmen.

Und während ich begann, meinen Schirm zusammen zu klauben, durchströmte mich ein einzigartiges Glücksgefühl und eine Lebensfreude, die ich noch nie in dieser Intensität empfunden hatte. Keine zehn Minuten zuvor war ich aus einem fliegenden Flugzeug ausgestiegen, war mit etwa 200 km/h im freien Fall unterwegs gewesen und hatte aus eigener Kraft den Fallschirm geöffnet und zu Boden pilotiert!

Ich bin jetzt schon fast bei der Autobahnabfahrt und spüre wieder diese Euphorie, auch diese Nervosität, wie vor meinem ersten Sprung, die mich heute genauso wie damals wachsam hält und mir nach jedem Sprung, wenn ich wieder mit beiden Beinen auf der Erde stehe, das Gefühl vermittelt, als könne ich die ganze Welt umarmen !

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Kommentare

  • Seelenspiegel
    „Manchmal“, sagt sie „schneide ich Zwiebel nur um weinen zu können.“ Ein Zigarettenstummel klebt an ihren rauen Lippen.
  • Moderne Zeiten in der Krise
    Oder: Wir spüren den Wind des Wandels. Einfach zum Nachdenken.
  • Es ist nie zu spät für alles
    Vier Briefumschläge halte ich in der Hand. Welchen soll ich nehmen? Es fröstelt mich und meine Finger sind kalt und steif. Der Wind, es ist Oktober, bläst eisig und stürmisch.

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