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Die Lust des Müßiggangs

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Wenn meine Tochter nichts tut, stopft sie sich den I-Pod in die Ohren und loggt sich auf Facebook ein. Wenn mein Mann sich darauf freut, am Wochenende mal wirklich nichts zu tun, geht er Rad fahren. Meine Mutter setzt sich zum Nichtstun in den Garten und beginnt nach wenigen Minuten Unkraut zu jäten. Mein Vater? Der überlegt kurz und schnappt sich ein Buch. Und ich? Ich sitze hier und zerbreche mir den Kopf. Haben wir die Kunst des Nichtstuns verlernt? Die Kunst des „far niente“, wie die Italiener sagen, und passender weise ein „dolce“ hinzufügen. Oder liegt das Dilemma tiefer. Wir können nicht nicht kommunizieren, sagt Paul Watzlawick. Gilt das auch für’s Nichtstun?

Alles Leben ist Bewegung, wie man weiß. Nichtstun bedeutet stehen zu bleiben, zur Ruhe zu kommen. Doch ist Nichtstun an sich ja nur für chronisch Faule Zweck zum Selbstzweck. Für alle Epigonen des weißen Karnickels aus dem Wunderland bedeutet süßes Nichtstun die Eintrittskarte in eine andere Welt, eine luxuriöse Welt, die Welt der Muße, des Müßiggangs.

Lassen Sie uns daher das Wort Müßiggang in aller schon durch das Thema gebotenen Ruhe befühlen und betrachten. Denn Zeit ist der Schlüssel. Karl Marx behandelte freie Zeit und Muße als Maßstäbe für ein „Reich der Freiheit“, Aristoteles sah sie als erklärtes Ziel, mehr noch, als Sinn des Lebens. Hermann Hesse beschwor den trägen Zauber aus Tausendundeinernacht herauf, beneidete sie, die „Millionäre an Zeit“ aus dem fernen Morgenland: „Bei uns, im armen Abendland, haben wir die Zeit in kleine und kleinste Teile zerrissen, deren jeder noch den Wert einer Münze hat; dort aber fließt sie noch immer unzerstückt in stetig flutender Woge, dem Durst einer Welt genügend, unerschöpflich, wie das Salz des Meeres und das Licht der Gestirne.“ Ungefüllte Zeit. Zeit, die verstreicht. Also, teilen wir Sekunden, vorsichtig, um sie nicht zu zerreißen, entschleunigen sie, dehnen die Minuten, schieben die gerade aufsteigende Un-Ruhe beiseite und bleiben, wo wir sind. Hier, jetzt.

Panik. Etwas stimmt nicht. Slow Food. Slow Media. Was für ein Unsinn. Ich muss ... schnell ...

Nein, Stopp! Müßig-Gang einlegen. Heißt so viel wie: Den Dingen ihren Gang lassen. Lassen, Dinge lassen, gelassen sein. Gedanken kommen und gehen lassen ist der erste Schritt zur Entspannung, das wissen wir seit Joga, Pilates & Co. Müßiggang aber geht weiter. Mühelos läuft er der kleinen Schwester Pause den Rang ab. Er bezeichnet nicht die Minuten dringend notwendiger Entspannung, die unsere Energien wieder auf Warpgeschwindigkeit hochfahren. Müßiggang ist Philosophie, Allüre im besten Sinn.

Früher, stellt Bertrand Russell selbstkritisch fest, waren die Menschen noch fähig, sorglos und verspielt zu sein, was bis zu einem gewissen Grad durch den „Kult mit der Tüchtigkeit“ verschüttet wurde. Was wurde nicht alles erfunden, um Arbeit, Fortbewegung, Kommunikation zu beschleunigen. Doch haben all diese Errungenschaften, die dem Menschen Arbeit abnehmen, Zeit sparen und Lebensqualität schenken sollten, vom Flugzeug und der Waschmaschine bis zum Internet, ihr wichtigstes Ziel verfehlt - uns Zeit zu schenken. Also wird uns nichts anderes übrig bleiben, als die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Dass es sich lohnt, ist sicher. Wie lautet Bertrand Russells Hauptargument zugunsten der Faulheit? „Vor allem wird es wieder Glück und Lebensfreude geben, statt der nervösen Gereiztheit, Übermüdung und schlechten Verdauung.“

Für alle im Müßiggang Ungeübten ein paar praktische Anleitungen, 10 erste Schritte auf dem Weg zum professionellen Faulsein:

1. Bleiben Sie liegen. Sollten Sie nicht zu den Glücklichen gehören, die einfach ausschlafen können, stellen Sie Ihren Wecker auf Schlummerfunktion und genießen Sie diese ersten Minuten der Ruhe, die Sie dem Tag abgewinnen.

2. Gehen Sie bummeln. Bummeln statt shoppen spart Nerven und Geld.

3. Vergessen Sie nicht auf Ihr Mittagessen. Das Sandwich vor dem Computer zählt nicht.

4. Träumen Sie, auch bei Tag. Diese kurzen Pausen wirken Wunder.

5. Reduzieren Sie Ihre Geschwindigkeit – beim Gehen, Sprechen, Autofahren, ja auch beim Essen.

6. Suchen Sie sich einen einsamen Platz in der freien Natur und beobachten Sie, was um Sie herum passiert.

7. Atmen Sie durch. Besonders, wenn viel zu tun ist.

8. Stauen Sie nach getaner Arbeit nicht gleich nach Hause. Lernen Sie elegantes Flanieren. Wenn Sie wissen wollen, wie das geht, fahren Sie nach Siena, dort wurde diese Kunst erfunden.

9. Feierabend zu Hause. Lassen Sie den Computer, das Telefon, den Geschirrspüler, die Waschmaschine. Tun Sie einfach nichts. Nein, vergessen Sie den Fernseher!

10. Versuchen Sie, einmal gemeinsam nichts zu tun. Sie werden überrascht sein, wohin das führt.

Um nun zur einleitenden Frage zurückzukommen: Können wir überhaupt nichts tun? Im streng Watzlawick’schen Sinne natürlich nicht, was allein daran liegt, dass wir zum Beispiel nicht aufhören sollten zu atmen. Versteht man „können“ im Sinn von „dazu in der Lage sein“, so gibt es nur einen Weg, die Antwort zu finden: Probieren Sie es selbst. Es ist schwer, zur Ruhe zu kommen, aber nicht unmöglich. Wer Müßiggang übt, muss Stille ertragen. Dann, unversehens, ganz von selbst, geht die Tür auf zu einer neuen Qualität des Lebens. Hermann Hesse erlebte dieses völlige Vergessen seiner Selbst, er beobachtete die Gesetze des Mückenflugs, die Rhythmik der Sonnenstäubchen, die Melodik der Lichtwellen. Auch mein Freund Ferdinand Attems, der in Indien gerade sein Glück findet, kennt sie, die Stille, und beschreibt sie mit eigenen Worten: „This silence is older than me and wiser, a gracious host with a tacit knowledge of what it is.“ Von dieser Welt sind Sie gerade nur einen Klick entfernt.

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Kommentare

  • Sicher Sacher?
    Die Karriere von Österreichs berühmtester Mehlspeise macht nicht einmal vor des Richters Toren halt...
  • Hauptsache Schreiben
    Ich bin nicht suchtgefährdet, ehrlich. Leider. Aber wenn es ums Schreiben geht ...
  • 750 ml grün
    Eine Hommage an das Leben. Und die Zweisamkeit. Und eine neue Betrachtsweise der "Dinge".

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