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Die Kälte der Wüste und die Hitze des Nordens

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Keisha zog den fellbesetzten Umhang ein weiteres Mal eng um ihren schlanken Körper. Allmählich hatte sie das Gefühl, dass sich der gesamte Norden gegen sie verbündet hatte. Jedesmal, wenn sie den Umhang wieder gerichtet hatte, kam ein weiterer, eisiger Windstoß und riss ihn ihr erneut aus den klammen Fingern. Sie warf einen missmutigen Blick aus ihren opalartig schimmernden, grünen Augen zu den Norska, welche lachend nebeneinander durch den kniehohen Schnee stapften und den Schneesturm, der um sie herum tobte, einfach ignorierten.

Eine kräftige Hand landete auf ihrer Schulter und sie sank weitere zehn Zentimeter in den tiefen Schnee ein. "Na meine tapfere Wüstenblume, hältst du es noch aus?" Der Norska grinste sie mit erstaunlich großen, weißen Zähnen an und sein blondes, zum Teil zu Zöpfen geflochtenes Haar wurde von einer eisigen Böhe nach hinten gerissen, doch es schien ihn nicht im geringsten zu stören.

"Natürlich halte ich es noch aus. Ich werde bestimmt nicht so jammern und klagen, wie ihr, als ihr in der Wüste um Wasser gebettelt habt und eure Haut sich in Streifen gelöst hat." antwortete sie ruhig, doch sie konnte das Klappern ihrer Zähne nicht ganz vermeiden.

Er lachte dröhnend. "Keisha, wir sind bald da, nur noch über den See, den Berg dort hinten hoch und siehst du den Schatten dort oben? Das ist unsere Burg. Wenn du willst, trage ich dich auch ein Stück."

"Keral, ehe ich mich von dir tragen lasse, fliege ich auf dem Rücken eines Eisdrachen zu eurer Festung."

Er lachte ein weiteres mal, klopfte ihr erneut auf die Schulter, so dass sie diesesmal beinahe das Gleichgewicht verlor und stapfte zu seinen Männern rüber.

Keisha war erleichtert, als sie die gefrorene Decke des Sees erreichten. Hier war die Schneedecke nicht ganz so tief. Sie war inzwischen ein bisschen zurückgefallen und verfluchte ihre verweichlichten Clanmitglieder, welche sich aus Angst vor dem Sturm vor zwei Tagen in eine Höhle mit einem Norska als Führer zurückgezogen hatten. Sie musste durchhalten, sie musste die Ehre ihres Volkes verteidigen.

"Glaubst du, dass sie durchhält?" fragte Damon und Keral nickte.

"Ich glaube schon. Sie hat einen eisernen Willen, ich glaube, ihr Körper wäre bereits vor zwei Tagen einfach liegen geblieben, aber sie zwingt sich, vorwärts zu gehen. Allein, um es uns zu zeigen." er warf einen Blick zu der jungen Frau, welche in dem dicken Fellumhang irgendwie verloren wirkte. "Sie sieht unglaublich zerbrechlich aus..."

Damon lachte trocken. "Ja, aber sie ist eine tödliche Kampfmaschine, genauso wie jede von ihrem Volk. Ich habe sie kämpfen gesehen und möchte ihr nur ungern in einem Kampf gegenüberstehen."

In diesem Moment erklang ein Bersten und Krachen. Keisha schrie auf und sank wie in Zeitlupe in das eisige Wasser.

Der schwere Fellumhang und die Stiefel zogen sie in die Tiefe des eisigkalten Sees. Aufgescheuchte Fische flohen vor ihr und sie entledigte sich mühsam ihrer schweren Fellbekleidung, so dass sie nur noch die dünne Lederhose und die dünne Lederweste eines Wüstenkriegers trug. Beinahe gelähmt vor Kälte versuchte sie sich an die Oberfläche zu kämpfen, doch als sie dort ankam, prallte sie gegen dickes Eis. Sie hörte trommelnde Schritte, dann wurde der Schnee über ihr von einer riesigen Hand weggewischt und Keral machte ein paar hektische Gesten, ehe er seine wuchtige Streitaxt hob. Mit letzter Kraft stieß sich Keisha von der Eisdecke ab, ehe die Axt das Eis über ihr zerschmetterte. Das letzte, was sie spürte, war, wie sie gepackt und an die Oberfläche gezogen wurde und wie süß die kalte Luft war, welche nun in ihre Lungen strömte, danach verlor sie das Bewusstsein.

Syrian fehlte der heiße Wüstenwind auf der Haut, das Brennen der Sonne im Zenit und der Sand, der einem zwischen den Zähnen knirschte. Hier oben gab es nur Kälte, die einem das Leben aus dem Körper saugte. Keine Wärme, selbst die angezündeten Feuer in der Höhle schienen keine Macht gegen den Schnee und den Wind zu haben. Dicht beieinander hockten sie um die Flammen, zogen die Felle enger um ihre Leiber und froren. Syrian sah immer wieder zum Ausgang der Höhle. Dort stand der Norska, die massige Gestalt eines Bären. Beinah ungeschützt setzte er sich dem Sturm aus ohne auch nur ein Anzeichen von Schwäche zu zeigen. In der Wüste waren die Nordmänner an ihre Grenzen gestoßen, doch einige hatten durchgehalten. Das hier war ihr Terrain und es war an den Südleuten, durchzuhalten. Obwohl es ihn zum Feuer zog erhob sich Syrian und ging auf den Nordmann zu.

„Heftiger Sturm“, sagte er, doch seine Worte wurden verweht.

Der Norska musterte ihn mit kristallblauen Augen. „Sturm nennt Ihr das?“ Unter dem blonden Bart tat sich ein breites Grinsen auf. „Wenn Ihr einen richtigen Sturm erfahren wollt, dann solltet Ihr die Gegend zur Sonnenwende erleben. Da bleibt niemand mehr auf beiden Beinen stehen und man erfriert schneller, als man spucken kann!“ Sein Lachen war dröhnend und Syrian befürchtete schon, die Wände würden dadurch einstürzen.

Er nickte nur und blieb fortan, erbärmlich frierend, still.

Seine Ohren waren die weite Ruhe des Sandmeeres gewohnt und konnten auf mehrere Meilen Entfernung ein Geräusch genau ausmachen. Bei Sturm überlebte man in der Wüste nicht, daher hatte er sein Gehör nie unter solchen Bedingungen schulen können. Dennoch glaubte er im Wind den Schrei eines Tieres ausmachen zu können.

„Wovor sollte man sich hier draußen in Acht nehmen?“, fragte er den Nordmann. Dieser hatte das Geräusch wohl auch vernommen, denn er sah angestrengt in die weißen Wirbel des Sturms.

„Wölfe“, antwortete er. „Harmlos, wenn man ihre Reviere meidet, doch blutrünstige Bestien, die einem im Rudel überfallen, sollte man sie verärgern. Geht nun lieber hinein, dort drinnen droht uns keine Gefahr.“

In fremden Ländern sollte man sich den Warnungen der Einheimischen fügen. Syrian wusste das, kannte er doch genug Narren, die seinen Worten nicht den genügenden Glauben geschenkt haben und nun im Wüstensand verrotteten. Er nickte und wandte sich um.

Erst als er wieder beim Feuer war fiel ihm auf, dass der Norska nicht hinter ihm war. Syrian blickte zurück und sah gerade noch, wie die hünenhafte Gestalt in den weißgrauen Schlieren des Sturms verschwand.

Allein hinauszugehen schien Syrian als wahnsinnig. Die Tiere des Landes waren ihm wenig vertraut, jedoch erinnerte ihr Verhalten an die ihm bestens bekannten Raubkatzen der Steppen. Diesen Bestien sollte sich kein Mann, und war er noch so groß, alleine entgegenstellen. Ein kurzer Griff genügte um festzustellen, ob die Messer noch an ihrem Ort waren. Syrian schritt auf den Höhlenausgang zu und ging nach kurzem Zögern in den Sturm hinaus.

Keral zögerte keine Sekunde und riss der jungen Frau einfach die Nasse Kleidung vom Leib. Er würdigte ihren durchtrainierten, und doch weiblichen Körper keines Blickes, sondern wickelte sie sofort in seinen eigenen Fellumhang ein, ehe er sie hochhob. "Ich habe sie gefunden, darf ich sie jetzt behalten?" fragte er grinsend, als Damon zu ihm stieß.

Der Anführer der Norska hob eine Augenbraue, musterte das ebenholzfarbene Gesicht Keishas und seufzte theatralisch, als er sich sicher war, dass sie überleben würde. "Du darfst nicht alles behalten, was du findest. Komm, wir sollten sie schnellstmöglichst in die Festung bringen."

Keisha erwachte, als sie gerade die Festung betraten. Keral bemerkte ihre Bewegung und fletschte seine Zähne, was wohl seine Art des Lächelns war...oder die von allen Norska...

"Na, wieder wach? Lass mich raten, du hast das mit Absicht gemacht, damit ich dich hier hochschleppe und du nicht dein Gesicht verlierst." Er lachte rauh und Keisha blitzte ihn einen Moment lang zornig an, doch dann senkte sie den Blick.

"Ich danke dir, Keral. Du hast mir mein Leben gerettet, es gehört nun dir."

Der Norska stellte sie vorsichtig vor sich hin und schüttelte den Kopf. "Was soll ich denn mit deinem Leben anfangen? Tanz lieber zur Sonnenwende mit mir ums Feuer." ehe er noch etwas hinzufügen konnte, wurden sie auch schon von hochgewachsenen, blonden Frauen umzingelt und Keisha wurde in Richtung einer großen Tür geschoben.

Bevor die Tür hinter ihr wieder geschlossen wurde, trat noch eine stämmigere Frau dazwischen und nickte den Männern zu. "Euch würde ein Bad auch nicht schlecht tun, zackig ab in die heißen Quellen, und wenn einer von euch danach immer noch stinkt wie ein reudiger Wolf, werde ich ihm persönlich den Kopf waschen, verstanden?"

Damon machte eine spöttische Verbeugung. "Stets zu Diensten, Sirkka. Alles, was du willst." er nickte seinen Männern zu und sie gingen durch eine benachbarte Tür.

Die junge Draka sah sich um. Dichter Dampf verhüllte die Sicht bis auf ein oder zwei Meter und wohltuende Düfte schwebten in der warmen Luft. Sie kannte Dampfbäder aus der Wüste. Dort war es beinahe zu einem Ritual geworden, sich abends in ein Dampfzelt zu begeben und mit wenig Wasser den Körper vollständig zu reinigen. Man konnte sich dabei wunderbar mit den anderen unterhalten und meistens waren Männer als auch Frauen anwesend. Die Norska hatten bei ihrem ersten Besuch in einem Dampfzelt allesamt rote Ohren bekommen, als sie die unbekleideten Drakafrauen gesehen hatten. Danach hatten sie gewartet, bis sie sich sicher sein konnten, dass alle Frauen mit ihrem Bad fertig waren und hatten sich erst dann in das Zelt begeben. Keisha grinste bei dem Gedanken an das rote und beschämte Gesicht von Keral.

Sirkka trat hinter sie und nahm ihr den Umhang ab. "Komm, du solltest ersteinmal auftauen. Der Bote, welcher uns vor euch erreicht hat, meinte, du wärst in ein Eisloch gefallen. Wie fühlst du dich?"

Keisha sah sie an und lächelte.

"Was meint ihr, was sie wirklich hier an der nördlichsten Grenze unseres Reiches suchen?" Damon lies seine Finger durch das heiße Wasser gleiten und sah seine Begleiter fragend an.

"Ganz ehrlich?" Jöru tauchte kurz unter und warf dann sein nasses, rötliches Haar zurück. "Sie sind hier wegen den Eleifa. Ich glaube, vor allem unsere kleine Wüstenblume ist ganz heiß darauf, den Kopf eines Eleifa als Trophäe mit nach Hause zu nehmen."

Keral schrubbte sich seine breite Brust zuende und stieg aus dem heißen Wasser. Kein Norska hielt es lange darin aus.

"Ich glaube, es kommt ihnen ganz Recht, dass wir einen Krieg planen."

"Woher sollten sie es wissen?" fragte Damon ruhig, doch seine raubtierhaften, weißblauen Augen blitzten gefährlich.

"Gedankenlesen, das unnatürlich scharfe Gehör von ihnen, Zauberei?" Keral zuckte mit den Schultern. "Um die Draka winden sich in etwa genauso viele Gerüchte, wie um die Eleifa, wahrscheinlich ist keines davon wahr, aber wer weiß es schon. Und selbst wenn sie mitmischen wollen...ich würde sie willkommen heißen. Du hast selbst gesagt, dass die Wüstenblume eine Kampfmaschine ist. Sie würden uns also helfen."

Sandstürme rieben die Haut vom Fleisch und das Fleisch von den Knochen mit jedem herrischen Atemzug, den die Wüste tat. Dieser Wind in den eisigen Höhen war anders. Er glich einer geschärften Klinge, die von geübter Hand geführt Schicht für Schicht abschälte.

Syrian stapfte durch den Schnee. Er hielt die Hand vor Augen um sich vor dem Schnee zu schützen, doch man konnte keinen Steinwurf weit sehen. Der Norska war verschwunden, irgendwo inmitten des Getümmels aus weißen Flocken. Irrsinnig ihm noch tiefer in den Sturm hinein zu folgen. Syrian blieb stehen, schaute zurück, wo die Höhle nur noch schwach zu sehen war, und wandte sich dann wieder nach vorn. Sicher wusste der Nordmann um die Gefahren und würde sich nicht unnötig diesen aussetzen.

Gerade war Syrian dazu bereit umzukehren, als ihm eine massige Gestalt entgegen preschte. Ein Bär, dachte er, und ließ eine Hand unter den Fellmantel zu den Messern gleiten.

Aber es war kein Bär. Der Norska kam erstaunlich schnell durch den Schnee auf ihn zu, torkelte, fing sich wieder und rannte weiter.

„Was macht Ihr hier?“, brüllte er. „Lauft!“ Da zuckte er zusammen und seiner Körper beugte sich nach vorn. In diesem Moment sah Syrian die drei Pfeilschafte, die aus seinem Rücken ragten. Sofort kam er dem Nordmann zu Hilfe um ihn zu stützen.

„Lasst das“, schüttelte ihn der Krieger ab. „Rennt lieber um Euer Leben!“ Ein weiterer Pfeil bohrte sich in den kräftigen Leib. Nun konnte sich der stämmige Mann nicht mehr aufrecht halten und im versuch den Nordmann zu tragen wurde auch Syrian zu Boden gerissen.

Hastig rappelte er sich auf die Knie. Der Norska neben ihm, dessen Rücken sich dunkelrot färbte, würde wohl aber nie mehr aufstehen können. Eine fleischige Hand des Sterbenden umklammerte Syrians Arm. „Eleifa…“, brachte der blonde Krieger unter Schmerzen hervor. „Warnt die anderen und mein Volk…“

Haselnussbraune Südländeraugen durchpflügten das Schneegestöber. Bei so einem Sturm konnte niemand einen Pfeil auf große Entfernung zielgenau abfeuern. Die Angreifer mussten in der Nähe sein. Syrians Herz klopfte in heißer Erwartung eines Kampfes. Er musste zur Höhle zurück, dort gab es Deckung und Verstärkung. Doch würde er sich jetzt erheben gäbe er ein vortreffliches Ziel ab. Und tot konnte er seine Leute nicht warnen.

Erst musste er in Erfahrung bringen, mit wie vielen Gegner sie es zu tun hatten. Geduldig, wenn auch vor Kälte bibbernd, wartete er an der Leiche des Norska bis sich einer seiner Feinde ihm näherte. Diesem würde er die Kehle durchschneiden und dann langsam, Stück für Stück, sich die anderen vorknöpfen.

Obwohl in ihm das Feuer eines herannahenden Kampfes brannte, begannen seine Finger zu erfrieren, seine Glieder zu erstarren und er erkannte, dass es jetzt schnell gehen musste. Würde sich nicht bald ein Feind zeigen, dann…

Ein Schatten erschien voraus. Darauf ein zweiter und dritter und mehr folgten. Rasch wurde Syrian klar, dass sein Plan nichts nutzen würde. Die Gegner waren zu zahlreich.

Das Lächeln verging Keisha genauso schnell, wie es gekommen war. Die hochgewachsene Norska führte sie zu einem Becken, voll mit dampfendem Wasser.

Die Draka hatte auf ihrem Weg in die Nordlande viel gesehen, Bäche, Flüsse und sogar Seen, aber sie war einer so großen Wasserfläche wie gerade noch nie so nah gewesen...von dem eisigen See ausgenommen, in den sie vor nicht allzulanger Zeit eingebrochen war. Und nun sollte sie sich freiwillig in diese Wassermassen begeben? Sie warf Sirkka einen unruhigen Blick zu, atmete dann aber tief durch. Sie würde keine Schwäche zeigen. Sie war Keisha, Tochter des Dragan, Tochter der Elysia, sie würde iherer Familie keine Schande machen.

Als sie zuende gebadet hatte, es war erstaunlich angenehm gewesen, sie hätte nie geglaubt, dass sie sich in Wasser so wohl fühlen könnte, führte Sirkka sie in ein anschließendes Zimmer und deutete auf ein Kleid, welches auf dem Bett lag.

Mit hochgezogenen Augenbrauen sah die Draka die Norska an. "Ich trage keine Kleider." bemerkte sie ruhig.

"Das wird sich wohl nicht vermeiden lassen, bis wir deine Kleidung getrocknet haben. Auch dein Bündel ist vom Schnee durchnässt gewesen." Sirkka grinste und ein belustigtes Funkeln trat in ihre hellen Augen.

"Späher haben Eleifaspuren entdeckt. Sie waren noch nicht zugeschneit, das heißt, sie befinden sich noch in der Nähe." der Norska mit silbernen Strähnen an den Schläfen und einem mächtigen Schwert auf dem Rücken sah Damon entspannt an, während er sich eine gebratene Entenkeule von Kerals Teller schnappte.

"Diese Bastarde suchen offensichtlich nach Krieg....wir sollten ihnen geben, was sie suchen." murmelte Keral und riss dem Älteren die Keule aus der Hand.

Mandrek beobachtete die Wachen der Norska aus seinem sicheren Versteck heraus. Die falsche Spur war gelegt. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Norska mit offenen Augen in die Falle laufen würden.

Ein Schneeadler setzte sich neben ihm ab, pickte unmotiviert im Schnee herum, schüttelte sich und flog davon. Der Eleifa fischte mit spitzen Fingern die kleine Knochenkapsel aus dem Schnee und öffnete sie mit seinen spitzzulaufenden Eckzähnen.

Die Nachricht war nicht die, welche er erwartet hatte. Sein alabasterfarbenes Gesicht wurde finster. Draka. Eine ganze Höhle voll mit bibbernden, stinkenden, stachellosen Wüsteninsekten.

Dicht an den toten Körper gedrängt, halb unter Schnee und dem Fellmantel des Norska versteckt, lag Syrian auf der Lauer. Hierin sah er seine einzige Chance, den Angreifern die Stirn zu bieten. Auch wenn dies bedeutete, dass er seine eigenen Leute nicht warnen konnte.

So nah am Boden wurde das Heulen des Windes von der hohen Schneeschicht gedämmt. Stattdessen hörte er viel deutlicher die knirschenden Schritte eines näher kommenden Eleifa.

Syrian lugte unter dem Umhang hervor. Der Eleifa war fast gänzlich mit Fellen umhüllt. Selbst sein Gesicht hatte er unter Tüchern verborgen, die gerade einmal einen Schlitz für die Augen freiließen. Mit gespanntem Bogen beugte er sich über den gefallen Nordmann. Da sprang der Draka aus der Deckung. Die gezückten Messer fanden ihren Weg in den Körper des Feindes. Eine Klinge durchschnitt sauber die Kehle, die zweite durchbohrte das Herz. Der Eleifa bekam keine Zeit zum reagieren. Er brach tot zusammen.

Sofort erschien der nächste Feind zu Syrians rechten.

In der Heimat, fernab von betäubender Kälte und schweren Umhängen, wäre der Kampf binnen Augenblicke vorüber gewesen. Ein wirbelnder Tritt, die Messer in einem perfekten Bogen geführt und auf den Gegner zugeschnellt. Hier jedoch waren Syrians Bewegungen zu langsam. Der Eleifa schlug ihm mit dem Bogen gegen die Schulter. Syrian ging in die Knie. Mit den Messern konnte er einen weiteren Schlag abwehren, wurde darauf aber in den Schnee getreten. In diesem Moment fasste er einen Entschluss. Entgegen aller Vernunft schälte er sich aus seinem Fellumhang.

Flink, und noch ehe ihn die Kälte packen konnte, wich er den Angriffen des Eleifas aus bis er ihn von hinten packen konnte. Mehrmals ließ er die Messer auf den zappelnden Körper niederstoßen, bevor sich wieder von ihm abwandte.

Den nächsten Schlag spürte er nur – ganz kurz.

Keisha sah missmutig an sich hinunter, schüttelte den Kopf und fragte sich ein weiteres mal, wie die Norska mit den weiten Röcken zurecht kommen konnten. Dann warf sie sich einen wärmenden Fellumhang um, zog die Kapuze tief in ihr dunkles Gesicht und trat auf den großen Hof. Man hatte ihr gesagt, dass Keral hier irgendwo sein musste...sie sah sich um und entdeckte den breitschultrigen Nordmann auf einer der hohen Mauern. Sein Blick wirkte abwesend und er schien sie noch nicht einmal zu bemerken, als sie direkt hinter ihm stand.

Er wäre ein so leichtes Opfer für einen Assassine...Keisha räusperte sich, doch er reagierte nur, in dem er seinen, mit einer Ledermanschette verhüllten Arm hinausstreckte.

Sie wollte ihm soeben die Hand auf die Schulter legen, als ein leises Rauschen erklang und ein riesiger Schneeadler sich auf seinen Arm setzte. Kerals Blick klärte sich und er strich dem weißgefiederten Tier mit den eisblauen Augen über die Brustfedern, dann sah er zu Keisha.

"Wie ich sehe, seid Ihr wieder von den Toten erwacht?"

"Ja, das habe ich wohl Euch zu verdanken....seid Ihr ein Sucher?"

Er lächelte, zog ein Stück rohes Fleisch aus einem Beutel an seinem Gürtel und hielt es dem Adler hin.

"Wir nennen uns hier Seher. Ich sehe, was mein Adler sieht, ich spüre, was er spürt."

"Und was habt Ihr gesehen?" fragte die Draka und sah über die sturmgepeitschte Ebene, während sie versuchte, ihren Umhang möglichst eng zu sich zu ziehen.

"Ihr solltet wieder reingehen. Es ist zu kalt für Euch hier draußen." im selben Moment, in dem er diese Worte ausgesprochen hatte, bereuhte er sie schon wieder. Ihre erstaunlich schimmernden Augen hefteten sich auf ihn und blitzten kurz in gefährlichem Feuer auf.

"Ich bin kein verweichlichter Baumliebhaber. Also, was habt Ihr gesehen?" Ehe er antworten konnte, richtete sie ihre Augen wieder auf die blendende weiße Fläche und schürzte ihre vollen Lippen.

"Sind dort Eleifa? Sagt nicht, dass meine Gruppe nun den ganzen Spaß ohne mich hat und alleine mit diesen wärmeempfindlichen Bastarden tanzen dürfen?"

Langsam öffneten sich Syrians Augen für eine verschwommene Welt. Braun gebrannte Gesichter mit vor Kälte geröteten Wangen betrachteten ihn finster. Dann ließ Erleichterung die grauen und grünen Pupillen aufblitzen. Ein Draka nach dem anderen wandte sich ab bis nur ein ernst dreinblickendes Frauengesicht übrig blieb.

„Keisha…?“, stöhnte Syrian.

Die Frau runzelte die Stirn und ihr Blick wurde eisig. „Nein, nicht Keisha.“

Syrian zwang sich munter zu werden. Schmerzwellen pulsierten von seinen Schläfen aus. Er kniff die Augen zusammen, konzentrierte sich auf den Schmerz und sperrte ihn in den hintersten Winkel seines Verstandes. Langsam konnte er sich auf die Ellenbogen stützen.

„Verzeih mir, Zhara… ihr beide seht euch nun mal ähnlich.“ Ein Umstand, der bereits zu vielen Missverständnissen geführt hatte. Manche davon bereute der Krieger, andere nicht.

Die Draka, ihrem stolzen Wesen folgend, verschränkte die Arme vor der Brust und würdigte ihn keines Blickes.

„Trotzdem war es nicht mein Name, der dir zuerst einfiel“, gab sie zurück.

Syrian nickte. „Wohl wahr.“ Stöhnend richtete er sich ein Stück weiter auf. Die Höhle umgab ihn wieder und um die Feuerstellen herum saßen die Draka, dicht an dicht. Doch anstatt nur dazusitzen und zu frieren, berieten sie sich ausgiebig miteinander. Syrian sah zum Höhleneingang, wo zwei Südmänner nah an den Felswänden Posten bezogen hatten.

„Wie bin ich hier her gekommen?“

Zharas Nasenflügel bebten und bevor sie Syrian vergeben würde, würden wohl einige Monde vergehen. Aber er wusste, dass sich das Warten lohnte.

„Sie haben dich her gebracht“, meinte sie. „Haben dich bis zum Höhleneingang geschleift und uns mit ihren Bögen in Schach gehalten. Sie warnten uns: wir sollen warten und falls jemand die Höhle verlässt wird er von ihren Pfeilen niedergestreckt. Largos hat es natürlich trotzdem versucht. Er ist keine fünf Meter weit gekommen.“ Wut schwang in ihren Worten mit. Eine Draka war es nicht gewohnt, in die Ecke gedrängt zu werden.

Syrian geriet ins Grübeln. „ Warten? Worauf? Bis ihre gesamte Streitmacht hier ist? Oder wollen sie nur verhindern, dass wir Alarm schlagen?“

Zhara schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht.“

Von draußen heulte der Wind herein und Syrian dachte an Keisha. Er musste zu ihr und sie warnen, wenn es nicht schon zu spät war.

Als Damon in den frühen Abendstunden, jedenfalls glaubte Graisch es sei früher Abend, in dessen Verlies trat, musste Graisch lachen. Damon war natürlich nicht allein gekommen, er war nicht so dumm, er wurde flankiert von 2 Männern, in einem, breitschultrig und groß, erkannte Graisch den Mann der ihn geschnappt hatte, Keral hatten die anderen ihn genannt. Den anderen Mann hatte er nie gesehen. Graisch sah wie genau sie alle auf seine Bewegungen achteten und lachte erneut, es klang wie ein knurren.

Er dachte kurz daran Damons Gedanken zu lesen, doch er ließ es sein. Dieses Mal unterdrückte er ein Lachen, die meisten, selbst die Draka und Eleifa dachten das sie diese Eigenart des Wesen mit niemanden teilen würden und das würde auch so bleiben, denn in seinem Wesen konnten sie nicht lesen, also sollte sie nie einen Hinweis darauf in anderen Erinnerungen finden.

Also schaute Graisch den Norska einfach nur grimmig an. Während er gleichzeitig darüber nachdachte wie diese einfachen Männer in der Welt solange überlebt hatten, gut sie konnten kämpfen - aber sonst?

"Wir werden bald mit den Eleifa Krieg haben.", sagte Damon. Graisch unterdrückte noch einmal ein Lachen.

"Was willst du, Queia?"

Kerals Hand glitt zum Griff seines Dolches, doch Damon hielt ihn zurück.

"Willst du dein Leben retten, Nomade?"

"Was muss ich dafür tun?" knurrte Graisch.

"Geh zu den Eleifa und finde soviel wie möglich heraus."

Graisch dachte kurz nach, dann schüttelte er den Kopf.

"Nein, Nordmann, lieber sterbe ich."

"Ist das dein letztes Wort?" fragte Damon. Nun las Graisch doch die Gedanken des Häuptling der Nordmannen. Er sah das Damon ihn nicht gerne töten würde, aber sollte Graisch bei seiner Meinung bleiben, würde er es tun.

Graisch seufzte innerlich, nach außen hin war er jedoch völlig ruhig.

"Hättet ihr etwas anderes verlangt, dann vielleicht, aber ich bin kein Spion für eine Seite."

Mandrek zog sich die Kapuze seines weißen Fellmantels über das schwarze Haar und lief in leicht gebückter Haltung durch den kniehohen Schnee. Er hatte noch keine Ahnung, wass sie mit den Draka anstellen sollten, aber ihm würde noch etwas geeignetes einfallen...zur Not würde er sie töten...einzeln...und mit viel Genuss. Ein Eleifa kam nur äußerst selten zu dem Vergnügen ein Wüsteninsekt wie diese Draka zu töten. Vielleicht würde er sie auch versklaven...Es könnte lustig sein, diese so auf ihre Ehre bedachte Draka zu erniedrigen.

Es wäre alles so viel einfacher, wenn das Wüstenvolk erst zwei drei Tage später aus ihren Löchern gekrochen wäre. Nun musste er hoffen, dass seine Leute sie bereits entdeckt und festgesetzt hatten. Er sah noch einmal zurück zu der dunklen Gestalt auf den Zinnen der Burg und lächelte.

Keishas Augen zogen sich zusammen. Sie hatte gedacht, etwas gesehen zu haben. Eine Bewegung, die nicht zu denen der weißen Flocken passte, welche die eiskalte Luft zum Flimmern brachten. Sie schüttelte den Kopf und sah wieder zu Keral, welcher ihr zunickte. "Lasst uns reingehen. Ich habe noch etwas zu erledigen. Bis jetzt hat mein Adler noch keine Eleifa entdeckt. Ich glaube auch kaum, dass sie sich soweit ins Landesinnere vorwagen würden. Ich werde nachher einen Späher losschicken, der nach Euren Leuten sehen soll."

Keisha schüttelte ihren Kopf. "Nein, dass ist nicht nötig....ich habe eine andere Möglichkeit, mit ihnen in Kontakt zu treten." Sie lächelte und die für Draka so typischen, spitzzulaufenden Eckzähne kamen zum Vorschein.

Ihr Vorsprung war groß, aber nicht zu groß. Er konnte es schaffen, wenn er nur keine weitere Zeit verlor. Syrian sah zu den anderen seines Volkes, die sich noch immer um die Feuerstelle herum berieten. Er wusste, dass sie keinen Vorstoß wagen würden, dass sie sich nicht aus der Höhle hinaus wagen würden. So etwas taten Draka nicht. Während eines Sandsturms oder für den Fall, dass man sich in der Wüste verlaufen hatte, suchte sich ein Draka eine Oase und blieb dort so lange, bis Hilfe eintraf. Ein altes Mantra, das viele befolgten. Wer Hals über Kopf in die Wüste wanderte, fand sich früher oder später als vertrockneten Geierfraß wieder. Syrian hasste diese Art des Lebens. Missmutig wandte er sich von ihnen ab und ging weiter in die Höhle hinein.

Es musste noch einen anderen Ausweg geben. Er konnte nicht darauf warten, dass die Eleifa irgendwann einfach verschwanden oder gar mit Verstärkung in die Höhle stürmten und sie alle abschlachteten wie Vieh. Prüfend betastete er die Wände, in der Hoffnung einen Spalt zu entdecken. Und wenn dieser noch so eng war, er war es gewohnt einer Schlange gleich durch schmale Fugen zu schlüpfen. Eine wahrlich vorteilhafte Eigenschaft um heimliche Morde zu begehen.

Zhara erschien neben ihm.

„Und wo soll’s hingehen?“

Borack war ein Nordmann. Er war im Osten Norskas geboren, in einem kleinen Dorf am Hang eines mächtigen Gebirges. Er fühlte sich dem Norden sehr verbunden, dem Schnee, den Bergen, den Wälder und sogar den geifernden Wölfen. Alles würde er mit seinem Blute verteidigen, bis auf eines: die Norska. Sein eigenes Volk, eine Bande von Hitzköpfen, Bastarden und verwöhnten Kleinkindern, die lieber in ihren Burgen hockten und speisten anstatt sich um die Belange des Landes zu kümmern. Natürlich empfanden es die Eleifa und allen voran Mandrek da als glückliche Fügung, dass er sich ihnen angeschlossen hatte. Borack kannte das Land gut, seine Tücken, seine versteckten Pfade. Somit hatte er sie auch zu der Höhle führen und ihren Hinterhalt für die Draka legen lassen können. Alles Weitere überließ er nun aber ihnen. Er selbst hatte sich etwas von der Gruppe Eleifa abgesetzt und stapfte durch den Schnee. Nur ein kurzer Ausflug zur Bestätigung seiner Kenntnisse. Denn diese Höhle, so wusste er, hatte noch einen weiteren Ausgang, der schwer aber nicht unmöglich zu erreichen war. Sicher würde keiner dieser feigen Draka ihn entdecken, aber er wollte zumindest einmal nachgesehen haben.

Keisha setzte sich im Schneidersitz auf den Boden, direkt vor den prasselnden Flammen des Kamins und schloss die Augen. Die Kälte des steinernen Bodens und die Hitze der Flammen verschwammen allmählich und ihr Geist ging auf Wanderschaft.

Zhara? die Draka spürte Angst, Kälte und...Wut...sie musste lächeln. Es war Wut auf Syrian.

Zhara? Geht es euch gut? sie wartete und gerade, als sie es noch einmal versuchen wollte, kam die Antwort

Keisha, kümmere dich um deinen eigenen Dreck.

Ich hab dich auch lieb, Schwester Keisha schickte ein Lachen und erhielt ein Grummeln.

Sitzt ihr gemütlich in eurer Höhle und schaut den Schneeflocken beim Fallen zu, oder kommt ihr endlich nach?

Sei nicht so schadenfroh, Keisha. Wir haben hier unseren Spaß mit den Eleifa. Diese feigen Bastarde haben uns eingekesselt.

Keisha erstarrte innerlich. Bleibt wo ihr seid, ich werde mit den Norska kommen und helfen. Vor allem aber....lass mir welche über.

Keisha...NEIN. Bleib wo du bist, gib den Norska Bescheid, aber bleib...Keisha?

Keisha war aufgesprungen und eilte die Treppe hinunter in die große Halle, um Damon und die anderen Norska vorzuwarnen. Vor ihren Augen erschien abermals das Bild, welches sie seit 15 Jahren nicht mehr loslies. Ein Eleifa, welcher sie angrinste und dann die Kehle ihres Vaters durchschnitt. Sie hatte auf ihn losgehen wollen, doch ein anderer Eleifa hatte sie zurückgehalten und so hatte sie den Eleifa nur anfunkeln können. Sie war alleine zurück zu ihrem Volk geschickt worden. Damals hatte sie Rache geschworen.

Mandrek lief in lockeren Schritten über die Schneedecke. Er sank nicht ein. Sein Plan schien aufzugehen. Die Wüstenbastarde waren eingekesselt, einer seiner Spione in der Burg der Norska und die Norska an sich waren noch völlig ahnungslos. Diesesmal würden sie die Nordmänner auslöschen. Und die Draka würden sie versklaven. Er grinste bei der Vorstellung, eine Draka zu besitzen, welche ihm in Ketten diente. Es würde ihm diesesmal nicht genügen, sie zu töten. Nein, er wollte die Furcht in ihren Augen sehen.

Seine Hände tasteten unermüdlich die kalten Höhlenwände ab. Immer wieder gab es kleine Vertiefungen, die seinen Puls in die Höhe stiegen ließen, sich aber als zu schmal und als Sackgassen entpuppten. Er ging tiefer in die Höhle, wobei ihm Zhara dicht auf dem Fuße folgte, die Arme vor der Brust verschränkt und ihn mürrisch musternd.

„Du wirst dir noch deine Hände blutig schürfen“, sagte sie in wenig mitfühlendem Ton. „Oder sehr bald den Kopf stoßen, wenn die Decke noch niedriger wird.“

Syrian zuckte nur mit den Schultern. „Und wenn schon. Solange ich einen Weg hinaus finde, der nicht von einer Horde stinkender Eleifa bewacht wird und wir Keisha warnen können ist es mir das wert.“

„Du machst dir ziemlich viele Sorgen um sie…“

Syrian hielt inne. Keishas Gesicht tauchte vor ihm auf, ihre Augen, das verschmitzte Grinsen, als wüsste sie irgendetwas, was er nicht wusste. Er sah sie sich unter ihm räkeln, auf ihm sitzen und spürte ihren Kuss auf seinen Lippen. Er wandte sich zu Zhara um. Dasselbe Gesicht, nur missmutiger.

„Machst du dir denn überhaupt keine Sorgen?“

Zhara legte den Kopf schief. „Tze“, machte sie und drehte ihm den Rücken zu. „Das brauche ich nicht.“

„Und weshalb?“

„Weil ich weiß, dass es ihr gut geht. Jedenfalls sehr viel besser, als uns.“

„Und woher willst du das wissen?“ Manchmal war Syrian es leid, das drakanische Frauen sich immer alles gerne aus der Nase ziehen ließen. Oder war das keine drakanische, sondern einfach nur eine weibliche Eigenart?

Zhara wandte sich ihm wieder zu und trug diesmal ein selbstzufriedenes Grinsen auf den Lippen. „Weil ich mit ihr gesprochen habe.“

„Du hast…?“ Syrian verstummte. Natürlich! Warum war er nicht schon viel früher darauf gekommen? Die Fähigkeit der Kommunikation über weite Strecken war nur den gelehrtesten Draka zu Eigen. Manche lernte es über Jahrzehnte und brachten kein Wort hervor. Ihm selbst gelang es kaum. Aber Keisha schien diese Macht in die Wiege gelegt worden zu sein. Dass Zhara sich so gut darin verstand war ihm allerdings neu.

„Seit wann beherrschst du es so gut?“

„Oh, ich habe nicht mit ihr Kontakt aufgenommen, sondern sie mit mir.“

„Und warum mit dir?“ Syrian war gekränkt.

Zhara klopfte sich aufs Herz. „Familienbande.“

Syrian nickte – das ergab Sinn. „Und was hat sie gesagt? Wie geht es ihr? Weiß sie von den Eleifa?“

Zhara schritt an ihm vorbei, warf einen prüfenden Blick auf die Höhlenwand und verschwand schließlich in einer Spalte, die Syrian bislang völlig übersehen hatte. „Sie kommt her“, meinte die Draka. „Und wir beide finden jetzt hier heraus und töten diese Eleifa, damit für meine kleine Schwester nicht ein einziger mehr übrig bleibt!“

Syrian verkniff sich ein lautes Lachen und folgte ihr. Zuweilen konnte er nicht sagen, welche von beiden, Keisha oder Zhara, er lieber mochte.

Den Ausgang markierte ein scharfkantiger, von Schneemassen größtenteils zugedeckter, Felsvorsprung. Borack bezog in einiger Entfernung, leicht versteckt hinter Gestrüpp, Posten. Geduldig spannte er die Armbrust, hockte sich nieder und spähte durch die Zweige. Er erwartete nicht wirklich, dass auch nur eine Wüstenratte sich durch die engen Felsen nach draußen stahl und wollte auch nicht lange bleiben. Nur einen kleine Weile, bis er ganz sicher sein konnte. Und bis Mandrek seine Befehle gegeben hatte, was mit den Draka in der Höhle geschehen sollte.

Regungslos atmete er kleine Wolken aus und lauschte dem Rascheln in den Kronen der Bäume. Die Armbrust ruhte auf seinen Knien.

"Keral?" Keisha war einfach in den Versammlungsraum der Norska eingetreten und sah sich nun Dutzenden, in Fell gekleideten Männern mit nackten Oberkörpern und langen Haaren gegenüber. Viele der bärtigen Riesen musterten sie neugierig, andere abschätzend und nicht wenige mit unverholener Begierde.

Die Draka beachtete keinen von ihnen, sondern bewegte sich direkt auf Keral zu, welcher neben Damon saß. Diese beiden Männer waren selten ohne den anderen anzutreffen.

Der blonde Hüne musterte sie. "Keisha, es tut mir leid, aber das hier ist eine wichtige Volksversammlung, wir sind gerade dabei abzustimmen..."

Die Frau mit der ebenholzfarbenen Haut unterbrach ihn mit einer herrischen Geste. "Ich weiß, wo die Eleifa sind. Sie haben meine Begleiter gefangen genommen. Es sind zu viele....ich hätte Euch nicht gestört, wenn ich Eure Hilfe nicht wirklich benötigen würde."

Damon sprang auf. "Eleifa? Bereits so nah? Männer, damit erübrigt sich die Abstimmung über einen Krieg." Die anwesenden Norska brachen in ein einstimmiges Gebrüll aus und Keisha spürte, wie sie mit den anderen aus dem Saal gedrängt wurde.

Keral erschien neben ihr und grinste. "Willst du wirklich in diesem Aufzug durch den Schnee laufen?"

Sie sah an sich herab und verzog ihr Gesicht. "Ich werde mich schnell umziehen. Wartet auf mich."

Damon sah der jungen Frau nach, wie sie die Treppen hinaufrannte und schürzte seine Lippen. "Was mir gerade einfällt...woher weiß sie, dass die Eleifa hier sind? Hat sie die Festung verlassen?"

Keral schüttelte den Kopf, dann lachte er und klopfte seinem Freund auf die Schulter. "Draka...um sie winden sich tausende von Geheimnissen. Dies ist nur eines mehr. Aber ich glaube ihr. Wir sollten jetzt nur ein bisschen Ordnung in das Chaos deiner Gefolgsleute bringen, meinst du nicht auch?"

Damon sah auf den Haufen wilder Norska und lachte.

Als Mandrek an der Höhle ankam, war die Sonne bereits untergegangen. Der rötlich leuchtende Vollmond, auch Blutmond genannt, lies den Schnee um die Wachen, welche vor dem Höhleneingang warteten, wie Blut aussehen.

"Die Draka?" fragte er und einer seiner Männer hob sein dunkles Haupt und lächelte. "Es gab immer wieder Ausbruchversuche, aber diese stachellosen Wüsteninsekten kommen mit dem Wetter nicht klar. Hier ist unser Terretorium. Wir haben ungefähr ein halbes Dutzend von ihnen töten müssen. Der Rest von ihnen versucht zweifelsohne einen weiteren Ausbruch vorzubereiten. Aber sie sind hoffnungslos in der Unterzahl."

"Gibt es etwas neues?"

"Mir ist zu Ohren gekommen, dass sich unter den Draka auch hochgestellte Personen befinden, leider konnte ich noch nicht herausfinden, welche es sind. Ich habe versucht, einen zu foltern, aber er hat gelacht...während ich ihm die Haut von den Armen gezogen habe, gelacht! Draka sind in der Tat ein seltsames Volk."

Mandrek setzte sich zu Jórek und nickte. "Folter hilft bei diesen Wesen nicht. Es währe ein Zeichen der Schwäche, diese nicht auszuhalten und sie würden ihre ach so kostbare Ehre verlieren. Man muss sie einsperren. Einsperren und sie ihrer Freiheit für immer berauben, das ist das Einzige, was ihren Stolz bricht."

„Weißt du, Syrian, was ich manchmal glaube“, sagte Zhara, als sie gerade über eine tiefe Kluft hinwegsprang. Syrian, dicht gedrängt an die feuchte Felswand, sah ihr hinterher, blickte in den Schlund hinab und wagte darauf ebenfalls den Sprung.

„Was“, fragte er. „Was denkst du?“ Sie drangen weiter in die Höhle vor.

„Dass du nicht ganz weißt, was du willst.“ Ihre Stimme hallte von den viel zu nahen Wänden wider. Überall tropfte es, kleines Getier huschte unter Steine und in Spalten. Der Weg schien kein Ende zu nehmen.

„Wie meinst du das?“, hakte Syrian nach und ahnte, worauf es hinauslaufen würde.

„Nun, du hältst mich wohl für dumm, was?! Ich kenne doch den Blick, mit dem du mich ansiehst. Und glaube nicht, ich hätte unsere gemeinsamen Nächte vergessen.“

„Achso, davon sprichst du….“ Syrian überlegte krampfhaft, wie er das Gespräch in eine andere Richtung lenken könnte. Aber gegen Zhara anzustreiten war hoffnungslos. Dafür ähnelte sie ihrer Schwester zu sehr.

„Ja, davon spreche ich“, gab sie schnippisch zurück. „Aber obwohl ich dein Verlangen nach mir kenne, ist mir auch nicht entgangen, wie du Keisha ansiehst.“

„Ach ehrlich?“ Irgendwie kamen ihm die Gänge jetzt viel enger und die Luft stickiger vor.

„Ganz ehrlich! Aber was noch viel schlimmer ist… du redest auch ganz anders über sie.“

„So, wie denn?“

Da wurde Zhara zu seiner Überraschung immer leiser. „Ich weiß auch nicht, irgendwie… anders eben.“

Syrian blieb stehen. Mit einem Mal interessierte ihn, was sie zu sagen hatte. Tief ihn ihm drängte sich eine Ahnung auf, als wüsste er bereits, was sie damit meinte. Ebenso sehr wehrte er sich aber auch dagegen. Bevor er jedoch zur Frage ansetzen konnte, rief Zhara:„Na endlich, der Ausgang!“

Tatsächlich schien Licht hinter einer Felsspalte hervor. Leichtfüßig kletterte Zhara hinüber und zwängte sich hindurch. Syrian blieb ihr dicht auf den Fersen, wobei er noch immer eine Antwort verlangte.

„Was hast du denn damit gemeint: ich rede anders. Wie?“

Da fiel ihm Zhara rückwärst in die Arme. Ohne einen Schrei. Ihre Augen sahen ihn weit aufgerissen entgegen und aus ihrer Brust ragte ein Pfeilschaft.

Rasch hatte Borack einen zweiten Pfeil eingespannt und hielt sich zum Schuss bereit. Er konnte sein Glück kaum fassen. Wenn er ehrlich zu sich war, dann hatte er eigentlich niemand erwartet. Aber diese Draka waren zäh. Den Weg durch die Höhle zu finden war nicht leicht. Er würde ihnen einen schnellen Tod bescheren, als Belohnung für ihre Mühen.

Die Sonne ging unter und der Blutmond erstrahlte am Firmament. Er hatte eine seltsame Wirkung auf alle Norska. Borack spürte das Kribbeln in sich, wie das Verlangen eines hungrigen Bären, seine Beute in der Luft zu zerreißen.

Über sich hörte er Flügelschläge. Er erlaubte sich einen kurzen Blick hinauf. Dort, gut versteckt im Geäst, saß Mandreks Schneeadler. Der Eleifa war hier.

Borack sah zum Höhleneingang. Einen Moment würde er noch warten, dann müsste er zurückkehren und seinem neuen Herrn Bericht erstatten.

"Sie rennt, als würde es um ihr Leben gehen." bemerkte einer der hochgewachsenen Norska und nickte in Richtung der Wüstenbewohnerin.

"Es geht um das Leben ihrer Männer und Frauen. Würdest du dann nicht auch barfuß durch heißen Wüstensand rennen?" fragte Keral und beeilte sich, zu Keisha aufzuschließen. Der Mond war aufgegangen und sein blutig rotes Licht lies ihre Haare tiefrot erscheinen. Auch wenn ihre Füße in dicken Fellschuhen steckten, sie bewegte sich schnell und sicher, als würde sie durch den leichten Wüstensand laufen. Ihr Blick war entschlossen nach vorne gerichtet, als sie plötzlich aufschrie und zu Boden fiel. Ihre Hand zuckte in Richtung ihrer Brust, als wäre sie von irgendetwas getroffen worden und Tränen fluteten ihre schimmernden grünen Augen.

Ehe Keral ihr aufhelfen konnte, war Damon bereits neben ihr und reichte ihr seine Hand, doch sie ignorierte sie und stand wieder auf.

In der Kälte der Nacht hatten sich ihre Tränen in kleine Kristalle verwandelt, welche nun in ihren schwarzen Wimpern glitzerten. Ihr Blick war schmerzerfüllt.

"Zhara..."flüsterte sie, dann atmete Keisha tief durch und fing an zu rennen. Sie konnte nicht tot sein. Sie DURFTE nicht tot sein. Sie hatten sich nach ihrem Streit nie richtig ausgesprochen. Diese Kresla hatte nicht das Recht, einfach so abzutreten. Ihre langen Beine griffen weit aus und sie fing an die Kälte, welche in ihre Knochen kroch, zu ignorieren. Es war ihr Clan, sie würde jeden einzelnen Eleifa persönlich häuten und ihnen danach zusehen, wie sie ihre eigene Haut verspeißten. Zuerst hatten sie ihre Eltern getötet und nun ihre Schwester....Keishas Zorn verdrängte ihr logisches Denken und so rannte sie einfach in den Außenposten der Eleifa und wütete dort. Noch ehe die Norska dort angekommen waren, lagen die vier Eleifa tot am Boden und Keisha war weitergerannt.

Damon warf Keral einen kurzen Blick zu. "Wir müssen sie aufhalten. Sie wird sich noch selbst umbringen."

Keral hob eine Augenbraue. "Ich glaube nicht, dass diese Kerle hier überhaupt mitbekommen haben, was mit ihnen geschieht. Und ich bezweifel, dass wir Keisha aufhalten können. Wir sollten uns nur beeilen, dass wir sie einholen, ehe sie alleine auf den Haupttrupp der Eleifa trifft."

Mandrek betrachtete den hochgewachsenen Mann, welchen er sich aus den Draka herausgesucht hatte und spitzte seine Lippen. "Ich gehe davon aus, dass du mir nichts darüber sagen wirst, aus welchem Grund ihr hier seid?"

Der Mann mit der ebenholzfarbenen Haut lächelte und seine Augen blitzten spöttisch. "Die Antwort weißt du ebensogut, wie ich. Warum tanzen wir nicht eine Runde? Dann werden wir sehen, wessen Blut den Schnee rot färbt."

Mandreks Augen zogen sich zusammen und der Draka brach in die Knie, als die Klinge des Eleifas hinter ihm seine Sehnen durchtrennte. Kein Laut kam über die Lippen des dunklen Mannes. Ganz im Gegenteil, seine strahlend weißen Zähne blitzten auf und er lachte.

"Ich habe gesagt, ihr sollt sie nicht foltern." murmelte Mandrek und der Eleifa, welcher die Sehnen zerschnitten hatte, flog in hohem Bogen gegen einen Felsen. Er hob das Kin des Draka an und lächelte. "Wie würde es dir gefallen, mir zu dienen?"

Die Augen des Draka weiteten sich nur einen Augenblick lang, ehe er wieder lächelte. "Wie soll ich dir zu diensten sein? Ich kann nicht mehr laufen."

"Auch Sehnen können geheilt werden." er zog einen aus schwarzem Metall bestehenden Kragen aus seinem Mantel. "Weißt du, was das ist?"

Er hätte sich niemals vorstellen können, dass Draka blass werden konnten.

Er wusste nicht genau, was es war. Vielleicht der blutende Schein des Mondes oder einfach nur die Gewissheit, dass er eines dieser Wüsteninsekten getroffen hatte. Mit Sicherheit konnte Borack später nur behaupten, dass er Blut geleckt hatte. Und dass er mehr Draka töten wollte.

Die Felsspalte fest im Blick streichelten seine Finger den Abzug der Armbrust. Die Luft entwich seinen Lungen in kleinen weißen Wolken. Der Schneeadler hoch über ihm bewegte sich im Geäst. Er kreischte, mahnte zur Eile. Borack rollte genervt mit den Augen, da schoss ein Schemen aus der Felsspalte hervor. Der Pfeil löste sich von der Armbrust und prallte nutzlos gegen Stein, wo er zerschellte.

Daneben! Borack konnte es kaum fassen. Rasch griff er nach einem weiteren Pfeil, doch der Draka stand schon wieder und schnellte auf ihn zu. Verflucht flink waren diese Sandleute. Borack sah ein, dass er die Armbrust nicht mehr spannen konnte, denn schon war sein Gegner bei ihm. Der Draka war viel zu dünn angezogen, aber angesichts der blitzenden Klinge, die er todsicher zu führen wusste, war das bedeutungslos.

Borack stand auf und hielt seine Armbrust schützend vor sich. Der feindliche Stahl prallte mehrmals dagegen. Überrumpelt von der Heftigkeit der Angriffe wich der Norska immer weiter zurück. Er konnte sich nur mühsam auf den Beinen halten. Schließlich gelang es ihm, die Klinge des Draka in seiner Armbrust zu verkeilen. Borack verpasste dem dunkelhäutigen Bastard eine Kopfnuss, was diesen nur kurz einknicken ließ. In einem gemeinsamen Kraftakt trennten sich die Feinde voneinander, wobei ihre Waffen quer durch die Luft flogen. Ohne zu zögern spielte Borack seine körperliche Überlegenheit aus und verpasste dem Draka einen Schlag mit dem Ellenbogen. Die Wüstenschlange brach im Schnee zusammen.

Schwer schnaufend lehnte der Norska an einem Baum. Seine Finger tasteten an die Hüften, wo er ein Messer hervorzog, das er zum Häuten gebrauchte. Er ging zu seinem Opfer hinüber und beugte sich über ihn.

Zu spät erinnerte er sich an die Gefahr, die von scheinbar leblosen Draka ausging, welche plötzlich wie Skorpione hervorschnellten.

Syrian wartete geduldig, jeden Muskel seines Körpers bis zum Zerreißen gespannt. Endlich erschien der Schatten seines Feindes über ihm. Der Norska hatte sich soweit hinunter gebeugt, dass Syrian nicht einmal aufstehen musste. Seine Hand schoss hervor und traf den Kehlkopf des Nordmannes.

Vor Kampfeslust dampfend erhob sich der Draka. Mit dem Ärmel wischte er sich das Blut vom Mundwinkel. Es erfüllte ihn mit Genugtuung zu zusehen, wie dieser Bär von einem Krieger röchelte, umher torkelte, die Hände um die eigene Kehle geschlungen und nach Luft ringend. Ohne jede Hast hob Syrian seinen Dolch auf. Der Norska war inzwischen in die Knie gegangen – er würde langsam sterben.

Aber Syrian wollte die Wärme seines Blutes spüren. Er stellte sich hinter ihn und packte ihn am Haarschopf. Die Klinge machte einen Bogen, da stockte der Draka. Er hob den Blick und sah Zhara, wie sie sich, kam auf den Beinen haltend, aus der Felsspalte hervor bewegte.

Syrian eilte zu ihr.

„Was machst du denn da?! Du solltest doch liegen bleiben, deine Kräfte schonen!“ Sie sank ihm in die Arme. Sie atmete schnell, Blut sickerte aus der Wunde hervor, in der noch immer der Pfeil steckte. Ihn herauszuziehen wäre ihr sicherer Tod gewesen.

„Keisha…“

Syrian glaubte sich verhört zu haben. Sie gingen beide in die Knie und er wollte sich hinlegen, aber sie wehrte sich.

„Keisha…“, wiederholte Zhara.

„Was? Was meinst du? Was ist mit Keisha?“

Ihre Lippen zitterten und sie konnte ihn nicht ansehen, als sie sagte: „Sie kommt… sie ist auf dem Weg…“

Syrian verstand. Er schaute in den winterverhangenen Wald um sie beide herum und fragte sich, wie viele Eleifa dort warteten.

Der Norska war inzwischen verschwunden.

Ein an Schnee und Eis gewohnter Norska hätte die Stolperfalle schon von weitem bemerkt, wäre ihr ausgewichen und einfach weitergelaufen. Keisha war weder an Schnee oder Eis gewohnt, noch war sie eine Norska.

Im selben Augenblick in dem Kerals warnende Worte ihr Ohr erreichten, durchbrach ihr rechter Fuß die so fest wirkende Schneedecke und verschreckte einen silberweißen Schneefuchs aus seiner Höhle, in der nun ihr Fuß steckte. Ein heißer Schmerz durchfuhr ihren ausgekühlten Körper und sie schrie auf. Nicht vor Schmerz, sondern vor Wut. Sie durfte jetzt keine Sekunde verlieren, wieso hatte sie nicht aufgepasst. Zornig riss sie an ihrem Bein, doch es steckte fest.

Ihr Blick glitt zu dem die Ebene bedeckenden Nadelwald. Dort war die Höhle. Nicht mehr weit. Zhara...

Keral fiel neben ihr in den Schnee, winkte die Norska, welche sie mitlerweile eingeholt hatten, an sich vorbei. "Sichert die Umgebung. Und um Himmelswillen, benehmt euch nicht wie die Barbaren, nach denen ihr ausseht."

Die blonden Riesen liefen leichtfüßig und lautlos an ihm vorbei und fingen an, sich zu verteilen, während Keral und Damon anfingen, den Schnee um Keishas Fuß herum zu lockern. Die Draka zerrte ungeduldig daran und bekam dafür einen kritischen Blick Damons zugeworfen. "Wenn du schnell freikommen willst und dich nicht noch weiter verletzen möchtest, als du es sowieso schon bist, dann halt gefälligst still."

Keisha schürzte sich die Lippen und warf einen weiteren, verzweifelten Blick in Richtung des Waldes, doch sie hielt still, bis Keral ihren Fuß endgültig befreit hatte, dann sprang sie auf und währe sofort wieder in den Schnee gefallen, hätte Keral sie nicht gestützt.

"Du kannst so nicht laufen." bemerkte er trocken. "Ich werde dich stützen, aber dann wirst du dich verstecken und wir erledigen die Eleifa."

Die Wüstenblume riss sich los und funkelte ihn an. "Es geht um meinen Clan. Ich werde nicht im Schnee sitzen und zusehen, wie ihr gegen die Eleifa verliert. Ihr seid gut, ihr seid viele, aber Eleifa und Draka sind seit Jahrtausenden Feinde, wir kennen ihre Gewohnheiten, ihre Stärken und vor allem ihre Schwächen." ein schwaches Lächeln umspielte ihre Lippen. "Und ihr wisst nichts über uns. Schmerz ist eine Sache, welche abgeschalten werden kann, es dauert nur einen Moment." Sie atmete tief durch und löste sich dann aus den stützenden Armen des Norska.

"Vielleicht war dieser Sturz von Vorteil, ich bin wieder bei Sinnen." stellte sie ruhig fest.

"Ich brauche zwei eurer besten Kämpfer." wandte sie sich an Damon und dieser verbeugte sich belustigt. "Sie stehen vor dir."

"Dann folgt mir. Eure Männer werden die Gegend nicht absichern müssen, wir werden die Eleifa zu ihnen führen."

Jórek betrachtete den Draka, welcher vor Mandrek kniete mit Interesse. Der schwarze Kragen passte perfekt. "Wie viele von diesen Höllendingern habt Ihr von Zedar anfertigen lassen?" fragte er und schreckte ein wenig vor dem wahnsinnigen Funkeln in Mandreks Augen zurück, als dieser zu ihm blickte.

"Genug, mein Freund, genug. Wäre es nicht amysant, Draka gegen Draka kämpfen zu lassen?"

Jórek lächelte. "In der Tat, doch dieser hier ist leider nicht mehr brauchbar."

"Gib ihm ein, zwei Wochen. Seine Sehnen werden heilen, sein Wille brechen." Mandrek wandte sich an den jungen Wüstenbewohner und lächelte kalt. "Küss mir die Füße du Bastard."

Der Draka sah aus, als würde er sich gleich übergeben. Kleine Schweißperlen der Anstrengung traten auf seine Stirn, während sein Kopf sich mechanisch senkte und seine Lippen auf die Füße des Eleifas trafen. Jórek lief es kalt den Rücken herunter. Die Kragen des Zwangs waren seit Jahrhunderten verboten. Er hatte sich oft gefragt, aus welchem Grund, jetzt war es ihm klar. Es musste schrecklich sein, bei vollem Bewusstsein etwas zu tun, was man nicht wollte, und nichts dagegen machen zu können...

Rasch war Syrian alle Möglichkeiten durchgegangen. Auf Hilfe warten? Unmöglich, niemand würde kommen. Der Rest seines Clans saß in der Höhle fest und Keisha wusste nichts von dem zweiten Ausgang. Ganz im Gegensatz zu diesem Norska, der sich offenbar auf Seiten des Feindes geschlagen hatte. Oder hatten sie nun auch die Nordmänner zum Feind?

Zhara lag in seinen Armen, ihre Augen waren geschlossen. Er konnte sie nicht zurücklassen. Entweder wurde sie von den Eleifa oder einem wilden Tier gefunden. Beides bedeutete ihren sicheren Tod.

Syrian nahm Zharas Dolch an sich. Die Klinge schwebte nur einen Atemzug über ihrer Kehle und vibrierte in seiner Hand. Ein kurzer Stich nur und sie wäre von ihrem Leiden erlöst. Das Blut sickerte langsam aus der Pfeilwunde und nahm ihr alle Kraft. Unmöglich zu sagen, wie schwer sie verletzt war. Vielleicht war es besser so…

Er hob den Dolch. Hitze stieg ihm ins Gesicht und trieb ihm Tränen in die Augen. Zhara wirkte so, als würde sie schlafen. Ein kurzer, eisiger Windstoß wehte ihr das schwarze Haar aus dem Gesicht. Sie war wunderschön. Wie ihre Schwester.

Syrian ließ den Dolch sinken und steckte ihn schließlich weg.

„Zhara“, sagte er laut. „Zhara! Komm schon, wach auf! Zhara!“ Er rüttelte an ihren Schultern bis sie endlich die Augen aufschlug. Dann legte er sich einen ihrer Arme um die Schulter und hob sie hoch.

„Wir schaffen es nie durch die Reihen der Eleifa zum Höhleneingang zurück. Aber wenn du recht behältst und Keisha wirklich auf dem Weg hier her ist, dann erreichen wir sie vielleicht und somit Hilfe. Du musst nur solange durchhalten, Zhara. Versprichst du mir das? Versprich es!“

Ihr entkräftetes Stöhnen fasste er als Ja auf.

Sie stützend schritt er durch den tiefen Schnee voran und betete, dass er den richtigen Weg gewählt hatte. Wenn nicht, waren sie beide dem Tod geweiht.

Borack wurde vom Kreischen des Adlers über seinem Kopf aus seiner Trance geholt. Die Luft war ihm knapp geworden. Er hatte schwarze Punkte gesehen und einen unglaublichen Schmerz in der Brust verspürt. So musste sich sterben anfühlen.

Nach dem das vergangen war und er wieder die reinigende Kälte der Winterluft in seinen Lungen willkommen hieß, wich die Angst vor dem Tod der Wut über sich selbst und die verdammten Draka. Nie zuvor hatte ihn ein Feind so vorgeführt, so spielend übertölpelt. Er war immer noch fassungslos darüber und rasend vor Zorn. Am liebsten wäre er sofort zurückgerannt um dem kleinen Wüstenmann das Hirn durch die Ohren aus dem Kopf zu drücken. Aber der Norska war unbewaffnet und dieser Sandmensch wetzte sicher schon wieder die Klinge. Nein, der Kampf musste warten. Aber er würde seine Rache bekommen. Nur jetzt noch nicht.

Der Adler wies ihm den Weg.

Die Eleifa spürte er, bevor er sie sah. Sie hockten gut getarnt in den Baumwipfeln, knieten im Gebüsch, lagen hinter Schneewehen. Ihre Bögen waren gespannt, ihre Schwerter angriffsbereit. Dass er so unbehelligt passieren konnte war nicht etwa seinem Äußeren zu verdanken. Nichts unterschied ihn von einem anderen Norska. Unter seinesgleichen würde er nie und nimmer auffallen. Aber wenn man sich zu lange unter Eleifa aufhielt, dann färbte das auf einen selbst ab. Man nahm sozusagen ihren Geruch auf. Somit war man als einer von ihnen gekennzeichnet. Es war etwas, das man nicht einfach ablegen, sondern einem auf ewig anhaftete. Eleifagestank.

Als Borack zu Mandrek kam glaubte er seinen Augen nicht.

„Was geht hier vor?“

Zu Mandreks Füßen kniete ein Draka um dessen Hals ein schwarzer Kragen geschlungen war und der Herr der Eleifa grinste breit.

Zum ersten Mal in seinem Leben bekam Borack Angst vor etwas anderem als dem Tod.

Die beiden Norska und Keisha schlichen lautlos durch den frisch gefallenen Schnee. Damon sah immer wieder zurück und verfluchte die Götter im Himmel, dass es genau jetzt aufgehört hatte, zu schneien. Ihre Fußspuren waren weit in den Wald hinein sichtbar und sie wären für einen aufmerksamen Eleifa leichte Beute.

Die Draka schien seine Gedanken erraten zu haben und lächelte ihm zu. "Hab keine Sorgen, hier sind keine Eleifa. Wir werden jedoch gleich auf welche treffen."

"Woher weißt du das?" fragte der Clanführer mit hochgezogener Augenbraue.

Ein spöttisches Funkeln trat in die grünen Augen der jungen Frau. "Ich kann sie hören. Ihr nicht?"

Damon strengte seine Ohren an und in der Tat, er konnte ein paar leise Geräusche hören, aber diese hätten ohne weiteres von Tieren kommen können.

"Du hast ein scharfes Gehör." bemerkte er.

"Eleifa ebenfalls, also Ruhe jetzt." antwortete sie und gab ihnen ein Zeichen, hinter ihr zu bleiben.

Wie ein dunkler Schatten bewegte sie sich von Baum zu Baum. Plötzlich lies sie sich fallen und deutete den anderen an, es ihr gleich zu tun. Sie nickte in Richtung eines Baumes und zog mehrere kleine Wurfsterne aus ihrer Weste. Dann sprang sie wieder auf und warf gleichzeitig zwei der Wurfsterne in die Bäume. Mehrere Pfeile gingen auf sie nieder, doch trafen sie, wie durch ein Wunder, nicht. Zwei leblose Körper fielen wie reife Früchte aus den Wipfeln und trafen mit einem dumpfen Geräuscht auf dem Schnee auf.

Eleifa sprangen aus Büschen hervor und rissen ihre Schwerter heraus.

In diesem Augenblick erhoben sich Damon und Keral aus dem Schnee und empfingen sie zusammen mit Keisha, deren leicht geschwungene Wüstenklinge wie ein silberner Blitz durch die Leiber der Eleifa glitt. Als immer mehr der Feinde anrückten, rief sie "LAUFT", drehte sich um und rannte. Der Schmerz, den sie bei jeden Schritt verspürte, wurde zwar immer größer, aber ihr Wille drängte das heiße Pochen zurück in den letzten Winkel ihrer Wahrnehmung. Aus den Augenwinkeln nahm sie wahr, wie Damon und Keral neben ihr auftauchten und sie rannten gemeinsam, dicht verfolgt von mehreren Dutzend Eleifa zurück zur Lichtung, auf der die Norska bereits auf sie warteten.

Mandrek sah zu dem Norska auf, welcher soeben den großen Platz vor der Höhle betreten hatte. "Ich zeige diesen Wüsteninsekten, wo ihr Platz ist." Er hob eine Augenbraue und sah in Richtung Wald. Der weiße Schneeadler erhob sich wieder in die Lüfte und Mandrek wandte sich wieder Borack zu. "Du bist spät. Was hat dich aufgehalten?" fragte er und ignorierte den Draka, welcher immer noch seine Lippen auf seinen Füßen hatte.

Syrian hörte den Kampfeslärm.

Erst glaubte er, die Eleifa hätten sie entdeckt und würden auf sie zustürmen. Blitzschnell war er in die Hocke gegangen, hatte Zhara zu Boden gelegt und den Dolch gezogen. Sein Blick war durch die Reihen der kahlen Bäume gehuscht, konnte aber niemanden erspähen. Nur Gebrüll und das Aufeinandertreffen von Metall war zu hören. Jemand kämpfte.

"Zhara", flüsterte er. "Hörst du mich? Zhara, bist du bei mir?" Sie atmete flach, ihre Brust bewegte sich bei keinem der Atemzüge. Er hielt seine Handfläche über ihre halbgeöffnete Lippen. Einen bebenden Moment lang spürte er nichts, nur toten, kalten Wind. Dann bließ ihm ein Hauch Wärme entgegen.

"Halte durch. Wir haben es gleich geschafft." Ihr Hoffnung zu versprechen half ihm selbst, Hoffnung überhaupt zu empfinden. Noch einmal hob er sie auf die Beine und stützte sie.

So näherten sie sich dem Kampf bis Syrian die ersten Gestalten zwischen den Bäumen erkennen konnte. Er legte Zhara an einen Stumpf. "Ich bin gleich wieder da", versprach er und schlich an den Tumult heran.

Geduckt suchte er immer wieder neue Deckung. Der Krieger in ihm ließ sein Blut kochen, die Hitze strahlte von innen heraus und vertrieb die Kälte aus den Knochen. Seine Hand freute sich darauf, den Dolch durch Haut, Muskeln und Sehnen zu treiben und Blut zu schmecken. Schließlich erreichte er den Schauplatz des Kampfes.

Diese widerlichen Eleifa würde er überall wieder erkennen. Sie hatten einen von Feigheit und Heimtücke durchtränkten Kampfstil, standen nie wirklich aufrecht und griffen nur zu gern von hinten oder aus der Ferne an. Die Norska dagegen waren das komplette Gegenteil. Große, standhafte Krieger, die ihren Feind immer von Angesicht zu Angesicht gegenüberstanden und den direkten Kampf liebten. Syrian beobachtete das Treiben fasziniert, bis ihm plötzlich beinah ein Jubelschrei entfahren wär. Eine junge Draka wirbelte durch die Eleifa und schlitzte ihnen die Bäuche auf.

"Keisha!", rief Syrian noch, dann stürmten die Feinde auch auf ihn zu.

Borack spürte den missbilligenden Unterton Mandreks bis unter der Haut. Ein widerwärtiges Kribbeln, wie von unzähligen Maden, die sich am eigenen Fleisch labten. Das ließ ihn für einen kurzen Moment den knienden Draka vergessen.

"Ich hatte... Probleme...", antwortete der Norska zögerlich. Er fühlte sich schuldig und in seiner Ehre verletzt. Mandreks durchdringende Blicke halfen da keineswegs.

"Probleme? Welcher Art?"

"Ein Draka. Er hat einen zweiten Ausweg aus der Höhle gefunden und mich überwältigt", die Worte waren wie sauer aufstoßende Galle und kamen ihm nur äußerst schwer über die Lippen, "Ich habe meine Waffen verloren und ihn zurückgelassen."

Mandrek zog die Brauen zusammen. "Es gibt einen zweiten Ausgang? Warum hast du das nicht gleich erzählt?"

Borack kam sich ertappt vor, wie ein kleines Kind beim Naschen. "Ich hätte nicht gedacht, dass diese Wüsteninsekten ihn je finden. Ich..."

"Schweig!" Der Eleifa hatte die Hand erhoben. "Besorge dir Waffen und bring das zu Ende."

Das war ein Befehl und Borack wusste, was geschah, wenn er diesen nicht erfüllen würde. Er nickte.

Keisha spürte seine Anwesendheit, noch ehe sie ihn sah. Syrian war hier. Zhara konnte nicht weit sein. Doch die Draka konnte nicht sagen, ob sie noch am Leben war, oder nicht. Sie durfte ihre Aufmerksamkeit nicht teilen. Die Eleifa waren zahlreicher, als sie sich hätte vorstellen können.

Die Norska waren über sie hergefallen, als ob es kein Morgen geben würde. Überall lagen verstümmelte Körper, doch die Flut der Feinde schien nicht abzureißen. Ein weiterer falscher Tritt und Keisha fluchte vor Schmerz. Ihr war klar, dass sie dies nicht mehr lange durchhalten würde. Nur noch ihr eiskalter Hass ließ sie sich aufrecht halten. Nach und nach wurden die Norska zurück getrieben. Eine Tatsache, welche Keisha sich nicht eingestehen wollte. Sie sah, wie Keral unter einem Schwerthieb niederging, Damon durch einen Pfeil getroffen wurde, aber sie wollte nicht aufgeben. Nicht jetzt.

Ihr Blick fiel auf ein ihr so vertrautes Gesicht. Mandrek. Ein Schrei entfuhr ihrer Kehle und sie kämpfte sich in seine Richtung.

Mandrek wandte sich von dem Draka ab, welcher immer noch vor ihm kniete, ignorierte Borack und ging in Richtung Wald. "Was ist hier los?" fragte er und sein Blick wurde abwesend. Er nahm Kontakt zu seinem Adler auf. "Der Kampf hat begonnen." bemerkte Mandrek und seine Augen blitzten in Vorfreude auf.

Jórek schürzte sich seine Lippen und folgte seinem Anführer. Je näher er seinen Anführer kennen lernte, desto größer wurde seine Skepsis gegenüber seiner Einstellung. Das Bild des knieenden Draka ging ihm einfach nicht mehr aus seinem Kopf. Einen Draka in einem fairen Kampf zu besiegen war eine Sache, sie mit einem Zwangskragen zu etwas zu machen, was keine Würde mehr hatte, etwas anderes.

Mandrek warf sich direkt in den Kampf. Er scherte sich wenig um sein Leben, ihm war nur eines wichtig, die Draka zu unterwerfen. Und wenn er die Norska mit den Draka bekommen würde, wäre es ihm nur recht. Er duckte sich unter einem Schwerthieb und lies seine eigene, schlanke Waffe vorschnellen wie die Zunge einer Schlange.

Er war schnell, seine Bewegungen fließend, und sein Kontakt zu seinem Adler half ihm, die Angriffe seiner Feine vorherzusehen. Und dann sah er sie. Die gleichen, unglaublich grünen Augen, welche ihm bereits vor zehn Jahren zornig entgegengeleuchtet hatten. Damals noch von einem Kind, jetzt von einer hochgewachsenen Frau. Ihre Blicke trafen sich und er spürte ihren Zorn, ihren Hass und er lächelte.

Keral spürte, wie das Schwert heiß in sein Fleisch drang und er sackte zusammen. Die Wunde war nicht tödlich, aber mehr als nur schmerzhaft. Die Welt um ihn herum versank in Düsternis und das Letzte, was er spürte, war, wie sich jemand an seinem Hals zu schaffen machte, und ihm etwas umlegte, was ihm nicht gefiel.

Damon zuckte zusammen, als der Pfeil ihn traf. Er bohrte sich tief in seine rechte Schulter und er wechselte sein Schwert im selben Moment in die linke Hand um einen Hieb abzuwenden. Diese Schlacht war verloren. Der Krieg jedoch noch lange nicht. Er gab seinen Männern ein Zeichen. Nach und nach zogen sich die Norska zurück. Sie würden es nicht auf sich ruhen lassen. Eine Schlacht auf dem eigenen Gelände war verloren, aber die Eleifa sollten sich warm anziehen. Es war noch lange nicht vorbei. Er zog mit einem entschlossenen Ruck den Pfeil aus seiner Schulter und beobachtete wütend, wie Keral von einem Eleifa durch den Schnee gezerrt wurde. Um seinen Hals lag ein schwarzer Zwangskragen.

Eiskalt, wie der Schnee war Syrians Gewissen bei jedem seiner Angriffe. Warm vom Blut der Gefallenen war seine Klinge, als er damit die Feinde niederstreckte. Inmitten der Eleifareihen war Syrian ein tödlicher Wirbelwind. Er duckte sich unter Schwerthieben hinweg, wich Attacken behände aus und ließ jeden, der dumm genug war ihm zu nahe zu kommen, in sein Messer laufen. Allmählich kam er ins schwitzen. Der Eleifa vor ihm wehrte sich verbissen, wollte sich unter keinen Umständen zurückfallen lassen und legte alle Kraft in jeden seiner Angriffe. Syrian blieb unbeeindruckt, ließ den Gegner ins Leere laufen, täuschte links an, schnellte aber rechts vorbei. Die Klinge jagte durch Sehnen und Adern, Blut spritzte und der Eleifa knickte zusammen. Aber Syrian war kein Moment des Sieges vergönnt, denn mittlerweile schienen seine Gegner aus allen Winkeln und Ecken des Waldes zu schlüpfen. War die Lichtung eben noch von Norska dominiert, so nahmen nun die Eleifa die Überhand.

Da hörte er sie schreien. Zwar drang aus jeder Kehle auf der Lichtung das ein oder andere Gebrüll, vor Schmerz, Wut oder änhlichem. Doch dieser Schrei kam aus tiefster Seele, war aus Hass geboren.

"Keisha!"

Syrian sah sich hastig um und erkannte die kämpfende Draka daran, wie sie sich wild durch die Eleifa kämpfte. Aber nicht auf ihn zu. Syrian suchte und fand und traute seinen Augen nicht.

Mandrek, hier! Das konnte nichts Gutes bedeuten. Er stürtzte ihm brüllend entgegen.

Borack hatte sich eine Armbrust aus dem Lager der Eleifa genommen und war dem Getümmel hinzu geeilt. Doch zum eigentlich Kampf kam er nicht. Einige Meter davor versagtem ihm seine Beine den Dienst. Hierher nämlich schleiften die Eleifa einige ihrer angeschlagenen Opfer. Blutend, aber nicht Tod lagen die Norska da und einer nach dem anderen bekam einen schwarzen Kragen um den Hals. Borack schüttelte es bei dem Gedanken, was aus ihnen werden würde. Stirnrunzelnd betrachtete er die junge Draka, die in ihrer Mitte lag, ebenfalls mit einem Kragen um den Hals. Aus ihrer Brust ragte einer seiner eigenen Pfeile.

Keisha rannte. Die Schmerzen ihres Körpers waren in der hintersten Ecke ihres Bewustseins verschwunden. Ein Eleifa stellte sich ihr mit erhobenen Schwert entgegen. Er verlor seinen Arm, ohne dass sie ihm groß Beachtung schenkte. Eine Hand griff nach ihren Beinen, brachte sie zu Fall, sie rollte sich ab, blockte den Angriff mit ihrem Schwert und stieß gleichzeitig mit ihrem Dolch in die Brust ihres Angreifers. Mit einer weiteren Drehung bewegte sie das Messer weiter aufwärts und der Eleifa erschauderte ein letztes Mal, als sie sein Herz traf.

Sie war blutüberströmt und nur wenig davon war tatsächlich ihr eigenes Blut, und das, obwohl sie bereits aus mehreren mehr oder weniger tiefen Schnitt- und Stichwunden blutete. Der Eleifa, welcher ihre Eltern getötet hatte stand dort, in Mitten seiner Männer und erwartete sie mit einem wiederlichen, triumphierenden Lächeln.

Als die Draka sich auf ihn stürzte, war Mandrek einen Moment lang über die Wucht ihres Angriffs überrascht. Ihre Augen funkelten in grünem Feuer und ihr schlankes Wüstenschwert bewegte sich mit einer Schnelligkeit, welche er ihr in ihrem Zustand nicht mehr zugetraut hatte. Er streckte seinen Geist nach ihr aus und fühlte Zorn, Hass und...Schmerz...verdrängt, aber er war da, und er war nicht körperlich. Ein grausames Lächeln umspielte seine Lippen. "Ich glaube, du brauchst dich nicht mehr weiter anzustrengen, um zu deiner Schwester zu gelangen. Sie ist bereits eine meiner Sklavinen." sagte er ruhig und wich mit Mühe einem Hieb von ihr aus.

Ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen und er spürte Panik. "Das ist eine Lüge." rief sie.

Sein Lächeln wurde breiter. Sicher, er wusste nicht, ob er mit seiner Vermutung wirklich richtig lag, aber so gut wie alle Draka hatten mittlerweile einen Kragen angelegt bekommen.

"Du wirst ihr folgen, mein Engelchen. Ich glaube, dich werde ich sogar persönlich behalten."

"Es sind so viele...so verflucht viele. Wie bei allen Göttern haben sie es geschafft, so viele Eleifa in unser Land zu bringen? So nah an unserer Feste?" Damon zuckte zusammen, als Sirkka seine Pfeilwunde versorgte.

"Sie hatten Hilfe, so einfach ist das, und nun benimm dich nicht wie ein Mädchen." antwortete die Norska ruhig und begann die Wunde mit einer brennenden Flüssigkeit zu reinigen.

"Welcher vernünftige Norska würde es wagen, sein Land zu verraten?" Damon konnte es einfach nicht fassen. Sie hatten einen unvorstellbar großen Verlust erlitten, und das Schlimmste war nicht der Tod vieler Norska, sondern das, was aus den noch Lebenden geworden war. Sie würden bei ihrem nächsten Kampf aufpassen müssen, gegen wen sie kämpften. Es konnte durchaus sein, dass dieser Verrückte damit anfing Norska gegen Norska kämpfen zu lassen. Damon wurde bei diesem Gedanken noch ein wenig blasser.

"Wir müssen die Stämme zusammenrufen. Schnell."

"Ich habe schon vor Stunden Boten losgeschickt. Um genauer zu sein, in dem Moment, als du und dein Stamm brüllend und ohne Hirn und Verstand aus der großen Halle gerannt seid." antwortete Sirkka und drückte den jungen Mann wieder zurück auf das Strohlager. "Und jetzt bleib liegen, in dem Zustand kannst du sowieso nichts ausrichten."

Damon hielt sich etwa eine Stunde an Sirrkas Rat, doch dann konnte er nicht mehr ruhig liegen bleiben, er hatte gesehen das Keral, sein älterster Freund, noch lebte und er hatte die Kragen gesehen. Er wusste nicht viel über die Magie, die auf ihnen lag, aber er wusste das der Träger ein Sklave wurde, der sich gegen keinen Befehl auflehnen konnte. Und noch etwas wusste er, die Hilfe der anderen Stämme brauchte er, aber auch die Hilfe von Graisch.

Dieses Mal ging er allein zu dessen Verlies.

Graisch war tief in Gedanken versunken, Damon hatte ihm eine Frist von einem Tag gelassen, doch darüber dachte er nicht nach, auch nicht über den Tod. Er dachte an die Eleifafrau, seine Frau, die einzige der er je etwas über sich erzählt hatte und die nun Tod war, ermordet von ihrem eigenem Bruder.

Er hörte Schritte und augenblicklich kehrte er mit seinen Gedanken zu seiner Situation zurück.

Er horchte. Schritte von nur einem Mann. Die Tür zu seiner Zelle öffnete sich und Damon trat ein. Er war alleine und das war ein Fehler, doch Graisch der ihn so Mühelos hätte töten können, entschloss sich abzuwarten, sicher hatte Nordmann etwas zu sagen. Graisch las seine jüngsten Erinnerungen und musste innerlich schmunzeln als er sah, das die Nordmänner eine Schlacht verloren hatten, natürlich hatten sie verloren. Doch dann sah er in den Gedanken des Mannes vor ihm etwas, was reinen Zorn in ihm auslöste. Graisch taumelte gegen die Wand, er versuchte seine Wut zu beherschen und nach etwa einer Minute gelang es ihm.

Er sah wie ihn Damon verwirrt anstarrte. Sicher er war aus heiterem Himmel gegen die Wand zurück getaumelt und natürlich war Damon verwirrt, er kannte schließlich den Grund nicht und das musste so bleiben.

"Was willst du?", fragte er nach einem Moment, als er sich sicher war, das er auch seine Stimme wieder unter Kontrolle hatte.

"Em." Damon versuchte offentsichtlich immer noch heraus zu finden, was mit Graisch los war, doch jetzt schüttelte er den Kopf.

"Die Situation hat sich geändert, Nomade. Es herrscht Krieg." er wollte weiter reden, doch Graisch unterbrach ihn.

"Ihr gegen die Eleifa, ihr müsst verrückt sein, Queia."

Damon riss sich zusammen, als der Nomade ihn ein zweites Mal Queia nannte.

"Benutze dieses Wort noch einmal und ich werde dir die Zunge herausschneiden lassen." sagte er. Doch der Nomade lachte nur und dann, so schnell das Damon kaum Gelegenheit hatte zu reagieren, war er plötzlich hinter ihm, hatte Damons Messer in der Hand und hielt es ihm an die Kehle.

"Wie war das, Queia! So und jetzt sag mir endlich was hier vorgeht und warum ich für deine Seite kämpfen sollte."

Damon war verblüfft, er hatte den Angriff kaum gesehen, dieser Nomade war schneller als die Eleifa oder die Draka und nun war er sicher das er die Hilfe des Nomaden gut gebrauchen konnte.

"Du bist ein freier Mann" sagte er. "Aber wenn du es bleiben willst, solltest du gegen die Eleifa kämpfen, denn sie benutzen die Kragen des Zwangs." Damon spürte wie rasch das Messer an seiner Kehle verschwand, als er sich umwandte, sah er wie die Hände von Graisch zitterten und er wusste, das er einen Mitstreiter gewonnen hatte.

Alles war so schnell gegangen.

Der Angriff der Eleifa, der blutige Kampf im Schnee, die schwarzen Kragen…

Syrian lehnte sich zu Tode erschöpft an eine der dicken, kalten Mauern der Norskafestung. Das Stöhnen von Verletzten, die Rufe nach Hilfe und träges Schlurfen hallten in der großen Halle wider.

„Wo ist Damon?“, fragte Keisha. Sie stand neben ihm. Blutüberströmt, aber nur wenig davon gehörte tatsächlich ihr.

„Wer?“ Syrian hörte nicht richtig zu. Er dachte an den langen Marsch durch den Schnee zurück, auf der Flucht vor Eleifa. Welche Schande!

Ein Koloss von einem Mann, in dicke Felle gehüllt, der sich die verstümmelte Hand hielt, schob sich an ihm vorbei. Syrian schubste ihn von sich, worauf der Norska nur murrte und weiter ging. Keisha war inzwischen nicht mehr neben ihm, sie schlängelte sich durch die am Boden liegenden Krieger. Syrian hatte nicht die Kraft, ihr zu folgen. Er hatte auch nicht die Lust dazu. Er hatte zu gar nichts mehr Lust.

Zhara, wo bist du?

Die Schuld lastete auf seinen Schultern und beschwerte sein Herz. Langsam sank er auf die Knie. Er hatte Zhara zurückgelassen – bei Eleifa. Wer weiß, was sie mit ihr anstellten. Welche Qualen sie erleiden musste. Wenn sie überhaupt noch lebte.

„Es tut mir leid“, flüsterte er. „Zhara, es tut mir so leid…“ Dann versagte ihm die Stimme und er fiel in einen totengleichen Schlaf.

Selbst Draka konnten blass werden. Borack hätte es nie geglaubt, wenn er es nicht gerade selbst sehen würde. Er stand über die Frau gebeugt, deren Blutverlust an ihrer dunklen Hautfarbe zehrte. Sie starb. Der schwarze Kragen um ihren Hals wirkte nahezu grotesk. Wie sollte man eine Leiche kontrollieren können?

Ein Eleifa kniete sich neben sie ihn den Schnee. Er betastete die Draka mit geschickten Händen, dann umgriff er den Pfeilschaft. Borack konnte ihn gerade noch beiseite stoßen.

„Narr!“, brüllte er, sodass es im ganzen Wald schallte. Die Eleifa um sie herum hielten inne und starrten herüber. Borack kniete sich nieder. „Wenn Ihr einen meiner Pfeile herauszieht, stirbt sie auf der Stelle.“

Eine seiner Pranken legte er der Sterbenden auf die Brust, sodass sich der Pfeil zwischen seinem Daumen und Zeigefinger befand. Dann nahm er den Schaft in die andere Hand und drehte ihn mit Bedacht. Die Draka zuckte, stöhnte und wollte sie schließlich aufbäumen. Aber Borack hielt sie mit aller Kraft am Boden. Sie durfte sich nicht zu viel bewegen, sonst würden ihr die Widerhaken ein riesiges Loch in die Brust reißen.

Schweiß tropfte ihm von der Stirn. Endlich zog er die Spitze heraus. Blut troff aus der Wunde, aber es war nicht beunruhigend viel. Er seufzte erleichtert auf und ließ sich in den Schnee sinken.

„Jetzt könnte Ihr Euch um sie kümmern.“

Der Eleifa nickte und presste Leinen auf die Wunde.

Borack beobachtete schnaufend das bebende Gesicht der Draka. Er war dafür verantwortlich, dass sie diesen Kragen trug und nun hatte er ihr auch noch das Leben gerettet, damit sie zur Sklavin werden konnte. Vielleicht hätte er sie lieber töten sollen.

Keine Sorge, junge Draka. Ich wache über Euch.

Mandrek trat von hinten an ihn heran.

Keisha wusste nicht mehr genau, wer sie von Mandrek weggezerrt hatte. Aber sie hatte sein enttäuscht wirkendes Gesicht gesehen, als sie mit den Norska zusammen den Rückzug angetreten hatte. Verflucht sollten diese Eleifa sein. Das nächste mal würde sie denjenigen töten, welcher sie wegzerrte.

Syrian und eine Handvoll Draka hatten es geschafft und waren mit ihr zur Festung gekommen, aber es war einfach eine Schande. Jemand musste Mandrek aufhalten. Sie warf Syrian noch einen kurzen Blick zu und vergewisserte sich, dass eine Norska sich um ihn kümmerte, wehrte selbst die Hilfe ab, als eine der Frauen sie auf ihren dicken Knöchel und die diversen Schnittwunden hinwies und eilte durch die große Halle, bis sie Sirkka fand. "Weißt du, wo Damon ist?"

Die blonde Frau musterte Keisha kurz, öffnete den Mund und die Draka winkte ab. "Ich weiß, wie ich aussehe. Ich werde mich erst ausruhen, wenn Mandrek an einen Felsen in der Wüste gebunden wurde und ich zusehen kann, wie die Kenobis ihm die Eingeweide rausreißen. Also, wo ist Damon?"

Sirkka seufzte. "Du scheinst in etwa genauso viel Verstand zu haben, wie ein männlicher Norska...aber egal. Damon ist in den Kerker, er hat dort einen speziellen Gast." Sie wies der Draka die Richtung und Keisha eilte die steile Felstreppe hinunter.

Mandrek betrachtete seine Ausbeute. Sicher, die meisten würden den Tag nicht überleben, aber einige davon würde er in der nächsten Schlacht gegen ihre eigenen Landsleute einsetzen. Er hatte beobachtet wie Borack einer Draka das Leben gerettet hatte und war nun zu ihm getreten.

"Wenn du mir ihre Schwester bringst, darfst du diese dort behalten." er lächelte kalt auf die dunkelhäutige Draka hinab. "Denk darüber nach...obwohl es sicher amysant wäre, sie gegeneinander kämpfen zu lassen." Sein Blick wurde von einem hochgewachsenen Norska angezogen, welcher ihn wütend anstierte und versuchte, den schwarzen Kragen zu entfernen.

"Brich dir nicht deine Finger. Wie ist dein Name?" Der Blick des Norskas wurde leer. "Keral, Herr."

"Ich glaube dich mit dem Norskafürsten Damon gesehen zu haben. Kennst du ihn gut?"

"Ja, Herr, er ist wie ein Bruder für mich."

Mandreks Augen blitzten triumphierend auf. "Ich habe eine Aufgabe für dich, komm mit."

Als Damon sicher war, dass Graisch auf ihrer Seite war, wurde ihm plötzlich schwindelig und er taumelte, er merkte noch wie Graisch ihn auffing, doch dann wurde ihm schwarz vor den Augen.

"Verdammte Idioten" sagte Graisch, als er sah das Damon blutete. Er nahm ihn auf die Arme und ging die Treppen hoch, er ächzte, der Nordmann war schwer, etwa auf einem viertel des Weges, kam ihm plötzlich eine Frau entgegen. Sie erstarrte, blickte erst ihn an und sah dann auf Damon.

"Was ist mit ihm?"

"Er ist in Ohnmacht gefallen, sag wo kann ich ihn hinbringen, damit man sich um ihn kümmert?" Sie sah ihn kurz mit gerunzelter Stirn an, dann ging sie ihm vorraus die Treppe hoch.

Als Graisch mit seiner Last oben in der Wachstube ankamen, zogen die Soldaten ihre Schwerter. Es wäre wohl zu einem Streit gekommen, wenn nicht plötzlich eine weitere Frau erschienen wäre, die sich kurz die Situation besah und den Soldaten dann den Befehl gab, sich wieder zu setzen. Dann sah sie zu Graisch und zu der ersten Frau, von der Graisch erst hier im Licht sah, dass sie keine Norska war.

"Kommt, Damon sollte im Bett bleiben." Sie ging durch den Hof voraus und während Graisch ihr folgte, bemerkte er immer wieder die misstrauischen Blicke der Norska-Krieger, doch offentsichtlich hatten sie einigen Respekt vor der Frau, denn sie griffen nicht nach ihren Waffen. Als Damon auf seinem Bett lag, sah die Frau Graisch an.

"Danke Herr, ich werde euch was zu Essen besorgen lassen, ihr müsst seit Tagen nicht ordentliches bekommen haben. Aber ich bitte euch, erstmal in diesem Zimmer zu bleiben, bis Damon wieder erwacht ist." Graisch knurrte, nickte aber, er wandte sich der anderen Frau zu, doch sie war verschwunden. Kaum das auch die Norska gegangen war, regte sich Damon wieder, er setzte sich auf.

"Na, großer Krieger, ausgeschlafen?" spottete Graisch, doch gleichzeitig füllte er einen Becher mit dem Met, der auf dem Tisch stand und reichte ihn Damon. Der nahm einen kräftigen Schluck und wollte dann aufstehen, doch Graisch drückte ihn zurück.

"Du darfst nicht aufstehen." er grinste. "und ich rate dir liegen zu bleiben, sonst wird diese Frau uns beiden die Haut abziehen." Damon sah ihn verwirrt an, dann schien er zu verstehen.

"Ja, auf Sirkka sollte man hören, aber ich muss zu der Ratsitzung." in diesem Moment betrat Sirkka den Raum, in der einen Hand hielt sie ein Tablett mit Essen, in der Anderen hielt sie einen Beutel.

Sie sah streng zu Damon hin und reichte Graisch das Tablett.

Sie verband Damons Wunden erneut und dann sah sie Graisch an.

"Würdet ihr aufpassen das er nicht aufsteht, bis zu der Ratsversammlung." Damon wollte protestieren, doch sie schnitt ihm das Wort ab. "Ich weiß, es ist keine schöne Aufgabe für euch, aber es ist sicher nicht förderlich, wenn ihr jetzt draußen herum lauft. Die Männer sind nach ihrer Niederlage nicht gut zu sprechen." sie wartete eine Antwort nicht ab und wuselte hinaus. Damon sah zu Graisch und erwartete das dieser sich ärgerte, denn dieser hatte oft genug bewiesen, dass er sich nichts vorschreiben ließ, doch er schien sich zu irren. Graisch grinste und griff sich was zu Essen. Auf dem Tablett lag Brot und mehrere Stücke Braten. Nachdem er sich genommen hatte, reichte er wie selbstverständig das Tablett an Damon weiter.

Dieser war verblüfft und überlegte was er eigentlich von diesem Mann wusste. Ihm wurde erzählt, dass Graisch gefährlich war und möglicher weise ein Magier, auf jeden Fall hatte ihm jeder geraten, diesem Mann nie zu trauen. Das Graisch gefährlich sein konnte, hatte er im Verlies gesehen, doch jetzt schien dieser Mann freundlich.

Er hatte Glück, ein hungriges Reh nicht.

Das Licht schwand bereits zwischen verschneiten Ästen und die aufziehenden Schatten mahnten Borack zur Eile. Er stampfte durch den Schnee, geleitet mehr von seiner Eingebung als von seinen Augen. Erst vor wenigen Tagen hatte er hier in der Nähe eine gesehen. Da war er sich ganz sicher.

Es war nur eine kleine Pflanze. Sie hielt sich dicht an den Wurzeln großer Bäume um ihre Wärme zu schnorren und sich an ihnen zu nähren. So überstand sie die tiefen Winter im Nordland und teilte ihre Kräfte ein, bis der Schnee taute. Dann bildete sie rote Beeren, die Borack nicht von Nutzen waren. Er brauchte die Pflanze in ihrem jetzigen Winterschlaf. Nur jetzt bargen ihre feinen Verästelungen den dicken Saft, das schwarze Gift.

Er suchte die Bäume ab, ihre Rinden, kurz über der weißen Schneedecke. Dort konnte man die dunklen Fäden erkennen, welche das Schlingenkraut über die Stämme rankte. Wenn man nicht nach ihr suchte, würde man sie wohl übersehen. Aber Borack kannte sie sehr gut. Er würde sie sofort wieder erkennen. Verdammt, wo hatte er sie bloß zuletzt gesehen?

In der Not, die ein langer Winter mit sich brachte, suchten alle Lebewesen nach irgendeiner Art, um zu überleben. Sie fraßen, was sie finden konnten, kämpften notfalls darum. Es war nur nicht gerecht, wenn dieser Kampf von Beginn an zum Scheitern verurteilt war.

Das Reh lag auf der Seite. Die schwarzen Augen waren weit geöffnet und kleine Schneeflocken befleckten die Linse. Aus den Nüstern und dem Mund troff tiefdunkles Blut. Borack blieb einen Moment reglos stehen. Das Reh war tot. Lag gebettet auf einem weißen Laken und war nur gestorben, weil es eine giftige Pflanze in seinem unbändigen Hunger gegessen hatte. An einem Baum erkannte der Norska sofort die Schwarzen Fäden des Krauts. Angeknabbert. Das Gift sickerte schwarz und dick über die Rinde.

Er nahm ein Messer, holte einen kleinen Beutel hervor und kniete sich hin. Vorsichtig schabte er die kleinen Äste vom Baum und sammelte alles ein. Das Reh ließ er, wo es lag. Es war voller Gift und der nächste Wolf, der lechzend, vom Geruch toten Fleisches angelockt, herbeikam, würde sich an dem Leichnam laben und ebenfalls sterben. Der Lauf des Lebens. Beinahe musste Borack lachen.

Er hatte Glück, ein hungriges Reh nicht.

Mit dem gut gefüllten Beutel kehrte Borack ins Lager der Eleifa zurück. Hier und da hatten sich bereits ein paar Norska und Draka mit schwarzen Krägen erhoben. Krampfhaft versuchte Borack nicht hinzusehen. Schnurstracks lief er zu der jungen Frau, die immer noch verletzt im Schnee lag. Bewusstlos.

Er kniete sich neben sie und holte den Beutel hervor.

„Hör mir zu“, sagte er. „Ich lasse es nicht zu, dass du so leiden musst. Ich habe hier etwas für dich und glaube mir: es ist die bessere Wahl.“

Er wollte gerade einen der kleinen Äste hervorholen, da schlug die Draka die Augen auf und sah ihn an.

„Syrian?“

Keisha hielt Sirkka auf, als diese das Zimmer von Damon verließ. "Wer ist dieser Kerl?"

Die junge Norska bedeutete der Draka, ihr zu folgen. Als sie außer Hörweite waren, blieb sie stehen. "Das ist ein Nomade. Es gibt nicht viele von ihnen. Sie sind Träger der großen Macht und Gedankenlesen ist das Geringste, was sie können. Ihre Kräfte reichen viel weiter, zumindest erzählt man sich das." sie hob eine Augenbraue, als ein leichtes Lächeln auf den Lippen der Draka erschien.

"Wir werden sehen, wie weit seine Kräfte reichen. Vielleicht kann er uns behilflich sein. Ich habe mitbekommen, dass der Rat der Norska tagen wird, weißt du, wann die Fürsten deines Volkes ankommen?"

"In spätestens einer Woche sollten sie hier versammelt sein. Du planst etwas, nicht wahr?"

Keisha zuckte mit den Schultern. "Euer Volk ist stark, Sirkka, doch Eleifa sind stärker. Wir benötigen die Hilfe von außen. Wo findet man die Nomaden?"

"Das ist das Problem. Man findet sie nicht, sie finden einen. Sie sind weit über das Land verteilt und wenn sie nicht gefunden werden wollen, findet man sie auch nicht. Sie zusammen zu treiben dauert zu lange."

Keisha nickte. "Ich werde mich mit meinem Pflegevater besprechen."

"Deinem Pflegevater?" Sirkka hob erneut eine Augenbraue und die Draka warf ihr ein verschmitztes Lächeln zu, ehe sie sich abwandte.

Keisha suchte das Bad auf, entkleidete sich und ließ sich in das heiße Wasser gleiten. Das Land der Norska war hart, kalt und rau, aber der Überfluss von heißem Wasser gefiel ihr, auch wenn es immer noch ungewohnt war, so viel der für Draka heiligen Flüssigkeit auf einem Fleck zu sehen, wie hier. Sie lehnte sich an den Rand des Natursteinbeckens und schloss die Augen, während sich ihre geschundenen Muskeln zu entspannen begannen. Die Schmerzen ließen nach und sie fühlte, wie ihr Knöchel anfing, sich zu regenerieren. Teils hasste sie die seltenen Fähigkeiten, welche sie besaß, schließlich hatte sie auf Grund dieser Fähigkeiten dem Clanführer versprechen müssen, nach dieser Reise die Ausbildung zu einer Weisen Frau zu beginnen und dafür würde sie ihr Schwert aufgeben müssen, aber im Moment waren ihre Kräfte notwendig um zu überleben. Die verschiedenen, meist oberflächlich gehaltenen Wunden fingen an zu heilen und sie konzentrierte ihren Geist auf das Bild ihres Pflegevaters. Später würde sie mit diesem Graisch reden müssen. Wenn die Nomaden wirklich über Macht verfügten, konnten sie hilfreich sein. Sie mussten Mandrek ein Ende bereiten, ehe er mit Hilfe seiner Zwangskragen die Welt unterjochte.

Die Augen des Herrschers der Wüste wurden abwesend und er entwaffnete wie beiläufig seinen Gegner, einen jungen Draka, welcher bis gerade eben noch gedacht hatte, er hätte eine Chance gegen Amwendu.

"Keisha ruft mich, wir werden deine Lehrstunde später fortsetzen, mein Sohn."

"Keisha? Sind ihr bereits die Füße abgefroren, so dass sie nach Hause geholt werden will?" Usamaa grinste spöttisch und lehnte sich auf seinen langen Speer.

Amwendu winkte ab und setzte sich im Schneidersitz auf den aufgeheizten Wüstensand um dort die metallisch schimmernden Augen zu schließen und sich mit seiner Pflegetochter zu unterhalten. Er hatte sie und Zhara nach der letzten großen Schlacht mit den Eleifa bei sich aufgenommen, als ihre Eltern von Mandrek regelrecht hingerichtet worden waren.

Als er den Blick wieder auf seinen Sohn richtete, leuchteten seine Augen in dunklem Feuer. "Ruf die Schwerter und Speere zusammen. Wir werden gen Norden ziehen. Ein großer Tanz steht uns bevor."

"Wir werden mindestens einen Mond bis zur äußeren Grenze des Norskareichs benötigen und einen weiteren, um zu Keisha vorzustoßen." Usamaa sah seinen Vater besorgt an und dieser lächelte ruhig. "Dann müssen wir eben schneller laufen, versprich jedem den Kopf eines Eleifa, dann werden sie schneller rennen als ein Wüstenleopard. Ich werde den Weisen Bescheid geben und sie über die derzeitige Lage unterrichten."

Kerals Hände zuckten immer wieder zu seinem Hals, doch seine Finger erreichten ihn nicht, denn der Zwang hielt ihn davon ab, den schweren Verband um seinen Zwangskragen zu entfernen. Mandrek hatte ihn mit frischem Blut eines anderen Norska tränken lassen, so dass es aussah, als hätte er sich von dem Kragen befreit. Seine Füße liefen in einem gleichmäßigen Schritt in Richtung Feste. Er wollte es nicht. Er wollte die Festung niemals erreichen, doch er wusste, dass er tun würde, was von ihm verlangt war. Eine einzelne Träne lief seine bärtige Wange hinunter und gefror in seinem Bart. Er wünschte, er wäre tot, doch selbst die Möglichkeit auf den Freitod war ihm genommen worden.

Unter Hjaras wachsamen Augen schleiften die Soldaten das bemitleidenswerte Geschöpf in das Zelt des Heerführers. Es war ein Deserteur, dem wohl die langen Märsche oder das ständige Exerzieren nicht passten. Vielleicht waren ihm auch nur die kargen Rationen für die Truppen zu wenig. Hjara kümmerte sich wenig um diese Belange. Ein drakanischer Soldat trotze Wüstenwinden und Feuer. Diese weinerliche Ratte hatte jeglichen Respekt verspielt, als er vor dem Dienst fliehen wollte. Sein Schicksal geschah ihm recht.

Hjara saß auf einem Stuhl und der Deserteur wurde ihm vor die Füße geworfen. Ganz so, wie man einer Bestie ihren Fraß servieren würde. In den Augen des Heerführers loderte die Gier. Der Mann hatte eine Platzwunde am Kopf. Blut troff ihm über den Schädel und er war bewusstlos.

„Hat er noch etwas gesagt“, fragte Hjara.

Die Soldaten grinsten. „Er hat gebettelt und gewinselt. Wie ein Kleinkind.“ Sie lachten.

„Gut“, meinte Hjara und befahl ihnen mit einer Handbewegung, zu gehen. Rasch verließen sie das Zelt und er war allein mit seiner Beute.

Einen Augenblick noch beäugte er das ihm vorgelegte Mahl. Der Mann war sehnig, viel Fleisch war da nicht zu holen. Aber dem Hunger des schwarzen Geistes würde es genügen. Vorläufig jedenfalls. Eine finstere Stimme dröhnte in dem Zelt und sprach von Blut, Leiden und Tod.

Hjara versuchte den Dschinn zu besänftigen. „Ruhig, nur ruhig.“ Er zog ein langes Messer aus der Scheide. „Du sollst bekommen, wonach du verlangst.“ Dann kniete er sich vor den Deserteur und begann zu schneiden.

Als er damit fertig war, blieb nur ein letzter Rest Blut auf seinen Lippen zurück. Er leckte es herunter und stellte ein zufriedenes Grollen in seinem Inneren fest. Gut so.

Von Draußen kamen Stimmen. Eine davon erkannte Hjara als die des Prinzen.

„Wagt es nicht mich aufzuhalten“, drohte Usamaa den Wachen. „Der Heerführer wird mich empfangen, wenn ich es entscheide und nicht einer von Euch!“

Hjara lächelte und setzte sich wieder. „So kommt herein, Eure Majestät.“

Wutschnaubend trat der Prinz ein. Im beinah selben Augenblick bemerkte er die verblassende Präsenz des Dschinns und hielt einen Moment inne. Es war ihm deutlich anzusehen – der Konflikt zwischen Abscheu und Faszination. Hjara mochte den Jungen, war er doch so viel leichter zu manipulieren als sein Vater oder gar diese lästigen Ziehschwestern, die glücklicherweise fortgeschickt wurden.

„Was ist Euer Begehr, junger Prinz?“

„Vater ruft die Truppen zusammen. Wir ziehen nach Norden um gegen die Eleifa zu kämpfen. Er will, dass wir sofort aufbrechen.“

„Und was wollt Ihr?“

Usamaa schwieg einen Moment. „Das wisst Ihr…“

„Ja“, antwortete Hjara. „Und Ihr sollt es bekommen, mein König.“ Das Grollen wurde lauter.

Es war wie ein Korsett um den Verstand. Zhara konnte keinen klaren Gedanken fassen. Jeder Einfall und jedes Gefühl wirkte aufgezwungen, erstunken und erlogen. Nicht von ihr. Aber sie konnte dem Entkommen. Der hohe Blutverlust und die wieder und wieder über sie hereinbrechenden Schmerzwellen gaben ihr die Möglichkeiten, unter diesen Zwängen hinwegzutauchen. Dadurch verlor sie zwar die Fähigkeit, sich zu bewegen und hin und wieder auch das Bewusstsein, aber immerhin behielt sie ihren eigenen Willen.

Jetzt hatte sie einen Vorstoß gewagt. Ein unsteter Schatten war vor ihr aufgetaucht und sie war der irrigen Annahme erlegen, Syrian hätte sie gerettet. Aber es war nicht der Draka, der sich über sie beugte, sondern ein Norska, der sie unverhohlen anstierte.

Schon schloss sich wieder das Korsett um ihren Geist und Zhara tauchte ab. Nur so, das wusste sie, würde sie dem Kragen entkommen, aber zu welchem Preis?

Als Amwendu die Tür öffnete und den schwach beleuchteten Raum dahinter betrat, hörte er ein Fluchen, eine blaue Spirale, welche soeben noch den Boden vor ihm bedeckt und sich wie ein Strudel gedreht hatte, fing an zu schwanken und verschwand dann von einem Moment auf den nächsten. Die hellen Augen einer auf dem Boden sitzenden Frau funkelten wütend ihn an.

"Hast du noch immer nicht gelernt, anzuklopfen?" fragte ihn die weise Frau neben ihm, während sie sich ihre Stola betont ruhig richtete. Dann sah sie ihn wieder an. "Geh wieder raus, schließe die Tür und klopfe." Bashira hob eine Augenbraue, als der Herr der Draka nicht sogleich gehorchte.

Seufzend drehte sich Amwendu um, ging aus dem Raum, schloss die Tür hinter sich und klopfte. Es war besser, das zu tun, was die Weise von ihm verlangte. Er war vielleicht der Herr der Draka, Bashira jedoch war die Herrin der Weisen und stand weit über ihm. Draka jeglicher Stellung hörten auf das, was die Weisen sagten, selbst wenn der Clanführer persönlich behandelt wurde wie ein ungezogenes Kind.

"Komm herein, Amwendu." erklang die stets emotionslose Stimme Bashiras und der Herr der Draka trat erneut ein. Die junge Frau, welche ihn zuvor so zornig angefunkelt hatte, stand nun mit gesenktem Kopf neben Hisham, einem für einen Draka kleinen Mann mit silbrigen Strähnen in seinem tiefschwarzen Haar.

"Saiha entschuldigt sich für ihr schlechtes Benehmen. Sie wird ihre Emotionen in Zukunft besser im Griff haben." bemerkte Bashira und sah Amwendu an. "Was führt dich zu uns, Clanführer?"

"Keisha ist mit mir in Verbindung getreten. Sie hat mir mitgeteilt, dass Eleifa die Kragen des Zwangs benutzen, um die Norska zu versklaven. Sie haben bereits Zhara und viele weiterer Draka in ihrer Gewalt. Ich habe beschlossen, den Eleifa zu zeigen, wo sie stehen und dem Fluch der Zwangskragen endgültig ein Ende zu bereiten."

Hisham lächelte schwach. "Das wissen wir bereits. Keisha schreit so laut, dass jeder zwischen Norsk und Drakanda, der auch nur einen Funken Talent hat, sie gehört hätte, hätte er gelauscht. Es war ein Fehler, sie überhaupt gehen zu lassen, ehe sie ihre Ausbildung beendet hat."

Bashira machte eine kaum merkliche Handbewegung und brachte ihren Stellvertreter somit zum Schweigen. "Wir werden uns um das ungezogene Mädchen kümmern, wenn sie wieder bei uns ist. Diese Reise war notwendig, um sie ihre Hörner abstoßen zu lassen. Saiha hat bereits den Rat der Weisen für uns zusammengerufen. Wir werden nach Sonnenuntergang eine Entscheidung getroffen haben, wie wir weiter vorgehen. Wann wirst du mit deinen Kriegern Richtung Norden ziehen?"

Amwendu fragte sich einen Moment lang, warum er sich überhaupt die Arbeit gemacht hatte, die vielen Stufen zu den Räumlichkeiten der Weisen zu erklimmen, stellten sie ihn doch nur vor vollendete Tatsachen, doch er wischte den Gedanken fort. Er war der Herr des Schwertarms der Draka, sie waren der Verstand dahinter.

"Sobald mein Sohn die Herrscharen zusammengerufen hat. Spätestens in zwei Tagen sollten wir in Richtung Norden laufen können. Ich habe jedem Draka den Kopf eines Eleifas versprochen. Sie werden schnell laufen."

"Warum den Eleifa auf ihrem Territorium entgegentreten? Warum lassen wir sie nicht zu uns kommen?" fragte Hisham.

"Es geht hier um meine Töchter. Zhara und Keisha. Ich werde sie nicht diesem Irren Eleifa überlassen! Ist dir eigentlich klar, was der Zwangskragen für sie bedeuten würde? Lieber würde ich mir den Tod für die beiden wünschen."

Keisha wickelte sich in ein weiches Handtuch und setzte sich an den Rand der dampfgefüllten Grotte. Nun gut, ihr Vater wusste Bescheid, jetzt musste sie nur noch erfahren, wo Zhara genau war. Sie atmete tief durch. Kontakt zu jemandem aufzubauen und zu halten war verdammt schwer und dann hatte sie auch noch das Problem, die Lautstärke ihrer Gedanken zu kontrollieren. Sie hoffte inständig, dass kein Eleifa dabei war, welcher Talent hatte, ansonsten wäre er nun gewarnt.

Vorsichtig tastete sie sich vor, suchte nach dem Verstand ihrer Schwester, spürte ihn, aber fühlte, dass etwas nicht stimmte. Zhara schlief entweder, oder sie war bewusstlos. Sie konzentrierte sich etwas stärker und versuchte den Schleier der Bewusstlosigkeit ihrer Schwester zu durchdringen, aber es schien ihr fast, als würde sie sich dagegen wehren und versuchen, sie mit Absicht auszuschließen. Frustriert öffnete Keisha ihre Augen und fing an, nachdenklich an ihrer Unterlippe rumzukauen. Zhara war in Schwierigkeiten, da war sie sicher, aber das hatte sie bereits zuvor gewusst. Vielleicht lag es ja auch an den Zwangskragen, dass sie nicht zu ihr durchdrang.

In Gedanken versunken zog sie sich wieder an und verlies das Bad. Sie musste mit Syrian reden. Syrian. Ein zartes Lächeln stahl sich bei dem Gedanken an den hochgewachsenen Draka auf ihr Gesicht. Zhara würde ihr jetzt sagen, sie solle die Finger von ihm lassen. Er würde nicht wissen, was er wollte, aber Keisha war sich sicher, dass er es genau wusste. Er wollte sie beide. Unüblich war es nicht, dass ein Mann zwei Frauen oder eine Frau zwei Männer ehelichte, doch es war unmöglich, dass ein normaler Draka einen Weisen heiratete. Kurz überlang würde Zhara ihn für sich beanspruchen können.

Sie waren schon immer einer Dreiergespann gewesen. Keisha und Zhara, die beiden Töchter aus königlichem Hause und Syrian, Sohn des Heerführers der drakonischen Armee. Gerechterweise sollte man noch Usamaa hinzuzählen, doch war der Prinz schon immer ein Einzelgänger gewesen. Sie waren meistens zu dritt gewesen und hatten nicht selten ihre Leibgardisten abgehängt um außerhalb der Stadtmauern, in den Wäldern und Ruinen umherzustreifen. Keisha war die wagemutige gewesen. Sie war immer als erste über die Baumstämme geklettert, in die Höhlen gesprungen oder hatte sich von Klippen in reißende Ströme gestürzt. Manchmal war Syrian ihr zuvorgekommen. Immerhin war er der Junge gewesen, der sich von einem Mädchen nichts gefallen lassen wollte. Das änderte sich mit den Jahren und den Reizen. Zhara war oft das Schlusslicht gewesen. Sie hatte ihrer Schwester immer nachgeeifert um Syrian zu beeindrucken. Er selbst war an beiden interessiert. An der einen wegen ihres Übermutes und an der anderen, wegen ihres Eifers. Bei Keisha hatte er das Gefühl, ihr immer hinterherzulaufen. Bei Zhara war sein Beschützerinstinkt erwacht…

Beschützen…

Schlagartig erwachte Syrian. Eine Norska zuckte erschrocken zurück. Sie hatte ihm gerade einen feuchten Lappen auf die Stirn gelegt. Syrian kam auf die Beine und suchte seine Sachen zusammen. In kürzester Zeit hatte er alles beieinander. Die Dolche waren verstaut. Dann wandte er sich an die Norskaheilerin.

„Ich benötigte Proviant. Brot und Fleisch, für etwa drei Tage. Wo kann ich das bekommen?“

Die Frau schaute ihn verwundert an und stammelte: „I-ich weiß nicht. Wo wollt Ihr denn hin? Ihr könnt die Burg jetzt nicht verlassen. Draußen warten die Eleifa und…“

„Gut geschlafen, schöner Mann?“ Der freche Unterton ließ keinen Zweifel an der Person und als Syrian sich umdrehte erwartete ihn Keishas Grinsen.

„Du siehst so reisebereit aus“, meinte sie. „Was hast du vor?“

Er schob sich an ihr vorbei. „Ich bleibe nicht hier.“ Inmitten der Verletzten und der Heiler bahnte er sich einen Weg und fragte jeden Norska nach der Küche und der Speisekammer.

„Was soll das heißen: du bleibst nicht hier?“ Keisha blieb dicht bei ihm, wich nicht von seiner Seite. Der anklagende Unterton in ihrer Stimme nagte an Syrians Gewissen.

„Ich werde rausgehen“, antwortete er. „Und nach Zhara suchen. Nur wegen mir ist sie jetzt eine Gefangene der Eleifa und ich werde sie ganz gewiss nicht diesem Schicksal überlassen.“

„Achso, du willst dich nur einem Heer von Eleifa alleine stellen um am Ende selbst mit so einem Kragen um den Hals gegen deine eigene Leute zu Felde zu ziehen. Und ich befürchtete schon, du hättest keinen Plan.“

Syrian wirbelte auf dem Absatz herum und funkelte Keisha wütend an. „Ich habe gewiss nicht vor, ein ganzes Heer zu bekämpfen. Aber doch im Schutze der Nacht ihr Lager zu infiltrieren und Zhara dort herausholen.“

Keisha verschränkte die Arme vor der Brust. Sie hielt seinem Blick mit Leichtigkeit stand. „Hinterhältig und niederträchtig, wie es sich für einen Attentäter gehört.“

Syrian kämpfte gegen die Wut an. „Ich verleugne nicht, was ich bin.“ Dann wandte er sich wieder ab und folgte dem ihm beschriebenem Weg. In der Speisekammer nahm er sich einen Leinenbeutel und füllte ihn mit Brot, etwas Wurst und Käse. Keisha lehnte sich in den Türrahmen.

„Das ist nicht wirklich ein guter Plan.“

Seufzend ließ der Draka die Arme sinken. „Ich weiß. Aber ich muss das tun und weiß mir keinen anderen Rat.“ Er sah zu ihr. „Du hast die Wahl: du kannst mit mir gehen, versuchen mich aufzuhalten oder dich um anderes kümmern. So oder so – ich werde gehen.“

"Ich könnte dir jetzt sagen, dass wir Hilfe bekommen, dass Amwendu wahrscheinlich schon neunzig Prozent der Drakanischen Bevölkerung in Richtung Norden hetzt und die Weisen sich bereits überlegen, wie sie mich für meine zu laute Mitteilungsweise bestrafen, aber ich glaube, das würde dich einen feuchten Dreck interessieren, nicht wahr?"

Syrian sah sie an. "Was meinst du damit?"

"Nun, Amwendu und die Weisen wissen jetzt Bescheid, was hier passiert ist...und die Eleifa wissen vermutlich auch, was ihnen blüht. Dies hier artet zu einem ausgewachsenen Krieg aus und du glaubst, alleine losziehen zu können? Ohne eine Schwertschwester an deiner Seite, die deinen verantwortungslosen Hintern vor den Angriffen hinterhältiger Eleifa schützt? Glaubst du wirklich, ich überlasse dir den ganzen Spaß? Allein die Tatsache, dass es hier um meine große Schwester geht, sollte dir eigentlich klar machen, dass ich dabei bin." mit diesen Worten schnappte sie sich einen weiteren Leinensack und packte ihrerseits ein paar Kleinigkeiten ein, roch kurz an dem Trockenfleisch, rümpfte die Nase, steckte es dann aber doch ein.

"Gib mir fünf Minuten. Ich hole schnell mein Schwert. Wenn du nicht wartest...ach, egal, ich laufe sowieso schneller als du." sie zwinkerte ihm zu und eilte hinauf in ihr Zimmer.

Der Schneeadler flog wieder und Mandrek hatte sich zurück gelehnt um sich darauf zu konzentrieren, was er sah. Keral stolperte durch den Schnee in Richtung der Feste und würde spätestens im Morgengrauen dort ankommen. Er war sich nicht sicher, ob sein Plan aufgehen würde, aber er hoffte, dass dieser Norska mindestens ein Dutzend der Nordmänner auf dem Gewissen haben würde, ehe er letztendlich selbst das zeitliche segnete. Damon sollte der erste sein, der sterben würde. Nachdenklich drehte er einen der schwarzen Kragen in seiner Hand und betrachtete den knienden Draka vor sich, auf dessen Rücken er seine Beine abgelegt hatte. Tränen der Verzweiflung standen in seinen dunklen Augen und Mandrek lächelte kalt. In ein paar Tagen würde Verstärkung kommen und dann würden sie die Norska endgültig versklaven. Sobald dies vollbracht war, konnte er seine Armee aus wertlosen Sklaven in den Kampf gegen die Draka schicken.

Das Seltsame war, dass er wusste, dass er wahnsinnig in seinem Hass auf die Draka war, aber er hatte Gefallen daran gefunden. Die Norska waren eigentlich nur Mittel zum Zweck. Man hätte sagen können, er rekrutierte sie nur, um so wenig Eleifa wie möglich in den Kampf schicken zu müssen.

"Was ist mit der da?" Jórek nickte in die Richtung der hochgewachsenen Draka, welche schon seit Stunden bewusstlos zu sein schien.

"Sie ist so gut wie tot." antwortete einer der Eleifa und stieß die dunkle Schönheit mit dem Fuß an.

"Draka sterben nicht so schnell. Habe ich nicht gesehen, wie dieser Verräter Borack ihr zuvor seinen Pfeil entfernt hat? Er hätte es nicht selbst getan, wenn sie sowieso dem Tode geweiht gewesen wäre." er ging neben Zhara in die Knie und fühlte ihren Puls. "Sie ist durchaus noch am Leben." ein Lächeln umspielte seine Lippen. "Ich glaube, sie versucht dem Zwang zu entgehen, in dem sie ihr Bewusstsein unterdrückt. Es könnte interessant sein, wie lange sie das durchhält. Beobachte sie."

Die Sonne ging unter und die heiße Luft über dem Sand fing an rötlich zu flimmern. Dieses Rot erinnerte Usamaa an Keishas Haar. Sie war anders gewesen. Er blickte über das Meer aus Sand und dachte darüber nach, was er für die Gunst von Hjara getan hatte. War es das wirklich wert gewesen? Er konnte die leuchtenden Augen des Dschinns noch vor sich sehen und es lief ihm kalt den Rücken runter.

Eine Gruppe von Weisen verlies soeben den heiligen Berg. An ihrer Spitze Bashira, welche leichtfüßig über die spitzen Felsen glitt und ohne Schwierigkeiten im weichen Wüstensand ankam. Sie würde Amwendu von ihrer Entscheidung in Kenntnis setzen. Usamaa drehte sich um und blickte zu den Drakaheer, welches sich bis zum anderen Ende des Tals erstreckte. Sobald die Nacht eingebrochen war, würden sie sich in Bewegung setzen um so der Hitze des Tages zu entgehen und Wasser zu sparen.

Hjara ballte seine Hand, wobei das Leder der Handschuhe knarzte. Zusammen mit Amwendu und einigen Offizieren stand er im Königszelt und wartete auf die Ankunft der Weisen. Der Heerführer hatte nicht viel übrig für die Hexen, die das Schicksal ihres Volkes lenkten. Und darauf zu warten, dass sie von ihrem Berg herabstiegen um etwas zu verkünden, was alle anderen längst wussten, konnte er auf den Tod nicht ausstehen. Er war gerüstet, sein Heer stand bereit. Worauf also noch warten?

Der König saß auf dem Diwan, selbstzufrieden wie immer und erwartete mit gewohnter Genügsamkeit das Urteil der alten Schachteln. Wann würden sie endlich einen Herrscher bekommen, der die Traditionen brach und sich nicht von diesen Dirnen lenken ließ?

Hjara war bereit für den Kampf. Der Dschinn brannte darauf, lechzte nach Blut. Aber es gab auch etwas, das ihm die Freude auf den Krieg im Nordland verdarb. Sein Bastard, dieser meuchelmordende Sohn, den man ihm untergejubelt hatte. Vielleicht war es an der Zeit, sich ihm endlich zu entledigen.

Er wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen, als die Weisen das Zelt betraten.

Bashira ging voran und ihre Blicke trafen sich. Sofort dröhnte ihre mahnende Stimme in seinem Schädel.

Zügele deinen Dämon, dann werde ich schweigen…

Er knirschte mit den Zähnen und nahm etwas Abstand von ihr. Sollte das Weib ruhig glauben, es hätte Macht über ihn. Solange ihre Überheblichkeit sie blendete, war sie blind für die Gefahr, in der sie schwebte.

Hjara ballte die Fäuste und hörte die Entscheidung der Weisen an.

Mit Besorgnis nahm Borack den raschen Wuchs der Eleifaarmee wahr. Aus wenigen Zelten war in kürzester Zeit ein riesiges Lager geworden, über das Mandrek mit kühlem Geist regierte. Sein Angriff würde sicher bald erfolgen. Falls die Norska um Hilfe gebeten hatten, würde Mandrek nicht solange warten, bis diese eintraf. Die Nordmänner würden fallen, noch bevor ihre Verstärkung hier eintraf. Und dieser Sieg sollte die Heerschar der Eleifa um einige unfreiwillige Krieger vergrößern. Eine Armee aus Schwarzkragen, willenlos, furchtlos, dem Tode geweiht. Borack fröstelte bei dieser Vorstellung.

Er lief im Lager umher. Die Verletzten wurden bereits in ein Lazarettzelt gebracht, wo sie unter ständiger Beobachtung von Heilern und Kriegern standen. Sich dort hineinzuschleichen war nahezu unmöglich. Aber die Draka war darin und Borack hatte vor, sie zu befreien.

Es war selbstmörderisch und er konnte es sich selbst kaum erklären. Waren seine Schuldgefühle so groß, dass er sogar Mandrek hintergehen wollte? Welch Wahnsinn hatte ihn nur ergriffen?

Doch immer wenn diese Fragen in ihm aufkamen, sah er die Kriegerin vor sich im Schnee liegen. Bewusstlos, hilflos und mit einem Kragen des Zwangs um den Hals. Ein schwarze Leine, welche die Frau zur Sklavin eines Tyrannen machte. Damit verstummten die Fragen.

Borack schlich um das Zelt, zählte die Wachen, merkte sich die Zeiten des Schichtwechsels. Er musste sie befreien und dann nach Norden. Wenn die Eleifa das Land unterjocht hatten, würden sie nach Süden ziehen. Nördlich von Norsk lag nur karges Ödland, nichts von Interesse. Dort war man sicher.

Borack atmete die kalte Luft seines Landes ein und übte sich in Geduld.

Bashira warf dem General noch einen abwertenden Blick zu, ehe sie sich an Amwendu wandte. Sie hasste Hjara, und ihr war durchaus bewusst, dass dieses Gefühl auf Gegenseitigkeit beruhte. Er war eine Gefahr und musste kurz überlang ausgeschaltet werden. Sie atmete tief durch, gespannt auf die Reaktion des Königs, wenn sie ihm ihre Entscheidung mitteilte. Sie hatten lange geredet, viel diskutiert, doch am Ende waren sie sich einig geworden.

"Amwendu...du und dein Heer, ihr werdet bleiben, wo ihr seid."

Der gelangweilt wirkende Blick des Königs verschwand schlagartig und er starrte die Weise fassungslos an. "Wie bitte?"

"Du wirst dein Heer nicht in den Norden führen. Genau das ist es, was Mandrek will. Wir sind uns einig darüber geworden, dass wir das gesammelte Heer der Draka nicht in seine Arme treiben werden."

"Ihr wollt nichts unternehmen? Bashira, es geht um meine Töchter. Es geht um unsere Ehre." Amwendu war aufgesprungen und funkelte die Weisen an, welche ruhig und völlig emotionslos vor ihm standen.

"Keisha lebt. Ansonsten hätte sie sich nicht mit dir in Verbindung gesetzt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Eleifa sich aus ihrem Gespräch mit dir zusammengereimt haben, dass wir gen Norden ziehen werden. Den Gefallen werden wir ihnen nicht tun. Nur einige von uns werden gehen, mit einer Handvoll ausgewählter Krieger versteht sich."

Hisham trat vor und lächelte den General direkt an. "Selbstverständlich werden wir unseren hochverehrten General mit uns nehmen. Ihn von einem Kampf fern zu halten, wäre sicher nicht in seinem Interesse."

Bashira nickte ihrem Stellvertreter zu. Hjara würde sie nicht einen Moment lang aus den Augen lassen.

"Was wollt ihr ohne Krieger ausrichten?" fragen Amwendu aufgebracht.

"Du wirst schon zu deiner Schlacht kommen. Die Eleifa werden kurz über lang gen Süden ziehen. Wir werden im Hintergrund die Fäden ziehen und versuchen, die Zwangskragen aus dem Krieg rauszuhalten. Ich werde mich persönlich um Mandrek kümmern, sollte mir Keisha nicht zuvor kommen."

Keisha zog sich den weißen, mit Fell besetzten Umhang über ihre schwarze Kleidung und zog die Kapuze tief in ihr Gesicht. Zufrieden betrachtete sie sich im Spiegel, gürtete ihr langes Wüstenschwert, schnappte sich einen weiteren weißen Umhang und eilte den Gang entlang um zu Syrian zurück zu kehren, als sie an Damons Gemach vorbeikam. Der seltsame Normade saß im Schneidersitz auf dem Boden und schien zu meditieren, während der Herr der Norska soeben seine Beine aus dem Bett geschwungen hatte.

Keisha trat ein, bemerkte, dass der Normade sie aus halb geschlossenen Augenliedern beobachtete und warf ihm einen warnenden Blick sowie einen kurzen Gedanken zu.

Ich weiß, dass du mich hören kannst. Alles was du jetzt hörst, vergisst du besser sofort wieder.

Sie beugte sich zu Damon. "Syrian und ich werden zurück gehen und uns um ein paar der Eleifa kümmern. Es kann sein, dass in den nächsten Wochen Verstärkung aus dem Süden kommt. Teile das dem großen Rat der Norska mit, sollten Syrian und ich bis zur Sitzung nicht zurück gekehrt sein. Wenn wir zurückkehren und du unsere Hälse nicht klar sehen kannst, töte uns. Hast du das verstanden?"

Damon blickte sie einen Moment lang an, schien nachzudenken, dann nickte er jedoch. "Aufhalten kann ich euch sowieso nicht, nicht wahr?" Die Draka lächelte und küsste ihn kurz auf die Wange. "Gib das Keral von mir, wenn er wieder kommt." sagte sie und zwinkerte ihm zu, ehe sie den Raum verließ und die Treppe hinunter eilte.

Es verlangte Hjaras ganze Willenskraft, nicht sein Schwert zu ziehen und der Weisen mit einem Streich den Kopf von den Schultern zu schlagen. Im Geiste kostete er bereits das Blut, das aus ihrem Hals schießen und sein Gesicht, seine Lippen beflecken würde. Der Dschinn zuckte in seiner Hand, aber Hjara drohte, flehte, beschwor, tat alles um den Dämon zurück zu halten. Endlich gab der Drang nach und der General begann wieder regelmäßig zu atmen. Niemand hatte seinen inneren Kampf bemerkt. Und Hjara erkannte bald, dass nicht sein Wille gesiegt hatte, sondern sein kühler Verstand. Nur ein paar Weisen, der König, der General selbst und einige auserwählte Krieger sollten nach Norden gehen? Mit einem Mal erschien Hjara die Entscheidung wie ein Geschenk der Götter. So konnte er Bashira und den König ausschalten ohne ein ganzes Heer von Zeugen fürchten zu müssen. Vielleicht würden ihm auch die Eleifa den Gefallen erweisen, seine Widersacher auszuschalten. Ein Lächeln umspielte seine Lippen.

„Hjara?“

„Ja, mein König?“

Amwendu trat an ihn heran. „Ihr habt die Weisen gehört. Ruft ein Dutzend Eurer besten Männer zusammen und lasst sie sich vor dem Zelt versammeln. Beeilt Euch damit. Wir wollen so früh wie möglich aufbrechen.“

Hjara salutierte. „Sehr wohl, mein König.“

Syrian hatte sich einen freien Platz an einem Tisch in der großen Halle gesichert. Die anfängliche Aufregung hatte sich ein wenig gelegt. In der Küche wurde ein Eintopf gekocht und Schüsseln herum gereicht. Neben Syrian stand ebenfalls eine dampfende Portion Grorscht, wie man es hier nannte. Der Draka glaubte Wildschwein in der Brühe zu erkennen, hatte aber angesichts der grünen Pampe schnell den Appetit verloren.

„Schlau von dir, nicht ohne mich zu verschwinden!“

Syrian sah auf als sich Keisha ihm gegenüber setzte. Sein Blick wanderte einen Moment lang über ihren Körper und blieb schließlich an ihren Lippen hängen. Eine etwas andere Umgebung, etwas weniger Leute und er wäre aufgesprungen, hätte sie gepackt und hingebungsvoll geküsst. Nun, wenn er ehrlich zu sich war, dann wäre es beim Küssen wohl nicht geblieben.

„Welche lüsternen Gedanken bringen dich denn gerade zum Schmunzeln?“, fragte Keisha mit verschmitztem Lächeln.

Ertappt senkte er den Blick. „Ich habe gar nichts gedacht.“

„Nicht? Soll das etwas eine Beleidigung sein? Gefalle ich dir nicht mehr?“

Er sah auf, blickte ihr ins Gesicht und prustete laut los. Sie stimmte ein und ihr beider Lachen wirkte in der Halle so fehl am Platz wie nur irgendwas.

Nachdem sie sich wieder beruhigt hatten lenkte Syrian die Aufmerksamkeit auf die Karte vor sich. Keisha schnappte sich derweil den Eintopf, rümpfte die Nase und stellte die Schüssel weit weg von sich. Ein hungriger Norska nahm es dankend an und verschlang den Grorscht in Windeseile.

„Das Gelände außerhalb der Festung ist recht unwegsam und der Wald, in dem die Eleifa ihr Lager aufgeschlagen haben, ziemlich weitläufig“, fasste Syrian die Lage zusammen. „Die Möglichkeit, sich im Dunkeln zu verlaufen, ist also recht groß. Wir sollten bei Morgengrauen aufbrechen. Den Tag sollten wir nutzen um zum Wald zu gelangen. Dem Lager der Eleifa würde ich mich aber vorzugsweise im Schutz der Nacht nähern. Da lässt es sich am einfachsten hineinschleichen und nach Zhara suchen.“

Keisha nickte. „Du kennst dich mit diesen Dingen aus. Ich vertraue dir.“

„Gut“, meinte Syrian und rollte die Karte zusammen. „Bis zum Morgengrauen ist es nicht mehr lang. Wir sollten uns noch etwas ausruhen.“

Ein Blitzen tauchte in Keishas Augen auf. „Und wie stellst du dir das vor?“

Syrian grinste.

Keishas Kopf ruhte auf der nackten Brust Syrians und sie lauschte seinen regelmäßigen Atemzügen. Nachdenklich spielte sie mit einer Locke seines Brusthaares und warf einen Blick in Richtung Fenster. Noch war es stockdunkel und es würde auch noch eine Weile dauern, bis es hell werden würde. Das Nordland war so anders wie die Wüste. Sie hatten lange Tage, in denen die Sonne erbarmungslos auf den Wüstensand brannte, die Norska hatten kurze Tage und lange Nächte in denen die Kälte die Oberhand gewann und einem die Gliedmaßen einfrieren lies. Sie erinnerte sich an ihren kurzen Ausflug in den Eissee und erschauderte.

Ihr war klar, dass sie doch kein Augen zubekommen würde, also stand sie vorsichtig auf, um Syrian nicht zu wecken, wickelte eine zweite, dünne Decke um sich und trat zum Fenster. Erneut versuchte sie Kontakt zu Zhara aufzubauen und erneut rannte sie gegen eine unsichtbare Wand. Eine innere Unruhe hatte sie erfasst und sie wusste, dass sie nicht eher wieder ruhen konnte, ehe sie Mandrek das Herz aus dem Leib gerissen hatte. Sie warf einen beinahe liebevollen Blick auf ihr schimmerndes Wüstenschwert und sah dann zu Syrian. Sein durchtrainierter Körper hob sich kontrastreich vom weißen Laken darunter ab und sein Gesicht wirkte durchgehend entspannt. Als sie erneut aus dem Fenster blickte, konnte sie eine dunkle Gestalt erkennen, welche sich humpelnd der Festung näherte. Sie griff mit ihrem Geist hinaus und erkannte Keral. Wie bei allen Göttern hatte er es geschafft, zu entkommen? Sie überlegte einen Moment, ob sie Syrian wecken sollte, entschied sich dann aber doch dagegen. Er sollte sich ausruhen.

Keisha ging zum Kamin hinüber und fachte das runtergebrannte Feuer erneut an um der aufkeimenden Kälte Herr zu werden, dann lies sie die Decke fallen und begann sich erneut anzuziehen.

Hisham zog Bashira zur Seite. "Sollten wir Keisha nicht mitteilen, dass das Heer der Draka nicht zur Hilfe eilen wird?"

Die Ältere schüttelte den Kopf. "Nein. Sie ist noch zu unerfahren. Ich möchte nicht, dass Mandrek aus ihrem Geist lesen kann, was wir vorhaben. Ich hoffe nur, dass Zedar nicht schon zu Mandrek gestoßen ist. Diese beiden zusammen könnten den gesamten Kontinent versklaven."

"Sie scheinen jedoch schon zusammen zu arbeiten". Bemerkte der Weise und sah Bashira besorgt an. "Er produziert die Kragen, Mandrek hat nicht die Macht dazu."

"Das stimmt, aber er braucht höchste Konzentration dazu. Im Lager Mandreks hätte er sie nicht. Wir müssen also hoffen, dass Zedar noch lange nicht mit seiner Arbeit fertig ist und wir uns so einzeln um sie kümmern können." Die Weise sah zu Hjara. "ER könnte auch noch ein Problem werden. Du wirst ihn für mich im Auge behalten. Sollte sein Dämon auch nur ungefragt pieps sagen, wirst du ihn erledigen. Behalte Saiha bei dir, sie ist zwar noch nicht voll ausgebildet, aber ihr Wille ist stark und sie hat Erfahrung mit Dschinns."

Usamaa saß bei den auserwählten Kriegern und wartete darauf, dass sie endlich losziehen konnten. Er würde wieder bei Syrian, Zhara und Keisha sein und mit ihnen gemeinsam Rache an den Eleifa üben. Seine Hand ruhte auf dem Schwert, welches Hjara ihm gegeben hatte. Er würde in diesem Krieg glänzen und seinem Vater endlich zeigen können, dass er stolz auf seinen Sohn sein konnte. Er würde Keisha und Zhara dazu bringen, ihn anzubeten und Syrian würde ihn verehren.

Keral blickte auf die sich öffnenden Türen der Festung. Er hatte darum gebetet, dass sie sich nicht öffnen würden. Er hatte die Götter angefleht, dass man ihn als Feind erkennen und hinrichten würde, noch ehe sein Fuß die Festung überhaupt betreten hätte, doch all das Flehen und Hoffen hatte keinen Sinn gemacht. Er war erkannt. Er war der engste Vertraute Damons, niemand würde ihm misstrauen. Jeder würde bereitwillig jedes Tor für ihn öffnen und sich somit freiwillig in sein Schwert stürzen. Er betrat den weitläufigen Hof und die Tür zur Festung sprang auf. Eine hochgewachsene Draka kam auf ihn zu. Keisha…sie lächelte ihn an, doch das Lächeln gefror auf ihren Lippen, als ihr Blick in Richtung seines Halses glitt. Sie konnte auch der Verband nicht täuschen, das sah Keral in ihren leuchtend grünen Augen. Seine Hand verkrampfte sich um den Griff seines Schwertes. Sein Befehl war klar. Sollte er erkannt werden, ehe er auf Damon traf, sollte er so viele mit sich in den Tod nehmen, wie möglich. Keisha würde die erste sein. Keral hob sein Breitschwert und lief brüllend auf sie zu. Ein Norska stellte sich ihm in den Weg, versuchte ihn aufzuhalten, doch Keral überrannte ihn regelrecht, rammte ihm sein Schwert in den Leib und zog es blutüberströmt wieder heraus, um sich Keisha zuzuwenden. Weitere Krieger kamen auf ihn zu. Weit würde er nicht kommen, aber er würde so viele mitnehmen, wie er konnte…er musste es.

Sein Blick glitt wieder zu der jungen Draka. Er rechnete mit vielem, als sie ihr schlankes Wüstenschwert zog, schließlich hatte er sie bereits mehrfach kämpfen sehen. Sie gab den Norska ein Zeichen. Ihre Stimme erklang klar und ruhig zwischen den aufgeregten Rufen der Wachen. "Haltet euch da raus. Er ist nicht er selbst." Sie schritt langsam auf ihn zu und hob ihr Schwert. Sie wirkte so zerbrechlich. Fast, als könne er sie mit einem einzigen Hieb seiner Faust in den Boden rammen, doch er wusste, dass sich hinter ihrem liebreizenden Äußeren eine knallharte Kriegerin verbarg. Nur einer würde lebend aus diesem Kampf hervorgehen und er hoffte, dass sie es war.

Während seine Klinge die ihre kreuzte und er sich sicher war, dass die klingenden Schwerter die halbe Festung weckten, wurde ihm klar, dass sie ihn nicht töten wollte. Verzweiflung trat in seine hellen Augen. "Bitte," presste er zwischen den gewaltigen Zähnen hervor. "töte mich."

"Einen Dreck werde ich. Du hast mein Leben gerettet. Nun werde ich das deine retten." antwortete sie ruhig, sprang in die Höhe, wand sich in einem schier unmöglichen Winkel um seiner Klinge auszuweichen und schlug ihm mit voller Wucht ihren Schwertknauf gegen die Schläfe.

Sie hatte keine Ahnung, wie sie ihn retten wollte, doch als der Riese wie ein gefällter Baum zu Boden krachte, riss sie an dem blutdurchtränkten Verband um seinen Hals. Kein Tropfen davon war das Blut Kerals. Der schwarze Kragen, welcher darunter zum Vorschein kam schimmerte matt im Sternenlicht. Keishas Finger glitten daran entlang, versuchten eine Unebenheit zu entdecken, irgendeine Schwachstelle, an der sich der Kragen öffnen lies, doch sie fand nichts. Es war fast so, als wäre das schwarze Band aus einem einzigen Stück gegossen. Sie fluchte und fuhr die Norska, welche starr vor Schreck um sie herumstanden wütend an. "Na los, helft mir. Schafft diesen Kerl irgendwohin wo ihr feste Ketten an den Wänden habt. Wenn er aufwacht, wird er gleich wieder versuchen, euch die Schädel einzuschlagen."

Sie erreichten das Lager noch in der Nacht. Die unbekannten Nordwälder nicht am Tage zu bereisen hätte ihr niemand geraten, aber Nirsa war nicht irgendwer. Sie hatte ihren persönlichen Führer. Einen Norska, der vorantrottete und den Fackelzug zielsicher durch den Wald führte. Dafür waren keine Klinge oder andere Drohgebärden nötig. Bloß ein schwarzer Kragen, der seinen Träger allen Willens beraubte. Nirsa lächelte in sich hinein und zog den langen Tierfellmantel enger um ihren Körper. Ein Patrouillenposten näherte sich ihr und ihren Soldaten. Die Eleifa ließ den Mann gar nicht erst zu Wort kommen, sondern befahl ihm gleich in barschem Ton: „Bringt mich zu Mandrek. Sagt ihm, Zedar sei eingetroffen!“

Dass Mandrek ihr wahrer Fürst war und zu recht Herr über die Eleifa eröffnete sich für Nirsa als sie sah, wie er einen Draka dazu erniedrigte, sich als Fußstütze benutzen zu lassen. Ihr Lächeln kehrte sich nun nach außen. Sie verneigte sich knapp.

„Ich grüße Euch, Mandrek, mein Fürst.“

Mandrek beugte sich misstrauisch vor. In Händen hielt er einen der wertvollen Kragen. „Und Ihr seid? Ich kenne Zedar und er ist weitaus älter als Ihr es seid. Wen also hat mir dieser Schmiedeochse geschickt? Seinen Lehrling?“

Nirsa zuckte unwillkürlich zusammen bei der respektlosen Bemerkung über ihren Meister. Bisher hatte sich kaum jemand getraut, so abfällig über den großen Schmied zu reden. Das war die Macht, bei der man nichts mehr zu befürchten hatte. Zedar hatte sie davor gewarnt. Mandrek war anders. Das sollte sie nie vergessen. Aber selbst der große Fürst war nicht unfehlbar, denn auch er erkannte in ihr keine Frau, sondern sah nur das kantige Gesicht, den festen Blick und die breite Statur.

„Mit Verlaub“, sagte sie und begann den hochgeschlossen Kragen ihres Mantels zu öffnen, „ich bin bei ihm in der Lehre, ja. Er hat mich geschickt, weil er mir vertraut, da er selbst nicht kommen kann. Er arbeitet.“

„Und was, Lehrling“, spottete Mandrek, „bringst du mir?“

Nirsa hatte ihren Kragen geöffnet und entblößte nun ihren Hals. Schlagartig waren alle Augen darauf gerichtet.

„Ich bringe Euch Nachschub. Truppen und zehn Kisten mit der Waffe, durch die dieser Krieg gewonnen werden soll. Aber zudem liefere ich Euch die Möglichkeit, mit Zedar zu sprechen.“

„Wie?“, fragte Mandrek und deutete dabei auf ihren Hals.

Nirsa strich mit den Fingerspitzen über das kühle Metall, welches grün schimmerte. „Meine eigene Kreation. Damit unterliege ich keinem Zwang, sondern kann frei entscheiden. Und nun…“ Sie breitete die Hände aus. „Empfangt meinen Meister.“ Daraufhin sackte ihr Kopf nach unten und die Stimme, die über ihre Lippen kam war nicht längere ihre eigene, sondern die eines Mannes, viele Meilen entfernt.

Syrian erwachte von einer Ahnung des ersten Sonnenstrahls und eines Schreis, der tief aus dem Gemäuer hallte. Er war allein. Sofort verfluchte er Keisha für ihren Übermut alleine losgezogen zu sein. Vermutlich hatte sie ihn sogar verführt um zu türmen, ohne eine Chance für ihn, sie einzuholen. Er schlug die Decke beiseite und zog sich an, schnallte sich die Dolche um die Hüfte. Da erinnerte er sich des Schreis. Wieder echote es von unten heran. Er trat aus dem Zimmer und fand einen leeren Gang vor. Erst als er unten in der Halle ankam empfing ihn wieder eine rege Betriebsamkeit. Syrian blieb einen Moment lang stehen um sich zu konzentrieren. Dabei blendete er jedes Geräusch aus, welches ihn nicht interessierte. Das Schrubben der Bürsten über den verschmutzten Boden, das Geschepper aus der Küche, die Rufe. Er kämpfte solange gegen den Lärm an bis er ihn wieder hörte: den Schrei von unten. Sein Blick fand eine Tür und dahinter eine Treppe, die hinab führte. Syrian folgte ihr zu den Kellergewölben. Die rostigen Gitterstäbe und hellhäutigen Gestalten dahinter verrieten ihm, dass er sich im Kerker befand. Seine Sinne setzen kaum merklich ein. Ohne etwas dagegen unternehmen zu können, suchte er nach dunklen Nischen, merkte sich genauestens den Weg und überlegte sich, wie er hier unerkannt durchkommen könnte, wenn es denn einmal nötig sein sollte. Keisha hatte recht: der Mörder lag ihm im Blut.

Der Schrei wurde lauter, wuchs inzwischen zu einem Brüllen heran. Syrian bog in einen weiteren Gang hinein und betrat schließlich einen größeren Raum. Mehrere Norska hatten sich hier eingefunden, ebenso wie Keisha.

„Was ist hier los?“, fragte Syrian, da begann wieder das Brüllen und er sah, was sie alle anstierten. An der rückwärtigen Wand war ein Norska mit mehreren Ketten an Armen und Beinen gefesselt. Und um seinen Hals lag ein schwarzer Kragen.

Keisha warf Syrian einen kurzen Blick zu. "Mandrek hat Keral geschickt um Damon zu töten. Wie du siehst, ist der Zwang derart groß, dass er sich selbst nicht mehr unter Kontrolle hat. Wenn wir Zhara da rausholen wollen, müssen wir herausfinden, wie wir diese Kragen entfernen können, oder wie wir zu seinem Geist durchdringen und ihn von dem Zwang befreien."

"Kann man den Kragen nicht einfach öffnen?" fragte Syrian ungläubig.

"Nein. Es ist, als würde er aus einem einzigen Stück bestehen. Ich kann den Zauber darin spüren, aber ich weiß nicht, wie ich ihn neutralisieren kann…mir fehlt die Ausbildung." Keisha senkte den Blick. "Wir können Zhara so nicht helfen. Zuerst müssen wir herausfinden, wie der Kragen funktioniert." entschlossen ging sie auf den brüllenden Norska zu. Ihre Augen suchten Blickkontakt und fanden ihn.

"Töte mich. Bitte." die Stimme Kerals war rauh geworden und in seinen Augen brannte Verzweiflung. Der Zwang, seinen Auftrag auszuführen wurde immer größer und brachte ihn schier zum Wahnsinn. Erneut spannte er seine mächtigen Muskeln an und zerrte an den Ketten, doch dem Blick der Draka konnte er nicht ausweichen. Irgendetwas darin beruhigte ihn.

"Ich habe dir schon einmal gesagt, dass ich das nicht tun werde. Nicht nur, weil ich dir mein Leben schulde, sondern auch, weil ich meine Schwester retten möchte." sie gab Sirkka einen Wink. "Verfügen deine Heiler über Blauwurz?"

Die Norska hob eine Augenbraue. "Natürlich, aber du weißt, dass es tödlich wirkt und nur dazu benutzt wird, um tödlich Verletzten die Qualen zu erleichtern?"

Keisha lächelte. "Es gibt auch andere Verwendung dafür. Ich brauche Blauwurz und Sendrablüten. Zu gleichen Teilen zerrieben, aber wirklich zu gleichen Teilen. Wenn eine Menge größer ist als die andere, wirkt es tödlich. Gib die Mischung in einen Becher Wein und rühre kräftig, dann seier die Kräuter durch ein Tuch wieder ab. Der Alkohol löst die Wirkstoffe, welche ich benötige um Keral zu beruhigen. Ich darf seinen Geist nicht vollständig ausschalten, da ich ansonsten nicht mehr zu ihm durchdringen kann…meine Schwester hält mich mit ihrer ständigen Bewusstlosigkeit aus ihrem Kopf."

"Nun, sind wir endlich bereit, loszuziehen?" fragte Hjara ungeduldig und funkelte dabei Bashira an, welche seinen Blick mit provozierender Ruhe erwiederte.

"Was hast du es so eilig? Dein Dämon wird noch früh genug das Blut der Eleifa kosten können. Außerdem werden wir nicht auf dem herkömmlichen Weg reisen." sie nickte den versammelten Kriegern und Weisen zu und sah zu Amwendu. "Ich werde mich binnen der nächsten 3 Tage bei dir melden. Solltest du nichts von einem von uns hören, geh davon aus, dass wir in der Gewalt von Mandrek sind. Du wirst mit deiner Armee auf uns warten. Sichere die Grenzen und achte auf die Fallen, welche wir dort gestellt haben. Lauren wird dir sagen, wo sie sind. Wenn die Armee der Eleifa kommt, habe keine Skrupel. Töte alle, egal ob Eleifa, Norska oder Draka. Wir werden versuchen, die Willenlosen von ihrem Kragen zu befreien, allerdings ist die Macht Zedars stark. Ich kann dir nicht garantieren, dass wir nicht überlaufen. Unfreiwillig versteht sich."

Amwendu nickte verdrossen und drehte seinen Speer in der Hand. "Bring mir meine Töchter und meinen Sohn gesund zurück aber vor allem…bring mir Mandreks Kopf." seine schimmernden Augen funkelten wie geschliffene Edelsteine. Er war ganz und gar nicht mit dem Plan der Weisen einverstanden. Er verfolgte seine eigenen Pläne und hoffte, dass die zurückbleibenden Weisen ihn nicht davon abhalten würden.

Bashira sah ihn einen Moment lang an und es schien fast, als wolle sie noch etwas sagen, dann schüttelte sie nur leicht den Kopf und gab der Gruppe ein Zeichen, ihr in den Turm der Weisen zu folgen.

Usamaa staunte nicht schlecht. Als sie das oberste Zimmer des Turmes betraten, erblickte er Hisham, welcher mit konzentriertem Blick auf dem Boden saß, seine Hand in der von Saiha. Vor ihnen wirbelte ein bläulich Schimmerndes Licht auf dem Boden und er hatte fast das Gefühl, dass der Geruch von Schnee und frostigem Wind zu ihm herüberwehte. Bashira nickte den Männern Hjaras zu. "Nun, geht vor und sichert die Umgebung." erklärte sie eisig lächelnd.

Borack saß im Schneidersitz vor seinem Zelt im Schnee und stocherte in dem heruntergebrannten Rest des Lagerfeuers der Nacht herum. Einer von Nirsas Begleitern beobachtete seinen Versuch, das Feuer mit feuchtem Holz wieder in Gang zu bekommen und ging grinsend neben ihm in die Knie. "Soll ich dir vielleicht helfen?"

Der Norska strich sich sein blondes Haar aus dem Gesicht und sah den hochgewachsenen Eleifa mit hochgezogener Augenbraue an. "Du glaubst auch, dass du Wasser zum Brennen bekommst, oder?"

Der andere lachte dunkel und seine kobaldblauen Augen funkelten belustigt. "Ich glaube das nicht nur, ich weiß es." sagte er und reichte Borack seine Hand. "Mein Name ist Leif und ich mache dir einen Vorschlag. Ich entfache dein Feuer und du gibst mir ein paar Informationen über das Lager hier."

Der Norska sah den Neuankömmling misstrauisch an. "Was für Informationen und wozu brauchst du sie?"

"Nennen wir es einfach private Neugier. Ich würde vor allem gerne näheres über Mandrek erfahren." antwortete der andere und lächelte.

Borack schürzte sich die Lippen und zögerte, doch dann erwiederte er das Lächeln. "Wie wäre es mit Information gegen Information und dem Anfachen meines Feuers?"

Leifs Grinsen wurde breiter und er setzte sich. "Ich sehe, wir verstehen uns." er zog einen Beutel aus seinem Mantel, streute ein wenig des dunklen, pulverartigen Inhaltes auf die Feuerstelle, hielt seine Hand kurz über das feuchte Holz, welches sogleich anfing zu dampfen. Kurz darauf leckten die ersten Flammen an den Zweigen und brachten den Schnee und das Eis zischend zum schmelzen.

"Was für Informationen brauchst du?" fragte Leif und holte eine Pfanne, sowie frisch aussehenden Speck aus einem Beutel.

"Ich würde gerne mehr über die schwarzen Kragen erfahren und ob es eine Möglichkeit gibt, sie abzunehmen. Aus rein privater Neugier, versteht sich."

Der Eleifa warf den Speck in die Pfanne und beobachtete zufrieden wie er anfing sich zu kräuseln. "Ja, es gibt eine Möglichkeit. Ich werde sie dir verraten, wenn du mir alles über Mandrek erzählt hast, was du weißt." sein Blick bohrte sich direkt in den Boracks. "Und ich meine alles. Ich will wissen, was er isst, wann er es isst, was er zu sich nimmt und sogar, wann er sich im Schlaf umdreht."

Der Gestank war widerlich. Syrian lehnte an der kalten Felswand, Norska standen im Raum, wussten nicht wohin sie sehen sollten, scharrten mit den Füßen, fühlten sich fehl am Platz. Keisha stand vor dem gefesselten Keral, dessen Glieder zuckten, als würde sich sein Körper noch immer nach dem Töten sehnen; als würde er am liebsten die Hände um den schlanken Hals der Draka legen und sie zu Tode würgen. Aber Keisha blieb ganz ruhig, schwenkte nur den Becher mit dem stinkendem Gesöff. Es war die Blauwurz, welche den tränentreibenden Geruch verströmte. Sie war in hohen Dosen giftig, doch aufgrund des Gestanks ungeeignet – man konnte sie nicht unbemerkt dem Ziel verabreichen. Syrian schüttelte den Kopf um die Erinnerungen an seine Ausbildung loszuwerden und wandte sich ganz dem Geschehen zu.

„Du wirst das hier jetzt trinken“, befahl Keisha. „Ich weiß, dass du dich weigern wirst, aber das kümmert mich nicht. Ich will nur…“ Sie zögerte und sah Keral lange in die Augen. Der Norska zitterte und schwitzte; ein aussichtsloser Kampf gegen den Kragen.

„Ich will nur, dass du es weißt.“ Keisha krallte ihre freie Hand in seinen Nacken und stieß ihm dann den Becher so hart gegen die Zähne, dass er den Mund öffnen musste. Keral würgte, versuchte sich zu befreien, trank aber. Ein Rinnsal troff ihm aus dem Mundwinkel. Dann war der Becher leer.

Keisha ließ ihn achtlos fallen und trat zwei Schritte zurück.

Syrian beobachtete aufmerksam Kerals Gesicht. Er wusste, was Keisha versuchte, aber es war gefährlich. Es könnte wahnsinnig schief gehen. Im besten Fall wachte der Norska nicht mehr auf – im schlimmsten Fall starb er auf der Stelle. Nun waren alle Augen im Raum auf Keral gerichtet, dessen Muskeln nacheinander erschlafften. Doch Syrian richtete seine Aufmerksamkeit bald schon auf Keisha, die mit geschlossenen Augen da stand, den Kopf leicht nach vorn geneigt. Es war soweit, sie befand sich bereits in seinem Geist. Von nun an half nur noch beten und hoffen.

Hjara spürte ein Ziehen, das ihn zu zerreißen drohte, dann umschloss ihn winterliche Kälte. Ein weiße Wüste tat sich vor ihm auf, kahle Bäume wechselten sich mit spitz zulaufenden Tannen ab, allesamt mit der kalten Masse bedeckt, die in Flocken vom Himmel fiel. Der Wind war eine Klinge aus Eis und am Horizont erhob sich der feurige Ball, goss glutrotes Licht über die weißen Hügel, brachte aber keine Wärme. Tatsächlich – das Nordland. Innerhalb von Augenblicken hatte sie die Wüste verlassen und Meilen überquert, für die sie eigentlich mehrere Tage, wenn nicht Wochen benötigt hätten. Verfluchte Hexerei!

Hjara widerstand dem Drang, sich die Hände zu reiben und warme Luft dagegen zu hauchen. Seine Männer traten einer nach dem anderen durch das Portal und er musste mit gutem Beispiel vorangehen. Sollten sie nur frieren und es auch zeigen, von ihm würde sie keine Schwäche sehen.

„Nun los, Männer. Verteilt euch, bezieht Stellungen, sichert die Umgebung und erstattet Bericht. Aber zügig!“ Sie nickten und gehorchten. Hjara blickte sich um und begann sich zu fragen, wozu sie in diesem eisigen Ödland kämpfen sollten. Sein Blick fiel auf das in der Luft schwebenden Portal. Der Dschinn regte sich und murrte. Hjara konnte ihm nur beipflichten. Auch er war der Ansicht, Bashira den Kopf abzuschlagen sobald sie ihn durch dieses bläulich glühende Hexenloch steckte.

Grinsend wandte er sich wieder ab und ließ sich von der Wut des Dämons wärmen.

Nirsa ließ sich erschöpft in ihrem Zelt auf der Liege nieder. Der lange Marsch hierher, auch mitten durch die Nacht, hatte ihr nichts anhaben können. Sie hätte noch viele Meilen mehr gekonnt. Ihre Hände wanderten zur Kehle empor, bis sie mit den Fingerspitzen das kühle Metall berührte, welches sich in jadegrün um ihren Hals spann. Dadurch konnte sie Kontakt zu ihrem Meister herstellen. Zedar, dessen Name allein schon Legende war; der in seiner Schmiede war und arbeitete, weil er zu nichts anderem fähig war, weil er nichts anderes kannte, außer der Glut im Ofen, den Hammer und den Amboss. Zedar, der nicht reisen wollte aus Angst vor der Welt.

Nirsa ließ sich allmählich auf die verführerischen Verheißungen der weichen Felle auf Schlaf ein. Ihre Hände ruhten noch immer am Kragen. Zedar selbst trug den Zwilling dieses Meisterstücks seiner Schülerin. Daher war es möglich, dass er durch sie mit Mandrek hatte sprechen können. Nirsa hatte jedes Wort mitbekommen, als Beobachterin im eigenen Geiste. Zu Anfang war ihr Fürst noch skeptisch gewesen, aber Zedar kannte Mittel und Wege, ihn zu überzeugen. Nun war Nirsa von einem Gespräch erschöpft, an dem sie nicht einmal wirklich teilgenommen hatte.

Aber noch konnte sie sich dem Schlaf nicht hingeben.

Schritte näherten sich ihrem Zelt, jemand tuschelte kurz mit den Wachen und trat schließlich ein. Nirsa konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, schloss die Augen und erwartete ihn. Er trat an ihre Liege heran und seine Hände berührten ihren Körper.

„Endlich“, meinte sie. „Warum hast du so lange gebraucht?“

„Verzeih, Geliebte“, antwortete Leif. Er begann sie zu entkleiden. „Ich habe mit dem Norska gesprochen, der aus eigenem Willen übergetreten ist.“ Nun hatte er auch sich entkleidet und legte sich neben sie. „Und ich habe ein paar äußerst nützliche Informationen für dich.“ Er küsste ihren Nacken.

„Hört sich gut an“ meinte Nirsa und zwang seinen Kopf tiefer an ihrem Körper hinab. „Aber lass uns später darüber sprechen.“

„Sehr gern.“

Keisha tastete sich vorsichtig vor. Es war etwas anderes als mit Menschen, welche ihr nahestanden zu kommunizieren, hier und jetzt drang sie in einen völlig fremden Geist einer völlig anderen Rasse ein. Sie spürte einen nachgebenden Widerstand und drückte dagegen. Es war anstrengend und die ersten Schweißperlen rollten über ihre Stirn. Sie formte ihren Geist zu einer Spitze und drang langsam durch die zähe Barriere, welche um Kerals Verstand lag. Dort angekommen stürmte eine Vielzahl an Gefühlen, Emotionen und Gedanken auf sie zu. Erschrocken wich sie unbewusst auch in der realen Welt einen Schritt zurück. Sie brauchte eine Erinnerung, eine ganz bestimmte. Ihr Blick wanderte herum, während sie versuchte, sich vor den auf sie einprasselnden Eindrücken abzuschotten. Sie verfluchte sich selbst, dass sie nie zugehört hatte, wenn Bashira ihr etwas hatte erklären wollen. Sie hatte immer nur ab gewunken und gemeint, sie könne es ihr noch einmal erzählen, wenn sie ihr Schwert niedergelegt hätte und sich für die Ausbildung zur Weisen Frau bereit fühle. Nun stand sie hier und hatte in etwa so viel Ahnung von dem, was sie tat, wie ein neugeborenes Kind.

Mandrek spürte das gewisse Ziehen in seinen Schläfen. Hier wurde mit der Macht herumgespielt. Leider konnte er nicht genau deuten, woher es kam. Er würde Nirsa durchaus zutrauen, dass sie es war, schließlich war sie die Schülerin Zedars, dieses nach Schwefel stinkenden Bastards. Er betrachtete den goldenen Weinkelch in seiner Hand, welcher zu einem unförmigen Klumpen zusammengepresst war und warf ihn in eine Ecke. Wenn er so weiter machte, würden ihm bald die Trinkgefäße ausgehen. Der Eleifa schwang seine langen Beine vom Rücken des knienden Draka und warf ihm ein paar angenagte Reste seines Abendmals vor den Kopf. "Hier, friss." sagte er und beobachtete zufrieden, wie der Draka mit angewidertem Gesichtsausdruck anfing zu essen. "Vergiss nicht zu lächeln, mein Guter." fügte Mandrek eisig hinzu. Das Gespräch mit Zedar war nicht so abgelaufen, wie er es gehofft hatte. Das der Schmied nicht nur aus Muskeln bestand, war Mandrek schon lange klar gewesen, aber nun schien er sich auch noch in seine Politik einmischen zu wollen. Seine Worte hatten Mandrek wütend gemacht. "SEINE KRAGEN, SEINE MACHT…" er hatte beinahe den Anschein gemacht, als wäre Mandrek nur ein weiteres seiner Werkzeuge.

Der Eleifa trat vor die Höhle, sein Blick fiel über die Massen an eisbedeckten Zelten, welche im Licht der aufgehenden Sonne schimmerten. Er hatte nun seit drei Tagen nicht mehr geschlafen, aber es störte ihn nicht. Mandrek nahm einen tiefen Schluck aus seiner Feldflasche, welche er stets mit sich nahm und spürte sogleich die Wärme welche ihn durchflutete und in jede einzelne seiner Körperzellen drang. Seine Sinne schärften sich sofort und jegliche Spur von Müdigkeit verflog. Sorgfältig befestigte er die Flasche wieder an seinem Gürtel. Heute würden sie losmarschieren. Er gab seinem General Jórek ein Zeichen und dieser fing an, Befehle zu erteilen. Binnen einer Stunde würden sich tausende von Eleifa in Bewegung befinden.

Sirkka sah besorgt aus. Es waren noch nicht alle Clans versammelt. Sie durften nicht länger warten. Die Festung war sowieso bereits zum Bersten mit Norska gefüllt und die Stimmung schaukelte sich gefährlich hoch. Der Krieg war nun unabwendbar. Die Frage war nur, wer gewinnen würde. Es war das erste Mal seit fast einhundert Jahren, dass sich die Clans der Norska auf einem Fleck versammelten und sich nicht gegenseitig bekriegten. Aber sie fragte sich, wie die Männer reagieren würden, wenn sie auf dem Schlachtfeld auf ihre eigenen Landsmänner treffen würden. Auf Freunde und Verwandte, welche sie töten mussten. Sie hoffte inständig, dass Keisha etwas über den Kragen herausfinden konnte.

Damon humpelte, begleitet von dem seltsamen Nomaden, den Gang in Richtung der großen Ratshalle entlang, in der sich die Clanhäuptlinge zu einer letzten Schlachtbesprechung treffen würden.

Bashira beobachtete, wie Hjara und seine Handvoll Männer die Umgebung sicherten, dann nickte sie einer Gruppe von drei Dutzend Weisen zu, welche selbstsicher durch die schimmernde Öffnung traten. Schlussendlich folgten Bashira selbst, sowie Hisham in Begleitung der Novizin Saiha durch das Tor. Kaum, dass der hochgewachsene Weise seinen Fuß in den Schnee gesetzt hatte, schrumpfte die Erscheinung und verschwand mit einem letzten Lichtblitz.

Bashira wies Hjaras Männern an loszuziehen und ihr einen Gefangenen der Eleifa zu bringen. "Wenn möglich lebend." fügte sie hinzu. "Wenn dies nicht möglich ist, ist das auch kein Problem, Hauptsache, wir kommen an einen Zwangskragen." Sie schloss kurz die Augen. "Geht nach Norden, in zwei Meilen dürften die ersten Eleifa auf euch stoßen. Der Rest kommt mit mir nach Süden, dort zieht ein ganzer Clan Norska in Richtung der Feste. Sollten die Eleifa angreifen, werden wir ihnen eine schöne Überraschung bereiten." Ein leichtes Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie sich wieder an die Zeiten erinnerte, in denen sie als Schwertschwester an forderster Front gekämpft hatte. Sie konnte Keishas Schwierigkeiten verstehen, dem Schwert abzuschwören.

Die Lagerfeuer wurden ausgetreten, Zelte zusammengepackt, auf Wägen geschnürt, Pferde wurden angespannt, jede Seele rüstete sich zum Kampf. Die Offiziere riefen ihre Männer zusammen, stellten sie in Formation. Hunderte Soldaten liefen zwischen den Bäumen – der ganze Wald schien in Bewegung. Das war seine Chance.

Borack betrat das Zelt der Heiler, welches zur Hälfte bereits abgebaut war. Die meisten Verletzten waren bereits wieder auf den Beinen. Borack vermutete, dass ihre schnelle Genesung nicht allein den heilenden Eleifahänden zu zuschreiben war. Aber die Magie hinter den Kragen blieb ihm weiterhin ein Rätsel.

Auf dem hintersten Feldbett lag die Draka. Noch immer bewusstlos, die Wunde auf ihrer Brust war gut verheilt, dennoch regte sich kaum Leben in ihr. Sie atmete, aber mehr war nicht festzustellen.

Ein Eleifa in blutiger Schürze stand neben ihr, schüttelte den Kopf und verzog das Gesicht. Borack, in einen dicken Fellmantel gehüllt, gesellte sich dazu.

„Das wird Mandrek nicht gefallen, das wird Mandrek nicht gefallen…“, wiederholte der Heiler immer wieder murmelnd. Dann sah er auf. „Ja? Was wollt Ihr?“

Borack stellte sich gerade auf. „Mandrek hat mich geschickt.“ Allein die Erwähnung des Namens flößte dem Eleifa Respekt ein. „Ich soll die Draka mitnehmen, er will sie sehen.“ Auf einen spontanen Einfall hin senkte er die Stimme und fügte noch hinzu: „Er ist sehr enttäuscht darüber, dass sie nicht geheilt wurde…“

Dem Heiler fuhr der Schreck in die Glieder und aus der Furcht wuchs Empörung: „Das ist nicht meine Schuld! Ich habe alles Menschenmögliche getan. Jedes andere von diesen armseligen Geschöpfen ist dank meines Geschicks wieder auf den Beinen. Wenn ihr tölpelhaften Krieger sie nicht halbtot geschlagen hättet, sähe es vielleicht anders aus!“

Borack hob beschwichtigend die Hand. „Nun beruhigt Euch wieder. Lasst sie mich einfach mitnehmen, dann lege ich beim Fürsten ein wohlwollenden Wort für Euch ein.“

„Ja, ja, nehmt sie nur mit!“ Der Eleifa entfernte sich und fing an, in der anderen Ecke des Zeltes etwas zusammenzupacken.

Borack sah sich um. Alle waren geschäftig, niemand achtete auf ihn. Er stellte sich neben die Draka und strich ihr sanft die Haare von der Stirn. „Haltet durch. Ich hole Euch hier raus.“

Er nahm seinen Mantel ab, ging in die Knie, schlang sich einen Arm der jungen Frau um den Hals, drehte sich um und hob sie hoch, so dass sie ihm auf dem Rücken lag, wenn er sich leicht vorbeugte. Zum Schluss legte er sich noch den Mantel wieder um, damit ihr Körper vor fremden Blicken verborgen war. So verließ er das Zelt.

Seine Schritte entfernten sich vom Lager. Er sah keinem der Eleifa in die Augen, blieb bei keinem Ruf stehen, verlangsamte seinen Gang nicht, sondern begann sogar zu rennen und rannte noch, als man ihm hinterher schrie und Pfeile links und rechts von ihm in den Bäumen einschlugen.

Stille hatte sich über den Kellerraum gelegt. Einzig ein gelegentliches Stöhnen von Keral hallte zwischen den feuchten Felswänden wider. Die Norska wagten es nicht, sich zu rühren. Keisha selbst schien zur Salzsäule erstarrt. Syrian hingegen war unruhig. Er lehnte an der Tür, kaute auf den Nägeln, ballte die Fäuste. Er wollte los. Am liebsten wär er schon in der Nacht losgezogen um Zhara zu befreien. Mittlerweile war die Sonne bereits aufgegangen und er hing immer noch in dieser Burg fest. Welche Flüche hätte Keisha wohl für ihn bereit, wenn er ohne sie gehen würde?

Jemand tippte ihm von hinten auf die Schulter. Syrian wandte sich um und erkannte einen seiner Landsmänner, der es lebend aus der Höhle geschafft hatte. „Mein Herr, es gibt ein Problem.“

„Warum so förmlich, Lisk?“, fragte Syrian. Lisk war ein älterer Kampfgefährte, dem viele Krieger Respekt entgegenbrachte und im Gegenzug lernte sie von seinen Erfahrung, da er jeden bereitwillig unterwies. „Was habt Ihr auf dem Herzen? Was für ein Problem gibt es?“

Lisk schielte kurz an ihm vorbei in den Raum, runzelte die Stirn und senkte die Stimme als er sagte: „Die Norska halten eine Versammlung ab. Damon und die anderen Clanhäupter kommen zusammen um zu besprechen, wie man auf die Bedrohung der Eleifa reagieren sollte.“

„Das ist doch gut. Wo ist das Problem?“

Lisk sah Syrian streng in die Augen. „Auch unser Volk sollte eine Stimme in dieser Versammlung haben. Du sollst die Draka vertreten.“

Syrian kam ins Schwanken. „Ich?“, zischte er. „Warum ausgerechnet ich? Wieso machst du das nicht? Du bist der älteste von uns.“

„Schon, aber du der Ranghöchste.“ Nach einer Pause setzte er noch hinzu: „Als Sohn des Heerführers.“

Die Erinnerung an seinen Vater verschlug Syrian endgültig die Sprache. Nun war der Tag definitiv dahin.

Nirsa wies die Soldaten ab. „Nichts da. Diese Kisten stehen unter meiner Obhut. Mandrek darf sie zwar einsetzen, wann er will, aber sie tragen und beschützen werden dennoch ich und meine Männer. Habt Ihr das verstanden, Hauptmann? Ihr könnt es Mandrek ruhig so ausrichten. Oder traut Ihr Euch nicht?“

Der Soldat knirschte mit den Zähnen. Dann salutierte er knapp, murmelte ein „Wie Ihr wollt“ und zog mit seinen Männern ab. Nirsa sah ihm lächelnd hinterher. Natürlich versuchte Mandrek so früh wie möglich Hand an die Kragen zu legen. Aber Zedar hatte genaue Anweisungen gegeben: so lange die Kragen nicht benötigt wurden, würden sie in der Obhut seines Schülers verbleiben. Nirsa gedachte, sich daran zu halten.

Jemand rempelte sie an.

„Entschuldigt Euch gefälligst, Soldat!“, befahl sie und wandte sich um. Doch der Mann war nicht stehen geblieben, sondern lief unbeirrt weiter. Und er war kein Eleifa. Nein, es war der kollaborierende Norska, der sich schnellen Schrittes von ihr entfernte. Aber etwas war seltsam an ihm. Sein Gang war der eines alten Mannes, als würd er eine Last tragen. Und Nirsa spürte noch etwas. Ein Ahnung, nur ein zartes Prickeln auf ihrem Hals. Sie folgte dem Norska.

„Ihr da“, rief sie. „Bleibt stehen. Norska, ich befehle dir stehen zu bleiben!“ Da begann der Hüne zu rennen, weg vom Lager. Nirsa überlegte nicht lang. „Haltet ihn!“, brüllte sie und stürmte mit gezogenem Schwert hinterher.

Leif hielt im lockeren Laufschritt mit Nirsa mit. "Lass ihn laufen. Wenn Mandreks Männer ihn nicht bekommen, dann werden die Norska ihn als Verräter töten. Er will jemandem den Kragen abnehmen. Einer mehr oder weniger…was macht das schon aus?"

Nirsa hielt inne und starrte ihren hochgewachsenen Liebhaber an. "Du hast ihm verraten, wie man den Kragen abnehmen kann?" Ihre Augen blitzten gefährlich.

"In der Tat, allerdings hab ich ihm nicht gesagt, dass man dafür ein gewisses Talent benötigt. Er wird den Kragen nicht abnehmen können. Sein Rettungsversuch wird so oder so seinen Tod bedeuten. Vielleicht ist er so freundlich und nimmt noch ein paar Norska mit sich in die Hölle."

Die Schmiedin musterte ihn und entspannte sich. "So bist du also an die Informationen über Mandrek gekommen."

Leif lächelte und seine blauen Augen funkelten listig. "Du weißt, dass du mich nicht unterschätzen solltest, Nirsa." sagte er und nahm ihr sanft das Schwert aus der Hand. Ihr Blick verfolgte noch einen Moment lang die Eleifa, welche dem Flüchtigen nachjagden, dann nickte sie und kehrte zum Lager zurück. In der Tat. Sie durfte Leif nicht unterschätzen. Das hatten bereits zu viele getan und die meisten davon ruhten sechs Fuß unter der Erde.

Als Keisha auf Mandreks Stimme traf, zuckte sie unwillkürlich zusammen. Die Erinnerung an die Worte des Zwangs, welche er an Keral gerichtet hatte, befand sich direkt vor ihr. Nun, sie hatte gefunden, was sie gesucht hatte…aber wie sollte sie diese Erinnerung löschen? Sie konzentrierte sich, stellte sich vor, wie diese Erinnerung verschwand, doch es funktionierte nicht. Ganz im Gegenteil, sie hatte das Gefühl, von dem Zwang gepackt und zerquetscht zu werden.

Ein Norska bemerkte, wie Keisha taumelte und fing sie im letzten Moment auf. Ihr Gesicht war immer noch ausdruckslos und sie schien sich nicht bewusst zu sein, was gerade mit ihrem Körper geschah. Ihr Gesicht verlor nach und nach an Farbe, während ihre Augen starr nach vorne blickten. Der Norska, welche sie aufgefangen hatte, sah verzweifelt auf und Sirkka bahnte sich ihren Weg durch die Männer. "Bei den alten Göttern, ihr steht alle schon fast so starr da, wie Keisha soeben. Lasst mich durch." sie ging neben der Draka in die Knie und bettete ihren Kopf auf ihren Schoss. Als ein Draka zu ihr eilte um nach Keisha zu greifen, funkelte sie ihn an. "Fasst sie nicht an. Ich sorge dafür, dass sie zurückkommt, ehe es zu spät ist, aber noch hat sie ein paar Minuten, ehe ihr Körper versagt."

Die Draka fasste ihre gesammelte letzte Kraft und schleuderte sie in Richtung des Zwangs. Sie spürte den Wiederstand, fühlte etwas zerbrechen und wusste einen Moment lang nicht, ob es in ihr oder in Keral war, doch als sie das nächste Mal hinsah, war der Zwang weg. Jetzt musste sie sich nur noch um die Lösung des Zwangskragens kümmern…aber sie fühlte sich nicht gut…sie hatte das Gefühl, sich aufzulösen…und da war dieser widerwärtige Geschmack und ein Gestank, der nicht zu beschreiben war. Ein Sog erfasste sie und als sie die Augen öffnete, sah sie in das erleichtert wirkende Gesicht Sirkkas. "Das war knapp." murmelte die Norska, ehe sie sich einen Blick auf Keral erlaubte. "Was ist mit meinem Bruder?"

Keisha nickte, hustete und verzog das Gesicht. "Der Zwang uns alle zu töten ist weg, aber ich weiß immer noch nicht, wie man den Kragen entfernen kann…was zum Henker hast du mir da eingeflößt?" fragte sie und versuchte sich mit Hilfe der Norska zu erheben.

"Darjin Kraut." bemerkte die blonde Riesin und grinste. "Ich glaube damit weckt man selbst Tote wieder auf."

Bashira raffte ihre weiten Röcke und lief, gefolgt von dem Großteil der Weisen, durch ein Feld unberührten Schnees. So schön die Sonne die Eiskristalle auch aussehen lies, es war bitterkalt und der Schnee, welcher ihre weichen Lederstiefel durchtränkte, verwandelte ihre Füße in Eisklötze. Entschlossen richtete die Weise ihre dicke Wollstola und rauschte regelrecht auf die Norska zu, welche in einem langgestreckten Zug Richtung Süden zogen. Eine Draka empfand keine Schwäche. Und eine Weise hatte andere Möglichkeiten, sich zu wärmen. Sie lenkte ein wenig ihres Willens in Richtung Füße und sogleich begannen sie leicht zu dampfen und sich zu erwärmen. Fast hatte sie ein wenig Mitleid mit den Kriegern Hjaras…aber nur fast. Hjara hätte es verdient, von seinem eigenen Dämonen verspeist zu werden. Die Weise fragte sich immer noch, wie der Heerführer es geschafft hatte, einem so mächtigen Dämon seinen Willen aufzuzwingen.

Sie lies ihren Geist über die Ebene wandern und entdeckte eine relativ große Gruppe Eleifa, welche sich schnell in die Richtung der vorüberziehenden Norska bewegte. Seufzend sah sie zu dem eisblauen Himmel, an dem sich nicht die kleinste Wolke abzeichnete. Wenigstens schneite es nicht.

Usamaa schlich mit den anderen Kriegern Hjaras um die Gruppe Eleifa, welche eine Handvoll Kragenträger mit sich führten. Seltsamerweise schienen alle Eleifakrieger männlich zu sein. Ihm sollte es nur recht sein. Er hasste es, Frauen töten zu müssen, selbst, wenn es sich hier um Eleifa handelte. Die Gefangenen waren allesamt Norska, welche schwer Beladen durch den Schnee stapften und einen Schlitten zogen, auf welchem die Eleifa Nahrungsmittel und einen offensichtlich Verletzten transportierten. Usamaas Blick glitt zu Hjara, welcher mittels der Zeichensprache der Draka schnelle Anweisungen verteilte. Der Prinz hob eine Augenbraue. Laut den Anweisungen des Heerführers sollten keine lebenden Gefangenen gemacht werden. Bashira jedoch wollte, wenn möglich einen lebenden Gefangenen. Es waren nicht so viele Eleifa, dass es unmöglich gewesen wäre, einen Norska am Leben zu lassen. Usamaa schloss seine Hand um den Griff des schlanken Wüstenschwertes, unschlüssig, welchen Befehlen er folge leisten sollte. Da endeckte er im Augenwinkel eine Bewegung.

„So hört doch, wir dürfen uns nicht ins dieser Festung verschanzen. Wir bieten uns dem Feind damit auf einem Silbertablett dar!“, brüllte ein Norska mit feuerrotem Haarschopf in das Stimmengewirr der Versammlung.

„Der Feind wird sich an diesen Mauern die Zähne ausbeißen!“, hielt ein anderer Nordmann mit verwirrend vielen Zöpfen dagegen. „Ein Pfeilhagel wird ihre Reihen lichten und was dann noch steht, können wir genüsslich aufknüpfen. Ich sage: wir bleiben!“

„Ihr habt gut reden, Lord Keschrir!“ Nun war der Feuerrote aufgesprungen, seine Haare wirbelten wie ein wildes Flammenmeer um seinen massigen Schädel. Er schwang die Fäuste. „Eure Ländereien liegen am anderen Ende des Landes. Gut geschützt vom Eleifaabschaum, während meine Leute hier an Ort und Stelle verrecken!“

Viele stimmten ihm zu, viele waren dagegen. Das Gebrüll schien die massiven Mauern des Gebäudes zum Beben zu bringen. Mehr als die Hälfte der Norska stand bereits und einige hatten schon die Waffen gezogen.

Syrian stand mit seiner kleinen Schar Draka inmitten dieses Getümmels und glaubt jeden Moment zerquetscht zu werden. Es war unmöglich hier eine Meinung zu vertreten. Seine Stimme hätte sich nicht einmal bei den neben ihm Stehenden Gehör verschaffen können.

„Bedenkt Eure Worte gut, Lord Delmahr, Ihr vergesst Euch!“ Dieser Lord Keschrir, offenbar ein einflussreicher Mann, hatte sich erhoben und ein paar Gefolgsleute um sich gescharrt. Das heiße Prickeln einer blutigen Auseinandersetzung brachte die Luft beinah zum Flirren. „Wenn Ihr tapfer kämpft und jeden Eleifa erschlagt besteht für Eure Ländereien keine Gefahr.“ Er wandte sich an seine Mitstreiter und meinte halblaut: „Auch wenn es um diese nicht Schade wäre.“

„Das habe ich gehört!“ Lord Delmahr hieb seinen Axtgriff einem Keschrirsympathisanten ins Gesicht und damit brach die Hölle los. Die Norska fielen über einander her, schlugen sich die Zähne aus, warfen mit Stühlen und Bänken. Syrian wehrte Querschläger aus allen Richtungen ab und bahnte sich einen Weg zum Ausgang. Er sprang den Norska auf die Rücken und hüpfte über ihre Köpfe hinweg. Etwas traf ihn am Kopf und er stürzte auf die Treppe vor dem Hallentor.

Sein Bewusstsein verschlang sich in Wirbeln, wurde unklar, rang um Festigkeit, glitt wieder ins Unscharfe. Er stöhnte und drehte sich auf den Rücken.

„Alles gut?“, fragte jemand. Syrian öffnete die Augen. Zwei Männer hatten sich über ihn gebeugt. Der eine war Damon, an ihn erinnerte er sich, bloß der andere war ihm neu. Sein Blick war fahrig, als sehnte er sich nach fernen Welten, einem weiten Ozean und einem Horizont als Ziel. Ein Nomade.

Als Syrian sich erhob erkannte er, dass Damon verletzt war und dieser Nomade ihn stützte. „Ihr solltet Eure Meute beruhigen“, meinte der Draka.

Damon besah das Chaos eine Weile. „Wer ist dafür verantwortlich?“

„Zwei Lords“, antwortete Syrian. „Delmahr und Keschrir, wenn ich mich nicht irre.“

„Was meinst du, Graisch?“

Der Nomade beäugte das Gemenge, dann sah er zu Syrian. „Wenn Ihr mir helfen würdet? Ich übernehme Lord Keschrir. Wenn wir die beiden auseinanderhalten, wird es sich beruhigen.“

Damon nickte. „Einverstanden.“ Syrian erkannte, dass er keine Wahl hatte und nickte ebenfalls.

Ein Hinterhalt. Hjara hätte es wissen müssen. Um so etwas zu vermeiden bildete man Späher aus. Dumm nur, wenn diese Männer unfähig waren und sich meucheln ließen. Die ersten seiner Soldaten waren wie die Fliegen gestorben. Der Rest wurde in Richtung der Karawane gedrängt, wo man inzwischen aufgeschreckt und kampfbereit war.

Hjara ließ seine Männer einen Ring um ihn bilden, doch er musste einsehen, dass es vergeblich war zu siegen. Inzwischen hatten die kragentragenden Norska ihre Lasten abgeworfen und sich ebenfalls in den Kampf gegen die Draka gestürzt.

Ein Soldat wurde von einem Pfeil gefällt. Ein weiterer wehrte sich gegen zwei Eleifa, tötete den einen, starb durch den zweiten. Der Draka neben Hjara wurde von zwei Norska in Stücke gerissen. Ihre Leichen bedeckten den Schnee, ihr Blut besprenkelte ihn mit sattem Rot. Ein Schwertstreich zielte auf seinen Hals. Der Heermeister wehrte ab und teilte aus. Ein Pfeil schlug rechts von ihm im Schnee ein. Hjara parierte und schlitzte seinem Gegenüber die Kehle auf. Zwei Pranken schlangen sich um seine Schulter und rissen ihn in die Höhe. Er segelte durch die Luft, krachte gegen einen Baumstamm und landete im Schnee.

Durch seinen blutverschmierten Blick sah er, dass die Schlacht verloren war. Ein einzelner Krieger stand noch. Hjara spürte das Brodeln noch bevor ihm die Stimme zu flüsterte. Er müsse nur loslassen, sich von den Klammern des Bewusstseins lösen und etwas freigeben, dessen Hunger er viel zu lange vernachlässigt hatte.

Ein Eleifa kam auf ihn zu, das Schwert erhoben. Hjara schloss die Augen und als er sie wieder öffnete sah er nur noch Blut, Blut, Blut.

Sollten sie ihn verfolgen, er kannte sich hier tausendmal besser aus. Sollten sie ihn jagen, er würde ihnen entkommen, könnte ihnen jahrelang in diesem Wald durch die Finger schlüpfen und wenn sie ihn noch so lange durchkämmten und jeden Stein umdrehten. Borack war hier aufgewachsen. Und diesen Heimvorteil würden die Eleifa zu spüren bekommen.

Hinter einem Felsen fand er Deckung. Behutsam legte er die Draka auf den Boden und deckte sie mit seinem Mantel zu. Nur einen Moment musste er sie jetzt allein lassen. Nur einen Moment um ihre Verfolger loszuwerden. Mit einem Jagdmesser bewaffnet trat er aus der Deckung.

Er zählte fünf. Die anderen hatten sich offenbar bereits zurückgezogen um sich dem Heer anzuschließen. Borack fragte sich, ob Mandrek schon von der Flucht wusste. Würde es ihn überhaupt interessieren? Oder würde ihn die Wut überschäumen lassen? Unwillkürlich hob er den Blick zu den Baumwipfeln auf der Suche nach einem weißen Adler.

Sie kümmerten sich kein bisschen um ein bedachtes Vorgehen. Ihre Schritte waren über Meilen hinweg zu vernehmen. Darüberhinaus riefen sie einander zu, gaben Befehle. Borack verweilte mit angehaltenem Atem geduckt hinter einer Baumleiche. Er brauchte nicht hinter seiner Deckung hervor zu lugen um zu wissen, wann einer seiner Feinde nah genug für einen Angriff war. Schritte knirschten im Schnee. Ein Helm tauchte auf, eine Schulter, ein Arm und eine Hand, die ein Schwert führte. Der Mann hatte gerade noch Zeit seinem Nemesis in die Augen zu blicken, dann hatte Borack ihm schon die Klinge in die Brust getrieben und sein Herz durchstoßen. Der Eleifa ging zu Boden.

Blieben noch Vier.

Keisha wurde schwarz vor Augen, als sie versuchte, sich zu erheben. Sirkka zog sie wieder auf den Boden. "Du musst jetzt ruhen."

"Ruhen?" die junge Draka starrte die Norska an. "Ich muss ihm diesen verfluchen Kragen abnehmen, dann muss ich meine Schwester finden und ihr den ihren abnehmen. Ich kann mich jetzt nicht ausruhen."

Sirkka schüttelte sanft den Kopf. "Du wirst nirgendwo hin gehen und die nächsten zwei Tage auch nichts machen. Du standest an der Schwelle des Todes und bist immer noch nicht weit davon entfernt. Das was du jetzt spürst ist noch die Wirkung des Darjin Krauts. Wenn du dich jetzt nicht erholst, bist du tot, noch ehe die Sonne ein weiteres Mal untergeht." sie nickte einem Norska zu, welcher Keisha auf die Arme nahm, als würde sie nichts wiegen, und noch ehe er sie ganz hochgehoben hatte, spürte Keisha, wie sie das Bewusstsein verlor.

"Bring sie in ihr Zimmer und sorge dafür, dass sie es warm hat. Sie hat in letzter Zeit zu viele ihrer Reserven angezapft. Und bewache ihre Tür. Ich will nicht, dass sie vor übermorgen das Bett, geschweige denn ihr Zimmer verlässt." mit diesen Worten wandte sich Sirkka ihrem Bruder zu, welcher soeben verwirrt die Augen öffnete.

Die Norska blieben stehen und eine kleine Gruppe spaltete sich ab, um den dunkelhäutigen Frauen in den weiten Röcken entgegen zu kommen. "Wer seid Ihr, und was wollt Ihr?" fragte ein breitschultriger Krieger mit rotblondem Haar und stechend blauen Augen.

"Euch Euer Leben retten und den Eleifa ihres nehmen." antwortete Bashira und erwiderte seinen Blick ohne zu Zögern. "Wir sind Draka. Besser gesagt, wir sind die Weisen der Draka. Eine große Gruppe Eleifa ist auf dem Weg hierher und ich bin mir relativ sicher, dass sie Euch in kürzester Zeit töten wird."

"Woher wollt Ihr das wissen?" fragte der Norska. "Wir sind ein vollständiger Clan, ich bezweifle, dass es hier genug Eleifa gibt, um es mit uns aufzunehmen."

Bashira seufzte. Warum waren die meisten Männer nur so überaus stolz, stur und uneinsichtig? Sie konzentrierte sich kurz, um den aktuellen Stand der Eleifa zu bekommen und ihre Augen weiteten sich. "Die meisten unserer Krieger sind bereits tot und bei den alten Göttern, wir wissen, wie man mit diesen stinkenden Bastarden umgeht."

Eine ältere Norska kam hinzu und legte ihre faltige Hand auf die Schulter des Riesen. "Sie spricht die Wahrheit, Olgar." Der Zweifel verschwand sogleich aus den Augen des Mannes und er nickte. "Wenn Ihr es sagt, heilige Seherin". Dann erhob er seine mächtige Stimme und fing an, seinen Männern Befehle zu erteilen.

Bashira warf der Seherin einen belustigten Blick zu. "Ihr habt ihn gut erzogen. Ich hatte mit mehr Widerstand gerechnet."

Die alte Frau lächelte schwach. "Es hat auch lange genug gedauert. Wie wollt Ihr vorgehen?"

"Meine Frauen und Männer haben gewisse Talente. Wir werden den Eleifa ein paar Fallen stellen. Was haltet Ihr von Nebel?"

Jórek ging lächelnd auf den jungen Draka zu, welcher soeben sein Schwert aus der Brust eines Norskas zog. Sie waren ein gutes Stück abseits vom eigentlichen Schlachtfeld und somit alleine. Sein schlankes Schwert glitzerte rot und ein einsamer Tropfen Drakablutes fiel herab in den weißen Schnee, als Jórek mit einer geschmeidigen Bewegung nach hinten griff und sein zweites Schwert aus der Scheide auf seinem Rücken zog.

Usamaa sah den in schwarzes Leder gekleideten Eleifa ruhig an. Er wusste, dass nur einer von ihnen diesen Kampf überleben würde. Schimmernde Metallplatten auf seiner Kleidung schützten den schwarzhaarigen Mann und seine schartigen Unterarmschienen zeugten davon, dass Usamaas Gegner weit mehr Erfahrung hatte, als er. Ein raubtierhaftes Lächeln umspielte die Lippen des Eleifas und seine hellen Augen funkelten vor Kampfeslust.

„Nur noch Ihr seid über.“ Sagte er fast ein wenig enttäuscht. „Ich hoffe, Ihr habt nicht vor, Euch zu ergeben?“ offensichtlich hatte der Eleifa Hjara übersehen, oder als kampfunfähig abgestempelt. Aber selbst, wenn Hjara ihm zur Hilfe eilen hätte können, er war viel zu weit weg.

Usamaa straffte seine Schultern und sah dem Eleifa direkt in die Augen. „Eher stürze ich mich in mein eigenes Schwert.“

„Ich liebe den Stolz Eurer Rasse. Es macht in der Tat Spaß, gegen euch Wüsteninsekten zu kämpfen. Schade, dass es hier so wenige von euch gibt. Wenn wir schon dabei sind…woher kommt ihr eigentlich so schnell?“

Die beiden Männer fingen an, sich zu umkreisen. Jede Faser von Usamaas Körper war angespannt und in Alarmbereitschaft. Er durfte sich jetzt keinen Fehler leisten.

„Wir haben unsere Möglichkeiten. Ich an Eurer Stelle würde nicht davon ausgehen, dass wir die letzten Draka hier im hohen Norden waren.“

„Mmm Magie? Mein Meister wird begeistert sein. Er liebt Herausforderungen. Das ist auch der Grund, aus dem er so gerne gegen Euch in den Krieg zieht. Nur dieses Mal werdet ihr verlieren.“ Er griff an.

Mandrek saß auf dem Rücken seines schwarzen Schlachtpferdes und ritt seinen Männern voran. Sein Blick war abwesend, während er seinen Adler kreisen lies. Der Hinterhalt hatte geklappt. Die Draka waren zu unvorsichtig gewesen. Seine Kundschafter hatten sie bereits entdeckt, als sie durch das Tor geschlüpft waren. Offensichtlich war ihr vollständiger Trupp der Vernichtung anheim gefallen. Fast schade. Er hatte sich mehr Gefangene erhofft.

Es war ein eigener kleiner Kampf um zu den beiden Streithähnen zu gelangen. Syrian griff beherzt nach Delmahr und hielt ihn mit einem geschickten Griff fest. "Lass mich los, du stinkender Wüstenbastard!" schrie der rothaarige Lord und versuchte sich mit aller Kraft loszureißen. Syrian wusste jedoch, was er tat. Es handelte sich um einen für ihn kräftesparenden Griff, gegen den die mächtigen Muskeln des Nordmannes nichts anrichten konnten. Graisch kümmerte sich mit einer vollkommen anderen Methode um Lord Keschrir. Er setzte dem Riesen mit den grauen Schläfen einfach eines seiner unterarmlangen Messer an die Kehle und lächelte. "Noch eine Bewegung und Ihr müsst Euch nie wieder Sorgen um Kopfschmerzen machen."

Damon hatte sich mittlerweile auf einen Tisch gezogen, stützte sich auf sein langes Breitschwert und hob den Kopf. "HALTET EURE KLAPPE UND HÖRT MIR ZU!" seine Stimme klang ruhig, war aber so laut, dass selbst die kleinen Kämpfe in den hintersten Reihen zur Ruhe kamen. "WOLLT IHR DEN ELEIFA ETWA DIE ARBEIT ABNEHMEN UND EUCH GEGENSEITIG VERNICHTEN?" Der Blick aus seinen weißblauen Augen glitt zu den beiden Anstiftern. Lord Keschrir erwiderte seinen Blick einen Moment lang stur, wandte jedoch dann beschämt seine Augen ab. Lord Delmahr atmete tief durch und entspannte sich im Griff des Draka.

"Ich glaube, ihr könnt sie loslassen." Damon nickte Syrian und Graisch zu und der Wüstenmensch lockerte vorsichtig seinen Griff, ehe er den Norska endgültig frei lies. Dieser rieb sich seine Schultern und musterte den Mann, welcher halb so breit war wie er. "Ihr habt eine gute Technik." murmelte er. Graisch seufzte fast enttäuscht und lies sein Messer wieder in seiner weiten Kleidung verschwinden.

Damon richtete sich auf und sah über die Menge vor ihm. Er hatte nie ein Führer sein wollen. Er vermisste Keral an seiner Seite. Der blonde Hüne hatte immer gewusst, was zu tun war. Nun musste er es alleine durchziehen.

Leif ritt in einem kurzen Abstand hinter Mandrek und beobachtete ihn, merkte sich jede einzelne seiner Bewegungsabläufe und prägte sich seine Gesten und Mimikspiele ein. Er lauschte jedem seiner Worte und lies die Aussprache auf sich wirken. Bald. Nicht mehr lange und Mandrek würde sein blaues Wunder erleben. Mandrek, der sich so allmächtig vorkam, so unbesiegbar. Seine Hand glitt zu dem schwarzen Kragen, welcher an seinem Gürtel hing. Mandrek würde schon sehen, wer mächtiger war. Zedar hatte ihm genaue Anweisungen gegeben. Anweisungen, von denen noch nicht einmal Nirsa wusste. Ein Lächeln umspielte seine Lippen und lies sein übermenschlich schönes Gesicht weich erscheinen, doch es erreichte seine kobaltblauen Augen nicht. Nirsa sollte eigentlich wissen, dass er sie nicht begehrte. Aber sie war eben auch nur eine Frau mit körperlichen Bedürfnissen. Sein Blick wanderte zu einer Drakafrau, welche mit leerem Blick einen Schlitten neben Mandrek herzog. Draka waren interessant. Leif konnte Mandrek in diesem einen Punkt verstehen. Draka waren eine Herausforderung. Sie zu bändigen hieß mehr, als ihnen nur einen Kragen umzulegen.

Amwendu stand auf einem Felsen und blickte auf seine Armee hinunter. "Ihr kennt die Bedrohung, ihr kennt das Risiko und ihr wisst, dass diese Mission freiwillig ist. Die Weisen haben gesagt, wir sollen hier warten, sollen ihnen den Kampf überlassen, aber ich werde ihren RATSCHLAG dieses Mal nicht befolgen. Ich werde in den Norden ziehen und denjenigen gegenüberstehen, welche meine Tochter und mehrere meiner Krieger Gefangenhalten und foltern. Zuerst jedoch müssen wir das Übel an der Wurzel packen. Zedar stellt die Zwangskragen her. Er bricht die seit tausend Jahren von allen eingehaltenen Gesetze. Die Eleifa befinden sich in den Nordländern. Ihre Armeen haben ihr eigenes Land verlassen. Dieses ist uns nun schutzlos ausgeliefert. Wer zieht mit mir? Wer kämpft für die Ehre und den Stolz unseres Volkes? Bereiten wir den Eleifa ein endgültiges Ende, packen sie bei der Wurzel und verbannen das Übel von dieser Welt!"

Es gab kein Zögern, kein Zweifeln, nur ein einstimmiges Kriegsgebrüll, welches Amwendu entgegenschlug. Er riss seinen Speer in die Höhe und schrie " ÞÁ SæMD FYRIR OKKAR FÓLK! FÜR DIE EHRE, FÜR UNSER VOLK" der alte Kriegsruf wurde vielfach erwidert und die Männer und Frauen hoben ihre Speere und Wüstenschwerter in die Luft.

Ihre Hiebe zeigten keine Wirkung auf ihn und um sie zu bezwingen, bedurfte er nicht mal einer Klinge. Stattdessen zerquetschte er ihre Kehlen, schleuderte ihre zappelnden Leiber gegen Baumpfähle und riss ihr Fleisch mit den Zähnen vom Knochen. So sehr Hjara die Kräfte des Dschinns begrüßte, so sehr wünschte er sich manchmal, wegsehen zu können. Aber das war ihm nicht erlaubt. Solange der Dämon die Herrschaft über seinen Körper hatte und ihn mit Mächten aus der Finsternis fütterte, war der Feldheer dazu verdammt, tatenlos mit anzusehen, was vor seinen wutsprühenden Augen geschah. Der Eleifa zu seinen Füßen war bereits besiegt. Angsterfüllt starrt er die Kreatur an, die ihn am Haarschopf gepackt auf die Knie zerrte. Keine letzten Worte waren dem Mann gegönnt. Der Dschinn fuhr herab und biss große Stücke aus seinem Gesicht bis bloß noch ein undefinierbarer Klumpen roten Matschs übrigblieb.

Vorbei, vorbei. Alle Krieger waren tot, sowohl eigene als auch feindliche. Und die Wut verrauchte. Hjara wusste, was das hieß: wenn der Dämon ging, würde er einen Körper zurücklassen, der die Strapazen von vielen Tagesmärschen ohne Schlaf durchstanden hätte. Langsam schlich die Erschöpfung in seine Glieder. Das Rauschen in seinen Ohren verklang und er hörte wieder das Heulen des Windes und… Schwerter aufeinander prallen. Hat etwa doch noch wer überlebt?

Mit letzter Kraft, die Knie wurden weich, schleppte sich Hjara in die Richtung aus der die Kampfgeräusche kamen. Jeder Schritt brachte neue Schmerzen. Die Wunden heilten zwar dank der dämonischen Macht, dennoch blieben Echos der Qual zurück. Humpelnd, ächzend und ohne Orientierung bis auf die Laute voraus bewegte er sich durch den Schnee. Aber er kam nicht weit. Kaum waren die Kämpfenden in sein Sichtfeld gerückt, wandelte sich die Welt von Weiß in Schwarz.

Ihre Lippen waren blau und von der dunklen Hautfarbe, die heißer Bronze glich, war kaum noch etwas zu erkennen. Sie wurde nicht bleich, sie wurde grau. Borack hielt die Draka, eingewickelt in Fell wie ein zu groß geratenes Findelkind, in den Armen und stampfte mit ihr durch den Schnee. Sie war leicht, dennoch kam er ins Schwitzen, denn er musste sich sputen. Zwei Eleifa hatte er noch erwischen können, aber mindestens zwei weitere, wenn nicht mehr, waren ihm noch auf den Fersen. Er hoffte nur sie durch das viele Hakenschlagen und im Kreis gehen abschütteln zu können. Doch dieses Unterfangen war kräftezehrend.

Endlich hatte er einen Unterschlupf erreicht. Eine Höhle. In dieser Gegend gab es viele von ihnen, nur führten die meisten entweder nicht sehr tief in den Fels oder stellten sich als wahre Labyrinthe heraus. Borack kannte sie aber gut und wusste, welche sich als Versteck eignete. Er ging einige Meter hinein, nahm zwei Abzweigungen und legte die Draka sanft auf den Boden ab. Zeit verstrich in denen nur sein Atem die Stille durchbrach. Dann hatten sich seine Augen ans Dunkel gewöhnt. Vorsichtig hielt er eine Hand an ihre Nase - sie atmete noch, wenn auch schwach.

Was war das? Schritte, Stimmen. Am Höhleneingang.

Borack hielt die Luft an und wartete. Die Geräusche näherten sich, wurden lauter, dann verebbten sie wieder und verschwanden schließlich ganz. Gut, sein Plan war aufgegangen. Nun musste er Vorkehrungen treffen. Wenn dieser Eleifa recht behielt, dann war noch viel zutun, bis die Draka von ihrem Kragen befreit werden konnte.

Nirsa konnte sich kaum konzentrieren. Sie ritt in der Mitte des Zugs, nah bei den Truhen voller Zwangskragen. Und so sehr sie es auch versuchte, immer schweiften ihre Gedanken vom eigentlichen Ziel ab. Mal drängte sich Leif mit seiner Kraft und dem Geruch seines Schweißes in ihren Kopf, dann war es Zedar, den sie in Gefahr sah. Aber all das versuchte sie mit aller Macht zu verdrängen, während der kalte Wind ihr entgegenschlug. Sie unternahm einen erneuten Versuch. Die Augen halbgeschlossen konzentrierte sie sich auf ihren eigenen Kragen um über diesen den eines Opfers zu finden. Doch alles was sie sah, war Dunkelheit. Vielleicht waren die Augen desjenigen geschlossen? Nisra musste sich mehr anstrengen. Sie gab sich alle Mühe, bekam aber nicht mehr zu sehen, als die Dunkelheit, die schon die ganze Zeit über da gewesen war. Sie gab es auf. Vielleicht würde sie ein anderes mal mehr Erfolg haben.

Keisha hatte Schmerzen. Ihr gesamter Körper schien aus einem einzigen Schmerz zu bestehen und heftige Anfälle von Schüttelfrost liesen sie immer wieder erschaudern. Ab und an erwachte sie, und immer wenn sie ihre Augen öffnete, war jemand an ihrem Bett und legte ihr kühle Tücher auf die Stirn. Sie hörte auch Stimmen, sie klangen besorgt, aber Keisha nahm sie nur gedämpft wahr, als hätte sie Watte in den Ohren und immer wieder kamen die Träume. Träume in denen sie selbst den Kragen trug und Mandrek lachend über ihr stand, sie zwang, Dinge zu tun, welche sie sich in ihren schlimmsten Alpträumen nicht hätte vorstellen können. Und immer wieder sah sie den Augenblick, in dem Mandrek ihre Eltern tötete.

Ein hochgewachsener Draka betrachtete Keisha mit unbewegtem Gesicht. "Was ist mit ihr?" fragte er die blonde Norska. "Ich dachte, Ihr hättet gesagt, dass sie nur Ruhe braucht. Dass sie erschöpft sei." Sirkka legte ein Tuch in eine Schüssel Eiswasser und presste es wieder aus, ehe sie zu Keisha ging und das kalte Tuch auf ihre Stirn legte. Das Bett war zerwühlt, es verging kaum eine Minute, in der die junge Draka still lag. Ihre Augen bewegten sich hastig unter ihren geschlossenen Liedern und ihr Körper verkrampfte sich immer wieder.

"Es war meine Schuld. Ich hätte sie früher zurückholen müssen. Sie hat beinahe ihre gesamten Kräfte verbraucht, um den Zwang zu besiegen…Ich bin mir nicht sicher, ob sie es schafft…." ihre Stimme brach und sie atmete tief durch, um sich wieder zu fangen. "Das Einzige, was sie im Moment am Leben hält ist ihre Sturheit und ihr Hass auf die Eleifa." Die Norska hielt den Kopf der Draka fest und flößte ihre in paar Tropfen von einem hellblauen Trank ein. Sofort entspannte sich Keishas Körper und ihre Augen hörten auf, herum zu rollen, ihr Atem wurde leichter.

"Syrian wird nicht begeistert sein…" murmelte der Draka und betrachtete Keisha. "Ganz und gar nicht begeistert." er stärkte den Griff um seinen kurzen Speer, drehte sich um und verließ den Raum.

Sirkka seufzte und drückte die schlanke Hand der Wüstenblume. "Halte durch. Ich flehe dich an. Mein Bruder braucht dich."

Dichter Nebel stieg aus dem Schnee auf und wirbelte um die Fesseln der Pferde. Die große Gruppe Eleifa störte sich nicht daran. Nur ihr Anführer betrachtete den immer schneller aufsteigenden Nebel skeptisch. Der eisblaue Himmel zog sich langsam zu. Langsam, aber dennoch zu schnell, um natürlich zu sein. Hier arbeitete jemand daran, alles natürlich wirken zu lassen. Der Nebel wurde dichter, stieg immer höher und nun beäugten selbst die anderen Krieger das Schauspiel skeptisch. Dichte Wolken hatten den Himmel vollkommen verdunkelt und die Sonne selbst verschluckt, während die dicken, weißen Schwaden um sie herum die Pferde unter ihnen verschluckten und weiter aufstiegen. Elias winkte einen Norska zu sich. "Führe uns zu der Ebene von welcher du uns erzählt hast. Halte dabei diese Fackel, damit wir dir folgen können….wie viel Macht haben die Weisen deines Volkes?"

Der Norska nahm die Fackel mit funkelnden Augen entgegen. Am liebsten hätte er sie dem Eleifa ins Gesicht geworfen, doch der Kragen hielt ihn davon ab und sein Mund öffnete sich automatisch. "Bei weitem nicht so viel, um das Wetter in diesem Maße zu beeinflussen….soweit es mir bekannt ist."

Elias presste seine Lippen zusammen und starrte angestrengt in das undurchdringliche Weiß vor ihm. Der Norska war verschwunden und nur das schwache Licht der Fackel verriet seine Anwesenheit. Elias hasste die Nordlande. "Wenn dieses Wetter natürlichen Ursprungs ist, verspeise ich meinen eigenen Stiefel." murmelte er. "Ändert sich das Wetter hier oft so abrupt?" fragte er den Norska scharf.

"Ja, durchaus. Darum ist es auch sehr gefährlich, sich im Winter in den Hochlagen zu befinden. Nur wenige meines Volkes kennen sich hier so gut aus, dass sie blind durch die Felsen kommen, ohne in die nächste Spalte zu fallen."

"Du hast gesagt, die Ebene sei nicht weit entfernt. Kannst du uns SICHER dorthin führen?"

Der Norska lächelte kalt. "Nein." antwortete er ehrlich. Etwas anderes wäre ihm auch gar nicht möglich gewesen und er war froh, diese Antwort geben zu können.

"Diese Wetterveränderung ist ja ganz gut und schön, aber ich frage mich, wie wir die Eleifa nun finden sollen." bemerkte die Seherin der Norska trocken.

Bashira richtete sich ihre sandfarbene Stola und betrachtete zufrieden das Ergebnis ihrer Arbeit. Einen Schritt vor ihr baute sich eine beinahe greifbare Nebelwand auf, in welcher man kaum die eigene Hand vor Augen sehen konnte. Hisham und ein paar weitere Weise standen ebenfalls vor der Wand und nicht wenige davon wischten sich verstohlen den ein oder anderen Schweißtropfen von der Stirn. Bashira hatte die Stränge der Macht gelenkt, aber sie hatte sie alle anzapfen müssen. Selten hatte eine Weise so viel Macht alleine gelenkt, aber Bashira war trotz der Erschöpfung, welche sie sich nicht anmerken lies, zufrieden mit dem Ergebnis. Vorsichtig griff sie erneut nach der Quelle ihrer Macht und tastete sich durch den Nebel, dann zog sie ihr unterarm langes Messer und gab den Weisen ein Zeichen. "Wir werden uns um die Gruppe kümmern. Achtet ihr und eure Männer darauf, dass außer uns keiner den Nebel lebend wieder verlässt."

Die alte Seherin der Norska sah sie überrascht an. "Ihr wollt keine Krieger vorschicken?"

Hisham lächelte verstohlen. "Alle Draka sind Krieger. Uns wurde nur eine zusätzliche Aufgabe übertragen, welche uns abverlangte, die Waffen niederzulegen. Unsere Fähigkeiten als Krieger haben wir jedoch nicht verloren."

Bashira nickte ihm zu und die Weisen verbanden sich erneut. Jeder spürte, was der andere fühlte, jeder sah, was der andere sah und gemeinsam betraten sie wie ein Mann den Nebel, bereit zu töten und wenn es sein musste, auch zu sterben.

„Lass uns allein!“

Er hatte lange schweigsam im Türrahmen gestanden und Sirkkas Rücken angestarrt und seine Worte wohl überdacht. Aber es fiel ihm schwer. Er hatte in den letzten Stunden Damons Rede gelauscht, einer Ansprache, die von Führungskraft geprägt war, obwohl der Norska mit seiner Verletzung gerungen hatte. So zu reden war noch nie Syrians Stärke gewesen, ebenso wenig war er gewohnt, so viel Aufmerksamkeit zu bekommen.

Sirkka schreckte herum. Sie wirkte erschöpft. Das einfallende Mondlicht malte tiefe Schatten unter ihre Augen.

„Ist schon gut“, meinte Syrian beschwichtigend. „Ich kümmere mich um sie.“

Sie nickte, sah noch einmal zum Bett und verließ schließlich den Raum. Syrian wartete ab bis er ganz sicher sein konnte, dass niemand mehr auf dem Gang draußen war und mithören konnte. Er schloss die Tür und setzte sich neben das Bett.

„Keisha“, flüsterte er. „Keisha!“, wiederholte er etwas lauter, aber als auch das wirkungslos blieb schubste er sie leicht an der Schulter. „Wach auf, bitte.“

Langsam, unter offenbar großer Anstrengung, hoben sich ihre Lider. Sie flatterten und als Syrian gerade befürchtete, dass sie wieder zufallen würden, riss Keisha die Augen auf. Ihr Blick huschte unstet durch das Zimmer. Erfasst den Mond durchs Fenster, wanderte umher und blieb schließlich an dem Draka hängen.

„Syrian“, krächzte sie. „Was…?“

„Spare dir deine Kräfte für etwas anderes auf.“ Unwohlsein umfing ihn. Er lehnte sich weit nach vorn. „Hast du mit Keral sprechen können? Hast du den Bann des Kragens durchbrechen können?“

Sie runzelte die Stirn. „Wasser…“

Syrian füllte einen Becher mit Wasser und hielt ihn an ihre Lippen. „Langsam“, mahnte er, doch natürlich verschluckte sie sich und begann fürchterlich zu husten. Er half ihr sich aufzusetzen. Nachdem der Anfall vorüber war verlor er keine weitere Zeit. „Was ist nun? Konntest du zu Keral durchdringen, oder nicht?“

Keisha schluckte, atmete schwer. Sie wirkte furchtbar krank und jeder andere in ihrer Verfassung wäre wahrscheinlich längst in Ohnmacht gefallen. Aber sie war eine einzigartige Kämpfernatur. Syrian wusste das und schätze es sehr.

Sie nickte. „Ja, ich konnte mit ihm reden. Es war so-“

„Das spielt keine Rolle“, unterbrach Syrian sie rüde. Er ignorierte ihren missmutigen Blick und sprach weiter. „Kannst du Kontakt zu Zhara aufnehmen? Kannst du mit ihr sprechen, herausfinden, wo sie sich befindet?“

„Was… du… warum… weshalb willst du das wissen?“ Im selben Augenblick fiel ihr die Antwort selbst ein und ihre Stimme gewann beinah wieder ihre gewohnte Schärfe. „Bist du des Wahnsinns? Du willst immer noch da raus und sie retten? Allein? Mandreks Truppen müssen doch sicher längst schon auf dem Vormarsch sein und wenn nicht, dann bereitet er sich sicherlich schon darauf vor.“

Die Eleifa waren tatsächlich auf dem Weg. Späher der Norska hatten es kürzlich verkündet. Und diese Armee war bereits näher, als alle befürchtet hatten. Aber das würde Syrian verschweigen.

„Du weißt besser als sonst jemand, wie grausam Mandrek ist und was er deiner Schwester antun könnte. Noch dazu, da sie diesen entsetzlichen Kragen trägt. Ich muss sie dort herausholen und von diesem Dämonenwerkzeug befreien und nur du kannst mir dabei helfen. Sag mir, was sie sieht – vielleicht finden wir dadurch heraus, wo sie steckt, wie es ihr geht. Keisha, bitte!“

Er fasste sie an den Schultern und hielt sein Gesicht ganz nah vor das ihre. Ihr sanfter Atem strich über seinen Wangen.

„Ich bin noch sehr schwach“, meinte sie kleinlaut.

„Versuch es. Bitte. Für Zhara. Für deine Schwester.“ Dann ließ er von ihr ab und fügte etwas leiser hinzu: „Und auch für mich.“

Sie seufzte in die Stille.

„Also gut…“ Ihre Worte waren kaum mehr als ein Flüstern und Syrian wagte nicht, etwas darauf zu erwidern in der Angst, es könnte sie umstimmen.

Eine Zeitlang geschah überhaupt nichts. Kein Geräusch war zu vernehmen, dann hörte er ein leichtes Stöhnen von ihr und wusste: Keisha war in Trance.

Nirsa hatte sich etwas vom Haupttrupp abgesetzt um die Ruhe zur Meditation zu nutzen. Bei alldem Gegrunze und Gestampfe bei den Männern war es ja kaum auszuhalten. Sie sah die Armee in einigem Abstand durch den Wald vorbeiziehen und wandte sich schließlich davon ab.

Sie war vom Pferd gestiegen; schloss die Augen.

Im nächsten Moment fand sie sich am Ufer eines spiegelglatten Sees vor, dessen Oberfläche pechschwarz schimmerte. Sie blickte hinein, aber kein Spiegelbild schaute zurück. Verwundert blickte sie sich um. Dank ihres eigens geschmiedeten Kragens hatte sie die Macht über alle Träger eines Zwangskragens und bislang hatte sie damit nie Probleme gehabt. Doch die Person, die dieser Norska aus dem Lager entführt hatte, konnte sich ihrer Macht irgendwie entziehen. Bloß wie? Nirsa fand es ebenso rätselhaft wie bewundernswert, gleichwohl aber auch ärgerlich. Sie sah erneut in den See und diesmal erblickte sie etwas ganz nah unter der Oberfläche. Sie bückte sich und griff hinein.

„Hab ich dich!“ Mit einem triumphalen Grinsen zog sie das Haupt einer jungen Drakakriegerin an den Haaren nach oben. Sie legte ihre eigene Stirn an die der Fremden und sah nun endlich, was die andere sehen konnte.

„Da ist ein Feuer“, sagte Keisha.

„Ein Feuer?“ Syrian horchte auf. „Was für ein Feuer? Brandschatzen diese Eleifahunde?“

„Nein, nein. Es ist ein Lagerfeuer.“

Das beruhigte den Draka. „Was sonst? Ist jemand bei ihr? Wie viele sind es?“

Die Antwort dauerte ein wenig. „Niemand“, sagte Keisha zögerlich. „Ich sehe niemanden. Sie scheint in einer Höhle zu sein. Ganz allein. Und… warte! Da ist doch jemand!“

„Wer? Wer?“ Syrian war aufgesprungen. „Wo sind diese Hunde. Antworte!“

„Sie sind… hier!“ Keishas Stimme klang verändert. „Hallo, Hübscher.“ Syrian stolperte zurück, gegen die Tür und taumelte, als diese von außen geöffnet wurde.

„Was geht hier vor?“ Sirkka kam herein, doch Syrian beachtete sie kaum. Er bemerkte noch, wie Keisha wimmernd auf dem Bett zusammenbrach, dann war er schon den Flur entlang hinfort gestürmt.

Nirsa öffnete die Augen.

Die Armee verschwand allmählich inmitten der Baumreihen. Neben ihr blähte das Pferd die Nüstern. Sie hatte die Trance verlassen. Ein aufschlussreicher Ausflug. Nicht nur, dass sie den Widerstand einer zähen Draka gebrochen hatte, nein, sie hatte auch die Verbindung zu einem offenbar sehr magiebegabten Jemand herstellen können. Und dabei dieses äußerst ansprechende Subjekt Mensch entdeckt.

Zufrieden setzte sie auf und ritt los. Dieser Krieg wurde immer interessanter.

Borack kam mit einigen Vorräten zurück in die Höhle. An der Feuerstelle angekommen legte er alles ab, wetzte sein Messer und wollte gerade damit beginnen, dem Hasen das Fell abzuziehen, als er hinter sich ein Geräusch hörte. Er drehte sich um und fand die Draka mit offenen Augen vor, die ihn anstierten.

„Oh…“

Keisha spürte, dass ihr Körper nicht mehr mitmachen wollte. Ihre Kräfte…dort wo zuvor ein wahres Meer an Kraft gewesen war, war nur noch eine Pfütze. Und Syrian, dieser…Die grünen Augen der jungen Draka glühten regelrecht auf vor Wut. Er würde sich binnen kürzester Zeit selbst umbringen und damit war weder Zhara noch ihr geholfen. Sie atmete tief durch und sah zu Sirkka, welche blass und erschöpft ein weiteres Tuch mit Eiswasser tränkte.

"Gib mir Darjinkraut." sagte sie ruhig.

Sirkka fuhr herum und starrte sie an. "Bist du des Wahnsinns? Seid ihr Draka alle des Wahnsinns? Weißt du überhaupt, welche Wirkung das Kraut hat? Es wird dich umbringen, wenn du zu viel davon nimmst. Es gaukelt dir Kraft vor, die du schon lange nicht mehr hast."

Die Draka lächelte schwach. "Ich muss Keral den verdammten Kragen abnehmen. Ich muss es versuchen. Nur wenn ich ihm den seinen abnehmen kann, werde ich in der Lage sein, auch meiner Schwester zu helfen. Und um ihr zu helfen brauche ich die Kraft von deinem Bruder. Ich werde nicht so wahnsinnig sein und alleine losziehen."

Sirkka befeuchtete sich die Lippen und sah sie nachdenklich an. In dem Keisha Keral ins Spiel gebracht hatte, hatte sie die Norska beinahe überzeugt, dennoch wusste Sirkka, dass Keisha ebenso leichtfertig mit ihrem Leben spielte, wie Syrian….wie so ziemlich jeder Draka, den sie bisher kennen gelernt hatte.

"Ich konnte in Erfahrung bringen, dass die gesammelten Armeen der Norska in einem Tag gegen die Eleifa ziehen. Wenn du bis dahin ruhst, werde ich dir das Darjinkraut geben. Wenn ich es dir jetzt gebe, wirst du unweigerlich tot sein, noch ehe du meinem Bruder den Kragen abgenommen hast. Und nun nimm erst einmal etwas davon." sie reichte ihr ein Glas mit bläulicher Flüssigkeit.

Keisha sah sie skeptisch an. "Was ist das?"

"Es wird dich schlafen lassen. Solange du schläfst, stellst du keinen Unfug an und bringst dich auch nicht selbst um." antwortete die Norska ehrlich.

Keisha zog eine Grimmasse und schüttete den Trank in einem Zug herunter.

Keral saß in seinem Gemach und fummelte abwesend an seinem schwarzen Kragen herum. Seit dem der Zwang in seinen Gedanken verschwunden war, fühlte er sich beinahe wieder wie ein Mensch. Nur das kühle, schwarze Metall um seinen Hals erinnerte ihn daran, dass er, sobald ein Eleifa auf ihn traf, genau das tun würde, was der Eleifa wollte. Er war immer noch ein Sklave und an seinen Fenstern waren immer noch Gitter und vor seiner Tür standen immer noch Wachen. Er konnte sich kaum daran erinnern, was geschehen war, seit dem er den Kragen angelegt bekommen hatte, nur dass Keisha plötzlich in seinem Kopf gewesen war und ihn von dem Zwang befreit hatte. Von seiner Schwester wusste er, dass es nicht gut um die Draka stand und er machte sich selbst Vorwürfe, dass er es soweit hatte kommen lassen. Lieber wäre er selbst gestorben, als dass Keisha irgend ein Leid erfuhr. Er ging zu einem der großen Fenster und sah hinaus. Ein einzelner Draka huschte wie ein Schatten über den Hof, sprach kurz mit den Wachen vor dem Tor und verließ dann die Festung in schnellen Schritten. Keral würde alles dafür geben, wenn er wenigstens Kontakt zu seinem Schneeadler aufnehmen könnte, damit dieser für ihn kundschaftete, aber er konnte die Fenster noch nicht einmal öffnen.

Usamaa duckte sich unter einem Hieb des Eleifas und schwang gleichzeitig sein Schwert. Ihm kam ein Spruch seines Vaters in den Sinn: Manchmal war es notwendig, es zu zulassen, dass der Gegner das Schwert in sein Fleisch versenkte, um den finalen Streich ausüben zu können. Noch war er nicht dazu bereit, aber er bezweifelte, dass es noch lange dauern würde und Usamaa würde sicher nicht alleine sterben. Er wirbelte herum, Schnee und Eis hatten schon längst seine Kleidung durchtränkt, doch er spürte die Kälte nicht. Er war eins mit dem Schwert, eins mit dem Gegner und der anerkennende Gesichtsausdruck des Eleifa gab ihm die Sicherheit, dass er nicht schlecht kämpfte. Und wenn er sich nicht irrte, war nicht nur seine Stirn mit einem dünnen Schweißfilm bedeckt. Ein leichter Nebel war aufgekommen und kroch immer weiter auf sie zu, verfestigte sich und wuchs. Weder der Draka noch der Eleifa bekamen etwas davon mit.

Amwendu wandte sich an die verbliebenen Weisen. Hauptsächlich handelte es sich hier um junge Männer und Frauen, welche gerade erst mit der Ausbildung begonnen und ihre Waffen erst seit kurzem niedergelegt hatten. Sie hatten noch nicht die Weisheit und das Durchsetzungsvermögen der älteren und in ihnen brannte noch das Feuer der Vergeltung. Sie waren alleine noch nicht mächtig, doch zusammen konnten sie ein Wegetor erschaffen. Ein Tor in das grüne Land der Eleifa. Amwendu gab ihnen das Zeichen und die bewaffneten Weisen schlossen ihre Augen. Kurz darauf fing die Luft vor ihnen an zu schimmern und zu wirbeln. Das Tor war nicht halb so groß, wie dass der voll ausgebildeten Weisen, aber es reichte aus.

Er war ein Kriegsheld. Vor zwei Jahrzehnten sah sich das Reich der Wüste bereits einmal von einem Eleifaherren bedroht. Dieser hatte eine große Feste in der Wüste errichtet und von dort aus Scharen von Handlagern gegen die Städte der Draka geschickt, bis eine nach der anderen fiel. Der Strom aus Feinden schien nie zu versiegen. Und wenn dieser Eleifaherrscher einmal selbst auf dem Schlachtfeld erschienen war, dann in Gestalt eines blutrünstigen Ungetüms, das jedem Draka in seiner Nähe einen schauderhaften Tod brachte. Aber Hjara und einer kleinen Gruppe elitärer Krieger war es dank einer List gelungen, in die Feste einzudringen und den Thronsaal zu stürmen. Sie fochten gegen die Leibgarde, verloren dabei fast jeden Mann, doch am Ende war der Eleifaherr bezwungen – zu einem schrecklichen Preis. Der Dämon wurde nicht getötet. Er verließ bloß seine verrottende Hülle und tauschte sie gegen eine jüngere – die eines Heerführers. Niemand wusste davon. Jeder Draka hatte nur den siegreichen Hjara gesehen, über und über mit Blut befleckt und den Kopf seines Widersachers in den Händen. Sie bejubelten ihn, priesen ihn, verehrten ihn.

Hjara hob seinen Kopf aus dem Schnee. Immer noch schwach versuchte er auf die Beine zu kommen. Um ihn herum zog sich der Nebel zu.

Es stimmte nicht ganz, dass niemand von seinem Pakt mit dem Dschinn wusste. Einer tat es: der einzige, der mit ihm den Angriff auf die Feste überlebt hatte. Sein eigen Fleisch und Blut.

Mühsam kam er auf die Beine. Seine Glieder fühlten sich an, als wären sie in flüssiges Metall getaucht und mit jedem Mal, dass der Dämon Besitz von ihm nahm, wurde es schlimmer. Hjara humpelte durch den Nebel. Wieder vernahm er Kampfgeräusche. Diesmal schienen es jedoch weitaus mehr Kontrahenten zu sein. Er stolperte weiter bis er auf einen Leichnam traf, dem er die Waffe aus den toten Händen stahl.

Sie konnte ihn hören, aber nicht verstehen. Sie konnte ihn sehen, wusste aber nicht, wer er war. Sie sah die Felsendecke und das Feuer, wusste jedoch nicht, wo sie war und wie viel Zeit seit dem letzten Mal vergangen war, da sie ins Bewusstsein zurückgekehrt war. Aber eines wusste Zhara ganz sicher: es waren nicht ihre eigenen Gedanken, die sich ihr in den Kopf drängten. Der Kragen hatte jetzt die Macht über sie und erlaubte ihr nicht mehr, als einen stummen Schrei der Panik auszustoßen.

„Du bist wach.“ Es war keine Frage. Borack kniete neben der Draka und versuchte sie bequemer zu legen. „Ich hatte ehrlich gesagt gehofft, du würdest nicht so schnell aufwachen.“ Und jetzt, wo es soweit war, fühlte er sich sehr unbehaglich. „Es ist noch viel zutun. Ich habe noch nicht alles, was wir brauchen um dich von diesem Ding zu befreien. Außerdem muss ich dich noch zu einem Schmied schaffen. Unweit von hier ist ein Dorf, in dem ich ein paar Leute kenne. Mit etwas Glück…“ Er verstummte, als sein Blick auf ihr verzerrtes Gesicht fiel. Sie schien Schmerzen zu haben oder weinte sie gar?

„Du brauchst keine Angst haben“, versuchte Borack zu beschwichtigen. „Ich will dir helfen.“ Es schien sie nicht zu beruhigen. Er sah sich in der Höhle um und ihm fiel nur eine Sache ein, die er tun konnte: „Ich werde erstmal etwas zu essen machen.“ Damit setzte er sich wieder an den Hasen. Einen kurzen Moment lang überlegte er, sie zu fesseln, da sie unter dem Einfluss des Feindes stand. Aber das wäre keine gute Vertrauensbasis gewesen. Er würde sie einfach gut im Auge behalten müssen.

Von Zorn gepeitscht ließ Syrian die Burg schnellen Schrittes hinter sich. Von einem nahegelgenen Hof stahl er ein kleines Pferd mit breiten Hufen und viel Fell. Es war unmöglich Zhara auf diese Weise zu finden. Erst recht ohne Keishas Hilfe. Aber er konnte einfach keine weitere Zeit verlieren. Irgendwann würde er in diesem verfluchten Schneegestöber auf Eleifa treffen und die würden ihm den Weg zu Zhara weisen. Auf die eine oder andere Weise.

Bashira spürte die Kraft der anderen Weisen, welche sich mit der ihren verband. Jeder wusste genau, wo der andere war, auch wenn keiner etwas sehen konnte. Sie spürte wieder die Aufregung vor einem Kampf, wie vor zwanzig Jahren, als sie das letzte mal ihre Stola gegen ein Schwert getauscht hatte. Sie verstand Keisha, dass sie ihr Schwert nicht für immer niederlegen wollte, aber ein solches Talent durfte nicht verschwendet werden.

Vor ihr tauchte ein Lichtpunkt auf und sie spürte, dass es sich um einen Norska handelte. Es war äußerst wichtig, zu fühlen, wer vor ihr stand. Sie hatte nicht vor, aus Versehen jemanden ihres Volkes zu töten, aber wenn er den Kragen trug und sich gegen sie wehren würde, hätte sie keine andere Wahl. Das gleiche galt für den Norska mit der Fackel. Er stand unter einem starken Bann, aber sein Wille tobte darunter wie ein Vulkan kurz vor dem Ausbrechen. Sie drehte ihr langes Messer geschmeidig in der Hand und lies den Knauf auf den Hinterkopf des Fackelträgers niedersausen. Sie brauchte einen lebendigen Gefangenen mit einem Kragen, um ihn zu erforschen. Der Norska sackte lautlos zusammen und die Fackel erlosch mit einem leisen Zischen im Schnee.

"Verdammter Tölpel, heb die Fackel wieder auf und entzünde sie neu." hörte sie die Stimme eines Eleifas und Bashira lächelte. Wenn Eleifa einen Fehler hatten, dann war das der, dass sie zu selbstsicher waren. Sie spürte durch ihre Verbindung mit den anderen Weisen, dass diese bereits dabei waren, lautlos einen Eleifa nach dem nächsten aus dem Sattel zu holen.

Elias starrte in den Nebel. War dort vorne nicht noch ein weiterer Schatten aufgetaucht? Oder spielte ihm sein Verstand einen Streich. Irgendetwas stimmte nicht. Er griff nach seinem Schwert, doch er konnte es niemals vollständig aus der Scheide ziehen. Seine Augen weiteten sich und sein Mund öffnete sich zu einem lautlosen Schrei, als das Messer Bashiras seine Kehle durchtrennte.

Es war bei weitem kein ehrlicher Kampf und Hisham war nicht glücklich über die Art und Weise, wie sie die Eleifa nach und nach abschlachteten. Er spürte wie ihre Angst aufkeimte, ihre Verzweiflung wuchs und wie ein Körper nach dem anderen in den weichen Schnee fiel. Mittlerweile hatten einige von ihnen ihre Schwerter gezogen und hieben blind in den Nebel. Einer dieser Hiebe hätte Hisham beinahe erwischt, doch er war noch rechtzeitig ausgewichen und hatte dem Eleifa sein Messer in die Brust gerammt. Wenn die Eleifa nicht in einer so großen Überzahl gewesen wären, hätte er Bashiras Plan niemals zugestimmt. Aber ohne den Nebel hätten sie keine Chance gehabt. Einige der Eleifa gaben ihren Pferden nun die Sporen. Jemand rief einen scharfen Befehl zum Rückzug und die Draka mussten den fliegenden Hufen ausweichen. Hisham fluchte und griff noch ein letztes Mal zu, um einen Eleifa aus dem Sattel zu werfen.

Die Eleifa, deren Pferde nicht stolperten oder in Felsspalten hängen blieben und die sich nicht bei einem Sturz das Genick gebrochen hatten, brachen aus dem Nebel und wurden durch einen vollständigen Norska Clan empfangen. Die kleine Armee wurde davon so überrascht, dass die wenigsten es schafften, ihre Schwerter zu zücken, ehe sie von einem Norska vom Pferd geholt wurden. Diejenigen, die es jedoch schafften, kämpften wie Berserker.

Jórek fluchte, als der Nebel seine Brust erreichte. Es war schwer, seinen Gegner zu treffen, wenn dieser zur Hälfte im Nebel verschwand. Er trat zwei Schritte zurück und hielt sein Schwert direkt vor sich. Der Draka zögerte und blieb ebenfalls stehen. "Der Kampf war sehr…inspirierend." bemerkte der Eleifa. "Wir werden uns wieder sehen und das nächste Mal wird nur einer den Kampf überstehen. Ich sehe keinen Sinn dahinter jetzt noch weiter zu kämpfen. Der Ausgang des Kampfes würde dem Zufall überlassen sein und einen Gegner wie Euch möchte ich nicht dabei verschwenden." er neigte seinen Kopf einen Moment anerkennend, dann verschwand er leichtfüßig im Nebel.

Usamaa blieb ungläubig stehen, wo er war und starrte dem Krieger hinterher. Überrascht musste er feststellen, dass manche Eleifa ähnliche Ansichten wie ein Draka hatte und dieser Eleifa schien sogar einen Funken von Ehrgefühl in sich zu tragen.

Bashira atmete tief durch. Lange konnte sie diesen Nebel nicht mehr aufrecht erhalten. Es war eine Sache, ihn heraufzubeschwören und das Wetter zu verändern, diesen Zustand jedoch zu halten, war etwas ganz anderes. Die Sonne hatte bereits einen guten Teil der Wolken wieder aufgelöst und erschien nun als roter Ball am Horizont, welcher den Nebel blutrot erscheinen lies. Blutnebel. Auch der Nebel war nicht mehr so dicht, wie am Anfang und sie spürte, dass eine große Armee Eleifa näher kam. Sie mussten verschwinden. Zumindest hatten sie einen kleinen Kampf gewonnen. Der Krieg war jedoch noch lange nicht entschieden. Sie raffte ihren Rock, gab den anderen Weisen ein Zeichen zum Rückzug und trennte die Verbindung. Bashira tastete mit ihren Gedanken den Boden nach lebenden Personen ab und fand den Norska mit dem Kragen.

Eine Gestalt floh vor ihm im Nebel. Hjara blieb einen Moment wie angewurzelt stehen und folgte dem Schemen mit den Augen durch die geisterhaften Schwaden. Natürlich hätte es ein Überlebender des Kampfes sein können, doch sowohl Draka, wie Norska als auch Eleifa hinterließen Spuren im Schnee. Dieser nicht.

Im Laufe der Jahre hatte sich Hjara an viele Eigentümlichkeiten gewöhnen müssen. Der fliehende Schatten war noch eine der harmlosesten. Beim ersten Mal war ihm der Feldherr in der Nacht durch sein eigenes Anwesen gefolgt bis in einen dunklen Flur, wo die Erscheinung plötzlich verschwand. Stattdessen hatte ihn jemand aus dem Nichts heraus ausgelacht. Ein körperloses Gelächter, getränkt von Bosheit.

Er stapfte weiter durch den Schnee. Der Kampfeslärm war mittlerweile versiegt. Nun hörte er nur noch das Knirschen des Schnees unter seinen Füßen und das leise Säuseln des Windes. Hjara hob den Blick. Etwa einen Steinwurf voraus stand der Schatten – ein Abbild des Dämons, nur geschaffen um ihm den Verstand zu rauben.

„Was willst du?“, rief er in den Nebel. „Ich werde dir nicht folgen, also verschwinde endlich. Hast du gehört? Du sollst verschwinden!“ Die letzten Worte schrie er so laut, dass seine Stimme hundertfach von nahen Felswänden widerhallte. Der Schatten legte den Kopf schief, dann wandte er sich um und verschmolz mit dem Nebel.

„Na endlich“, seufzte Hjara.

„Mit wem redet Ihr da?“

Er wirbelte herum, die Schwertspitze der Gestalt entgegengestreckt, die sich ihm gemächlichen Schrittes näherte. Erst glaubte er, wieder dem Schatten gegenüber zu stehen, doch da wurde er Bashiras widerlich selbstzufriedenem Grinsen gewahr.

„Seht Ihr etwa Dinge, die nicht da sind?“

„Hütet Eure Zunge, Hexe!“, gab der Heermeister wutschäumend zurück. Einen kurzen Augenblick lang war er versucht die Abgeschiedenheit zu nutzen und die Klinge zwischen die Augen der Weisen zu treiben. Da lichtete sich der Nebel und er fand sich auf einem Schlachtfeld wieder, wo andere Drakaweisen zwischen den Leichen von Eleifasoldaten umherstreiften. Hinter ihnen rückte eine Armee Norska heran. Hjara ließ das Schwert sinken.

„Vergesst nicht mit wem Ihr sprecht“, zischte er.

Bashira wirkte gänzlich unbeeindruckt. „Das stellt ein Problem da. Bei Euch bin ich mir nie wirklich sicher, mit wem ich tatsächlich spreche.“

Ihre Blicke bohrten sich ineinander, sprühten förmlich vor Hass. Hjara verzog das Gesicht und steckte die Waffe schließlich weg. „Was wollt Ihr von mir?“

„Ich will Euch etwas zeigen. Kommt, folgt mir dort hinüber.“

Widerwillig schloss er sich ihr an. Sie gingen ein Stück über das Schlachtfeld, stiegen über Leichen hinweg, die offenbar durch sehr präzise Angriffe getötet wurden, wie Hjara neidvoll zugestehen musste.

„Was ist Euch widerfahren?“, fragte die Weise. „Wo sind Eure Mannen?“

„Ein Hinterhalt“, murmelte Hjara.

„Wie?“

„Ein Hinterhalt“, wiederholte er lauter. „Wir sind in einen Hinterhalt geraten. Keiner von ihnen hat überlebt.“

Urplötzlich blieb Bashira stehen und wandte sich um. „Alle? Was ist mit dem Prinzen?“

„Ich…“ Darauf wusste er keine Antwort und er verfluchte diese alte Närrin dafür, dass sie ihm offenbar an allem die Schuld zusprach.

„Amwendu wird nicht begeistert sein“, sagte sie und ging weiter.

„Was zum Henker ist es denn nun, das Ihr mir zeigen wollt?! Ich bin es allmählich leid kreuz und quer übers Feld zu laufen.“

„Wir sind da“, meinte die Weise trocken und blieb neben einen am Boden liegenden Norska stehen. Hjara betrachtete den Kerl. Er trug einen der schwarzen Kragen.

„Ist er tot?“

„Nein, er lebt.“

„Und?“

„Versteht Ihr denn nicht?“ Bashiras Grinsen wurde noch breiter, was Hjaras Hass weiter schürte. „Ich habe veranlasst, dass er am Leben bleibt, damit wir die Kragen studieren können und eventuell auch abnehmen.“

Der Feldherr beäugte das schwarz glänzende Metall skeptisch. „Und was genau hat das mit mir zutun?“

Bashira lief langsam um ihn herum. „Bedenkt es doch einmal. Der Kragen unterdrückt den Geist desjenigen, der ihn trägt. Und zwar jenen Geist, der gerade vorherrschend ist.“

In Hjara machte sich eine eigenartige Unruhe breit.

„Der Verstand würde unterdrückt und von einem anderen kontrolliert. In besonderen Fällen womöglich von dem Verstand der bis dahin unterdrückt worden war.“

Hjara begriff, aber nicht nur er allein. Das Rumoren in seinem Inneren stellte ihn auf und führte seine Hand zum Schwertgriff. In seinem Kopf schrie eine tiefe Stimme TÖTE SIE! TÖTE SIE! TÖTE SIE AUF DER STELLE!!!

„Seid Ihr denn in der Lage, ihm den Kragen abzunehmen?“, fragte er. Unter großem Widerstand nahm er die Hand von der Waffe. Sie zitterte.

Bashira stellte sich ihm gegenüber. „Vermutlich. Ich weiß es noch nicht. Wir werden sehen…“ Ihr Blick wanderte an ihm vorbei zu einem Punkt hinter ihm. Ihr Gesicht hellte sich auf. „Offenbar habt Ihr Glück, Feldherr.“

Verwunderte drehte sich Hjara um und sah Usamaa über das Schlachtfeld näher kommen. Ein Glück: er war unversehrt.

Bashira atmete erleichtert auf, als sie Usamaa sah. Bis auf ein paar Schürf und Schnittwunden schien er unversehrt zu sein. Nur sein Blick erschien ihr etwas verwirrt. Sie gab den Norska ein Zeichen, irgendwie hatte sie es geschafft, das Kommando an sich zu reißen, denn sogleich eilten zwei muskelbepackte, in Felle gekleidete Krieger vor und hoben den bewusstlosen Kameraden hoch. Einer davon betrachtete ihn abschätzend. "Das ist Erik von dem Clan der Bergwächter…besser gesagt…der Clanhäuptling der Bergwächter." der Blick des Norska wanderte über die Leichen der Eleifa. Der Verdacht der vollständigen Vernichtung eines Norska-Clans stand nahe. Bashira winkte ab. "Mir ist egal, wer er ist. Was wichtig ist, ist, dass wir hier weg müssen. Eine große Eleifarmee ist auf dem Weg hierher und wenn mich mein Gefühl nicht täuscht, ist es ihre Hauptstreitmacht. Ich kann Mandreks Macht beinahe fühlen. Wir müssen zur Festung in welcher das Clantreffen abgehalten wird. Schnell." Ihr Blick glitt zu dem dunkelroten Feuerball der untergehenden Sonne. "Wenn wir jetzt aufbrechen, schaffen wir es vielleicht noch vor Sonnenaufgang."

Hjara starrte zuerst sie, dann die Norskaarmee an. Wie bei allen Dämonen der sieben Höllen hatte sie es geschafft, das Kommando zu übernehmen? Er fluchte grollend vor sich hin und immer wenn sein Blick auf den schwarzen Kragen des Norskas fiel, lief ihm ein kalter Schauer über den Rücken.

Die Sonne versank hinter den schneebedeckten Gipfeln der Nebelberge, doch Mandrek machte nicht die Anstalten, seine Armee ruhen zu lassen. Immer wieder holte er eine kleine Flasche aus seinem pelzbesetzten Umhang und nahm einen tiefen Schluck. Kurz darauf schien alle Müdigkeit aus seinem Gesicht zu verschwinden und er richtete sich wieder gerade im Sattel auf. In seinen Augen leuchtete ein unheimliches Feuer. Das Feuer eines Fanatikers. Sein Schneeadler hatte ihm vor einer Stunde die Nachricht gegeben, dass seine Vorhut ausgelöscht worden war. Bis auf den letzten Mann…von DRAKA. Mandreks presste seine Lippen bei dem Gedanken daran zusammen. Eine Hundertschaft Eleifa-Elitekrieger einfach so ausgelöscht. Er hatte nur einen kurzen Blick auf die dafür verantwortlichen Draka werfen können und zwei von ihnen waren ihm schon lange ein Dorn im Auge gewesen. Hjara und Bashira. Der Heerführer und die Herrin der Weisen. Er würde sie beide an die Leine legen und ihren Willen brechen.

Eine hochgewachsene Gestalt brach aus den Bäumen zu seiner Seite hervor und Jórek reihte sich neben ihm ein. Einer seiner schwarzen Ärmel wies einen nicht unerheblichen Schnitt auf, doch die Wunde darunter wirkte wie einen Monat alt. Nur noch ein leichter roter Strich zeugte davon, dass der Krieger jemals verletzt worden war. "Wir haben einen guten Teil der Draka vernichtet. Soweit mir bekannt ist, ist nur einer entkommen. Er hat gut gekämpft."

"Du hast ihn entkommen lassen." zischte Mandrek und seine Augen funkelten den Eleifa an.

"Ich werde ihn wieder sehen. Einen Gegner wie ihn lege ich ungern an die Leine. Euch ist bekannt, was ich von den Kragen halte. Ich werde nicht gegen Euch arbeiten, Mandrek, ich habe Euch einen unbrechbaren Treueeid geschworen, aber ich habe von Anfang an gesagt, dass ich niemandem den Kragen anlegen werde."

Mandrek nickte langsam. Jórek war DER Elitekrieger der Eleifa, ein unvergleichlicher Taktiker. Beinahe schon eine Legende, trotz seiner Jugend. Und dennoch war er ein Söldner. Er kämpfte für den, der ihn am Besten bezahlte und Mandrek hatte es geschafft, ihm sogar einen Eid abzuverlangen, auch wenn es ihn eine Menge Gold gekostet hatte. Nun war er jedoch kurz davor, Jórek einfach einen Kragen anzulegen. Alles war um so vieles leichter mit den Kragen. Keine Wiedersprüche, keine Gegenwehr…er atmete tief durch und versuchte sich zu beruhigen. Es gab gewisse Nebenwirkungen der Kragen. Wenn Jórek einen dieser tragen würde, wäre er noch ein sehr guter Krieger, aber er wäre nicht mehr fähig zu taktieren. Für die bevorstehende Schlacht brauchte er Jórek noch so, wie er war, was danach kam…würde sich entscheiden.

Amwendu sah der Eleifa direkt in die blauen Augen uns sie starrte zurück, ohne mit der Wimper zu zucken. "Wo befindet sich Zedar?" fragte der Herrscher der Draka und die Eleifa zuckte nur kurz zusammen, als der Name Zedars fiel. Amwendu gab einem weiteren Draka ein kurzes Zeichen und dieser brachte eine weitere, jedoch viel jüngere Eleifa mit tiefschwarzem Haar zu ihnen. Das gesamte Land schien von Männern verlassen worden und nur noch mit Frauen bevölkert zu sein. "Sprich, oder deine Tochter verliert einen Finger, sprichst du dann immer noch nicht, verliert sie eine Hand. Ich kann dieses Spielchen eine ganze Weile betreiben, ohne dass sie stirbt." Er machte es nicht gerne, er wollte nicht so sein, wie die Eleifa, aber er brauchte diese Informationen. Er musste Zedar vernichten, erst dann, wenn Mandrek keinen Nachschub der Kragen mehr bekam, konnte er sich um Mandrek persönlich kümmern.

Die blassen Augen der älteren zuckten zu ihrem Kind. "Für diese Auskunft müsst ihr mich nicht bedrohen, ich sage Euch gerne wo sich dieser stinkende Bastard befindet. Er ist wie immer in seiner Werkstätte. Sie befindet sich nordöstlich von hier. Wenn ihr die Straße dort nehmt könnt ihr sie nicht verfehlen, der Rauch verpestet schon Meilen zuvor die Luft." Sie hob ihren Blick wieder um dem dunkelhäutigen Draka ins Gesicht zu sehen. "Was habt ihr mit ihm vor?" fragte sie direkt. "Wenn ihr seinem Tun ein Ende bereiten wollt, wird es einige geben, die euch mit Freuden helfen würden. Er und Mandrek sind besessen von Macht. Sie haben uns unsere Männer genommen und jenen, welche sich nicht sofort der Armee angeschlossen und den Treueeid geschworen haben, Zwangskragen angelegt." Sie lächelte plötzlich verwegen. "Allerdings hat vielen Eleifa das Versprechen, am Ende gegen einen Draka kämpfen zu dürfen, gereicht, um jeden Eid, der von ihnen verlangt wurde, abzulegen."

Syrian trieb sein Pferd blindlings über einen schneeverhangenen Acker und bereute sein vorschnelles Handeln mit jeder eisigen Windböe, die ihn ins Gesicht traf. Nicht nur, dass er ohne Keishas Hilfe Zhara niemals finden würde, nein, in der ihn umfangenden Dunkelheit der Nacht würde er sich höchstwahrscheinlich in diesem fremden Land verirren und niemandem eine Hilfe sein. Eine weitere Böe schlug ihm ins Gesicht. Er schloss die Augen, bis es vorbei war und hob dann den Kopf. Am Horizont leuchtete es. Hatte er die Nacht etwa bereits überstanden? Aber das war unmöglich. Was also… Fackeln, schoss es ihm durch den Kopf. Abertausende von Fackeln, getragen von ebenso vielen Männern. Mandreks Streitmacht, die unermüdlich durch die Nacht zog. Das war sein Ziel. Und was würde er tun, wenn er sie erreicht hatte? Er war gut, zweifellos, aber in einem Heer wie diesem, das offenbar nicht einmal in der Nacht rastete, untertauchen? Doch umzukehren kam noch viel weniger in Frage.

Er setzte sich aufrecht in den Sattel und suchte die Umgebung ab um in all dem Schwarz etwas zu erkennen, das ihm womöglich Deckung gegen den Wind bieten konnte. Da erblickte er einen Zug hellen Lichts, der sich wie ein Lindwurm durch die Dunkelheit schlängelte und das auch noch beunruhigend nah. Syrian erstarrte. Konnte das ein Spähtrupp Mandreks sein oder gar eine Vorhut? Wenn ja, musste er sich schleunigst ein Versteck suchen. Bloß wo?

„Für einen Assassinen seid Ihr nicht besonders umsichtig“, sprach eine Stimme neben ihm und Syrian zog eine seiner Klingen, bevor er Hisham erkannte. Der Weise hielt seine offene Hand, aus der Licht zu dringen schien, unter sein eigenes Gesicht. „Ich hätte erwartet, Ihr würdet mich früher erkennen.“

Missmutig steckte Syrian die Klinge weg. „Seit wann seid Ihr hier, Weiser? Und wo ist der Rest von Euch?“

Hisham deutete zu der kleineren Gruppe von Lichtern. Von ihm geführt gelangte Syrian über das Feld und erkannte bald darauf mehrere Norska und einige Weisen. Allen voran Bashira, die mit einer Fackel in der Hand auf ihn zutrat.

„Mein lieber Syrian, schön Euch wohlauf zu sehen.“

Rasch stieg er vom Pferd um sich vor der Hohen zu verbeugen. „Es ist mir eine Ehre, Bashira, höchste der Weisen.“

„Na, nicht so förmlich, nicht hier draußen. Erhebt Euch.“ Sie standen sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber und selbst im schwachen Fackellicht erkannte er die Besorgnis in ihrem Antlitz. „Was macht Ihr hier draußen so allein?“

„Ich…“, er mied ihren Blick. Bashira hatte die oft ungebetene Angewohnheit immer die richtigen Fragen zu stellen und ihrem Gegenüber dabei tief ins Herz zu blicken. „Zhara ist eine Gefangene der Eleifa.“

Hisham trat neben ihn. „Ihr habt doch nicht ernsthaft vor allein gegen die Eleifa zu ziehen, oder? Für eine Gefangene?“

„Ich erwarte nicht, dass jemand wie Ihr das versteht“, zischte er.

„Was wollt Ihr damit-“

„Schluss – das genügt!“, erstickte Bashira den Streit im Keim. „Ich verstehe, dass Euer Herz Euch fordert, junger Mann. Aber dies ist eine törichte Tat. Ich schätze, Keisha weiß nichts davon, nicht wahr?“

Syrian antwortete nicht.

Bashira seufzte. „Ich werde Euch nicht aufhalten können und erspare uns beiden ein langes, sinnloses Palaver. Bittet Ihr mich um meine Hilfe?“

Syrian wurde nervös. „Diese Dreistigkeit würde ich mir nie erlauben“, stammelte er. Hisham murmelte etwas, doch Bashira achtete nicht darauf als sie antwortete: „Fürwahr, Ihr seid ein Mann von Ehre. Drum nehmt meine Hilfe an, auch wenn sie nur spärlich ist.“ Sie legte ihre freie Hand auf seine Brust, direkt über dem Herzen. „Denkt an sie und konzentriert Euch.“ Syrian nickt und schloss die Augen. Zhara wurde Wirklichkeit in seinen Gedanken. Der geschmeidige Körper, ihr feuriger Blick, das volle Lachen.

„Weißt du, Syrian, was ich manchmal glaube“

Sein Herz begann stärker zu pochen.

„Nun, du hältst mich wohl für dumm, was?!“

Es vertrieb allmählich die Kälte aus seinen Gliedern.

„Ganz ehrlich! Aber was noch viel schlimmer ist… du redest auch ganz anders über sie.“

Bashira nahm ihre Hand zurück und die Kälte kam wieder.

„Es ist nicht viel“, sagte sie. „Aber was ich sehen konnte ist ein kleines Dorf. Haltet Euch westlich der großen Armee. Dann solltet Ihr fündig werden.“

Frierend stand Syrian da und wusste einen Augenblick lang nicht mehr, wo er war. „G-gut… ich danke Euch.“ Sein Blick streifte kurz die Armee, die hinter Bashira vorbei zog. Eine Gestalt war stehengeblieben und starrte zu ihm herüber.

„Kümmere dich nicht um ihn“, sagte die Weise. „Die Zeit Eures Zusammentreffens ist noch nicht gekommen.“

Syrian nickte, stieg auf und ritt davon ohne zurückzusehen.

Nirsa nahm den Ruf ihres Meisters wahr und gab ihrem Hengst die Sporen. Sie ritt zum Kopf des Zuges und reihte sich neben Mandrek ein. Seine Leibwache beäugte sie kritisch. Norska flankierten ihn. Ihren verzerrten Mienen nach zu urteilen, hatten sie sich noch nicht völlig ihrem Schicksal gefügt. Doch gegen den Kragen anzukämpfen war sinnlos. Nirsa wusste das – sie hatte geholfen, die Metalle zu schmieden.

„Mein Herr. Lord Zedar möchte Euch sprechen.“

Mandrek wandte sich zu ihr, nickte knapp, dann wandte er sich zur anderen Seite und gab jemandem zu verstehen, dass er gehen sollte. Nirsa warf einen neugierigen Blick auf den Soldaten und erkannte Jórek, der sie aufmerksam taxierte.

„Dann lasst ihn sprechen!“

Mandreks Worte rissen sie aus ihrer Starre. „Natürlich.“ Sie band sich die Zügel um die Handgelenke, setzte sich aufrecht hin und öffnete ihren Geist um den Herrn aller Schmiede willkommen zu heißen.

Während die beiden miteinander sprachen hörte sie alles mit an. Zedar mahnte Mandrek zur Eile. Er sollte, wie es geplant war, möglichst bald die Norska unterjochen und mit ihrer Gewalt zurückkehren um Amwendu und seine Mannen auszulöschen. Solange würde Zedar sie hinhalten. Mandrek war nicht erfreut darüber, wie ein Kind behandelt zu werden. Doch der Streit darauf währte nur kurz. Zedar war niemand, dem man widersprach. Ohne ein Wort entfernte sich Nirsa, nachdem ihr Meister ihren Geist wieder verlassen hatte.

Leif hatte jedem der Worte Zedars gelauscht. Sein Herr hatte sich beinahe so angehört, als hätte er es vorhergesehen, dass die Draka im Land der Eleifa auftauchen würden. Leif wusste jedoch, dass es mehr als nur überraschend war. Sein Heimatland war quasi leergefegt. Jeder Eleifa, der alt genug war, ein Schwert zu halten, war in die Nordlande marschiert. Er fragte sich, wie Zedar die Armeen der Draka aufhalten wollte. Die Zeit war knapp. Zu knapp. Er hatte niemals damit gerechnet, dass die Draka direkt in das Land der Eleifa gehen würden. Alle hatten gedacht, sie würden ebenfalls in den Nordlanden auftauchen, so wie der Spähtrupp, von welchem Jórek erzählt hatte. Außerdem hatte ein Informant ihm mitgeteilt, dass die Weisen der Draka dem Clanführer quasi den Befehl erteilt hatten, in der Wüste zu bleiben. Niemals hätte Leif gedacht, dass sich eines dieser Wüsteninsekten gegen ihre Weisen auflehnen würde. Allmählich fragte er sich, ob er den Plan seines Meisters nicht schon jetzt ausführen sollte. Sein einziges Problem war, dass er noch nicht alles über Mandrek wusste. Was befand sich zum Beispiel in dieser Feldflasche, aus welcher Mandrek immer wieder trank?

Sein Blick wanderte zu Nirsa, welche sich langsam zurückfallen lies. Sie hatte etwas vor…und er würde herausfinden müssen, was es war, auch wenn er dafür wieder unter ihre Decke kriechen musste. Einen Augenblick lang war er zwischen Mandrek und Nirsa hin und her gerissen, doch dann entschied er sich dafür, Nirsa den Vorrang zu geben. Im Moment konnte er bei Mandrek noch nicht eingreifen. Er hoffte nur, dass sich seine Gelegenheit dazu bald ergeben würde. Seufzend lies er sich zu der breitschultrigen Schmiedin zurückfallen.

Damon inspizierte humpelnd die Norska, welche so diszipliniert wie noch nie in Reih und Glied auf dem überfüllten Hof standen. Die Festung war nie dazu gedacht gewesen alle Clans des Nordlands auf einmal aufnehmen zu können. Die Norska waren nie dazu bestimmt gewesen, zusammen zu arbeiten. Es war keine Woche vergangen, in der nicht die ein oder andere Blutfehde den Schnee rot gefärbt hatte. Aber nie waren viele dabei gestorben. Meist hatte sich die Fehde dadurch geklärt, dass die Tochter des einen Clanhäuptlings den Sohn des anderen geheiratet hatte. Man könnte fast sagen, ein Kampf zwischen Norska leitete eine gute Ehe ein. Und nun standen sie alle da und hörten auf sein Kommando. Wieder einmal fragte sich Damon, wie er zu diesem Kommandoposten gekommen war.

Graisch ging wie ein Schatten neben ihm, bereit, ihn jederzeit zu stützen. Damon hasste es, Hilfe zu benötigen. Der Himmel begann sich rosa zu färben. Die Sonne ging auf und der letzte Tag vor der Schlacht war gekommen. Er wollte soeben seine Stimme erheben um letzte Instruktionen zu verteilen, als das Tor geöffnet wurde und der letzte Clan die Festung betrat. Überraschender Weise befanden sich an ihrer Spitze ebenholz- und bronzefarbene Draka. Eine davon schritt mit gerafften Röcken durch den Schnee, als würde sie durch einen Thronsaal schweben. Von ihr ging eine beinahe greifbare Autorität aus und ihr Blick, welcher sich sofort auf ihn heftete schien keinen Wiederspruch zu dulden. Er kannte sie. Er hatte sie in der Wüste getroffen und schon damals hatte er überrascht feststellen müssen, dass er genau das getan hatte, was sie wollte, und dabei der festen Meinung gewesen war, dass alles seine eigene Entscheidung war. Er kannte nur eine Person, welche sich Bashira bis jetzt wiedersetzt hatte. Keisha.

Die Weise ging direkt auf ihn zu. "Wo ist sie?" fragte sie direkt und es bestand kein Zweifel daran, wen sie meinte.

"Sie ist in ihrem Gemach und schläft." antwortete Damon ruhig. "Wie seid Ihr an den Eleifa vorbeigekommen?"

Ein unmerkbares Lächeln umspielte ihre Lippen. "Das Wetter schlug plötzlich um. Die Eleifa sind nicht mehr weit von der Festung entfernt, sie dürften in den nächsten drei Stunden ankommen und mit der Belagerung beginnen, wenn sie keine Pause einlegen. Mandrek hat sie die ganze Nacht lang durch marschieren lassen. Sie dürften erschöpft sein. Wie lange hält diese Festung einer Belagerung stand?"

Damons Blick schweifte über die Armee an Norska. "Normalerweise mindestens zwei Monde, aber da wir…etwas mehr sind, maximal einen halben Mond. Es sei denn, unsere Verluste sind hoch, was ich nicht hoffe."

"Es wird nicht so lange dauern, dass kann ich Euch versprechen." sie musterte Graisch kritisch. "Ihr seid ein Nomade, wenn ich mich nicht täusche? Wie sieht es mit Hilfe von Eurem Volk aus?"

Der hagere Mann mit dem wettergegerbten Gesicht musterte die Weise seinerseits kritisch und es kam zu einem Blickduell bei dem Damon nicht mit Sicherheit sagen konnte, wer gewonnen hatte. "Sie werden tun, was in ihrer Macht steht. Wir sind jedoch nicht viele."

Bashira nickte. "Wir sind auch nicht viele, aber gemeinsam können wir Mandrek die Haut von den Knochen ziehen." sie nickte ihm zu und eilte mit rauschenden Röcken in die Festung, als wüsste sie genau, in welchem Zimmer Keisha lag.

Sirkka schreckte aus ihrem Sessel, in welchem sie die gesamte Nacht verbracht hatte, hoch, als die Tür mit Schwung aufgerissen wurde und eine hochgewachsene Frau mit ebenholzfarbener Haut hineineilte. Das Einzige, was von ihrem Alter zeugte waren feine silberne Strähnen in ihrem tiefschwarzen Haar. Sie warf Sirkka einen kurzen Blick zu, ehe sie ihre Hand auf die Stirn der jungen Draka legte und die Augen schloss. Als sie diese wieder öffnete, blickten ihre schimmernden Augen zu Sirkka. "Was habt Ihr ihr gegeben?"

Die blonde Norska biss sich auf die Lippen. "Blaue Salfrawurzel. Sie wollte, dass ich ihr Darjinkraut gebe, damit sie Syrian folgen kann. Ich musste sie schlafen schicken, damit sie den heutigen Tag noch überlebt."

Bashira nickte. "Sie kann unglaublich stur sein. Genauso wie Syrian. Ich werde mich um sie kümmern. Ich habe einen Norska dabei, welcher den Kragen trägt. Ein Weiser Namens Hisham bewacht ihn. Bringt ihn bitte zu mir, ich will sehen, was ich gegen den Kragen tun kann."

Sirkkas Augen leuchteten auf. "Nur zwei Zimmer weiter befindet sich mein Bruder Keral. Keisha hat ihn bereits von dem Zwang befreit." sie senkte den Blick. "Das hat sie beinahe umgebracht…Könnt Ihr ihn von seinem Kragen befreien?" Hoffnung schimmerte in ihren großen blauen Augen und Bashira seufzte.

"Ich muss erst die Magie des Kragens verstehen, ehe ich ihn abnehmen kann. Aber ich werde mein bestes tun. Bringt mir jedoch zuerst den Norska. Sagt Hisham, dass ich ihn ebenso brauche."

Im Morgengrauen erreichte Borack mit Zhara im Arm das Dorf Valrohn, was in der Sprache der Nordmänner so viel bedeutete wie Unter klarem Himmel. Die aufgehende Sonne tauchte die schneebedeckten Hügel in ein flammendes Rot. Valrohn war eine Ansammlung niedriger Hütten, die sich in einer Mulde vor den eisigen Winden schützten. Aus den Schornsteinen stiegen kleine Rauchschwaden empor, die Dächer glitzerten Weiß. Die Norska verrichteten ihr Tagewerk. Tiere wurden gehäutet, Holz gehackt, Feuer geschürt. Sah man Männer so waren sie alt und gebrechlich oder noch Kinder. Man hätte erwarten können, dass sich die Bewohner in Anbetracht des Krieges in die sichere Burg zurückziehen. Doch nicht so Norska. Manchmal verfluchte er die Sturheit seines Volkes.

Borack war bereits des Öfteren hier gewesen, doch auch wenn nicht hätte es ihm keine Schwierigkeiten bereit, den Schmied ausfindig zu machen. Schwarzer Rauch verriet die Hütte. Misstrauische Blicke folgten ihm, Norskafrauen stellten sich zu voller Größe auf, verengten die Augen. Borack kümmerte sich nicht um sie. Geschwind betrat er die Hütte, aus dem ihm die Hitze entgegenschlug.

„Meister Arrand“, sagte er zu der massigen Gestalt am Glutofen. „Meister Arrand, mein Name ist Borack von den Quis. Ich benötige Eure Hilfe.“

Funken stoben auf, als der Schmied die Kohlen schürte, und umschwirrten ihn. Seine Arme glänzten vor Schweiß.

„Welche Hilfe könnte Euch ein einfacher Dorfschmied zukommen lassen?“ Die Stimme des Mannes war rau von Alkohol und Ruß.

Borack ging auf einen Tisch zu, fegte mit einem Streich allerlei Werkzeug zu Boden und legte Zhara behutsam ab. „Ihr müsst diesen Kragen von ihr nehmen!“

Arrand hatte sich vom Feuer abgewandt und starrte zu den beiden herüber. Sein Schädel war kahl, sein Bart hingegen voll und grau. Unbewegt stand er da, schüttelte den Kopf und widmete sich wieder seinem Feuer. Es spie und rahmte den Hünen in rotgoldes Licht. „Ich kann nichts für Euch tun“, meinte er.

Borack war für einen Moment zu überrascht um sich zu rühren. Dann kam er wieder zu Sinnen. Er griff nach einem klimpernden Beutel unter dem Fell. „Ich kann Euch bezahlen. Hier!“ Drei Silberstücke fielen in seine Pranken. „Gern auch mehr, wenn Ihr es verlangt. Doch bitte, helft uns. „

Der Schmied seufzte. „Ich habe nichts mit dieser dunklen Magie zutun. Wenn Ihr das wollt, sprecht mit einem Eleifa. Und nun verschwindet!“

Syrian sah auf Valrohn, ohne dessen Namen zu kennen. Hätte er ihn gewusst, so hätte er ihm gefallen. Aber in diesen Zeiten sah der Draka in diesem Dorf nur eines: den Ort, an dem man Zhara gefangen hielt. Möglicherweise jedenfalls. Aber das spielte keine Rolle. Durchgefroren, die klammen Hände um die Zügel gekrallt, führte er sein Pferd in die Senke hinab und hoffte darauf, dass die Weise recht behielt. Sie hatte ihm nichts Genaues sagen können. Ein Dorf, westlich der großen Armee. Es musste dieses hier sein.

Am Dorfeingang hockte ein Norskamädchen, so groß wie er selbst, und spielte mit einer Reihe von Steinen, die sie durch den Schnee rollte. Aufmerksam beobachtete sie ihn, als er näher kam.

„Hallo du“, grüßte er. „Weißt du, ob sich eine Draka bei Euch im Dorf aufhält?“

Das Mädchen schien nachzudenken. Syrian half ihr auf die Sprünge. „Sie sieht so aus wie ich. Wir haben dieselbe Hautfarbe.“

„Oh!“ Jetzt schien sie sich ganz deutlich zu erinnern, nickte eifrig wobei ihre blonden Locken wild um ihren Kopf flogen und zeigte dann auf eine Hütte, aus deren Schornstein dicker schwarzer Rauch quoll.

„Ich danke dir“, sagte Syrian und verbeugte sich knapp. Das schien ihr zu gefallen.

Mit unverhohlenem Misstrauen sahen ihm die Leute hinterher. Er fühlte sich durch ihre Blicke regelrecht durchbohrt – öffentlich aufgespießt. Doch der Gedanke an Zhara ließ ihn sowohl die Norska als auch die Kälte verdrängen. Vor der Hütte, die offenkundig die Schmiede dieses kleinen Ortes war, stieg er vom Pferd.

Er zog die Klingen. „Zhara, halte durch…“ Er betrat die Schmiede.

Keisha lag auf einem harten Untergrund. Die heiße, stickige Luft einer Schmiede füllte ihre Lungen. Sie wollte husten, sich den engen Kragen vom Hals reißen. Sie sah Syrian am Eingang der Schmiede, er bedeutete ihr, ruhig liegen zu bleiben…ihr? Keishas Lieder sprangen auf und sie starrte keuchend in die silbergrauen Augen von Bashira.

"Lange genug geschlafen?" fragte die Weise spöttisch, doch die Sorge in ihrem Gesicht konnte sie dabei nicht verbergen und sie drückte die junge Draka zurück in die Laken, als diese sich erheben wollte. "Lasst mich, Bashira. Ich muss meiner Schwester helfen. Ich muss Keral diesen verfluchten Kragen abnehmen ich muss…"

"Das Einzige, was du musst, ist liegen bleiben…und mir erzählen, wie du den Zwang von Keral entfernt hast, und was dich geritten hat, es überhaupt auszuprobieren. Du bist noch nicht ausgebildet. Du hättest dich selbst töten können und offensichtlich ist dir das auch fast gelungen."

Bashira bemerkte das sture Funkeln in Keishas Augen zu spät. Die junge Draka rollte sich auf der anderen Seite des Bettes raus und stand, das dünne Nachthemd, welches ihr nur bis knapp über die Knie reichte, ignorierend, auf. "Ich habe getan, was getan werden musste, Bashira. Ihr wart nicht hier und Eure Hilfe wäre für Keral viel zu spät gekommen. Der Zwang hätte ihn zerstört."

"Pass auf, wie du mit ihr sprichst, Keisha." zischte Hisham, welchen sie erst jetzt bemerkte. Keishas Augen funkelten wütend. "Pass du selbst auf, wie du mit MIR sprichst, Hisham. Ich habe schon früher gesagt, dass ich nicht vor euch Weisen kuschen werde." ihr Blick wanderte weiter durch den irgendwie überfüllt wirkenden Raum. Sirkka stand in einer Ecke und versucht zwanghaft ein Lachen zu unterdrücken, neben ihr saß Keral in einem der großen Ledersessel und grinste sie offen an. Ein weiterer Norska mit einem Kragen stand neben Hisham, hinter ihm befanden sich zwei weitere blonde Riesen, mit den Händen auf ihren Waffen, bereit zu reagieren, sollte der Zwang einen der Kragenträger befallen.

Bashira blickte sie ruhig an. "Vielleicht willst du dir erst etwas überziehen, ehe wir weiter darüber reden, wie du den Zwang besiegt hast?"

Sirkka kam ohne ein weiteres Wort zu verlieren zu ihr und legte ihr einen bodenlangen, aus grüner Seide bestehenden Morgenrock um, in welchen Keisha ohne rot zu werden reinschlüpfte. Diese Männer hatten alle schon mal eine Frau im Nachthemd gesehen…außer Hisham vielleicht.

Sie drückte Sirkkas Hand kurz und musterte Bashira. Keisha fühlte sich gesund. Ihre Kräfte waren zurückgekehrt und sie war bereit für den letzten Schritt. "Ihr habt mich geheilt!?" es war weniger eine Frage, als eine Tatsache.

Die Weise nickte. "Vielleicht hätte ich dich jedoch noch ein wenig länger schlafen lassen sollen. Deine Nahtoderfahrung scheint dich kein Stück weiser gemacht zu haben. Allerdings haben wir jetzt keine Zeit, um weiter über dein stures und kindisches Benehmen zu diskutieren."

"In der Tat..die Zeit haben wir nicht. Syrian und Zhara sind in Schwierigkeiten."

Nirsa warf Leif einen kurzen Blick zu. "Ich gehe davon aus, dass du mitkommen willst?" bemerkte sie trocken.

Er schenkte ihr eines seiner umwerfensten Lächeln. "Ich gehe dorthin, wo auch du hingehst, Geliebte. Darf ich fragen, wohin wir gehen werden?"

"Ich werde das Mädchen zurückholen, welches dieser verräterische Norska mitgehen hat lassen."

"Was willst du von dieser Draka? Wir haben bereits zwei weitere Norska mit Kragen verloren, was fasziniert dich so an dieser Frau?"

"Mich interessiert nicht dieses Mädchen. Mich interessieren ihre Verbindungen. Sie scheint für viele eine wichtige Person zu sein. Und wenn ich sie habe, könnte ich Macht über ein paar bestimmte Personen haben." Nirsa lächelte verschlagen und dachte dabei an die Quelle der Macht und vor allem an den dunkelhäutigen Prachtburschen, welchen sie gesehen hatte.

Leif sah noch einmal zu Mandrek und Jórek zurück. Dieser Auftrag würde warten müssen.

Jórek sah zu der felsengleichen Festung auf, welche sich als riesiger Schatten im roten Licht der aufgehenden Sonne von der Silhouette eines mächtigen Berges abhob. Ein schmaler Bergweg schlängelte sich durch zerklüftete Felsen steil den Berg hoch. Er konnte die Falle beinahe riechen. Kein vernünftiger Mann würde sich die Gelegenheit entgehen lassen, seine Feinde schon abzuschlachten, noch ehe sie an das Tor der Festung klopfen konnten. Der zerklüftete Berg bot zahlreiche Verstecke und Möglichkeiten für einen Hinterhalt. Die Norska brauchten auch einfach nur Steine den Passweg hinunterrollen zu lassen. Nicht auszudenken, was die Weisen der Draka zu ihnen hinab schicken würden.

Mandrek hob seine Hand und lies die Armee anhalten. Seine zusammengekniffenen Augen spähten in den blauen Himmel und ein weißer Schneeadler stieß ein helles Kreischen aus. "Dieser gesamte Berg wimmelt nur so von Norska. In jeder verfluchten Ritze scheint einer zu stecken. Ich frage mich…" er verzog sein Gesicht und hielt sich stöhnend den Kopf, als einsamer Pfeil den Adler vom Himmel pflückte. "DAS werden sie mir büßen." zischte der Eleifa und ein irres Leuchten trat in seine Augen.

Zharas Verstand wusste weder ein noch aus. Sie sah die Schmiede um sich herum, aber es hatte keine Bedeutung für sie, ebenso wenig wie die beiden Norska im Raum. Kurz kam so etwas wie Gefühl in sie, als sie Syrian beobachtete und jemand anderen, jemand vertrauten, bei sich spürte. Aber etwas fehlte. Ihre Gedanken schwirrten ziellos umher, waren ohne Substanz und Sinn. Ihr fehlte eine Aufgabe. Der Kragen unterdrückte jede Art selbstständigen Denkens, gab ihr aber nicht die Genugtuung, eine Aufgabe erfüllen zu können. Stattdessen glotzte sie und wartete auf ihren Einsatz.

An der Tür war niemand. Sie stand zwar offen und knarrte, aber es war offensichtlich niemand hereingekommen. Borack wandte sich dem Schmied wieder zu.

„Ich habe mich bereits an die Eleifa gerichtet. Einer von ihnen hat mir verraten, wie man den Kragen löst und dafür brauche ich einen guten Schmied.“

Arrand holte das glühende Eisen aus dem Feuer, nahm einen Hammer und stellte sich an den Amboss. „Heißt das, wenn ich den Kragen nicht lösen kann, bin ich kein guter Schmied?“ Mit Schwung schlug er auf das rotleuchtende Metall. Funken sprühten.

„So war das nicht gemeint…“

Der Schmied hielt kurz inne um zu sagen: „Ihr verschwendet Eure Zeit. Nehmt sie und verschwindet endlich!“ Dann ließ er den Hammer erneut niederfahren.

Die Enttäuschung ließ Boracks Schultern sinken. Gegen die Entscheidung eines Norska anzureden war zwecklos.

Stures Volk!

Im Kopf suchte er bereits die Gegend nach weiteren Dörfern ab, in denen er die Schmiede kannte oder wenigstens von ihnen gehört hatte. Mancher hatte sich auch außerhalb der Clanheere einen Ruf gemacht. In den Wäldern weiter im Westen hieß es, dass dort geschickte Leute leben, die es verstanden, mit Eisen umzugehen. Vielleicht würde er dort sein Glück finden. Er beugte sich über Zhara um sie hochzuheben, als Arrand brüllte: „Teufel!“ Gerade noch konnte er dem Hammer ausweichen, der auf ihn zugeflogen kam, da schnitt ihm etwas seitlich in die Kehle. Borack stolperte weg vom Tisch, zog dabei sein Jagdmesser und schlug nach dem Angreifer. Sein Stahl traf klingend auf Ebenbürtiges und er erkannte den Wüstenkrieger von der Höhle wieder. Überrumpelt ließ sich der Norska in die Ecke drängen. Doch zu seinem Glück hatte Arrand Stellung bezogen. Der Schmied stürzte sich mit der an der Spitze noch glühenden Klinge auf den Draka. Mit schwindelerregendem Tempo, wie es seinem Volk eigen war, wandte sich der Wüstenkrieger seinem neuen Gegner zu, parierte die Schläge, verlor aber an Boden unter den wuchtigen Hieben. Borack hielt sich die Wunde aus der kontinuierlich Blut sickerte. Sterne blitzten vor seinen Augen auf, dann fing er sich wieder. Er kam mühsam auf die Beine. Wie ihn der Südländer gefunden hatte, konnte er sich nicht vorstellen. Aber der Grund dafür, war ihm völlig klar: sie verfolgten dasselbe Ziel. Der Draka wand sich unter Arrands Angriff drunter durch und versenkte eine seiner Klingen im Bein des Schmieds. Mit einem beherzten Tritt schlug er den Norska zu Boden. Borack wollte etwas sagen, da stürmte der Wüstenkrieger schon wieder auf ihn zu. Borack hieb nach ihm, schleuderte ihm die Faust dagegen, womit er tatsächlich traf. Es schleuderte seinen Gegner zum Tisch. Zu der Frau seines Volkes. Der Kampf fand eine kurze Pause.

„Lasst es uns beenden“, brach Borack hervor. „Lasst…“ Der Draka wirbelte herum, entwaffnete ihn kurzerhand, trat ihm in den Schritt und beförderte ihn somit zu Boden.

Abwehrend hob Borack die Hände. „Nein, bitte, sie kann….“ Er schluckte Blut. „Sie kann gerettet werden.“ Die schwarze Klinge schwebte unheilvoll vor seinen Augen und im Blick des Draka erkannte er den entschlossenen Blick eines Mörders.

Brennende Pfeile retteten ihn vor dem sicheren Tod.

Er hatte ihn töten wollen. Syrian wollte es auskosten, denjenigen zu töten, der Zhara einen Pfeil in die Brust gejagt hatte. Bei den Göttern, dieser Norska verdiente es.

Ein Pfeil krachte durch eines der Fenster neben der Tür. Er brannte, schlug in einem Haufen Gerümpel in der Ecke ein und entzündete ihn. Kurz darauf folgten drei weitere. Einer von ihnen traf den Ofen und schleuderte glühende Kohlen und Asche heraus. Das Feuer breitete sich rasend schnell aus. Unter dem Tisch, auf dem Zhara lag, steckte ein Pfeil im Holzboden. Rasch steckte er die Klingen weg. Den Norska hatte er vergessen schon bevor er Zhara hochhob. Wieder schossen brennende Pfeile hinein. Syrian ging hinter dem Tisch in Deckung. Die Hitze wurde unerträglich, der Rauch sammelte sich unglaublich schnell, kratzte in seiner Kehle, nahm ihm die Sicht und hüllte alles in Grau und Schwarz. Da vorn war ein Licht, das größer wurde. Dort war die Tür und alsbald schob sich der massige Schatten des Schmieds davor. Er wollte offenbar fliehen. Doch plötzlich begann seine Silhouette unkontrolliert zu zucken. Einmal, zweimal… viermal. Er kippte in den Raum zurück, durchbohrt von Pfeilen. Dieser Ausgang schied aus. Syrian musste husten. Erst zaghaft, dann immer stärker und schließlich glaubte er, sich die Eingeweide aus dem Leib zu pressen. Zufällig fiel sein Blick auf Zhara in seinen Armen. Sie starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an.

Syrian bekam sich wieder in den Griff. Er musste hier raus!

Ein großer Schatten bewegte sich schwerfällig an ihm vorbei in den hinteren Teil der Schmiede, dann hörte er über das zornige Fauchen der Flammen ein stetes Krachen. Es klang als würden die Dachbalken brechen. Wenn über ihnen alles zusammenstürzte war es endgültig vorbei. Doch stattdessen tat sich mit einem Mal ein großes helles Loch in der rückwärtigen Wand auf. Es konnte ein Trick sein, aber Syrian hatte keine Wahl. Er stemmte sich hoch, Zhara in den Armen und stürmte Hals über Kopf hinaus.

Schlagartig fiel die Hitze von ihm ab und Kälte schlang sich um ihn. Er stürzte nach vorn in den Schnee. Zitternd rappelte er sich wieder auf, sah zurück und erkannte, dass er über den Norska gestolpert war, der offenbar mit aller Kraft ein Loch in die Wand gerammt hatte.

Knirschende Schritte näherten sich ihm. Syrian wich zur Seite, wodurch ihn der Schwerthieb des angreifenden Eleifa knapp verfehlte. Nun zog er seinerseits eine Klinge. Sie kreuzten die Schwerter, doch im Gegensatz zu seinem Feind kämpfte Syrian mit Wut, was ihm den Sieg verschaffte. Der Eleifa brach tot zusammen. Da brach schon ein zweiter hinter der Ecke hervor, den Bogen gespannt.

Borack spürte seine linke Körperhälfte abwechselnd wie in flüssiges Metall getaucht und dann wieder überhaupt nicht. Eigentlich wollte er liegen bleiben, hier im Schnee, mit Rauch in der Lunge, einer aufgeschnittenen Kehle und einer sicherlich zertrümmerten Schulter. Schlafen war alles, was er wollte – im weichen Bett aus gefrorenem Wasser.

Sie kämpften miteinander. Der Draka und ein Eleifa. Und wo war die Frau? Sie lag nur unweit von ihm entfernt. Die beiden mussten entkommen, sonst hatte sie keine Chance den Kragen je wieder loszuwerden. Den Kragen, den sie wegen ihm tragen musste.

Langsam kämpfte Borack sich hoch. Er kam auf alle Viere, wobei ihm schwindlig wurde. Instinktiv fasste er sich an den Hals, spürte das warme Blut.

Im Augenwinkel erkannte er eine Gestalt, die hinter der Hütte hervortrat, den Bogen hob, einen Pfeil auf die Sehne spannte und zielte. Borack dachte nicht darüber nach. Unter lautem Gebrüll stürzte er sich auf den Eleifa. Der Pfeil traf ihn irgendwo – völlig egal. Mit seinem ganzen Gewicht landete er auf seinem Feind und rang ihn nieder. Seine Pranken schlossen sich um den Hals und drückten erbarmungslos zu bis sich der Eleifa nicht mehr rührte.

Schnaufend sah er sich nach den anderen um. Die beiden Draka flohen, weg vom Dorf, die Senke hinauf. So war es richtig, sie mussten hier weg. Jetzt kamen die Schmerzen, die der Pfeil in seinem Bauch auslöste. Weitere Eleifa kamen herbei. Borack lief das Blut aus dem Mund über die Lippen, tropfte auf das tote Gesicht das Besiegtem unter ihm. Vielleicht würde er noch ein oder zwei von denen erwischen, bevor sie ihn kalt machten. Hauptsache die junge Draka entkam. Dann hatte er wenigstens das Gefühl, nicht alles falsch gemacht zu haben.

Jeder Kragenträger unterlag dem Zwang der Eleifa. Aber der Zwang allein unterdrückte nur das freie Denken, doch ohne einen Auftrag war er zu nichts zu gebrauchen. Solange war der Kragenträger bloß eine wandelnder Klumpen Fleisch. Nutzlos. Bei der Draka hatte man bislang versäumt, ihr eine Mission aufzutragen. Das wollte Nirsa nun ändern. Leif hielt die Zügel, während sie in der Gedankenwelt der Fremden wandelte. Aufmerksam hatte sie die letzten Minuten durch ihre Augen miterlebt. Wie aufopferungsvoll der hübsche Draka sich um seine Freundin gekümmert hat. Sein Leben für ihres – welch romantischer Gedanke. Nirsa wurde schlecht dabei und sie wusste, wie dem Abhilfe geleistet werden konnte. Wenn er so viel für die Kleine empfand, sollte er auch durch ihre Hand sterben. Mit einem Flüsterten hauchte sie den Befehl unauslöschlich in den Geist der Draka ein: „Töte ihn!“

"Wir haben den Kragen bereits untersucht, mir ist bisher immer noch nicht verständlich, wie du den Zwang alleine lösen konntest. Die Macht, welche ich dafür brauche, würde mich endgültig ausbrennen." Bashira betrachtete den Norska, welchen sie mitgebracht hatte, kritisch. "Wie bist du vorgegangen?"

Keisha zuckte mit den Schultern. "Ich hatte keinen Plan. Ich hatte nur die Vernichtung des Zwangs im Sinn, also hab ich mich in den Geist Kerals gedrängt. Mandrek persönlich hatte ihm den Auftrag gegeben, Damon zu töten." sie hob eine Hand und berührte den fremden Norska an der Wange. "Wie ist dein Name?" fragte sie.

Er sah sie etwas verwirrt an. "Erik." sagte er tonlos.

Keisha nickte. Sie sah den Funken in seinen Augen. Dieser Zwang schien nicht so stark zu sein. Es war nicht Mandrek, unter dessen Macht er gestanden hatte.

"Traust du dir zu, es noch einmal zu machen? Glaubst du, du könntest Hishams und meine Macht mit der deinen verbinden und seinen Zwang lösen, ohne dich dieses mal beinahe umzubringen?" Bashira wandte ihren Blick von dem Norska ab und sah die hochgewachsene Draka fragend an.

"Ich weiß es nicht. Ich habe noch nie die Macht von anderen gebündelt und gelenkt. Ich weiß ja noch nicht einmal genau, was ich gemacht habe." plötzlich grinste sie breit. "Wenn ich es schaffe….werdet Ihr dann durchsetzen, dass ich mein Schwert weiter tragen darf? Ich will keine Weise werden, die ihr Schwert niederlegt. Ich will keine Röcke tragen und mit der Nase im Himmel herumspazieren."

Bashira hob eine Augenbraue. "Du willst also damit sagen, dass ich die Nase im Himmel trage?"

Keisha sah sie offen an. "In der Tat, Bashira, dass will ich damit sagen. Die Weisen bestimmen nun schon seit Jahrhunderten über das Schicksal der Draka, ich finde, es sollte langsam Schluss damit sein. Mein Vater kann sehr gut seine eigenen Entscheidungen treffen. Ihr behandelt alle Draka, welche keine Weisen sind, wie Kinder."

Bashira schürzte ihre Lippen, während Hishams Gesicht weiß vor Zorn geworden war. Sein Status als Weiser war der einzige Grund, aus dem überhaupt ein Draka seinen Kopf vor ihm neigte.

"Gut. Du darfst dein Schwert behalten und ich werde die Regelungen überdenken." antwortete die Weise.

Keisha nickte. "Dann lasst uns beginnen." Sie öffnete ihren Geist, tastete nach dem von Bashira und vereinte ihre Macht vorsichtig mit ihrer eigenen, dann spürte sie Hishams Kraft auf und zog sie mit hinein. Ihr Blick heftete sich auf Eriks blaue Augen und sie nahm sein bärtiges Gesicht sanft in ihre Hände. Sein Geist war stark, aber sie traf bei weitem nicht auf so eine starke Mauer wie bei Keral. Dieses mal fand sie den Zwang schneller. Ein ihr unbekannter Eleifa hatte ihn ausgesprochen, doch offensichtlich lebte er nicht mehr und kein weiterer Eleifa hatte ihm eine Aufgabe zugewiesen. Der Zwang war brüchig und schwach und bedurfte nur eines kleinen Schlages, ehe er zerbröckelte wie alter Mörtel. Sie lächelte, als sie die Augen öffnete. "Und nun lasst uns den Kragen abnehmen."

Ihre geistigen Finger tasteten über das glatte, offensichtlich fugenlose Metall. Sie hatte ihre Kraft immer noch mit der von Bashira und Hisham vereint und die ältere Weise betrachtete sie mit nachdenklichem Blick.

Bashira hatte noch nie eine Draka erlebt, welche die Macht mit einer solchen Leichtigkeit lenkte. Und das alles ohne jegliche Erfahrung. Ein lautes Klicken brachte sie aus ihren Gedanken und der Kragen des Norskas fiel mit lautem Klirren zu Boden. Einen Moment später fiel auch der Kragen von Keral, welcher sogleich aufsprang und Keisha in die Arme schloss. Die schlanke Draka schien beinahe vollständig in seiner Umarmung zu verschwinden.

Keisha war einen Augenblick lang überrascht, doch dann wandte sie sich geschmeidig aus der Umarmung. "Wir haben keine Zeit mehr zu verschwenden. Bashira, Hisham, ihr hab jetzt gesehen, wie es geht. Ich muss meiner Schwester helfen…" sie sah zu Keral und er nickte. "Ich werde dich begleiten."

Sirkka schüttelte den Kopf. "Wie willst du hier wegkommen? Die Eleifa sind bereits am Fuße des Berges angekommen. Der Weg ist versperrt."

"Ich kenne einen Gang unter der Festung, welcher durch den Felsen bis beinahe zum Fuß des Berges führt. Die Öffnung ist zwischen Felsspalten versteckt und nur Damon und ich wissen davon. Nun, ich vermute, nach dem heutigen Tag werden mehr davon wissen, da dies ein guter Weg ist, um die Eleifa bei Nachteinbruch zu überraschen." er lächelte finster und rieb sich seinen Hals. "Ehe wir losziehen, um deine Schwester zu retten, muss ich jedoch mit Damon reden."

Erik schaltete sich dazwischen. "Ich werde Euch ebenfalls begleiten. Ihr hat mir mein Leben zurückgegeben. Ich war lange genug ein Gefangener der Eleifa um mich bei ihnen auszukennen. Ich will Rache. Vor allem jedoch Rache an diesem Sadisten Mandrek."

Zedars Hammer fiel mit einem lauten Klingen auf das vor Hitze weiß glühende Metall. Mit jedem Schlag fügte er seinem Werk weitere, dunkle Magie hinzu. Sein massiger Oberkörper glänzte vor Schweiß und feine Schweißperlen glitzerten auf seinem kahlrasierten Schädel, über dessen gesamte Länge sich eine weiße Narbe zog. Er war kein schöner Mann, dass war ihm bewusst, aber es war ihm egal. Seine Macht war größer als die jedes Eleifas und wenn er eine Frau wollte, musste er nur mit den Fingern schnippen. Ob sie von seinen tiefliegenden, beinahe farblosen Augen oder dem vernarbten Körper abgeschreckt war, war ihm egal. Meist jedoch wollte er keine Frauen. Die einzigen Dinge, die ihm wahre Freude bereiteten waren sein Hammer, und die Qualen, welche er in den Augen der Menschen sah, wenn er ihren Willen unterjochte oder sie tötete. Funken stoben, als sein mächtiger Hammer ein weiteres Mal auf das Metall fiel und brannten sich in seine Haut ein. Er merkte es nicht mehr. Zufrieden hob er sein neuestes Werk mit einer Schmiedeeisernen Zange hoch und lies es in einen Wassertrog neben seinem Amboss fallen. Dieses Schwert würde sein Meisterwerk sein. Mit bloßer Hand zog er die noch nicht ganz vollendete Waffe aus dem dampfenden Wasser und ein Lächeln umspielte seine schmalen Lippen. Er wusste, dass die Draka hier waren. Er hatte seine eigene Armee um sie aufzuhalten. Zahlenmäßig waren sie den Bastarden aus der Wüste weit unterlegen, aber die Macht derer, die sich in dem so friedlich aussehenden Dorf, in dem seine Schmiede stand, aufhielten, war weit größer. Zedar spürte ein leichtes Jucken in seinem Hinterkopf. Nirsa. Seine talentierte Schülerin hatte offensichtlich ein neues Spielzeug gefunden. Er fragte sich einen Augenblick lang, ob Leif sie immer noch an der Nase herumführte, oder ob er endlich seinen Plan ausführte, doch er verdrängte den Gedanken daran und schob die matt schwarze Klinge in ein ebenso schwarzes Heft. Sogleich verschmolz er die beiden Teile zu einem. Bald würde seine Waffe fertig sein und keinen Augenblick zu früh.

Keisha hatte sich einen Augenblick zurückgezogen. Bashira und Hisham diskutierten im Nebenraum darüber, wie sie die Macht der Kragen neutralisieren könnten und Keral war mit Sirkka und Erik zusammen in den Hof gelaufen, um mit Damon zu sprechen. Sie selbst saß im Schneidersitz auf dem Boden vor einem großen Kamin und hatte die Augen geschlossen. Ihr Geist reichte hinaus, suchte und fand den ihrer Schwester. Von mal zu mal schien es ihr leichter zu fallen, in den Geist anderer einzudringen, doch irgendetwas stimmte nicht. Vor nicht allzu langer Zeit schien Zhara ununterbrochen ohne Bewusstsein zu sein, dann hatte sie diese Schmiede in dem kleinen Bergdorf der Norska gesehen und nun hatte sie das Gefühl, vor einer ähnlichen Mauer zu stehen, wie bei Keral, als er noch von Mandreks Zwang besessen war. Zhara war zu weit weg. Von hier aus konnte sie nichts tun, also verlies sie ihren Geist und suchte nach Syrian. Vielleicht konnte er ihr helfen, oder sie zumindest so lange stilllegen, bis sie Zhara helfen konnte. Verfluchte Kresla, warum bringst du dich immer in Schwierigkeiten?

Die Luft war hier anders.

Varren war es bereits aufgefallen, als er den ersten Schritt durch das flirrende Tor getan hatte. Hier roch es nach Salz und die Luft war feucht und frisch. Es war das nahe Meer. Er konnte den blauen Streifen am Horizont erkennen, der dort begann wo die grünen Weiden urplötzlich zu steilen Klippen abfielen, und beunruhigender Weise keine Ende zu nehmen schien. Aber das war nicht sein Ziel. Das lag in den Hügel voraus. In ihren Schoß schmiegte sich ein kleines, auf den ersten Blick eher unscheinbares Dorf über das man sich aber die erstaunlichsten Geschichten erzählte. Dort befand sich Zedars Schmiede und man sagte, dass die Menschen dort, obwohl sie keinen Kragen trugen, unter seinem Willen standen. Es hieß, sie lebten zu lange zu nah an seiner Macht, sodass jeder einzelne seinen Verstand über die Zeit hinweg an ihn, den großen Schmied, verloren hatte. Der große Schmied. Die Worte hallten unheilvoll in Varrens Kopf. Viele hielten ihn weniger für einen Schmied, als viel mehr für einen Hexenmeister. Varren wusste nicht, was ihm mehr Unbehagen bereiten sollte.

Seine Schar bestand aus einem Dutzend Drakonier – Reiter, die Elite der Draka auf schwarzen Hengsten. Ihre Aufgabe war es Zedar zu finden und auszukundschaften, wie er sich verteidigte. Dieser Schritt war enorm wichtig, denn sie hatten ein Problem. Die Eleifa nahmen an, das gesamte Drakaheer wäre ins Land eingefallen, doch das entsprach nicht der Wahrheit. Gerademal eine Hundertschaft war durch das Tor der Weisen getreten, danach war es zusammengebrochen. Die Weisen waren noch zu jung und unerfahren gewesen. Zwar hatten hundert Mann ausgereicht um den ersten Eleifa glauben zu machen, es wären tausende mehr, aber wie lange würde diese Täuschung anhalten? Amwendu wollte es nicht darauf ankommen lassen. Das oberste Ziel hieß: Zedar. Er musste gefunden und getötet werden.

Varren gab seinem Pferd die Sporen. Er war Erster Verteidiger der Kaltwasserfeste beim Angriff der Sinari gewesen, hatte in der Schlacht gegen die Eleifa bei Kap Wrest den Sieg davongetragen und war bereits einmal mit Mandrek aufeinandergetroffen. Ein Begegnung, die er mit einem Auge gebüßt hatte. Ein Schmied und sein irres Volk sollten in Anbetracht dessen zu bewältigen sein.

Zwischen den Hügeln tauchten die ersten Häuser auf.

Der Boden unter seinen Füßen war gefroren und so hart wie Fels. Syrians Füße waren aufgerissen, blutig, seine Muskeln starr vor Kälte und seine Kräfte wurde vom beißenden Wind davon geweht. Der Weg war noch weit. Zu Pferd wäre es kein Problem gewesen, doch so… Zhara begann in seinen Armen unruhig zu werden. Sie zuckte, als würde sie aufwachen. Aber Syrian war zu müde um genauer auf sie zu achten. Er zählte seine Schritte, starrte stoisch auf den grau-braunen Grund vor sich und hoffte nur darauf, irgendwo anzukommen. Zhara legte ihre Arme um seinen Hals. Syrian nahm es erleichtert wahr, musste er sich nun nicht mehr so sehr darum sorgen, dass sie runterfiel. Anscheinend war ihr Geist wieder soweit hergestellt, dass sie bemerkte, was mit ihr vorging. Sie drückte sich ganz fest an ihn. Ihre Wärme war ein Segen, den er nur zu gern willkommen hieß. Der Druck ihrer Arme wurde stärker. Anfangs ganz subtil, dann schnitt es ihm allmählich die Luft ab. Er drehte den Kopf um ihn frei zu bekommen, wollte etwas sagen, doch selbst wenn er hätte frei atmen können, wäre seine Stimme kaum mehr als ein Krächzen gewesen. Er schnappte nach Luft und geriet in Panik, als er keine bekam. Ins Schwanken geraten hob er Zhara hoch und stieß sie von sich. Beide landeten unsanft auf dem harten Boden. Hustend kam Syrian wieder auf die Beine. Da meldete sich eine vertraute Stimme in seinem Kopf. Es war Keisha, die zu ihm sprach, doch verstand er nicht mehr, was sie ihm sagte, denn in diesem Moment war auch Zhara aufgestanden – einen langen schwarzen Gegenstand in Händen haltend. Syrian suchte nach seinen Waffen. Einer der Dolche fehlte. Sie musste ihn gezogen haben als er sie abgeworfen hatte. Abwehrend hob er die Hände.

„Zhara, nein, tu das nicht. Ich will dich nicht…“, brachte er krächzend hervor, erzielte damit jedoch keinen Erfolg. Noch immer unsicher auf den Beinen kam die Draka auf ihn zu. Den ersten Schlägen gelang es ihm noch auszuweichen und wäre er in guter Form gewesen, wäre es ein leichtes für ihn, sie zu entwaffnen. Doch dieses harte Wetter hatte ihn ausgezehrt. Er zog seinerseits einen Dolch um die Angriffe zu parieren. Zwar war ihm bewusst gewesen, was der Kragen mit einem Menschen anrichtete, doch es selbst einmal erleben zu müssen, war ihm nie in den Sinn gekommen. Jetzt sah er, was der Kragen wirklich für Schrecken mit sich brachte und die Angst und das Entsetzen raubten ihm fast den Mut zu kämpfen. Nicht Zhara, sagte er sich jedesmal, wenn er die Chance zum Angriff hatte. Nicht sie, schrie er in sich herein, wenn er einen ihrer Hiebe im letzten Augenblick vereitelt hatte. So einen Kampf sollte es nicht geben, es war unnatürlich und zutiefst grausam. Er hasste Mandrek und den Schmied dafür.

Dann sah er das Blut. Zharas Wunde war aufgeplatzt und ihre strömte das Blut über die Brust.

Hjara hatte Schwierigkeiten sich auf die Ausführungen des Norskahauptmanns über die beste Verteidigungsstrategie der Burg zu konzentrieren. Er dachte an den glänzend schwarzen Stahl eines Kragens und die Möglichkeiten, die sich daraus ergaben. Kontrolle über einen mächtigen Geist, ihn lenken zu können, wie es einem beliebte. Das klang einfach zu verlockend, trotz des unheilvollen Brummens in den dunklen Hinterzimmern seines Verstandes.

„… und daher bezweifle ich, dass sie Erfolg haben werden. Oder wie seht Ihr das?“

Hjara bemerkte zu spät, dass er angesprochen wurde. „Wie? Verzeiht, ich…“

Der stämmige Nordmann legte die Stirn in Falten. „Ihr zweifelt doch nicht etwa? Diese Festung hat bereits mehr als einer Armee widerstanden und ich selbst bin Erster Verteidiger seit drei Dekaden ohne eine Niederlage. Wir haben Bogenschützen, Balliste und in dem engen Aufgang zum Tor werden wir diese Bastarde mit einem Pfeilhagel dezimieren und ihre Körper mit Geröll zerquetschen. Ich sage Euch, werter Heerführer, an dieser Festung wird sich Mandrek seine fauligen Zähne ausbeißen.“ Sein kehliges Gelächter schallte von den massiven Wänden des Wehrganges wider. Von hier aus war die gesamte Eleifaarmee zu überblicken. Ein gewaltiges Heer. Aber wie wollte Mandrek hier herein gelangen? Obwohl Hjara den Lobgesang auf diese Festung nicht mehr hören konnte, musste er doch zugeben, dass sie mehr als hinreichend geschützt war. Also was plante Mandrek? Wollte er sie aushungern lassen? Bei der Menge an Norska würde es nur ein paar Tage dauern, doch warten passte nicht ins Profil des Eleifa. Also was dann?

„Was gedenkt Ihr eigentlich zu unternehmen“, begann Hjara, „wenn Mandrek Eure eigenen Leute in der ersten Reihe gegen uns schickt? Werdet Ihr ihre Reihen dann auch mit einem Pfeilhagel lichten und ihre Körper mit Geröll zerquetschen?“

„Wir…“

Hjara hörte nicht weiter zu. Er stampfte an dem Norska vorbei ins Innere der Burg. Er musste jetzt herausfinden, was die Weisen trieben und welchen Plan sie dahingehend verfolgten.

Keral fand Damon auf den Zinnen der Außenmauer. Seine Hände hatten sich in den Stein verkrallt und er blickte mit steinernem Gesichtsausdruck auf das endlos wirkende Meer an Lagerfeuern. "Sie scheinen wirklich jeden Mann mitgenommen zu haben, der fähig war, ein Schwert zu halten." bemerkte Keral und sein Freund zuckte zusammen, drehte sich auf dem Absatz um und starrte den Norska an, als würde er einen Geist sehen. "Keral? Bist du es wirklich?"

"Nein, ich bin Mandrek und habe mich hier nur eingeschlichen." antwortete Keral trocken und fand sich einen Moment später in der rauen Umarmung seines Clanführers.

"Das heißt, es gibt eine Möglichkeit, den Kragen loszuwerden?" die hellen Augen Damons musterten seinen Freund von oben bis unten.

"Ja, die Möglichkeit gibt es…aber du weißt, dass Keisha beinahe gestorben ist, als sie den Zwang in mir beseitigt hat? Ich würde sagen, es gibt eine Chance für all diejenigen, welche ihre Befehle nicht direkt von Mandrek erhalten. Aber ich bin hier um mit dir über etwas anderes zu sprechen. Ich bin mir sicher, du hast nicht vor, dich hier aushungern zu lassen?"

Damon schüttelte den Kopf. "Nicht im geringsten. Ich habe an die Tunnel gedacht…"

Keral lachte. "Ich ebenso. Wir können des Nachts herausschlüpfen und mit ein paar Hundert ausgesuchten Kriegern die Eleifa nach und nach abschlachten…und uns ihre Vorräte einverleiben, versteht sich."

Damon blickte wieder zu den Massen an Eleifa. "Das wird nicht reichen. Wir müssen Mandrek finden und niederstrecken. Er ist das Herz dieses ganzen Aufmarsches. Ist der Steinflussclan nicht mit ein paar Draka angekommen? Ich habe gehört, dass sich bei ihnen ihr Heerführer befindet. Wir sollten mit ihm sprechen."

Jórek schürzte sich seine Lippen. Keiner seiner Späher war zurückgekehrt. Nun, ganz so konnte man es auch nicht sagen…teilweise waren sie zurückgekehrt…in Stücken. Mehrere Schneeadler und Falken hatten Finger und einmal sogar einen ganzen Kopf über dem Lager abgeworfen. Der Tote hatte einen Zettel zwischen den Zähnen gehabt, welchen Jórek immer noch zerknüllt in der Faust hielt. Was darauf stand war mehr als nur eine Beleidigung. Die Norska machten sich lächerlich über sie, aber sie würden schon sehen, was passierte, wenn die Eleifa plötzlich innerhalb der Festung auftauchen würden. Borack war nicht der einzige Verräter. Jórek hoffte nur, dass die Verräter nicht zu Verrätern wurden. Er schleuderte den Zettel in den Schnee und stapfte zurück zu seinem hastig aufgebauten Zelt. Wie sehr vermisste er die ehrliche Kriegsführung und die Zeit, in welcher sich noch gleichgesinnte Krieger gegenüberstanden und sich gegenseitig schätzen konnten, ohne dass Zauberei oder schwarze Magie im Spiel war, aber das war lange vorbei und er selbst hatte diese Zeit nie erlebt. Er dachte kurz an den jungen Draka. Es sollte mehr von solchen Kriegern geben und er hoffte, dass er ihm bald wieder gegenüberstehen konnte, oder zumindest einem wie ihm. Angewidert betrachtete er einen Norska mit schwarzem Kragen, welcher mit einem Eleifa, der ebenfalls den Kragen trug, Zelte aufbaute. Ein Eleifa, der den Kragen trug….Mandrek überschritt die Grenzen. Allmählich sollte der Vorrat an Kragen auch zur Neige gehen. Mandrek schien jeden, welcher es wagte, ihm zu wiedersprechen, an die Leine zu legen. Jórek war wütend. Wütend auf sich selbst, dass er Mandrek jemals die Treue geschworen hatte und wütend darauf, dass er es nicht wagte, sich offen gegen ihn zu stellen, aus Angst, ebenfalls mit einem Kragen zu enden. Mit langen Schritten bewegte er sich durch das wachsende und überfüllte Lager. Sein finsterer Blick verhalf ihm zu einem freien Weg. Er musste etwas tun, und zwar bald. Diese Farce musste ein Ende haben.

Mandrek nahm einen weiteren Schluck aus der kleinen Feldflasche und lehnte sich zurück. Seine Beine hatte er, wie fast immer, auf dem Rücken eines Draka abgelegt. Er saß vor seinem Zelt und betrachtete die Burg. Wahrhaftig, diese Burg war das Musterbeispiel einer uneinnehmbaren Festung. Aber Mandrek hatte schon lange gelernt, dass es keine Festung ohne einen schwachen Punkt gab. Sein Geist glitt hinaus, tastete den Felsen ab, registrierte jeden noch so kleinen Spalt und suchte weiter. Plötzlich zuckte er zusammen. Es war, als hätte ihm jemand eine unsichtbare Ohrfeige erteilt. Pass auf, wo du deinen Geist hineinsteckst, es könnte sein, dass er nicht mehr rauskommt erklang eine einwandfrei weibliche Stimme in seinem Kopf.

Bashira schüttelte den Kopf. "Was immer die Männer vorhaben, sie sollten es bald tun. Ich habe gerade nur durch Zufall entdeckt, dass Mandrek den Felsen abgetastet hat. Er sucht nach einem Schwachpunkt und wenn er die geheimen Gänge entdeckt, haben wir die Eleifa schneller in der Festung, als wir bis zehn zählen können." sie verzog ihr Gesicht angewidert. Es war eine Sache, einem völlig fremden Geist zu begegnen, aber eine andere, einem so kranken und widerwärtigen wie dem von Mandrek. Es kam ihr vor, als hätte sie sich innerlich beschmutzt. "Hisham, hol die Weisen zu mir. Alle. Und versuche auch die Seher der Norska aufzutreiben. Wir brauchen jede Hilfe, die wir bekommen können."

Keisha fluchte. Syrian war nicht zu erreichen. Seine Gedanken waren zu sehr mit etwas anderem beschäftigt, als dass sie zu ihm durchgedrungen wäre. Zumindest wusste sie jetzt, wo er war, und…das er in Schwierigkeiten war. Sie öffnete ihre Augen, schnappte sich ihren pelzbesetzten Umhang und begab sich auf die Suche nach Damon, Keral und Erik. Sie fand die drei blonden Hünen auf den obersten Zinnen der Festung. Eiskalter Wind fuhr schneidend in ihren Umhang und sie zog ihn fester um sich herum. "Wir müssen los. Jetzt. Es gibt keine Zeit mehr zu verlieren. Syrian und meine Schwester sind in großen Schwierigkeiten. Ich weiß, wo sie sind." sie zögerte und sah dann zu Damon. "Wir benötigen vier oder fünf Pferde, kann man diese durch die Gänge bringen?"

Der Norska zögerte, dann nickte er jedoch. "Es gibt einen Gang, welcher gerade hoch genug für ein Pferd ist. Der Ausgang befindet sich an der Nordseite, knapp hinter der Grenze zu dem Eleifalager. Ihr müsst vorsichtig sein."

Kerals Augen wanderten über die schneebedeckten Weiten. "Wie weit sind die beiden entfernt?"

Keisha zuckte mit den Schultern. Vielleicht ein Tagesritt? Ich kann Entfernungen hier nicht so gut schätzen, wie in der Wüste. Hier gibt es mehr Flüsse, Seen, Spalten und Berge, welche man umgehen oder überqueren muss."

"Kannst du mir die Gegend beschreiben?" Keral sah Keisha fragend an.

Sie seufzte. "Ich versuche es. Einen Moment…ich muss sehen, was er sieht." Sie schloss ihre Augen und reichte erneut mit ihrem Geist hinaus. Sie fand Syrian, drang zu ihm vor und schaffte es durch seine Augen zu blicken. Und das was sie sah, lies sie aufschreien. Zhara stand zähnefletschend vor ihm, in ihren Augen stand die pure Verzweiflung, tiefrotes Blut tropfte von ihrer Brust hinab in den weißen Schnee. Sie spürte Syrians Schmerzen und versuchte sich dadurch nicht ablenken zu lassen. Sie musste die Gegend beschreiben.

Keral nickte, als sie anfing. "In der Gegend liegt das Dorf Valrohn. Wenn wir schnell reiten ist es ein halber Tagesritt. Jedoch ein sehr harter…Keisha?" Keral sah sie besorgt an. Die junge Draka wirkte abwesend, ihr Gesicht beinahe versteinert und doch lag tiefer Schmerz in ihren Zügen. "Wir müssen uns beeilen, flüsterte sie heiser. Wenn wir nur eine Minute länger zögern, könnten wir nur zwei Leichen finden." Tränen und Wut schimmerten in ihren grünen Augen, als sie zu den Männern hochsah. Hätte Syrian nur noch eine Weile auf sie gewartet. Wenn sie jetzt bei ihm wäre…sie hätte Zhara von ihrem Zwang befreien können, auch wenn sie selbst dabei umgekommen wäre, sie hätte ihr helfen können.

Die Wunde glich einem roten Auge, das ihn unverwandt anstierte und blutige Tränen weinte. Dicke Striemen dunklen Blutes quollen aus Zharas Brust und flossen über ihren Bauch, an den Beinen hinab und befleckten den schneebedeckten Boden. Sie begann zu schwanken. Syrian wollte sie halten damit sie nicht fiel, doch kaum hatte er ein paar Schritte auf sie zu getan, hieb sie nach ihm. Er konnte gerade noch der Klinge ausweichen, dennoch streifte sie seinen Arm. Die Hand auf den Schnitt gepresst wich er zurück. Schmerz spürte er jedoch kaum, dazu war sein Körper zu durchgefroren. Zharas Beine knickten ein. Er musste mit ansehen, wie sie vor seinen Augen zusammenbrach und konnte ihr nicht helfen, konnte nicht zu ihr, da ihr dieser verfluchte Kragen befahl, ihn zu töten. Syrian war wie erstarrt. Er schrie sie an, sie solle sich von ihm helfen lassen, solle die Waffe wegwerfen, solle sich daran erinnern, wer sie war. Doch alles half nichts. Wieder kam er näher und sie hob die Klinge zum Angriff, aber er schlug sie mit dem Dolch beiseite und kniete sich zu Zhara. Sie kippte in seine Arme. Dass ihm Tränen über die Wangen strömten bemerkte er erst, als sie auf ihr Gesicht tropften, das schmerzverzerrt zu ihm aufblickte.

„Zhara, Zhara, hörst du mich? Zhara?“ Wieder und wieder sagte er ihren Namen, hielt ihren Kopf in den Händen und zwang sie, ihn anzusehen. Und allmählich – mag es auch eine Einbildung gewesen sein – lichtete sich der Nebel in ihren Augen und sie sah ihn wirklich an. Ihre Lippen, blau von der Kälte, ein wenig Blut rann aus dem Mundwinkel, bebten, als wollte sie etwas sagen. Syrian drehte den Kopf um sein Ohr ganz nah an ihren Mund zu halten. Zu spät bemerkte er, dass sie ihre Arme um ihn geschlungen hatte und noch immer den Dolch in Händen hielt. Der geschliffene Stahl bohrte sich in seinen Rücken, als sie ihre letzten Worte aushauchte.

„Dort vorn“, sagte Leif und deute voraus. „Siehst du?“ Nirsa nickte. Sie sah es nicht nur, sondern spürte auch eine schwache Präsenz, die mehr und mehr schwand. Die Hufe ihrer Pferde klackerten mal über den gefrorenen Boden, mal verschwanden sie dumpf im Schnee. Nirsa hatte sich während ihres Ritts alle möglichen Hoffnungen darauf gemacht, was sie vorfinden würden. Der Kragen wurde von Mandrek missbraucht um über eine Armee hirnloser Geister zu befehligen. Zedar nutzte ihn um den Willen anderer zu brechen, ihnen die eigenen Vorstellungen aufzuzwingen um nicht allein zu sein mit seinen Gedanken und Visionen. Ein trauriger Vorwand, wie Nirsa fand. Ihr gefiel das, was sie hier schaffen konnte: der Kampf zwischen Liebenden – bis auf den Tod. Doch es sollte nicht so schnell vorübergehen.

Sie erreichten das Häufchen Elend, das sich bei näherer Betrachtung als zwei ineinander verschlungen Menschen herausstellte. Sie wirkten friedlich, wie in einer innigen Umarmung eingeschlafen. Vereinzelte Schneeflocken hatten sich im pechschwarzen Haar der Draka verfangen. Nirsa brachte ihr Pferd zum Stehen und gab Leif einen kurzen Befehl. Der Eleifa stieg ab, zog sein Schwert und ging auf die beiden Wüstenkrieger zu. Er beugte sich über sie, dann schien er sich zu entspannen. Er kniete sich nieder.

„Sie ist tot“, sagte er nach einer Weile und sprach damit ihre schlimmsten Befürchtungen aus. Nirsa biss sich so fest auf die Lippen bis sie Blut schmeckte. Es war vorbei bevor sie es hatte genießen können.

„Der hier lebt aber noch.“

Sie hob die Brauen. Ein Hoffnungsschimmer?

„Gut, gut. Lade sie auf dein Pferd und bringe ihn zu mir. Ich bin noch nicht fertig mit ihnen.“

Sie wurden erwartet.

Varren war bereits zu lange Soldat, als dass ihn noch viele Dinge überraschen konnten. Doch als sie auf den Dorfplatz ritten und vor der Schmiede die gesamte Dorfgemeinschaft aufgereiht vorfanden, legte sich ihm plötzlich eine unbehagliche Anspannung um die Schultern. Mit erhobener Faust gebot er seinen Mannen still zu stehen. Alle zwölf zogen an den Zügeln und stoppten ihre Pferde knapp vor der Linie der Dorfbewohner. Eine Staubwolke erhob sich über die Anwesenden. Varren hob sich im Sattel und betrachtete das ungewöhnliche Empfangskomitee. Frauen, die ihre Kinder teilweise noch im Arm hielten, in Körben mit sich trugen, sie hinter ihren schmutzigen Röcken versteckten. Dazu ein paar Alte, am Stock oder sich auf andere stützend. Von ihnen ging nicht die geringste Gefahr aus. Sie trugen keine Waffen bei sich, sah man vom Ausdruck fester Entschlossenheit auf ihren Gesichtern ab.

„Leute der flachen Lande, des Küstenreichs – Eleifa“, rief er laut aus. „Ich bin Varren und spreche zu Euch im Namen Amwendus, Herr der Wüste und König der Südlande. Eure Ländereien wurden von den Draka eingenommen und besetzt. So sagt mir nun: wo ist Euer Herr? Wo ist der große Schmied Zedar? Antwortet!“

Seine letzten Worte hallten erst über den Dorfplatz hinweg bevor sie von einem kräftigen Windstoß erfasst wurden. Die Mäntel der Drakonier flatterten. Eine Frau trat aus der Menge hervor, die langen zu mehreren Zöpfen geflochtenen Haare wehten ihr um den Kopf. Sie stellte sich vor Varrens Pferd, ganz ohne Scheu, die Schultern gestrafft und sah zu ihm auf.

„Unser Herr ist beim Schlund“, sagte sie und wies auf einen kleinen Pfad am Ende des Dorfplatzes, der zwischen die Hügelkette hindurch führte. „Dort entlang.“

Varren hatte vom Schlund gehört. Einem trichterförmigen Abgrund, schwarz wie die Nacht, der in die Höllenreiche der Erde hinab führte. Dort unten, wo die Dämonen und der Tod hausten, baute Zedar das schwarze Metall ab, das er für seine Kragen benötigte. Ein schwarzes Pfund gegen einen Teil der Seele – alles Ammenmärchen?

„Ihr werdet ihn nie besiegen!“ Ein Kind war hervorgetreten, Nase und Mund voller Rotz. „Er ist viel stärker als ihr!“ Seine Mutter packte ihn am Ohr und zog ihn zurück.

Varren betrachtete das Balg nur mit einem skeptischen Blick. Betrunkene und Kinder lügen nicht, heißt es. Zedar war gefährlich, das stand außer Zweifel. Aber sie wussten noch immer nicht, wie genau er sich verteidigte. Die Aufklärungsmission war noch nicht vollendet. Er wandte sich an drei seiner Krieger: „Ihr bleibt bei den Pferden. Sollten wir bei Einbruch der Nacht nicht zurück sein, erstattet ihr Amwendu Bericht, verstanden? Gut. Alle anderen: absitzen und mir folgen!“

Statt auf Bashira und die anderen Weisen zu stoßen war er auf Keral und Damon getroffen. Die beiden kamen auf ihn zu mit einem Plan und Hjara genoss es, wie sie ihn dabei bedachten. Sein Ruf war ihm offenbar vorausgeeilt. Sie fanden sich alsbald in einem Raum mit prasselndem Kaminfeuer und Tierfellen am Boden und an den Wänden wieder um den Plan zu besprechen.

„Das Lager wird gut bewacht sein“, sagte Hjara. „Sie werden uns womöglich sogar erwarten. Zudem besitzt Mandrek Fähigkeiten, die ihm ermöglichen Attentäter früh genug aufzuspüren. Das ist der Grund, warum ihn bisher noch niemand einen Dolch in den Rücken gerammt hat. Daher werden wir es anders angehen müssen. Ihr“, damit zeigte er auf Keral und Damon, „werdet mit Euren Männern das Lager stürmen. In dem aufkommenden Tumult wird kaum jemand auf die kleine Schar Draka achten können, die sich unter meiner Führung zu Mandreks Zelt vorkämpft. Haben wir ihn erledigt, werden wir den Eleifa seinen Kopf präsentieren und dieser Krieg ist vorbei, bevor er begonnen hat.“

„Genau so ist der Plan“, stimmte Keral zu.

„Nur was, wenn Mandrek sich selbst am Kampf beteiligt?“, gab Damon zu bedenken. „Werdet ihr auf offenem Feld mit ihm kämpfen?“

Hjara nickte. „Wir werden unsere ganze Macht gegen ihn aufwenden, bis er fällt.“ Alle nickten einstimmig. Hjara selbst dachte einen Augenblick daran, dass ihm Syrian bei dieser Mission fehlen würde. Er war der Beste seiner Art gewesen. Aber es würde auch ohne ihn gehen. Vielleicht war es sogar besser so, denn der Heermeister hatte noch andere Pläne. Im Kampfgetümmel sollte es ebenso wenig auffallen, wenn er den Lagerort der Kragen ausfindig machen würde. Mit nur einem dieser schwarzen Ungetüme könnte er das Monster in sich bannen, ja es vermutlich sogar kontrollieren. Die Hoffnung darauf ließ ihn Beben vor Erregung. Doch er musste achtsam sein. Seine Gedanken wurden stetig belauscht.

Keisha lief ungeduldig vor dem Zimmer hin und her, in welchem sich Damon und Keral aufhielten. Sogar Graisch war irgendwann einfach hineingeschlüpft um zu lauschen, was die drei Männer sich für einen Plan überlegten. Etwas stimmte nicht. Sie hatte das Gefühl, dass etwas fehlte…Der Schmerz. Das war es. Sie spürte Zharas Schmerzen nicht mehr. Sie hatte sie in die hintersten Ecken ihrer Wahrnehmung verdrängt um bei klarem Verstand zu bleiben, doch nun waren sie weg. Ihre Augen weiteten sich. Nein. Das konnte nicht sein. Zhara war nicht tot. Es durfte nicht sein. Wahrscheinlich war sie geheilt worden, oder ohnmächtig, oder sie hatte sich wieder zurückgezogen, wie sie es schon mal gemacht hatte, um dem Zwang zu entkommen. Nervös zog sie an ihrem unterarmdicken, rötlich schimmernden Zopf, blieb stehen, starrte die Tür einen Moment lang an, dann riss sie sie auf. "Wir haben keine Zeit mehr. Damon, wir brauchen die Pferde, Keral, schwing deinen Hintern zu mir. Wenn du noch eine Sekunde länger brauchst, werde ich ohne dich losreiten." Sie würde nicht ohne Keral losreiten, sie wusste, dass sie ohne einen Norska in diesem Gelände keine Chance hatte, aber sie musste den Druck aufbauen, sein schlechtes Gewissen ihr gegenüber ausnutzen, auch wenn sie es nicht gerne tat.

Hjara schreckte hoch und starrte sie einen Moment lang an. Er hatte die junge Draka das letzte mal vor mehreren Monden gesehen, als sie Bashira wüste Beschimpfungen ins Gesicht geworfen und ihr mitgeteilt hatte, dass sie erst darüber nachdenken würde, eine Weise zu werden, wenn sie aus den Nordlanden zurückgekehrt war und dass sie niemals dazu bereit wäre ihr Schwert aufzugeben. Sie hatte es Bashira mitgeteilt. Nicht gefragt, wie jeder andere Draka.

Hjara hatte gehofft, dass sie bereits tot war. Er wusste nicht, was es war, dass ihm Unbehagen bereitete, jedes Mal, wenn sie in seiner Nähe war, aber was er wusste, war, dass er ihren Einfluss nicht mochte. Irgendwie schaffte sie es immer, dass andere genau das taten, was sie wollte, und meistens waren sie selbst davon so überzeugt, dass sie dachten, es wäre ihre eigene Idee gewesen. Sie und ihre ältere Schwester…sie hatten Amwendu um den Finger gewickelt und damit viele von Hjaras Plänen durchkreuzt. Seit dem der Clanführer die beiden Mädchen bei sich aufgenommen hatte, war er schwerer zu beeinflussen gewesen….zumindest aus Hjaras Sicht. Sogar Keishas Verweigerungshaltung gegenüber der Weisen hatte ein wenig auf Amwendu und seinen Sohn abgefärbt. Er spürte den Dämonen in sich rumoren, sein Verlangen nach ihrem Blut und es kostete ihn Mühe, ihn zurück zu halten. "Keisha. Du lebst. Wie erfreulich." sagte er mit einem Lächeln, welches seine dunklen Augen nicht erreichte.

"Hjara, es ist wie immer eine Freude, Euch zu sehen." antwortete die Draka mit süßlichem Unterton. Dann blickte sie wieder fordernd zu Keral. Dieser nickte. "Damon, du kennst den Plan. Ich bin mir sicher, du wirst ihn alleine ebenso gut durchführen können, wie ich…außerdem hast du Graisch." der Norska warf dem Nomaden, welcher in den Schatten der Tür beinahe unsichtbar wirkte, einen unsicheren Blick zu. Keral vertraute Graisch immer noch nicht, aber wie sagte man immer so schön, gemeinsame Feinde machten die ärgsten Gegner zu Verbündeten.

Damon seufzte. "Ich lasse euch ungern ziehen. Aber ich sehe ein, dass zwei Verteidiger mehr oder weniger keinen großen Unterschied machen. Seht zu, dass ihr bald wieder zurück seid."

Keral nickte. "Sobald wir Syrian und Zhara gefunden haben, werden wir zurückkehren." Der blonde Riese erhob sich und verlies an der Seite Keishas den Raum.

Die Draka atmete hörbar auf, als sie Hjaras Gegenwart hinter sich lies. Er jagte ihr jedes Mal einen Schauer über den Rücken. "Erik hat bereits Pferde organisiert. Wir treffen ihn bei den Ställen." sie sah zu ihm hoch. Es gab ihr immer noch ein seltsames Gefühl, zu jemandem aufsehen zu müssen. Sie selbst war alles andere als klein…für eine Draka. Aber Keral erschien ihr immer noch wie ein Riese. Wenn Syrian so lange Haare wie er gehabt, und diese auch noch zum Teil zu Zöpfen geflochten hätte, sie hätte ihn ausgelacht. Sie lächelte bei dem Gedanken daran, dass Syrian einmal versucht hatte, sich einen Bart stehen zu lassen. Draka hatten einfach nicht genug Barthaare, um es gutaussehen zu lassen. Bei Keral jedoch… Sie stolperte beinahe über ihre eigenen Füße. Was war mit ihr los? Sie konnte jetzt nicht so an Männer denken. Vor allem nicht an Keral. Sie musste sich auf Syrian und ihre Schwester konzentrieren. Sie atmete tief durch und suchte ihre innere Ruhe.

Erik hatte das letzte Pferd gesattelt und befestigte sein kleines Bündel am Sattel, als ein Norska auf ihn zuging. "Wohin soll es gehen?" fragte der Mann mit dem hellroten Haar.

Erik warf ihm einen kurzen Blick zu, ehe er sich wieder den Pferden widmete. "Keral, Keisha und ich werden ein paar Draka retten. Eine davon scheint die Schwester Keishas zu sein."

"Keisha? Ist das die Wüstenblume mit den grünen Augen? Hat sie dir den Kragen abgenommen?"

Erik hob eine Augenbraue und drehte sich zu dem Norska um. "Ja, wieso fragst du mich all das? Wie ist dein Name?"

Der Norska grinste und fletschte dabei seine Zähne. "Ich bin Andras, deine Vertretung. Schöne Grüße von Mandrek." mit diesen Worten rammte der rothaarige Norska dem Blonden ein unterarmlanges Messer in die Brust. Lautlos sackte Erik zusammen. Andras packte ihn unter den Armen und schleifte den Leichnam in die hinterste Ecke des großen Stalls. Vorsichtig vergrub er ihn unter einer dicken Schicht Heu, ehe er sich lässig an einen Pfosten neben die gesattelten Pferde lehnte und wartete. Sein Auftrag war klar und er würde nicht versagen.

Bashira stand auf einer der Abwehrmauern, der eisige Wind riss ihre mit silbernen Strähnen durchzogenen, schwarzen Haare nach hinten und kleine Schneekristalle peitschten ihr Gesicht wie spitze Nadeln. Die Weise spürte es nicht, ihr Geist streifte von körperlichen Dingen unbehelligt durch das Lager der Eleifa. Wenn Mandrek die Festung ausspionieren konnte, konnte sie sein Lager ebenso betrachten. Sie spürte die Zwangskragen, fühlte sie, konnte dank Keishas zuvor erteilter Anleitung den jeweiligen Zwang ertasten und dessen Stärke einschätzen. Die Draka schienen alle von Mandrek persönlich Anweisungen erhalten zu haben. Ihr Zwang war eisern, stand wie eine Mauer ihrem Willen gegenüber und gab nicht im Geringsten nach. Wieder einmal fragte sich Bashira, wie Keisha Kerals Zwang alleine hatte brechen können. Vorsichtig tastete sie sich zu dem Zwang eines Norskas vor. Er sollte ein Zelt aufbauen. Ein Eleifa hatte ihm diesem Befehl nebenher gegeben. Hier war die Mauer brüchig, der Wille des Nordmanns noch nicht gebrochen und sein eigener Wiederstand half Bashira, den Zwang endgültig zu brechen. Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen. Auch wenn viele Zwänge zu stark für sie waren, eine Handvoll würde sie brechen können. Sie hatte zuvor mit ein paar Seherinnen der Norska gesprochen. Sie verfügten ebenso über bestimmte Kräfte, aber leider bei weitem nicht genug, um im Kampf gegen Mandrek gewichtig zu sein. Bashira hatte dennoch vor, sie anzuzapfen. Vielleicht war genau dies der Tropfen an Macht der, welcher Mandrek besiegen konnte. Sie hatte vor ihn von zwei Seiten her anzugreifen. Damon, Hjara und ihre Krieger würden sie körperlich angreifen. Bashira und ihre Weisen würden sie mit ihrem Geist angreifen. Die Chancen bei dieser Übermacht den Sieg davon zu tragen waren gering, aber wenn sie Glück hatten würde Mandrek bei diesem Angriff das Leben verlieren.

Zedar stellte das fertige Schwert in einen eigens dafür angefertigten Ständer. Diese Waffe beinhaltete beinahe unbegrenzte Macht, wenn man wusste, wie man damit umzugehen hatte. Er selbst war sich noch nicht ganz sicher, ob er das Schwert jemals selbst schwingen, oder es einem seiner Schüler überlassen würde. Leif hatte seinen Auftrag noch nicht ausgeführt und Nirsa…sie verfolgte ihre eigenen Ziele. Nirsa war eine geborene Schmiedin, dafür gemacht, mit Feuer und Metall zu arbeiten. Leif hingegen war die hinterhältigste und hinterlistigste Person, welche Zedar jemals kennen gelernt hatte. Er mochte Leif. Der Eleifa war zu etwas höherem bestimmt und wenn Zedars Plan aufging, würde Leif bald an der Spitze der Eleifa reiten. Er wischte sich den feinen Schweiß von der Stirn und sah in das ewig brennende Feuer seiner Schmiede. Die Welt würde ihm zu Füßen liegen. Er selbst hatte kein Bedürfniss nach direkter Macht, aber er wollte die Fäden ziehen, welche die Menschen zum tanzen brachten. Ein Bild formte sich in den Flammen und ein Lächeln stahl sich auf die schmalen Lippen des Schmieds. Draka. Sie hatten sich weit vorgewagt.

Amwendu saß im Schneidersitz vor seinem Zelt und schliff seine Speerspitze. Rein äußerlich war er die Ruhe in Person, doch in ihm brodelte es. Sein einziger Sohn war in den Nordlanden, seine beiden Pflegetöchter ebenso und er hatte keinerlei Nachricht, ob es ihnen gut ging. Er verfluchte sich selbst, dass er nicht zumindest einen der jungen Weisen mitgenommen hatte. Und er hoffte, dass sie es schafften, abermals ein Wegetor zu erschaffen, um ihnen Nachschub zu ermöglichen. Er blickte zur untergehenden Sonne. Sollte er bis Mitternacht keine Nachricht von Varren erhalten haben, würde er einen Sturmangriff wagen. Lieber würde er im Kampf sterben, als versklavt zu werden.

Selten war der Ausgang einer Mission so ungewiss gewesen. Varren erinnerte sich an den Tag, da sie die Eleifa das letzte Mal aus ihrer Wüste vertrieben hatten. Damals gehörte er zur Nachhut, die die von ihrem Anführer getrennten Truppen in der Stadt bekämpfen sollten. Er hatte mit seinen Männern im Wald vor den Toren ausgeharrt, bis Hjara und seine Assassinen das Zeichen gaben. Die Ungewissheit von jenen Tagen setzte sich erneut in seinen Eingeweiden fest. Dabei war die Umgebung weitaus weniger bedrohlich. Der Himmel war blau, durchsetzt von fransigen Wolken. Aufkommender Wind zerrte zwar an ihren Wappenröcken, brachte aber salzige Meeresluft mit sich. Der Pfad, den sie beschritten, führte sie vorbei an mit saftigen Wiesen bewachsenen Hügeln, deren Kanten schroffer Fels markierte. Sie liefen hintereinander in einer Art natürlichem Graben, dessen Grund aus losem Stein zu bestehen schien. Anders als die Wüste wirkte die Landschaft hier viel greifbarer und strotzte nur so vor Leben. Die Bäume hatten dicke Stämme und trugen prächtige Kronen satten Grüns. Auf den Weiden wuchsen Wildblumen in grellen Farben. Im ewigen Sand war es tagtäglich ein Kampf ums Überleben. Varren wusste das sehr gut. Ein Tropfen Wasser, ein bisschen Farbe oder lebendes Wesen in den Sandmeeren anzutreffen glich einem Wunder. Hier sprudelten Bäche aus dem Boden hervor. Varren war dabei, sich in dieses Land zu verlieben, wären da nicht diese unsäglichen Eleifa, die es bevölkerten.

Sie umrundeten einen Hügel und standen unmittelbar vor dem Schlund und Varren fiel es schwer, den Legenden keinen Glauben zu schenken.

Angeblich war einst einer der altvorderen Götter in Ungnade gefallen. Er wurde verstoßen und stürzte auf die Erde. Bei seinem Aufschlag erzeugte er einen tiefen Krater, der trichterförmig bis hinab in die Höllen reichte. Dort unten lebte er nun, verirrt im Dunkeln und ließ alles und jeden, der sich zu ihm hinab wagte, für seinen Sturz büßen.

Nun standen Varren und seine Soldaten selbst vor dem Schlund, dem riesigen Loch im Boden, das sich nach unten hin immer weiter verjüngte und schließlich in totaler Finsternis verschwand. Dort war Zedar, dort baute er den schwarzen Stahl ab und schmiedete die Kragen. Unbehaglich scharten die Männer links und rechts von ihm mit den Füßen und auch er selbst konnte sich eines eisigen Schauers über dem Rücken nicht erwehren. Doch nicht nur der Schlund war beeindruckend, sondern auch die gewaltige Holzkonstruktion darüber. Mehrere Balken waren fachmännisch zu einem Gerüst gezimmert worden, welches Seilzügen und unzähligen Stricken und Körben Halt bot. Damit beförderten sie wohl das abgebaute Metall nach oben.

„Herr, seht!“ Varren sah wohin der Soldat wies. Unweit von ihnen stand eine Kreatur am Rand des Schlunds. Für einen schrecklichen Moment dachte er, es wäre Zedar selbst, doch diese Furcht erwies sich sofort als albern. Der Fremde war viel zu dürr und stand mit so stark gekrümmten Rücken da, dass man befürchten musste, er kippte vornüber. Sie gingen darauf zu. Je näher sie kamen, desto mehr wurde ihm dieses Wesen zuwider. Bald zweifelte er gar daran, hier einen Menschen vor sich zu haben. Die Haut war grau und wie dünnes Pergament über das deutlich hervortretende Skelett gespannt. Kein Haar wuchs auf dem Schädel, die Kleider hingen in Fetzen von seinem mageren Körper. Am widerlichsten kamen Varren die großen Augen vor, die beinah aus den Höhlen quollen und nach milchigen Perlen aussahen. Unterwürfig buckelte es vor Varren und den Draka und gestikulierte wild.

„Was willst du, Kreatur“, herrschte Varren. „Sprich!“ Aber nur ein Ächzen gelangte durch die Kehle des Wesens.

„Herr, womöglich will es, dass wir einsteigen.“

„Einsteigen?“ Varren wandte sich um um sich anzusehen, was sein Hauptmann entdeckt hatte. Den Mittelpunkt des Gerüsts bildete eine eingezäunte Plattform, die an vier Seilen über den Abgrund schwebte und mit einem Flaschenzug zum Rand des Schlunds verbrunden war. Über eine Rampe gelangte man zu ihr. Varren besah die Konstruktion eine Weile bis er verstand. Dabei wurde ihm ganz mulmig im Magen.

„Gelangt man damit nach unten?“, fragte er die Kreatur. „Zu Zedar, deinem Meister?“

Es nickte.

Noch immer hatten sie ihn nicht gefunden – den großen Schmied. Er konnte noch nicht mit ausreichend Informationen zu Amwendu zurückkehren.

„Lasst uns gehen“, ließ er seine Entscheidung verlauten. Kaum hatte er es ausgesprochen stürzte das Wesen auf ihn zu. Sofort wurde es von seinen Männern unter lautem Brüllen zurückgezerrt und in den Staub geworfen. Varren hatte den Griff seines Schwertes umfasst und trat auf die Kreatur zu. „Was sollte das? Was willst du, verdammt?!“

Es wirkte erbärmlich, wie es sich dort im Dreck krümmte, den Kopf mit den Armen geschützt. Zaghaft lugten die milchigen Perlen hervor. Dann hielt es vier knochige Finger hoch.

„Vier?“, sagte einer der Soldaten. „Was soll das? Mein Herr, wir verschwenden Zeit.“

„Genau“, meldete sich ein zweiter zu Wort. „Wir sollten es abstechen, damit es uns nicht in den Rücken fallen kann!“

„Vielleicht…“ Varren sah zu seinem Hauptmann, der mit gerunzelter Stirn auf die graue Hand stierte. „Vielleicht…“

„Sprecht es aus!“

„Vielleicht will es uns sagen, dass nur vier von uns hinunter können. Vielleicht trägt die Konstruktion nicht mehr.“

Tatsächlich nickte die Kreatur daraufhin bestätigend. Varren kam ins grübeln. Es konnte eine List sein, auch wenn dieses jämmerliche Geschöpf nicht annähernd schlau genug wirkte, um sich so einen Plan auszudenken. Aber was hinderte Zedar daran, die Kontrolle über das Wesen zu erlangen? Verdammt! Nur vier Krieger gegen den großen Schmied war verdammt wenig.

Er wies zwei Krieger an zum Dorf zurückzukehren um vorläufig Bericht zu erstatten. Drei weitere sollten den Seilzug bedienen. Mit den restlichen stieg Varren auf die Plattform. Das Holz knarzte, die Seile ächzten. Durch die Ritzen zwischen den Brettern zu seinen Füßen sah er den Abgrund, der sich meilenweit in der Tiefe verlor.

„Also dann!“ Er gab den Männern am Rand ein Zeichen, dann ging es langsam abwärts.

„Wir sollten ein Lager aufschlagen“, meinte Leif mit besorgtem Blick nach oben. „Bevor die Nacht hereinbricht schaffen wir es nicht zurück.“ Er schaute sich um und wies schließlich auf eine Stelle irgendwo zwischen Felsen. „Dort ist ein guter Platz.“

„Wie du meinst“, antwortete Nirsa nur und folgte. Sie vertraute ihm dabei. Leif war schon früher im Nordland gewesen um es für die Invasion zu erkunden. Wenn er meinte, es würde bald dunkel werden und dort wäre ein guter Platz für die Nacht, dann war das sicher richtig so. Und tatsächlich waren sie hier, umgeben von hoch aufragenden schroffen Felsen, gut windgeschützt. Gleichwohl müsste man sehr nah heran kommen um sie hier zu entdecken. Sein Gespür trog ihn offenbar nicht. Mit den Decken, die sie dabei hatten und einigen stämmigen Ästen errichtete Leif ein behelfsmäßiges Zelt in das kaum mehr als eine Person passte.

„Wir werden abwechselnd Wache halten“, sagte er. „Die Leiche und den anderen lassen wir draußen liegen, bedecken ihn aber mit den Fellen. Damit die Tiere sich nachts nicht an ihnen vergreifen wird einer von uns wach bleiben müssen. Ich übernehme die erste Wache.“

„Gut. Wenn du nach Feuerholz suchst, halt die Augen nach Kräutern offen um ihn zu heilen.“ Sie hatte sich neben Syrian gekniet. Leif kam hinzu, hob die Felle an und spähte auf die Wunde.

„Sie ist nicht tief. Offenbar hatte seine kleine Freundin nicht mehr viel Kraft als sie zustach. Sein Glück. Ich finde sicher etwas. Bin gleich zurück.“

Als er fort war deckte Nirsa den Draka wieder sorgsam zu um ihn vor der Kälte zu schützen. Zärtlich strich sie ihm die Haare aus dem Gesicht. Was würde sie nur alles dafür geben, wenn sie nur seine Gedanken lesen könnte. Über den Kampf gegen seine Geliebte, ihren Tod und seinen eigenen Beinahtod. Das Chaos der Gefühle und Gedanken musste überwältigend sein. Sie erhob sich und ging zu ihrem Pferd. Aus einer Beuteltasche holte sie einen Kragen hervor. Wieder neben Syrian streichelte sie den schwarzen Stahl. „Was geht in deinem Kopf vor…?“

Er beobachtete das hektische Treiben von einer dunklen Nische aus, wo ihn niemand behelligen würde und er selbst niemandem im Weg stand. Alle waren in Vorbereitungen für den bevorstehenden Kampf vertieft. Die Sonne ging bereits unter. Zu dieser Jahreszeit geschah das immer etwas früher. Dutzende Gruppen von Norska legten Helme, Arm- und Beinschienen aus gestärktem Leder oder Metall an. Sie schleiften ihre Schwerter oder besserten ihre Schilde aus. In einer Ecke standen die Draka zusammen. Alle in schwarz gewandt und lauschten den Worten ihres Heerführers. Diesen Mann umgab eine Aura bösartiger Energie, die es aufmerksam zu beobachten galt.

Drei Reiter erschienen. Es waren Keral und diese Keisha, sowie ein weiterer Norska. Sie ritten durch die Menge, sprachen kurz mit einigen anderen und verschwanden bald darauf in halsbrecherischem Tempo hinaus.

Graisch verschränkte die Arme vor der Brust und atmete tief durch. Seine eigene Rolle in dieser ganzen Sache war ihm noch nicht ganz klar. Er war Nomade und somit keinem der sich bekriegenden Völker zugehörig. Dennoch würde er kämpfen und womöglich sogar sein Leben geben. Bloß wofür? Seine Erinnerungen der letzten Tage bestanden aus kalten Gefängniswänden aus grobgehauenem Stein und farblosem Brei zum Frühstück, Mittag und Abend. Dazu brackiges Wasser. Aber davor… die freien Marschen, der weite Himmel über ihm. Das Leben eines Nomaden. Zwischen ihm und dieser Freiheit stand nur leider ein ganzes Heer Eleifa. Und nicht nur das. Sachte hatte er das Lager abgetastet und dabei den Bruder seiner einstigen Frau entdeckt. Ihren Mörder. Graisch würde kämpfen. Aber weder für Damon oder sonst irgendwen, sondern nur für sich.

Es war nicht einfach, zwischen dem Schnee einigermaßen trockenes Holz zu finden, geschweige denn Heilkräuter. Leif konnte zwar einen kleinen Lederbeutel mit Kräutern füllen, doch diese waren alles andere als frisch. Nun, er musste nur einen Draka heilen, hier war die Qualität egal. Er hatte gerade ein paar weitere Kräuter aus dem Schnee ausgegraben, als ihm ein bekannter Duft in die Nase stieg. Genau so roch Mandreks Atem, nachdem er einen Schluck aus seiner Flasche genommen hatte. Die hellen Augen des Eleifas glitten suchend über die Schneedecke, bis er an einem halb verrotteten Baumstumpf eine unscheinbare Pflanze entdeckte. Ein normaler Mensch hätte sie als Unkraut abgetan, doch die meisten Heilkräuter sahen aus wie Unkraut. Leif ging neben der zarten Pflanze, welche sich mit feinem Wurzelwerk an den Baumstumpf klammerte, in die Knie und atmete tief ein. Der Duft, den die winzigen lila Blüten verbreiteten war beinahe berauschend. Vorsichtig zupfte er ein paar der Blüten und Blätter aus, zog dann seinen Dolch hervor und entfernte ein wenig des Wurzelwerks. Eines davon würde den Wirkstoff enthalten, welchen Mandrek zu sich nahm. Leif musste nur herausfinden, welcher. Er öffnete einen weiteren Lederbeutel und verstaute seinen Fund dort, ehe er ihn in eine geheime Tasche in seinem fellbesetzten Umhang steckte. Vielleicht eignete sich der Draka als Versuchskaninchen. Zur Not würde er Nirsa das Kraut untermischen und die Wirkung abwarten. Wenn er wusste, was die Wirkung genau war und wie sich Mandreks Trank zusammensetzte, hatte er mit Mandrek gleich gezogen. Er würde bald seinen Platz einnehmen und das Beste daran war, dass keiner es merken würde. Leif lächelte. Jetzt musste er nur noch herausfinden, was Nirsa vor hatte.

Als der Eleifa zu ihrem Lagerplatz zurückkehrte verschwand die Sonne bereits hinter den Baumwipfeln und eine empfindliche Kälte begann sich auszubreiten. Nirsa hatte dem jungen Draka gerade einen Kragen angelegt und betrachtete ihn mit dem Interesse eines Forschers, welcher soeben ein Tier seziert hatte. Leif schüttelte seinen Kopf und hob mit Hilfe seines Dolches eine kleine Kuhle für das Feuerholz aus dem gefrorenen Boden. Dann zückte er wie bei beinahe jedem Feuer, das er in den Nordlanden entzünden musste, einen seiner vielen Lederbeutel, welche sich an seinem Gürtel befanden und streute eine Priese des dunklen Pulvers über das feuchte Holz. Er steckte den Beutel vorsichtig zurück und hielt seine Handfläche kurz über das Holz. Es verlangte nur ein wenig Konzentration und die ersten Flammen wärmten seine Finger. Zedar hatte ihm so manch nützlichen Trick beigebracht.

"Nirsa, wie wäre es, wenn du dich nützlich machst und das Abendessen zubereitest, während ich versuche, deinem Forschungsobjekt das Leben zu retten. Die Pfanne, Speck und Bohnen befinden sich in meiner Satteltasche." Er nahm den Rest des Feuerholzes und ging mit geschmeidigen Schritten zu der massigen Gestalt der Schmiedin. Diese sah zu ihm hoch und er spürte, dass ihr nicht nur eine scharfe Bemerkung auf der Zunge lag, also warf er ihr eines seiner umwerfensten Lächeln zu und strich ihr sanft über den Nacken. Sogleich entspannte sich die Eleifa, richtete sich auf und sah Leif direkt in die Augen. "Sorge dafür, dass er überlebt. Ich habe noch viel mit ihm vor."

Leif lachte leise. "Ich kann mir schon vorstellen was, Liebste, ich hoffe nur, dass du mich nicht vernachlässigst."

Nirsa schmunzelte, und hauchte ihm einen Kuss auf den Mund. "Ich werde dir nach dem Essen zeigen, wie wenig ich dich vernachlässigen werde."

Als die Schmiedin sich abgewandt hatte, um das Abendessen vorzubereiten, erschauderte Leif. DAS hatte er eigentlich nicht gewollt. Nun, er hatte es schon öfters hinter sich gebracht, also würde er auch dieses Mal überstehen. Er ging neben dem Draka in die Knie, entzündete auch hier noch ein kleines Feuer zwischen dem Draka und der Leiche. Ehe er sich dem Verletzten zuwendete, warf er noch einen Blick auf die junge Frau. Sie sah friedlich aus und war bei weitem anziehender als Nirsa…ob tot oder nicht. Er strich ihr eine Locke des tiefschwarzen Haares aus dem exotischen Gesicht um sie sich näher zu betrachten und zögerte. Sie war bei weitem nicht so kalt, wie eine Leiche bei diesen Temperaturen sein sollte. Nun, es konnte auch an der Nähe zu dem Feuer liegen. Er würde es bei seiner ersten Wache beobachten. Einen Augenblick lang zögerte er noch, dann legte er eine weitere Felldecke über die Draka und bedeckte auch ihr Gesicht. Falls Nirsa fragen sollte, würde er sagen können, dass er sie so noch besser vor Wildtieren schützen konnte.

Keral gab ein Zeichen und Keisha, sowie Andras stiegen von ihren Pferden. "Ab hier müssen wir die Tiere führen. Es könnte teilweise eng werden und manche Stellen sind eingestürzt. Bleibt dicht bei mir. Die Wege durch den Berg sind ein wahres Labyrinth." Keral grinste und seine Augen funkelten belustigt, als er Keisha ansah. "Du kannst dich auch gerne an mir festhalten, wenn du Angst bekommen solltest." Keral war wieder ganz der alte. Nur ab und zu griff er sich noch unsicher an den Hals, um sich zu vergewissern, dass er auch wirklich frei war.

Keisha hob eine Augenbraue. "Ehe ich Angst bekomme, klammerst du dich bereits zitternd an meine Waden." erwiderte sie lächelnd. "Und nun beeil dich, wir haben keine Zeit herumzuschäkern."

Keral wurde wieder ernst, entzündete mit einem Feuerstein die Fackeln und verteilte sie an seine Begleiter. "Haltet euch dicht bei mir und achtet auf eure Füße. Der Boden ist alles andere als eben." er duckte sich und verschwand in der dunklen Öffnung, welche versteckt hinter einem weiteren Felsen und vielen Pflanzenranken in den Berg hinein führte. Sie hatten dafür die Festung verlassen und sich auf die Rückseite begeben müssen. Der Gang, der sich in den Felsen hineingefressen hatte, war schmal und die stämmigen Pferde der Norska schabten teilweise an den Wänden entlang. Sie hatten ihnen die Augen verbunden, damit sie nicht panisch wurden. Ein außer Kontrolle geratenes Pferd könnte hier tödlich sein.

"Wie lang werden wir benötigen, bis wir wieder Tageslicht sehen?" fragte Keisha und erschrak ein wenig über den dumpfen Klang ihrer Stimme.

Die breiten Schultern Kerals, welche beinahe die Tunnelwände berührten, zuckten kurz. "Mit Glück in einer Stunde, mit Pech in einem Tag. Es kommt darauf an, wie viele der Wege bereits verschüttet sind. Wenn ich einen neuen Weg suchen muss, wird es länger dauern. Also drück uns die Daumen."

Die Draka nickte und blickte zurück. Andras war ein wenig zurückgeblieben, holte jedoch schnell auf. Keisha fragte sich, aus welchem Grund Erik wirklich nicht mitgekommen war. Der Norska war so darauf bedacht gewesen, sie zu begleiten…Sie stolperte, fluchte, und fing sich gerade so noch an der rauen Wand. Andras lachte dunkel. "Schau lieber auf deine Füße, als auf mich."

Sie stapften eine gefühlte Ewigkeit durch die feuchtkalte Luft. Immer wieder blieb Keral an Abzweigungen stehen, betrachtete die Wände und strich mit den Fingerspitzen darüber. Erst bei der dritten Abzweigung bemerkte Keisha die winzigen Symbole. Es handelte sich hier um Wegweiser. "Woher weißt du, welchem Symbol du folgen musst?" fragte Keisha neugierig.

"Damon und ich habe als Kind hier gespielt und irgendwann sind wir aus reiner Neugier den verschiedenen Symbolen gefolgt und haben geschaut, wo wir rauskommen. Dieses hier…" er griff nach Keishas Hand und führte sie zu einer in sich verschlungenen Spirale. "Ist der Weg, welcher uns eine halbe Meile nördlich des Eleifa Lagers herausbringen wird." er führte ihre Finger zu einem kleinen Kreis in dessen Mitte sich ein Dreieck befand. "Wenn wir diesem Weg folgen würden, kommen wir mitten in Mandreks Lager heraus. Damon und die anderen werden ihn benutzen um ihm einen Besuch abzustatten."

"Wie kommt es, dass die Eleifa den Weg nicht selbst finden? Ist der Ausgang so gut versteckt?" fragte Andras und betrachtete die Symbole eingehend.

Keral, welcher unbewusst immer noch Keishas Hand hielt zuckte mit den Schultern. "Die Ausgänge sind gut getarnt. Auf dem, welcher sich im Lager befindet, wächst Gras und ein paar kleine Sandfelsen liegen darauf herum. Sie sind so leicht, dass zwei Personen den Verschluss öffnen könnten, von innen, wie von Außen, doch von Außen sieht es aus, wie jede beliebige, schneebedeckte Wiese. Der Weg, welchen wir nehmen endet natürlicher in einem leeren Flussbett. Wir folgen gerade dem Flusslauf und werden den Berg durch ein sehr schmalen Ausgang verlassen. Vielleicht müssen wir die Pferde ein wenig ziehen und schieben."

Keisha entzog ihm sanft ihre Hand und lächelte zu Keral hinauf. "Wir sollten weitergehen. Wie bereits gesagt, jede Minute zählt."

In den finsteren Gängen kam es der Draka beinahe so vor, als würde die Zeit sich ewig ziehen. Die düsteren und rauen Felsen um sie herum drückten genauso auf ihre Stimmung, wie die Angst um Zhara und Syrian. Sie konnte immer noch weder den einen noch die andere erreichen und der Verdacht, dass zumindest Zhara tot war, verstärkte sich mit jeder Minute. Es schien eine Ewigkeit gedauert zu haben, obwohl Keral nur einmal einen anderen Weg finden musste, da die Decke plötzlich nachgegeben und den Gang vor ihnen mit einer dichten Geröllschicht versperrt hatte. Es war ihr Glück gewesen, dass Keral einen Moment länger zum lesen der Wegweiser benötigt hatte, als sonst. Keisha erschauderte bei dem Gedanken daran, hier unten lebendig begraben zu sein.

Letztendlich jedoch erhaschte sie einen frischen Luftzug und atmete tief ein. Keral drehte sich lächelnd zu ihr um. "Wir haben es gleich geschafft es sind nur noch wenige…Wo ist Andras?"

Mandrek stand keine zwei Zentimeter außerhalb der Pfeilreichweite der Norska und betrachtete den sich in die Höhe windenden Hohlweg. Perfekt. Diese Festung war einfach perfekt. Wenn er eine Festung entwerfen hätte sollen, sie hätte genauso ausgesehen. Die dunklen Umrisse auf der Spitze des Berges hoben sich scharf vom restlichen Weiß des Landes ab und wirkten bedrohlich. Er hatte noch ein paar mal versucht mit seinen Gedanken die Festung auszukundschaften, aber er war immer an einer glatten Mauer abgeprallt. Eine geistige Verteidigungsmauer, welcher der echten in nichts nachstand. Er hätte es niemals zulassen dürfen, dass die Weisen der Draka sich hier einmischen konnten. Aber wenn er ehrlich war, er hätte auch niemals geglaubt, dass sie hier auftauchen würden. Vielleicht wäre alles anders gelaufen, wenn er die Draka nicht in der Höhle eingeschlossen hätte. Vielleicht hätte er sie einfach ignorieren und weiterziehen sollen...Es hätte ihm Tage gebracht…nun, die Chance war vorbei, er musste das Beste aus dem machen, was er hatte. Ein einsamer Pfeil tauchte über ihm auf, schwirrte in aberwitziger Geschwindigkeit auf ihn zu und landete rund zehn Zentimeter hinter ihm. Mandrek hob eine Augenbraue und versuchte den Ursprung des Pfeils auszumachen. Der Attentäter musste sich außerhalb der Burg befinden. Er atmete tief ein und zog sich zurück. Das Lager war nach Jóreks Anweisungen eine halbe Meile vom Aufstieg entfernt, so dass sich kein Attentäter unbemerkt an sie anschleichen konnte. Während er auf sein Lager zuging, schlich sich ein Lächeln in sein hartes Gesicht. Tausende von Feuern, Abertausende von Zelten, Zehntausende Krieger und alle gehorchten sie ihm.

Jórek betrachtete den Felsen vor sich nachdenklich. Er war sich sicher, dass er sich soeben bewegt hatte, aber alles in ihm schrie geradezu danach, dass er es sich eingebildet haben musste. Wieso sollte sich ein Felsen, bedeckt von Eis und Schnee, bewegen? Dort, schon wieder. Er hob sich. Fast, als würde der Stein atmen. Mit einer fließenden Bewegung zog der Eleifa eines seiner Schwerter aus der Scheide auf seinem Rücken. In diesem Augenblick klappte der Stein mit einem dumpfen Geräusch nach hinten und ein bärtiger Norska entstieg dunklen Tiefen. Jórek steckte das Schwert zurück und half Andras, sich durch die schmale Öffnung zu quetschen.

"Wie ich sehe, bist du fündig geworden, mein Freund."

Andras grinste und zeigte dabei eine erstaunliche Reihe an riesigen, weißen Zähnen. "Manchmal frage ich mich, ob ich wirklich ein Norska bin. Sie waren alle so naiv, so gutgläubig. Keral hat mich direkt in die geheimen Gänge geführt und mir erklärt, wie sie funktionieren. Nun gut, er wollte eher bei der kleinen Draka Eindruck schinden, aber nichts desto trotz….hier ist der Eingang zu ihrer Festung. Präsentiert auf dem Silbertablett."

Jórek lächelte. "Das hast du hervorragend gemacht, Andras. Die Belohnung wird dir sicher sein."

"Belohnung?" Der Norska lachte dröhnend. "Mir ist es Belohnung genug, wenn Damon bekommt, was er verdient…obwohl…so eine hübsche Draka würde mir auch gefallen. Mal schauen, ob mir eine zwischen die Finger kommt." er klopfte Jórek auf die Schultern und ging in Richtung seines Zeltes. Der Eleifa blieb zurück und sah ihm nach. Es ging auch ohne Kragen…wenn Mandrek das nur einsehen würde…Mandrek…er würde die Information über den Geheimgang noch etwas zurückhalten und mit seinen eigenen Männern eine Verteidigung organisieren. Gleichzeitig wollte Jórek gut eintausend Mann in die Burg einschleusen. Diese Festung würde fallen.

"Er wird uns verraten." bemerkte Keisha und blickte zurück in den dunklen Tunnel. "Du musst zurückkehren und deine Leute warnen. Ich werde weiter ziehen und nach diesem strohköpfigen Mann Ausschau halten, der meiner Schwester nachgelaufen ist." Sie war sich nun sicher, dass Zhara tot war. Den Schmerz, welchen sie gefühlt hatte und das plötzliche Verschwinden ihrer Präsenz in ihrem Geist hatten es ihr bestätigt, sie hatte es nur nicht wahrhaben wollen. Nun akzeptierte sie den Verlust ihrer Schwester langsam, doch sie würde Syrian finden und ihn retten. Dann würde sie ihn verprügeln. Dafür, dass er nicht auf Zhara aufgepasst hatte, dafür, dass er sie verlassen hatte, dafür, dass er einfach so weggelaufen war, ohne ihr Bescheid zu geben. Hätte dieser Hohlkopf sie mitgenommen, vielleicht hätte sie Zhara retten können.

Keral sah sie an. "Du kennst den Weg nicht."

"Dann wirst du ihn mir erklären." erklang ihre kühle Antwort.

"Es ist gefährlich dort draußen." hielt er entgegen

"Ich bin auch gefährlich." antwortete sie ruhig

Keral verdrehte die Augen und sah sie an. "Ich werde dich nicht davon abbringen können, nicht wahr? Ich werde meine Leute warnen und dann nachkommen, das verspreche ich dir." Keral begann damit, ihr den Weg so genau wie möglich zu erklären und fügte jede noch so kleine Gefahr hinzu, welche er kannte. Als er fertig war, sah er sie besorgt an. "Bist du dir sicher…"

Die Draka lächelte plötzlich und gab ihm einen Kuss auf die bärtigen Lippen. "Wir werden uns wieder sehen. In diesem oder dem nächsten Leben. Mögest du stets Wasser und Schatten finden…in diesen Gefielden wohl eher heißen Wein und warme Decken…" mit diesen Worten lief sie im lockeren Schritt über die vereiste Schneedecke, ihr weißer Fellumhang lies sie mit der Landschaft verschmelzen und nur ihr rot schimmerndes Haar stand im krassen Gegensatz zu dem ewigen Weiß um sie herum.

Der Norska atmete tief durch, beobachtete noch, wie sie ihre Kapuze über den Kopf schlug um endgültig Eins mit der Umgebung zu werden, dann machte er sich auf den Weg zurück. Sollte Andras ihm zwischen die Finger kommen würde er ihm keine Chance für Erklärungen lassen.

Hisham lies nachdenklich eine Energiekugel von Finger zu Finger springen, während er das Zeltlager der Eleifa betrachtete. Warum machten Bashira und die Norska so ein Aufheben um Mandrek? Sicher, er war ein Monster, aber auch Monster konnten vernichtet werden. Der Energieball wuchs weiter an und der Draka fokussierte die Mitte des Lagers. Ein Wurf und alles könnte vorbei sein…

Der Draka lies die Kugel noch ein wenig anwachsen, füllte sie mit Energie, dann warf er sie. Ein kurzes, blaues Leuchten blitzte auf und sein Ball verpuffte im Nichts.

"Hast du wirklich geglaubt, Mandrek sei so dumm, sein Lager nicht vor solchen Angriffen zu schützen? Ihr Weisen seid hier eigentlich unnütz. Die Einzige Möglichkeit die Eleifa zu vernichten ist, sie von Angesicht zu Angesicht zu bekämpfen, wie es ehrvolle Männer machen sollten." Hjara lachte hart. "Entschuldige, ich vergaß. Die Weisen sind nicht ehrvoll. Sie legen ihre Waffen nieder um die Fäden aus dem Hinterhalt heraus zu ziehen und Clanhäuptlinge für sie tanzen zu lassen."

Hisham drehte sich wutendbrand um. "Pass auf, was du sagst." eine weitere Energiekugel hatte sich in seiner Hand gebildet und er war bereit, sie loszulassen.

Der General der Draka lächelte nur mitleidig. "Glaubst du wirklich, dass du das tun kannst? Los, versuche es." Er hob den Blick und sah Hisham mit rötlich schimmernden Augen herausfordernd an. Der Dämon in ihm wartete nur darauf, losschlagen zu können. Es kostete ihn alle Mühe, das Ungetüm zurückzuhalten.

Leif versorgte die Wunden des Draka sorgfältig, er hielt nicht viel davon, Menschen unnütz zu verschwenden. Diese Eigenschaft an Nirsa jagte ihm jedes Mal einen Schauer über den Rücken. Sie spielte mit den Menschen, labte sich an ihrem Leid, ihren Sorgen und ihren Schmerzen. Er hatte andere Pläne mit diesem Draka. Wenn alles so lief, wie er es sich vorgestellt hatte, würde sein Patient ihm am Ende freiwillig helfen…Es sei denn Nirsa hatte andere Pläne für ihn…

Er ging zum Feuer und bereitete einen Tee zu. Einen Becher davon füllte er schon etwas früher ab, zu dem Rest im Topf fügte er die lila Blüten der unscheinbaren Pflanze hinzu und lies sie noch ein wenig mit kochen, ehe er auch hier einen Becher abfüllte. Leif setzte sein bestes Lächeln auf und ging zu Nirsa hinüber, welche bereits angefangen hatte zu essen.

"Hier, Liebste, ich habe uns einen Tee zubereitet, welcher uns Energie und Wärme für diese kalte Nacht schenken wird."

Die Schmiedin nahm den Becher mit einem Lächeln entgegen, während ihr Blick kurz über seinen Körper streifte. "Ich bin mir sicher, dass wir die Wärme heute Nacht selbst erzeugen werden."

Leif unterdrückte ein Schaudern und setzte sich ihr gegenüber auf einen umgefallenen Baumstamm. Speck und Bohnen zum Abendessen, Trockenfleisch und Brot als Mittagessen und zum Frühstück trocken Brot. Langsam konnte er diese Zutaten nicht mehr sehen. Über seinen Tellerrand hinweg beobachtete er, wie Nirsa einen tiefen Schluck des Tees nahm, ins Stocken geriet und einen weitern Schluck zu sich nahm. "Dieser Tee…er schmeckt anders als sonst. Aber sehr gut. Was hast du hinein gegeben?"

Der Eleifa lächelte sie an. "Ich habe auf der Suche nach Heilkräutern noch einige geschmackvolle Zutaten gefunden. Es freut mich, dass es dir schmeckt."

Nirsa roch an ihrem Getränk und musterte Leif aus dem Augenwinkel heraus. Egal, was in diesem Tee war, es war nicht nur eine geschmackvolle Zutat. Der Tee schmeckte gut, das war keine Frage, aber er hatte sämtliche Müdigkeit hinfort gescheucht. Sie war sich nicht sicher, ob das beabsichtigt war, oder ob Leif wollte, dass sie die ganze Nacht wach war um ihn zu beglücken. Nun, sie würde ihren Spaß haben. Ihr Herz fing an schneller zu schlagen und sie fragte sich, ob dies eine Nebenwirkung des Tees war oder nur die Vorfreude auf die gemeinsame Nacht. Sie leerte ihren Becher und hielt ihn Leif hin. "Gib mir noch ein wenig davon, ich bin durstig."

Er musterte sie einen Moment lang und zögerte. Narisa machte nicht den Eindruck, als würde sie gleich von ihrem Stein fallen. Er wollte sie auf keinen Fall umbringen, aber die Wirkung des Mittels würde er gerne genauer erforschen. Vielleicht war der Wirkstoff auch in den Wurzeln oder Blättern. Nun, ein Becher mehr würde sie schon überstehen, vielleicht war der Tee dadurch auch nur schmackhafter geworden.

Syrian war kalt. Unermesslich kalt. Doch diese klirrende Kälte sagte ihm, dass er noch am Leben war. Er lag auf dem Bauch, sein Gesicht auf einen mit Kleidungsstücken gefüllten Sack gebettet, er roch das feuchte Fell eines toten Tieres, welches ihn bedeckte und er spürte den scharfen Schmerz in seinem Rücken, als er versuchte, sich zu bewegen. Nach und nach kamen die Erinnerungen an das zuvor erlebte zurück und er lies seinen Kopf wieder auf das Kleiderbündel fallen. Zhara….erst jetzt fiel ihm der leblose, zugedeckte Körper neben ihm auf. Schwarze, glänzende Haare mit einem leichten Stich ins rote schauten unter der Felldecke hervor. Keishas Haar war röter. Der Draka schloss seine Augen und drehte seinen Kopf in die andere Richtung. Jetzt, wo Zhara tot war, fiel ihm auf, wie unterschiedlich die beiden Schwestern doch gewesen waren. Er durfte sich jetzt nicht der Trauer hingeben. Zhara hatte ihm einst gesagt, dass Trauer nur Selbstmitleid wäre. Der Mensch der gestorben war, war erlöst, er war erwacht aus dem Traum des Lebens. Die Zurückgebliebenen trauerten nur darum, dass eine Person in ihrem Leben gegangen war. Trauer und Selbstmitleid half niemandem etwas. Vorsichtig bewegte er den Kopf. Irgendetwas störte ihn an seinem Hals. Sein Blick glitt über den Schnee und verharrte bei zwei dunkle Gestalten, die an einem Feuer etwas weiter weg saßen. Beide waren hochgewachsen, doch eine davon war massig, hatte breite Schultern und machte den Eindruck von großer Muskelkraft, während die andere Person schlank und sehnig wirkte…und auf eine seltsame Art und Weise beobachtend.

Die massige Gestalt sagte etwas, woraufhin sich die schlanke Gestalt erhob und zu ihm hinüberkam. Es war die Sprache der Eleifa. Er war also in deren Hände geraten. Schnell schloss er seine Augen und versuchte, so ruhig wie möglich zu atmen.

Syrian spürte, wie der Eleifa bei dem Feuer neben ihm in die Hocke ging, hörte, wie er etwas flüssiges abfüllte.

"Du brauchst dich gar nicht erst schlafend zu stellen. Nirsa wird früher oder später sowieso herausfinden, dass du wach bist und dann wird sie ihren Spaß mit dir haben…." der Draka öffnete seine dunklen Augen und Leif lächelte, ohne ihn direkt anzusehen. "Ich würde dich ja freilassen, aber mit der Wunde auf deinem Rücken hättest du keine Chance weit zu kommen…und Nirsa hat dir bereits den Kragen angelegt."

"Dann nimm ihn mir wieder ab." zischte Syrian.

Leif seufzte. "Das kann ich leider nicht. Nirsa würde erfahren, dass ich das getan habe und leider brauche ich diese Frau noch." Er beugte sich kurz zu dem Draka und schob ihm etwas in den Mund, es fühlte sich an wie ein Blatt. "Hier, kau darauf herum, es wird deinen Schmerzen und die Müdigkeit vertreiben…hoffe ich." er grinste und ging wieder zurück zu seiner Begleitung. Zwei Versuchskaninchen an einem Abend, bald würde er wissen, was der richtige Bestandteil in Mandreks Kräutermischung war. Leifs Hand glitt zu seiner Manteltasche, in welcher sich ein bestimmter Kragen befand, den Zedar allein für ihn geschmiedet hatte.

Die Schwärze unter ihnen erinnerte an eine dunkle Brühe, die durch die Ritzen zwischen den Brettern schwappte und um ihre Füße spülte. Varren fühlte sich versunken. Wie ein Stein trieb er dem Grund entgegen, unaufhaltsam, unendlich. Er sah hinauf, wo der beinah kreisrunde Himmelausschnitt schrumpfte und sich der umgebenen Dunkelheit anglich. Die Seile protestierten knarzend, das Holz knackte. Keiner seiner Soldaten wagte einen Schritt, sie alle hielten den Atem an.

Ihr Weg in die Tiefe führte sie an verschiedenen ringförmigen Ebenen vorbei an denen Rampen einen möglichen Ausstieg markierten. Nirgends brannte eine Fackel und das Licht schwand. Umso tiefer sie stiegen umso mehr zweifelte Varren daran, dass ihre Fahrt je eine Ende finden würde. Sie wussten ja nicht einmal, auf welcher Ebene sie aussteigen sollten. Verdammt, es gab keinen Weg um mit den Männern oben zu kommunizieren. Unbehaglich kaute er auf der Unterlippe. Dann, ganz unvermittelt, endete der Abstieg. Das hölzerne Gefährt regte sich nicht mehr, doch Varren konnte keinen Boden erkennen. Offenbar hingen sie noch immer über den Abgrund. Er blickte sich um. Inzwischen war die Dunkelheit beinah greifbar dicht.

„Dort, ein Licht. Seht, mein Herr.“

Tatsächlich. Irgendwo voraus im Dunkel brannte ein unstetes Licht, vermutlich eine Fackel. Zwischen ihnen und ihr klaffte bodenlose Schwärze. Varren tat ein paar tiefe Atemzüge ins Nichts, bevor er einen Schritt nach vorn setzte. Sein Fuße traf auf Holz – eine Planke die zum Rand führte. Vorsichtig ging er voran, zaghaft gefolgt von seinen Soldaten. Am Ende der Planke erwartete ihn steiniger Grund. Nun war die Fackel nicht mehr ganz so fern. Sie wagten sich tiefer hinein, wobei ihre Schritte von den Wänden widerhallten. Offenbar durchquerten sie einen Höhlengang. Varren nahm die Fackel aus der eisernen Halterung und schwenkte sie umher. Schroffe Felswände umsponnen sie wie ein Kokon und zwischen dem grauen Stein schimmerte hier und das blankes Schwarz. Der Rohstoff für die Kragen. Varren kam nicht umhin, es zu berühren. Kalt und glatt und faszinierend.

Ein Geräusch ließ ihn aufschrecken. Es war aus den Tiefen der Höhle gekommen. Sie waren in eine Falle gelaufen. Der Gedanke keimte in Varren in voller Größe heran bis er ihn völlig vereinnahmt hatte. Die Fackel hier war kein Zufall. Man lockte sie und es blieb ihnen nichts anderes übrig, als dem Ruf zu folgen in dem schrecklichen Bewusstsein, dass man sie erwartete. Varren machte sich keine Illusionen mehr. Amwendu hatte ihn zwar geschickt um herauszufinden, wo sich Zedar aufhielt und wie er sich schützte. Doch wenn sich die Möglichkeit ergeben sollte, war Varren dazu verpflichtet den Schmied umzubringen. Den großen Schmied. Den Göttlichen. Alle Ängste und Befürchtungen schienen hier unten noch zu wachsen. Er zog sein Schwert und ging weiter.

Nach einer Biegung öffnete sich der Gang in einen großen, glutbeschienenen Raum, dessen Zentrum ein feuriger Ofen bildete. Hitze schlug ihnen entgegen. An den Wänden hingen Schwerter, Schilde, Äxte und Speere, Haken und Ketten. Ein massiver Amboss glänzte im Feuerschein. Kein Zweifel – sie hatten Zedars Schmiede gefunden.

„Ich bewundere euren Mut“, dröhnte eine machtvolle Stimme. „So tief seid ihr in die Höhle des Löwen vorgestoßen für euren König. Alle Achtung.“

Die massige Gestalt Zedars schälte sich aus einer dunklen Ecke. Ein großer Mann, mit breiten Schultern und kantigem Gesicht. Seine lederne Schürze war fleckig, seine Haut rußverschmiert.

Nachdem Varren seinen anfänglichen Schock überwunden hatte, warf er die Fackel zu Boden und umfasste sein Schwert mit beiden Händen.

„Wir sollten nicht lange um den heißen Brei reden. Ihr wisst, weshalb wir hier sind. Männer: tötet ihn!“

Sie umrundeten den Schmied. Er schien unbewaffnet, aber Varren wollte dem Frieden nicht trauen. Einzig das selbstgefällige Grinsen auf Zedars Lippen hielt ihn zurück.

„Wenn Ihr hier lebend rauskommen wollt, solltet Ihr meinen Vorschlag anhören“, sagte der Schmied. Er hob das Kinn und stierte Varren aus funkelnden Augen heraus an. „Ihr habt Euer Auge bei einem Kampf mit Mandrek verloren, nicht wahr? Fragt Ihr Euch, woher ich das weiß? An diesem Ort herrsche ich und niemand sonst. Ich weiß alles über Euch und Eure Männer. Und ich kann Euch versichern, dass nur Ihr allein die Chance haben werdet, zu entkommen. Wenn Ihr mich anhört.“

Varren war gar nicht so sehr davon überrascht, dass Zedar vom Verlust seines Auges wusste, sondern viel mehr davon, dass er jedem Wort des Schmiedes Glauben schenkte. Ihm sank der Mut.

Sein Hauptmann ließ sich nicht einschüchtern. Gerade als er auf Zedar zu stürmen wollte brach die Hölle über sie herein. Unzählige dieser hageren Kreaturen mit milchigen Augen schossen auf sie zu. Sie kamen hinter Nischen hervor, kamen aus Gängen, fielen von der Decke. Varren schlug nach ihnen. Etwas dunkles, warmes spritze ihm ins Gesicht und das Wesen ging zu Boden. Dafür folgten drei weitere und noch mehr. Er schlug ihnen Gliedmaßen ab, köpfte sie, schlitze ihre Brustkörbe auf, doch es half alles nichts. Die Flut endete nicht. Hände schlangen sich von hinten um seinen Hals, seine Beine und zogen ihn nieder. Die Luft blieb ihm weg. Sie hielten seine Arme fest, pressten ihre schmutzigen Hände auf seine Nase und seinen Mund, warfen sich zu zehnt auf ihn drauf, sodass er nur noch schwarz sah. Sein Geschrei erstickte und dann… war es plötzlich vorbei. Sie ließen von ihm ab und während er keuchend zur Decke starrte schob sich Zedars Gesicht in sein Sichtfeld.

„Hört Ihr mich nun an?“

Hjara zog sich die schwarze Kapuze tief ins Gesicht.

Vor ihm lag ein nahezu unberührtes Schneefeld, welches den Festungsberg hinabführte, in ebenes Weiß überging und sich nach wenigen Meilen in Tannenwäldern verlor. Doch der sonst wohl so friedliche Anblick war zerstört durch eine gewaltige Ansammlung an Zelten und Feuern. Zwischen ihnen wandelte unzählige Schatten, Krieger Mandreks. Aber dieser Bastard fand nicht Hjaras volles Interesse. Der kleine Disput mit Hisham hatte ihm erneut aufgezeigt, wie wenig Kontrolle er über sich selbst besaß. Und wen er mehr als alles andere hasste: Bashira und ihre Hexerbande. Mit etwas Glück würden sie diese Nacht nicht überleben, aber allzu viel Hoffnung wollte er darauf nicht verwetten. Außer natürlich, es ließe sich dabei ein wenig nachhelfen. Wenn er erst einmal die Kontrolle über sein dunkles Ich gewonnen hatte, sollte sich ihm sicherlich im Kampfgetümmel die Möglichkeit bieten, das ein oder andere Weisenhaupt vom Rest zu trennen. Die Vorfreude schürte die Flammen hunderter Öfen. Da konnte selbst die eisige Briese kaum Abkühlung bieten.

„Seid Ihr soweit?“

Damon war neben ihn getreten, in voller Montur, die Arme vor der Brust verschränkt und mit starrem Blick auf Mandreks Lager. Das Mondlicht wandelte seine Augen in Eisperlen.

„Meine Leute sind bereit“, gab der Heerführer zu verstehen, während sich hinter ihnen immer mehr Norska aus dem Dunkel des Berges schälten. Der Stahl von Axtblättern und Schwertschneiden klirrte gegen Kettenhemden, Schnee knirschte unter schweren Stiefeln.

„Dann sollten wir keine Zeit verlieren. Ich habe einige Männer abbestellt um die Höhlen zu verschließen. Falls wir uns zurückziehen müssen werden sie dafür sorgen, dass die Wege hinter uns einstürzen und keinem Feind Zugang zur Burg bieten.“

Hjara nickte nur knapp, hörte aber kaum zu. An Rückzug dachte er nicht. Sein ganzes Denken war an einen Kragen tiefster Schwärze gehaftet. Der Schlüssel zur Macht.

„Also los.“

War es dieser ungewöhnliche Tee oder das berauschende Gefühl, ein Drakapärchen auf grausamste Weise getrennt und den Mann sogar in die eigenen Fänge bekommen zu haben? Nirsa wusste es nicht zu sagen, scherte sich aber auch wenig darum. In jedem Fall war es nicht allein ihr Körper, der sich ungeahnter Kräfte erfreute, auch ihr Geist schien zu Höhenflügen aufgelegt. Sie sah in die Flammen des Lagerfeuers und erblickte sich selbst, nackt, eingebettet in eine Fülle an Fellen, Kissen und Decken. Engumschlungen befand sie sich mit dem Draka in einem wilden Tanz – sie wälzten sich, bäumten sich auf, überschütteten einander mit Küssen und rieben die verschwitzen Körper aneinander. Dann flogen Funken und das Bild veränderte sich. Sie sah Mandrek, wie er von hunderten Schwertern durchbohrt zu Füßen seiner Feinde lag, um Gnade bettelte, aber keine erhielt. Aus Mandrek wurde Zedar, der einsam auf einem verlotterten Stuhl in seiner Schmiede hockte, von den Jahren und Gram gebeugt, ergraut, innerlich verwesend. Ein wahres Hochgefühl packte sie mit der Wucht eines Armbrustbolzens. Sollte das die Zukunft werden? Würde sie sich auf diesem Wege gestalten? Von Euphorie getragen schaute sie zu Leif, sagte: „Komm mit!“, und entschwand ins Zelt.

„Du wirkst aufgebracht.“

Hisham, der zähneknirschend mit den Augen Löcher in Hjaras Rücken gebohrt hatte, schrak kurz zusammen, als Bashira neben ihm erschien.

„Verzeiht, ich bin nur in Gedanken gewesen.“

„Erspare mir dieses Gerede. Ich habe gesehen, wie du und Hjara aneinandergeraten seid. Du hasst ihn.“

„Nein, nein sicher nicht“, versuchte er sie zu überzeugen. „Ich bin nur… auf der Hut.“

Die Weise hob eine Braue. „So? Verstehe mich nicht falsch. Du tust gut daran, Vorsicht bei ihm walten zu lassen, keine Frage. Daher will ich dir etwas erzählen.“ Sie berichtete ihm vom Vorhaben des Heerführers und davon, dass sie ihm diesen Gedanken eingepflanzt hat. Hishams Augen weiteten sich vor Entsetzen. „Aber warum? Warum habt Ihr das getan? Wenn er tatsächlich die Macht über… über… wenn er es kontrollieren kann…“

„Wenn er den Kragen trägt“, fuhr Bashira dazwischen, „und diese Kreatur damit bannt, ist sie ebenso an seinen Willen, wie seine Sterblichkeit gebunden.“

Der Weise begann zu verstehen.

„Drum“, sprach Bashira weiter, „beauftrage ich dich mit einer wichtigen Aufgabe. Sobald Hjara den Kragen trägt, wirst du, Hisham, ihn töten.“

Als Keral durch die Gänge des unterirdischen Labyrinths lief, rasten seine Gedanken. Keisha war allein auf dem Weg um gegen Eleifa zu kämpfen, die ihre Schwester gefangen hielten oder gar getötet hatten…und um Syrian zu retten. Ein kleiner Stich der Eifersucht lies ihn zusammenzucken. Er durfte nicht daran denken, es gab Wichtigeres als eine Frau. Er bog um eine Ecke und presste sich sogleich gegen die raue Felswand. Der Klang von Stiefeln und das Klirren von Rüstung warf sein Echo durch den angrenzenden Gang. Entweder war dieser Verräter Andras sehr schnell gewesen, oder Damon war auf dem Weg seine Armee in Richtung des Eleifa-Lagers zu bewegen. Beide Möglichkeiten wären fatal. Der Norska schloss seine hellen Augen und konzentrierte sich auf das Scheppern und Stampfen. Entfernte sich das Geräusch, oder kam es näher? Waren die Männer vor ihm, oder hinter ihm? Das Echo in dem Labyrinth machte es beinahe unmöglich, die Richtung zu bestimmen. Er atmete tief durch, trat in den Gang, aus dem die Geräusche kamen und wandte sich in Richtung des Ausgangs im Feldlager der Eleifa. Kurz davor gab es noch einen Aussichtspunkt zu welchem man aufsteigen konnte. Wenn es sich bei den Kriegern um Damons Männer handelte, würden sie sich dort sammeln, ehe sie das Lager von zwei Seiten angreifen würden.

Jórek hatte den Geheimgang erneut geöffnet und lies nun einen Krieger nach dem nächsten in die Tiefe. Er hatte nur die Männer ausgesucht, denen er auch wirklich vertraute. Hier durfte ihm kein Fehler passieren. Der größte Teil der Krieger, die sich in den Gang quetschten bestand aus Norska, die freiwillig übergelaufen waren. Männer, welche er seit Jahren kannte und vertraute. Die, welche den Eingang von außen abriegeln und überwachen sollten, waren Eleifa. Seine persönlich ausgesuchten Elitekrieger. Jedem einzelnen davon würde er sein Leben anvertrauen. Sie würden jeden töten, der aus diesem Gang herauskam. Als der letzte Norska, Andras, die schmale Eisenleiter in die Tiefe gestiegen war, machte sich auch Jórek auf den Weg nach unten. Er würde Mandrek die Norska und ihre Festung auf dem Silbertablett servieren. Er dachte an den jungen Draka, gegen den er im Wald gekämpft hatte und lächelte. Vielleicht würde er das Glück haben und den Kampf dieses mal beenden können.

Die Dunkelheit umfing Keisha wie ein schützender Mantel. Dichte Wolken hatten sich vor den Mond geschoben und nur die Schatten der Bäume, die ihre kahlen Finger in den Himmel streckten, hoben sich aus der Finsternis hervor. Keishas Schritt war langsamer geworden, vorsichtiger. Sie war bereits einmal in den, unter einer dichten Schneedecke verborgenen Fuchsbau gestolpert und hatte sich dadurch beinahe ihren Knöchel gebrochen. Zwischenzeitlich hatte sie sich einen Stock von einem Baum gebrochen und benutzte ihn, um die Schneedecke abzutasten, ehe sie darauf trat. Schnee konnte genauso tückisch sein, wie Sand. Vielleicht sogar tückischer.

Vor einer halben Stunde hatte sich ein Wolf an ihre Fersen geheftet. Er griff nicht an, aber Keisha war sich der Gefahr von hinten bewusst. Man durfte einen Schneewolf auf keinen Fall unterschätzen. So hübsch und kuschelig wie dieses weiße Fell des Tieres auch aussehen mochte, so schön die weißblauen Augen auch funkelten, wenn er angriff, würde es um ihr Leben gehen. Sie tastete mit ihren Gedanken die Umgebung ab. Die Richtung stimmte, aber sie fühlte Syrians Gegenwart noch nicht. Die Draka hatte sogar schon versucht mit dem Wolf Kontakt aufzunehmen, doch sie war gegen eine Wand gelaufen. Für den Umgang mit Tieren musste man ein Talent haben…Keral hatte ein solches Talent. Nun, er war nicht hier. Sie verdrängte den Norska aus ihren Gedanken und ersetzte ihn durch Syrian. Syrian. Ihn galt es zu finden. Sie hoffte beinahe, dass die Eleifa, welche sich bereits einmal ihrer Gedanken bemächtigt hatte, bei ihm war. Sie würde ihr zeigen, was es hieß, sich mit einer Draka anzulegen.

Der Wolf hatte aufgeschlossen.

Mandrek beobachtete, wie Jórek seine Männer in einen verborgenen Schacht lotste. Er hatte ihm keine Meldung erteilt, was er vor hatte. Er brauchte den jungen Krieger, aber noch so ein Fehltritt und Jórek würde die Macht des Kragens spüren. Er wandte sich ab und winkte einem Kragenträger, einem schlanken Draka, zu, ihn zu begleiten. "Ich habe einen Auftrag für dich, mein Freund. Finde mir Nirsa und bringe sie zu mir, koste es, was es wolle. Zur Not schleife sie an den Haaren herbei. Ich muss mit Zedar sprechen. Und nimm ein Dutzend Kragenträger mit." Der Draka nickte kurz, drehte sich mit leerem Blick ab und verschwand zwischen den dichten Zeltreihen.

In wenigen Stunden würde Mandrek das erste Kommando, bestehend aus Norska und Draka, den Hohlweg hinauf schicken. Pfeilfutter. Vielleicht würden die Norska Hemmungen haben, auf ihre eigenen Leute zu schießen. Er bezweifelte es jedoch. Und selbst wenn. Die Draka würden keinerlei Mitleid zeigen. Er nahm einen tiefen Schluck aus seiner Flasche und atmete tief durch. Zeit um sich um etwas anderes zu kümmern. Einer seiner tierischen Spione hatte eine Draka entdeckt, nicht allzu weit entfernt, und wenn Mandrek sich nicht ganz irrte, war es seine Draka. Sein persönliches Ziel. Ein kleines Mädchen mit hassverzerrtem Gesicht und grün leuchtenden Augen blitzte in seinen Gedanken auf, wurde durch eine ältere Version abgelöst, die mit mordlüsternen Gesichtsausdruck auf ihn zu rannte und er lächelte. Ihren Willen zu brechen würde eine Herausforderung werden. Vielleicht würde er es auf die klassische Weise versuchen. Mit einem Kragen wäre es viel zu einfach.

Sein Blick glitt zu der felsenartigen Festung. Er MUSSTE mit Zedar sprechen.

Usamaa war mit einer zweiten Abordnung Norska und ein paar weiteren Draka auf dem Weg in das Heerlager Mandreks. Nur noch ein paar hundert Meter und sie würden inmitten überraschter Eleifa auftauchen und dort wüten. Der Kampflärm wäre das Zeichen für Damon und Hjara. Die Weisen wiederum hatten sich auf den Zinnen der Burg versammelt und würden ihren geistigen Angriff von dort aus lenken. Es würde ein Gemetzel werden. Usamaas Auftrag war es, mit einer Handvoll Draka, das Schutzschild um das Lager herum auszuschalten. Dafür würden sie ein paar Eleifa ausschalten müssen. Das an sich wäre kein Problem. Die Eleifa, welche jedoch für die Aufrechterhaltung des Schildes zuständig waren, auszumachen jedoch schon. Eine junge Weise begleitete sie. Bashira hatte gemeint, sie könne diejenigen erkennen, Usamaa bezweifelte es jedoch. Dennoch würde er sie so lange wie möglich beschützen. Die Draka um ihn herum bewegten sich in ihrer verstärkten Lederbekleidung absolut lautlos, nur die Norska verbreiteten mit ihren Kettenhemden und klirrenden Waffen einen Lärm, welcher ein schallendes, niemals enden wollendes Echo durch das Labyrinth schickte. Er hatte beinahe das Gefühl, als würden ähnliche Geräusche aus der entgegen gesetzten Richtung auf sie zu kommen.

Der Hauptmann hatte stets blank geputzte Stiefel getragen. Das war ihm sehr wichtig gewesen und jeder Rekrut hatte unter seinem Kommando lernen müssen, das Leder und die Schnallen richtig zu pflegen und welche Strafen Nachlässigkeit mit sich brachten. Jetzt waren sie vom Minenstaub verdreckt und ihr Halter tot. Nutzlos umgaben sie seine Füße und würden wohl nie wieder geputzt werden. Varren erhob sich und sah dabei zu, wie die mageren Gestalten seine Leute packten und fortzogen. Die einen wurden in irgendwelche Löcher am Boden geschleift, andere wurden an den Wänden entlang hinaufgezogen. Der Anblick ließ Varren an einen letzten Salut denken, bevor die Gefallenen ins Dunkel verschwanden. Er selbst schritt unbehelligt durch die Höhle, durchquerte den Gang und irrte sich kein einziges Mal in der Richtung obwohl der Weg in vollständiger Dunkelheit lag. Vielleicht wussten seine Füße einfach wohin sie ihn zu tragen hatten. Raus aus dieser Mine, an die Oberfläche, weg vom Dorf, den sanften Hügeln weiter ins Land hinein zu Amwendu. Ja, er musste zu seinem König und unbedingt mit ihm sprechen, ihm etwas erzählen, etwas äußerst wichtiges…

Die, in einfallendem Mondlicht zu schweben scheinende Gondel taucht vor ihm auf. Er würde den Männer oben ein Zeichen geben und sich hinaufziehen lassen und dann weiter, immer weiter. Bevor Varren einen Schritt auf die Holzplanken setzen konnte, verstärkte die massige Hand auf seiner Schulter ihren Druck. Die ganze Zeit über hatte sie dort gelegen und ihn geführt. Jetzt hielt sie an Ort und Stelle fest und eine Stimme tönte an seinem Ohr: „ Eine Sache fehlt noch. So wirkt es authentischer.“ Eine schwarze Klinge bohrte sich in seinen Rücken und trat fleckig glänzend in sein Blickfeld. Mit einem Ruck wurde sie wieder voneinander getrennt. Varren stolperte vorwärts, um Luft ringend, die ihm der Schmerz abschnitt. Taumelt ging er zu Boden und blieb mitten auf der Gondel liegen, das Gesicht den Sternen zugewandt, denen er sich langsam aber beständig näherte.

Zedar folgte dem Aufzug mit ernstem Blick. Zwar hatte er nun ein paar neue Wüstenmarionetten und einen weiteren Beweis seiner Macht erbringen können, dennoch war es beunruhigend, dass Amwendu soweit ins Land vordringen konnte. Dem musste dringend Abhilfe geschafft werden. Aber besser, als ein Problem zu lösen, war, aus dem Problem einen Vorteil zu ziehen. Draka und Norska auf einen Schlag unterjocht. Zedar wischte das Blut vom Schwert und streckte seine Fühler aus. Wo war nur diese Nirsa? Er musste mit Mandrek sprechen.

Sie fühlte sich an die Tage ihrer Kindheit erinnert, als der große Schmied sie unter seine Fittiche genommen hatte, weil er etwas in ihr gesehen haben wollte, das zu größerem bestimmt gewesen war. Für sie hatte es eine Zeit voll Scham, Erniedrigungen und Schmerz bedeutet. Alles was sie anfing, war falsch gewesen, nichts hatte sie richtig machen können, jeder Handgriff wurde als misslungen und tölpelhaft bezeichnet. Er war mit ihr umgesprungen, wie mit einem Jungen, wenn nicht gar härter. Nirsa war jeden Morgen mit dem Gefühl erwacht, unbedeutend zu sein und abends war sie mit der Gewissheit eingeschlafen, weinend und am Ende ihrer Kräfte.

Auch jetzt schreckte sie von dem provisorischen Fellbett hoch in dem Wissen, etwas grässlich falsch gemacht zu haben. Zedar sprach mit ihr, wie mit einem kleinen Kind und zitierte sie unverzüglich zu Mandrek. Wie sie es denn wagen konnte, sie von dessen Seite zu entfernen, fauchte der große Schmied und Nirsa blieb nichts anderes übrig als es zu ertragen.

„Wir müssen zurück.“ Rasch hatte sie sich angezogen und war aus dem Zelt getreten. Leif saß bereits draußen am Feuer.

„Was ist“, fragte er. „Hast du Schmerzen?“

Sie rieb sich die Schläfen und hatte tatsächlich große Kopfschmerzen, aber das musste sie ihm ja nicht auf die Nase binden. „Sattel einfach die Pferde und lade die beiden auf. Zedar will mit Mandrek sprechen. Und zwar sofort!“

„Kann das nicht bis zum Morgen warten? In dieser Dunkelheit…“

„Nein, kann es nicht“, herrschte sie ihn an. Ihr Schädel drohte unter den wüsten Beschimpfungen Zedars zu explodieren. Sicher war dieser vermaledeite Tee daran schuld, dass sie es soviel intensiver als sonst spürte.

Verdammter Leif. Er soll sich einfach beeilen!

Seine Tochter war immer und überall aufgefallen. Norska hatten meist helles Haar, nur wenige wurden mit schwarzem Schopf geboren und noch viel seltener war es, wenn diese keine weiße Haut, sondern einen leicht gebräunten Teint aufwiesen. Kassandras Augen waren dunkel und ihr Gesicht schmal geschnitten. Die Frauen hatten sie mit missfälligen Blicken bedacht, die Männer schmähten sie, während sie ihr heimlich hinterher schmachteten. Sie war nicht nur wegen ihres Äußeren außergewöhnlich. Auch ihr Wesen traf nicht immer auf Zustimmung. Sie sprach nur mit denen, die es ihrer Meinung nach verdient hatten, sie ignorierte jeden überflüssigen Satz, war immer auf das Wesentlich bedacht, konnte aber zu denen, die sie mochte, ausgesprochen herzlich sein. Ihr Vater war einer dieser Menschen gewesen. Und er hatte sie geliebt, wie keine zweite.

Borack öffnete die tränenverschleierten Augen. Kurz blitzte das Bild der Draka auf, wie sie schon im Totengewand auf dem Boden lag, den Kragen um den Hals trug als Stigma der Verdammten. Seine Schuld. Er blinzelte sich die Sicht frei.

Die Eleifa hatten ihn überwältigt, aber nicht ohne noch zwei Mann zu verlieren. Zu dritt saßen sie am Lagerfeuer, kauten auf zähem Fleisch und warfen ihm immer wieder misstrauische Blicke zu. Ihre Pfeile hatten ihn nicht töten können, was allen Parteien zugute kam. So sehr Mandrek Verräter verabscheute, so sehr liebte er es auch, sie seinen Zorn spüren zu lassen. Die Eleifakrieger wussten das und erhofften sich offenbar einen kleinen Bonus. Borack war es nur recht. Sollten sie sich mit ihm abmühen, er würde solange eine Kräfte sammeln und auf einen Moment Unachtsamkeit warten. Denn irgendwann werden sie einen Fehler machen.

Etwas musste vorgefallen sein. Hjara lief die Reihen der Krieger auf und ab, stampfte die Füße in den gefrorenen Boden und hielt das Lager Mandreks fest im Blick, wollte es gar allein mit den Augen in Flammen aufgehen lassen. Doch seiner Ungeduld zum Trotz geschah nichts. Keine Unruhe erhob sich unter den Eleifa, kein Aufsehen wurde erregt. Eigentlich hätte der Prinz längst inmitten des Lagers aufkreuzen sollen damit der Kampf beginnen konnte. Aber nichts geschah. Die Nacht blieb ruhig, sternenklar bis auf einzelne Wolkenfetzen, nur Eulenrufe aus den Wäldern und gelegentliches Fußscharren hinter ihm. Wieder macht er auf dem Absatz kehrt und lief den Weg zurück, den er jetzt schon unzählige Male abgegangen war.

„Das dauert zu lange“, meinte er. „Viel zu lange.“

„Übt Euch in Geduld, Heerführer“, gab Damon mit fester Stimme zurück. „Seid einfach bereit, wenn es soweit ist.“

„Und wie lange gedenkt Ihr darauf zu warten“, zischte Hjara. „Bis der Morgen graut? Bis wir in gleißendem Sonnenlicht stehen, für jedermann sichtbar, damit Mandrek weiß was auf ihn zukommt? Es ist jetzt schon fast zu spät. Wie lange noch? Wie lange wollen wir hier noch tatenlos herumstehen? Sagt es mir!“

„Gebt den Männern nur noch etwas Zeit. Sie werden ihre Aufgabe erfüllen.“

„Dennoch können wir nicht ewig hier verharren!“ Hjara hatte große Mühe damit, nicht zu laut zu werden. Am liebsten wäre er einfach vorausgestürmt, auch ohne Unterstützung.

Damon schnaubte. „Seht Ihr diese Wolke? Wenn sie den Mond passiert hat, greifen wir an. Einverstanden?“

Hjara sah hinauf und nickte knapp. Fortan konnte er an nichts anderes mehr denken, als daran, dass vielleicht noch etwas Wind aufkäme.

Usamaa hob eine Hand und drehte sich um, als das Echo immer noch nicht verklungen war. Die Norska und Draka hinter ihm waren zu einem Halt gekommen. Sie waren also nicht alleine hier unten. Nachdenklich betrachtete er die Norska in ihren schweren Kettenhemden und gab dann den Draka ein Zeichen, ihn zu begleiten. Die Norska würden zurückbleiben und den Gang absichern, während die Draka versuchen würden, irgendwie hinter die Angreifer zu kommen. So geheim wie Damon gemeint hatte, waren die unterirdischen Gänge also nicht. Lautlos glitten die Wüstenkrieger auf ihren weichen Ledersohlen durch die Dunkelheit, bis Usamaa ihnen ein weiteres Zeichen gab. Sie waren nahe genug dran. Die Draka schmiegten sich an die raue Felswand, verbargen sich hinter großen Steinen und in schmalen Ritzen. Die dunkle Hautfarbe und Kleidung verhalf ihnen, mit den Schatten zu verschmelzen. Usamaa hatte sich gerade in eine Felsritze gepresst, als ein gelber Lichtkegel die Ankunft der Angreifer ankündigte. Lautlos zog er sein Schwert. Wenn jetzt nichts schief ging, würden sie die Verräter in diesem Gang zerquetschen.

Saiha hatte sich hinter einem Felsen verkrochen, ihre rechte Hand lag ruhig auf dem Griff ihres unterarm langen Messers, während sich in ihrer anderen Hand eine kleine Energiekugel bildete. Usamaa war der Meinung, sie beschützen zu müssen, Saiha war jedoch durchaus in der Lage, dies selbst zu tun. Sie hatte von Hisham gelernt, und hatte nicht nur einmal das Lob von Bashira für sich erringen können. Außerdem wusste sie, wie alle Draka, wie man mit einem Messer umzugehen hatte. Die Energiekugel verschwand. Sie würde ehrenvoll kämpfen…zumindest zu Beginn.

Mitternacht. Amwendu stand auf, sah zum hellen Vollmond hinauf und atmete tief durch. Varren war ein guter Mann gewesen, würde er noch leben, hätte er sich gemeldet. In der Zwischenzeit hatte sich ein weiteres, kleines Wegetor geöffnet und eine Handvoll Draka mehr waren hindurch gekommen, ehe es sich wieder geschlossen hatte. Die Jünglinge der Weisen waren erschöpft, hieß es. Sie würden frühestens in vierundzwanzig Stunden ein neues Tor öffnen können. So lange konnte und wollte Amwendu nicht warten. Zedar musste das Handwerk gelegt werden, jetzt. Der Griff um seinen Speer festigte sich und er trat in mitten seiner Männer, welche um einzelne Lagerfeuer saßen und ihn erwartend ansahen.

"Wir sind wenige, aber wir können es schaffen…" weiter kam er nicht, denn das Geräusch von schnellen Hufschlägen erklang durch die Stille der Nacht und die Abordnung Varrens kehrte zurück…mit vielen leeren Sätteln. Varren selbst lag über dem Hals seines Pferdes, welches von einem anderen Drakonier geführt wurde. Er wirkte schwer verletzt. Der Drakonier, der das Pferd führte neigte seinen Kopf. "Wir haben Zedar gefunden, mein König. Und wir haben eine Nachricht für Euch."

Keisha war stehen geblieben und hatte sich umgedreht. Der Schneewolf stand keine zehn Meter vor ihr und sah sie mit seinen leuchtend blauen Augen ruhig und emotionslos an. Vorsichtig lies sie eines ihrer vielen Messer in ihre Hand gleiten. Irgendetwas an diesem Vieh stimmte nicht. Jedes andere Raubtier hätte sie entweder schon längst angegriffen, oder die Verfolgung aufgegeben. Sie war ganz in der Nähe von Syrian, das wusste sie. Nun war es Zeit sich von ihrem Verfolger, wer auch immer dahinter stecken mochte, zu befreien. Sie holte aus und der Wolf sprang. Keisha hatte keine Möglichkeit mehr, dem heranrasenden Tier auszuweichen. Sie spürte, wie ihr Dolch in den weichen Körper des Wolfs drang und gleichzeitig die scharfen Zähne, welche sich in ihre Schulter bohrten. Der kalte Schnee dämpfte ihren Aufprall nur ungenügend und der schwere Körper des Schneewolfs begrub sie unter sich. Noch im Todeskrampf versteifte sich der Kiefer des Wolfes um ihre Schulter. Keishas Handgelenk war gebrochen. Sie hatte Mühe, das Messer aus dem massigen Tierkörper zu ziehen und so gut wie keine Chance, ihn von sich hinunter zu wuchten. Schwer atmend blieb sie liegen, wo sie war. Sie war ja eine so tolle Hilfe für Syrian. Wut über sich selbst keimte in ihr auf. Sie war so nah an ihm dran, sie konnte seine Gegenwart spüren, aber anstelle ihm zu Hilfe zu eilen, verblutete sie hier. Verflucht sollte dieses Land sein, verflucht sollten die Eleifa sein und verflucht sollte Mandrek sein. Sie war sich sicher, dass er hinter dem Schneewolf gesteckt hatte. Zumindest hatte sie ihm mit dem Tod des Tieres noch ein paar Schmerzen zufügen können. Aufgeben würde sie trotzdem nicht. Mit einem erneuten Aufbäumen versuchte sie sich unter dem Kadaver hervor zu rollen, als sie Stimmen hörte.

"Was sollen wir mit dem Draka machen?" fragte Leif ruhig und füllte eine Tasse mit Tee, welchen er Nirsa reichte. Dieses mal hatte er die Wurzeln verwendet.

"Wirf ihn auf dein Pferd. Er kommt mit." zischte Nirsa, betrachtete den Tee kritisch und roch daran. Er roch anders, als der, den er ihr am Abend zuvor gegeben hatte. Misstrauisch sah sie ihn an, doch da er selbst an seiner Tasse nippte, stürzte sie den Inhalt hinunter und warf den Tonbecher ins Feuer. "Beeil dich. Zedar will mit Mandrek sprechen."

Leif musterte Nirsa, dann löschte er das kleine Feuer mit einer Handbewegung und begab sich ohne jegliche Hast zu dem Draka, hob ihn hoch wie ein Kleinkind und warf ihn vor sich über den Sattel.

"Die Leiche?" fragte er und Nirsa winkte ab.

"Lass sie hier verrotten." zischte sie und schwang sich selbst auf ihr Pferd. Die Kopfschmerzen waren verschwunden, dafür hatte sie nun Magenkrämpfe. Wenn sie sich sicher gewesen wäre, dass diese an Leifs Tee lagen, hätte sie ihn getötet, aber sie vermutete eher, dass ihr das Gespräch mit Zedar auf den Magen schlug.

Leif warf der Leiche noch einen kurzen, nachdenklichen Blick zu, dann schwang er sich selbst auf sein Pferd. Der Draka vor ihm versuchte sich aufzurichten, doch er drückte ihn wieder runter. "Es ist besser für dich, wenn du liegen bleibst. Je mehr du zappelst, desto eher wird Nirsa auf dich aufmerksam….wenn wir schon dabei sind…wie geht es dir?" Während Leif seinem Pferd die Fersen in die Flanken drückte um Nirsa zu folgen, untersuchte er vorsichtig die Wunde auf dem Rücken des Draka. Sie war beinahe verheilt. Vorsichtig tastete er über die rosige Narbe, welche aussah, als würde sie von einer drei Monate alten Wunde stammen. "Erstaunlich. Wie lange hast du auf dem Blatt rumgekaut?"

Als keine Antwort von dem Draka kam, fühlte Leif nach seinem Puls. Er war vorhanden, allerdings nicht sehr stark. Schnee wirbelte unter den Hufen seines Pferdes auf und er musste sich anstrengen, um an Nirsas Seite zu bleiben. Die Blätter heilten Wunden, welche fast tödlich waren, die Blüten spendeten Energie, vielleicht sollte er beides zusammen versuchen…nachdenklich kaute er an seiner Unterlippe. Wenn er nur einmal an Mandreks Flasche riechen könnte…seine Hand glitt ein weiteres mal zu dem Kragen in seiner Manteltasche. Wenn er so nah an Mandrek rankommen würde, um an seinem Gebräu zu riechen, könnte er ihm auch gleich den Kragen anlegen. Leif hatte lange überlegt, ob er sich selbst den Kragen anlegen sollte, um somit zur lebendigen Marionette von Zedar zu werden, aber den Gedanken hatte er vor wenigen Tagen verworfen. Zedar mochte sein Meister sein, aber jeder Meister war nur so lange der Herr, wie der Schüler es zu lies. Leif war bereit, die Macht an sich zu reißen. Wenn er Mandrek den Kragen umlegen könnte, würde er den Schmied in sich aufnehmen, der Geist des alten Griesgrams würde in Mandrek dringen und ihn lenken, sie wären untrennbar miteinander verbunden. Wenn Leif Mandrek in diesem Moment töten würde, würde er auch Zedar vernichten.

Das Einzige, was ihn immer noch grübeln lies, war der Gedanke daran, dass Zedar eventuell auch diese Option mit bedacht hatte. Was, wenn der Kragen doch nicht so wirkte, wie der Schmied es ihm mitgeteilt hatte? Was, wenn er einen Fehler beging?

Nirsa warf Leif einen kurzen Blick zu. Der sonst so fröhliche Eleifa trug einen finsteren und nachdenklichen Gesichtsausdruck zur Schau. Der Draka vor ihm wippte leblos im Sattel auf und ab und wurde nur nachlässig von Leif festgehalten.

Eine weitere Welle des Schmerzes trieb ätzende Magensäure ihre Speiseröhre hinauf und sie musste hart schlucken.

Sie kannte Leif seit beinahe zehn Jahren. Er war als Junge zu ihr und Zedar in die Schmiede gestoßen und war sogleich zu Zedars Schoßhündchen aufgestiegen. Seine Familie war an einer unbekannten Krankheit gestorben, behauptete er. Sein ungemein gutes Aussehen hatte ihm schon damals große Aufmerksamkeit gebracht und seine großen, blauen Augen, welche absolut unschuldig blicken konnten, hatten jeden dazu gebracht, ihm alles zu glauben. Leif konnte mit einem Blick, einem kleinen Lächeln oder einer Geste Menschen dazu bringen, alles für ihn zu machen.

Es hatte lange gedauert, bis Nirsa einen Blick hinter diese Fassade werfen konnte. Es war zwei Jahre her, als sie erfahren hatte, dass Leifs Familie vergiftet worden und er der einzige Überlebende war. Sie hatte ihn damit konfrontiert und er hatte ihr eines seiner umwerfenden Lächeln zu geworfen und nur gemeint, dass er schon immer gerne mit Kräutern experimentiert hat und er damals einfach einen unbedeutenden Fehler in der Anwendung gemacht hatte.

Bei den Gedanken an dieses Gespräch meldete sich ihr Magen erneut und dieses mal hatte die aufsteigende Flüssigkeit einen metallischen Nachgeschmack. Ihre Augen zogen sich zusammen. Vielleicht lagen ihre Magenprobleme doch nicht an Zedar….vielleicht hatte Leif einen weiteren unbedeutenden Fehler bei der Anwendung seiner Kräuter gemacht…abrupt zügelte sie ihr Pferd.

"Was war in dem Tee?" fuhr sie den jungen Mann an, welcher sein Pferd gerade noch so zum Stillstand brachte.

Jórek hob eine Hand. Etwas stimmte nicht. Die Männer hinter ihm blieben stehen. Nichts. Kein Laut durchdrang die Finsternis der unterirdischen Gänge. Er hielt seine Fackel in die Höhe und sein Blick glitt über die unebenen Wände, welche von Spalten und Felsnasen übersät waren. Eine ganze Armee konnte sich hier verstecken. Er gab seinen Männern ein Fingerzeichen und sie zogen lautlos ihre Schwerter. Ein Lächeln stahl sich auf das alabasterfarbene Gesicht des Eleifas und die Vorfreude auf einen guten Kampf schickte Adrenalin durch seine Adern. Ein Kampf Mann gegen Mann, ein Kampf ohne Kragen, ohne Marionetten und ohne übernatürliche Kräfte. Das war es, was Jórek liebte. Dafür lebte er. Er gab seinen Männern ein weiteres Zeichen und sie setzten sich erneut in Bewegung laut scheppernd und sich fröhlich unterhaltend…ab und zu übertrieben sie es mit ihrer Tarnung…er fiel langsam zurück. Sollten Norska auf Norska treffen, sollten sie die kragenlosen Hälse sehen und denken, sie würden auf Verbündete treffen. Es würde ein Fest werden.

So viele Gesichter, bekannte, besorgte Gesichter, die sich über ihn beugten. Ihre Münder formten Worte, doch nichts drang zu ihm durch. Ebenso wenig konnten sie ihn verstehen. Konnten verstehen, was ihn dazu brachte, so stark zu schwitzen, was ihm den Atem abschnürte, seine Augen hervortreten ließ und seine Zunge bleibeschwerte.

Varrens Geist war ihm aus der Brust gerissen worden. Seine Körper hatte zwar den Schlund verlassen, doch ein Teil seiner Seele war geblieben, geheftet an ein Schwert aus schwarzem Stahl. Nun stürzten seine Gedanken immer wieder von der Gegenwart, wo man energisch auf ihn einredete, wo er am Boden lag, umringt von König und Gefolgschaft, in eine Gegenwart aus Dunkelheit, staubgeschwängerter Luft und einem Abstieg. Es war Zedar, dem er unwillentlich folgte. Die massige Gestalt des Schmieds bewegte sich auf in Stein gehauenen Stufen tiefer hinab ins Erdreich. Die glänzende Klinge ruhte in einer Scheide an seinem Gürtel. Unaufhaltsam ging es tiefer und tiefer, so sehr Varren sich auch dagegen sträubte. Er war machtlos. Verängstigt klammerte er sich an das Bild mit den vielen vertrauten Gesichtern, was ihm aber rasch gewaltsam entrissen wurde. Wieder stürzte er zu Zedar hinab, der augenscheinlich sein Ziel erreicht hatte. Es ging nicht mehr weiter. Das Loch war hier mit einer nahezu kreisrunden Stahlplatte verschlossen. Zedar trat darauf, was ein unheilvolles Grollen verursachte. Jetzt erkannte Varren auch die kleine Öffnung in der Mitte der Platte. Der Schmied zog sein Schwert, hob es an und rammte es schließlich einem Schlüssel gleich in die Öffnung. Das Grollen schwoll ohrenbetäubend heran und fegte Varrens Geist hinfort. Er gelangte zurück in seinen Körper und von dieser Starre erlöst schnellte er hoch und schrie nur ein Wort in die Nacht, einen Namen, der alle um ihn herum zurückschrecken ließ: „Morgoth!“

Walek kaute auf einem Brocken trockenen Brotes und konnte den Blick nicht vom dem Gefangenen abwenden. Über die Flammen des Lagerfeuers hinweg sah er den Koloss von einem Mann in Decken gehüllt daliegen, wimmernd.

„Ich habe die Wunden ordentlich versorgt. Warum hat er solche Schmerzen…?“

„Was brabbelst du da vor dich hin?“, wollte Scholha wissen, der rechts von ihm saß und sich das Fett vom Mund wischte. „Hast du wieder geträumt?“

„Der Kleine träumt gerne mal“, mischte sich Pavle, links von ihm, ein. Er hatte die Augen eines Habichts und leider glich auch seine Nase dem Schnabel eines Falken. „Wahrscheinlich läuft er dann über Wiesen mit Blumen im Haar…“

„… oder liegt auf einem prächtigen Weib“, fiel Scholha glucksend ein.

„Oder sitzt in der Schenke Zur trächtigen Sau und hebt einen ordentlichen Humpen Met“, setzte Pavle nach, worauf Scholha noch einfiel: „Dazu trällert er wohl noch ein Liedchen…“ Dann begannen beide äußerst schlecht und laut zu singen, was Walek schier zur Weißglut brachte.

„Jetzt hört schon auf ihr zwei Tölpel! Nichts dergleichen habe ich gedacht. Ich frage mich bloß, warum er so wimmert.“

Scholha schaute grinsend zum Norska herüber. „Der? Wen interessiert’s? Soll er ruhig ein paar Schmerzen erleiden. Geschieht ihm nur recht, dem verdammten Verräter.“

„Genau!“ Pavle nahm noch etwas vom dem Fleisch, kaute darauf herum und spuckte es angewidert wieder aus. „Mandrek wird es freuen zu sehen, dass dieser Mistkerl bereits leiden musste, bevor er ihn selbst in die Mangel nimmt.“

Walek schlug ihm dafür gegen die Schulter. „Du bist manchmal dümmer, als ein Yak. Mandrek wird nicht sehr erfreut, wenn er sieht, dass man ihm einen Teil des Spaßes bereits genommen hat. Er mag seine Verräter am liebsten unversehrt, damit er sie möglichst lange foltern kann.“

„Weiß ich selbst, Torfnase. Dann kümmer‘ dich halt um seine Wunden. Immerhin hast du sie gereinigt und verbunden, oder nicht?“

Und genau da lag das Problem. Walek bildete sich einiges auf seine Heilkünste ein, daher verwunderte es ihn so sehr, dass der Norska vor Schmerzen zu wimmern begann. Klar war er geschwächt, aber seine Behandlung hätte ihn weitestgehend alle Schmerzen nehmen müssen.

„Ja, kümmer‘ dich darum“, meinte Scholha. „Und du, Pavle, wirst die erste Wache übernehmen. Ich haue mich solange aufs Ohr. Walek, du übernimmst die zweite Wache und ich die dritte. Verstanden?“

Pavle hatte noch so einige Einwände, aber Walek hörte nicht mehr zu. Er hatte sich bereits seinen Beutel geschnappt und ging nun zu dem Gefangen. Er lag auf dem Rücken, Hände und Füße gefesselt. Walek hob die Felle an um seine Wunde zu inspizieren. Der massige Körper des Nordmannes bebte, das unterdrückte Flennen nervte ihn. Waren alle Norska solche Weichlinge?

Die Verbände waren rot vom Blut, aber nicht übermäßig. Er nahm sie ab und besah die fransigen Löcher, aus denen er zuvor noch die Pfeilspitzen gepuhlt hatte. Sie sahen gut, nicht schwarz oder so. Also hatte er doch gute Arbeit geleistet. Vielleicht jammerte der Kerl bloß, weil er wirklich nichts vertrug. Ein schwaches Volk, das bald besiegt sein würde. Seufzend wechselte Walek die Verbände.

Inzwischen hatten sich Pavle und Scholha geeinigt und während Hakennase sich vom Feuer entfernte um die Gegend um das Lager auszukundschaften, legte sich Scholha schlafen. Bald darauf hörte man ihn schnarchen.

Walek schnürte seinen Beutel zu und wollte den Gefangen gerade wieder zudecken, da kam plötzlich Bewegung in ihn. Der Kopf des Norska schnellte hoch und traf ihn wolle Wucht im Gesicht. Benommen konnte er sich nicht dagegen wehren, was als nächstes mit ihm geschah. Der Nordmann nahm seinen Kopf zwischen den Beinen in die Zange und drückte ihn zu Boden. Ihm blieb die Luft weg und bevor sein Genick brach verfluchte er sich noch dafür, unbedingt die Verbände überprüft haben zu wollen.

Pavle blieb einen Augenblick stehen und starrte in die Dunkelheit des Waldes. Langsam schälten sich Bäume, Büsche, Felsen und ein weites Meer starren Schnees aus der schwarzen Masse. Früher war er viel zur See gefahren, jetzt fehlten ihm die ungestümen Ozeane. Zwar gab es hier auch jede Menge Wasser, bloß die Form missfiel ihm zutiefst. Er prüfte den Sitz seines Schwertes, des Bogens und des Köchers, dann stapfte er voran.

Er hatte das Lager kaum ein Mal umrundet, da vernahm er die Geräusche eines Handgemenges. Rasch vergewisserte er sich, woher die Laute kamen, dann rannte er auch schon auf die Feuerstelle zu. Mit gezücktem Bogen, einen Pfeil bereits in der Hand kam er im Lager an und fand Walek am Boden liegend vor – regungslos. Der Gefangene rollte über den schneebedeckten Boden, während Pavle noch die Sehne spannte und ihn in die Nacht hinaus verschwinden sah. Ein Moment des Schocks kam, umklammerte ihn, doch der Eleifa schüttelte ihn energisch ab. Stattdessen trat er dem schlafenden Scholha gegen die Beine und hechtete dem Fliehenden hinterher. Weit konnte er rollend ja wohl kaum gekommen sein. Die breite Spur war im Schnee deutlich zu sehen, doch kaum trat er aus dem Lichtschein, entschwand die Umgebung für ein paar Augenblicke wieder in vollständige Dunkelheit. Wieder musste er warten, bis seine Augen sich daran gewöhnten, bevor er weiter suchen konnte. Dabei hörte ein lautes Schrammen aus unmittelbarer Nähe. Was konnte das nur bedeuten? Wollte er etwa…?

Pavle ging weiter, dem Geräusch entgegen. Es kam hinter einem nahen Baum hervor, wurde schneller und lauter. Dazu mischten sich Grunz- und Stöhnlaute. Der Eleifa hatte nun keinen Zweifel mehr – dieser Mistkerl versuchte sich zu befreien! Er schnellte um den Stamm herum und sah gerade noch, wie der Norska am Boden liegend seine gefesselten Beine an der rauen Borke gerieben hatte. Jetzt zerriss der Nordmann die Seile mit bloßer Kraft und kam beängstigend flink hoch. Pavle kam noch dazu zu schießen, doch warf sich sein Gegner bereits mit aller Kraft gegen ihn. Beide wurden zu Boden gerissen, doch der Eleifa war unten und spürte das ganze Gewicht des Norska auf sich. Der Koloss, dessen Arme noch immer gefesselt waren, rollte sich von ihm runter, was Pavle einen kurzen Moment Zeit gab, nach dem Schwert zu greifen. Da stieß ihn bereits ein Fuß des Norska in den Bauch, der zweite traf sein Gesicht. Wieder und wieder und wieder bis er die Besinnung verlor.

Thelila war Bedienung in der trächtigen Sau, einer Spelunke am Hafen von Pesedina, wo Scholha mit anderen Matrosen vor der Abfahrt und nach der Heimkunft gern einkehrten. Und sie, diese Schönste aller schönsten Frauen schien ausgerechnet ein Auge auf ihn geworfen zu haben. Ihr Haar war pechschwarz, ihre Lippen voll und rot und ihr Brustbereich von allererster Güte. In seinen Träumen ließ sie ihr Mieder fallen, saß auf seinem nackten Schoß und bedeckte ihn mit Küssen, während seine Hände ihre…

Ein beherzter Tritt beförderte ihn aus dem Reich der Träume in eine Welt mit hartem Grund und kalten Wind. Nur sehr zäh trennte er sich von seinem Schlaf.

„Was… was ist denn nur los?“ Seine Worte waren kaum mehr als ein Nuscheln. Er sah sich um, erkannte erst überhaupt nichts, dann eine Gestalt, die zusammengesunken im Schnee lag und eine weiterere, mit gespanntem Bogen, die in die Dunkelheit hinaus verschwand.

Murrend richtete er sich auf und torkelte zu dem reglosen Wesen hinüber. Aus der Nähe erkannte er schließlich Walek, der mit aufgerissenen Augen ins Leere starrte. Er war tot. Augenblicklich war Scholha wach. Sofort tastete er sich ab auf der Suche nach seinem Schwert. Doch das lag noch bei seinem Schlafplatz. Unruhig vernahm er Kampfgeräusche aus dem Wald, rannte zu seinem Liegeplatz, schnappte sich die Scheide und zog die Klinge heraus.

Stille hatte sich über das Lager gelegt. Das Feuer knisterte leise vor sich hin, sein Atem ging stoßweise. Und ebenso, wie nichts zu hören war, war auch nichts zu sehen. Dann, das Spannen einer Sehne und kurz darauf der stechende Schmerz in der Brust. Scholha sank auf die Knie, fassungslos auf den Schafft starrend. Mit schweren Schritten trat der Norska ins Licht, sowohl mit Pfeil und Bogen als auch einem Schwert bewaffnet kam er auf ihn zu. Scholha zwang sich an Thelila zu denken, wenigstens etwas Schönes bevor er starb. Doch die Angst obsiegte letztlich und er dachte nur: Hilfe, lieber Gott!

Jede Sehne, jede Faser, jeder Muskel in Boracks Körper war bis zum Zerreißen gespannt. Er fühlte sich von einer unheimlichen Kraft beseelt und war voller Hochgefühle, als er die Klinge vom Blut des letzten Schlages befreite. Drei Eleifa waren tot und er noch am Leben. Immer noch. Das konnte eigentlich nur eines bedeuten: er hatte seine Sünden noch nicht gebüßt und noch einiges vor.

Kurzerhand füllte er einen Beutel mit einigen Vorräten, überprüfte Bogen, Köcher und Schwert und schaute schlussendlich zu den Sternen hinauf. Die Draka und ihr Freund hatten einen Vorsprung, aber auch sie mussten rasten. Das war seine Chance. Er orientierte sich am Stand des Großen Bären und schritt zügig voran.

Über das Lager eines ganzen Heeres von Eleifa wanderte der Schatten einer Wolke, die sich mehr und mehr vor den Mond schob.

„Was meinst du?“

Erst ihr Kopf, jetzt der Magen. Es musste einfach an dem verdammten Tee liegen und trotzdem besaß dieser Bastard die Unverfrorenheit, sie mit einem aufgesetzten Unschuldslächeln zu bedenken.

„Ein paar Kräuter aus der Gegend“, meinte Leif nur. „Nichts Besonderes.“

„Lüg mich nicht an!“ Sie wollte es schreien, ihn anbrüllen, doch die ätzende Galle in ihrem Mund und der wahnsinnige Kopfschmerz ließen sie nur krächzen. „Es muss noch etwas anderes gewesen sein, du Hund, du…“

Beschwichtigend hob er die Hände. „Beruhige dich, Nirsa, bitte. Ich habe nur… oh, verflucht!“

Sie war vom Pferd gefallen. In einem plötzlichen Anfall von Magenkrämpfen hatte sie sich den Bauch halten müssen und war dabei zu Seite gekippt. Im Schnee versuchte sich Nirsa rasch wieder aufzurichten – spuckte dabei Blut und Magensäfte.

„Du verräterisches Aas…“, zischte sie. „Du wolltest mich vergiften…“ Indem sie die Worte aussprach begannen sie grausame Realität zu werden. Natürlich hätte Leif sie auch erschlagen können, seine Kampfkunst war der ihren weit voraus. Doch diese hinterhältige Tour sah ihm viel ähnlicher. Es war wirklich nur eine Frage der Zeit gewesen, bis er sie hinterging. Es sollte sie nicht wundern – wahrscheinlich arbeitete mit Mandrek zusammen um Zedar zu stürzen. Oder sollte er sich gar mit dem Schmied gegen sie verbündet haben…?

„Lass es mich erklären…“ Leif war vom Pferd gesprungen. „Es war nur ein Versuch. Ich wusste nicht, dass…“

„Spar es dir!“ Mit gezogenem Schwert hielt sie ihn auf Abstand. Eine Hand auf dem Bauch gepresst, die andere zittrig um den Schwertgriff geschlungen, wich sie mehr und mehr vom ihm zurück. Die Krämpfe kamen in Wellen. Immer wieder zuckte sie zusammen, während sich ihr Mund mit beißenden Flüssigkeiten füllte, sodass ihr Rinnsale von Blut und Galle übers Kinn liefen.

Leif näherte sich mit erhobenen Händen. „Bitte, Liebste. Gib mir zumindest die Möglichkeit, es zu erklären. „

„Bleib mir fern“, stieß Nirsa unter Schmerzen hervor. Er hörte nicht.

„Lass mich dir helfen. Ich finde sicher die passenden Gegenmittel.“

Langsam nahm sie die Hand vom Bauch, zog die Klinge näher an sich heran und umfasste sie beidhändig. „Ich sagte…“

Leif war nun ganz nah bei ihr, drückte das Schwert zur Seite und legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Ich finde eine Lösung. Bitte, leg die Waffe weg und lass uns…“ Sie ließ ihn nicht ausreden. Mit einem lauten: „Geh weg von mir!“, stieß sie ihn von sich. Was auch immer das Gebräu mit ihrem Magen anrichtete, es hatte offenbar auch Auswirkungen auf ihre Muskelkraft. Eigentlich hatte sie sich kaum in der Lage gefühlt, ihn auch nur zu schubsen, jetzt flog er gar ein, zwei, drei Meter durch die Luft, bevor er wieder auf dem Boden aufkam. Die Strafe dafür folgte auf dem Fuße. Ein heftiger Krampf ließ sie zusammenzucken. Ihr fiel das Schwert aus den Händen und sie taumelte zurück, erbrach sich.

Was auch immer aus ihr herauskam, es verdampfte den Schnee. Ihr Mund schien Feuer gefangen zu haben. Nirsa richtete sich auf wackligen Knien auf und sah, wie auch Leif wieder stöhnend den Kopf hob. Vielleicht würde sie das Gift ja überleben, aber dann war es immer noch ein leichtes für den Eleifa seinen Auftrag mit einer Klinge zu Ende zu führen. Sie selbst hingegen war sich nicht einmal sicher, ob sie ihr eigenes Schwert noch halten konnte. Sie wandte sich um und rannte so schnell es ihr möglich war. In der Dunkelheit, so ihre Hoffnung, konnte sie vielleicht ein Versteck finden oder wenigstens so lange entkommen, bis er ihre Spur verlor.

Nach ein paar Metern stolperte sie und fiel. Etwas Großes hatte ihr im Weg gelegen. Groß mit Fell. Sie erkannte ein Tier, wohl einen Wolf und etwas, nein, jemanden, der darunter lag und sie aus funkelnden Augen anstierte.

Leif eilte Nirsa hinterher und fummelte gleichzeitig Blätter der Pflanze aus einem seiner Beutel. Nach kurzer Überlegung fügte er noch ein paar Blüten hinzu. Die Blüten alleine schienen die Erschöpfung zu bekämpfen, die Blätter jedoch heilten. Wenn er Nirsa dazu brachte, diese zu schlucken oder auch nur zu kauen…vielleicht könnte er sie retten. Wenn nicht..naja, es wäre nur allzu schade um dieses Versuchskaninchen. Allerdings fragte er sich, was Zedar davon halten würde, wenn er Nirsa jetzt verlor. Er erreichte die Schmiedin, als diese nach Luft japsend auf dem Rücken lag, ein schmaler Blutfaden rann aus ihrem Mundwinkel und sie starrte auf einen leblosen Wolf über den sie offensichtlich gestolpert war. Nein, nicht auf den Wolf. Auf ein ebenholzfarbenes Gesicht darunter. Ein Gesicht, dass dem der toten Draka beinahe bis aufs Haar glich. Nur die Haare, welche sich fächerartig um ihren Kopf ausbreiteten und in krassem Kontrast zum Schnee standen und ihre Augen waren anders. Er zögerte.

Zedar zog das Schwert langsam wieder aus der Öffnung heraus und schob es in die Scheide zurück. Ein Teil der Seele des Draka war dort unten geblieben. Seine schwielenüberzogene Hand strich zärtlich über den Schwertknauf, vielleicht würde er das Schwert doch selbst behalten.

Er war auf die Antwort Amwendus gespannt. Doch nun musste er zurück, zurück zu seiner Schmiede und vor allem musste er mit Mandrek sprechen. Er fragte sich, wo Nirsa sich herumtrieb. In einer Ecke seiner Gedanken spürte er, wo sie war, er hätte auf sie zeigen können, egal wo sie sich auf der Welt befunden hätte, aber er fühlte auch ihren Zorn und seit längerer Zeit Schmerzen…gleichzeitig konnte er die Belustigung und Neugierde von Leif fühlen. Er hoffte für den jungen Eleifa, dass er mit Nirsa keine Experimente anstellte. Nicht jetzt, wo er die Schmiedin so dringend benötigte.

Zedar sah auf die kleine Öffnung unter ihm, welche ihn wie ein Auge aus Feuer anstarrte und atmete die Schwefel durchtränkte Luft tief ein. Er durfte sich jetzt keinen Fehler erlauben. Nicht jetzt, wo er so nah an seinem Ziel war.

Mandrek zuckte zusammen und biss sich auf die Lippen. Sein Wolf war tot. Verdammte Draka. Er sah sich im Feldlager um, nahm einen weiteren, tiefen Schluck aus seiner Feldflasche und atmete tief durch, während der Schmerz hinfort schwand und seine Müdigkeit verrauchte. Bald würde er Nachschub benötigen, es sei denn, er würde die morgige Schlacht gewinnen und diese Farce hier zu Ende bringen. Er hatte mit den Norska bereits zu viel Zeit verschwendet. Er wollte die Draka…vor allem wollte er DIE Draka. Er wusste, dass er schon fast davon besessen war, sie zu bezwingen und ihr seinen Willen aufzuerlegen, aber es war ihm egal. Mandrek fing an seine Männer zusammen zu schreien. Bald würde die Sonne hinter den Bergen aufsteigen und dann würde diese verdammte Festung fallen. Danach würde er sich um die Frau kümmern. Er lächelte bei dem Gedanken daran sie vor sich kniend zu sehen.

Als die beiden Gruppen Norska aufeinander trafen herrschte einen kurzen Augenblick lang absolute Stille in dem finsteren Felslabyrinth. Kurz darauf stahl sich jedoch ein Grinsen auf das Gesicht Flemmings und er trat vor.

"Ilmar, alter Hund, was macht ihr hier? Hat es Sorandin doch noch geschafft und will mitmischen?" Flemming trat vor, die Hand zu einem freundschaftlichen Schulterschlag erhoben und starb noch ehe er Ilmar berühren konnte.

Der Norska grinste breit und schwang sein blutverschmiertes Schwert. "Wer ist der nächste?" binnen Sekundenbruchteilen brach die Hölle los. Norska ging auf Norska los und keiner konnte sich sicher sein, ob er nun wirklich gegen einen Feind kämpfte oder gegen einen Kameraden.

Saiha verschaffte sich einen kurzen Überblick über das Chaos in dem engen Gang, in dem kaum drei Männer Nebeneinader Platz hatten. Ihre Augen wanderten über Usamaa, welcher sich mit gefährlicher Geschmeidigkeit bewegte und eine Leiche nach der anderen hinter sich lies, weiter zu einem helläugigen Eleifa, dessen schwarzes Haar mit einem Lederband im Nacken zusammen gefasst war, und der sich mit einer ebenso tödlichen Eleganz durch die Feinde auf Usamaa zu kämpfte. Sein Vorteil war, dass es ihm egal war, welchen Norska er tötete. Seine Bewegungen wirkten ruhig und sein Gesicht drückte beinahe schon Langeweile aus, nur seine hellen Augen leuchteten auf, als er Usamaa erblickte.

An ihm musste Saiha vorbei kommen. Sie durfte nicht versagen. Zur Not würde sie ihn mittels ihrer Kräfte ausschalten, auch wenn dies nicht ehrenhaft sein würde. Die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass das Schutzschild über dem Lager der Eleifa ausgeschaltet wurde, war zu wichtig um jetzt zu versagen, nur weil ihre Ehre angekratzt werden könnte.

Eigentlich war es kaum möglich, ein verlassenes Lager bei Nacht zu finden. Borack konnte von Glück sagen, dass er im richtigen Moment im richtigen Winkel stand und die dünne Rauchsäule sich blass vor den Monden hat abzeichnen sehen. Einen Pfeil an den Bogen gelegt näherte er sich den Felsen. Wer immer hier ein Lager aufgeschlagen hatte, verstand viel vom Reisen über weite Strecken. Es war strategisch perfekt angelegt, wie es Waldläufer oder Nomaden verstanden. Oder erfahrene Krieger. Die Sehne gespannt trat Borack an die verlassene Feuerstelle heran. Als er keine Gefahr witterte, verstaute er den Pfeil wieder im Köcher und betastete das verbrannte Holz. Noch warm. Es wurde erst vor kurzem verlassen, vielleicht hatte er den oder diejenigen nur um wenige Augenblicke verpasst. Den Spuren zufolge tippte er auf zwei Personen. Aber was war das?

Nah an diesem Feuerplatz war offenbar ein Zelt aufgeschlagen worden, sicher groß genug für zwei. Doch unweit davon entfernt befand sich noch eine weitere etwas kleinere Feuerstelle. Und daneben lag eine in Decken gehüllte Gestalt.

Borack pochte das Herz bis zum Hals. Ohne das Schwert zu ziehen, was die Vorsicht eigentlich gebot, näherte er sich und wusste bereits, noch bevor er ihr Gesicht enthüllte, wen er vorfinden würde. Im fahlen Mondlicht wirkte sie zwar noch ebenso blass, wie im Lazarett der Eleifa, doch gleichwohl kam sie ihm sehr friedlich vor. Beinah so, als würde sie schlafen, in angenehmen Träumen schwelgend. Einmal mehr fühlte er sich bei ihrem Anblick an Kassandra erinnert. Und einmal mehr konnte er nichts anderes tun, als neben ihrem toten Leib zu knien, sich seiner Tatenlosigkeit nur allzu bewusst.

Er ließ die Tränen zu. Vor allzu langer Zeit hatte er gelernt, sie nicht zu unterdrücken, da sich die Trauer auf diesem Wege nur in einen kleinen harten Kern zurückzog, der einen verbittern ließ. Weinen kostete nicht viel, doch als er an die Umstände ihres Todes dachte, vermischten es sich mit Wut. Die Spuren waren frisch. Noch in dieser Nacht könnte er ihre Mörder stellen und sie ihrer gerechten Strafe zuführen. Sein Herz schrie danach ihre stinkenden Leiber in Fetzen zu reißen.

Schon war er aufgestanden, da bemerkte er die kleinen hellen Punkte in der Dunkelheit. Wolfsaugen. Ein Rudel auf Futtersuche und sie hatten Witterung aufgenommen. Würde er jetzt gehen, würden sie den Leichnam zerfleddern. Das war ihrer nicht würdig. In Norska wurden die Toten nicht vergraben, dazu war der Boden zu hart. Man schaffte sie entweder in tiefen Höhlen, wie es Königen und Kriegshelden zu Teil wurde, oder verbrannte sie.

Diese Draka, so sehr ihn dieser Gedanke auch verwunderte, hatten eine anständige Überführung ins Totenreich verdient. Er blieb. Setzte sich neben sie und gab ihr noch einen Kuss auf die Stirn, bevor er sie wieder zudeckte.

Verblüfft hielt er inne. Sie war warm.

Varran zog die Decke enger um sich und trank den heißen Tee. Ihm war entsetzlich kalt. Die Luft im Zelt war warm, auch die Nächte in diesem Land waren erstaunlich mild, kein genaues Gegenteil zum Tage, wie in der Wüste. Dennoch fror er und die Kälte entstieg einem schwarzen Loch in seinem Inneren, einer Lücke in seiner Seele, die als Fenster galt und den Ausblick auf die Ruhestätte eines totgeglaubten Gottes bot.

Gerade, als er wieder Gefahr drohte, in den tiefen Schlund hinabzustürzen, wurde die Welt um ihn herum von einem gewaltigen Knall erschüttert. Die Zeltwände bogen sich nach innen, ihm entgegen, Staubwolken schossen darunter hervor und hüllten ihn ein. Ein aggressives Prasseln schlug sich auf das Dach nieder. Schockiert ließ Varren alles fallen und stolperte hinaus, eine Hand auf Nase und Mund gepresst, dennoch musste er husten.

Das ganze Drakalager war von einen Dreckwolke eingehüllt und feine Gesteinskörner rieselten herab. Hustend, den Staub fortwedelnd kamen sie aus ihren Zelten und sahen sich nach der Ursache für dieses Chaos um. War es ein Angriff? Sollten die Eleifa doch noch ein paar ungeahnte Kräfte im eigenen Land zurückgelassen haben? Varren sah sich nach allen Seiten um und entdeckte eine dunkel aufsteigende Wolke am anderen Ende des Lagers.

Sofort tastete er nach dem Schwert an seiner Hüfte und spurtete los. Rufe wurden laut, jemand bellte Befehle aus dem Dreckschleier. Varren erspähte eine Gestalt am Boden, die sich schwerfällig rührte. Er ging daneben in die Knie und beugte sich tief herab, bis er Blut erkannte. Viel Blut und dazu das Gesicht Amwendus. Der König starrte ihn aus weit aufgerissen Augen an. Anscheinend versuchte er sich von etwas zu befreien. Jetzt wurde Varren klar, dass jemand auf Amwendu lag, jemand dessen gesamter Rücken in eine blutige Masse gerissen war. Er wuchtete den Toten herunter und half seiner Majestät auf.

„Was ist hier geschehen?“, fragte er. „Werden wir angegriffen, mein König?“

Amwendu schüttelte den Kopf. Selbst in dieser Wolke aus Staub und Schmutz erkannte Varren ein irritierendes Funkeln in den Augen des Herrschers. „Nein, das war kein Angriff. Im Gegenteil!“

Weitere Soldaten erschienen, halfen denen auf, die am Boden lagen, schafften sie fort zu den Zelten. Amwendu befahl, dass sich um den Gardist gekümmert würde, der sich aufopfernd vor ihn geworfen hatte.

Einer der Weisen, die Robe völlig verdreckt, das Gesicht mit Staub überzogen, kam auf sie zu. „Mein Herr, das kann wirklich nicht die Lösung sein! Seht Ihr denn nicht, was es für Schaden anrichtet? Es hätte uns alle beinah getötet!“

„Ja, das hätte es“, antwortete Amwendu. „Und deswegen wird es funktionieren.“

„Wovon redet Ihr?“, fragte Varren verwirrt. Der König klopfte ihm auf die Schulter. „Erinnert Ihr Euch an das schwarze Pulver, welches die Gaukler so gern für ihre kleinen Feuerzauber verwenden? Unsere Späher haben in der Nähe ein größeres Lager davon gefunden. Fässerweise Schwarzpulver. Was Ihr hier seht, ist das Resultat.“

Der Schleier aus aufgewirbeltem Staub verzog sich allmählich und Varren entdeckte eine tiefe kreisrunde Einbuchtung.

„Zedar will uns mit der Erwähnung eines Gottes Angst machen? Soll er ruhig! Wir werden seine Schmieden sprengen und versiegeln!“

„Ich muss protestieren!“, fiel der Weise erneut ein. „Es ist viel zu gefährlich. Bashira hätte niemals…“

„Sie ist nicht hier!“, brüllte Amwendu dazwischen. „Ihr hört auf meinen Befehl und ich sage: brecht das Lager ab, sattelt die Pferde, schnallt die Fässer auf Karren und dann bekämpfen wir diesen Schmied!“

Nirsa hatte kaum Zeit, sich über die Draka zu wundern, die unter dem leblosen Wolfsleib offenbar eingekeilt war. Nicht nur, dass ihr Körper in der Mitter zu zerreißen drohte, Leif war ihr so schnell gefolgt, dass ihre Fluchtpläne sich in Luft auflösten. Sie würde ihm nicht entkommen können. Aber zur Not, so schwor sie, würde sie ihm noch den ein oder anderen Stich versetzen, bevor er ihr den Gar ausmachte.

Er blieb stehen und starrte auf die Draka. Nirsa erblickte etwas in seiner Hand, Blätter – womöglich ein weiterer seiner Versuche.

„Was nun, du stinkender Bastard“, fauchte sie, wobei ihr jedes Wort Kraft raubte. „Willst du es mit deinem Gift zu Ende bringen? Hast du nicht einmal den Mumm, es mit dem Schwert zutun? Du bist so erbärmlich und…“

„Sei still.“ Seine Stimme war ruhig, er war nicht laut geworden, nur sehr bestimmend. Und eisig. Nur selten war der wahre Leif hervorgetreten, dieser gewissenlose Höllenhund, der sich hinter einer Fassade aus Höflichkeiten und einem netten Lächeln verbarg. Sein Herz war ein schwarzes Loch und sein unverschleiertes Ich war kaum zu ertragen.

Er kniete sich hin und sprach mit der Draka. Nirsa konnte kaum ein Wort verstehen, aber als er plötzlich zurückzuckte und sich etwas vom Gesicht wischte wusste sie sehr genau, was geschehen war.

„Das geschieht dir recht“, höhnte sie, auch wenn es nur ein atemloses Krächzen war. „Mehr als Spucke bist du auch nicht wert.“

Er bedachte sie keines Blickes, stand einfach auf und ging zu den Pferden zurück. Währenddessen bemühte sich die Draka wieder, unter dem Wolf hervor zu kommen. Für Nirsa begann sich die Welt zu drehen. Das wenige Licht, dass von den Monden herabstrahlte, leuchtete mit einem Mal intensiver, brannte ihr förmlich in den Augen. Der Boden kippte, oben wurde zu unten und wieder umgekehrt, dann spie sie einen Schwall flüssigen Feuers aus. Von Krämpfen geschüttelt zuckte sie im Schnee hin und her. Mittlerweile sehnte sie das Schwert förmlich herbei, welches ihr Herz durchstechen sollte.

Leif war zurück und sie musste erst ein paar Mal blinzeln, bevor sie erkannte, was er in Händen hielt. Einen ihrer Kragen.

„Das wagst du nicht“, brachte sie unter Schmerzen hervor. „Du wirst ihr keinen anlegen. Dazu hast du nicht das Recht.“

Er legte den Kopf leicht schief. „Du bist wohl kaum noch dazu in der Lage, mir zu befehlen.“ Und mit einem breiten Lächeln sagte er noch hinterher: „Liebste.“ Dann ging er erneut in die Knie.

Weiter kam er nicht. Eines der Pferde war herangaloppiert und warf ihn um. Geritten wurde es von dem Draka, den Nirsa schon totgeglaubt hatte.

Syrian hatte seine Hände wieder und wieder zu Fäusten geballt und somit Blut und Wärme in seine Arme gepumpt. Von der Kälte waren sie steif geworden, was jede Bewegung erschwerte, aber er hatte nicht locker gelassen. Die Wirkung dieser Blätter, die in seinem Mund zerfaserten und einen zutiefst bitteren Saft enthielten, war unglaublich. Sie schenkten Wärme und hüllten seine Schmerzen in ein dumpfes Pochen. Als Assassine war er mit einigen Kräutern und ihren Wirkungen bestens vertraut, auch wenn er damit meist ein baldiges Ableben der Zielperson im Sinn hatte. Doch einige Rauschmittel waren äußerst hilfreich dabei munter zu bleiben und Schmerzen in den Hintergrund zu drängen. Leider forderten sie alle ihren grausamen Tribut, sobald die Wirkung verraucht war und man nicht für Nachschub sorgte. Syrian hoffte, das er dann weit fort von hier war.

Sobald ihn die beiden Eleifa allein gelassen hatten, hatte er versucht sich aufzurichten und war dabei erstaunlich weit gekommen. Sein Plan war gewesen, sich mit dem Pferd zurückzuziehen. Denn weiter zur Burg wäre selbstmörderisch gewesen. Sicher stand das Eleifaheer bereits davor.

Dann war der Eleifa zurückgekehrt und hatte in den Taschen, die über dem Pferd seiner Freundin hingen gekramt. Syrian war wieder in seine totstellende Pose übergegangen.

„Du kannst dich glücklich schätzen“, hatte der Eleifa gesagt. „Du bekommst eine kleine Freundin.“ Dann war er mit einem Kragen in der Hand wieder verschwunden.

Schlagartig waren alle Gedanken an einen Rückzug verdrängt worden. Wer immer es war, dem dieser Kragen angelegt werden sollte, er hatte dieses Schicksal nicht verdient. Zudem hatte Syrian eine vage, ebenso hoffnungsvolle wie verzweifelte Ahnung, um wen es sich dabei handelte.

Alle Kräfte mobilisierend hatte er sich aufgesetzt und dem Pferd in die Flanken getreten. Was genau er bewirken wollte, war ihm nicht klar. Aber tatenlos bleiben lag ihm nicht. Und als er den Eleifa umrannte, das Pferd kaum noch unter Kontrolle, war er froh über seine Entscheidung.

Bashira tastete sich vorsichtig zu dem Schutzschild vor und fluchte. Es wurde immer noch aufrecht erhalten. Ihr Geist wanderte weiter, auf der Suche nach Saiha und fand sie immer noch in den Tiefen des Felslabyrinths. Was hält dich auf?

Ein Kampf…verfluchte abtrünnige Norska greifen uns an uns mittendrin tanzt Usamaa mit einem Eleifa. An diesen beiden ist es schwer vorbei zu kommen. Sie blockieren beinahe den gesamten Gang.

Bashira zog ihre Augen zusammen. Amwendu wäre nicht sehr erfreut, wenn sein einziger Sohn jetzt umkommen würde, allerdings war die Aufgabe, welche Saiha zu erfüllen hatte wichtiger.

Benutze deine Kräfte, wenn du dich so nicht an ihnen vorbeischleichen kannst. Die Sonne geht bald auf und das Schutzschild MUSS zerstört werden.

Saiha seufzte und entledigte sich eines Norska, welcher sie gerade lüstern angegrinst hatte. Sie zog ihr unterarmlanges Messer aus seinem Bauch und verpasste ihm einen Tritt, so dass er nach hinten taumelte und noch einen weiteren Norska mit sich zu Boden riss. Sie hasste es, wenn sie unterschätzt wurde. Schließlich war sie beinahe die Hälfte ihres Lebens eine Schwertschwester gewesen. Sie richtete sich den Schal, welcher ihr tiefschwarzes Haar zurückhielt und hob ihre Röcke um über eine Leiche zu steigen. Der Anblick von Toten schreckte sie schon lange nicht mehr, es ärgerte sie jedoch, dass sie sich nun kleiden musste, wie eine Weise. Um sie herum tobte der Kampf weiter. Abermals raffte sie ihren Rock und hätte dies beinahe mit ihrem Leben bezahlt, als ein Gigant von einem Mann auf sie zu raste und sein Breitschwert auf sie niedersausen lies. Es wurde nur Millimeter von ihrem Schädel entfernt durch ein weiteres Breitschwert aufgehalten. Ein Norska, der ihr bekannt vor kam, war aus einem Nebengang getreten und wuchtete den anderen zur Seite. Wie war sein Name noch gleich? Keisha war oft an seiner Seite gewesen…er hatte den Kragen getragen..ach ja, Keral. Seine hellen Augen richteten sich einen Moment lang auf sie. "Wo ist Damon?" Der Norska, welcher sie angegriffen hatte starb noch ehe Kerals Worte zu Ende gesprochen waren.

"Er ist auf einer Aussichtsplattform und wartet, bis er ein Zeichen bekommt, dann wird er das Lager angreifen."

"Nun, Mandrek scheint vorgewarnt worden zu sein, es gibt sehr viele Verräter in den Reihen meines Volkes." seine Stimme hatte einen traurigen Klang angenommen. "Ich wollte ihn warnen, aber wie mir scheint, bin ich zu spät. Wohin wollte dieser Trupp?"

"Wir wollten das Lager der Eleifa von innen überfallen. Usamaa und die Nordmänner sollten sie ablenken, während ich die Machtträger ausschalten, welche das Schutzschild über dem Lager aufrecht erhalten. Sobald dies gefallen ist, werden wir ein Zeichen setzen, Damon greift von den Flanken her an und die Weisen der Norska und meines Volkes werden von oben herab angreifen. Wir werden versuchen, so wenige Eures Volkes wie nötig zu töten, allerdings wird das nicht vollkommen vermeidbar sein."

Keral nickte. "Ich werde Euch begleiten und Euch sicher durch die Tunnel bringen. Wenn dieser Trupp die Eleifa nicht mehr ablenken kann, werde ich es eben tun." Sein Blick wanderte kurz über ihre Röcke. "Habt Ihr Nachricht von Keisha? Ihr seid doch auch eine Weise, könnt ihr sie erreichen?"

Saiha schüttelte den Kopf und nickte, ehe sie erneut den Kopf schüttelte. "Ich habe keine Nachricht, aber ich könnte sie erreichen. Allerdings nicht hier. Ich brauche dafür Konzentration. Noch bin ich nicht voll ausgebildet."

Keral nickte und hob sein Schwert. "Dann sorgen wir dafür, dass wir hier schnell durchkommen."

"Es tut gut, wieder auf Euch zu treffen. Einen Gegner wie Euch findet man nur selten. Werden wir es dieses mal zu Ende bringen?" Jórek wich einem gefährlichen Schlag des jungen Wüstenmenschen aus und ging seinerseits in den Angriff über.

"Wir werden sehen. Ich habe nicht vor, so schnell zu sterben." Usamaa wusste, dass er die Macht, welche Hjaras Dämon ihm gegeben hatte aktivieren könnte, doch er wusste auch, dass er dies nur einmal machen durfte. Dies war noch nicht der rechte Augenblick dafür und er würde es so lange wie möglich heraus zögern. Solange er diese Macht noch nicht benutzt hatte, konnte Hjara den Preis dafür nicht einfordern und der Preis war hoch…sehr hoch.

Keisha sah das Pferd auf sich zu galoppieren, Schnee wirbelte auf und spitze Eiskristalle bohrten sich in ihre empfindlich ausgekühlte Haut um dort zu schmelzen. Einen Moment lang sah sie ihr Leben an sich vorbeiziehen und sich von den Hufen des Pferdes zu Tode getrampelt, als die wirbelnden Hufen des Pferdes den Eleifa trafen, welcher sich soeben über sie gebeugt hatte um ihr den Kragen anzulegen. Ein überraschter Ausdruck huschte über sein übermenschlich schönes Gesicht, dann flog er regelrecht durch die Luft und sie hörte einen dumpfen Aufschlag im Schnee. Der Kragen des Zwangs lag direkt neben ihr im Schnee, auf der anderen Seite lag die massige Gestalt einer Eleifa, welche sich krümmend im Schnee wälzte. Wer auch immer ihr Retter war, er musste sie nur noch unter dem Wolf hervorholen und sie hoffte, dass er es auch tun würde. Lange würde sie es nicht mehr aushalten, ihr Körper war beinahe schon so unterkühlt, wie zu dem Zeitpunkt als sie durch die Eisdecke in den See gebrochen war.

Der aufgewirbelte Schnee legte sich allmählich und sie konnte das Gesicht ihres Retters erkennen. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. "Hallo Syrian, ich bin gekommen, um dich zu retten." sie grinste breit und sein besorgter Gesichtsausdruck wandelte sich in ein Lachen. Erst jetzt erkannte Keisha das schwarze Metallband um seinen Hals und ihr Lächeln gefror. Ihr Blick glitt zu der massig wirkenden Frau, welche gerade dabei war, sich zu erheben und weiter zu dem anderen Eleifa, der sich ebenfalls aufgerichtet hatte und nun mit raubtierhafter Geschmeidigkeit und einem Schwert in der Hand auf Syrian zu ging. Die Mordlust in seinen Augen war unverkennbar.

Das Lager war nun zu vollem Leben erwacht. Männer ölten ihre Waffen, schliffen sie, ein schnelles Frühstück wurde über neu angefachten Lagerfeuern zu bereitet und an den Belagerungstürmen wurde der letzte Schliff vorgenommen. Mandrek hatte eine kleine Armee Norska mit Kragen bereit gemacht, den Hohlweg zu stürmen. Zwischen ihnen befanden sich seine besten Eleifakrieger. Die Norska hatten alle den Auftrag, die Eleifa bis an die Tore der Festung zu bekommen. Dort angekommen würden sie in die Festung eindringen und das Tor von innen öffnen. Zumindest war dies Plan A. Plan B war einfacher gestrickt. Er würde ALLE, wirklich alle seine Männer nach oben schicken. Und zwar unter dem Schutz des Schutzschildes, so dass Bashira und ihre Hexen keine Möglichkeit hatten, sie auf übernatürliche Art und Weise anzugreifen. Mandrek nahm einen tiefen Schluck aus seiner Flasche und verzog das Gesicht. Für dreimal würde es noch reichen. Er sah sich um und atmete tief durch. Er konnte niemandem vertrauen und keinen losschicken, ihm die richtigen Kräuter zu besorgen. Wenn dieser Giftmischer Leif hier wäre…nein, ihm konnte er erstrecht nicht vertrauen. Da konnte er schon eher Nirsa Glauben schenken. Er lachte heiser und zog verwirrte Blicke auf sich. Ihm war es egal, ob man ihn für verrückt hielt. Er hatte die Macht, er WAR die Macht der Eleifa. Er steckte seine Feldflasche zurück in seinen abgetragenen Umhang und starrte mit leerem Blick auf den dunklen Schatten der Norska Festung. Eigentlich hatte er noch einmal mit Zedar sprechen wollen, aber nun fragte er sich, warum. Warum hörte er überhaupt auf diesen alten Schmied? Er war weit weg und Mandrek war hier. Mandrek hatte die Macht über eine riesige Armee und bald über eine noch viel größere. In Kürze würde er die Draka unterjochen und wen interessierte dann noch Zedar? Das irre Licht in Mandreks Augen begann zu leuchten und er gab den Willenlosen das Zeichen loszumarschieren.

Eigentlich war es kein Wunder, dass es Keisha war, die ihm ein, ihrer misslichen Lage trotzendes, Lächeln schenkte. Hier in der Wildnis, mit wenig Aussicht auf Erfolg. Sie verkannte die Situation keineswegs, nein, sie lernte bloß schneller damit umzugehen, als irgendjemand sonst. Syrian ließ sich dankbar davon anstecken.

„Wie hast du es geschafft, unter einen Wolf zu gelangen?“ Sie gab ihm keine scherzhafte Antwort, sondern warf einen warnenden Blick hinter hin. Syrian vernahm die schnellen Schritte im Schnee, sah die Klinge in Keishas Hand, halb unter dem Tier begraben und griff danach.

Syrian rollte sich herum, wehrte den ersten Schlag ab, wurde aber durch die Kraft des Angriffes zurückgeworfen. Genau genommen war es weniger die Stärke seines Gegners, die ihn straucheln ließ, sondern seine eigene Schwäche; die Kälte und der Blutverlust forderten seinem Körper trotz geheimnisvoller Blätter eine Menge ab. Er blieb auf den Beinen, noch, denn der Eleifa war unglaublich schnell. Er hatte es hier mit einem außerordentlich talentierten Krieger zutun, dem er vielleicht bei voller Stärke hätte Paroli bieten können. In seiner derzeitigen Verfassung blieb ihm allerdings kaum mehr, als zurückzuweichen. Wieder ein Schlag und wieder und wieder. Der Dolch leistete gute Dienste, war dem Ansturm aber auf Dauer nicht gewachsen. Da tat sich in der Verteidigung des Eleifa eine Lücke auf. Syrian nutzte sie augenblicklich nur um festzustellen, dass es eine Finte war. Der Schwertknauf traf ihn mitten ins Gesicht. Er fiel zu Boden und ließ den Dolch fallen.

„Meinen Respekt“, keuchte der Eleifa. Sein Atem bildete kleine Wolken. „Ein guter Kampf – und das obwohl Ihr dem Tod so nah wart. Ich hätte Euch gern in einer besseren Verfassung kennengelernt. Aber nun…“ Er stellte sich über Syrian und hob die Klinge hoch über den Kopf. „… wird es nicht mehr dazu kommen.“

Das Getrappel mehrere Hufpaare ließ ihn innehalten.

Nirsa ging es tatsächlich ein wenig besser. Sie traute dem Frieden noch nicht so recht, aber andererseits war es auch kaum verwunderlich, denn mittlerweile dürfte sich rein gar nichts mehr in ihrem Magen befinden. Einzig in ihrer Blutbahn zirkulierte das Gift noch. Sie hoffte inständig, dass die Menge nicht für den Tod ausreichen würde.

Während des Kampfes zwischen dem Draka und Leif hatte sie fieberhaft darüber nachgedacht, wie sie entkommen könnte. Sie rechnete dem Wüstenkrieger keine hohen Chancen aus und auch seine Freundin, gefangen unter dem Wolfsleib, war ihm keine Hilfe. Also war Nirsa auf sich allein gestellt und gerade, als sie sich aufgerappelt hatte um zu fliehen hatte sie die Reiter vernommen. Erst war es nur ein sanftes Vibrieren an ihrem Hals gewesen, dann das Geräusch der näherkommenden Pferde und schließlich die Gewissheit, dass es Kragenträger waren. Sie spürte Draka und Norska, gut ein Dutzend Männer und als sie noch etwas tiefer ging erkannte sie auch den Befehl, den sie ausführten.

Die Reiter trugen Fackeln und trieben wie eine Insel aus Licht auf sie zu. Ein Draka führte sie an, der schwarze Stahl des Kragens glänzte im Feuerschein. In ihm spürte Nirsa Mandreks Befehl.

„Seid Ihr Nirsa?“, fragte er mit tonloser Stimme. Sie nickte.

„Dann kommt Ihr mit uns. Mandrek wünscht Euch zu sehen. Jetzt!“ Zwei Norska stiegen von ihren Pferden und traten an sie heran, jeder legte sich einen ihrer Arme um die Schulter um sie zu stützen. Nirsa sah zu Leif hinüber, der über den Draka stand, das Schwert in Händen haltend, offenbar unschlüssig, wie er sich zu verhalten hatte. Sie deutete in seine Richtung.

„Ich will, dass er mitkommt.“

Der Draka unter Madreks Einfluss schüttelte den Kopf. „Ich habe einzig den Befehl, Euch mitzunehmen. Niemanden sonst.“

Nirsa gab sich ganz ihrem eigenen Kragen hin und tastete nach dem Verstand des Draka hoch zu Ross. Mandreks Befehl war fest in ihm verankert – verwurzelt mit dem Denken und Handeln des Mannes auf Gedeih und Verderb. Die Order zu verändern und gar zu entfernen war unmöglich. Außer vielleicht für Zedar. Nirsa war sich dessen nicht sicher, aber sie wusste um ihre eigenen Fähigkeiten und diese reichten weit genug um Mandreks Befehl zwar nicht zu ändern, doch aber um etwas hinzuzufügen.

„Ich will“, sprach sie mit allem Nachdruck, der ihr geblieben war, „dass ihr ihn mitnehmt!“

Der Draka antwortete nicht und seine Begleiter verharrten unsicher in ihren Bewegungen. Nirsa erforschte auch ihre Geister und fand sie weit weniger mit Mandreks Willen verbunden. Sie umzustimmen war ihr ein leichtes. Schließlich nickte der Draka. Drei Mann ritten zu Leif hinüber und stiegen ab.

„Wagt es nicht“, warnte sie der Eleifa und schwang sein Schwert.

„Nicht ihn“, sagte Nirsa. „Ich meine den Draka.“ Die Kragenträger bückten sich um Syrian hochzuheben, doch Leif hinderte sie daran indem er einen von ihnen erschlug. Daraufhin ritten fünf weitere auf ihn zu. Sie hatten Befehle zu erfüllen und würden sich dafür vor jede Klinge werfen, jeglicher Angst, jeder Moral und jedem Gewissen beraubt. Nirsa fühlte sich von der Macht der Kragen berauscht. Angesichts dieser Übermacht senkte Leif sein Schwert und ließ die Kragenträger passieren. Sie bedachten ihn ihrerseits keines Blickes mehr, denn er war nicht ihr Ziel. Kurz überlegte Nirsa, ob sie den Befehl geben sollte, ihn zu töten, verwarf den Gedanken aber wieder. Wahrscheinlich würde das nichts bringen, dazu war sie momentan einfach zu schwach. Man hob sie auf ein Pferd und schleifte Syrian heran.

„Die da auch noch“, meinte Nirsa und wies auf die Draka unter dem Wolf. Der Kragen um ihren Hals kribbelte als sie Kontakt zu den anderen Trägern aufnahm um den Befehl zu festigen. Daraufhin befreite man die Kleine und brachte beide Draka unter Bewachung zu den Pferden.

Die Gruppe wendete und mit erhobenen Fackeln ritten sie davon, zurück zum Lager, zurück zu Mandrek. Nirsa warf einen Blick über die Schulter, wo sie für einen kurzen Augenblick noch den verdutzten Leif sehen konnte, allein zurückgelassen, bevor er in der Dunkelheit verschwand. Ihm war sie noch gerade so entkommen. Doch würde das bei Mandrek oder Zedar auch so sein?

„Etwas stimmt nicht.“

Hjara beobachtete den Norskakönig, wie er vorn an dem Vorsprung stand, auf das Lager der Eleifa hinabblickte und etwas in den Bart hinein murmelte.

„Wie meinen?“, fragte Hjara gereizt nach.

Der Norska seufzte schwer. „Etwas stimmt nicht. Das Lager ist zwar in Aufruhr, aber nicht weil ein Kampf ausgebrochen ist. Sie scheinen sich zu formieren. Wenn ich das richtige sehe, dann ist ein Trupp gerade dabei das Lager zu verlassen. Sie sind in unsere Richtung unterwegs.“

Hjara hatte es ebenfalls bemerkt. „Der Plan ist gescheitert“, sagte er, das Unausweichliche aussprechend. „Was werden wir jetzt tun?“ Er hatte beschlossen einen versöhnlicheren Ton anzuschlagen. Dies waren nicht seine Truppen, die hier befehligt werden mussten. Seine Position war nur die eines Gastes. Wenn er etwas erreichen wollte, musste er den König dieses Barbarenvolkes dazu bringen, es zu entscheiden. Und im Augenblick wollte er kämpfen – nichts lieber als das.

„Es hilft nichts.“ Damon drehte sich zu den Kriegern um. „Wir müssen angreifen. Auf der Stelle, bevor es zu spät ist.“ An Hjara gewandt befahl er: „Bringt die Männer in Stellung. Wir bleiben bei dem Plan und teilen uns auf. Von jetzt an gibt es kein Zeichen mehr. Greift an, wenn ihr es für angemessen haltet.“

Der Heerführer vollführte eine knappe Verbeugung. „Wie Ihr wünscht.“ Dann setzte sich die Armee in Bewegung.

Es war kein bewusster Akt gewesen. Borack wollte sie bloß in eine angenehmere Position bringen, den Kopf etwas erhoben, da war er einfach abgefallen – der Kragen. Ohne irgendein Geräusch oder gar einen Lichtblitz, wie Borack vermutet hatte. Ganz unspektakulär war er von ihrem zarten Hals gerutscht und im Schnee gelandet. Eine unendlich erscheinende Zeit lang hatte er auf den schwarzen Metallring gestarrt, unfähig zu begreifen, was genau vorgefallen war und was es zu bedeuten hatte. Dann, wie mit kaltem Wasser übergossen – aus seiner Starre hochschreckend, packte Borack den Kragen und schleuderte ihn soweit von sich wie ihm möglich war.

Behutsam legte er den Kopf der jungen Draka auf den Fellen nieder und beugte sich über sie, sein Ohr nur einen Fingerbreit von ihren leicht geöffneten Lippen entfernt. Nach einer schieren Ewigkeit dann, spürte er ihren Atem. Zart, aber gleichmäßig.

Keisha lies sich von einem Norska auf das Pferd heben und lies zu, dass er sie um die Taille packte um sie fest zu halten. Gegen eine solche Übermacht hätte sie keine Chance gehabt, außerdem wollte sie im Moment nicht auffallen. Diese massige Eleifa hatte vergessen, ihr den Kragen anzulegen, oder sie hatten keinen über. Sie schloss ihre Augen und lies ihren Kopf nach hinten an die warme Brust des Norskas fallen, als hätte sie das Bewusstsein verloren. Sie spürte, wie ihr Körper die Wärme des Nordmanns regelrecht aufsog und sie allmählich wieder auf normale Temperatur kam. Ihre Gedanken schwärmten aus, glitten von Kragenträger zu Kragenträger, tasteten den Zwang ab und wichen wieder zurück. Es war schon schwer gewesen, einen Zwang zu beseitigen, aber diese hier hatten von Mandrek und dieser Frau einen Befehl erhalten. Ihr Geist glitt weiter zu Syrian, erfasste ihn und sie verbiss sich ein Lächeln. Kein Zwang. Er trug einfach nur den Kragen. Sie griff hinaus um ihn zu lösen, doch in diesem Moment wurden ihre Gedankenstränge wie von einem Messer durchtrennt und zurückgeschleudert. Mit einem kurzen Schmerzensschrei öffnete sie die Augen und starrte die Schmiedin überrascht an.

Die Eleifa erwiderte ihren Blick mit einem süffisanten Lächeln. "Du bist also diejenige, durch deren Augen ich das Sahnestück dort hinten gesehen habe. Es ist schade, dass ich derzeit keinen Kragen mehr bei mir habe, aber du musst nicht traurig sein, im Lager werde ich dich mit einem besonderen Schmuckstück ausstatten."

Nirsa hustete und spuckte ein weiteres mal Galle und Blut aus, doch es wurde weniger. Sie warf der rothaarigen Draka einen weiteren, interessierten Blick zu und führte ihr Pferd näher an sie heran um sie genauer zu betrachten. Sie sah für eine Draka mit ihren grünen Augen und den tiefroten Haaren recht ungewöhnlich aus, dennoch war die Ähnlichkeit zu der anderen Draka unverkennbar. "Es wird interessant werden, ob ich deine Kräfte durch den Kragen ebenfalls steuern kann."

Die Hände der jungen Frau verkrampften sich und ihr Körper spannte sich sichtlich an.

"Halte sie gut fest. Zur Not schlage sie nieder, aber töte sie nicht."

Der Kragenträger legte seinen muskelbepackten Arm wie eine Stahlklemme um Keishas Körper, so dass sie keinerlei Chance mehr hatte, sich überhaupt zu bewegen. Ihre Augen leuchteten in grünem Feuer, als sie zu Nirsa sah. "Du wirst mich nie beherrschen, eher stürze ich mich in mein eigenes Schwert."

Die Schmiedin kniff ihr in die Wange. "Wir werden sehen, Schätzchen, wir werden sehen." Ihr Magen gab ein lautes Rumpeln von sich und sie ritt zur Seite um sich dort kurz zu übergeben. Nirsa war immer noch schlecht, so schlecht wie noch nie in ihrem Leben, aber ihr Kreislauf hatte sich erholt. Offensichtlich war das Gift von Leif nicht stark genug gewesen…oder der Kragen gab ihr etwas von Zedars Kräften. Sie wischte ihren Mund mit dem Handrücken ab und gab ihrem Pferd die Sporen. Das Lager war bereits sichtbar und die Morgendämmerung tauchte es in ein helles Grau in dem die letzten Schatten der Nacht langsam dahin schmolzen.

Keral schwitzte. Er beteiligte sich wirklich nur so weit an dem Kampf, wie es ihn und die junge Draka betraf, aber das reichte bereits um seine volle Aufmerksamkeit zu erhalten. Saiha bewegte sich trotz ihrer weiten Röcke geschmeidig an seiner Seite und aus dem Augenwinkel sah er, wie sie immer wieder Angreifer niederstreckte. Als sie sich an dem Hauptkampfplatz vorbei gedrängt hatten und nur noch in vereinzelte Scharmützel verstrickt wurden wandte sich der Norska an die Draka. "Kämpfen selbst die Weisen mit normalen Waffen?"

Saiha lächelte schwach und riss einen Stoffstreifen aus ihrem Rock, ehe sie sich zu Keral beugte und ihm mit geschickten Fingern eine Fleischwunde am linken Oberarm verband. Sie selbst hatte kaum Schrammen abbekommen, nur ihr Rock war an der ein oder anderen Stelle Opfer der Schwerter geworden und eine leicht blutenden Schramme zog sich quer über ihr hübsches Gesicht. "Jeder Draka kämpft. Die meisten der Weisen waren früher Krieger. Hisham war ein Kämpfer des Steinkriegerclans, Bashira eine Schwerttochter der Kaltwasserfeste, sie ist sogar mit Amwendu, unserem König, verwandt. Ich war einst eine Speertochter der Wolfshunde. Nachdem wir zu Weisen werden, verlieren wir jegliche Clanzugehörigkeit. Dennoch vermeiden wir es unehrenhaft zu kämpfen. Wenn ein Gegner nicht über die gleiche Möglichkeit wie du verfügt, solltest du ihn mit normalen Waffen angreifen."

"Könnt Ihr….jetzt mit Keisha Kontakt aufnehmen?" fragte er und sie schüttelte den Kopf.

"Später. Meine Aufgabe ist wichtiger und ich darf keine weitere Verzögerung zulassen." sie legte den Kopf leicht schräg und betrachtete ihn.

"Ihr solltet Euch Keisha aus dem Kopf schlagen. Eine Weise heiratet normalerweise nie, sie hat andere Aufgaben zu erfüllen."

Die hellen Augen des Norskas blitzten sie kurz an. "Soweit ich weiß, ist Keisha noch keine Weise und sträubt sich auch ziemlich dagegen, eine zu werden."

Saiha lachte leise, während sie den steiler werdenden Gang erklomm. "Da habt Ihr recht. Ihr wäre es zuzutrauen, dass sie sämtliche Traditionen der Weisen auf den Kopf stellt. Ich wollte Euch nur warnen. Sie kann…schwierig sein."

Schwierig war gar kein Ausdruck. Saiha mochte Keisha schlicht und ergreifend nicht. Sie selbst hatte auch nie den Speer niederlegen wollen, aber sie hatte sich dem Willen der Weisen gebeugt. Es war eine Ehre, ausgesucht zu werden. Außerdem mochte sie die Alleingänge der anderen Draka einfach nicht. Wo war Keisha jetzt, da ihre Kräfte dringend benötigt wurden? Sie würde einen Dreck tun und Kontakt mit ihr aufnehmen. Sie erreichten die Falltür und der Norska drängte sich vor sie, als könne er sie besser beschützen, als sie sich selbst. Sicher, er hatte ihr Leben gerettet, sie hatte ihm aber auf dem Weg hierher mindestens dreimal die Klinge eines anderen Norskas erspart.

Vorsichtig hob Keral den Stein, welcher den Geheimgang verbarg, um wenige Millimeter an und lugte darunter hervor. Eine Hand voll Eleifa stand in unmittelbarer Nähe und nicht nur einer davon hatte eine gespannte Armbrust auf den Stein gerichtet. Leise vor sich hin fluchend lies er den Stein zurück sinken und sah zu Saiha. "Wenn wir hier aufsteigen, sind wir schneller tot, als wir blinzeln können."

Die Draka verdrehte die Augen. "Wenn ehrenvolles Kämpfen nicht möglich ist, gibt es andere Mittel sein Ziel zu erreichen." Sie drängte sich an ihm vorbei, sah ihn auffordernd an und Keral hob erneut den Stein an. Es dauerte nicht lange, bis er den dumpfen Aufprall mehrere Körper auf dem hartgefrorenen Boden hörte.

Saiha lächelte selbstzufrieden. "Nun, worauf wartet Ihr noch? Die Eleifa werden nicht ewig schlafen. Hebt den Stein weiter an, damit wir durch kommen. Die Sonne geht bereits auf und ich muss diesen verdammten Schutzschild sobald wie möglich ausschalten." Ihre Stimme hörte sich fest an, doch hatte es bereits viel ihrer Kraft gekostet, diese fünf Eleifa in einen tiefen Schlaf zu schicken. Sie hoffte, dass sie die Träger des Schutzschildes so bald wie möglich erreichen würde und sie vielleicht so ehren haft waren und nur mittels ihrer Waffen gegen sie kämpfen würden. Doch dies war nur eine Hoffnung. Eleifa bargen wenig Ehre in sich. Der Norska kletterte direkt hinter ihr aus dem Geheimgang und verschloss ihn wieder, ehe sie sich umsahen. "Nun, wohin?" fragte Keral, während er seinen Umhang hoch schloss, so dass sein Hals nicht sichtbar war.

Die junge Draka schloss ihre dunklen Augen, drehte sich ein wenig und deutete dann entschieden in eine Richtung.

Bashira wagte einen weiteren Angriff und erneut schimmerte die Luft über dem Lager der Eleifa, ehe ihr Angriff im Nichts verpuffte. Verdammt sollte diese Saiha sein. Hisham hatte große Stücke auf sie gehalten. Aber wenn sie wirklich so gut war, wie sie behauptet hatte, hätte sie bereits das Schutzschild ausgeschaltet oder wenigstens geschwächt. Der Morgen dämmerte bereits und die Eleifa waren in Aufruhr. Die Weise konnte erkennen, dass mehrere Hundert Norska auf den Hohlweg zu marschierten. Ihr Geist glitt hinaus und traf auf den stahlharten Befehl Mandreks.

Hisham fragte sich, warum Bashira zögerte. Es waren nur Norska. Hirnlose Barbaren. Er stand ein wenig Abseits und beobachtete die Draka, deren dunkles Haar von weißen Strähnen durchzogen war. Einen Moment zögerte er noch, dann schlug er los. Ein lautes Dröhnen erklang und Gesteinsbrocken, lösten sich in breiter Masse aus den Felsen um den Hohlweg herum. Mit donnergleichem Gepolter rollten sie auf die Norska zu. Sie versuchten noch nicht einmal auszuweichen. Stur und völlig ohne Sinn und Verstand liefen sie dennoch gerade aus. Nur eine kleine Gruppe Eleifa löste sich und rannte in schierer Panik den Weg zurück.

Bashira schloss die Augen und wandte sich ab. Das war nicht ehrenhaft, Hisham. Mehr sagte sie nicht, als sie an ihm vorbei ging und die steile Treppe von der Mauer hinunter stieg. Wieder einmal fragte sie sich, ob es eine gute Idee gewesen war, den Draka als ihren Nachfolger auszubilden. Er war voller Hass. Nun, sie würde diesen Hass nutzen und weiterhin in die Richtung Hjaras lenken müssen. Sie hoffte wirklich, dass der Heerführer sich einen der Kragen anlegen würde. Er würde sich selbst an die Leine legen und sich ihr quasi ausliefern. Sie lächelte. Keiner würden den Plan zu ihr zurückverfolgen können, wenn Hisham Hjara getötet hatte. Jeder wusste, dass die beiden sich hassten.

Zedar lächelte, während er einem seiner Kreaturen einen weiteren Sack voll mit Kragen übergab, den er auf die Reise Richtung Norden schicken sollte, er spürte jeden einzelnen Kragenträger und es wurden von Tag zu Tag mehr. Er würde bald die Dämonen los lassen müssen, wenn dieser Amwendu weiterhin versuchte, ihn bei seiner Arbeit zu stören. Er hatte gedacht, dass die Erwähnung des alten Gottes der ewigen Finsternis ihn vielleicht abschrecken könnte, doch offensichtlich hatten diese Wüsteninsekten vor nichts Angst. Und die Draka konnten ihm durchaus gefährlich werden, auch er war nicht unsterblich…zumindest nicht vollkommen…noch nicht.

Er tastete hinaus und fand Nirsa. Sie war auf dem Weg zu Mandrek, doch ihre Aufmerksamkeit lag bei jemand anderen. Er schloss seine Augen und ergriff ihren Geist, folgte ihren Gedanken und fand…Macht, zwar noch unausgebildet, aber definitiv vorhanden, Enttäuschung, aber vor allem Wut und Willenskraft. Wen auch immer seine Schülerin dort hatte, sie sollte dem Subjekt so bald wie möglich einen Kragen anlegen, es könnte ansonsten gefährlich werden, wenn sie oder er erstmal die Macht in sich zu beherrschen wusste. Er sandte diesen Befehl in scharfem Ton zu Nirsa.

Amwendu lag auf dem Bauch auf einer kleinen Anhöhe und beobachtete seine Männer, wie sie das Schwarzpulver an geeigneten Stellen um das Dorf herum deponierten. In ihrer grau-grün-braunen Kleidung verschmolzen sie beinahe perfekt mit der Umgebung und selbst er hatte teilweise Schwierigkeiten sie zu erkennen. Sein Plan war aberwitzig, wahnsinnig, aber dennoch genial. Wenn sie es richtig anstellten, würden sie Zedar in seiner Schmiede lebendig begraben. Zuerst würde das Dorf dem Erdboden gleich gemacht, danach die Schmiede. Schutt, Erde und Felsen sollten den alten Schmied für immer dort unten einsperren.

Einer der jungen Weisen, Amwendu glaubte, sein Name war Rahsaan, kam neben ihm die Anhöhe hoch gekrochen. Er bewegte sich immer noch geschmeidig wie der Krieger, der er bis vor kurzem noch gewesen war. "Das Pulver ist beinahe vollständig verteilt, wir haben mehrere Fässer am Eingang der Schmiede postiert und mittels langer Schnüre miteinander verbunden. Ein Fass haben wir dort drüben auf der Anhöhe versteckt, sobald das Dorf explodiert werden wir die Zündschnur des Fasses dort oben zünden und es in den Schlund der Schmiede rollen. Männer mit brennenden Pfeilen werden die Lunten der restlichen Fässer entzünden und Zedar sollte spätestens heute Abend Geschichte sein. Das einzige Problem, dass im Moment noch nicht gelöst ist, sind diese geschickten hässlichen Kreaturen, welche Zedar zu Diensten sind. Immer wieder entschlüpfen welche von ihnen den Tiefen des Schlunds und bringen Säckeweise Kragen weg. Einige konnten wir…verschwinden lassen, aber die meisten sind uns entkommen, sie sind unglaublich flink und sehr stark. Bisher konnten sie die versteckten Fässer noch nicht entdecken, aber es kann nicht mehr lange dauern, bis einer von ihnen darauf stößt. Wir sollten uns mit der Ausführung des Planes also beeilen."

Der Clanhäuptling warf dem jungen Mann einen kurzen, anerkennenden Blick zu. "Welcher Kriegergemeinschaft habt Ihr bisher angehört? Ihr sprecht wie ein wahrer Meister der Taktik."

Rahsaan grinste. "Ich gehöre…gehörte zu den Elitekriegern der Wasserspeere, ehe der Ruf der Weisen mich erreichte. Ich bin mir bis heute noch nicht sicher, ob es eine kluge Entscheidung war, diesem Ruf zu folgen." sein Grinsen wurde breiter. "Eure Tochter hat es richtig gemacht. Man sollte sich gegen die verstaubten Traditionen der Weisen wehren. Sicher ist es wichtig, die Kräfte, die in einem wohnen, in den Griff zu bekommen und zu lernen, damit um zu gehen, aber deswegen gleich die Waffen nieder zu legen?" Er schüttelte den Kopf.

Amwendu nickte nachdenklich, während er mit dem jungen Mann gemeinsam so weit auf dem Bauch zurückrobbte, bis er sicher sein konnte, dass ihn niemand von der anderen Seite gesehen haben konnte. "Ihr mögt Recht haben, es gibt genug Gesetze und Verbote, welche einmal general überholt werden sollten. Allerdings befürchte ich, dass die Weisen es anders sehen werden. Viele der Regelungen stellen die Weisen über die Clanhäuptlinge und sogar über mich. Bashira wird nur ungern darauf verzichten." er lächelte bei dem Gedanken.

Mandrek fluchte als das Grollen der Felsen erklang, die den schmalen Hohlweg hinab polterten und Norska mit sich begruben. Dies war ein Akt der Weisen gewesen. Mandrek war sich sicher. Nun, wenn sie dieses Spiel schmutzig spielen wollten, sollten sie es haben. Er bellte einen Befehl und ein Dutzend Machträger, welche nicht gerade damit beschäftigt waren, das Schild über dem Lager aufrecht zu erhalten, kam zu ihm. "Seht ihr diese Mauern dort oben? Ich will, dass sie brechen. Es muss unterirdische Tunnel geben, findet sie, bringt sie zum Einsturz, macht diesen ganzen verdammten Berg dem Erdboden gleich, wenn es sein muss." Mandreks Augen funkelten wild, als er spürte, wie seine Schüler ihren Geist in Richtung Festung ausstreckten, sich vereinigten und sich gemeinsam gegen die Barriere von Bashiras Kraft warfen.

Die Weise taumelte und hielt sich am nächst besten Norska fest, den sie ergreifen konnte. Ihr Kopf schwamm. Waren die ständigen, halbherzigen Spionageversuche von Mandrek nicht schon schlimm genug, jetzt schien er es ernst zu meinen. Warum hatte sich Hisham nicht zurückhalten können, es war von Anfang an klar gewesen, dass Mandrek sofort zuschlagen würde, wenn ein normaler Angriff durch übernatürliche Kräfte zurückgeschlagen wurde. Sie stöhnte und krallte ihre Fingernägel in den Arm des Nordriesen. "Holt…die anderen Weisen. Schnell." sie lies ihn los und lies sich selbst an der Wand hinab gleiten, die Augen geschlossen und in höchster Konzentration. Sie hätte die Weisen und die Seher des Nordens schon früher versammeln sollen. Nun, der Kampf hatte begonnen und nichts konnte mehr dagegen getan werden. Der Ausgang war ungewiss.

Jórek erkannte, was der junge Draka vor hatte. Das Messer in die Scheide versenken. Er lächelte. "Nicht mit mir, mein junger Freund. Es wäre schade, wenn wir beide an diesem verzweifelten Manöver zu Grunde gehen würden, nicht wahr?" er lies sich fallen und rollte sich über die linke Schulter nach außen hin ab.

Usamaa entwich ein Fluch. Er war bereit gewesen, eine schwere Wunde davon zu tragen, nur um diesem Eleifa Einhalt zu gebieten und ihn zu töten, aber dieser verfluchte Kerl hatte seine Finte erkannt. Um ihn herum verebbte der Kampf nach und nach. Die Männer des Eleifa hatten klar die Oberhand. Der Wüstensohn hoffte, dass Saiha es bis in das Lager geschafft hatte. Vielleicht…Usamaa überlegte hektisch. Sollte er die Macht, die der Dämon Mandreks ihm überlassen hatte jetzt schon einsetzen? Der Eleifa bedrängte ihn immer mehr und ihm war klar, dass er verloren hatte, wenn sich auch nur einer der Verbündeten Jóreks in ihren Kampf einmischte.

Von einem Flügelschlag begleitet öffnete Zhara die Augen. Sie blickte auf einen Lagerplatz, gut geschützt, mit einer noch brennenden Feuerstelle. Dort lag eine schmale Gestalt in Decken gehüllt und neben ihr hockte ein Nordmann, dessen Gesicht von Besorgnis gekennzeichnet war. Sie kannte ihn, hatte ihn schon einige Male gesehen. Vorsichtig näherte sich Zhara den beiden und beugte sich etwas hervor um besser sehen zu können. Seltsamerweise war sie nicht verwundert ihr eigenes Antlitz – die Augen geschlossen, die Haut fast grau – zu erblicken.

Ein Gurren ließ sie sich umwenden. Dort stand eine Schneeeule von der Größe eines Bären, deren zwei schwarzglänzende Augen sie unverwandt ansahen. Sie war gekommen um eine Seele ins Reich der Toten zu geleiten.

Zhara erkannte nicht sofort, dass sie selbst damit gemeint war. Erst als der Eulengott die Schwingen ausbreitete wurde es ihr bewusst. Man sagt, dass sein Gefieder einem Fenster gleicht, durch welches man in die eigene Vergangenheit blickt, in glückliche Zeiten. Sie sah Keisha, Syrian und Usamaa, wie sie als Kinder durch die Palastgärten tollten, die Dienerschaft ärgerten und die vornehmen Damen und Herren von Hofe pikierten. Zhara erinnerte sich an viel Spaß und Freude, vor dem ganzen Training – der Ausbildung zum Krieg.

Ihr nach Ruhe und Frieden strebender Geist tat einen Schritt auf den Gott zu, in baldiger Erfüllung schwelgend. Doch Halt! Wollte sie tatsächlich bis in alle Ewigkeit mit Kindern spielen? War sie wirklich schon bereit alles Leben aufzugeben?

Zhara wandte sich von der Eule ab und wieder ihrem sterbendem Selbst zu. Natürlich wollte sie Keisha und Syrian wiedersehen. Das herzhafte Lachen ihrer Schwester und die stichelnden Witze fehlten. Ebenso wie Syrians Blicke, Worte und Berührungen. Sich ihrer Sache sicher ging sie zu ihrem eigenen Körper hinüber. Da blies ihr ein heftiger Wind entgegen und sie sah die Eule vor sich schweben und mit den Flügeln schlagen. Und Zhara begriff, dass sie um ihr Leben kämpfen musste.

Der Boden erzitterte unter dem Getrampel von dutzenden Norska, die mit Gebrüll den Abhang hinab auf das Eleifalager stürmten. Hjara führte sie Schwert schwingend an. Er hatte gesehen, wie der Energieball der Weisen in der Luft zerschellt war. Der Schutzschild wurde also weiterhin aufrecht erhalten. Somit konnten sie nicht auf die Unterstützung von Bashira und ihrer Bande hoffen, was dem Heermeister ganz recht war. Er würde diesen Sieg nicht der Hexe und ihren Lichtkugeln überlassen. Lieber sollten die Eleifa seine Klinge spüren.

Der Plan war gewesen, sie unvorbereitet zu treffen, sie im Schlaf oder bei Trinkgelagen am Lagerfeuer zu überfallen. Doch dieses Unterfangen war durch das lange Warten zunichte gemacht worden. Tatsächlich warteten die Eleifa kampfbereit zwischen den Zeltreihen und brüllten ihren Angreifern entschlossen entgegen.

Hjara erreichte als einer der Ersten die vorderste Reihe und ließ seine Gegner die drakonische Kampfkunst spüren. Er sprang unvermittelt nach vorn und streckte dabei blitzschnell die Klinge voraus, wo sie dem verdutzten Eleifa in die Kehle fuhr. Den Tod seines Feindes wartete er nicht mehr ab, stürzte sich stattdessen weiter ins Gefecht. Die Norska hatten eine sehr eigenwillige Art des Kämpfes, empfand er. Anstatt auf Lücken in der Verteidigung des Anderen zu zielen, schlugen sie mit unglaublicher Wucht auf ihren Feind ein, bis dessen Deckung zerschmettert war. Nicht sehr kunstvoll, sondern brachial, wenn auch effektiv. Hjara musste eine Schnittwunde am Arm einstecken, ließ den Eleifa dafür aber mit dem Leben bezahlen.

Soweit, so gut, dachte er. Mandreks Heer war groß, jedoch nicht völlig unbesiegbar. Was hat diesen Wahnsinnigen nur dazu getrieben, gegen zwei Völker in den Krieg zu ziehen? Wie wollte er diese Schlacht gewinnen?

Kaum dass er sich diese Fragen gestellt hatte, beobachtete er auch schon die Antwort darauf. Ein Norska, die Axt schwingend, wurde von zwei Eleifa abgelenkt, während ein dritter sich hinter ihn schlich, auf seinen Rücken sprang und ihm einen Kragen umlegte. Dann ließen alle drei von dem Norska ab, welcher hilflos umhertaumelte und schon nach kürzester Zeit wieder in den Kampf einstieg, allerdings diesmal gegen seine eigenen Landsleute.

Nirsa zügelte ihr Pferd, als sie den Kampfeslärm voraus hörte. Mandreks Lager war nicht mehr fern und offenbar hatte die Schlacht bereits begonnen. Die anderen ritten unbeirrt weiter.

„Halt“, rief sie. „Wollt Ihr mitten in die Schlacht reiten? Sollten wir nicht lieber hier warten, bis es vorbei ist?“

Der Draka, der die Gruppe anführte antwortete nur knapp: „Ich handle nach Mandreks Befehlen. Und er will Euch sehen. Jetzt!“

Nirsa warf einen unruhigen Blick nach vorn. Sie war nicht in der Verfassung zu kämpfen, ebensowenig, wie ihre beiden neuen Lieblinge. Was, wenn sie jetzt durch diesen dummen Befehl alles so kurz vor dem Ziel verlor? Noch einmal versank sie in den Irrungen und Wirrungen der Kragen, tastete nach denen ihrer Begleiter, fand aber keinen Weg an Mandreks Order vorbei – die war unumstößlich. Just in diesem Moment traf sie der Wille Zedars.

Die Draka? Ungläubig betrachtete Nirsa dieses aufmüpfige Wüsteninsekt. Zedars Interesse an ihr war offenbar groß, was sah er? Doch nicht er sollte sie kontrollieren, das würde sie selbst übernehmen. Nirsa gab ihrem Pferd die Sporen und ritt neben dem Draka an der Spitze. Ihr erster Weg würde sie zu einem Kragen führen. Wohlverarbeitetes schwarzes Metall, das sich perfekt um einen schlanken Drakahals machen würde.

Sein Auge hatte Varren im Zweikampf mit Mandrek verloren. Warum er sich ausgerechnet jetzt daran erinnerte, wo vor ihm Fässer mit hochexplosivem Inhalt hin und her gerollt wurden, war ihm schleierhaft. Dennoch tauchten die letzten Bilder, die dieses Auge je wahrgenommen hatte, mit einem Mal wieder vor ihm auf und bei jedem Schlag des Eleifa, soviele Jahre er auch zurücklag, zuckte Varren noch immer zusammen.

Sie ließen ihn nicht aktiv an den Vorbereitungen teilhaben. Zwar waren die Offiziere äußerst bemüht ihn nicht mit besorgten Blicken zu bedenken, fragten ihn gar ein ums andere Mal um Rat, hörten aber nie wirklich zu. Selbst Amwendu klopfte ihm nur seufzend auf die Schulter wenn er vorbei kam, blieb aber nie bei ihm stehen. Von allen anderen Soldaten wurde er gemieden. Und Varren konnte es ihnen nicht einmal verdenken. Seit dem Vorfall in der Mine war er sich selbst unheimlich. Seltsame Visionen von dunklen Wesen, die… Wieder begann das Auge zu jucken – so begann es für gewöhnlich. Varren riss die Hand hoch zu der Augenklappe, rutschte mit den Fingern darunter zu der leeren Höhle aus der der Schmerz kam. Dann stürzte sein Verstand über den Rand der Mine tief in den Schlund hinab, den Zedar geöffnet hatte. Etwas regte sich dort unten, wach gerüttelt von dem Lärm an der Oberfläche. Was würde geschehen, wenn die Explosionen kamen? Würde es erwachen und sich auf sie stürzen? Für einen kurzen Moment konnte Varren es in Gänze erblicken und erschrak dabei fast zu Tode.

„Ich muss sie aufhalten…“, sagte er zu sich selbst und sah sich beinah panisch nach Amwendu um.

Im Wüstenmeer war die Höhle der Aussätzigen nur zu erkennen, wenn man aus der richtigen Himmelsrichtung kam und auch nur wenn man wusste, wonach man suchte.

Ysketh, in lange Gewänder gehüllt – den Farben des Sandes angepasst, den Kopf in Tücher gehüllt, stütze sich auf seinen Stab und blickte über die Dünen hinweg. Da, er musste genau hinsehen, war ein dunkler Fleck. Er ging darauf zu, das Kamel, welches seine Vorräte trug, trottete pflichtbewusst hinter ihm her.

Aus der Nähe erkannte er schließlich die schwere Doppeltür im Boden, mit feinem Sand besprenkelt. Er blieb davor stehen und klopfte mit dem Stab darauf – dreimal kurz, zweimal lang. Sofort sprang rechts von ihm jemand aus dem Sand, einen blitzend Dolch gezückt. Ysketh wich ihm um Haaresbreite aus, schlug nach dem Angreifer, sie wirbelten umeinander. Der Wüstenkrieger war ein Draka, der mit der Verbissenheit einer Viper kämpfte. Ysketh brachte ein wenig Abstand zwischen sich und dem Anderen, dann hob er die Hand und ließ seinen Gegner mit einem einfachen Spruch durch die Luft segeln.

Ruhigen Schrittes ging er zu dem Draka und bot ihm die Hand. „Komm schon, Charasch, du Gauner“, sagte er. „Habt ihr etwa die Losung geändert?“

„Ysketh!“ Der Draka spuckte Sand aus und ließ sich aufhelfen. „Hätte wissen müssen, dass du es bist. Therun erwartet dein Kommen schon seit Tagen und ist ziemlich ungehalten. Was ist deine Ausrede?“

„Wichtige Geschäfte“, bemerkte Ysketh achselzuckend.

Sie betraten den Unterschlupf der Aussätzigen, brachten das Kamel mit herein und schlossen die schwere Türe wieder hinter sich. Ein tiefer Abstieg begann. Charasch ging mit einer Fackel in der Hand voraus. Der steinerne Gang war gänzlich von Menschen angelegt worden, führte aber schließlich in eine weitläufige natürliche Höhle hinein. Hier herrschte geschäftiges Treiben, Männer liefen umher, trugen Kisten, polierten Waffen, diskutierten, wetzten Messer und besserten Lederrüstungen aus.

„Der Aufstand kommt in Fahrt“, meinte Charasch schmunzelnd. „Komm, hier entlang.“ Ysketh folgte ihm in einen Gang, der sie abseits des großen Raumes führte. Laute Stimmen drangen an ihn heran. Eine davon gehörte Therun, die anderen konnte er nicht zuordnen. Doch offenbar stritt man sehr hitzig miteinander.

„…hat alles verändert!“

„Nichts hat sich verändert! Bloß weil der König ausgeflogen ist, heißt das noch lange nicht, dass es jetzt ein Kinderspiel wird in…“

„Davon hat niemand gesprochen!“

„Der Punkt ist doch der, dass…“

Ysketh entledigte sich aller Tücher um seinen Kopf und entblößte somit sein entstelltes Gesicht und den ebenso haarlosen wie narbenübersäten Schädel.

„Also gut“, posaunte er in die Runde. „Wie weit sind unsere Vorbereitungen für den Angriff auf Amwendus Palast?“

Leif atmete tief ein und stieß den Atem in einer kleinen Dampfwolke wieder aus. Er hatte einen Fehler gemacht. Sein erster Fehler. Aber Nirsa hatte ebenfalls einen Fehler gemacht. Sie hätte ihm vertrauen sollen, er hatte nun die Zutaten zu Mandreks Trank und wusste die Zusammenstellung, er hätte ihr helfen können. Nun, er hatte sie vielleicht als Versuchskaninchen und Informantin verloren, doch er hatte immer noch Zedars Kragen. Und er war nicht so naiv gewesen, sich mit dem großen Schmied auf ewig zu verbinden, wie Nirsa mit ihrem grünen Kragen. Er fiel in einen lockeren Laufschritt, seine Füße brachen nicht in den Schnee ein. Er hatte diesen Trick vor langer Zeit gelernt. Jórek hatte es ihm beigebracht…Jórek…er war vielleicht der einzige wahre Freund gewesen, den Leif je gehabt hatte. Leif hatte jedoch schnell festgestellt, dass Freundschaften ihn daran hinderten, seine Ziele zu erreichen. Ehe er das Lager erreichte, zog er sich noch in eine kleine Baumgruppe zurück und bereitete sich vor. Den Trank zu mixen war nicht schwer, jetzt, da er die Zutaten kannte. Dennoch drehte es ihm bei dem aufsteigenden Gestank beinahe den Magen um. Vorsichtig füllte er alles in eine Feldflasche, welche er an seinem Gürtel befestigte. Eine andere Menge des Trankes, jedoch falsch zubereitet, würde seinem neuen Besitzer einen schnellen Tod bescheren. Diesen Teil füllte er in eine Flasche, welche der von Mandrek bis in das letzte Detail glich. Nun war es Zeit für die letzte Zutat zu seinem Plan. Vorsichtig zog er die Haare, welche er mühsam in den letzten Tagen und Wochen von Mandreks Kleidung gesammelt hatte, aus einem seiner vielen Beutel, die an seinem breiten Gürtel hingen und gab sie in den kleinen Topf am Feuer. Als er den letzten Trank langsam zu den Lippen führte hoffte Leif, dass dies nicht der zweite Fehler war, der ihm unterlief.

Das Lager war in Aufruhr. Saiha und Keral beachtete so gut wie niemand, die meisten stürmten in Richtung der Festung, wo Generäle Mandreks Befehle weiter gaben. Aus dem Nichts heraus erschienen Feuerbälle und glitten in Richtung des Berges, wurden jedoch noch vor Erreichen zerstört. Saiha lief nun ziellos durch das Lager. Hier wurde zu viel Macht verwendet, sie konnte nicht mehr erkennen, welche dafür verwendet wurde, die Festung anzugreifen und welche, das Schild über dem Lager zu kontrollieren. Sie bogen um eine Ecke und die Draka deutete auf ein Zelt. "Dort wird mit der Macht gearbeitet." Keral nickte wortlos und seine Hand verschwand in seinem Umhang. Saiha wusste, dass er den Griff seines Schwertes fest umschlossen hielt. Sie hatten bereits zwei Gruppen erledigt, welche mit der Macht gearbeitet hatten, es waren zwar nur Zweiergruppen gewesen und keine davon hatte etwas mit dem Schild zu tun gehabt, aber jeder Machtträger weniger war ein kleiner Erfolg. Dennoch war Saiha klar, dass sie es nicht mehr lange durchhalten würde.

Die Draka atmete tief durch, während sie sich dem runden Zelt näherten und fing an nach den Strängen der Macht zu tasten. Fünf. Sie blieb stehen. "Keral…ich werde nicht alle ablenken oder blockieren können. Du musst schnell handeln. Und unterschätze sie nicht. Wie bei uns kommen die Weisen der Eleifa ebenfalls teilweise aus Kriegerkasten."

Der Norska sah sie an und fletschte die Zähne in seiner Art zu Lächeln, nahm die dunkle Kapuze ab und lies sein Schwert los. "Dann versuchen wir dieses mal mein Ablenkungsmanöver." Er fing an zu taumeln und stimmte ein abstoßendes Lied über ein tanzendes Mädchen in einer Taverne an. Mit wankenden Schritten legte er die letzten Meter zum Zelt zurück, taumelte und fiel in das Zelt hinein.

Fünf schwarzhaarige Eleifa mit alabastaheller Haut sahen überrascht auf, als er in ihre Mitte plumpste und sie angrinste. "Na, meine Hüüpsschee, da bin isch wohll im Immel gelandet." lallte er und griff nach einer hochgewachsenen Frau mittleren Alters.

"Was erdreistest du dich Sklave. Auf die Knie." rief ein älterer Mann. In diesem Moment hatte Keral der Eleifa bereits das Genick gebrochen und ehe die anderen aufspringen konnten, sein Schwert gezogen und einem weiteren Eleifa durch die Brust gebohrt.

Saiha trat nun ebenfalls in das Zelt und wirbelte mit ihrem Speer durch die überraschten Weisen. Doch restlichen Eleifa erholten sich schnell von der Überraschung. Keral wurde von etwas Unsichtbaren gepackt und durch die Luft geschleudert, ehe die Draka die restlichen drei Weisen von ihrem Zugriff auf die Kräfte abschneiden konnte. Zumindest versuchte sie es, schaffte es jedoch nur bei zwei. Der dritte, ein hochgewachsener, breitschultriger Mann, welcher sich wie ein ausgebildeter Assassine bewegte, hielt an seiner Macht fest und warf ihr ein höhnisches Grinsen zu.

Keishas Gedanken rasten. Um sie herum rannten Männer und Frauen in unterschiedlichsten Rüstungen und von verschiedensten Völkern. Sie sah Norska in ihrer fellbesetzten Barbarenkleidung, Draka in der leichten, an die Farben der Wüste angepassten Lederkleidung und natürlich Eleifa in ihrer schwarzen, Nietenbesetzten, dicken Lederrüstung. Nur wenige davon beachteten sie und keiner der Draka oder Norska war ohne einen Kragen. Sie spürte, wie Machtträger im Lager arbeiteten. Die feinen Härchen auf ihrem Unterarm stellten sich auf, als ein Energieball in der Größe eines Einfamilienhauses auf ein Schutzschild über dem Lager traf und sich wabernd und schimmernd in Luft auflöste und seine Energie wieder freigab. Ihr Blick glitt zu der Eleifa, welche an der Spitze ritt und versuchte, den Draka dort in eine bestimmte Richtung zu drängen. Offensichtlich hatte sie nicht viel Erfolg damit. Ein Kragenträger schien nur eine gewisse Anzahl an Befehlen aufnehmen zu können. Ein starker Befehl von Mandrek schien die wuchtig gebaute Frau davon abzuhalten, ihrer Begleitung ihren Willen aufzudrücken. Die junge Draka atmete tief ein. Sie kannte die Stärke von Mandreks Befehlen. Es war nicht allzu lange her, dass sie ein solcher Befehl an den Rande des Todes gebracht hatte. Aber vielleicht war die Schmiedin gerade abgelenkt. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich. Ihre Gedanken glitten hinaus, tasteten die Umgebung ab und erreichten Syrian. Sie tastete sich vor, spürte den Verschluss des Kragens und hatte plötzlich eine Hand an ihrer Kehle, die kräftig zudrückte, während die Stränge ihrer Kraft erneut schmerzhaft durchtrennt wurden. Die feurigen Augen der Schmiedin füllten ihren Horizont aus, auf dem dunkle Flecken zu tanzen schienen.

"Versuch das noch einmal und ich verspreche dir, dass ich dich töten werde. Es wäre zwar schade um ein Spielzeug wie dich, aber ich werde ein ungezogenes Hündchen nicht in meiner Gegenwart dulden. Hast du verstanden?" Ihre Stimme klang beinahe schon sanft, aber es lag ein tödlicher Unterton dahinter. Einen Moment später schien sie festzustellen, dass Keisha so nicht fähig war, zu antworten, also lockerte sie ihren Griff und süße, kalte Luft strömte in Keishas Lungen. Sie konnte es sich gerade noch verkneifen, zu japsen. Ihr Blick hob sich und sie sah Nirsa direkt an. "Ich habe es verstanden." sage die Draka, ohne die Augen abzuwenden.

"Gut so." Nirsa tätschelte ihr neues Spielzeug und nahm dem Norska hinter der Draka die Zügel ab. "Ehe wir zu Mandrek gehen, werden wir einen kleinen Ausflug zu meinem Zelt machen." Nirsa zog das Pferd hinter sich her. Sie musste diesem kleinen Biest einen Kragen verpassen. Dieses mal war es nicht so einfach gewesen, ihre Stränge zu durchtrennen. Es hatte sie sogar fast an ihre Grenzen gebracht. Wenn sich die Draka vollständig erholt hatte könnte es sein, dass sie keine Chance mehr gegen sie haben würde. Allmählich verstand die Schmiedin den Befehl ihres Meisters.

Bashira hatte sich mit den Weisen ihres Volkes und den Sehern der Norska verbunden. Die gemeinsame Macht pulsierte in ihr, während sie die Angriffe der Eleifa abwehrte. Wie viele Machtträger hatte Mandrek mit genommen? Allmählich glaubte sie, dass sie Saiha gefasst hatten. Entweder das, oder die junge Weise war bereits tot. Wo bei allen alten Göttern war Hisham? Sie hatte den Weisen seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr gesehen. Die Mauern der Festung bebten auf einmal und Bashira wankte. Sie griffen nun auch die Hohlräume unter der Burg an.

Damon kämpfte. Sein Schwert sauste immer wieder auf Landsmänner nieder, manche davon kannte er, und jedes Mal, wenn er den Finalen Stoß setzte, starb etwas in ihm. So viele Leben, so vielen Landsleute, denen er den Tod brachte. Und für keinen davon würde es ein Begräbnis geben, wie es sich gehörte. Die ersten Geier kreisten bereits hungrig über dem Schlachtfeld vor der Festung und der Boden war bedeckt mit Leichen und getränkt mit Blut. Wieder einmal fragte er sich, ob es nicht einfacher gewesen wäre, die Belagerung auszuhalten, dann sah er jedoch einen weiteren Energie- oder Feuerball durch die Luft schwirren und schüttelte stumm den Kopf. Dies war kein Kampf für Krieger. Er hatte noch nie viel von Zauberei gehalten. Ihm war die Kraft der Muskeln lieber, hier wusste er, auf was er sich verlassen konnte. Der Eleifa vor ihm sank in die Knie, als Damons Schwert seine Deckung durchbrach und sein Herz erreichte. Er trug einen Kragen. Versklavte Mandrek nun auch sein eigenes Volk?

Es glich einem Gesang, einem großen Chor, der in satten Tönen Arien von Blut und Tod schmetterte. Hjara wies seiner eigenen Klinge dabei eine Solistenrolle zu. In hohem Bogen schnellte sein Zweihänder auf die Gegner nieder und schnitt in ihr Fleisch, wobei er jeden Tropfen feindlichen Blutes auf seiner Haut genoss – es nur zu gerne schmeckte. Sein dunkler Begleiter ergötzte sich an alldem Sterben.

Die beiden Eleifa, die ihm nun gegenüberstanden schienen jedoch kein rechtes Interesse an seinem Tod zu haben. Ihre Angriffe waren halbherzig, sie parierten bloß und wichen aus. Gerade noch rechtzeitig erinnerte sich Hjara daran, wo er diese Taktik zuletzt gesehen hatte. Augenblicklich und keinen Moment zu früh wirbelte er herum und köpfte den Eleifa, der sich mit einem Kragen in der Hand von hinten herangeschlichen hatte. Schon waren die anderen beiden bei ihm, packten seine Arme und versuchten ihn zu Boden zu drängen. Da überließ der Draka die Kontrolle über seinen Körper dem Dämon. Die Eleifa hatten dieser plötzlich aufwallenden Macht nichts entgegenzusetzen. Den einen stieß er weit von sich, dem anderen drückte er das Gesicht solange in den Erdboden bis es knackte und kein Lebenszeichen mehr zu vernehmen war. Dann entnahm er den toten Fingern einen schwarzen Kragen.

„Keine Umwege!“, erinnerte der Draka in scharfem Ton. Nirsa blieb jedoch nicht stehen, sondern setzte ihren Weg unbeirrt fort, das Pferd mit der jungen Machtbändigerin im Schlepptau.

„Ich will nur kurz zu meinem Zelt“, beschwichtigte sie. „Mehr nicht.“

„Keine Umwege!“, wiederholte der Kragenträger und stellte sich ihr in den Weg. Das war das Problem mit dem gebrochenem Willen: man denkt nicht mehr selbst, sondern führt nur noch Befehle aus. Auf Gedeih und Verderb.

Dennoch wollte Nirsa nicht so leicht aufgeben. Unter Umständen konnte sie den großen Schmied um Unterstützung bitten, doch wie viel er auf diese Entfernung ausrichten konnte war ihr nicht ganz klar. Nicht zuletzt verbat es aber auch ihr Stolz.

„Ich werde mit euch zu Mandrek gehen, gleich nachdem ich einen kurzen Abstecher in mein Zelt getan habe“, zischte sie.

Der Draka schüttelte den Kopf. „Ich soll Euch finden und zu ihm bringen. Koste es, was es wolle. Also…“ Er sah zu zwei Norska und nickte ihr dann zu. Ehe Nirsa die Geste deuten konnte, wurde sie auch schon von kräftigen Armen vom Pferd gezerrte und zu Boden geworfen. Dann packte sie einer an den Haaren und zog sie mit sich.

„Notfalls“, fügte der Draka hinzu und setzte sich wieder an die Spitze, „soll ich Euch an den Haaren herbei schleifen.“

Nirsa schrie und kreischte, zwecklos.

Varren kroch die Anhöhe empor, von wo aus Amwendu und einer der Weisen das Dorf beobachteten.

„Mein Herr, wir müssen sofort abbrechen. Hört Ihr?!“

Amwendu sah sich zu ihm um. „Varren, wovon redet Ihr da?“

„Von den Fässern, mein König. Wir dürfen sie nicht sprengen, sonst wecken wir es noch auf!“

Amwendu runzelte die Stirn. „Aufwecken? Ihr redet wirr. Beruhigt Euch erst einmal und sortiert Eure Gedanken.“

Varren fuchtelte mit den Händen. „Dafür ist keine Zeit. Wenn wir nicht augenblicklich handeln wird es zu spät sein.“

„Jetzt ist es aber gut! Ich bin sehr geduldig mit Euch gewesen. Nicht nur, weil Ihr ein loyaler Feldherr seid, sondern zugleich ein vertrauensvoller Berater. Doch maßt Euch nicht an in diesem Ton zu sprechen! Ich…“

„Herr, seht!“ Der Weise fuhr dazwischen und wies hinunter zum Dorf. Sie alle drei sahen hinab auf den Dorfplatz, wo ein Draka in der Uniform der Drakonier mit einer Fackel in der Hand entlang spazierte.

„Was soll das“, fragte Amwendu. „Was macht er denn da?“

Während die anderen beiden noch rätselten hatte Varren den Mann aus seiner Einheit längst erkannt. Es war sein totgeglaubter Hauptmann, der sich den verborgenen Fässern näherte.

„Bei den Göttern. Unsere Männer sind noch da unten“, entfuhr es dem Weisen, dann sprang er auf und rannte hinunter, obwohl es bereits zu spät war. Die Explosion überstieg jeden Donnerhall und schmerzte in den Ohren. Unmengen an Schutt wurden in die Luft geschleudert. Häuser wurden zerfetzt und weitere Explosionen schlossen sich an. Die Schreie der Dorfbewohner und überraschten Soldaten nahm sich sehr leise aus gegenüber dem ohrenbetäubenden Krachen. Balken und Ziegel, Splitter von Holz und Ton pfiffen umher und eine gewaltige Wolke aus Staub erhob sich über dem Dorf.

Varren hatte sich schützend über seinen König gelegt als ein Regen aus Dreck auf sie niederprasselte. Sie ließen es über sich ergehen, warteten bis das Klingeln in ihren Ohren nachließ bevor sie vorsichtig die Köpfe hoben. Ihre Sicht blieb grauverschleiert. Bloß Varren totes Auge begann zu jucken.

„Oh nein…“, stöhnte er, da ertönte ein tiefes Grollen aus der Richtung des Schlundes, welches zunehmend anschwoll.

„Da kommt etwas…“ Und kaum hatte er die Worte ausgehaucht erhob sich schon ein gewaltiger Schatten mit breiten Schwingen in die Staubwolke und stieß einen gutturalen Schrei aus.

Über die Kämme der Dünen hinweg, durch Täler aus beinah weißem Sand und immer unter der erbarmungslos brennenden Himmelsscheibe zog die Karawane dahin, von Oase zu Oase ihrem Ziel entgegen. Ysketh und Therun ritten nebeneinanderher, wogen vor und zurück auf ihren Kamelen.

„Eine beeindruckende Leistung“, meinte Therun, dessen teerschwarze Haut im Sonnenlicht glänzte, anerkennend. „Wie du einfach hereingeplatzt bist, nach Wochen der Abwesenheit und alle im Handumdrehen wieder auf Kurs gebracht hast.“

Ysketh konnte ein zufriedenes Schmunzel nicht unterdrücken. „Dafür hast du mich schließlich dazu geholt, oder nicht? Damit ihr euch nicht gegenseitig auseinandernehmt.“

Therun nickte. „Es hat immer Herrscher gegeben, gegen die das Volk aufbegehrte. Amwendu ist da ebenso wenig eine Ausnahme wie sein Vater oder dessen Vater. Zwei Aufstände hat er bereits aufs blutigste niedergeschlagen, dabei könnten wir gewinnen. Wenn bloß alle Clans gemeinsam gegen ihn vorgehen und sich nicht in albernen Reibereien zerfleischen würden.“ Er wandte den Blick ab und ließ ihn über die Wüste schweifen. „Wir lieben dieses Land. Jeder Draka tut das und niemand sollte von einem König regiert werden, der sich von Hexen wählen lässt.“

Ysketh nickte zustimmend auch wenn er selbst kein Draka war. Sein Antrieb war nicht der Stolz oder die Liebe zum Vaterland. Nein, er horchte ganz auf Mandreks Befehle, die besagten, dass Ysketh ihm ein Reich zu Füßen legen sollte, sobald die Norska besiegt waren. Und für eine angemessene Entschädigung beschaffte Ysketh einem alles Erwünschte. Und die versprochene Entschädigung war angemessen.

„Ich hoffe, Euer Plan wird gelingen“, sagte Therun.

„Es ist ein neuer Ansatz. Etwas Frisches, wenn Ihr so wollt. Genau das Richtige, wie ich meine.“ Dann band er sich ein Tuch um Mund und Nase und zog sich Handschuhe an. „Wir sind übrigens am Ziel.“

Therun tat es ihm gleich und befahl selbiges seinen Männer, bevor er einen Blick voraus warf.

Dort begann die Steinwüste, grobe Brocken markierten von nun an den Weg.

„Hier ist es?“

Ysketh nickte. „Ja, die Leichen liegen gleich dort vorn.“

Zunehmend spürte Borack, wie ihm das Atmen schwerfiel. Manchmal, wenn er kurz einnickte, glaubte er eine der Pfeilspitzen sehen zu können, die in seinem Leib verblieben war und sich nun langsam aber sicher in Richtung seines Herzens bohrte. Seine Tage waren gezählt. Jedes Mal, das er Blut hustete, machte ihm bewusst, wie wenig Zeit ihm noch blieb. Doch irgendeine Aufgabe müssen die Götter für ihn noch vorgesehen haben und solange er es nicht besser wusste, würde er auf die Draka achtgeben.

Gerade als er wieder aus einem kurzen Nickerchen erwachte, schaute er in ihre mandelförmigen Augen.

„Wasser…“, krächzte sie.

Keisha musste sich ein Grinsen verkneifen, als sie sah, wie Nirsa von einem Draka durch den Schneematsch geschleift wurde. Auch wenn dieser Draka nicht aus freiem Willen so handelte, hatte es doch eine gewisse Befriedigung in sich, die Schmiedin so zu sehen. Unbewusst versuchte sie sich etwas mehr aufzurichten, um den Anblick noch mehr genießen zu können, doch der Norska lies ihr nicht den kleinsten Freiraum. Seufzend lehnte sie ihren Kopf wieder an seine Brust und wartete darauf, zu Mandrek gebracht zu werden. Vielleicht würde sie so eine Gelegenheit bekommen, ihn zu töten.

Mandrek war überrascht, als er einen weiteren Schluck seines Gebräus trank und die Flasche…voller wirkte. Er war fest davon überzeugt gewesen, dass es sich nur noch um wenige Dosen gehandelt hatte, nun erschien ihm die Flasche jedoch halb voll. Misstrauisch roch er daran, konnte jedoch keinen Unterschied erkennen. Auch der widerwärtige Geschmack war gleich. Nun, vielleicht hatte er sich geirrt. Er warf einen weiteren Blick über das Schlachtfeld, welches einmal ein geordnetes Lager gewesen war und schmunzelte als er mit seinem Geist hinaus griff und die Barriere der Draka Hexe zu wanken begonnen hatte. Diese Schlacht war so gut wie gewonnen. Er drehte sich um und hob eine Augenbraue, als er die Abordnung von Draka und Norska sah, welche er vor Stunden los geschickt hatte, um ihm Nirsa zu bringen. Die Schmiedin lag schlammverkrustet auf dem Boden und ein bronzefarbener Draka hielt ihre Haare mit festem Griff in seiner Hand. "Herr, ich bringe Euch diese Frau, wie gewünscht." sagte er mit ausdruckslosem Gesicht und leeren Augen.

Mandrek sah auf die muskelbepackte Frau, welche verzweifelt versuchte, sich aus dem eisernen Griff des Draka zu befreien und grinste. "Nirsa, wie schön, dass Ihr meinem Ruf so…freiwillig gefolgt seid. Bitte, gesellt Euch zu mir in das Zelt…" er verstummte, als sein Blick auf die Draka fiel, welche von einem Norskariesen umklammert gehalten wurde. Unverhohlener Hass funkelte in ihren grünen Augen und Mandreks Grinsen wurde breiter. "Wie ich sehe, hast du mir Geschenke mitgebracht, Nirsa. Ich danke dir." Er wandte sich zu dem Norska. "Bring die kleine Draka mit in mein Zelt." Er drehte sich um und Nirsas Stimme erklang hinter ihm.

"Ich glaube, Ihr habt etwas vergessen, mein Lord." zischte sie unter Schmerzen. Mandrek drehte sich um und seine raubtierhaften, irrleuchtenden Augen richteten sich auf sie. "Oh, Ihr habt Recht." er lächelte und legte seinen Kopf schräg, als würde er überlegen, was er nun tun sollte. "Lass sie los." befahl er dem Draka, welcher sogleich dem Befehl entsprach. Nirsas Kopf ruckte nach unten, als das stetige Ziehen des Drakas plötzlich verschwand und sie erhob sich mit wutentbranntem Gesicht. "Wenn Zedar davon erfährt…."

Mandrek unterbrach sie mit einer Geste. "Dann wird er auch nichts dagegen tun. Nun kommt, ich will mit Eurem Meister sprechen."

Nirsa starrte ihm wutendbrand hinterher. Wann hatte alles angefangen schief zu laufen? War Leif ihr erster Fehler gewesen? Oder hatte es schon damit angefangen, dass sie sich diesen verdammten Kragen angelegt hatte?

Keisha warf Syrian einen hilflosen Blick zu, als der Norska sie vom Pferd hob und einfach über die Schulter warf. So war das Ganze nicht geplant gewesen. Sie hatte ihn retten wollen, sie hatte ihm helfen wollen. Irgendwie schien sie immer das Gegenteil von dem zu erreichen, was sie vor hatte. Oh Zhara wärest du noch bei mir, würde alles besser laufen. dachte sie und schickte ein Stoßgebet zu ihrer Schwester.

"Ein netter Versuch, Draka." der Eleifa grinste Saiha unverhohlen an. Doch sie war sich sicher, dass er Keral genauso im Auge behielt, wie sie. Das Schwert an seiner Hüfte beachtete er gar nicht, er lies den Mannshohen, beinahe weißen Holzstab locker vor sich kreisen. Feine, in Gold gefasste Runen schimmerten und schienen vor Saihas Augen zu verschwimmen. Ein Meer aus Farben blitzte vor ihr auf, griff nach ihr und versuchte ihren Geist zu verschlingen. Sie konnte nur mit einem beherzten Sprung ausweichen, als der Stab auf sie zugerast kam. Hätte sie sich nicht bewegt, wäre sie tot gewesen. Keral sprang nun seinerseits auf den Eleifa zu und versuchte ihn mit seiner Körperlichen Kraft schlicht und ergreifend umzuhauen, doch der Weise erschien nicht im geringsten beeindruckt. Mit einer geschmeidigen Bewegung wich er dem Norska aus und lies seinen Stab hinunterkrachen, so das Saiha ein deutliches Knacksen hörte, welches nicht von dem Holz kam. Keral stöhnte, als der Riese seinen Fuß auf seinen Rücken setzte und seinen Kopf an den Haaren anhob. "Du hast meine Schwester getötet. Nun töte ich dich." Mit diesen Worten zog er ein schlankes Messer aus seinem weiten Ärmel und setzte es an Kerals Kehle an.

Saiha schrie auf, bündelte all die Kraft, welche sie noch hatte und schleuderte sie dem Eleifa entgegen. Er fiel mit einem überraschten Grunzen einfach um und blieb liegen, wo er war. Sein Zugriff auf die Macht verschwand und Saiha lies sich erleichtert zurück fallen. Wenn dieser Kerl nicht für das Schutzschild über dem Lager zuständig gewesen war, wollte sie nicht wissen, welche Kräfte sich noch in diesem Lager befanden. Ihr Blick fiel auf Keral. Der Norska lag mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Boden. Blut floss aus seinem Mundwinkel als er versuchte, zu sprechen. Hustend rollte er sich auf den Rücken und hielt sich seinen Kopf.

"Bleib…liegen." zischte Saiha und kroch auf allen Vieren zu ihm. Aufzustehen hätte sie nicht mehr geschafft. Sie kniete sich neben den Norska, welcher sie mit seinen unglaublich blauen Augen ansah und murmelte vor sich hin. "Eigentlich sollte ich dich liegen lassen. Ein Norska mehr oder weniger…aber du schuldest mir noch ein paar Leben. So leicht kommst du mir nicht davon." sie legte ihre Hand auf seine Stirn und lies ihre geistigen Finger durch seinen Körper gleiten. Der Schädel war gebrochen. Lange würde er in der Tat nicht mehr leben, wenn sie ihm nicht half. Leider war Saiha sich nicht sicher, ob sie ihm helfen konnte. Vorsichtig lies sie Stränge der Macht in ihn hinein gleiten, sein Schädel fügte sich allmählich wieder zusammen…die Zeltklappe wurde aufgerissen.

"Warum habt Ihr den Schutzschild zusammenbrechen lassen…"

Die Draka konnte gar nicht so schnell schauen, wie ein Schwertknauf sie an der Schläfe traf. Lautlos sackte sie über Keral zusammen.

Bashira jubelte innerlich. Das Schutzschild hatte einen Moment lang gewackelt, hatte sich verdünnt und nur noch an einem einzelnen Faden gehangen. Nun war es vollkommen verschwunden. Ihr Geist griff hinaus und bündelte die Kräfte der Weisen und Seher, welche sich um sie herum versammelt hatten. Der Himmel verdüsterte sich und Blitze fingen an den Boden unter den Füßen der Eleifa explodieren zu lassen.

„Zhara…!“

Sie erwachte und wusste nicht, ob und wie lange sie geschlafen hatte. Die Sonne stand etwas höher, vereinzelte Flocken segelten herab und sie war allein.

Zhara stütze sich auf ihre Ellenbogen. Dabei rutsche ihr die Decke von den Schultern, was der eisige Windhauch sogleich ausnutzte um ihr einen Schauer über die Haut zu jagen.

Die Stimme, die sie erweckte war Keisha gewesen – kein Zweifel. Und ihr Ruf war kraftvoll gewesen, als würde sie in Schwierigkeiten stecken.

Langsam tastete sie nach ihrem Hals. Anstatt auf kühles Metall zu treffen spürte sie nur ihre warme, weiche Haut. Kein Kragen mehr. Träumte sie? War sie noch nicht in den nordischen Ländereien angekommen, sondern wandelte stattdessen noch im Totenreich? Rasch blickte sie sich nach der Eule um, doch außer ihr war niemand da. Neben ihr befand sich eine kleine Feuerstelle, die noch glühte. Fußspuren im Schnee verrieten, dass noch jemand zweites bei ihr gewesen sein musste. Sie versuchte sich zu erinnern. Ein bärtiges Gesicht erschien ihr vor Augen. Mit freundlichem Blick, aus dem aber auch Besorgnis sprach.

Zhara versuchte sich weiter aufzurichten, die Decke rutschte weiter hinab und entblößte ihre blutverkrustete Kleidung. Die Wunde in der Brust, der Pfeil aus dem Nichts, der sie beinah zerrissen hätte. Alles stürzte wieder auf sie ein und schnitt ihr die Luft ab.

Zwischen den Felsen erschien ein Norska, der einen toten Wolf über der Schulter trug. Offenbar hatte er ihr Japsen vernommen, denn augenblicklich ließ er den Kadaver fallen und eilte zu ihr.

„Ruhig, atme ganz ruhig. Ein und aus. Ein und wieder aus. Ja, gut, sehr gut. Die Wunde ist gut verheilt, da besteht keine Gefahr mehr. Ruhig. Ja…“

Seine Stimme hatte tatsächlich eine beruhigende Wirkung auf sie. Gleichmäßig sog sie klirrende Kälte in ihre Lungen und entließ sie wieder in dampfenden Wölkchen.

„Wie… wie ist dein Name?“, fragte sie.

Er schien überrascht, dann wurde sein Gesicht von freudiger Heiterkeit erfüllt. „Borack. Und du heißt?“

„Zhara.“

Er nickte. „Gut, Zhara. Du warst schwer verletzt und ich weiß nicht wer dich versorgt hat. Doch offenbar war er nicht sehr zuversichtlich, denn ich habe dich hier allein vorgefunden. Du solltest dich noch ein wenig ausruhen und…“

„Nein“, fuhr ihm Zhara dazwischen. „Nein. Hör zu, Borack. Ich bin dankbar für alles, aber jetzt muss ich weiter. Ich muss…“ Sie wollte aufstehen, doch ein plötzlicher Schwindelanfall zwang sie wieder zum Liegen.

Borack legte ihr eine Hand auf die Schulter. „In Ordnung. Wir werden essen, dann versorge ich deine Wunde und danach können wir gehen. Natürlich nur, wenn du mir dann auch verrätst, wohin du willst.“ Er lächelte, deckte sie wieder zu und erhob sich.

Zhara spürte die Erschöpfung in den Gliedern, doch bevor sie sich dem hingab dachte sie an ihre Schwester: „Ich komme, Keisha. Ich komme und helfe dir.“

Die Möglichkeiten waren ebenso begehrenswert, wie gefährlich. Der Kragen zwischen seinen Fingern knisterte förmlich vor unausgesprochenen Verheißungen. Hjara hatte kaum noch Augen für den Blutreigen, der sich um ihn herum abspielte. Er und sein dunkler Begleiter fochten um die Vorherrschaft, bestritten einen Kampf gegeneinander und doch wusste keiner von beiden so recht, ob der Kragen ihm dienen würde.

Jemand schlug ihm gegen die Schulter. Ein Norska stand neben ihm, redete auf ihn ein, war aufgeregt, das Gesicht blutverschmiert – er trug keinen Kragen. Seine Lippen formten Worte, doch die beiden Geister im Körper des Heermeisters rangen noch miteinander, ob sie den Krieger anhören oder in der Luft zerreißen sollten.

Hjara selbst trat als Sieger hervor.

„Was sollen wir tun?“, fragte der Norska. „Sie scheinen in der Überzahl und übernehmen unsere eigenen Männern. Sie schlagen uns zurück!“

Hjara sah sich um und erkannte, dass der Nordmann die Wahrheit sprach. Ihre Truppen wurden dezimiert und wer nicht dem Schwert zum Opfer fiel, wurde durch den Kragen an den Feind gebunden. Aber sie durften nicht verlieren. Er hatte einen Kragen, war seinem Ziel so nah. Mandrek durfte jetzt nicht obsiegen.

Eine Gruppe Eleifa und Kragenträger stürmte auf sie zu, wurde jedoch nur wenige Meter vor ihnen von peitschenden Blitzen in Stücke gesprengt.

Seit Jahren war sie nicht mehr so gedemütigt worden. Die Lehrzeit bei Zedar war nur in den ersten Jahren so schwer gewesen, doch mit ihren Erfahrungen war auch der gegenseitige Respekt gewachsen. Respekt, welcher nun mit einem Mal zerschlagen war.

Nirsa kniete im Dreck, die Haare zerzaust, ihre Gedärme brannten noch immer von Leifs verfluchtem Gebräu. Ihr Hass schwelte unter der Oberfläche und sie konnte sich nicht einmal recht entscheiden in wessen Richtung sie ihn lenken sollte. In Zedars, der ihr jede Unterstützung versagt und sie nur weiter vorantrieb? In Mandreks, der sie wie ein Werkzeug behandelte und dessen Macht ihn gegen ihren Willen bewundernswert machte? Oder sollte sie ihren Hass lieber auf sich selbst richten?

Wie auch immer, ihr Zorn würde sich sehr bald in eine dieser Richtungen entladen.

Zedar wusste, dass er nur warten musste. Die Pforte zu öffnen war nur ein weiterer Schritt gewesen um Unsterblichkeit zu erlangen. Er hatte das Schwert, das nicht nur als Schlüssel diente, sondern ihm nun noch weiter gute Dienste leisten sollte. Er hatte nur darauf warten müssen und jetzt, da die erste Kreatur ihren Weg zur Oberfläche gefunden hatte, war es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis weitere folgten. Das Wesen, das sich einen Weg durch die schmalen Gänge zu seiner Schmiede bahnte war von einer raubtierhaften Eleganz. Es bewegte sich schnell und geschmeidig. In der Schmiede angekommen fand es nur eine dürre Gestalt vor, deren lange Glieder vor Furcht zitterten und die es mit großen weißen Augen anglotzte. Die Kreatur setzte zum Sprung an, da sauste Zedars Schwert nieder und trennte Kopf vom Rumpf. Zuckend ging das Monster zu Boden.

Endlich war es soweit und er hatte Zugriff auf die letzte Essenz, die ihm noch für seine Kragen gefehlt hatte. Damit sollten sie perfekt werden.

Ein leichtes Ziehen am Hals gewahrte ihn von Nirsas Bereitschaft. Er ließ sich darauf ein und sprach mit Mandrek.

Wie gebannt starrte Varren in die schmutzverhangenen Lüfte, wagte sich nicht zu rühren, ja nicht einmal zu atmen. Keine Regung durchfuhr seinen Körper bis der gewaltige Schatten mit ohrenbetäubendem Getöse über ihn hinweg schoss. Er wurde zu Boden geschleudert, zusammen mit jeder Menge Dreck und umherfliegendem Geröll. Gegen den Staub anblinzelnd starrte er wieder gen Himmel, wo irgendwo noch das Ungetüm flog. Er hörte das Schlagen der breiten Schwingen.

Hilferufe rissen ihn aus seinem Bann.

Der König! Er musste ihn beschützen!

Rasch sah er sich und entdeckte bald darauf auch eine Gestalt, die sich unweit von ihm hustend auf die Beine quälte. Varren humpelte auf ihn zu. Sie stützten einander, konnten jedoch kaum sprechen, da mit jedem Atemzug Staub in ihre Lunge geriet, der sie von neuem Husten ließ. Aber sie verstanden, dass sie fort von hier mussten. Nach einigen Schritten den Hügel hinab sahen sie die Silhouette eines Soldaten auf sie zu kommen. Er fuchtelte mit den Armen, dann ging alles sehr schnell. Etwas Gewaltiges rauschte heran und mit einem Mal hüllte sich die Welt in Feuer. Der Soldat wurde von einem Schwall lodernder Flammen erfasst und in Sekundenschnelle zum Teil der Dreckwolke. Eine ungeahnte Hitze schlug den beiden entgegen. Varren riss Amwendu mit sich zu Boden, wo sie dem Inferno nur knapp entgingen. Doch die Kreatur hatte ihr Werk noch nicht vollendet.

Leif beobachtete, wie Mandrek von der Flasche trank, welche er soeben ausgetauscht hatte und eine Weile später mit Nirsa und den beiden Draka in seinem Zelt verschwand. Die Wirkung des Giftes würde in Kürze eintreten, er hoffte, dass er dann alleine sein würde. Im Moment befanden sie sich im ruhigen Teil des Camps. Die Norska waren so gut wie zurückgeschlagen, selbst wenn nun die Weisen der Draka anfingen, das Lager und den Kampfplatz mit Blitzen zu beschießen, es würde sicher nicht lange dauern, bis die Weisen der Eleifa ihr Hauptaugenmerk wieder auf das Schutzschild konzentrieren würden. Er selbst hatte nicht die Fähigkeiten, Blitze zu schleudern oder Schutzschilder aufrecht zu erhalten, er konnte die Energien nur spüren und kleine Tricks vollbringen. Im Moment schien ein riesiger Energiestrahl auf die unterirdischen Gänge der Festung gerichtet zu sein und er hatte das Gefühl, dass die Erde unter ihm leicht zu beben begann. Ungeduldig zupfte er an der weiten Kapuze, welche sein neues Gesicht in dunklen Schatten verbarg.

Der Geruch von verbranntem Fleisch gemischt mit Staub stieg Amwendu scharf in die Nase und er musste husten. Ungläubig starrte er auf die Stelle, an welcher sich soeben noch der Hügel befunden hatte. Geschmolzener Stein und verbrannte Erde markierten die Stelle an welcher das Biest Feuer gelegt hatte. "Bei den alten Göttern und Dämonen, was ist das?" entfuhr es ihm.

"Genau das ist es…" murmelte Varren und starrte in den Himmel. Immer wieder spie der Dämon Feuer auf die Erde, welche sich unter der großen Hitze zu Glas und Asche verwandelte. Menschen liefen schreiend durcheinander und weder Draka noch Eleifa achteten darauf, an wem sie vorbei liefen. Es herrschte Panik. Amwendu konnte am Eingang zu der unterirdischen Schmiede eine große Gestalt mit breiten Schultern ausmachen. Sie stand dort wie in Stein gemeißelt, die Hände in die Hüften gestützt und den Blick gen Himmel gerichtet. Dann bewegte sie sich und bedeutete mit einer herrischen Geste in die Tiefe. Ein ohrenbetäubender Schrei entstieg der Finsternis und eine mächtig Pranke zog einen Körper aus dem Abgrund, dessen Anblick Amwendu den Magen umdrehen lies. Irgendetwas befand sich um seinen Hals. "Zedar kann nicht DAZU fähig sein. Er kann nicht so wahnsinnig sein, zu denken, er könnte DAS beherrschen." flüsterte er und schob sich langsam zurück. Varren folgte ihm.

Er musste seine Leute zusammen bringen. Sie mussten verschwinden und sein Volk warnen, so lange es noch ging. Gegen diese Dämonen hatten sie keine Chance. Amwendu betete darum, dass es noch irgendwo Weise gab, welche ein Wegetor öffnen konnten.

Mandrek lies sich in seinen Stuhl zurücksinken. Irgendwie fühlte er sich schwach. Zedar war auf dem Weg. Er würde kommen. Der alte Schmied hatte sich tatsächlich aus der Schmiede hervorgewagt. Ihm dauerte die Invasion zu lange. Und er hatte geglaubt, dass Zedar sich nur für seine Schmiede und den Schwefel interessierte…Er starrte Nirsa mit leerem Blick an, welche ebenfalls alle Farbe aus dem Gesicht verloren hatte.

Zedar hatte manche Dinge nicht laut gesagt. Er hatte ihr ihre eigenen Befehle mitgeteilt.

"Geh." murmelte Mandrek.

Nirsa nickte und wollte nach den Draka greifen, doch der Eleifa schüttelte den Kopf. "SIE bleibt hier. Ihn kannst du haben. Das Mädchen gehört mir." sein Blick bohrte sich in den der Schmiedin und sie biss sich wütend auf die Lippen.

"Ich habe sie gefangen genommen, sie gehören beide mir. Zedar will sie mit dem Kragen sehen."

"Das wird er, Nirsa, das wird er, aber sie wird MEINEN Befehlen folgen. Und ehe ich ihr den Kragen anlege, werde ich sie brechen. Ich will sehen, wie ihr Wille bricht und sie mir freiwillig folgt."

Von der Draka kam nur ein abfälliges Schnaufen. Der breitschultrige Norska hielt sie immer noch fest, doch ihr Blick war beinahe schon herausfordernd. Mandrek lächelte. Es würde ein Vergnügen sein, ihren Willen zu brechen.

Die Schmiedin schüttelte den Kopf. "Sie hat Kräfte, von denen Ihr nichts versteht, Mandrek. Sie muss an den Kragen gelegt werden, ansonsten ist sie zu gefährlich. Zedar hat es befohlen."

Die Augen des Eleifas flackerten kurz zu ihr. "Glaubt mir, Nirsa, ich verstehe weit mehr von diesen Kräften, als Ihr glaubt." er kaute an seiner Unterlippe. "Bringt mir denn noch einen Kragen. Nur zur Sicherheit, wenn ich nicht auf sie aufpassen kann." er lächelte erneut, als er sah, wie Angst in die Augen der Draka kroch. Vielleicht reichte allein die Androhung eines Kragens aus, um sie gefügig zu machen.

Usamaa wankte. Nein, nicht er wankte, die Erde um ihn herum bebte. Kleine Steine lösten sich von der Decke und rieselten in immer dichter werdenden Regen auf die Kämpfenden hinab. Jórek sah missbilligend in den steinernen Himmel. "Es sieht so aus, als könnten wir diesen Kampf ebenfalls nicht zu Ende bringen." Er musterte den Draka. "Nehmt den jämmerlichen Rest Eurer Männer und verschwindet von hier, wir werden uns in Kürze wieder sehen." Jórek trat einen Schritt zurück und hob sein Schwert.

Der Draka sah ihn kurz überrascht an, dann nickte er, rief ein paar scharfe Befehle und rannte zurück in Richtung Festung. Die Erde hatte mittlerweile angefangen stärker zu beben und den kleinen Steinchen folgten faustgroße Felsbrocken. Zumindest würden den Eleifa dieser Weg in die Festung verwehrt bleiben.

Jórek zählte lautlos bis einhundert und ignorierte das immer stärker werdende Beben. Dann hob er die Hand und deutete in Richtung Festung. Er würde den jungen Draka sehr bald wieder sehen, denn er hatte nicht vor, den Vorteil dieses Ganges auf Grund von Mandreks Zerstörungsversuchen zu verlieren. Mit langen Schritten eilten knapp zwei Dutzend Norska und ein Dutzend Eleifa den schmalen Gang hinter den Flüchtenden her. Im Chaos würde man die Ankunft von ihnen übersehen, da war er sich sicher, man würde denken, der Draka hätte fast alle seine Männer wieder zurück gebracht. Ein eisiges Lächeln stahl sich auf seine Lippen. So machte Krieg Spaß, so wurde ein Krieg ausgefochten, nicht mit Hilfe von unnatürlichen Hilfsmitteln.

Hisham duckte sich hinter den Felsen, welche durch ihn vor nicht allzu langer Zeit den Hohlweg hinuntergerollt waren und diesen somit so gut wie verstopft hatten. Reptilien gleich schlängelte er sich zwischen schmalen Spalten hindurch und verschmolz mit den Schatten sobald er ein Geräusch hörte. Er würde den Kampf nicht von den Zinnen der Festung aus führen. Er würde dafür sorgen, dass der General der Draka dieses Land nicht lebend verlassen würde. Die Erde bebte ein weiteres Mal unter seinen Füßen und er hielt sich an einem Felsenvorsprung fest. Die Beben wurden immer stärker. Keine zwei Meter hinter ihm brach der Boden in sich zusammen und ein kreisrundes Loch in die Tiefe verschluckte einen mannsgroßen Felsen. Wütend sah er in Richtung der Burgzinnen. Bashira sollte sich lieber darum kümmern, ihrerseits ein Schutzschild zu bilden. Wenn Die Eleifa die unterirdischen Gänge weiterhin so traktierten, würde die ganze Festung in sich zusammen brechen und von der Erde selbst verschlungen werden.

Flucht!

Dieser Gedanke beherrschte Varrens Kopf beinah ausschließlich. Er trieb ihn an, wie eine Peitsche oder vielmehr wie eine Stampede – drohend, ihn zu zermalmen sollte er nicht schnell genug laufen.

In seiner militärischen Karriere hatte Varren nur selten strategische Rückzüge in Kauf nehmen müssen. Hin und wieder sind sie unumgänglich um die Gegner zu locken oder die eigenen Ressourcen zu schonen. Doch er konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, je so überstürzt geflohen zu sein.

Seite an Seite mit Amwendu rannte er den Hügel herab. Seine Füße flogen nahezu über die verbrannte Erde. Immer wieder wurde der Boden zum Beben gebracht und sie kamen ins Straucheln. Bei jedem Flügelschlag, den sie über sich vernahmen, zogen sie die Köpfe ein und jagten einfach blindlings weiter hinab. Bloß wohin sollten sie sich wenden? Die Pferde waren in Panik geflohen, über die Ebenen verstreut. Und jeder, der noch auf den Beinen stand, rannte um sein Leben.

„Zu mir!“, brüllte Amwendu. „Draka, sammelt Euch! Zu mir!“

Varren begriff und stimmte ein: „Hierher, folgt Eurem König! Männer, Soldaten, hierher!“

Bald darauf näherten sich ihnen schnelle Schritte. Einer der Weisen tauchte neben ihnen auf. Varren versuchte sich an seinen Namen zu erinnern, doch Amwendu kam ihm zuvor: „Rahsaan, könnt Ihr ein Portal erschaffen? Könnt Ihr uns hier wegbringen?“

Keuchend antwortete der Weise: „Allein bekomme ich ein Wegetor zustande, ja. Aber es wird nur für sehr wenige Momente offen stehen. Es würden nicht alle hindurch schaffen.“

Alle drei kamen zum Stehen und sahen zurück. Noch immer schwebte eine Staubwolke über dem Dorf und dem Schlund. Darüber zog die fliegende Kreatur ihre Kreise, gleich einem Geier, der seine hilflose Beute belauerte. Hinter dem Hügel, auf dem sie bis eben noch gelegen hatte, erhob sich derweil ein beunruhigend großer Schatten.

„Wir müssen von hier verschwinden“, sagte Amwendu. „Wir müssen zurück und das Volk warnen. Zedar hat etwas geweckt, das nicht einmal er kontrollieren kann. Und selbst wenn… bleibt es eine Gefahr.“

„Wie gesagt, ich kann…“, setze Rahsaan an, doch Amwendu schnitt ihm das Wort ab. „Ich weiß, öffnet einfach das Tor. Sofort!“

Varren sah zwischen beiden hin und her. Einerseits konnte er die Bedenken des Weisen gut verstehen, andererseits war er völlig der Meinung des Königs: sie mussten dringend von hier verschwinden. Am besten auf der Stelle.

„Also gut.“ Rahsann richteten beide Hände auf einen imaginären Punkt vor sich, schloss die Augen und augenblicklich spürte Varren die von ihm ausgehende Energie als Prickeln auf der Haut.

Aus dem Nichts erschien ein Leuchtpunkt vor ihm in der Luft, der sich erst zögerlich, dann rasch auf mannshohe Größe erweiterte.

Rufe erschallten hinter ihnen. Varren sah zurück, wo er eine Gruppe Draka entdeckte, die mit wedelnden Armen auf sie zu kamen. „Wartet auf uns! Wartet!“ Sein Blick wanderte etwas höher und dort entdeckte er das geflügelte Ungetüm, welches kreischend auf sie zustürmte.

„Los jetzt!“, rief Amwendu.

Varren stolperte rückwärts.

Das Letzte, was er vom Land der Eleifa sah, war ein lechzender Feuerstoß, der ihm die Brauen versengte, bevor er in den heißen Wüstensand fiel.

Sie kamen einfach nicht voran. Hjara war frustriert, da die meisten Krieger, die er niederstreckte entweder zum Volk der Norska oder seinem eigenen gehörten. Die Eleifa hielten sich zurück, waren mehr damit beschäftigt ihren Gegnern Kragen anzulegen anstatt zu kämpfen. Dadurch war ihr Nachschub nahezu unerschöpflich.

Der Waffenbruder neben ihm schrie auf. Hjara wandte sich um und sah, wie der Norska in die Knie ging. Zwei Eleifa standen um ihn herum. Der eine hielt ihm die blutverschmierte Klinge entgegen, während ihm der andere einen Kragen umlegte. Hjara reagierte intuitiv. Sein Schwert köpfte den ersten, ging einen Tanz mit dem Zweiten ein und zerfetzte ihm schließlich die Brust.

Der Kamerad kam wankend auf die Beine. Seine Finger suchten das schwarze Metall um den Hals, schreckten jedoch vor einer Berührung zurück. Hjara konnte förmlich dabei zu sehen, wie die Gedanken des Norska von Mandreks hassverseuchten Befehlen allmählich überflutet wurden. Ohne weiter darüber nachzudenken rammte er seine Klinge in den Rücken des Mannes. Mit weit aufgerissenen Augen fiel dieser wieder auf die Knie. Sein Mund war schwach geöffnet und hauchte noch ein letztes „Danke“ aus, dann kippte er vornüber in den Matsch.

Das war das Ende. Hjara blickte sich um und musste erkennen, dass sie mehr und mehr zurückgedrängt wurden. Irgendwann hatte sich das Blatt gewendet und nun gab es nur noch eine einzige Sache zutun, die er sich lange geweigert hatte auszusprechen: „Rückzug!“, brüllte er. „Zieht Euch zurück! Zurück zur Festung!“

Zögernd folgten sie ihm, auch Norska waren es nicht gewohnt, sich lebend aus dem Kampfgeschehen zurückzuziehen. Immer wieder schlugen Blitze in den feindlichen Reihen ein, doch ihre Mächtigen wehrten auch viele davon wieder ab.

Dann begann plötzlich der Boden zu beben. Hjara fragte sich, ob das nun das Werk der vermaledeiten Hexen oder Mandreks war. So oder so war nichts Gutes daran. Wieder wurde die Erde erschüttert und er kam ins Stolpern.

Verflucht!, dachte er. Das Beben wurde mit jedem Schritt gen Festung stärker. Was ist das für eine neue Teufelei?!

Er sah auf und war verwundert. Die meisten rannten zurück zur Feste, bis auf eine Gestalt, die sich ihm mit schnellen Schritten näherte. Mit grimmiger Vorfreude erkannte er den Weisen.

Wieder wurde er gepackt, umhergetragen und irgendwo abgelegt. Diesmal war es offenbar das Zelt dieser Eleifa, Nirsa, wie sie genannt wurde. Syrian blieb liegen, rührte sich nicht, beobachtete aber alles ganz genau und blieb zu jederzeit angespannt, bereit, loszuschlagen.

Der Norska baute sich vor ihm auf, breit, muskulös, mit Kragen um den Hals. Nirsa rauschte herein. Sie murmelte, sprach mit sich selbst – nein, sie schimpfte mit sich selbst. Offenbar war sie sowohl wütend auf Mandrek, Zedar, Leif. Ihre Wut schien sich in alle Richtung zu erstrecken. Selbst Keisha war von ihrem Hass nicht sicher. Festen Schrittes stapfte sie zu einer Tasche, nahm einen Kragen heraus und wollte dann wieder hinaus. Am Zeltausgang blieb sie stehen und wandte sich noch einmal zu ihm um.

„Komm bloß nicht auf dumme Ideen, sonst zwinge ich dich ein weiteres Mal dazu, einen geliebten Menschen zu töten.“ Dann war sie verschwunden.

Schlagartig war die Erinnerung an Zhara wieder in seinem Bewusstsein. Der Duft ihrer Haare, das tiefdunkle Braun ihrer Augen, die Wärme ihrer Haut und ihres Blutes… Nicht, dass die Erinnerung verschwunden wäre, sie war nur verblasst, hatte an Farbe verloren, doch jetzt kam sie mit aller Intensität wieder zurück, als würde Zhara gleich neben ihm liegen, ihn anlächeln und zu ihm sprechen wollen.

Nein, dieses Monster von einer Eleifa sollte nie wieder die Gelegenheit bekommen, ihn zum Morden zu zwingen. Weder gegen Keisha, noch gegen sonst jemanden. Zharas Tod musste gerächt werden.

Den Stich des Skorpions hieß die Technik, aus einer offenbar reglosen Pose jemanden niederzustrecken. Der Norska klappte überrascht zusammen und Syrian bemächtigte sich seines Schwertes.

Bashira hielt sich an einer raue Steinbrüstung fest, als die Festung ein weiteres Mal bebte. Sie hatte den Angriff auf die Armee zum Teil eingestellt. Eine andere Weise leitete diesen nun. Bashira konzentrierte die ihr zur Verfügung stehenden Kräfte auf den Untergrund um die Festung daran zu hindern, einzustürzen. Diese Schlacht war verloren. Ihre einzige Chance lag nun in der Wüste. Sie mussten Mandrek dort hin locken. Ihn auf ihrem eigenen Terrain schlagen. In der Wüste gab es keine unterirdischen Gänge, die einstürzen konnten, nur Treibsand, tödliche Reptilien und sengende Hitze. Sie hatte eine Hand voll Weiser hinaus geschickt. Sie sollten Damon und Keral suchen und so viele Krieger ohne Kragen wie möglich. Sie mussten verschwinden. Ihr Blick, geschärft durch den Gebrauch der Macht, viel auf Hjara und…dort war Hisham also. Ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Der Weise bewegte sich geschmeidig zwischen den Kriegern hindurch, er versuchte so wenig Kämpfe wie möglich führen zu müssen, um so schnell wie es nur ging zu seinem eigentlichen Ziel zu gelangen. Wenn er sich da nur nicht täuschte. Hjara schien ihn zu erwarten. Bashira zog ihre Augen zusammen. Trug er bereits den Kragen? Sie konnte es nicht erkennen, aber sie würde Hjara ein wenig zur Hilfe eilen. Vorsichtig zog sie ein wenig Kraft aus dem Schutzschild um die Festung und schleuderte einen Blitz in Richtung des Hauptmannes. Er stand so weit im Kampfgetümmel, dass er unmöglich behaupten könnte, dass Bashira ihn damit treffen hätte wollen. Erde spritzte in die Höhe und mehrere Kragenträger wurden wie Puppen durch die Luft geschleudert. Als sich der Staub senkte, atmete die Weise scharf ein. Hjara stand immer noch dort und feine Rauchfäden schienen von seinem Kopf aufzusteigen. Sein Blick war nun nach oben in Richtung Festung gewandt und sie hatte das Gefühl, dass sich die Augen des Dämons direkt in ihre bohren wollten. Sie fühlte den unverhüllten Hass und stolperte zurück um aus dem Blickfeld des Generals zu gelangen.

Damon fluchte. Der Eleifa, welcher ihm gegenüber stand, war ungemein schnell und seine schlanke Klinge züngelte immer wieder wie die Zunge einer Schlange vor und fand nicht selten ein Ziel. Er blutete bereits aus mehreren Wunden und das abartige Grinsen auf dem alabasterfarbenen Gesicht wurde immer breiter. Der Norska spürte, wie sich ihm jemand von hinten nährte und wich im allerletzten Moment dem niedersausenden Schwertknauf aus. Das Gesicht des Eleifas verhärtete sich, als er zu seinem Landsmann sah, welcher einen Kragen in seiner linken Hand trug.

"Pack das Teufelsding weg, Lurkei. Seit wann kämpfst du mit Mandreks Mitteln…." er verstummte, als er das schwarze Metall um den Hals Lurkeis bemerkte. Damon konnte gar nicht so schnell sehen, wie ein Dolch aus dem Ärmel des Eleifas vorschoss und Lurkei mitten ins Herz traf.

Er sah zu dem Norska und zögerte. "Geht. Zieht euch zurück. Es gibt einen Kampf, der mir wichtiger ist. Wir werden uns ein anderes Mal wieder sehen, Norska." er drehte sich um und ging auf den nächst Besten Kragenträger zu, der soeben versuchte, einem Draka den Kragen an zulegen.

Damon schüttelte ungläubig den Kopf. Der Eleifa hätte ihn töten können. Er war geschwächt genug und hatte sich nur noch verteidigt. Nun sah er, wie sich andere Krieger um ihn scharrten, nach und nach wurde die Gruppe Eleifa immer größer und sie kämpften nicht gegen Norska oder Draka…solange sie keinen Kragen trugen. Dieser Aufstand würde der Macht Mandreks nicht lange standhalten, aber Damon verstand nun, dass nicht alle Eleifa hinter den Kragen standen.

Eine Gestalt in weiter Robe erschien neben ihm und berührte ihn am Arm. "Wir ziehen uns zurück. Bashira will so viele Eures Volkes retten, wie nur möglich. Folgt mir, ich bin nicht sicher, wie lange ich das Schutzschild um uns noch aufrecht erhalten kann."

Zedar lachte. Er hatte schon lange nicht mehr gelacht, aber nun lachte er, dass sein Bauch schmerzte. Die Draka liefen wie kleine Ameisen in Panik durch die Gegend und schrien um ihr Leben. Er spürte die Macht des Dämonen hinter ihm, sie pulsierte in seinen Adern. Es war ein stetiger Kampf. Er fühlte den Hass auf alles Lebende, auf ihn selbst und auch die Schmerzen, welche die Sonne ihm nach so langer Gefangenschaft in den Tiefen der Erde zufügte. Es war nicht einfach gewesen, ihm den Kragen anzulegen. Ihm, dem mächtigsten aller Dämonen, doch Dämonen waren machthungrig, er hatte ihm nur versprechen müssen, dass er ihn aus der ewigen Verbannung holen würde, auf dass er erneut die Welt der Sterblichen heimsuchen durfte. Zedar musste nicht zu ihm aufsehen um zu wissen, dass er stetig die mächtigen, klauenbstückten Fäuste ballte. Er musste nicht in seine Augen sehen um sich dem Hass darin bewusst zu sein. Und er wusste, dass er keine Sekunde seines Lebens den Kampf gegen diesen Dämonen vernachlässigen durfte.

Durch das Band, welches er Maddakor umgelegt hatte, strömte Lebensenergie in ihn hinein. Dunkle, fleischzerfressende Energie, doch eine, die ihn unsterblich machen würde. Unsterblich und unbesiegbar. Der Preis, den er dafür bezahlte war hoch, doch er war es wert.

Mandrek kniff die Augen zusammen und rieb sie. Sein Blickfeld schien zu verschwimmen. Missmutig griff er zu seiner Feldflasche und trank einen weiteren Schluck. Warum half der Trank nicht mehr? Er wollte die Flasche ein weiteres mal heben, doch sie glitt ihm aus den Fingern.

Keisha erhob sich auf die Fersen, als Mandrek in seinem Stuhl zusammensackte. Der Norska vor ihr hob grimmig eine Augenbraue und lies sie nicht aus den Augen. Ein Schatten bewegte sich in der Ecke des Zeltes, Die Seite klappte auf und ein dunkler Schatten glitt wie ein Geist hinein. Er blieb vor Mandrek stehen, lachte leise und nahm seinen Umhang ab.

Die Wachen scherten sich nicht im Geringsten um ihn. Sie hatten nur den Befehl, Keisha in Schach zu halten. Und die Draka sog nun scharf die Luft ein. Die Gestalt über Mandrek sah aus wie Mandrek. Er bedeckte den echten Mandrek mit seinem Umhang, wandte sich an einen Norska und lächelte eisig. "Schaff das hier in die Truhe dort hinten, verschließ sie gut und stell sie irgendwo hinter einen Felsen oder werf sie von mir aus in ein Loch."

Der Norska neigte seinen Kopf, packte das Bündel, als würde der menschliche Körper darin nichts wiegen und stopfte ihn in eine große Holztruhe. Der Eleifa beugte sich hinunter, verschloss die Truhe sorgfältig und nickte dem Norska zu, welcher sie hochhob und dem Zelt entschwand. Dann wandte er sich Keisha zu. "So sieht man sich wieder." und Keisha erkannte seine Stimme. Die Stimme des Eleifas, welchen die Schmiedin im Wald hatte stehen lassen. Wie bei allen Göttern hatte er es geschafft, das Aussehen Mandreks anzunehmen? Sie tastete mit ihren Sinnen in seine Richtung und konnte nichts außergewöhnliches entdecken.

Der Eleifa grinste zufrieden und lies sich in den Stuhl fallen, in welchem Mandrek vor kurzem noch gesessen hatte. "Nun, bist du fertig damit, mich zu scannen? Du wirst nichts finden." er betrachtete sie nachdenklich. "Jetzt ist nur die Frage, was ich mit dir mache." Leif fing an mit einem Messer zu spielen.

"Mandrek ist noch nicht tot." entfuhr es Keisha.

"Die Betonung sollte auf NOCH liegen, meine Hübsche." erwiderte der Eleifa kühl. "Wenn der Trank ihn nicht umbringt, dann wird er jämmerlich verhungern. So oder so, sein Leben neigt sich dem Ende." Er stand auf und ging auf sie zu. Der Norska machte willig Platz, lies seine riesige Hand jedoch weiterhin auf ihrer Schulter ruhen, bereit jederzeit zu zupacken. "Ich frage mich, was Mandrek in dir gesehen hat." er streckte seine Hand aus um ihr Kin an zu heben.

"Wenn du mich auch nur berührst, verspreche ich dir, dass du schneller sterben wirst, als du diese Geste zu Ende führen kannst." zischte sie.

Leif legte seinen Kopf leicht schräg und fing lauthals an zu lachen.

Hjaras Hoffnung wurden von der Wucht eines Blitzes zerstört. Beim Anblick Hishams hatte sich der Dämon in ihm gerührt, war bereit auszubrechen und Hjara war seinerseits bereit, den Kragen anzuwenden. Fest hatte er das schwarze Metall umschlossen, als die Welt um ihn herum in weißem Licht explodierte. Seine menschliche Seite hatte dem nichts entgegenzusetzen und wäre der dunkle Begleiter nicht augenblicklich hervorgetreten, hätte dieser Blitz den Körper des Heermeisters in Stücke gesprengt.

Nun war sein Bewusstsein in den Hintergrund gedrängt worden. Teilnahmslos musste er mitansehen, wie die boshaften Augen des Dämons Bashira oben auf der Mauer fixierten, ihr Verwünschungen auf den Hals hetzten und er sie in Gedanken genüsslich verspeiste.

Bashira verschwand und er konzentrierte sich wieder auf Hisham. Dem Weisen war die Verwunderung deutlich anzusehen. Er betrachtete den vom Blitzangriff offenbar unbehelligten Hjara ungläubig, vielleicht überlegte er sich seine Strategie sogar noch einmal neu, doch was auch immer ihn beschäftigte, der Dämon hatte ihn ins Ziel gefasst und stürmte nun auf ihn zu. Zur Linken und Rechten schleuderte er Freund wie Feind beiseite, ließ das Schwert in alle Richtungen kreisen und wehe dem, der ihm zu nahe kam. Jene unglückseligen Krieger riss es von Blutfontänen begleitet aus dem Leben. Wie ein Berserker steuerte er auf seinen Feind zu.

Dieser blieb jedoch nicht untätig. Nachdem er seine Bestürzung scheinbar überwunden hatte, sammelte er Kräfte, die sich in einer leuchtenden Kugel weißen Lichts in seinen Händen konzentrierten. Mit jedem Schritt, den der Dämon auf ihn zu tat wuchs die Kugel an, bis sie schließlich in ihrer finalen Form auf ihn zu schoss. Die Kreatur in Hjaras Körper dachte nicht ans Ausweichen. Als würde sie jemanden umrennen wollen stürzte sie dem Energieball entgegen. Die Kräfte prallen inmitten des Schlachtfelds aufeinander. Augenblicklich wurde der Lauf des Dämons gestoppt, es schob ihn sogar ein wenig zurück. Die weiße Energie schien ihn umhüllen zu wollen, sie brannte ihm auf der Haut und rauschte ihm in den Ohren. Schließlich zerriss er sie einfach. Mit einem Mal waren der Druck, die Hitze und das Licht verschwunden. Dafür erschien Hisham und rammte ihm die Klinge mitten durch die Rippen.

Geschockt, unfähig in irgendeiner Form zu reagieren, starrte Hjara aus den Tiefen des Bewusstseins den Weisen an, dessen Gesicht höchste Anspannung verriet. Einen Augenblick lang erweichten die Züge, nahmen so etwas wie Erleichterung an, da wurde er von den Füßen gehoben und mehrere Meter durch die Luft geschleudert.

Der Dämon zog sich das Schwert eigenständig aus dem Körper. Schwarzes, kochendes Blut trat ungehemmt aus der Wunde. Hjara sah es und wusste, wenn die Kräfte, die dem Dämon aufgrund seines menschlichen Wirtes beschränkt zur Verfügung standen, nachlassen würden, würden alle Heilungskräfte verloren sein und nichts stünde dann mehr zwischen ihm und dem Tod. Er sah es, wusste es und war zur Untätigkeit verdammt. Während sich der Dämon in geifernder Mordlust auf den Weisen stürzte, haderte Hjara im Gefängnis seines eigenen Kopfes mit seinem unausweichlichen Schicksal.

„Was ist so lustig?“ Nirsa war zurückgekehrt und fand Mandrek lachend vor. Er stand über die Draka gebeugt und lachte einfach aus vollem Halse. Etwas daran verwirrte sie zutiefst. Sie kannte Mandrek kaum und dennoch kam er ihr in diesem Moment wahnsinnig vertraut vor. Als würden sie sich schon viele Jahre kennen. Als würde sie sein Lachen schon viele Jahre kennen.

Er richtete sich auf und lächelte sie an. Siegessicher, selbstbewusst und verächtlich in einem. Nirsa lief ein Schauer über den Rücken.

„Ah, du bist zurück“, meinte er. „Und hast mir eines deiner Spielzeuge mitgebracht? Gut, komm hier herüber.“

Sein selbstgefälliger Ton erschreckte sie keineswegs so sehr, wie ihr eigenes Verhalten, ihre Reaktion darauf, die man als bedingungslose Kapitulation bezeichnen konnte. Sie gehorchte aufs Wort.

Mit dem Kragen in der Hand ging sie schnurstracks auf die Draka zu. Den verkniffenen Gesichtsausdruck der Gefangenen nahm sie kaum wahr. Die folgende Bewegung führte sie beinah mechanisch aus, weswegen es sie umso mehr verwunderte, als Mandrek sie plötzlich hart am Arm packte.

„Oh nein, ich werde ihr den Kragen anlegen, nicht du!“ Verwirrt sah sie ihn an. Natürlich wollte er das, dennoch hatte sie nicht daran gedacht. Zögernd überließ sie ihm den Kragen.

„Dankeschön“, säuselte und grinste dabei, als fand er irgendetwas sehr witzig von dem sie nichts verstand. „Nun geh. Unterhalte dich mit dem Knaben oder sonst irgendwas. Ich werde nach dir rufen, wenn ich dich brauche.“ Damit war sie scheinbar nicht mehr existent für ihn. Er bedachte sie keines Blickes mehr, seine ganze Auffassung war nun für die Draka reserviert, die ihn auffordernd anstarrte.

Nirsa nickte und trat hinaus. Ihr schwirrte der Kopf. Mandrek schien sich in der kurzen Zeit vollkommen verändert zu haben. Was war da los? Mit einem Mal fühlte sie sich unglaublich müde. Die Gedanken kreisten in ihrem Schädel, Wut, Erniedrigung und hundert andere Empfindungen stürmten auf sie ein und ließen ihr keine Ruhe. Den Weg zu ihrem Zelt erlebte sich nicht bewusst. Erst als die drinnen war und den Norska am Boden liegen sah wusste sie, wo sie sich befand.

Den Schwerthieb sah sie nicht kommen.

Syrian schlug fest und präzise zu. Er hatte keine große Bedenkzeit für die Entscheidung benötigt. Diese Eleifa musste sterben, damit sie weder über ihn, noch über Keisha oder sonst jemanden die Kontrolle erlangen konnte.

Mit einem kurzen Aufschrei ging sie in die Knie. Ihre Hände zuckten, wollten ihren Rücken erreichen um die Wunden zu berühren, etwas dagegen zu unternehmen, doch ihnen ging bald die Kraft aus. Sie gab noch ein paar Geräusche der Verzweiflung von sich bevor sie nach vor kippte. Syrian stach noch einige Male zu um sicher zu gehen, dann ließ er von dem Blut besudelten Körper ab.

Sie hatte es verdient, wahrscheinlich weit mehr als so manch anderer, dennoch blieb ihm die erhoffte Genugtuung versagt. Ihr Tod sollte die Buße für Zharas Tod sein – die gerechte Rache. Ein Leben für das Andere. Aber Syrian hätte es besser wissen müssen, denn noch nie hatte ein toter Körper einem anderen das Leben geschenkt. So funktionierte das einfach nicht.

Erschöpft kniete er sich neben die Eleifa und zwang sich dazu, an Zhara zu denken. Das hier sollte ihr Moment werden, hiermit war ihr Tod gerächt. Doch statt an sie zu denken blieb sein Blick auf dem Gesicht der Eleifa heften, deren Augen vor Bestürzung geweitet waren. Eine Träne rann ihr aus dem Augenwinkel.

Syrian schloss ihr die Lider, dann erhob er sich und warf einen Blick hinaus. Am anderen Ende des Lagers herrschte Krieg. Über dem staubigen Schlachtfeld, in dem wieder und wieder Blitze zuckten, erhob sich die Norskafestung. War das sein Ziel? Nein, vorher musste er noch Keisha befreien, dann konnten sie sich hinter die schützenden Mauern zurückziehen. Er ließ seinen Blick über die Zeltreihen schweifen bis er das größte von ihnen fand. Dort hielt Mandrek sie gefangen. Er würde sich die allgemeine Unruhe zunutze machen müssen um hinein zu gelangen. Aber als Draka mit Kragen um den Hals sollte er kaum auffallen. Dennoch war Mandrek mit in dem Zelt und ihn wollte er auf keinen Fall unterschätzen. Sollte sich aber eine Möglichkeit bieten, dieses Unheil für immer zu beseitigen, würde er sie nutzen.

Nach einem letzten Blick zurück entschwand er nach draußen.

Die Karawane erreichte die Tore der Palaststadt, dem Herzen der Wüste. Von hier aus regierte Amwendu das Land, hier waren Wunder vereint und der Handel florierte. Normalerweise herrschte ein reges Kommen und Gehen an den Eingangstoren, doch dieser Tage befanden sich die Draka im Krieg und die Anzahl derer, die noch in die Stadt durften, war streng limitiert. Die Wachen waren unerbittlich und wiesen nahezu jeden ab. Ein Pulk hatte sich vor den Toren versammelt. Vielen waren wütend und machten ihrem Unmut lautstark Luft. Andere hingen baute kleine Lager auf, fest entschlossen, die Sache auszusitzen.

„Bleibt zurück“, wies Ysketh Therun an. „Ich regle das.“ Er ritt voran, nutze eine schmale Schneise zwischen der aufgebrachten Meute bis er schließlich vor den Wachen stand. Breitbeinig, die Hände an den Waffen standen sie da, bereit jeden zurückzuschlagen, der aus der Reihe tanzte.

„Ich verlange den Hauptmann zu sprechen!“

Ein besonders hässlicher Wachmann bedachte ihn mit einem abschätzigen Lächeln: „Und ich hätte die Prinzessin gern in meinem Bett, guter Mann. Wir wollen alle irgendwas!“ Er lachte und einige seiner Kameraden fielen halbherzig ein.

Ysketh ließ den Moment verstreichen bevor er seine Forderung wiederholte. Dabei zog er ein Amulett hervor, welches in der Wüstensonne glitzerte.

Der hässliche Wachmann trat mit zusammengekniffenen Augen hervor. Mit der Hand schirmte er seine Augen ab, dann seufzte er. „Ihr seid ein Ratsmitglied? Verzeiht meine Unhöflichkeit, ich…“

Ysketh wehrte ab. „Spart Euch die Worte, guter Mann. Holt mir einfach den Hauptmann her.“

„Sehr wohl!“

Es dauerte nicht lang, da kam ein Soldat in weitaus prachtvoller Rüstung als die einfachen Wachen sie trugen auf ihn zu.

„Ysketh, ich hätte wissen müssen, das du es bist!“ Sie schüttelten einander die Hände, fest, kraftvoll und wie gute Freunde.

„Ich grüße dich, Aldred. Ihr nehmt das mit der Sicherheit aber sehr ernst, wie ich sehe.“

Aldred, dessen Oberlippe ein breiter schwarzer Bart zierte, warf einen belustigten Blick in die Menge. „Die sollen sich alle bloß beruhigen. Diese Maßnahmen sind nicht neu und gehen vorüber. Aber manche brauchen diese Aufregung wohl.“ Gleichgültig zuckte er mit den Schultern.

Ysketh nickte, dann schlug er einen formelleren Ton an. „Hör mich an, ich habe dort hinten einige Wagen, die zum Palast müssen. Du weißt schon, Köstlichkeiten, Geschmeide, Unterhaltung…“

Aldred hob die Brauen. „Schöne Unterhaltung?“

„Außerordentlich, sogar. All das ist für die hoffentlich baldige Rückkehr unseres Königs und unserer Truppen gedacht. Bloß muss ich sie dafür in die Stadt bekommen.“

Gedankenverloren strich sich der Hauptmann über den Bart. „Ja, ich verstehe. Bloß sind die Sicherheitsanforderung sehr hoch und Ausnahmen…“

Ysketh beugte sich zu ihm herab. „Als Hauptmann der Wache bist du natürlich herzlich zu den Feierlichkeiten eingeladen. Mein Ehrenwort.“

Sie nickten einander zu, dann kehrte Ysketh zur Karawane zurück.

„Sag deinen Männer, sie können durch“, befahl er Therun. Der Draka nickte, gab den Befehl weiter, wandte sich dann aber wieder besorgt an Ysketh. „Ich habe gerade eine äußerst beunruhigende Nachricht aufgeschnappt. Es ist nichts bestätigtes, dennoch will jemand ein Wegetor in der Wüste entdeckt haben. Und nicht nur das. Angeblich solle Amwendu durch das Tor gekommen sein. Er ist zurück. Der König ist zurück!“

„Beruhige dich und senke deine Stimme. Es sind Gerüchte, nichts weiter. Bislang jedenfalls. Warten wir es ab, in Ordnung? Wissen deine Männer, was sie zu tun haben, wenn sie drinnen sind?“

Therun war anzusehen, dass er noch immer besorgt war, dennoch gab er Antwort: „Ja, sie werden die Leichen in der Stadt platzieren, in die Brunnen werfen, in die Hinterhöfe und so weiter. Die Seuche erledigt den Rest.“

„Gut. Ich werde den Palast aufsuchen und mich vergewissern, was an den Gerüchten dran ist.“

Zedars Augen weiteten sich einen Moment lang und die Kontrolle über den Dämonenherrscher wankte. Nirsa…seine Hand glitt zu dem grünen Kragen um seinen Hals und er löste ihn so schnell wie möglich, ehe seine Schülerin ihn mit sich in die Abgründe des Todes reißen konnte. Er fluchte. Nirsa war ein gutes Werkzeug gewesen. Er hatte vor gehabt sie einem Dämonen zu übergeben. Nun blieb ihm noch Leif…und Leif war…unberechenbar. Ein kaltes Lächeln stahl sich auf sein hässliches Gesicht und er gab den Dämonen ein Zeichen mit dem Schwert. Das geflügelte Ungetüm hatte sich nach seinem schrecklichen Mahl vor ihm nieder gelassen und lies nun zu, dass der Schmied auf seinen Rücken stieg. Er würde persönlich in das Land der Norska reisen, seine neuen Sklaven dort abholen und dann die Draka besiegen. Mit der Hilfe von Maddakor würde er die gesamte Welt versklaven. Sie würden ihn anbeten. Ihn alleine. Ein Schwall des Hasses drang durch die enge Verbindung zu dem Dämonen und Zedar warf ihm einen triumphierenden Blick zu. "Du gehörst mir, höre auf, dich zu wehren."

Maddakors rote Augen schienen zu brennen und kleine Rauchschwaden stiegen aus seiner breiten Nase. Der Schmied ignorierte die stille Drohung, welche durch die Kragenverbindung zu ihm hindurch sickerte. Ihm war durchaus klar, dass er tot sein würde, oder etwas schlimmeres, sollte er jemals die Kontrolle verlieren.

Hisham hatte ihn unterschätzt. Mühsam versuchte er sich aufzurichten. Jeder Knochen schmerzte und er war sich sicher, dass mindestens drei Rippen gebrochen waren. Noch ehe er sich ganz erhoben hatte, sah er Hjara auf sich zu rasen. Seine Augen glühten wie heiße Kohlen und er hinterließ bei jedem Schritt dunkle Blutspuren auf dem matschigen Boden. Ausweichen würde nichts bringen. Er hatte die Macht des Dämonen zu spüren bekommen und er wusste nicht, was er dagegen ausrichten sollte. Aber er würde nicht einfach sterben. Nicht er. Der Draka atmete tief durch und sammelte all die Kraft, welche er noch zur Verfügung hatte. Gleisend weißes Licht schoss in einem armdicken Strahl auf den General zu, traf auf tiefste Finsternis, Hisham spürte, wie der Dämon versuchte, das Licht fort zu schieben, wie er es mit der Kugel getan hatte. Er fühlte, wie seine Beine unter ihm nach zu geben drohten, aber er würde nicht aufgeben. Dieses mal war der Lichtstrahl noch mit ihm verbunden, wurde stetig aus seiner eigenen Lebensenergie gespeist und während der Weise noch auf die Knie sank und die Welt um ihn herum nur noch aus gleisendem Licht und finsteren Schatten zu bestehen schien, dachte er, dass er es zumindest versucht hatte.

Bashira war wie erstarrt. Sie war zurück gewichen, doch hatte sie noch gesehen, wie Hjara trotz der Wucht ihres Blitzes so gut wie unversehrt auf dem Schlachtfeld gestanden hatte. Der Dämon war mächtiger, als sie gedacht hatte. Und er hatte den General fest im Griff. Sie hatte einen Fehler begangen. Bei den alten Göttern, sie hoffte, dass es nicht ihr letzter Fehler gewesen war. Eilig raffte sie ihre Röcke bis über die Knie, schrie alle Weisen zusammen und rannte hinab in den Innenhof der Festung. Sie mussten verschwinden und zwar bald. Diese Schlacht war verloren, den Krieg jedoch, den würde sie nicht verlieren.

Saiha erwachte mit dröhnenden Kopfschmerzen. Stimmen erklangen in ihren Ohren und sie musste sich konzentrieren, sie zu verstehen. "NEIN, ich sage es noch einmal, wir werden ihnen keine Kragen anlegen. Willst du dich wirklich auf die Methoden von Mandrek und Zedar einlassen? Lieber töten wir sie gleich. Du hast gesehen, dass Mandrek mittlerweile auch unser Volk unterjocht. Ich habe keine Lust mein Leben als willenloser Sklave zu beenden. Ich bin schon kurz davor zu diesen stinkenden Draka und den hirnverbrannten Norska-Riesen überzulaufen. Mandrek muss aufgehalten werden und Zedar soll von mir aus in der Hölle schmoren, denn dort gehört er hin."

"Levekei, du weißt nicht was du sagst, sollte Jórek davon erfahren…"

"Jórek hält genauso wenig von den Kragen und Mandreks neuer Weltordnung, wie ich. Er kämpft hier seinen eigenen Krieg und wenn Mandrek ihm dazwischen funkt, wird selbst Jórek seinen Treueschwur in den Wind schreiben. Ich habe diesem machthungrigen Irren nie meine Treue geschworen, ich habe meinen Schwur Jórek geleistet und ihm werde ich folgen. Ich weiß nicht, was du machen möchtest, Radek, aber ich werde diese beiden frei lassen. Wenn Norska und Draka sich nicht gegenseitig umbringen, dann sollten wir das auch schaffen."

"Ich…Levekei, Draka und Eleifa KÖNNEN NICHT gemeinsam kämpfen. Die Fehde zwischen unseren Völkern ist bereits zu alt."

"Was interessiert mich die Fehde? Weiß denn überhaupt noch jemand, worum es eigentlich geht?"

Eine Hand berührte Saiha und plötzlich waren ihre Hände wieder frei. Sie öffnete die Augen und sah in, für Eleifa so typische, weißblaue Augen.

"Verschwindet von hier, wenn ihr könnt." Die Stimme Levekeis klang eindringlich. "Und nehmt so viele Kragenträger wie möglich mit in die Hölle, wenn ihr in Kämpfe verwickelt werdet. Solltet ihr zu euren Anführern zurück kehren, richtet ihnen aus, dass nicht alle Eleifa hinter Mandrek und Zedar stehen. Der Widerstand wird wachsen. Sagt ihnen, dass Krieger, welche eine rote Binde am Arm und keinen Kragen tragen, an ihrer Seite kämpfen." Er stand auf und richtete seinen Schwertgürtel. Tiefschwarzes, schulterlanges Haar umrahmte ein helles Gesicht mit hohen Wangenknochen und einem kleinen Kinnbart. Neben sich hörte Saiha ein dunkles Grummeln und sie sah sich zu Keral um. Dieser betrachtete den Eleifa kritisch. Getrocknetes Blut lies sein Gesicht wie eine schreckliche Maske wirken.

"Wer sagt, dass dies keine weitere Falle ist?" fragte er.

Levekei zuckte mit den Schultern. "Keiner. Ihr müsst mir vertrauen." mit diesen Worten gab er Radek einen Wink und die beiden verschwanden hinter einem Felsen. Man hatte sie ein gutes Stück vom Lager weg gebracht. Nahe an die Festung

Keishas Augen waren direkt auf die hellen Augen Leifs gerichtet. "Nun, worauf wartest du noch? Versuche mir den Kragen um zulegen."

Der Eleifa ging vor ihr in die Knie und wippte nachdenklich auf seinen Fußballen, während er sie betrachtete und mit dem schwarzen Kragen in seiner Hand spielte. "Mandrek war ein Narr, wenn er geglaubt hat, dich zähmen zu können, ohne dir einen Kragen an zu legen. Ich bin kein solcher Narr, aber ich habe auch nicht vor, dich zu meinem Schoßtier zu machen. Du weißt, wer ich bin, eigentlich sollte ich dich allein deswegen töten, aber du kannst mir von Nutzen sein. Nirsa hat von großer Macht in dir gesprochen... Ich habe vor die Welt von Zedar zu befreien."

"Um was zu tun? Selbst nach der Macht zu greifen? Wäre das nicht einfach nur der Tausch Pest gegen Cholera?" Keisha hielt dem Blick des Eleifas stand.

Er lächelte. "Du bist nicht auf den Kopf gefallen. Daher mache ich dir ein Angebot."

Damon betrachtete seine stark zusammen geschrumpfte Armee, welche nach und nach in dem Wegetor verschwand, das die Draka-Weisen eröffnet hatten. Er hätte sich niemals vorstellen können, dass so viele seiner Männer in einer einzigen Schlacht an einem einzigen Tag, verloren sein würden…auf die ein oder andere Art. Er hatte irgendwann aufgehört zu zählen, wie viele seiner eigenen Landsleute er abgeschlachtet hatte, aber er hatte sich jedes einzelne Gesicht eingeprägt. Vor kurzem waren noch Norska zu ihnen gestoßen, welche es anscheinend durch die geheimen Tunnel in die Festung geschafft hatten. Auch ein paar Draka waren unter ihnen gewesen, aber es waren so wenige…Mehr als fünfzehn Clans hatten sich hier versammelt gehabt. Nun war von jedem dieser mächtigen Kriegsstämme vielleicht noch ein Drittel vorhanden. Der König der Norska wandte den Blick ab und sah wieder über die Brüstung seiner Festung auf das Schlachtfeld. Noch immer tobte dort unten ein Kampf, aber mittlerweile nur noch an wenigen Stellen. Dennoch konnte er immer wieder kleinere Gruppen Eleifa erkennen, welche gegen Kragenträger kämpften. Rote Binden an den Armen leuchteten im Licht der untergehenden Sonne. Sie hatten beinahe einen vollständigen Tag gekämpft.

Keral gesellte sich zu ihm und nickte in Richtung Wegetor. "Du musst ebenfalls gehen."

Damon hob eine Augenbraue. "Es klingt fast so, als würdest Du nicht mit gehen."

"Da hast du Recht, ich bleibe. Ich muss Keisha finden."

"Du bist nicht in der Lage dazu, Keral, sieh es ein, du bist verletzt, du bist erschöpft, du warst fast drei Tage ununterbrochen auf den Beinen, wurdest von einem Zwangskragen befreit und niedergeschlagen, es ist ein Wunder, dass du noch lebst….ständig zieht einer von euch aus, um den anderen zu retten und jedes Mal kommt nur einer zurück, welcher sofort wieder aufbricht um zur Rettung zu eilen. Keisha ist stark, sie wird es schaffen, außerdem ist dieser andere Draka auch irgendwo in ihrer Nähe. Die beiden waren ja nur schwer von einander zu trennen und sie sind genauso wie du….sie eilen sich auch ständig gegenseitig zur Hilfe und schaffen es trotzdem nicht, sich zu helfen, sondern bringen sich nur wieder selbst in Schwierigkeiten."

Keral atmete tief durch und folgte Damons Blick über den Kampfplatz. "Du hast so Recht, mein Freund. So Recht. Aber was sollen wir tun? Vor allem, was sollen wir in der Wüste? Wir sind dort vielleicht kurzfristig sicher, aber Mandrek und Zedar werden auch dort hin kommen und es wird wieder von vorne beginnen."

"Wir schaffen uns Zeit, Keral. Zeit ist etwas wertvolles und wir benötigen viel davon, um einen Plan auszuarbeiten, wie wir mit Mandrek und Zedar zurecht kommen wollen." Der König der Norska seufzte und begab sich mit Keral zusammen zu dem flimmernden Loch in der Luft. Keral sah sich noch einmal um, dann atmete er die kalte Luft des Nordens ein letztes Mal tief ein, warf ein Stoßgebet für Keisha gen Himmel und folgte Damon.

Keisha saß weiterhin auf dem Boden, die Füße unter sich gefaltet und ihr Blick ging ins Leere. Leif hatte das Zelt vor einer halben Stunde verlassen, um ihr Zeit zu geben, über sein Angebot nach zu denken. Sie hatte die Wahl. Entweder sie half Leif Zedar zu besiegen, oder er würde ihr den Kragen anlegen und sie dazu zwingen, ihm zu helfen. Der Einzige Grund, aus dem er dies nicht tat, war, dass er nicht wusste, wie die Macht genau funktionierte, die in ihr steckte. Sein ursprünglicher Plan hatte Nirsa mit einbezogen, doch er konnte ihr nicht mehr trauen, also brauchte er eine andere Quelle der Macht. Mit seinen kleinen Tricks hatte Leif keine Chance, alleine gegen Zedar an zutreten.

Die Draka kaute auf ihrer Unterlippe. Eigentlich gab es keine Wahl. Sie musste ihm helfen. Danach konnte sie sich immer noch um den Eleifa kümmern, die Hauptsache war, dass Zedar aus dem Weg geschafft wurde. Sie schloss ihre Augen und lauschte in die Umgebung. Vor kurzem hatte sie gespürt, wie ein Wegetor in der Festung eröffnet worden war. Es musste ein sehr großes gewesen sein, wenn sie es hier im Lager spürte. Die Luft flirrte förmlich vor Machtsträngen. Zwischen all den Strängen hatte sie das Gefühl eine ihr nur allzu gut bekannte Präsenz zu spüren. Ein Echo ihrer eigenen Persönlichkeit, welches sie nur in ihrer Schwester gefunden hatte. Aber ihre Schwester war tot. Sie hatte die Schmerzen von ihr gefühlt, sie hatte gespürt, wie ihr Geist in die andere Welt über getreten war…

Keisha öffnete ihre Augen wieder und schüttelte den Kopf. Sie durfte sich nicht ablenken lassen. Sie hatte ihre Wahl getroffen und sollte sich einen Plan zurecht legen, wie sie Zedar vernichten würde…und danach Leif. Ein trockenes Lachen entwich ihrer Kehle. Wie kam sie überhaupt auf den Gedanken, alleine gegen Zedar antreten zu können? Sie war unausgebildet, sie wusste ja kaum mehr über die Kräfte, die in ihr wohnten, als Leif. Sie brauchte jemanden, der sie leiten konnte. Und sie brauchte Zeit. Leider war Zeit etwas, dass ihr nicht zur Verfügung stand, genausowenig wie ein Mentor.

Zhara strich mit ihren schlanken, dunklen Fingern geistesabwesend über ihren Hals. Ihre Fingerspitzen berührten die Haut dort, wo sie einst von schwarzem Stahl umschlossen war. Der Morgen war angebrochen. Borack saß vor ihr und briet ein Eichhörnchen am Spieß über einem kleinen Feuer.

„Was ist mit dir?“ Die Stimme des Norska holte sie aus ihren Tagträumen. Er schaute sie besorgt an. „Hast du Schmerzen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich bin nur etwas verwirrt. Die letzten Tage… alles verschwimmt in meinen Kopf und immer wenn ich glaube, etwas erkennen zu können – mich zu erinnern – löst es sich in Rauch auf und ich…“ bleibe allein zurück, schloss sie den Satz in Gedanken, nackt und frierend.

Der Norska nickte bedächtig, den Blick ins Feuer gerichtet. „Ich denke, das ist wohl normal. Es wird sich bessern, ganz bestimmt. Du wirst dich erinnern.“ Dabei legte er die Stirn in tiefe Falten und, wie Zhara bei den Gesprächen zuvor bereits aufgefallen war, schien es ihm nahezu unmöglich, ihr dabei in die Augen zu sehen. Stattdessen betrachtete der das Eichhörnchen, betastete es, schnupperte daran und reichte es ihr schließlich.

„Koste. Ist besser als gar nichts.“

Es war sogar sehr gut, befand Zhara. Sie war mit einem knurrenden Magen aus ihrem Todesschlaf erwacht und seither erschienen ihr nicht nur alle Farben strahlender und Geräusche lauter, sondern es schmeckte auch alles viel intensiver. Die Beeren, das Fleisch, ja sogar Wasser oder besser, der Schnee, den sie sich zum Schmelzen auf die Zunge legte.

Während sie aß schweiften ihren Gedanken zu Keisha und Syrian ab und auch zu ihrem Vater. Was mochte mit ihnen allen geschehen sein, wie lief der Krieg? Gewannen sie, verloren sie? Unzählige Szenarien gestalteten sich in ihrem Kopf, eines schrecklicher als das andere. War vielleicht niemand mehr am Leben außer ihr? Sie fröstelte.

„Wann können wir endlich los? Wie lange wollen wir hier noch warten und sinnlos Zeit verstreichen lassen?“

„Bis du wieder zu Kräften gekommen bist“, antwortete Borack.

„Mir geht es gut“, beteuerte sie. „Was auch immer man mir gegeben hat. Mir geht es gut!“

Er seufzte und sah sie aus traurigen Augen an. Diesen Blick von ihm kannte sie bereits. Es erinnerte sie jedes Mal an ihren Vater und vielleicht war das auch der Grund, warum sie ihm vertraute.

„Wenn du gehen kannst“, begann er, „werden wir noch heute aufbrechen. Einverstanden?“

Sie nickte und biss noch einmal von dem mageren Nagetier ab.

Es war vollbracht, doch zu welchem Preis?

Der Gegner lag niedergestreckt vor ihm am Boden und mit seinem Untergang war auch dieses entsetzlich grelle Licht verschwunden. All seine Kräfte hatte er aufgeboten und noch mehr. Sehr viel mehr. Der Dämon hatte jeden Rückhalt über Bord geworfen und war mit aller urgewaltigen Wucht vorangeprescht. Hjaras übriggebliebener Geist war kaum der Überraschung fähig gewesen, bevor es ihn zermalmt hatte. Doch nun musste der dunkle Begleiter dafür zahlen, denn den Mächten der Unterwelt hielt kein menschlicher Körper stand. Erst kochten ihm die Augen aus den Höhlen, dann fingen Haare und Kleidung Feuer. Als nächstes schmolzen ihm Haut, Sehnen und Muskeln von den Knochen, bevor auch diese letztendlich zerbarsten. Ein Hagel aus verkohlten Innereien und Knochensplittern regnete auf das Schlachtfeld nieder. Der Dämon war frei, doch war Freiheit für seinesgleichen ein falsches Wort. Seine Existenz, Rauch und Schatten ohne Wirt, lief Gefahr vom kalten Wind über die weiten Lande bis in die Vergessenheit geweht zu werden. Mühsam hangelte er sich von einem Sterbenden zum Nächsten, labte sich an ihrem Leid, ihren Schmerzen und Klagerufen. Aber es würde nicht für ewig reichen. Der Gestank des Todes, der über allem hing, nährte ihn zwar, doch ohne einen festen Körper war er dem Untergang geweiht. Er schlich auf das Lager zu, hier, wo zwischen den Zelten neue Opfer eilig umherliefen. Schnell jedoch bemerkte er, wie ungeeignet sie waren. Von schwachem Geist, kaum fähig im standzuhalten. Unermüdlich suchte er, der Verzweiflung nahe und dann, sein Glück kaum glauben könnend, fand er den idealen Wirt. Ein starker Geist, ein starker Körper. Und das Beste daran war, dieser hier war seinem Vorgänger erstaunlich ähnlich.

Als Mandrek aus dem Zelt geschritten kam, blieb Syrian wie angewurzelt stehen. Er hatte zwar noch den teilnahmslosen Blick aufgesetzt, den jeder Kragenträger im Lager trug, dennoch wusste er nicht, wie weit Mandreks Mächte reichten, ob er einen Betrüger erkennen würde oder nicht. Doch der Eleifa schenkte niemandem Beachtung, sondern entfernte sich hoch erhobenen Hauptes und offenbar außerordentlich zufrieden.

Rasch ging er seine Möglichkeiten durch. Sich den Eintritt zum Zelt mit Waffengewalt zu verschaffen, schied bei der Vielzahl an Feinden im Lager aus, auch wenn viele desorientiert und von den Kämpfen verwundet kreuz und quer liefen. Diese Unruhe ließe sich sicher ausnutzen, dachte er, bloß wie?

Da befiel ihn ein eiskalter Schauer. Er kroch seinen Rücken hinauf, ließ ihm die Nackenhaare zu Berge stehen und setzte sich in seinem Kopf fest.

… Syrian…

Er wirbelte herum. Niemand schien sich für ihn zu interessieren. Alle waren damit beschäftigt, die Flüchtigen zu verfolgen und ihre Verwundeten zu heilen. Woher war dann diese Stimme gekommen?

… Syrian…

Mit einem Schwerthieb wollte er sich dem Fremden erwehren, doch da war niemand. Schweiß brach ihm aus allen Poren. Dann sah er ihn. Hjara. Grinsend stand der Heerführer einige Meter von ihm entfernt, breitbeinig, die Arme vor der Brust verschränkt, und schien ihn zu verhöhnen.

Syrian glaubte seinen Augen nicht, blinzelte mehrmals und da war sein Vater auch schon hinter dem nächsten Zelt verschwunden. Ohne darüber nachzudenken, rannte Syrian ihm hinter her. Kaum da, sah er den Schatten weiter vorn wieder verschwinden. Seine Gedanken raste jetzt beinah ebenso schnell, wie ihn seine Füße dem Gespenst seinen Vaters hinterhertrugen. Ihm war bewusst, dass Hjara an der Schlacht teilnahm, doch warum sollte er sich ganz allein mitten im Feindeslager aufhalten? Das ergab keinen Sinn.

Er kam an eine Feuerstelle, wo er den Schatten verlor. Verwundert sah er sich um und tatsächlich, hier war er ganz allein. Das Feuer brannte und dicht daneben lagen ein Bogen und ein Köcher voller Pfeile. Syrian schaute auf und konnte die Wimpel von Mandreks Zelt erkennen. Ein Plan reifte in ihm heran. Er nahm einen der Pfeile, dessen Schafft knapp oberhalb der Spitze mit Stroh umwickelt war, und hielt ihn in die Flammen. Dann spannte er den Bogen und zielte. Bei Feuer würden sie dafür sorgen, dass alles aus Mandreks Zelt in Sicherheit gebracht würde. Oder? Zu spät um lange darüber nachzudenken. Er schoss und warf gleich darauf den Bogen wieder weg. Rasch rannte er den Weg, den er gekommen war, zurück und kaum angekommen, sah er auch schon, wie das Dach des Zeltes in Flammen aufging.

Anfangs schien es niemand zu bemerken und die vagen Zweifel wurden zu brüllenden Vorwürfen. Wie konnte er Keisha nur so in Gefahr bringen? Sie würde dort drinnen verbrennen!

„Feuer!“ Erst glaubte Syrian, die Worte wären aus seinem eigenen Mund gekommen, doch es war ein Eleifa, der prächtigen Rüstung zufolge hochrangig, der es ausrief. „Feuer!“

Der Soldat lief zum Zelt und befahl den Wachen, hineinzugehen und alles Wertvolle zu retten. Doch in einem Anflug von Überheblichkeit hatte Mandrek seine Wachen durch Kragenträger ersetzt, die einzig und allein seinem Befehl gehorchten. Der Eleifa sah sich wutschnaubend um.

„Du da!“, rief er. Syrian kam auf ihn zu. „Geh da rein und hol raus, was du kriegen kannst. Nun los!“

Das ließ sich Syrian nicht zweimal sagen und mit einem Satz war er in Mandreks Zelt.

Ihm schien die Sonne ins Gesicht. Hell und brennend. Der Wind strich ihm über die Wangen und trug feinen Sand mit sich. Varren schlug die Augen auf. Die weiße Scheibe am sattblauen Himmel begrüßte ihn in der Heimat. Erleichterung erfasste sein Herz, das sich gleich darauf wieder verkrampfte, als die Erinnerung in Form eines geflügelten Ungeheuers feuerspeiend durch seinen Kopf stieß. Schreiend setzte er sich auf.

Gleißende Wüste erschreckte sich bis zum Horizont dessen Ferne im Wabern der Hitze trügerisch nah wirkte. Keine grünen Felder mehr, kein Rauch, keine Flammen und erst recht keine Bestie. Varren atmete schwer, besah sich seine verkohlte Kleidung, die seinem Wunsch widersprach, dass alles nur ein Traum gewesen sein mochte.

Der König!, durchfuhr es ihm. Er sah sich nach allen Richtungen um und tatsächlich lag jemand nur wenige Schritte neben ihm. Unter Stöhnen erhob sich Varren, wobei jede Bewegung schmerzte. Unsicher stapfte er auf den anderen zu. Als er nah genug war erkannte er den Weisen, Rahsann war sein Name, der auf dem Rücken lag und ebenso in die Sonne stierte, wie Varren selbst zuvor.

„Ihr“, krächzte der Weise. „Ihr… seid ihr echt?“

Er kniete sich neben ihn. „Bin ich und ihr auch.“

Rahsann blinzelte, dann stützte er sich auf die Ellenbogen. „Dann haben wir es geschafft. Durch das Tor.“

Varren nickte und bemerkte, dass sein Mitstreiter ebenfalls nicht ohne Blessuren davongekommen war. Seine linke Hand war rot und voller Pusteln und seine Kleidung angesengt und verkohlt.

„Wo sind wir hier?“

Der Weise sah sich um, dann deute er in eine Richtung. Varren folgte dem Fingerzeig und erkannte den Umriss eines Dorfes.

„Mein Heimatdorf“, erklärte Rahsann. „Es war das Einzige, woran ich denken konnte, als wir…“, er schluckte, „… angegriffen wurden.“

Varren nickte. Es klang vernünftig und er war dem Mann zu Dank verpflichtet. Ohne ihn wäre er jetzt nur Staub. Dennoch blieb die Frage offen: wo war der König?

Der Weise wollte sich aufrichten. Varren half ihm hoch. „Habt Ihr Amwendu gesehen?“

Rahsann schüttelte den Kopf. „Nein. Wir sollten zum Dorf. Sicher kann man uns dort helfen.“ Einander stützend gingen sie voran, wobei Varren immer wieder besorgte Blicke zurückwarf. In steter Erwartung, das Schlagen gigantischer Flügel zu hören.

Bashira atmete die heiße Wüstenluft tief ein, als sie auf der Fläche vor dem, in den Felsen gehauenen, Palast Amwendus ankam. Ein kühler Windstoß aus der Richtung des Wegetors erinnerte sie an die verheerende Niederlage, der sie soeben entkommen waren. Rasch füllte sich der Platz mit riesenhaften Norska, welche teilweise mit ungläubigen Blick auf die weiten Sand-Dünen aus dem Tor taumelten, sich immer wieder umsahen um dann kraftlos auf den Boden zu sacken. Nie hätte die Weise gedacht, dass die rauen, muskelbepackten Nordländer der Mut verlassen könnte. Missmutig zählte sie die Draka, welche durch das Tor kamen. Es waren kaum Krieger ihres Volkes über geblieben. Nun, sie hatten auch nicht viele mitgenommen. Zumindest war Hjara nicht unter den Überlebenden. Zum Glück hatte sie den Großteil der Weisen retten können. Ihr Blick wanderte weiter zum hellblauen Himmel und der gleisenden, erbarmungslosen Sonne. Es war noch früh am Tag, dennoch mussten sie die hellhäutigen Norska bald aus der Sonne bringen, wenn sie nicht tagelang wegen verbrannter Haut gepflegt werden mussten. Bashira richtete ihre Stola, klopfte ein wenig Staub von ihrem weiten Rock und der weißen Bluse, dann fing sie an Befehle zu erteilen. Ein grimmiges Lächeln umspielte ihre vollen Lippen. Zedar würde sterben, für das, was er ihr und ihrem Volk angetan hatte. Wie, war ihr egal, aber sie würde dabei sein, wenn er seinen letzten Atemzug auf dieser Welt tätigte.

Ihre Augen zogen sich zusammen, als sie eine kleine Gruppe Eleifa entdeckte, welche hinter Keral und Damon durch das Tor eilten. Keral hatte ihr zugerufen, dass diese Eleifa auf ihrer Seite kämpften. Bashira konnte es durchaus verstehen, dennoch hegte sie eine ungebrochene Abneigung gegen das hellhäutige Volk. Sie selbst erinnerte sich durchaus noch daran, was die Fehde zwischen ihren Völkern ausgelöst hatte. Zedar war damals nicht unschuldig daran gewesen, auch wenn er noch sehr jung gewesen war. Sie atmete tief durch und wandte sich ab um weitere Befehle zu verteilen. Sie durfte nicht darüber nachdenken, WIE alt sie bereits war. Die stetige Nutzung der Macht verlangsamte den Alterungsprozess sehr stark. Je früher man damit anfing, desto besser. Bashira fragte sich, wo Keisha war. Hätte sie die junge Frau schon vor Jahren von Usamaa und Syrian getrennt, hätte sie sie bereits an sich gebunden und zu ihrem Werkzeug machen können.

Leif fuhr herum, als die ersten Schreie erklangen und seine blassblauen Augen funkelten zornig, als er sah, WO das Feuer ausgebrochen war. Sein Sklave würde Keisha dort halten, wo sie war, es sei denn, sie würde ihn töten. Ihr traute er es sogar zu, aber es gab noch die Wachen vor dem Zelt. Sie würde ihm nicht entkommen, nicht jetzt, wo er seinem Ziel so nahe war. Er hatte sich vergewissert, dass die Truhe mit Mandrek gut verschlossen entsorgt worden war, er hatte Keisha ein Angebot unterbreitet, es fehlte nur noch ihre Zustimmung und bei den alten Göttern, er wusste, dass sie ihn genauso brauchte, wie er sie, um Zedar zu zerstören. Danach war es nur eine Frage des Schicksals, wer von ihnen schneller reagierte und den anderen tötete. Leif hatte durchaus nicht vor, Keisha zu töten. Sie war interessant. Und ihre Macht wäre der ideale Quell für seine Zukunft.

Mit langen Schritten eilte er zu seinem Zelt, von dem die Flammen bereits hoch in den Himmel schossen. Eleifa und Kragenträger liefen in ständigem Strom hinein und wieder hinaus um Mandreks persönliche Dinge zu retten. Die meisten davon waren Leif egal. Dann entdeckte er einen hochgewachsenen Draka, welcher sich soeben das Zelt betrat. Entweder hatten Leifs Augen ihm einen Streich gespielt, oder der Draka hatte keinen Kragen getragen. Seine Augen wurden zu schmalen Schlitzen und er zog seine schlanke, rasiermesserscharfe Klinge. Niemand würde seinen Plan jetzt durchkreuzen, erstrecht kein daher gelaufener Draka.

Keisha rümpfte ihre Nase. Es roch angebrannt. Ihr Blick glitt durch das Zelt, bis sie die kleine Flamme entdeckte, welche rasch größer wurde. Das Loch, durch welches der beißende Rauch normalerweise abzog brannte in kürzester Zeit lichterloh und die Flammen fraßen sich rasend schnell durch die Leinenwände des Zeltes. Als sie sich erheben wollte, prallte die Pranke des Norskas auf ihre Schulter und drückte sie erbarmungslos zurück in die Hocke. "Verdammter, hirnverbrannter Idiot." entfuhr es ihr und sie packte den Riesen am Handgelenk um ihn über ihre Schulter zu werfen. Nun…zumindest hatte sie es vor gehabt. Der Norska rührte sich nicht einen Millimeter von der Stelle, sondern zeigte ihr nur eine erstaunliche Anzahl an Zähnen. Fluchend griff sie mit Hilfe ihrer Kräfte hinaus zu seinen Gedanken und prallte an ihnen ab, als sie gegen eine unsichtbare, elastische Mauer rannte. Mandreks eigener Befehl. Sie fing an zu husten. Beißender Rauch schlich sich in ihre Lunge und brannte in ihren Augen. Der Kopf des Norskas verschwand in dunklen Schwaden und helle Flammen schossen nun auch aus den Seitenwänden des Zeltes. Immer wieder konnte sie Schatten ausmachen, welche in das Zelt huschten und irgendetwas raus holten. Die Luft wurde knapp. Erneut versuchte sie sich von dem eisernen Griff des Norskas zu befreien, doch die Finger lösten sich nicht im geringsten. Eher drückte noch das Gewicht des Kragenträgers auf sie. Sie hörte ein starkes Husten von oben. Es war nur eine Frage der Zeit bis der Norska zusammenbrechen würde, doch eine andere Frage war es, ob sie selbst so lange bei Bewusstsein bleiben würde. Die Welt fing an sich zu drehen und das letzte, was sie hörte war: "Lass sie los und bring sie auf dieser Seite hinaus. Bleib nicht stehen, ehe du den großen Wald erreicht hast. Und lass sie nicht entkommen, aber sorge dafür, dass sie überlebt."

Keisha spürte noch, wie sie wie ein Sack Kartoffeln hochgehoben und über eine Schulter geworfen wurde, danach war die Welt dunkel.

Usamaa betrachtete die Eleifa mit misstrauischem Blick. Einer davon grinste ihn offen an. Es war der Krieger, gegen welchen er nun schon zweimal gekämpft hatte. "Vorübergehend stehen wir wohl auf der gleichen Seite." Jorek reichte dem Draka die Hand. Der Prinz hob eine dunkle Augenbraue und sah in die hellen Eleifaaugen, ehe er sie ergriff. Jorek war ein guter und fairer Gegner gewesen. Er hoffte, dass er nun ein ebenso guter Verbündeter sein würde. Allerdings durfte er ihm nicht im Weg stehen, wenn er nach der Macht seines Vaters griff.

"Usamaa, trödel nicht dort drüben herum, bring deine Männer hier her und sorge dafür, dass diese Norska und Eleifa aus der Sonne kommen, sonst können sie sich in den nächsten Tagen die Haut in Streifen ab ziehen und ich habe kein Interesse daran Pflegerin für jammernde Feuchtländer zu spielen. Damon, Keral, sucht Eure Generäle zusammen, wir treffen uns in zwei Stunden im großen Saal. Miranda wird Euch zeigen, wo sie ist…." Bashira fuhr fort Befehle zu erteilen und Usamaa stieß es sauer auf. Oh wie er diese Hexe hasste. Nicht sie sollte Befehle erteilen. Er sollte es während der Abwesenheit seines Vaters. Wütend pfefferte er einen seiner Kurzspeere in den Boden und stapfte zu den anderen Draka um den Norska den Weg in die Felsenfestung zu zeigen.

Jorek blieb an seiner Seite und betrachtete die halb aus dem Felsen eines riesigen Berges herausgehauene Festung. "Ihr wohnt tatsächlich in einem Berg." es war eher eine Feststellung als eine Frage, dennoch fuhr der Prinz ihn an. "Und? Zumindest ist es kühl dort drinnen."

Jorek grinste, so dass die für Eleifa so typischen spitz zulaufenden Eckzähne zum Vorschein kamen. "Ich habe mich nicht beschwert. Ich finde es eher beeindruckend."

Ysketh stand an der Brüstung in einem der unzähligen Säulengänge, die die Außenwand des Palastes durchzogen. Die Hände auf den kühlen Stein gestützt ließ er den Blick über die Stadt und die Wüste streifen. Ein weiteres Zahnrad seines Planes hatte sich in Bewegung gesetzt. In der Nacht hatten die Rebellen die Pestleichen in der ganzen Stadt verteilt. Bald schon würden Tod und Seuche grassieren und es würde ein leichtes werden, hier einzumarschieren. Ysketh sah nach Norden und fragte sich, wie Mandreks Krieg wohl verlief. Zweifel an seinen eigenen Fähigkeiten kamen ihm nicht, doch wie stand es um den Eleifaherrscher? Führte er sein Heer in den Sieg, waren Yskeths Anstrengung noch notwendig oder die Schlacht bereits verloren?

Es war früh am Morgen, die Luft noch verhältnismäßig kühl. Er sog sie tief ein um die Gedanken zu vertreiben. Mandrek war siegreich, ganz sicher. Er würde kommen, Yskeths Leistung würdigen und ihm die Entlohnung zuteilwerden, die er sich schon lange ersehnte.

Auf dem Vorplatz des Palastes blitzte etwas auf. Dann traten Gestalten aus dem Nichts hervor. Draka, Norska und… Eleifa. Ysketh beugte sich tiefer herab und konzentrierte sich auf die weißgewandte Gestalt an der Spitze.

Bashira! Verdammt! Als er vernommen hatte, dass sie ins Nordreich gereist war hätte er Luftsprünge machen können, jetzt würde wieder alles sehr viel komplizierter werden. Er griff seinen Stock und machte sich auf den Weg zum Thronsaal um sie dort zusammen mit dem Hohen Rat zu empfangen.

Augenblicklich war er von schwarzem Rauch umhüllt. Die vielen Decken und Felle hatten Feuer gefangen und brannten lichterloh. Syrian verfluchte den Luxus, den sich Mandrek geleistet hatte und versuchte durch die dicken Rauchschwaden etwas zu erkennen. Schatten huschten an ihm vorbei, krallten sich irgendetwas und verschwanden wieder hinaus. Offenbar hatte er nun alle geweckt. Doch interessierten ihn weder die Habseligkeiten, noch die Sklaven, die gegen ihren Willen ins Feuer geschickt wurden. Er wollte nach Keisha rufen, es schoss ihm aber sofort Rauch in den Mund, als er die Lippen öffnete. Hustend ging er in die Knie, eine Hand vor Mund und Nase gepresst. Da bemerkte er, dass die Luft hier unten noch einigermaßen erträglich war. Die Augen zu Schlitzen verengt sah er sich um und tatsächlich erkannte er eine kniende Gestalt, die gleich darauf aus seinem Sichtfeld gehoben wurde. Jemand stieß gegen ihn und Syrian fuchtelte mit dem Schwert gegen den Angreifer. Eine massige Gestalt schob sich rasch an ihm vorbei und als er ihr hinterhersah, schien ihm kurz die Sonne entgegen als die Zeltplanen geöffnet wurden. Dabei erkannte er für einen kurzen Moment einen Norska, der sich jemanden über die Schultern geworfen hatte. Rote Haare – Keisha!

Er wollte hinterher, da wurde er von hinten gepackten und tiefer ins brennende Zelt geworfen. Er rollte über Flammen, die ihm die Haare und die Kleidung versengten.

„Brenn, du Wüstenmade!“, brüllte ihm jemand entgegen. Dann knackte es laut und das gesamte Zelt geriet in Bewegung. Syrian sah sich vom Feuer umringt, während über ihm die Halterungen aus Holz barsten. Er musste raus.

Rasch ließ er sich zur nächsten Zeltwand zurückfallen und schlitze sie mit dem Schwert auf. Draußen nahm ihn die kalte Nordluft in Empfang.

Köcher und Bogen geschultert überprüfte Borack den Sitz des Schwertes an seiner Hüfte und den kleinen Beutel mit kargen Vorräten. Ein paar Blätter und Beeren; das Fleisch hatten sie sofort verzehren müssen.

„Wir werden öfter rasten müssen um an Nahrung zu kommen. Wenn du durstig bist, nimm einfach eine Hand voll Schnee.“ Er sah zu Zhara und war erstaunt, wie genesen sie wirkte. Sie hatte sich die Decke zurecht geschnitten und so um den Körper gebunden, dass die wichtigsten Stellen gewärmt wurden. Aber nicht nur das war es. Sie stand aufrecht, wirkte ausgeruht, voller Tatendrang und sah ihn mit einem herausfordernden Blick an, den er zwar von seiner Tochter so nicht kannte, der ihr aber sicher gut gestanden hätte.

„In Ordnung, aber ich bin auch nicht zum ersten Mal in der Wildnis“, entgegnete sie und schielte dabei auf das Schwert. „Ich könnte auch eine Waffe gebrauchen.“

Einen Moment lang überraschte ihn diese Bemerkung. Natürlich hatte sie recht und ihm fiel kein Grund ein, es ihr zu verwehren.

„Lieber den Bogen oder die Klinge? Bedenke, dass wir ersteres zum Jagen brauchen.“

Sie schien einen Moment lang darüber nachzudenken, dann nickte sie. „Es ist deine Heimat, du solltest jagen. Ich nehm das Schwert.“

Sie schwang es ein paar Mal äußerst geschickt und einen irritierenden Augenblick lang dachte Borack daran, wer hier eigentlich wen beschützte.

Sie schlugen einen Pfad ein, der den tiefen Schnee möglichst mied und sie nah an den Waldrändern entlang führte. Borack hoffte darauf, somit etwaigen Verfolgern die Spur zu erschweren und notfalls Deckung zu finden ebenso wie Nahrung.

„Was meinst du, wie lange wir brauchen werden?“, fragte sie.

„Vor Anbruch der Nacht sollten wir auf jeden Fall da sein“, antwortete er. Beiden lag die Frage auf der Zunge, was dann geschehen sollte. Wenn sie vor einem riesigen Heer Eleifa standen, die gerade im Begriff waren, die Festung einzunehmen. Dann standen sie beide gegen eine Armee und dann? Er richtete seine Gedanken weiter gen Norden, zu den Dörfern, die er einst Heimat genannt hatte. Dorthin hätte man flüchten können, keine Armee nahm dieses öde und unwirtliche Land freiwillig ein. Dort, hoch oben auf dem Dach der Welt, hätte man sich ein Leben aufbauen können, wäre es für Borack nicht völlig unmöglich gewesen, zurückzukehren. Nein, das war keine Möglichkeit. Blieben noch der Süden, ihre Heimat, oder der Westen, die unbekannten Länder jenseits der Weite.

Borack fasste sich an die Brust. Wofür auch immer sie sich entscheiden mochten, er durfte nicht allzu viel Zeit dafür aufwenden. Was auch immer noch in seinem Fleisch steckte, es bahnte sich unaufhaltsam seinen Weg zum Herzen.

Die Dorfbewohner waren wahnsinnig freundlich. Sie gaben ihnen von dem wenigen Wasser und Essen, das sie hatten, legte sie auf weiche Liegen und behandelten mit Geduld und Sorgfalt ihre Wunden.

Varren, von Erschöpfung gepackt, nickte immer wieder kurz ein, versank in Alpträumen aus Finsternis und Feuer. Wenn er hochschreckte erwartete ihn jedes Mal ein freundliches Gesicht, das ihn behutsam zurück aufs Stroh drückte und seine Stirn betupfte.

Rahsann erging es offenbar ähnlich. Sie lagen in derselben Hütte. Man hatte sich um seine Verbrennungen gekümmert, so gut es ging. Jetzt schien auch er immer wieder einzudösen, stöhnte und seufzte dabei und fuhr dann schreiend hoch.

„Der König“, sagte Varren zu der jungen Frau an seinem Bett, „habt ihr ihn gefunden? Bitte, sagt es mir.“

Sie nickte. „Mein Vater und meine Brüder und mein Sohn und alle anderen Männer suchen nach ihm. Beruhigt Euch nun und schlaft. Wir werden ihn finden.“ Dann erhob sie sich und ging zu dem Weisen hinüber.

Varren glaubte ihr, wollte es auch nur zu gern und war schon wieder eingeschlafen.

Unruhe und Geschrei weckten ihn. Erst glaubte er auch Rauch zu riechen und fühlte sich dabei wieder an den grässlichen Schlund zurück versetzt. Die Rettung durch das Tor und das Dorf – nur ein Traum.

Mit pochendem Herzen öffnete er die Augen. Er lag noch immer in der Hütte und der Rauch kam von einem kleinen Stäbchen, welches einen heilenden Duft verbreiten soll. Rahsann schlief, wie es schien. Sonst war niemand bei ihm. Dafür herrschte draußen gehöriger Aufruhr. Ächzend erhob er sich und schlurfte quer durch den Raum zu dem Laken, welches anstelle einer Tür den Ausgang markierte. Er hob es an und schirmte seine Augen gegen die Sonne ab.

Die wenigen Hütten, aus denen das Dorf bestand, waren um einen Brunnen drapiert, wo sich offenbar die meisten Bewohner nun eingefunden hatten.

Varren humpelte auf sie zu. Als er näherkam sah er, dass sie alle auf eine bestimmte Hütte starrten, die Hände vor den Mund hielten und immer wieder ungläubig den Kopf schüttelten.

„Was ist los“, wollte er wissen, doch alle, die er fragte, wichen ihm aus. Bis er schließlich auf die junge Frau traf, die ihn versorgt hatte. „Was ist geschehen?“

Sie hatte Tränen in den Augen. „Der König“, sagte sie und deutete dabei auf die Hütte. Etwas Bleischweres setzte sich in Varrens Brust fest, ließ sein Herz sinken. Er stolperte vorwärts und betrat die Hütte.

Schmerzen. Flammende Schmerzen. Amwendu öffnete seine Augen und sah…nichts. Es blieb so dunkel wie zuvor. Er versuchte seine Hände zu Fäusten zu ballen und schrie vor Schmerzen auf. Eine Hand drückte ihn vorsichtig zurück auf eine Liege und selbst das schmerzte, als würde er in Feuer getaucht werden. Er schloss seine Augen wieder, auch wenn dies nutzlos war und konzentrierte sich. Er musste die Schmerzen zur Seite schieben. So wie ein Draka es von Kindesbeinen an lernte. Nach und nach verblassten sie und er lauschte auf seinen Körper. Er starb. Wenn kein Weiser aufzutreiben war, der etwas von Heilung verstand, würde er sterben. Diese Erkenntnis traf ihn mit eiskalter Klarheit, dennoch schockte sie ihn nicht. Dass er irgendwann im Kampfe sterben würde, das war ihm klar gewesen. Er hatte nur gehofft, dass es nach einem erfolgreichen Kampf sein würde…oder gegen einen würdigen Gegner…Allmählich drangen aufgeregte Stimmen an seine Ohren.

"Er hat seine Augen geöffnet, ich schwöre euch, ich habe es gesehen."

"Nein, Ihr könnt nicht rein, er ist schwer verletzt."

"Das ist mir egal, ich muss mit ihm sprechen."

"Haltet ihn auf, der König benötigt Ruhe."

"Der König liegt im Sterben…."

"Schweig, sag so etwas nicht."

"Ich weiß, wann ein Mann verloren ist. Sieh ihn dir an, er ist eine einzige Brandwunde…"

Amwendu atmete tief ein. Zu viele Informationen. Er wollte gar nicht wissen, wie er aussah. Er hatte nur eine Stimme aus dem Tumult erkannt. Varren. Vorsichtig öffnete er den Mund. Er war so trocken. Mehr als ein rauher, undefinierbarer Laut kam nicht hervor. Einen Augenblick später spürte er einen kurzen Schmerz als man ihm einen Becher an die Lippen hielt und seinen Kopf anhob, um ihm köstliches, kaltes Wasser einzuflösen.

Leif überprüfte den Puls der Draka, dann nickte er erleichtert und bedeutete dem Kragenträger ihm zu folgen. Dieser brennende Pfeil war kein Zufall gewesen. Hier wollte jemand entweder einen Anschlag auf sein Leben oder ein Ablenkungsmanöver zur Befreiung der Draka durchführen. Letzteres war wahrscheinlicher. Er betrachtete kurz seine Hand und griff zu der Feldflasche um einen tiefen Schluck daraus zu nehmen. Die Wirkung des Trankes lies viel zu schnell nach, er musste daran noch arbeiten, wenn er nicht mitten in einem Kampf die Gestalt wechseln wollte. Zumal das vollständige Wechseln der Gestalt ein relativ schmerzvoller Prozess war.

Ein Eleifa kam auf ihn zu gerannt und blieb vor ihm stehen um zu salutieren. "Lord Mandrek, ich freue mich, Euch berichten zu können, dass die Festung eingenommen wurde…."

Leif hob eine Augenbraue. "So schnell? Was ist passiert?"

"Die Norska…" der Bote verstummte.

"Lass dir nicht alles aus der Nase ziehen." entfuhr es Leif. Er musste die Draka irgendwo verstecken und ihr vielleicht doch einen Kragen anlegen. Ihm lief die Zeit davon.

"Sie sind weg. Sie und die restlichen Draka. Einer unserer Spione meldete, dass sie durch eine Art Loch in der Luft in die Wüste gegangen sind."

Leif spitzte die Lippen. Ein Wegetor also. Und Keisha hatte man zurück gelassen. Das hätte er nicht erwartet. "Sichert die Festung und nehmt alle gefangen, die sich euch noch entgegenstellen. Dann sorge dafür, dass alle Bannergeneräle benachrichtigt werden. Sie sollen zusammenpacken. Wir werden in Richtung Wüste ziehen."

Ein plötzliches Rauschen am Himmel welchem ein markerschütternder Schrei folgte lies ihn zum Himmel sehen und das was er dort sah lies sogar seine Knie weich werden.

Jorek saugte jede Einzelheit der Festung in sich auf, als er Usamaa und den anderen Draka hinein folgte. Jedes Detail könnte ihm für die Zukunft nützlich sein, sei es, weil er diese Festung verteidigen sollte, oder…nun ja, es handelte sich hier um ein sehr empfindliches und kurzfristiges Bündnis. Niemand konnte wissen, wie die restlichen Draka hier darauf reagieren würden. Anerkennend betrachtete er eine Draka, welche mit schwingenden Hüften an ihm vorbei glitt. Ihre dunklen Augen wirkten wie zwei Seen in denen man ertrinken wollte. Er lächelte in sich hinein. Vielleicht war dieses Bündnis auch für andere Dinge gut. "Ich habe nur wenige Drakafrauen in Kleidern gesehen." bemerkte Jorek und sah der dunklen Schönheit hinterher. "Diese hier trägt eines, allerdings wirkt sie nicht wie eine Weise auf mich…."

Der Prinz der Draka warf ihm einen verständnislosen Blick zu. "Sicher, viele unserer Frauen sind Kriegerinnen, doch wir haben auch Frauen, die sich gegen den Speer oder das Schwert entscheiden. Hätten wir nur Kriegerinnen als Frauen, wäre das Leben eines Drakamannes…nun ja, sagen wir mal schwer. Die Frau, welcher ihr soeben hinterhergestiert habt, ist die Frau eines unserer besten Generäle. Hütet also Eure Finger, wenn Ihr sie noch länger behalten wollt."

Der Eleifa nickte und sein Lächeln wurde breiter. "Ich werde versuchen mich zurück zu halten…." er verstummte als er mit Usamaa zusammen die große Halle betrat und ein ihm aus früheren Schlachten nur zu bekanntes Gesicht entdeckte.

Saiha rümpfte die Nase, als sie durch die Felsenstadt ging. Es war nicht so, dass es wirklich gestunken hätte, aber irgendetwas lies ihre Nasenflügel beben. Sie war froh, endlich wieder die Sonnenstrahlen auf ihrer Haut spüren zu können und vor allem die Wärme dahinter zu fühlen. Auf ihrem Weg zum Turm der Weisen betrat sie eine Gasse und schreckte zurück. Eine schwarzverquollene Leiche lag mitten auf dem Weg und Ratten stoben quieckend davon, als sie sich näherte. Ratten. Hier. Die junge Weise zog kopfschüttelnd ein Tuch aus ihrer Rocktasche und band es sich um Mund und Nase ehe sie sich der Leiche näherte. Wirkten die Schutzbanner gegen dieses Ungeziefer nicht mehr? Sie hielt einen Sicherheitsabstand ein und griff mit Strängen der Macht hinaus um heraus zu finden, was für eine Krankheit diese arme Person niedergestreckt hatte und wunderte sich gleichzeitig, dass niemand die Leiche weggeschaft hatte, dem Status der Verwesung nach zu urteilen, lag sie bereits recht lange hier. Ihre Augen weiteten sich, als sie die Krankheit erkannte. Pest. Niemals hätte sie gedacht, dass der schwarze Tod einmal wieder in die Feste Einzug halten würde. Sie musste jemanden benachrichtigen, sie musste Bashira erreichen. Saiha wirbelte auf dem Absatz um und fing an zu rennen und eine Weise die rannte, egal, wie jung sie war, zog Augen auf sich und die Bewohner der Stadt fingen an, sich zu fragen, was diese Panik ausgelöst haben mochte.

Keral ging wie selbstverständlich durch die Gänge der Festung und nickte immer wieder dem ein oder anderen Draka freundlich zu. Er hatte mehrere Monde hier verbracht. Eine Zeit, welche er, trotz des scheinbar ewig anhaltenden Sonnenbrandes, nicht missen wollte. Er lächelte bei dem Gedanken daran, wie Keisha ihn aufgezogen hatte, als sich seine helle Haut in Streifen gelöst hatte und wie sie ihm danach eine Salbe gegeben hatte, welche die schlimmsten Verbrennungen kühlte und vor Neuen schützte. Keisha…er schloss einen Moment lang die Augen. Er hatte sie zurück gelassen. Aber Damon hatte Recht gehabt. Es hätte nichts gebracht, wenn er alleine wieder los gezogen wäre. Sie hätten sich nur wieder gegenseitig in Schwierigkeiten gebracht. Dennoch spürte er immer noch ihre vollen Lippen auf den seinen. Es war ein flüchtiger Kuss gewesen, kaum mehr als eine Berührung und dennoch wusste er, dass er nicht ruhen würde, ehe sie wieder in seinen Armen lag. Sein Kampf war nun hier, aber er würde sie wieder sehen. In diesem oder im nächsten Leben. Gefolgt von Damon und ein paar der wichtigsten Norska-Clanhäuptlinge betraten sie die große, aus dem Berg hinaus gehauene Halle. Verspiegelte Öllampen tauchten den Felsendom in ein strahlendes Licht. Am hinteren Ende der Halle stand ein thronähnlicher Stuhl aus tiefschwarzem Holz mit feinen Schnitzereien. Drachen, deren fein geschnitzte Schuppen zum Teil vergoldet und versilbert waren, schlängelten sich von der Lehne hinab und bildeten die Armstützen. Das Fell einer gestreiften Raubkatze lag davor ausgebreitet. Rechts und links neben dem Thron standen zwei kleinere Ausgaben davon. Auf einem davon hatte Keisha gesessen, auf dem anderen Usamaa. Der Prinz der Draka bewegte sich nun zielstrebig auf den mittleren Stuhl zu, bis sich Bashira räusperte. Usamaas Gesicht lief rot an. Keral vermutete, dass es eher davon kam, dass er sich ärgerte, als dass es ihm peinlich war.

Die Weise sah sich um und hob eine Augenbraue. "Wo ist Amwendu? Bringt ihn her, wir müssen mit ihm sprechen."

Ein dunkel gewandter Draka trat vor und neigte sein Haupt. "Verzeiht, Weise, aber Amwendu ist vor einiger Zeit mit den meisten der jungen Weisen in das Land der Eleifa aufgebrochen. Bisher ist er noch nicht zurück gekehrt."

Keral hätte sich nie träumen lassen, dass Bashira einmal mehr Emotionen als ein Stein zeigen würde…

Varren stürmte hinaus. Ohne Rücksicht bahnte er sich einen Weg durch die Traube von Dorfbewohner hindurch, stieß jeden beiseite, der ihm nicht schnell genug auswich. Mit langen Schritten erreichte er die Hütte, in der er aufgewacht war. Drinnen erwartete ihn einen rauchig-würziger Duft, den er vorher gar nicht so wahr genommen hatte.

Rahsann lag, sich unruhig im Schlaf windend, auf seiner Liege. Varren packte ihn rüde an den Schultern und rüttelte ihn. „Wacht auf! Nun kommt schon, wacht auf! Euer König braucht Euch!“ Der Weise stöhnte, warf den Kopf hin und her und versuchte ihn schwach abzuwehren. Da erst bemerkte Varren den Schweiß auf Rahsanns Stirn und sah ihn stark zittern. Der Mann fieberte.

„Lasst ihn in Ruhe!“, erklang eine Stimme vom Eingang der Hütte her. Gleich darauf packten ihn vier Arme und Varren ließ sich beinah widerstandslos zurückziehen. Dabei wurde er gewahr, dass es zwei Knaben waren, die ihn in Schach hielten. Die junge Frau, die ihn gepflegt hatte, trat an das Bett des Weisen heran.

„Euer König liegt im Sterben!“, platzte es aus Varren heraus. „Er braucht die Heilkräfte eines Weisen. Nur damit können wir ihn noch vor dem sicheren Tod bewahren, versteht ihr das denn nicht!?“ Ruckartig befreite er sich aus dem Griff der Jungen. Doch als er sich Rahsann nähern wollte, hielt ihn die Draka mit ausgestrecktem Arm zurück.

„Bleibt meinem Mann fern“, befahl sie mit fester Stimme. Varren stockte. Dann tröpfelten ihre Worte langsam in sein Bewusstsein und er erinnerte sich daran, wie sie ihm versichert hatte, dass alle Männer des Dorfes nach dem König suchen würden, eingeschlossen ihr Vater, ihre Brüder, ihre Söhne, aber nicht ihr Mann. Denn der lag verletzt in diesem Strohbett. Die beiden Knaben stellten sich grimmig neben sie – ein Gesicht.

„Ich…“, für einen Moment war er ratlos, doch nicht lange. „Dann ist es an Euch ihn gesund zu pflegen und davon zu überzeugen, seinem und Eurem König zu helfen. Entweder er heilt ihn oder er erschafft ein Wegetor oder er stellt zumindest Kontakt zu anderen Weisen her. Ist mir völlig egal, wie. Nur es muss schnell gehen oder Amwendu stirbt. Ist Euch das bewusst?“

Aufrecht stand sie ihm gegenüber und obwohl er sie angebrüllt hatte zeigte ihre Miene keine Regung. Unverwandt stierte sie ihn an. „Ich habe Euch verstanden.“ Ihre Stimme war leicht zittrig. „Und ich werde alles in meiner Macht stehende tun.“

„Gut“, meinte Varren lauter als er wollte.

„Aber“, fuhr sie ihn an, „ich werde nicht das Leben meines Mannes aufs Spiel setzen, damit er es vielleicht für einen anderen wieder gibt. Über Jahre habe ich ihn nicht mehr gesehen und Ihr werdet ihn mir nicht mehr nehmen!“

Varren fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen. Er hörte sich noch einige unflätige Flüche brüllen bevor er erneut die Hütte verließ.

Wutentbrannt stapfte er zum Brunnen um zu verschnaufen. Sein Blick war solange in die dunkle Tiefe gerichtet bis ihm schwindlig wurde, dann wandte er sich seufzend ab und lehnte sich gegen den Stein. Seine Gedanken wanderten zu Amwendu und zum ersten Mal wünschte er sich, auf beiden Augen blind zu sein. Dann wäre ihm dieser Anblick erspart geblieben. Was sollte er nun tun? Der König würde entstellt und verkrüppelt heimkehren, wenn er nicht gar in diesem Dorf irgendwo in der Wüste starb.

Jemand neben ihm räusperte sich. Varren sah ein hochgewachsen, muskulösen Mann, dessen dunkle Haut in der Sonne vor Schweiß schimmerte. „Mein Herr, ich gehöre zu denen, die den König… gefunden haben.“

Varren nickte knapp, gebot ihm fortzufahren.

„Wir sind nicht die ersten gewesen. Als wir ankamen haben wir einen Späher der Ukthulu verschreckt. Ihr müsste verstehen, dass diese Gegend von vielen Stämmen beherrscht wird und nicht alle sind friedfertig. Vor allem nicht die Ukthulu. Sollte sich herumsprechen, dass sich der König hier befindet…“

Er musste nicht weitersprechen. Varren konnte sich gut ausmalen, was die verschieden Clans mit dem König anstellen würden, der ihnen selten wohl gesonnen war.

Ihnen lief die Zeit davon.

Syrian stolperte über den gefrorenen Boden, weg vom Zelt, welches unter lautem Krachen in sich zusammenbrach, funkenstobend.

Der Rauch in seinen Lungen ließ ihn krampfen und husten, seine Augen waren tränenverschleiert, so dass er kaum sah, wo er hinlief. Bleiben konnte er jedenfalls nicht. In dieser Gewissheit trieb er seine Beine an zu laufen, ihn irgendwo in Deckung zu bringen. Verzerrte Schatten tauchten vor ihm auf. Er blinzelte und erkannte für einen kurzen Moment Eleifa, die auf ihn zu rannten. Beinah reflexartig hob er sein Schwert und wehrte einen Stoß ab, der ihn rückwärst taumeln ließ. Darauf folgten in rascher Reihenfolge ein zweiter, dritter und vierter aus allen Himmelrichtungen. Syrian wehrte sich mit Mühe bis er gegen etwas Heißes stieß und zu Boden ging.

Allmählich erholte er sich vom Husten und auch seine Augen klärten sich. Was er sah waren Eleifa ringsum, alle breitgrinsend und die Waffen gezückt. Sie hatten ihn gegen eine Feuerstelle gedrängt. Die Schüssel, die an einer Holzkonstruktion darüber gehangen hatte, war heruntergefallen und hatte ihren dampfenden Inhalt über den plattgetrampelten Boden verteilt.

„Da sieh mal einer an“, erhob sich eine Stimme. „Wie hat es einer von euch Sandwürmern soweit in unser Lager geschafft?“ Der Sprecher war ein drahtiger Eleifa, mit kurzgeschorenem Haar, Hakennase und tief liegenden Augen. Den Bändern über seiner Schulter zu urteilen, bekleidete er einen hohen Rang.

„Hast dich reingeschlichen ja, wie ein mieses kleines Insekt? Weißt du, was man mit Mistkäfern, wie dir macht?“ Er hob seinen Fuß und stampfte ihn auf die Erde. Alle grölten. „Jetzt bist du unser Gefangener. Und was machen wir mit Gefangenen?“

„Aufknüpfen!“, rief einer.

„Verbrennen!“, ein anderer.

„In Stücke schneiden und den Kötern zum Fraß vorwerfen!“ Sie überboten einander mit Grausamkeiten, während Syrian sich nach einer Möglichkeit umsah, zu fliehen. Da entdeckte er sein Schwert neben sich – die Klinge lag im Feuer.

„Nein, nein, nein!“ Ihr Anführer beruhigte sie wieder und wandte sich an Syrian. „Nicht so. Wir machen heute nämlich keine Gefangenen mehr, denn außer dir ist niemand mehr da. Die Festung ist eingenommen und alle deine Verbündeten haben sich aus dem Staub gemacht.“ Er schnippte. „In Luft aufgelöst.“ Er zog sein Schwert. Ein schartiges Monstrum aus blutrotem Stahl. „Also wird es heute keinen Gefangenen mehr geben.“

Ehe sich Syrian einen Reim darauf machen konnte, hörte er den Flügelschlag über sich und den Schrei. Die Männer um ihn herum stimmten ein, sahen entsetzt zum Himmel hinauf, ließen ihre Waffen fallen und rannten. Die gewaltige Kreatur donnerte über sie hinweg und etwas in ihm, etwas dunkles, fremdes, fühlte sich mit ihr verbunden, gar verwandt.

Syrian riss sich aus seiner Starre, griff nach dem Schwert und schwang die glühende Seite ins Gesicht seines Widersachers. Ein kurzes Zischen ertönte, dann zuckte der Eleifa schreiend zurück. Syrian kam auf die Beine und rannte nun ebenfalls.

Jeder Flügelschlag über ihm klang wie der Zorn der Götter und das Geschrei musste direkt den Höllen selbst entstiegen sein. Er rannte und wusste nicht wohin, denn wo sollte man davor sicher sein?

Dennoch, auch wenn sein Kopf sich keines festen Weges bewusst war, lenkten ihn seine Beine scheinbar ganz gezielt irgendwohin. Und noch ehe er sich so recht fragen konnte, was denn das Ziel sei, erreichte er einen großen Felsen, der anfangs nicht weiter bedeutend wirkte. Aber rasch wurde seine Aufmerksamkeit auf einen Spalt gerichtet, den der Fels freigab. Mit alle Kraft schob er ihn beiseite und sah sich vor dem Eingang eines geheimen Tunnel stehen.

Keisha…, dachte er, doch wusste er nicht, wo sie war. Wieder schrie die Bestie über ihm und er entschied, vorerst in den Tunnel zu steigen und abzuwarten. Mit dem Abstieg umfing ihn die Finsternis.

Sie hatten den Wagen in einem schattigen Gässchen abgestellt. Ihn wieder mitzunehmen war sinnlos, denn er stank vor Krankheit und Tod. Sie hätten ihn verbrennen müssen, dann konnte er auch gleich zurückbleiben. Therun stieg ab und begann damit, die Pferde vom Geschirr zu befreien. Überall in der Stadt waren seine Anhänger dabei, es ihm gleich zu tun. Die Wägen ließen sie hier, ritten nur auf den Pferden hinaus, wo sie sich dann den verseuchten Tieren entledigen werden. Sie alle trugen dicke Lederhandschuhe und hatten sich Tücher um den Mund gebunden. Ein leidlicher Schutz, doch Opfer waren unvermeidbar.

Tumult drang an sein Ohr.

„Therun!“ Er sah hinauf und erblickte Charasch auf einem der Hausdächer.

„Was geht da vor?“

„Es ist eine der Weisen. Sie rennt durch die Stadt als wären die Dschinns hinter ihr her. Sie kommt aus der Richtung des Turms.“

Therun selbst hatte eine Leiche auf diesem Weg dorthin platziert. Natürlich musste früher oder später jemand darüber stolpern und wäre es auch nur ein irgendjemand gewesen, müsste er sich keine Sorgen machen. Doch hierbei handelte es sich um eine Weise. War es dafür zu früh? Er handelte blitzschnell.

„Sie ist auf dem Weg zur Festung – wir schneiden ihr den Weg ab!“ Charasch verschwand und Therun löste die letzten Stränge mit einem Messer. Dann langte er in den Wagen, zog Bogen und Köcher hervor und legte beides an. In Windeseile war er auf den Rücken des Hengstes gelangt und trat ihm in die Flanken. Das Tier vollführte einen Satz nach vorn und sprengte durch die engen Gassen. Wer nicht schnell genug ausweichen konnte wurde brutal zur Seite gestoßen oder gelangte unter die Hufe. Die Leute schrien, als sie das Pferd samt schwarzhäutigem Reiter heranpreschen sahen. Was auch immer sie gerade in Händen hielten warfen sie in heilloser Flucht von sich. Therun ritt über verstreutes Obst, Tonscherben und Körbe, nichts hielt den Hufen stand. Kleinere Stände riss er im Vorbeirauschen einfach nieder und sprang über niedrige Mauern. Dann wurde die Straße breiter. Nun konnte er ganz deutlich den Felsenpalast erkennen und weiter vorn die Menschentraube. Noch einmal spornte er den Hengst an. Ein kurzer Blick hoch verriet ihm, dass Charasch ihm über die Dächer hinweg gefolgt war. Er zeigte in eine Richtung und Therun folgte dem Wink.

Nun sah er das weiße Gewand zwischen der Menschenmenge aufblitzen. Charasch bezog oben Stellung, legte einen Pfeil auf, zielte und schoss. Das Geschoss verfehlte nur knapp, doch die Aufmerksamkeit der Weisen war geweckt. Überrascht verlangsamte sie ihre Schritte und schaute sich um.

Therun war in vollem Galopp und mit einem Satz sprang er über die Reihe Schaulustiger hinweg. Er landete direkt vor der jungen Frau und zerrte an den Zügeln um das Tier zu beruhigen. Die Weise wich zurück, erkannte oder erahnte zumindest seine Absichten und rannte auf die Palasttore zu. Therun bekam das Tier unter Kontrolle. Nun spannte auch er seinen Bogen. Unbeteiligte schoben sich vor das weiße Gewand. Er sah die Stadtwache auf sich zukommen. Dabei benötigte er nur einen freien Moment, nur einen kurzen Blick in dem niemand zwischen ihm und seinem Ziel stand. Nur ganz kurz.

Da!

Er schoss.

Ysketh hielt sich erst einmal zurück. Nachdem Bashira den ersten Schock verdaut hatte, war ein Sturm von Fragen über sie hereingeprasselt.

„Wohin ist der König genau gereist?“

„Was war sein Ziel?“

„Hat er eine Nachricht hinterlassen?“

„Ist bereits irgendjemand zurückgekehrt?“

Der oberste Ratsherr konnte keine dieser Fragen beantworten und war sichtlich von sich selbst enttäuscht. Ysketh fasste es beruhigt auf, dass offenbar doch noch niemand etwas von Amwendus Rückkehr vernommen hatte. Die Gerüchte blieben Gerüchte.

„Was genau hat er den vor“, fragte Bashira an niemand besonderes gerichtet. „Will er es ganz allein mit Zedar aufnehmen?!“ Die Erwähnung dieses Namens senkte die Temperatur im Saal scheinbar herab. Stille setzte ein. Ysketh sah die Reihen der Ankömmlinge ab und wunderte sich sehr über die Eleifa. Kurz blitzte ein Gesicht aus der Vergangenheit vor ihm auf. Es brachte Bilder von Schlachten mit sich, beinah konnte er das Klirren der Schwerter und die Schreie wieder hören. Er blinzelte und konzentrierte sich wieder auf Bashira, die von der Niederlage im Land der Norska erzählte. Also war auf Mandrek Verlass.

„Wenn Amwendu an die sieben Küsten gereist ist um sich Zedar zu stellen, müssen wir ihm folgen“, warf einer der Draka ein. „Wir müssen eine Armee zusammenstellen und ihm folgen!“

Nur dieses eine Mal schaltete sich Ysketh ein: „Wo wir gerade davon sprechen: wo ist der Heerführer der königlichen Armee?“

Bashiras Mund wurde zu einem dünnen Strich. Ysketh wusste um ihre gegenseitige Abneigung.

„Tot“, antwortete sie bestimmend. „Er ist tot. Ehrenhaft in der Schlacht gefallen.“

Wieder trat der oberste Ratsherr vor. „Und die Prinzessinnen? Sind sie nicht bei Euch?“

Der Norska, der daraufhin mit einem tiefen Seufzer den Kopf hängen ließ, war Keral. Er fuhr sich mit einer Pranke durchs Haar bevor er sprach. „Wir müssen wieder zurück. Wir müssen zurück und sie retten. Wir…“

„Nein“, widersprach Bashira. „Mandrek wird gen Süden ziehen. Vor allem anderen müssen wir unsere Grenzen sichern!“

Ein Sturm von Protesten, Meinungen, Gegenmeinungen und Beschimpfungen schwoll heran. Manche wollte sofort gen Norden ziehen, andere zogen es vor, den König zu suchen. Ysketh genoss die unterschiedlichen Meinungen auch wenn ihm bewusst war, dass sie alle am Ende ganz brav der großen Weisen folgen würden. Wie sie es immer taten.

Doch bevor es dazu kam wurden sie von einen Unruhe außerhalb des Saal übertönt und gleich darauf öffnete sich die Türen.

Saiha starrte den Reiter einen Augenblick lang ungläubig an. Er richtete einen Pfeil auf sie. Auf sie, eine Weise. Menschen stellten sich zwischen sie und den Mann, versuchten sie zu schützen. Ihrem Instinkt folgend, drehte sie sich um und rannte. Bereitwillig öffneten die Draka eine Gasse für sie und schlossen sie hinter ihr wieder um ihr Schutz zu geben. Die Palastwache kam bereits mit gezogenen Schwertern auf sie zu, einer davon zückte eine kleine Armbrust. Sicherheit. Sie musste die anderen warnen sie musste… Ein plötzlicher Schmerz blühte in ihrem Rücke auf und die Wucht des Aufpralls riss sie zu Boden. Saiha blieb liegen und versuchte sich zu sammeln. Hisham hatte ihr einige Meditationstechniken gezeigt, doch die Techniken Schmerz auszublenden, kannten nur Krieger. Einst hatte sie ein Schwert an ihrer Seite getragen und nun war sie froh darüber, nicht vergessen zu haben, wie sich ein Krieger der Draka verhielt. Sie spürte die Feuchtigkeit, die ihren Rücken hinunterlief und ihre weiße Bluse durchtränkte, dennoch begann sie damit, sich aufzurichten. Ihren rechten Arm und die rechte Schulter konnte sie nicht belasten. Sie warf einen kurzen Blick zurück und sah, wie der Attentäter von seinem Pferd gerissen wurde. Hatte er denn wirklich geglaubt, dass ein Mord an einer Weisen ungesühnt bleibe würde? War er so naiv, sie in der Öffentlichkeit töten zu wollen, ohne an die Konsequenzen zu denken? Ihr blieb nicht mehr viel Zeit. Der Blutverlust war zu groß und das Atmen fiel ihr schwer. Der Pfeil hatte ihre Lunge verletzt. Die Wachen erreichten sie genau in dem Moment, als ihre Beine ihr den Dienst versagten. "Bringt mich zu Bashira…schnell." keuchte sie und lies zu, dass einer der Männer sie vorsichtig hochhob, während die anderen versuchten durch die Menschenmenge durch zu dem Attentäter zu gelangen. "Pestopfer…in den Straßen…" murmelte sie, während sie ihren Kopf an die Brust der Wache bettete.

Zedar landete mit seinen Dämonen auf einem der Felsen am Fuße des Berges auf dem die Festung der Norska stand. Der starke Geruch von Schwefel verbreitete sich schnell und die Hitze, welche die beiden Dämonen ausstrahlten, lies den Schnee in ihrer unmittelbaren Umgebung sogleich verdampfen.

Leif konnte nicht anders. Er war wie erstarrt stehen geblieben und war nicht fähig, den Blick von seinem Meister zu nehmen. Was hatte er getan? Was hatte dieser Wahnsinnige nur auf diese Welt gelassen? Maddakor hätte dazu fähig sein sollen, Zedar wie ein Stück trockenes Brot zu zerbröseln. Leifs Blick wanderte zu der schrecklichen Fratze des Dämonenherrschers. Ein Kragen. Zedar hatte ihm einen Kragen umgelegt. Leifs Augen weiteten sich. All seine Plänen waren im Bruchteil einer Sekunde zu Staub zerfallen. Er sah zu der Draka, welche sich leicht regte und fragte sich, ob sie fähig sein würde, gegen einen Gegner zu kämpfen, der mit dämonischer Macht ausgestattet war. Er musste es versuchen. Es gab keine andere Möglichkeit. Leif würde an seine Macht heran kommen…vielleicht auch an den Dämonen…wenn Zedar stark genug war, ihn zu binden…vielleicht…Der Eleifa schüttelte den Kopf. Nein, manche mochten ihn als verrückt bezeichnen, aber er war nicht wahnsinnig. Leif wandte sich an den Norska, der Keisha trug. "Bring sie in die Höhlen im Wald, in welchen sich die Wüsteninsekten bereits einmal verschanzt haben. Wenn ich nicht binnen drei Tagen bei euch bin…" sein Blick glitt erneut über das friedliche Gesicht der Draka. "…lass sie frei. Und sorge dafür, dass sie zu Essen und zu trinken bekommt. Ich brauche sie noch." mit diesen Worten wandte er sich ab und ging auf seinen Meister zu. Zedar würde Mandrek erwarten und Leif hoffte, dass seine Tarnung ihm gegenüber halten würde.

Zedar lächelte zufrieden, als er seine Armee am Fuße der Festung sah. Er spürte jeden einzelnen Kragenträger in seinem Kopf, die Verbindung war da, wenn er wollte, könnte er sie alle zusammen eine Klippe hinabstürzen lassen und sie würden seinem Befehl ohne Widerspruch folgen. Dennoch hatte er mehr erwartet. Warum gab es hier so wenige Norska? Auch Draka gab es nur eine Hand voll. Seine Miene verfinsterte sich. Wo war sein Schüler? Er konnte Mandrek sehen, der zögerlich auf ihn zu kam, aber Leif…er fühlte ihn, er war hier irgendwo ganz in seiner Nähe, dennoch konnte er ihn nicht sehen. Seine Augen leuchteten in wütendem Feuer. Der Hass, welcher durch das Band zu Maddakor zu ihm überschwappte feuerte seine eigenen Emotionen nur noch mehr an und der Griff um sein schwarzes Schwert verfestigte sich. "Mandrek. Wieso bringst du mir so wenig neue Sklaven? Du hast mehr vernichtet, als dass du mir zuführst." Zedar lies seine Stimme über das Lager hinweg dröhnen. Sein Zorn wuchs mehr und mehr, je näher Mandrek kam.

Der Eleifa erreichte den Fuß des Felsens, auf dem Zedar stand und lies sich auf die Knie nieder fallen. Zumindest schien Mandrek nun seinen Platz zu kennen. Früher hatte Zedar oft den Eindruck gehabt, dass Mandrek ihn nicht ernst nehmen würde. "Herr, ich heiße Euch bei uns willkommen…"

Der Schmied unterbrach ihn mit einer herrischen Geste. "Ich will keine Höflichkeitsfloskeln hören. Wo sind die Norska, wo die Draka? Wo ist meine Armee?"

Er konnte Mandrek förmlich schlucken sehen. "Herr, sie sind geflohen. Es waren sehr viele Draka Weise in den Nordlanden. Sie haben in der Festung ein Wegetor geöffnet und sind geflohen. Wir vermuten, dass sie nun in der Wüste sind."

"Ihr habt sie ENTKOMMEN LASSEN?" die Stimme des Schmiedes hatte einen gefährlichen Unterton angenommen.

Maddakors Blick schweifte ununterbrochen über die Ansammlung an wertlosen Menschen. Irgendwo dort unten war einer seiner Dämonen. Er fühlte es. Wenn er ihn finden könnte, würde es vielleicht eine Möglichkeit geben, um sich von diesem stinkenden Menschen zu befreien. Im Moment war er noch nicht einmal in der Lage, einen Fuß vor den anderen zu setzen, wenn Zedar es ihm nicht erlaubte, geschweige denn, Kontakt zu einem anderen Dämon aufbauen. In seinen Gedanken zerfetzte Maddakor Zedar in der Luft zu kleinen Fetzen und verspeiste sein Herz. Dann würde er das Tor zu seinem Reich endgültig öffnen und diese Welt vernichten.

Jorek konnte seinen Blick nicht von dem Gesicht des Draka lassen. Irgendwas kitzelte in seinen Erinnerungen und es lag ihm quasi auf der Zunge. Er hatte ihm definitiv bereits mehrfach gegenüber gestanden. Er war ein guter Krieger, aber irgendetwas Wichtiges hatte er vergessen. Erst jetzt bemerkte er, dass seine Hand auf dem Schwertknauf lag und mehrere Draka in seiner Nähe ihn mistrauisch ansahen. Schnell lies er von seiner Waffe ab und atmete tief durch. Er musste sich darauf konzentrieren, was hier geschah…die Tür wurde aufgerissen und eine Wache stolperte herein. Eine junge Frau lag in seinen Armen, sie wirkte…bleich für eine Draka.

"Was ist hier los?" Bashira drehte sich um, stockte den Bruchteil einer Sekunde, dann hob sie ihre weiten Röcke an und ging ruhig auf die Wache zu. "Saiha." Die Weise fühlte den Puls der jungen Frau. "Leg sie dort drüben auf die Teppiche. Schnell." Ihr Blick wanderte zu Usamaa. "Dort draußen ist ein Aufruhr. Sorge dafür, dass er beendet wird."

Usamaa starrte Bashira an. "ES REICHT." schrie er. "IHR SEID NICHT DIE HERRIN DER DRAKA. SOLANGE MEIN VATER NICHT ANWESEND IST, HABE ICH HIER DAS SAGEN."

Die Weise hob eine Augenbraue und schüttelte den Kopf. "Wenn du dich beruhigt hast, dann wird dir klar, dass es die Einzig logische Entscheidung ist, diesen Aufruhr zu beenden, oder willst du über ein Volk in Chaos und Krieg herrschen? Wir werden später über deinen Ausbruch reden." Kopfschüttelnd ging sie zu Saiha, welche ohne jegliche Regung zu zeigen auf einem reich bestickten Teppich lag. Jorek sah ungläubig dabei zu, wie sich die Weise ruhig über den Körper der jungen Frau beugte und Usamaa sich wutschnaubend Männer zusammen suchte und den Saal verlies. Er hatte sich immer gewundert, wer die wahre Macht der Draka war. Nun schien er sie gefunden zu haben. Die weißgekleidete junge Frau bäumte sich unterdessen unter den Händen Bashiras auf und viel sogleich wieder in sich zusammen. Die Weise seufzte enttäuscht und sah zu der Wache. "Hat sie irgendetwas gesagt? Wer hat ihr das angetan?"

In ihrem Kopf herrschte ein heilloses Durcheinander aus Stimmen, Licht und Dunkel. Manchmal wurde Zhara schwindelig davon und sie musste sich an einem Baumstamm stützen und verschnaufen. Die Zeitspanne, die seit dem Moment, da sie der Pfeil durchdrungen hatte und dem Moment, da sie unter den wachsamen Augen des Norska erwachte, hätte Tage, Wochen, ja gar Jahre betragen können. Manchmal schnürte ihr die Erinnerung die Luft ab, legte sich wie kaltes Band um ihre Kehle.

Der Norska lief zielstrebig voran. Nur hin und wieder, wenn er glaubte sie würde nicht hinsehen, stand er zusammengesunken da, hielt sich die Brust und starrte, während sein Atem rasselte, ins Nichts.

Borack. Noch immer war ihr nicht ganz klar, was sie von ihm halten sollte. Je mehr sie darüber nachdachte, desto mehr wuchs ihr Argwohn. Es kam ihr seltsam vor, wie er sie gefunden hatte und nun für sie sorgte. Sie konnte sich keinen Reim darauf machen, weshalb er dies tat und es musste einfach ihre Zweifel nähren. Dennoch fühlte sie eine gewisse Verbundenheit zu ihm, die sie nicht erklären ließ. Zhara beschloss abzuwarten, zu sehen, wie sich die Dinge entwickelten und dann zu entscheiden.

Seine große Hand bedeute ihr stehen zu bleiben. Zhara ging instinktiv in die Knie und sah sich um. War da jemand zwischen den Büschen und beobachtete sie? Oder dort hinter den Bäumen, in den Schneewehen? Diese dichten Wälder boten weit mehr Deckung als Zhara es selbst von den Steppen gewohnt war. Nur einmal hatte sie ihr Vater mit bis zum Rand der Welt genommen, wo das Grün so dicht stand, dass man kaum einen Steinwurf weit sehen konnte. Auch diesen Wald hatte sie nicht gemocht, doch war es dort wenigstens warm gewesen. Die Kälte des Nordlandes nahm ihre jegliche Sinne und ließ sie taub zurück.

Auch Borack war in die Hocke gegangen. Er deute auf einen Punkt weiter rechts, tiefer im Wald. Zhara entdeckte nur einen großen schwarzen Felsen, aber nichts von Bedeutung oder gar Gefahr… Doch halt – der Felsen bewegte sich. Kaum merklich und dennoch in gleichbleibendem Rhythmus ähnlich dem des Atmens.

Vorsichtig schlich Borack näher heran. Es war ihr immer noch unbegreiflich, wie sich dieser Riese so geschmeidig und beinah lautlos durch Schnee und Sträucher bewegen konnte. Sie folgte ihm und alsbald entpuppte sich der Fels als monströse Kreatur mit riesigen Pranken, einem blutigem Maul und tiefschwarzem Fell. Ihr stockte der Atem.

„Ein Bär“, sagte Borack nachdenklich. „Und noch dazu ein schwarzer.“ Er sah auf und schaute mit zerfurchter Stirn die Baumreihen ab. „Soweit im Süden dürfte es sie nicht geben. Sie verlassen niemals den grauen Norden…“

Das Tier lag im Sterben. Es hauchte stinkenden Atem aus, der den Schnee schmelzen ließ. Ob das Blut an seinen unzähligen Zähnen sein eigenes war, konnte Zhara nicht sagen.

„Er sieht verhungert aus“, bemerkte sie. „Sieh, er ist ganz abgemagert.“ Im Moment, in dem sie es aussprach, fragte sie sich, wie die Bestie wohlgenährt ausgesehen hatte. Schwach und dem Tode nah war der schwarze Bär bereits furchteinflößend. Unvorstellbar, wenn er bei Kräften und hungrig wäre.

Borack nickte. „Er muss die Berge auf der Suche nach Nahrung verlassen haben und ist nicht fündig geworden. Der Winter ist hart dieses Jahr und es gibt wenig Wild.“ Er wandte sich an Zhara und sah ihr in die Augen. „Wir sollten sein Leid beenden.“

Zhara begriff und zog ihre Klinge. Unbehagen stieg in ihr auf, als sie sich breitbeinig vor dem Tier aufbaute und sich des Blickes bewusst wurde, der ihr auf ihr ruhte. Ein schwarzes Auge, glänzend wie eine Perle. Es musste einst eine stolze Kreatur gewesen sein. Vor ihr taten sich die unbekannten Weiten auf, in denen es einst gejagt hatte und gefürchtet wurde. Sie stach zu.

Borack trat neben sie. „Wir könnten dir deine Kleidung mit seinem Fell ausbessern. Das Schwarz würde dir sicher gut stehen.“ Bei diesen Worten stahl sich ein Lächeln um seine Lippen und Zhara musste unweigerlich erwidern.

Der gebogene Schnabel des Falken grub sich tief in die Eingeweide der Wüstenmaus. Gierig schlang er das blutige Fleisch herunter. Er musste zu Kräften kommen für seine lange Reise. Die dunkelhäutige Frau, die ihn hütete, strich sanft über sein Gefieder. Sie flüsterte zu dem Vogel, beschwor ihn mit Kraft und dem Segen der Götter, auf das er sein Ziel erreichen und zurückkehren möge. Dann rollte sie das winzige Stück Leder zusammen auf dem eine kurze Nachricht stand. Sie steckte es in das kleine Behältnis am Fuß des Falken.

„Und nun flieg“, sagte sie. „Flieg immer höher und weiter und auf den Schwingen der Götter!“ Der Falke erhob sich und sein Schatten glitt über die Wellen aus Sand hinweg bis der Felsenpalast in Sicht kam.

Charasch sah mit an, wie die Wachen Therun vom Pferd zerrten. Er schlug noch mit dem Bogen nach ihnen, doch sie hatten ihn rasch übermannt und entwaffnet. Die Menge stellte sich im Halbkreis um die Wachen, die ihren Gefangenen in Ketten legten. Charasch, der sich flach auf das Dach gelegt hatte, war dank Theruns Auftritt in Vergessenheit geraten. Der junge Krieger haderte einen Moment lang mit sich selbst. Ysketh hatte ihn genaue Anweisungen geben, sollte dieser Fall eintreten. Der Magier hatte es schon vorher gewusst, schien alles zu wissen und immer vorauszuahnen. Jetzt war es an ihm den Befehlen Folge zu leisten.

Er nahm tief Luft, stand auf, spannte den Bogen und zielte.

„Verzeih mir, Therun.“ Ein unbewegtes Ziel ist leichter zu treffen, dachte er noch; sein Pfeil durchschlug den schwarzhäutigen Hals, dann rannte Charasch über die Dächer hinweg um sein Leben.

Syrian verfluchte sich dafür, keine Fackel mitgenommen zu haben. Doch angesichts der fliegende Bestie war es nicht möglich gewesen und sich darüber zu beschweren müßig. Dennoch wäre er für alles dankbar gewesen, was die Dunkelheit durchdringen könnte. Mit Bedacht setzte er einen Schritt vor dem anderen. Von oben und vom Ausgang der Höhle drangen noch immer ein Donnern und Poltern heran. Die Kreatur war dort draußen. Syrian sah sich vor der Wahl, mit der Dunkelheit oder einem Monstrum zu ringen. Er ging weiter.

Nach einigen Metern sah er schwaches Licht über die scharfkantigen Wände zittern. Als er näher kam fand er ein Schlachtfeld vor. Eleifa, Norska und Draka lagen in dem engen Gang übereinander gehäuft. Vereinzelt lagen noch glimmende Fackeln am Boden. Syrian hob eine von ihnen auf. Den Weg zur Burg würde er meiden, wenn die Worte des Eleifakommandanten sich als wahr erwiesen, wäre die Rückkehr zur Festung der sichere Tod. Dort musste es vor Feinden wimmeln. Also musste er eine Abzweigung suchen, einen anderen Weg hinaus, der vielleicht irgendwo in den Wald mündete. Dann würde er weiter sehen. Wegen Keisha und Zhara…

Hörst du mich…?

Die Stimme schien direkt aus den Wänden zu kommen. Sie griff ihm durch die Brust an sein Herz, umfasste es mit eisigen Fingern. Aber wirklich verstörend empfand er das Bedürfnis, zu antworten. Mühsam unterdrückte er diesen Impuls und streckte die Fackel nach vorn. Jemand schien auf ihn zu zukommen. Die Gestalt blieb knapp außerhalb des Feuerscheins stehen, nur ein schemenhafter Umriss – die Gestalt eines hochgewachsenen Etwas.

„Hört Ihr das?“, sprach der Fremde. „Er spricht zu mir, der Große, Alte – Maddakor.“

„Wer seid ihr?!“ Syrian schrie die Worte heraus. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn und rann ihm in die Augen. Er wagte keinen Schritt.

„Er ruft mich zu sich und ich muss zu ihm… ich will zu ihm!“

Schatten huschten über die Toten auf dem steinigen Boden, tanzten zwischen ihnen und es war fast so, als würde sie sich jeden Augenblick erheben. Der Schein seiner Fackel glomm in den blutverschmierten Klingen der verstreuten Waffen. Kein Ton kam über Syrians Lippen.

„Hört mich, junger Draka. Ich kenne Euch, ich kannte Euren Vater“, leises Gelächter, kalt und herzlos, kroch aus den Schatten hervor. Kurz erhellte der Fackelschein das Gesicht des Dschinns und Syrian erkannte Hjaras Grinsen. „Und ich weiß, was Ihr sucht. Lasst uns einen Pakt schließen. Ich leihe Euch meine Kräfte und Fähigkeiten, sie werden Euch nützen. Im Gegenzug bringt Ihr mich zum dunklen Gott – von da an werdet Ihr frei sein. Einverstanden?“

Der Gedanke daran, dass der Dämon in seinem Kopf hauste und von Keisha und Zhara wusste ließ Zorn in ihm aufwallen. „Nein, niemals!“, brüllte er dem Schatten entgegen. „Ich werde keinen Pakt mit einer Kreatur der Hölle schließen. Weicht! Weicht!“ Die Fackel schwenkend stapfte er voran und tatsächlich löste sich die Gestalt in Nichts auf. Doch ihre Stimme hallte ihm in seinen Ohren wider… Denkt über meine Worte nach!

Dann rannte Syrian bis er einen Weg hinaus fand, in den Wald und in die Sonne.

Gerade als Usamaa seinen Trupp hinaus führte, stürmte ihnen eine weitere Wache entgegen. Der Soldat trug den Helm unter den Arm geklemmt und war deutlich außer Atem. Ysketh erkannte Blut auf seiner Rüstung. Etwas unschlüssig blieb die Wache vor dem Pulk an fremden Soldaten stehen, schaute zum obersten Ratsherr, entschied sich dann aber, Bashira Bericht zu erstatten.

„Meine Hohe Herrin!“ Die Weise sah in aus funkelnden Augen an.

„Was habt Ihr zu berichten? Sprecht! Bringt Ihr Kunde über den Attentäter?“

Der Mann nickte. „Ja, meine Herrin. Er ist tot. Wurde getötet! Offenbar von einem seiner eigenen Anhänger.“

Hatte Ysketh bis eben noch Zweifel daran gehabt, wer für den Angriff verantwortlich war, so waren diese nun beseitigt. Therun hatte gehandelt, zu voreilig und überlegt. Sein Hass auf die Weisen ist einmal nützlich gewesen und hat letztendlich sein Leben gefordert. Ein besseres Ende hätte er sich für den alten Narr kaum selber ausdenken können. In Gedanken machte er sich die Notiz, Charasch für seinen Mut und seine Loyalität zu belohnen.

„Wie konntet Ihr so etwas nur zu lassen? Hattet Ihr ihn nicht bereits in Eurer Gewalt? Seid Ihr denn zu unfähig um auch nur einen einzelnen Mann…“

„Sie hat noch etwas gesagt!“, unterbrach eine der Wache Bashiras Ausbruch. Alle Augen waren nun auf ihn gerichtet. Die Weise trat ganz nah an ihn heran.

„Was hat sie gesagt?“

„Ich bin mir nicht sicher ob ich es richtig verstanden habe, aber…“

„Nur zu. Versucht es.“

Der Mann schluckte bevor er die Worte hervorbrachte: „Pest. Sie sprach von der Pest.“

Unruhe machte sich unter den Männern und Frauen breit. Gemurmel erhob sich, schwoll an und mit einem Mal hatte jeder etwas dazu zu sagen. Einzig Bashira blieb inmitten der Menge mit gesenktem Kopf stehen und sagte kein Wort.

Schließlich trat der oberste Ratsherr vor: „Ruhe bitte. So beruhigt Euch! Wir sollten uns alle beruhigen. Zuerst werden wir die Weise in die Kammern der Bader bringen um ihre Wunden zu heilen. Für jeden von euch werden Gemächer hergerichtet in denen ihr euch Ausruhen und Waschen könnt. Und sobald der Prinz mit Neuigkeiten zurückkehrt werden wir uns alle wieder hier versammeln.“ Er machte eine Pause und richtete sich dann an Bashira: „Wäret Ihr damit einverstanden, Herrin?“

Natürlich musste dieser Speichellecker sich bei der Weisen einschleimen. Bloß keine eigene Verantwortung übernehmen. Ysketh wurde speiübel.

Bashira nickte nur knapp, dann setzte sich ein Herr aus Diener in Bewegung, trug die Weise hinaus und führte sowohl Draka, Norska und Eleifa durch die Festung zu ihren neuen Gemächern. Ysketh verließ den Raum als einer der Ersten. Das Gesicht, dieses Antlitz aus vergangenen Tagen, welches ihn im Thronsaal heimsuchte, hatte nun auch einen Namen und eine Geschichte bekommen – er erinnerte sich. Und ertrug es nicht mehr, mit diesem Mann auch nur einen einzigen Moment länger im selben Raum zu verbringen.

Getragen…Keisha wurde schon wieder getragen. Allein der Gedanke daran, wie oft sie in den letzten Wochen verletzt durch die Gegend getragen worden war, beschämte die Draka. Sie war eine Kriegerin und kein schwaches Kleinkind. Dennoch spürte sie die tiefe Erschöpfung in ihren Gliedern. Wann hatte sie zum letzten Mal richtig geruht? Wann geschlafen? Oder gar etwas gegessen? Sie konnte sich nicht erinnern. Nur eines war ihr bewusst, sie war am Rande ihrer Kräfte angelangt. Keishas Augenlieder flackerten auf und sie sah in tiefblaue Augen. Augen, wie Keral sie hatte. Ihre vernebelte Sicht klärte sich und sie sah in das Gesicht eines fremden Norskas mit einem schwarzen Kragen um seinen Hals. Sie war also schon wieder in Gefangenschaft…nein, nicht schon wieder. Immer noch. Und ihr war durchaus bewusst, dass sie im Moment nicht in der Lage war, daran auch nur irgendetwas zu ändern. "Was sind deine Befehle?" fragte sie schwach, während sie ihren Kopf wieder an seine breite Brust bettete.

Der Norska musterte sie kurz. "Ich soll dich in eine Höhle bringen, dich am Leben erhalten und gut behandeln, dich aber auf keinen Fall laufen lassen."

Keisha nickte. Sie hatte sich schon gedacht, dass Leif ihr kein Schlupfloch in den Befehlen lassen würde. Aber vielleicht entdeckte sie ja noch eines. Zuerst jedoch musste sie ruhen. Ein schreckliches Kreischen erklang aus der Richtung in welcher die Festung und das Schlachtfeld lag. Die Draka fühlte das Böse dahinter und schauderte. Erneut schloss sie ihre Augen und wie bereits einmal zuvor hatte sie das Gefühl, als wäre ihre Schwester in der Nähe. Als wäre sie wieder auf dieser Welt. Es war unmöglich. Sie musste endlich loslassen. Ihre Gedanken lösten sich von ihrem Körper und glitten von selbst hinaus, tasteten die Umgebung ab und stießen auf den Ursprung des entsetzlichen Kreischens. Es war eine unglaublich alte und dunkle Seele. Keisha spürte ihren Sog und kämpfte dagegen an, bis sie wieder auf sicherem Abstand war. Sie glitt über die Ebene und suchte. Wonach, das wusste sie nicht. Erneut fühlte sie jemand Bekannten. Syrian. Er floh vor irgendetwas. Etwas Dunklem. Sie konnte auch dieses Wesen fühlen. Eine weitere Präsenz strich über ihre Gedanken…Leifs Gesicht tauchte vor ihrem Inneren Auge auf..nein, es war Mandrek. Auf dieser Ebene konnte man sich nicht verstellen. Der Eleifa lebte und er hatte sie erkannt, griff nach ihr. Keisha zog sich wieder in ihren Körper zurück und fiel in einen tiefen Schlaf der Erschöpfung. Sie spürte nicht mehr, wie der Norska sie vorsichtig auf ein paar Felldecken legte und zudeckte, auch nicht, wie er zurück taumelte, einen Pfeilschaft in seinem Hals und versuchte, ihn verzweifelt raus zu reißen. Sie sah nicht die kleine, hässliche Kreatur, welche mit einem triumphierenden Aufschrei in den Schnee hinaus lief um ihrem Meister Bericht zu erstatten. Ihr Körper holte sich nun endlich das, was sie ihm seit Wochen verweigert hatte. Ruhe.

Maddakor zuckte zusammen. Etwas hatte seine Gedanken gestreift, etwas mächtiges. Und es war entkommen. Sein Blick glitt zu Zedar. Der Schmied ergötzte sich daran, die Hand voll Norska und Draka zu entehren und zu unterdrücken. Er merkte gar nicht, dass der Eleifa, der vor ihm kniete, nicht sein wahres Gesicht zeigte. Der Dämon würde sich hüten, und es ihm mitteilen. Von dem knienden Eleifa ging etwas gefährliches aus und Maddakor würde jeden Menschen willkommen heißen, der ihm half, Zedar zu vernichten. Der Schmied warf ihm einen Blick zu und der Dämon lies seine Augen feurig leuchten. Er musste aufpassen, dass er nicht zu viel durch das Band hin durch verriet.

Zedar starrte zornig auf Mandrek hinunter. "Du hast versagt."

"Herr, ich lege Euch die Nordlande zu Füßen, wie kann ich versagt haben?" Der Eleifa lies seinen Blick gesenkt, wie es sich gehörte, dennoch schien er seine Gefühle nicht aus der Stimmlage heraushalten zu können. Wut lies seine Worte vibrieren und Angst lies ihn schneller sprechen.

"Nun, wo sind dann die Herren dieses Landes? Wo ist die Armee, die du mir versprochen hast? Mit WAS sollen wir die Wüstenratten bekämpfen und versklaven?"

Mandreks Blick glitt zu Maddakor und Zedars Lippen verzogen sich zu einem Grinsen. "Ich sehe, du scheinst die gleichen Gedanken zu haben, wie ich. Nun, ich erwarte dich heute zum Abendessen und finde mir meinen Schüler, ich will mit ihm sprechen." Zedar drehte sich um, lies seinen schwarzen Fellumhang im Wind wehen und legte seine Hand auf den Griff des Seelenschwertes, während er zum Eingang der verlassenen Festung ging, die beiden Dämonen in seinem Schlepptau. Er hatte die Macht nicht vergessen, an der Nirsa dran gewesen war. Diese Person musste gefunden werden. Eine seiner kleinen grauen Kreaturen kletterte von einem Felsen und reihte sich neben ihm ein um ihm etwas zu zu zischen. Der breite Mund mit den vielen spitzen Zähnen erinnerte eher an den eines Haifisches als eines Menschen, aber die Kreatur hatte auch ansonsten nicht viel menschliches an sich. Zedar nickte zufrieden. Mandrek hatte also ein Mädchen wegbringen lassen. Eine Draka. Nun, Zedar würde sie für sich beanspruchen. Mandrek hatte hoffnungslos versagt, er hatte nicht das Recht erwirkt, sich eine eigene Sklavin zurück zu halten.

Leif erschauderte. Zedar war schon immer wahnsinnig gewesen, deswegen hatte Leif ihn auch früher verehrt. Der alte Schmied hatte sich nicht von Konventionen oder Regeln in eine Form pressen lassen, aber nun…er hatte sich mit einem Dämonen verbunden und zwar nicht nur mit irgendeinem. Wenn Leif sich nicht irrte, war das an seiner Seite tatsächlich Maddakor gewesen. Und nun stand er vor einem weiteren Problem. Er bezweifelte, dass er sein wahres ich vor dem Dämonen verbergen konnte. Er fragte sich nur, warum Maddakor Zedar nichts mitgeteilt hatte. Und wie sollte er heute Abend als Mandrek und Leif gleichzeitig vor dem alten Schmied auftreten? Hatte der Dämonenherrscher ihm vielleicht doch irgendein Zeichen gegeben? Er hatte nun die Wahl, entweder er nahm wieder die Rolle von Leif an und spielte Zedar den treuen Schüler vor, oder er blieb bei seiner Wahlfigur Mandrek und hatte so die Macht über eine ganze Armee. Und dann war da noch seine Geheimwaffe. Keisha. Sein Blick glitt zum grau verhangenen Himmel. Die Sonne war noch nicht weit fortgeschritten. Er hatte noch Zeit bis es dunkel wurde. Als erstes würde er sich darum kümmern müssen, dass Keisha in ein sicheres Versteck gebracht wurde. An einem Kragen, zumindest zeitweise, würde sie nicht vorbei kommen. Er traute der Draka einfach nicht so weit. Mit lockerem Laufschritt begann er auf den Wald zu zu laufen und rief nebenbei eine Handvoll Kragenträger zu sich. Zwar traute sich Leif durchaus zu, alleine mit der Wüstenblume zurecht zu kommen, aber man konnte ja nie wissen.

Bashira wusch sich die Hände und sah nachdenklich auf die friedlich da liegende Draka. Die Wunden waren geheilt worden, aber Bashira war sich nicht sicher, ob die junge Weise die Kraft aufbrachte, die der Körper nach einer solchen Heilung benötigen würde. Die letzten Tage waren für alle anstrengend gewesen und Saiha hatte sich bei ihrem Auftrag stark verausgabt. Sie sah in einen Spiegel über den Waschstand und runzelte die Stirn. Auch sie selbst schien in den letzten Tagen gealtert zu sein. Hisham war tot, mehrere Weise Sklaven der Eleifa oder ebenfalls getötet worden. Sie schüttelte den Kopf. So viele Verluste in so kurzer Zeit. Und dann gab es noch die Gerüchte. Amwendu sei bereits wieder in die Wüste zurück gekehrt, Zedar hätte Dämonen beschworen und würde die Weltherrschaft anstreben, Amwendu sei gestorben, nein, er habe Zedar getötet…die Gerüchteküche spuckte beinahe im Sekundentakt neue Geschichten aus. Aber wie sagte man so schön? Hinter jedem Gerücht steckt ein Fünkchen Wahrheit. Nun war es ihre Aufgabe, die Wahrheit heraus zu finden, ehe der Hitzkopf Usamaa sein Rückgrat entdeckte und sich gegen sie auflehnte. Eine Revolution in der jetzigen Zeit war das Letzte, was sie gebrauchen konnte. Sie strich sich eine Locke ihres mit Silbergrau durchzogenen Haares zurück und richtete ihre weiten Röcke. Das Zedar mit Dämonen angebandelt hatte…sie konnte es ihm einfach nicht zutrauen. Selbst er konnte einfach nicht so wahnsinnig sein. Andererseits war es bereits Wahnsinn, Zwangskragen zu verteilen und sich so die Loyalität der Untertanen zu erschleichen.

Bashira dachte an Keisha. Sie brauchte sie, aber sie konnte nicht von hier fort. Nicht jetzt. Die Weise atmete tief durch und schüttelte den Kopf. Wie sollte sie diesen ganzen Wahnsinn hier beenden? Wenn jetzt tatsächlich auch noch die Pest zurückgekehrt sein sollte….

Sie richtete sich auf und schob die Schultern entschlossen nach hinten. Auch dieses Problem würde zu lösen sein. Eines nach dem anderen und zu allererst musste die Stadt vor der Pest beschützt werden. Mit stur vorgeschobenen Kin schob sie die Tür zu den Baderäumen auf und verschränkte die Arme unter ihrer Brust. "Macht euch fertig, wir haben viel zu tun. Ausruhen könnt ihr euch, wenn ihr tot seid." sie klatschte in die Hände und die Weisen, welche sich eben noch in den heißen Becken erholt hatten, kletterten ohne zu murren aus dem Wasser um sich anzukleiden. Jedem von ihnen war die Gefahr bewusst, die über der Stadt schwebte.

Es war brütend heiß und stickig in der Hütte. Nur wenig Licht gelangte von außen herein und Varren war dafür äußerst dankbar. Denn selbst das Wenige, das er von Amwendu erkennen konnte, ließ ihm den Atem stocken. Widerwillig beugte er sich über ihn und griff nach der goldenen Spange, die den Mantel des Königs knapp unter dessen Hals zusammenhielt.

Es waren nicht die Verletzungen, die Varren Unbehagen einflößten. Er hatte mit heißem Öl übergossene Soldaten gesehen, denen die Haut in Fetzen vom Fleisch gefallen war. Einzig und allein, dass sein König dort mit diesen Wunden lag, war für ihn kaum zu ertragen.

Vorsicht zog er ihm den Mantel aus, dann, zu guter Letzt und das war das Schlimmste, löste er noch die Ringe von den Fingern. Das bloßgelegte wunde Fleisch zu berühren ließ ihn erschauern.

All diese Dinge legte er nun sich selbst an und musste dabei das Gefühl unterdrücken, sich selbst als Verräter zu bezeichnen. Es war notwendig, das Einzige, was er tun konnte.

Rasch verließ er die Hütte wieder.

Im Dorf auszuharren ergab keinen Sinn mehr. Es war bloß eine Frage der Zeit, bis irgendein raffgieriger Stamm über sie hereinbrach und alles und jeden abschlachtete um an den König heranzukommen. Die Männer hier waren zu alt oder zu jung. Die wenigen Kräftigen hatte der Krieg geholt.

Varren kam an der Hütte vorbei, in der Rahsann lag. Dem Weisen ging es immer schlechter. Das Fieber wütete in seinem gesamten Körper, ließ ihn zittern vor Kälte und immer schwächer werden. Seine Kraft reichte weder zur Heilung Amwendus, noch um ein Wegetor zu schaffen. Sie würde wohl nicht einmal mehr reichen, um ihn selbst zu retten.

Ein altes, lahmendes Kamel erwartete ihn, beladen nur mit dem allernötigsten. Die junge Frau, Rahsanns Frau, stand bei dem Tier und streichelte ihm das graue Fell.

„Seht ihr die Berge dort am Horizont“, fragte sie ihn. „Haltet darauf zu, der steinerne Pass ist kaum zu übersehen. Dahinter liegt Qharas. Dort werdet Ihr hoffentlich Hilfe finden.“

Varren stieg auf. „Ein Vogel, der eine Nachricht überbringen kann würde mir schon reichen. Aber gegen ein paar Pferde und fähige Männer wäre nichts einzuwenden.“ Er strich über die goldene Spange, auf der das Symbol des Königshauses prangte – ein Falke, der Flügel spreizte. Dieses Zeichen, so hoffte er, würde ihm Tür und Tor öffnen um an alle Hilfe heranzukommen, die möglich war. Notfalls würde ihr Wert in Gold ihm behilflich sein.

Er trabte an den Rand des Dorfes und bevor er sich verabschiedete fragte er die junge Draka: „Wie heißt Ihr?“

„Merihsa“, antwortete sie mit einer leichten Verbeugung.

Varren nickte. „Ich will es mir merken.“ Dann ritt er in die Wüste hinaus und sah sich nicht noch einmal um.

Der Ritt zu den flachen Bergen verlief problemlos. Hier und da war sogar so etwas wie eine Straße zu erkennen, die Händler auf ihren Wegen nahmen. Der Gebirgszug vor ihm bestand aus scharfkantigen Steinen, die ihm einer Palisade gleich den Weg versperrten. Doch wie die Draka gesagt hatte, führte ein gut sichtbarer Pfad hindurch, wenngleich er ihn über loses Geröll lotste.

Gerade als er dachte, dass sich diese schmale Gasse bestens für einen Hinterhalt eignen würde, war er auch schon von einer Gruppe Reiter umzingelt. Ihr Anführer war mit roter Farbe bemalt, die an getrocknetes Blut erinnerte. Er trug einen Federkranz um den Hals und ließ einen geschwungenen Dolch in den Händen kreisen.

Mit einem breiten Grinsen sagte er: „Ich grüße Euch, Majestät.“

Der Turm am äußersten Festungsrand wurde gemein hin als Krähenhort bezeichnet. Oder auch einfach nur das Nest. Ysketh bevorzugte den Namen, den die Weisen ihm gaben. Al Queth Sanar – was so viel bedeutete wie Turm der tausend Flügel, wobei Sanar auch oftmals mit Wünsche übersetzt wird. Ihm gefiel beides.

Aufgeregtes Flattern erwartete ihn. Bis hinauf in die Kuppel des Turms verliefen über die Wände lange Stangen, auf denen unzählige Vögel saßen, zum größten Teil Falken, sich um einen Platz an den Futtertrögen balgten, ihr Gefieder putzen oder sich gegenseitig anschrien. Eine weißgekleidete Dienerin nahm Neuankömmlinge entgegen, entfernte die kleinen Nachrichten von ihren Beinen und legte diese dann in einen Beutel. Den Vögeln gab sie Körner, welche die Tiere ihr aus der Hand pickten.

Als Ysketh eintrat setzte sie den Falken, der gerade auf ihrem mit Leder geschützten Arm saß, ab, griff in einen der kleineren Beutel an ihrem Gürtel, übergab ihm die Nachricht und verließ den Turm.

Ysketh wartete bis er sicher sein konnte, dass sie fort war, dann trat in die Mitte des Raumes und entrollte das Stück Leder.

Er liebte es hier oben. Zwischen dem Schnattern und Flügelrauschen kamen seine Gedanken zur Ruhe und der Knoten in seiner Brust, der ihm manchmal das Atmen erschwerte, löste sich. Er fühlte sich unbeschwert unter den unzähligen schwarzen Knopfaugen, die ihn ansahen, aber nicht urteilten.

Die kurze Nachricht heiterte ihn noch weiter auf. Es waren keine Worte, nur zwei Zeichen. Das Eine war mit Phantasie als ein Vogel mit gespreizten Flügeln zu identifizieren, das Andere war ein Kreis. Seine Leute hatten den König, verriet es ihm. Ob er ihr Gefangener war oder sie nur wussten, wo er sich aufhielt, konnte er nicht sagen. Dennoch war diese Information pures Gold. Jetzt musste gehandelt werden. Sollte der König sterben oder war er als Geisel wertvoller? Am liebsten würde er selbst hinreiten um die Lage zu klären, doch konnte er momentan die Stadt verlassen? So viel war noch zu klären und Bashira musste im Auge behalten werden. Konnte er jemand anderes schicken?

„Ihr habt hier wahrlich hübsche Dienerinnen.“

Ysketh erstarrte. Mit einem Mal waren das Rauschen der Flügel und das Geplapper der Vögel nicht mehr angenehm oder gar beruhigend. Er knüllte die Nachricht zusammen und behielt sie in der geballten Faust als er sich umwandte.

Jorek stand im Licht des Eingangs und starrte ihn unverwandt an.

„Was macht Ihr hier“, fragte Ysketh. „Solltet Ihr nicht in Euren neuen Gemächern sein und Euch ausruhen von der Schlacht.“ Unbehagen erfasste ihn und der Druck auf seine Brust war zurückgekehrt. Mit ihm auch das Gefühl, das sich die Wände näherten. Der Raum war viel zu klein für sie beide.

„Ich fühle mich gut, danke der Nachfrage“, antwortete Jorek kopfschüttelnd. „Würde sich natürlich eine Eurer äußerst ansehnlichen Hofdamen zu mir gesellen, würde ich mit ihr das Bett nur zu gern hüten.“ Ein leichtes Grinsen zuckte um seine Mundwinkel. Er gab Späße von sich, ohne zum Lachen aufgelegt zu sein. Sein Blick fixierte den Draka unablässig. Da erkannte Ysketh, dass Jorek sich noch nicht erinnerte hatte. Etwas kam dem Eleifa bekannt vor, aber er wusste noch nicht, was es war. Ysketh konnte ihm das nicht verdenken, denn zu ihrer gemeinsamen Zeit war er noch nicht von diesen grausamen Brandmalen entstellt gewesen.

„Was also sucht ihr hier oben?“

„Ich wollte mir nur die Beine vertreten.“ Dann, nach einem kurzen Moment des Schweigens fügte er noch hinzu: „Ist schon seltsam: Eleifa, Norska und Draka zusammen in einer Feste und wir sind uns noch nicht gegenseitig an die Gurgel gegangen.“

„Nur eine Frage der Zeit.“

Darauf musste Jorek nun doch lächeln. Ysketh wusste nichts mit ihm anzufangen. War er als Freund oder Feind gekommen? Kämpfte dieser Eleifa noch für Mandrek oder nur sich selbst? Konnte er sich ihm offenbaren? Es würde zur unbarmherzigen Ironie der Götter passen, wenn sie ihm als Verbündeten nun ausgerechnet Jorek zur Seite gestellt hätten.

„Was genau, wenn die Frage erlaubt ist, habt Ihr hier oben zu schaffen?“, fragte der Eleifa, wobei der Ton seiner Stimme wenig verriet.

Wie weit kann ich ihm trauen? Kann ich ihm überhaupt trauen?

Ysketh wälzte die Fragen und ballte die Faust fester zusammen.

Trotz der Kälte tropfte Syrian Schweiß von der Stirn. Die Klinge trennte nur ein feiner Windhauch von seiner bloßgelegten Brust. Knapp über dem Herzen setzte er die Spitze an und bohrte so weit hinein bis Blut floss. Ein warmes Rinnsal.

Er kniete auf dem frostharten Waldboden und hielt das Schwert mit beiden Händen fest umklammert. Dieses Andere, dieses fremde Wesen, der Dämon war in ihm. Er stellte ihn sich als vor Schwärze triefenden Pfropfen vor, der seine Eingeweide verstopfte und schlammiges Blut durch seine Adern pumpte. Er musste da raus. Syrian musste ihn rausschneiden. Sein Vater hatte die Kraft dazu nicht gehabt, hatte sich verführen lassen. All das wusste Syrian, konnte es sehen. Doch er empfand wenig Mitleid für den Mann, der ihn entweder ignoriert oder mit aller Verachtung Bastard geschimpft hat.

Nur ein Stoß. Er musste nur einmal kräftig zustoßen und schon wäre es vorbei. Dann würde er dieses schleimige Etwas in Händen halten und zerquetschen können. War das überhaupt noch sein Blut, was da aus der Wunde floss. Ab und zu, zwischen zweimal blinzeln, erschien es ihm schwarz und blasenwerfend. Dann schüttelte er vehement den Kopf und es war nur noch Blut.

Seine Hände waren glitschig vom Schweiß. Er rutsche auf dem harten Boden hin und her und atmete stoßweise. Dann spannte er alle Muskeln an.

Jetzt! Der Moment ist gekommen. Jetzt, stich zu! Na los!

Er kippte zur Seite und blieb, alle Viere von sich gestreckt, liegen.

Wut und Verzweiflung stiegen in ihm auf und er wollte sie hinausschreien. Sich selbst zu richten, dazu war er nicht im Stande. Doch wie sollte er dann dem Dämon widerstehen können, wie ihm die Stirn bieten und vernichten? Nur eine Person fiel ihm ein, die helfen konnte. Oder würde Bashira nur ein Monster und eine Gefahr in ihm sehen und ihn lieber töten als heilen?

Er wurde in seinen Gedanken jäh unterbrochen, als er mehrere Schritte hörte, die sich durch den Wald bewegten. Dicht auf den Boden gepresst schlich er eine kleine Anhöhe hinauf und spähte darüber. Es waren Eleifa, kein ganzes Dutzend, doch an ihrer Spitze schritt Mandrek selbst. Was hatte das zu bedeuten? Wo wollte er hin und wo war Keisha?

Er wandte den Kopf in Richtung des Lagers. Dort befand sich noch immer die Bestie. Wenn Keisha noch dort war, würde er sie ohne Hilfe nicht finden. Einzig Mandrek wusste, wo sie war. Noch einmal spähte er zu der kleinen Gruppe und entdeckte dabei auch den hochrangigen Soldaten, dem er eine pfeilförmige Brandwunde auf die Wange verpasst hatte.

Rasch schloss Syrian seine Kleidung wieder und verstaute das Schwert. Er würde ihnen folgen, der Dämon musste warten.

Und bis zum geeigneten Moment, würde er das auch tun.

Borack konnte nicht genau sagen, ab wann sie die Führung übernommen hatte und warum er es zugelassen hatte. Sie kannte sich hier doch kaum aus. Dennoch war irgendetwas in der Art, wie sie es gesagt hatte, gewesen, das ihn dazu bewegt hatte, ihr zu vertrauen.

„Ich fühle es einfach“, waren ihre Worte. „Ich kann es nicht erklären, aber wir sollten in diese Richtung weitergehen.“

Und noch bevor ihm die geeigneten Widerworte eingefallen waren, hatten sie die Höhle erreicht. Hinter dichten Büschen versteckt beobachteten sie den Eingang nun schon eine Weile und nichts Verdächtiges war ihnen aufgefallen.

„Bist du sicher, dass wir hier richtig sind“, fragte er flüsternd. „Was genau wollen wir hier?“

Zhara nahm sich Zeit für die Antwort und was sie sagte gefiel ihm überhaupt nicht: „Ich bin nicht sicher, aber wir sollten hineingehen.“

Er schüttelte den Kopf, setzte zum Protest an, da war sie bereits mit gezogenem Schwert aus der Deckung geschlüpft. Geduckt näherte sie sich dem Höhleneingang. Ein lauten Fluch unterdrückend zog Borack ein Pfeil, spannte den Bogen und folgte ihr.

Auf den ersten Blick wirkte die Höhle verlassen, erst aus der Nähe erkannte er die frischen Fußspuren. Wenige zwar, aber viel zu frisch. Er wollte Zhara darauf aufmerksam machen, doch sie war bereits am Eingang. Rasch, ohne aber gleichzeitig die Umgebung aus den Augen zu verlieren, schloss er zu ihr auf.

„Keisha!“, hörte er sie entsetzt keuchen. Dann sah er die beiden Körper auf dem Höhlenboden. Der eine war ein Norska, blutbesudelt, mit einem Pfeil im Hals. Doch wirklich erschreckend empfand Borack nur den schwarzglänzenden Kragen, den die Leiche trug. Zhara hatte sich neben den anderen Körper gekniet, der von Fellen bedeckt war.

Borack ließ seinen Blick noch einmal durch die Höhle gleiten bevor er sich zu dem Toten hinab beugte. Er legte den Bogen beiseite, umfasste den Kragen, hoffte, und löste ihn vom Hals seines Landesbruders. Ja, er hatte sein Volk verraten aber so etwas hatte er nie gewollt. Voller Verachtung schleuderte er den Ring aus schwarzem Stahl hinweg.

„Ruhe in Frieden“, sprach er und schloss die Augen des Norska.

„Sie lebt!“, schrie Zhara erfreut auf. „Borack, sie lebt!“ Er sah die Freude in ihrem Gesicht und ließ sich davon anstecken, jedenfalls für einen kurzen Moment. Dann erschien die hagere Gestalt hinter ihr wie aus dem Nichts. Löste sich einfach aus dem Dunkel der Höhlenwände und hielt ein Messer mit tiefschwarzer Klinge hocherhoben.

Er brüllte noch irgendetwas bevor er sich auf die Gestalt warf. Sie gingen beide zu Boden und gleich darauf spürte er einen stechenden Schmerz in der Seite. Die Kreatur starrte ihn aus riesigen, milchig weißen Augen an und stach abermals zu. Er rollte von ihr runter. Doch die Gestalt verlor keine Zeit, war bereits wieder auf den Beinen und wollte ihr blutiges Werk vollenden, da schlug ihr Zhara die Hand ab. Jaulend wurde die Bestie zurückgeworfen und Zhara schlug erneut zu, stieß die Klinge diesmal in den ausgemergelten Bauch.

Borack kam ächzend wieder auf die Beine. Er war sich sicher, der Kampf sei am Ende, als ihm auffiel, dass die Kreatur kein Blut verlor. Zhara zog ihr Schwert aus dem Leib des Gegners, doch dieser war keineswegs besiegt. Mit der verbliebenden Hand schlug er zu. Zhara war von dem Angriff so überrascht, dass ihre Abwehr zu spät kam. Stöhnend ging sie zu Boden und ließ dabei ihr Schwert fallen. Das hagere Männchen hob die Waffe im Nu auf, doch Borack warf sich erneut dagegen. Er drängte den Feind an die Wand, sie rangen um das Schwert, wobei die Klinge zwischen ihrer beiden Kehlen zitterte. Mit der Kraft beider Arme drückte der Norska den geschärften Stahl in das schwarze Fleisch der Kreatur bis der Hals durchtrennt war und der kahle Schädel von den Schultern fiel.

Tot brach auch der restliche Körper zusammen.

Erschöpft und laut schnaufend nahm Borack Abstand. Zhara kam wieder zu sich.

„Was war das für eine Kreatur?“, fragte sie benebelt. „Und wieso hat sie nicht geblutet? Der Stich war tödlich gewesen, wieso…?“

„Ich weiß es nicht“, antwortete Borack. „Ich weiß es nicht. Aber sie hat offenbar deine Freundin hier bewacht. Wir sollten verschwinden.“ Er gab ihr das Schwert zurück. „Und zwar schleunigst.“ Als er den Bogen aufheben wollte zuckte er zusammen.

„Du bist verletzt!“ Zhara trat an ihn heran und betrachtete die Wunde.

„Ist schon gut, es ist nur…“ Er verstummte. „Hörst du das?“ Beide verharrten und hielten den Atem an. Tatsächlich näherte sich ihnen jemand. Mehrere Schritte stapften durch den Schnee.

Zhara sah ihn aus großen Augen an, dann schielte sie zu der geköpften Leiche. „Mehr von denen?“

Borack wusste es nicht zu sagen. „Mehr von irgendwem“, antwortete er nur und schulterte den Bogen. „Wir müssen weg.“ Er hob die fremde Draka auf, die offenbar von der Erschöpfung übermannt worden war.

„Doch wohin, wir können nicht raus“, merkte Zhara an, während sie das Schwert wegsteckte und den Dolch der Kreatur aufhob.

Die Idee kam ihnen im selben Moment und behagte ihnen nicht sonderlich. Borack konnte deutlich die schmerzliche Erinnerung auf ihrem Gesicht ablesen.

„Die Höhle hat einen zweiten Ausgang“, sagte sie und er nickte bloß.

Jorek musterte den entstellten Mann eine kurze Weile, ehe er auf die Frage antwortete. So bekannt. Diese Augen…er schüttelte kurz den Kopf. Das war nun nicht von Bedeutung. "Um ehrlich zu sein, bin ich Euch gefolgt. Es ist nur eine wage Erinnerung, aber irgendetwas an Euch gibt mir das Gefühl, Euch bereits zu kennen. Ich dachte, ich erinnere mich wieder, wenn ich Euch beobachte oder mit Euch spreche. Leider scheint mein Kopf in den letzten Jahren einen Schlag zu viel abbekommen zu haben." Seine Lippen zuckte abermals und er ging zum Rand des Turmes. Abwesend streckte er einen Arm aus und einer der Falken setzte sich sogleich darauf, grub seine Krallen in den hellen Oberarm und lies zu, dass Jorek seine Brustfedern streichelte, eher er eine kleine Nachricht an seinem Bein befestigte. Er spürte, wie der Draka einen Schritt auf ihn zu machte, als wolle er ihn aufhalten und drehte seinen Kopf. "Keine Angst, ich werde Euer Volk nicht verraten. Ich muss nur meinen Leuten in meiner Heimat eine Nachricht übermitteln. Sie sollen zu uns stoßen. Mandreks Armee wird sich in kürzester Zeit halbieren, wenn ich meinen Einschätzungen über die Loyalität meiner Männer trauen kann und noch nicht zu viele von ihnen diese…" er spuckte aus "Zwangskragen tragen." Schwungvoll beförderte er den Falken in die Luft und das edle Tier schraubte sich mit einem spitzen Schrei in den weißblauen Himmel. Jorek beobachtete ihn noch einen Augenblick, ehe der Falke als dunkler Punkt am Horizont verschwand.

"Mich interessiert weder, wer hier herrscht, noch was Ihr plant, um diese Position neu zu besetzen. Das Einzige, was ich will ist, Mandrek und Zedar davon abzuhalten, die Welt zu versklaven und dafür müssen wir zusammen halten. Danach können wir uns von mir aus gerne wieder gegenseitig an die Kehlen springen. Ich habe gesehen, was so ein Kragen einem anderen antuen kann. Ich habe einen stolzen Draka gesehen, der gelacht hat, als ich ihm die Haut von den Armen gezogen habe. Dieser Draka hat keine drei Stunden später Mandreks Füße geküsst und ihm als Fußstütze gedient. Niemandem sollte so etwas angetan werden, noch nicht einmal einem stinkenden, stachellosen Wüsteninsekt." Ein belustigtes Funkeln trat in seine Augen als er dem Draka in die Augen sah.

"Nun, ich habe Euch gesagt, was meine Meinung ist und wie ich das Ganze sehe. Jetzt seid Ihr an der Reihe."

Leif fluchte, als er die Leichen in der Höhle fand. Jemand war hier gewesen. Sein Blick fiel auf die graue Kreatur und ihm lief ein kalter Schauer über den Rücken. Konnte Zedar die Draka bereits mitgenommen haben? Nein. Der Norska trug seinen Kragen nicht mehr, das bedeutete, dass ein anderer seines Volkes oder ein Verbündeter hier gewesen war. Das Geräusch kleiner Steine, die sich bei einem Fehltritt lösten, weckten seine Aufmerksamkeit. Sie waren nicht alleine. Wütend gab er seinen Männern ein Zeichen ihm zu folgen. Lautlos und geschmeidig bewegten sie sich tiefer in die Höhle hinein und folgten den Geräuschen, welche ihm ab und zu den Weg zeigten. Es musste sich um jemanden handeln, der verletzt war. Kein anderer würde auf der Flucht so viel Lärm machen. Er griff hinaus und suchte nach dem Kragen, den er Keisha angelegt hatte. Er fand ihn und verband sich mit ihm. Leif schürzte sich die Lippen während er sich konzentrierte. Die Draka schlief oder war bewusstlos. Er konnte nicht zu ihr durchdringen. Er beschleunigte seine Schritte und befahl den Norska, es ihm gleich zu tun. Er musste die Fremden einholen. Er durfte Keisha nicht verlieren. Nicht jetzt, wo all seine Pläne nur durch diese Quelle der Kraft aufrecht erhalten wurden. Immer wieder versuchte er zu ihr durch zu dringen, rief sie, sandte ihr kurze Schmerzen und nach einer kurzen Weile spürte er etwas. Sie erwachte.

Getragen…nein, das konnte nicht sein, sie war doch gerade erst hingelegt worden, wieso wurde sie schon wieder getragen? Ein kurzer Schmerz schoss durch ihren Kopf und sie konnte sich ein leises Stöhnen nicht verkneifen. Zornig über ihre eigene Schwäche schob sie die Schmerzen zur Seite und öffnete die Augen. Irgendetwas kitzelte sie in ihrem Bewusstsein. Es störte sie, da es ihr etwas zu befehlen schien, was sie nicht wollte." Ihr Blick glitt zu der Person, welche sie trug. Schon wieder ein blauäugiger Norska. Dieser war jedoch älter und offensichtlich verletzt. Sie griff hinaus und durchleuchtete seinen Körper wie sie es in letzter Zeit öfters für verletzte Krieger getan hatte. Keisha wunderte sich, dass er noch stehen konnte. Sein Wille schien genauso stark wie der eines Draka zu sein. Wieder kitzelte dieser lästige Gedanke an ihrem Bewusstsein, befahl ihr, ihre Begleiter zu töten. Der Befehl wurde stärker. Wiederwillig schob sie ihn zur Seite und räusperte sich. "Lass mich runter. Ich kann selbst laufen. Es ist gut. Du bist stärker verletzt als ich." Als sie ihren Kopf drehte, spürte sie etwas unangenehm enges an ihrem Hals und ihre Hand sprang zu diesem Gegenstand. "Nein…nicht…bitte…" flüsterte sie und wusste nun, das dieser fremde Gedanke in ihrem Kopf ein Befehl war. Ein Befehl, dem sie gehorchen musste…Sie stieß sich von dem Norska ab. Er taumelte und sah sie überrascht an, als sie geschmeidig auf dem Boden auf kam und ihn anstarrte.

"Mädchen, wir sind hier, um dir zu helfen. Es wird alles gut." er hob seine Hände um ihr verständlich zu machen, dass er nichts böses wollte. Sie schüttelte den Kopf. "Lauft, so schnell ihr könnt. Ich…" ihre Hand glitt erneut zu dem Kragen. "Ein Befehl. Es ist schwer ihm zu wiederstehen…." eine weitere Gestalt trat hinter sie und legte sanft die Hand auf ihre Schulter. Keisha wirbelte herum und starrte fassungslos in ihre eigenes Gesicht…nein, nicht ganz ihr Gesicht. Die Augen ihrer Gegenüber waren dunkelbraun, beruhigend und…nein…war sie tot? Zhara war tot. Aber sie war hier und sie selbst auch…der Befehl wurde wiederholt und ein weiterer Schmerzenstich lies sie zusammen zucken. "Zhara…wie…du warst tot…" sie brach auf die Knie und hielt sich den Kopf. "Lauft. Bei den alten Göttern, LAUFT." sie sah hoch und grünes Feuer glühte in ihren Augen. "Die Befehle werden stärker je näher er kommt. Wenn ihr jetzt nicht geht, töte ich euch beide. Ich könnte es nicht ertragen, dich noch einmal zu verlieren." flehend sah sie zur ihrer Schwester auf, doch es war der Norska, der die Entscheidung traf und Zhara am Arm packte um sie fort zu ziehen.

Keisha klammerte sich an einem Felsen fest und konzentrierte sich, kämpfte gegen den fremden Willen an und spürte die Wut dahinter, dass sie sich wehrte. Dass sie es wagte sich ihm zu wiedersetzen. Und hinter alldem spürte sie eine andere, viel dunklere Kraft. Zedar hatte sie entdeckt und die Kraft dahinter lies Leifs Befehle wie die einer Maus wirken.

Er war mit jedem Kragen auf diesem Planeten verbunden, spürte jedes einzelne Bewusstsein in seinem Kopf und konnte, wenn er wollte, jeden einzelnen Sklaven persönlich lenken. Und nun hatte er eine neue Sklavin. Zedar konnte sein Glück nicht fassen. Dort wo Nirsa versagt hatte, hatte Leif triumphiert. Er fühlte, dass Leif der Machtträgerin den Kragen persönlich umgelegt hatte. Der Fingerabdruck des jenigen, der den anderen versklavte, war deutlich zu spüren. Er lachte. Mit dieser zusätzlichen Macht ausgestattet würde ihm niemand mehr Widerstand leisten können. Mit all seiner Kraft griff er hinaus und…prallte ab. Seine Augen weiteten sich. Diese mickrige Person wehrte sich. Sie wehrte sich gegen Leifs Befehl und gegen seinen. Oder wiedersprachen sich die Befehle? Nein, das konnte nicht sein. Sein Befehl würde über den seines Schülers gelten. Wie konnte ein Sterblicher es wagen, sich ihm zu widersetzen? Er griff erneut hinaus, hämmerte gegen das Schild, spürte, wie es wankte, wie die Person auf die Knie ging und durchbrach es. "Komm zu mir, mein Kind." flüsterte er.

Mandrek wand sich. Die Kiste in welche er gesperrt worden war, war eng, die Fesseln fest geschnürt und die Luft wurde allmählich knapp. Er wusste nicht, wie lange er bewusstlos gewesen war, aber er fühlte sich erstaunlich erholt. Vorsichtig griff er mit seinen Kräften hinaus und löste die Fesseln. Missmutig rieb er sich die wunden Handgelenke. Er schien tatsächlich eine Weile hier drin zu sein, wenn man von den Verletzungen seiner Handgelenke ausging. Vorsichtig tastete er mit seinen Kräften weiter die Umgebung ab und fluchte leise. er war mindestens einen Meter tief in der Erde verscharrt worden. Vorsichtig und flachatmend lies er sich zurück sinken und konzentrierte sich auf die Männer, welchen er persönlich Kragen angelegt hatte. Er sandte einen starken Befehl aus und machte es sich so bequem, wie man es sich eben in einer winzigen Kiste machen konnte. Jetzt musste er ausharren und darauf hoffen, dass die Luft ausreichen würde.

Bashira teilte am Ausgang zur Festung mit Essig getränkte Tücher aus und sorgte dafür, dass auch wirklich jeder Weise die Tücher umband. Sie hatte bereits Botschafter mit Proklamationen ausgesandt, dass die Bewohner der Stadt in den Häusern bleiben sollten und diese nicht verlassen durften. Sie erinnerte sich durchaus an das Letzte Mal, als die Pest in der Wüste ausgebrochen war. Es hatte Monate gedauert, bis sie sie wieder unter Kontrolle bekommen hatten und große Teile der Stadt hatten abgebrand werden müssen. Teile der Kaltwasserfestung waren versiegelt worden, um die Ausbreitung zu verhindern. Sie hoffte, dass es sich nur um ein Pestopfer gehandelt hatte, aber bei dieser Krankheit war es unwahrscheinlich, sie breitete sich unbeschreiblich schnell aus. Sie gab einem Soldaten ein Zeichen und dieser setzte den großen Wagen für die Leichen rumpelnd in Bewegung. Usamaa hatte hier vor den Toren eine saubere Arbeit geleistet. Vielleicht etwas zu blutig, aber der Aufstand war beendet worden. Dennoch ärgerte es die Weise, dass er ohne ein weiteres Wort an ihr vorbei gerauscht war. Sie würde sich später mit ihm befassen müssen…gründlich.

Die Weisen teilten sich, mit jeweils einem Leichenwagen, sternförmig vom großen Platz aus auf. Sie durften keine noch so kleine Gasse übersehen. Und sie mussten sich beeilen. Keiner konnte wissen, wie lange Mandrek oder Zedar auf sich warten lassen würden. Nur eines war sicher. Sie würden kommen.

Santori betrachtete den König nachdenklich. Die Brandwunden waren beträchtlich, die meisten der Dorfbewohner hatten ihn bereits aufgegeben, nach dem er vor Tagen das Bewusstsein verloren hatte. Er selbst war nur ein Bauer und seit dem der König und die anderen Verletzten hier aufgetaucht waren, half er bei der Pflege mit, da er bekannt da für war, dass seine Tiere nie starben, wenn sie krank wurden und auf beinahe wundersame Weise wieder gesundeten. Ob seine Methoden bei Menschen funktionierten, wusste er jedoch nicht. Zeit seines Lebens war er ziemlich abgeschieden aufgewachsen und hatte nach dem Tod seines Vaters den Hof alleine weiter geführt. Erst als sich dieses seltsame Tor zu einem anderen Ort mitten auf seinem Feld geöffnet hatte, war er wieder in das Dorf zurück gekehrt. Er ging neben dem Mann in die Knie, dessen Gesicht er von Münzen kannte. Zumindest dessen grobes Gesicht. Viel war nicht mehr davon übrig. Er legte seine Hände auf das verbrannte Fleisch seiner Brust und schloss die Augen. Schwach fühlte er das Herz schlagen, die Lunge rasselte, da sich Wasser dort gesammelt hatte und er konnte die physischen Schmerzen beinahe selbst fühlen. Vorsichtig fühlte er weiter hinaus, drang in den Körper hinein, stellte sich vor, wie das Wasser aus der Lunge verschwand, die Haut sich verkrustete und gesunde Haut sich darunter bildete. Er fand Verletzungen, die älter waren und auch hier stellte er sich vor, wie die Knochen wieder richtig zusammen wuchsen. Santoris Suche fand die Augen Amwendus und ein Schauer lief über seinen Rücken. Das eine Augen würde er retten können…vielleicht…er wankte, stellte sich jedoch vor, wie der milchige Belag des Auges verschwand und die Hornhaut sich erneuerte.

"Seht doch…der König…." der ruf einer Frau und das Klirren einer fallen gelassenen Schüssel riss Santori aus seinen Gedanken und er öffnete erschöpft seine Augen. Der junge Draka hatte das Gefühl Tagelang in der prallen Sonne ohne Essen und Trinken gearbeitet zu haben. Sein Blick fiel auf Amwendu und seine Augen weiteten sich.

Ysketh entspannte sich etwas. Nun wusste er, wen er vor sich hatte – einen Gegner Mandreks und damit einen Feind. Von den Kragen hatte er gehört. Genauer gesagt, hatte Mandrek sie einmal mehr beiläufig erwähnt; sie waren die Waffe, die den Krieg entscheiden sollte. Der Hass Joreks gegenüber diesem schwarzen Metall überraschte Ysketh. War es wirklich ein so großes Übel?

„Nun“, begann er, „ich diene.“

Jorek legte den Kopf leicht schief. In seinen Augen lag etwas, das unmöglich zu deuten war. „Und in diesen trügerischen Zeiten“, sagte er, „wem dient Ihr da wohl?“

Ysketh sah zu den Vögeln hinauf, wobei er das kleine Stück Leder zwischen seinen Finger drehte. „Ich möchte Euch etwas fragen: wenn ihr Seite an Seite mit Draka und Norska gegen Mandrek kämpft, wem dient Ihr dann? Sicher nicht den Königen der Nord- oder Südlande und ganz offenbar auch nicht Eurem eigenen. Ganz zu schweigen von den Völkern, die Ihr über die Jahrzehnte hassen gelernt habt. Also dient Ihr nur Euch selbst und so gedenke ich es ebenfalls zu tun.“

Jorek verschränkte die Arme und schüttelte den Kopf: „So viele Worte und dabei wurde so wenig gesagt. Ihr seid wahrlich am Hofe beheimatet.“

„Es versteht sich eben nicht jeder auf das Schwert.“

Jorek strich über das Heft seiner Waffe. „Haltet mich nicht für einen Narren“, sagte er. „ich weiß, wie verhasst mein Volk hier im Süden ist.“

Ysketh trat näher an ihn heran, wobei ihn jeder Schritt Überwindung kostete, da die Erinnerung sich dadurch weiter festigte. Auch früher hatten sie schon so dicht beieinander gestanden – als Todfeinde damals.

„Man misstraut euch“, sagte er dem Eleifa ins Gesicht. „Niemand kann mit Bestimmtheit sagen, dass ihr nicht für Mandrek spioniert. Unsere Verteidigungsanlagen, unsere Kriegsstrategien. Nichts ist vor euch sicher. Und sollte erst das gemeine Volk dahinter kommen, dass wir Eleifa beherbergen, werden sie auf die Barrikaden gehen. Zu frisch sind die Erinnerungen an die Massaker, die ihr angerichtet habt.“

So standen sie einen Moment schweigend gegenüber, taxierten einander, suchten in den Augen des jeweils anderen nach Anzeichen für irgendwas bis Jorek schließlich nickte und antwortete: „Wie Ihr meint. Ich habe meine Angelegenheiten hier erledigt und werde mich zurückziehen. Wollen wir doch einmal sehen, wie tief der Hass in euren Frauen sitzt, wenn sie mir zu willen sind.“ Wieder grinste er, doch war es nur der Mund, der sich zum Lächeln verzog. Seine Augen blieben unverwandt ernst und beobachtend. Er ging.

Ysketh kam kurz ins Wanken und musste sich an dem kleinen Tisch abstützen, der im Raum stand. So viele Bilder und Stimmen aus vergangener Zeit stürmten auf ihn ein, dass er Schwierigkeiten hatte, sie zu verdrängen. War er nicht schon genug gestraft? Zumindest war ihm nun eine Antwort auf die Königsfrage gekommen. Solange Amwendu fortblieb, würden sich Usamaa und Bashira und der Rat um die Herrschaft balgen. Diese Verwirrung sollte ihm zugutekommen. Amwendu musste verschwinden und durfte auf gar keinen Fall gefunden werden.

Er nahm eine Feder und vollführte einen Strich durch die Vogelzeichnung auf dem kleinen Lederstück. Dann suchte er nach dem Habicht, den er die letzten Wochen hatten abrichten lassen, band ihm die Nachricht an den Fuß und ließ ihn fliegen. Das Tier vollführte einen Bogen und flog in Richtung Stadt.

Charasch und seine beiden Begleiter fanden das Tier im Dachgarten des Hauses, das ihnen als Versteck diente. Der hier beheimatete Händler hatte die Stadt vor Tagen verlassen um sich in einen sicheres Domizil zurückzuziehen, welches kein Ziel von Kriegen sein würde. Charasch hielt ihn für dumm oder verzweifelt. Würden die feindlichen Truppen erst kommen, wäre man hinter den Mauern sicherer. Aber wahrscheinlich würde niemand dem Brandschatzen entgehen, ob nun mit oder ohne Mauer.

Der Habicht hatte sich in einem Leinentuch verfangen, das aufgespannt war um die Pflanzen vor der direkten Sonneneinstrahlung zu schützen. Charasch ergriff den gefederten Leib mit beiden Händen und drückte ihn an seine Brust um ihn zu beruhigen. Der Vogel atmetet schnell, schlug noch einmal mit den Flügel, dann entspannte er sich allmählich.

Alketh und Salir traten zu ihm. Sie waren Brüder, waren im Abstand von nur wenigen Augenblicken zur Welt gekommen und glichen einander erschreckend. Man würde sie nicht auseinanderhalten können, hätte Alketh nicht diese Narbe quer über der Wange, die er selbst als Kriegswunde bezeichnete, während andere davon sprachen, dass er sie sich absichtlich zugefügt hat, damit man ihn nicht mit seinem Bruder verwechselte.

Salir löste die Nachricht vom Fuß des Habichts, besah sie und reichte sie an seinen Bruder weiter. Der warf einen Blick darauf und nickte: „Nun, damit hatten wir gerechnet. Der König muss sterben.“

Charasch hob das Leinentuch ein Stück an, sodass der Vogel in Freiheit fliegen konnte. Wie gern würde er ihm auf solchen Schwingen folgen. Die Tat, der sie sich nun stellen mussten, behagte ihm gar nicht. Schon die ganze Sache mit den Leichen war ihm zutiefst zuwider gewesen, aber Therun hatte immer wieder vertraulich auf ihn eingeredet. Und er hatte Therun vertraut.

Und ich habe ihn auch umgebracht…

Salir tigerte durch die Reihen hoher Stauden und rieb sich nervös den dunklen, kurzgeschorenen Schädel. „In Ordnung, in Ordnung. Damit beschäftigen wir uns, wenn wir wieder zuhause sind. Jetzt müssen wir erst mal aus der Stadt raus.“

Charasch schüttelte den Kopf. „Das ist nicht so einfach. Die Wache haben alle Tore gesperrt und lassen niemanden rein oder raus.“

Alketh stimmte brummend zu, die Narbe zuckte wie Schlange wenn er sprach: „Der Prinz hatte die Leute am Palasttor niedergeschlagen und zieht jetzt sicher mit seinen Soldaten zu den Stadttoren um dort das gleiche zu tun. Währenddessen greift die Panik wegen der Leichen um.“

Salir blieb stehen und trat von einem Fuß auf den anderen: „Wenn das so weitergeht kommt es noch zum Aufstand. Ich hab in den Straßen gehört, dass Eleifa im Palast sein sollen. Als Gäste! Könnt ihr euch das vorstellen?“

Sie schüttelten alle drei den Kopf und jedem von ihnen drängte sich dieselbe Frage auf: Was nun? Da bemerkte Charasch ihre Blicke, wie sie verstohlen zu ihm herüber sahen. Er war der jüngste von ihnen und doch warteten sie darauf, dass er entschied. Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag. Therun hatte viel von ihm gehalten und sie hatten die Pläne jedes Mal zusammen besprochen, doch hätte er sich nie träumen lassen, einmal allein dafür verantwortlich zu sein.

Therun wüsste was zu tun ist… er wüsste es ganz bestimmt… Bei dem Gedanken drehte sich ihm der Magen um. Sie mussten raus aus dieser Stadt, weg von diesen Leichen und dem Tod, den sie in sich trugen. Dann blitze eine Idee vor seinem geistigen Auge auf.

„Vielleicht…“, begann er, verfiel kurz ins Grübeln und sprach dann weiter: „Vielleicht ist das unsere Chance.“

„Was meinst du“, fragte Alketh und die Schlangennarbe zuckte.

„Ich meine einen Aufstand. An einem der Stadttore. Überlegt doch mal. Wir versammeln uns alle am südöstlichen Tor, mischen uns unter die Menge und wiegeln sie auf bis der ganze Pulk sich voller Zorn gegen die Wachen wirft und in diesem Tumult schlüpfen hindurch.“

Salir kratzte sich am Kopf: „Klingt ziemlich riskant.“

„Mörderisch, sogar“, stimmte sein Bruder ein.

„Ich bin für Vorschläge offen“, erwiderte Charasch in einem Tonfall, dessen Bestimmtheit ihn selbst überraschte. „Keine? Also gut. Trommelt unsere Leute zusammen. Wir treffen uns am Tor. Los!“

Sie folgten seinem Befehl, doch er konnte diesen kleinen Triumph kaum genießen. Yskeths Worte, die er ihm kurz vor dem Aufbruch in aller Vertraulichkeit zugeraunt hatte, waren allgegenwärtig: Sorge dafür, dass keiner von ihnen uns verraten kann!

Von einem mulmigen Gefühl begleitet folgte er den Brüdern.

Die Wipfel hoher Tannen rauschten unter ihm hinweg. Er konnte sie fast berühren, musste nur die Finger ausstrecken. Dann stieg er höher. Felsen ragten vor ihm auf, ein Gebirgszug erhob sich majestätisch und uralt, schien ihm entgegentreten zu wollen, doch er flog einfach darüber hinweg. Weiße Wolkenfetzen jagten vorbei bis er schließlich ganz von ihnen eingehüllt wurde. Ein rhythmisches Brausen war sein Begleiter, der Herzschlag des Windes, der ihn eiskalt umwehte. Am höchsten Punkt der Berge gab er einen Jubelschrei von sich und stürzte an den steilen Hängen hinab, fing sich wieder und glitt über die Ebenen hinweg. Die glitzernde Scheibe eines Sees tauchte unter ihm auf und in ihr spiegelte sie die grausige Kreatur, durch dessen Augen er sah. Sie schlug mit den Flügeln und schrie.

Schrie, schrie, schrie.

Varren wurde aus seinen Tagträumen gerissen, als der rotbemalte Krieger ihm ins Gesicht schrie. Die hässliche Fratze des Mannes berührte ihn fast an der Nasenspitze. Speichel landete auf seinen Wangen.

Varren blinzelte und versuchte sich zu orientieren. Die leere Augenhöhle schmerzte wie mit flüssigem Feuer gefüllt. Er hatte gehofft, diese Träume im Lande der Eleifa zurückgelassen zu haben. Doch jetzt waren sie zurück und flogen auf riesigen Schwingen heran.

„Absteigen, Lumpenkönig!“ Der Rote, den seine Männer Ikhit nannten, zerrte an dem Seil, dass sie Varren um den Hals gebunden hatten. Er flog von dem alten Kamel und landete im Staub, wobei ein brennender Schmerz durch seine Schulter zuckte. Sie hatten ihn all seiner Kleider entledigt – mit ihren Messern hatten sie sie ihm vom Leib geschnitten, jetzt war er von Schnittwunden übersät. Mit auf den Rücken gebunden Händen und angeleint wie ein Hund hatte er ihnen zu ihrem Stamm folgen müssen. Ikhit packte ihn an den Haaren und riss ihn auf die Beine. Der Rote trug die goldene Spange Amwendus am Federkragen als Trophäe. Zwar war Varrens List offenbar aufgegangen, denn sie hielten ihn wirklich für ihren König, dennoch fragte er sich, ob der Preis nicht zu hoch war.

„Los, komm schon Lumpenkönig“, schrie ihn Ikhit an, sichtlich erfreut über seinen Fang, „Häuptling Jheira wird dich sehen wollen!“ Der Rote und seine Männer, die ihn wie voller Stolz durch ihr Dorf führten, benutzen einen alten Dialekt, der nur noch in den Grenzregionen des Reiches gesprochen wurde. Varren kannte ihn gut aus dem Krieg gegen die freien Stämme. Amwendus größte Errungenschaft vor einigen Jahrzehnten, viele hier würden sich noch daran erinnern. Was ihn jedoch wirklich beunruhigte war, dass der Name Jheira in der alten Sprache nicht anderes bedeutete, als der Häuter.

Es handelte sich eigentlich nicht um ein Dorf, sondern eher eine Ansammlung von Zelten verschiedener Größen. Sie waren Umherziehende, erkannte Varren. Männer, Frauen und Kinder blieben stehen, als er vorbeigeführte wurde und Ikhit ihn anpries mit den Worten: „Seht, unser Lumpenkönig. Heil dem Lumpenkönig. Bezeugt ihm euren Respekt!“ Und das Taten sie mit faulem Obst und Gemüse. Manche warfen gar kleine Steine und ein junges Mädchen, kaum älter als fünf Lenze schleuderte ihm eine kleine Eidechse entgegen. Selbst auf diesem kindlichen Gesicht spiegelte sich Hass wider.

Das Häuptlingszelt war zwar das Größte, aber sonst kaum von den anderen zu unterscheiden. Es bestand nur aus graubraunen Leinen und wurde von keinerlei Wimpel oder Fahne geziert. Einzig die aufgespießten Köpfe, die den Eingang säumten, ließen darauf schließen, wer sich drinnen befand. Als Varren sie passierte bemerkte er, dass den Toten die Gesichter fehlten.

Häuptling Jheira hatte es sich auf einem Stein gemütlich gemacht, der mit Tierfellen komfortabler gestaltet worden war. Die Häute, die links und rechts von ihm aufgespannt waren und sich bei jedem kleinen Windzug, der sich unter die Zeltbahnen schlich, aufblähten, kamen Varren allerdings nicht wie die von Tieren vor. Rasch senkte er den Blick. Ikhit drückte ihn in die Knie.

„Oh, großer Häuptling! Ich bringe dir die versprochene Beute. Das Scheusal von König, den Schlächter von Amkarath und die Seuche der Sieben Wüsten! Der Lumpenkönig Amwendu ist dein!“

Jheira war ein breiter Mann mit brutalem Gesicht, groben Gesichtszügen und einer breiten Nase. Das schwarze Haar war zu Zöpfen geflochten und umgab ihn wie eine wilde Mähne. Mit jedem Schritt klirrte es leise von den Knochenketten um seinen Hals, den Hand- und Fußgelenken. Er beugte sich zu Varren hinab, umklammerte seinen Kiefer mit fester Hand, so sehr, dass es schmerzte, und drehte den Kopf nach Belieben.

„Sagt mir“, sprach er mit tiefer Stimme, „haben meine Männer Euch das Auge genommen?“

Bevor Varren darüber nachdenken konnte, schüttelte den Kopf.

Jheira schien diese Antwort erwartet zu haben. Er ließ ihn los und wandte sich an Ikhit. „Dann verratet mir doch mal, seit wann der König nur ein Auge hat?“

Der Rote schien sichtlich um eine Antwort verlegen. Seine Lippen bebten und brabbelte nur unzusammenhängendes Zeug: „Ich… er… er ist es ganz bestimmt… sicher hat er es im Krieg verloren… oder… ich selbst… ja, ich selbst habe es ihm… herausgeschnitten, ja… ich selbst… der lügt doch… ich…“ Der Schlag glich in seiner Wucht dem eines Kriegshammers und dennoch hatte Jheira nur den Handrücken benutzt. Ikhit ging stöhnend zu Boden.

„Schweig du jämmerlicher Wurm und wage es nicht, mein Zelt je wieder zu betreten. Schafft ihn raus!“ Bewusstlos und blutend wurde er hinausgeschleift. Varren konnte diesen kleinen Triumph nur kurz auskosten, denn nun lag die Aufmerksamkeit wieder bei ihm.

„Du bist nicht der König“, sagte Jheira, der Hass in seiner Stimmte war wie Donnergrollen. „Ich habe gegen ihn gekämpft, vor Jahren, als er mit seiner Horde in unser Dorf eingefallen war. Gerecht hatte er diesen Krieg gegen die freien Völker genannt. Er wäre der rechtmäßige König und alle Stämme und Clans müssten unter seinem Banner beherrscht werden. Ohne Ausnahme hatte er alle schlachten lassen, die dem nicht zustimmten.“ Der Häuptling kniete sich vor ihn und seine großen wilden Augen sahen Varren direkt in die Seele. „Wisst Ihr, wie es ist, wenn man Eure Brüder vor Euren Augen von vier Pferden in Stücke reißen lässt? Wenn sie Eurem Vater die Haut bei lebendigem Leib abziehen und ihn dann hinter sich herschleifen? Wenn sie Eure Schwestern und Eure Mutter vergewaltigen, wieder und wieder um sie dann mit dem Spieß oder dem Feuer von ihrem Leid erlösen? Nein, wisst Ihr nicht, denn Ihr standet auf der anderen Seite. Habt wahrscheinlich zugesehen oder gar die Befehle gegeben? Ich habe gekämpft und konnte fliehen. Einen Feigling habe ich mich selbst geschimpft und fliehe seit Jahren mit dem, was von meinem Volk übriggeblieben ist. Doch nun…“, er erhob und stellte sich neben die aufgespannten Häute. „Nun ist damit Schluss. Kein Verstecken, kein Fliehen. Ich werde ihn hier aufhängen und seine Schreie genießen.“ Er wandte sich um und hatte Varren noch den Funken einer Hoffnung gehabt, diesen Ort je wieder lebend verlassen zu können, war er mit der Härte in Jheiras Blick gestorben.

„Ich habe genug. Männer, aufsitzen! Wir reiten in dieses Dorf von Maden und holen uns den König selbst. Brennt alles nieder und lasst niemanden am Leben. Ich habe es satt auf die Befehle des Magiers zu warten!“ Der letzte Satz machte Varren stutzig. Zwar hatten ihn die Schläge, der Wassermangel und der Blutverlust stark geschwächt, dennoch war sein Verstand noch nicht vollständig ins Delirium gesunken.

„Und ihn“, Jheira zeigte auf Varren, „bindet draußen an. Soll ihn die Sonne braten. Außerdem sind die Hunde hungrig.“ Daraufhin packten ihn zwei kräftige Arme und beförderten ihn ähnlich wie Ikhit zuvor, nach draußen.

Nein, nein, nein, schrie es in ihrem Kopf und Zhara bemerkte, dass sie es auch laut hinausschrie: „Nein, nein, nein!“ Sie sah Keisha noch einen Moment wanken, dann schob sich Borack davor und drängte sie weg von ihr.

„Nein, ich muss zu ihr! Lass mich, ich muss zu ihr!“ Doch dieser Berg von einem Mann ließ ihr keinen Spielraum in den engen Felsgängen. Es war kein Vorbeikommen und er zwang sie unerbittlich Richtung Ausgang.

„Nein, du verstehst das nicht! Lass mich vorbei! Ich muss zu ihr, Borack!“, flehte, drohte, bettelte sie. Er gab nicht nach.

„Nein, du verstehst nicht!“, brüllte er zurück. „Wir müssen raus, sie ist verloren!“

Das konnte nicht sein…nein, das darf nicht sein! Sie hatte ihre Schwester schon in Händen gehalten, ihren Puls gespürt, ihren Atem und jetzt wollte man sie ihr wieder entreißen? Unmöglich. Es trieb ihr die Tränen in die Augen. Aus purer Verzweiflung zog sie den Dolch der Kreatur. Er lag gut in der Hand und die schwarze Klinge, die beinah wie Glas wirkte, glänzte verheißungsvoll.

„Borack, wenn du nicht aus dem Weg dann schwöre ich dir…“, weiter kam sie nicht. Der Norska hielt sich die blutende Seite und kam nun selbst ins Straucheln. Sie stütze ihn und schleifte ihn hinaus. Als sie durch die schmale Öffnung nach draußen traten, begann Zharas Wunde auf der Brust zu jucken, als würde sie sich daran erinnern, wo sie geschaffen worden war.

Sie trug Borack bis zum Rand der Bäume, wo er sich an einem Stamm selbst abstützen konnte. „Es geht schon“, meinte er. „Es geht wirklich. Ich kann stehen.“

„Sicher?“ Zhara besah die blutende Wunde. „Kannst du auch schießen?“

Borack ergriff Bogen und einen Pfeil, stöhnte kurz, als er spannte, atmete mit geschlossenen Augen und spannte erneut. „Ja, kann ich.“

Zhara nickte. „Gut, dann wirst du auf alles schießen, was aus dieser Höhle kommt und keine Draka ist!“ Mit diesen Worten ließ sie ihn zurück, hörte noch seine Widerworte, aber scherte sich nicht darum. Nur mit Mühe würde es mehr als ein Mann gleichzeitig aus der Höhle durch diesen Weg schaffen. Sie musste nur Keisha so schnell wie möglich finden, dann konnten sie fliehen und die Verfolger in Schach halten. Den Dolch fest umklammert, seinen Blutdurst spürend, rannte sie zurück in die Höhle.

Syrian hatte beobachtet, wie alle Mann im Höhleneingang verschwunden waren. Vorsichtig war er ihnen gefolgt, doch als er hineinspähte, erblickte er nur einen toten Norska, ein zusammengekrümmtes Häufchen grauen Elends und ein paar Felle. Dennoch lag etwas sehr bekanntes in der Luft. Ein Geruch vielleicht. Die Weisen sprachen häufig davon, dass jeder eine Aura besitzt, die Spuren hinterlässt. Sonst tat er solcherlei Geschwafel nur geringschätzig ab, jetzt jedoch könnte er schwören, dass er jemanden spürte. Jemanden, den er sehr gut kannte und der vor kurzem noch hier gewesen war. Geräusche drangen aus dem Höhleninneren. Die Erinnerung an den schmalen Pfad, den er zusammen mit Zhara genommen hatte, wurde wach und er knirschte mit den Zähnen als er an dessen Ende dachte.

Rasch versuchte er sich zu orientieren, wo ungefähr der andere Ausgang liegen müsste, dann rannte wieder hinaus, durch den Wald, hielt ein paar Mal inne um die Richtung zu korrigieren, wähnte sich richtig und rannte weiter.

Kurz darauf erreichte er die Stelle, die ihm so bekannt vorkam und ging hinter einem Felsen in Deckung. Er spähte zu dem schmalen Spalt, doch dort geschah nichts. Sollte er es wagen? Zu Sicherheit ließ er den Blick noch etwas weiter schweifen und als er gerade dachte, keine Gefahr entdecken zu können, stockte ihm der Atem. Es war, als würde er in die Vergangenheit katapultiert werden, bloß mit dem Unterschied, dass der Norska diesmal keine Armbrust, sondern einen Bogen trug.

Die Überraschung schwang in Wut um und er begann sich mit gezogener Klinge heranzuschleichen.

Die Kerker waren feucht, kalt, stickig und vor allem dunkel. Zedar ließ den Soldaten mit der Fackel hinter sich. Das Licht blendete ihn. Er war es allmählich Leid an der Oberfläche zu wandeln, da ihm weder die Luft noch Sonnenlicht besonders behagten. Er sehnte sich nach seiner Schmiede und dem Schlund. Die Hitze fehlte ihm. Die Dunkelheit des Kerkers war ihm ganz recht und ohne Feuerschein sah er besser.

Die Norska hatten scheinbar einige Zellen geleert und den Gefangen angeboten, mit einem Schwert in der Hand zu sterben oder hier unten zu verrotten. Die meisten hatten sich offenbar für ersteres entschieden. Er schritt die langen Reihen ab und spähte in jede Zelle. Ab und zu bewegte sich etwas darin, dass nach Pisse und Fäulnis stank. Aber denjenigen, den er suchte, fand er nicht. Vor der letzten Zelle blieb er enttäuscht stehen, starrte auf das spärlich ausgestreute Heu, den mit Exkrementen überfüllten Eimer in der Ecke und die Ratten, die sich rasch in ihre Löcher zurückzogen.

„Wir haben alle Zellen durchgesehen, großer Schmied“, berichtete der Soldat. „Er ist nirgendwo.“

„Das hatte ich befürchtet.“ Wahrscheinlich lag der Körper des Nomaden irgendwo draußen auf dem Schlachtfeld – aufgeschlitzt, blutüberströmt und mausetot. Zu schade, er hätte ihn gern sein Schwert spüren lassen.

Zedar wandte sich von der Zelle ab und starrte in die Flamme der Fackel. Draußen stand sein Haustier, Maddakor und wartete auf seinen Meister. Doch er ist nicht der erste Dämon gewesen, der den Schlund verlassen hatte. Das fliegende Ungetüm, das Amwendus Armee in Brand gesteckt hatte, war Maddakors höchst eigene Brut gewesen. Aus einem Stück seines dunklen Herzens geboren, war dieser Dämon mit einem Kind zu vergleichen. Und eben dieses hatte Zedar in den Süden geschickt, damit es Schaden anrichteet, den Tod brachte und selber starb. Dieses Opfer hatte er vom Dämonengott verlangt und erhalten.

Bei dem Gedanken musste Zedar lachen.

„Heute Nacht soll es ein Festbankett geben“, versprach er. „Sorgt dafür, dass genug Fleisch auf den Tisch kommt!“ Er klopfte dem Soldaten auf die Schulter und verließ die Kerker, erfüllt und berauscht von Macht.

Leif erstarrte und seine Knöchel traten weiß hervor, als er den Griff seines Schwertes umklammerte. Zedar hatte sie. Er hatte die Draka gefunden, er…Der Eleifa stützte sich an der dunklen Wand ab und ignorierte die Norska, welche hinter ihm zu einem Halt kamen. Er hätte ihr nie den Kragen anlegen dürfen. Es war ein unglaublich großer Fehler gewesen. Ein weiterer Fehler in seiner Liste. Leifs Beine versagten ihm den Dienst und er sackte auf den Boden, den Kopf in den Händen. Seine Pläne, all seine bis ins letzte Detail ausgearbeiteten Pläne, sie waren alle in diesem Augenblick den Bach runter gegangen. Vernichtet durch eine einzige Fehlentscheidung. Seine Hand fuhr durch sein schwarzes Haar und er lies den Kopf an die raue Felswand zurückfallen. Er musste nachdenken. Er musste sich etwas anderes ausdenken. Zedar würde ihn am Abend erwarten. Wenn er so tat, als hätte er vor gehabt, ihm Keisha zum Geschenk zu machen…er schüttelte den Kopf. Er war sich nicht sicher, ob die Wirkung des Trankes so schnell wieder nachlassen würde, dass er am Abend beim Essen mit dem großen Schmied wieder sein wahres Ich annehmen würde. Er würde ihm als Mandrek gegenüberstehen müssen. Langsam erhob sich der Eleifa wieder, straffte seine Schultern und warf den Norska einen angewiderten Blick zu.

Bei der nächsten Gelegenheit würde er der Draka den Kragen wieder abnehmen. Das war seine einzige Chance. Wenn er dies nicht schaffen würde, konnte er sich gleich von einer Klippe stürzen. Ein weiterer Fehltritt und Zedar würde ihn in der Luft zerreißen oder…noch schlimmer…seinem Dämonen zum Verschlingen übergeben. Allein bei dem Gedanken daran drehte es Leif den Magen um. "Raus." bellte er und die Norska drehten sich auf dem Absatz um. Er würde siegen. Koste es was es wolle. Zedar würde auf den Knien liegen und um sein Leben betteln.

Keisha richtete sich langsam wieder auf. Der Zwang zu töten war verschwunden, doch das Bedürfnis, sogleich zu Zedar zu laufen und sich vor ihm auf die Knie zu werfen beherrschte ihr Denken. Wenn sich ihr irgendjemand in den Weg stellte, sie würde ihn auf der Stelle töten und weiter laufen. Ihr Meister hatte sie zu sich gerufen, er wollte ihre Gesellschaft. Irgendwo, tief in ihr drin, war eine kleine, lästige Stimme, die dagegen protestierte, sich auflehnte und versuchte die Oberhand zu gewinnen, doch Keisha schob sie zur Seite und lief im lockeren Schritt auf den Ausgang zu. Zedar hatte sie gerufen, sie würde seinem Ruf folgen. Sie verzehrte sich danach, ihm dienen zu können. Alles andere war nebensächlich.

Amwendu schlug die Augen auf. Seine Sicht war…eingeschränkt, anders hätte er es nicht beschreiben können, aber was ihn wirklich wunderte war, dass er überhaupt etwas sah. Die Dorfbewohner mussten einen Weisen gefunden haben. Testweise ballte er eine Hand zur Faust und führte sie vor sein Gesicht. Rosig blasse Haut überzog sie. Haut, wie sie nach einer Wundheilung zum Vorschein kam, kurz bevor die Heilung vollendet war. Er richtete sich auf. Sein Körper schmerzte, aber es war eher ein Ziehen, als würden sich die Muskeln, Knochen und die Haut erst wieder daran gewöhnen müssen, bewegt zu werden. Überrascht sah er an seinem Körper hinab und erkannte, dass selbst alte Narben verschwunden waren. Erstaunt strich er über die zarte Haut an seiner rechten Seite, dort, wo ein Eleifa ihn einst erwischt hatte. Kopfschüttelnd und fassungslos blickte er auf und sah in erstaunte und ungläubige Gesichter. Ein paar Frauen hatten ihre Hände vor den Mund geschlagen und große Augen blickten ihm entgegen. Auf dem Boden lag ein Mann. Amwendu hätte gesagt, dass er jung war, doch silbergraue Fäden in seinen Haaren und tiefe Augenringe störten den Eindruck. Er sah aus, als hätte er monatelang nicht geruht und seit Tagen nichts mehr gegessen. Eine Frau fiel vor ihm auf die Knie und küsste seine Hand. "Mein König. Es ist ein Wunder. Ihr lebt."

"In der Tat." murmelte Amwendu und sah sich um. "Wie…ich meine wer ist mein Lebensretter?"

Santori richtete sich auf und wich ein wenig zurück. "Mein…König, ich…wusste nicht, was ich tat." gestand er.

"Egal was es war, es hat mir das Leben gerettet." Der König lies seine Hand auf die Schulter des schmächtig wirkenden Farmers fallen. "Ich ernenne Euch zu meinem Hofheiler. Seid Ihr bereits ein Lehrling der Weisen?"

Santori schüttelte die schwarzen Locken. "Ich bin…Farmer, mein König."

"Nun, dann wird es Zeit, dass Ihr Eure Lehrzeit beginnt." Amwendu betrachtete immer noch ungläubig seine Hände, dann sah er jedoch auf und in seinem Auge brannte die gleiche Entschlossenheit wie zuvor. "Wir müssen zurück zur Festung. Wir müssen die Menschen dort warnen und Boten an alle Clans senden. Zedar hat die Dämonen erweckt. Wir müssen ihm gemeinschaftlich entgegenstehen." er sah sich um. "Ich brauche einen Schreiber und ein Dutzend junge Männer, die bereit sind Botschaften für mich an die Clans zu versenden."

Bashira wedelte angewidert mit der Hand, als eine weitere Pestleiche auf den bereits gut gefüllten Wagen schwebte. Sie hatten mehrere Häuser versiegeln müssen. Die Pest war ausgebrochen und es gab kein Zurück mehr. Weise waren ausgeschwärmt und versuchten so viele Menschen wie möglich zu heilen, doch auch ihnen war ein Limit gesetzt. Heilen war eine körperlich sehr anstrengende Arbeit. Sie hatte bereits viele junge Weise zurück in die Festung schicken müssen, damit diese sich erholten. Zwei von ihnen hatten sich selbst ausgebrannt. Sie hatten die Fähigkeiten, welche sie zuvor besessen hatten, schlicht und ergreifend verloren. Kurz über lang würden sie sterben. Kein Mensch, welcher jemals von dem schier endlos erscheinenden Strom von Macht gekostet hatte, würde es lange ohne diese Kräfte aushalten. Es war, als würde ein Teil von einem selbst sterben. Der Rest folgte später, manchmal nur Tage, oftmals jedoch Monate oder Jahre danach. Es war ein langsamer Tod.

Sie selbst fühlte sich bereits nahe an der Erschöpfung. Lange konnte sie so nicht mehr weiter machen. Vorsichtig nahm sie einen Schluck des mit Darjinkraut versehenen Tees, den sie an einer Flasche an ihrem Gürtel mit sich führte. Das Kraut gaukelte ihr Stärke vor, die schon lange nicht mehr da war, es zapfte die eisernen Reserven des Körpers an und laugte einen langsam aus. Erschöpft strich sie sich über die dunkle Stirn und stützte die Hände in die Hüften. Zweiundachtzig Tote und das allein in ihrem Viertel. Boten, welche zwischen den Weisen hin und her liefen, überbrachten ihr im Minutentakt weitere Zahlen. Bis jetzt waren es knapp zweihundert Tote und das innerhalb eines Tages. Dies war eine andere Art der Pest. Sie war schneller, tödlicher. Es gab kaum ein Ansteckungsopfer, welches den ersten Tag überlebte.

Bashira gab ein Zeichen. "Versiegelt das Viertel und verbrennt die Leichen." rief sie und drehte sich um. Während sie durch die Gassen an den Rand des Viertels ging, verkrampften sich ihre Hände in den weiten Röcken. Kinder, Frauen, Männer sahen sie mit großen Augen an. Sie konnte nicht allen helfen. Aber sie musste versuchen, diese Krankheit in Zaum zu halten. Und sie würde denjenigen finden und zur Strecke bringen, der so viele unschuldige Leben auf dem Gewissen hatte.

Jorek wandelte durch die kühlen Gänge der Felsenfestung und dachte nach. Dieser Draka. Er hatte Unrecht gehabt, als er gesagt hatte, er diene sich selbst. Jorek diente im Moment der Menschheit. Genauso wie alle Draka, Norska und andere Eleifa, welche sich gegen Mandrek und Zedar stellten. Hatte dieser Kerl denn keine Ahnung, was ein Zwangskragen mit dem freien Willen eines Menschen machte? Eine schlanke Draka in sandbrauner Lederkleidung kam ihm entgegen. Ihre dunklen Augen musterten ihn abschätzend und ein Lächeln umspielte ihre vollen Lippen. Lippen, welche Jorek nur zu gerne auf seinen spüren würde. Draka waren das einzige Volk, das er kannte, in dem die Frauen diese betörenden Münder ihr Eigen nannten. Er erwiderte ihr Lächeln, als sie näher kam. Ihr Gang der einer Raubkatze auf Beutezug, ihre Hand glitt zu ihrem leichten Umhang und Joreks Lächeln gefror als sie mit einer geschmeidigen Bewegung einen Dolch zog. Hinter ihm tauchten auf einmal weitere Drakafrauen in Kriegerbekleidung auf, jede von ihnen hatte einen oder mehrere Dolche in der Hand.

Der Eleifa zog seine Schwerter. Ihm war es bewusst, dass er keine Chance haben würde. Die hochgewachsene Draka die er zuerst gesehen hatte, kam auf ihn zu. Ihre dunklen Augen funkelten belustigt.

"Leg dein Spielzeug weg. Ich habe gehört, wie du über meine Schwester geredet hast." der leicht rollende Akzent des Wüstenvolkes machte ihre Stimme irgendwie betörend. Jorek starrte sie fassungslos an. Wollten diese Frauen nicht kämpfen? Um wen ging es? Über welche Frau…Siedend heiß fiel ihm das Gespräch über die Frau des Generals ein. Ein Blick in das Gesicht der Draka mit den Messern sagte ihm, dass sie verwand sein mussten. Er schluckte und lächelte entschuldigend. "Ich…" die Draka legte ihm die kühle Klinge ihres Dolches auf die Lippen. "Kennt Ihr das Spiel "Küss die Kriegerin"?"

Das unverhohlene Grinsen der Frauen um ihn herum verhieß nichts Gutes.

Damon steckte das Schwert wieder zurück in die Scheide und verkniff sich ein Lachen. Vielleicht hätte er den Eleifa warnen sollen, aber er selbst hatte das Spiel der Kriegerinnen ebenfalls mitmachen müssen. Der Eleifa würde seine Lektion lernen, was es bedeutet, sich mit einer Draka anzulegen. Der Blick des Norskas glitt in die Richtung, aus der Jorek gekommen war. Der Falkenturm. Er hoffte für den Eleifa, dass er nichts getan hatte, was er später bereuen würde, sonst würden ihm die Kriegerinnen mehr als nur die Kleider vom Leib schneiden. Nachdenklich begab sich der Herr der Norska zu einem der in den Felsen gehauenen Fenster und blickte über die sich unter ihm ausbreitende Wüstenstadt. Die Häuser hatten alle die Farbe von Sand und passten sich perfekt in die Umgebung an. Jeder, der die Wüste nicht kannte, würde die Stadt schlicht und ergreifend übersehen. Sein Blick glitt über die weiten Dünen, welche sich dahinter bis zum Horizont erstreckten und er seufzte leise. Damon vermisste sein Land. Norsk war hart, kalt und rau, aber es war seine Heimat. Eine Bewegung am Ende des Horizontes zog seinen Blick auf sich. Dort kam etwas schnell näher. Sehr schnell. Ein dunkler Schatten, groß wie ein Haus zog über die weißglühende Sonne und verdunkelte für einen Moment die Wüste. Die Augen des Norska weiteten sich und er fing an zu laufen. Die Stadt musste gewarnt werden. Der Dämon musste zur Strecke gebracht werden. Wo zum Henker waren die Weisen?

Ein stumpfer Gegenstand krachte auf den Deckel der Kiste, in welcher sich Mandrek befand. Kurz darauf wurde er grob aus seinem Grab heraus gehievt und die Kiste unsanft auf dem felsigen Untergrund abgestellt. Der Eleifa murrte. "So passt doch auf ihr unfähigen, geistlosen Schaben." mit einer weiteren Bewegung stieß er den Deckel auf und atmete die kalte, süße Luft tief in seine Lungen ein. Vier blonde Hünen standen mit Schaufeln bewaffnet um ihn herum und sahen ins Leere. Nachdem Mandrek sich ausreichend gestreckt hatte, musterte er seine Sklaven und sah sich um. Wenn ihm Leif zwischen die Finger kam…der Eleifa würde den nächsten Tag nicht erleben. "Nirsa. Wo ist diese verfluchte Schmiedin? Ich will mit Zedar sprechen."

Ein Norska sah ihn ausdruckslos an. "Nirsa ist tot. Zedar ist in der Festung."

Mandreks alabasterfarbenen Haut wurde aschfahl. Zedar war hier? Nirsa tot? Warum war der alte Schmied aus seinem Loch gekrochen? Ein ungutes Gefühl beschlich Mandrek. Er würde sich vorsichtig bewegen müssen. Wenn Leif dachte, er hätte ihn zur Seite geschafft und Zedar noch nicht hinter Leifs Verkleidung gekommen war, befand er selbst sich in einer guten Position. Er befahl dem Norska ihm alles zu erzählen, was in den letzten Tagen geschehen war und tigerte währenddessen unruhig hin und her. Zedar hatte die Dämonen beschworen, sie aus der Hölle raus gelassen, in welche sie verbannt worden waren. Das war beunruhigend. Sehr beunruhigend. "Bringt mir etwas zu essen und baut einen Unterschlupf. Hier." Er sah sich um und lies sich auf die Kiste nieder. Er brauchte einen Plan und zwar schnell.

Die Stadt besaß fünf Tore. Das südöstliche wurde Sagentor genannt. In den alten Legenden hatten die großen Helden jener Tage ihre Siegeszüge hier hindurch gefeiert. Reliefs ihrer ehrwürdigen Antlitze starrten vom Torbogen aus auf die Menge herab. Zu hunderten hatte man sich hier versammelt. Männer, Frauen, Kinder. Alte, Kranke, jeder war aus purer Verzweiflung hergekommen. Die Nachricht, dass Usamaa mit seinen Mannen Aufstände bei den anderen Toren blutig niedergeschlagen hatte, schwemmte nur noch mehr Menschen hierher wie das Treibgut einer verunglückten Galeere.

Charasch befand sich mitten im Gemenge, Salir und Alketh neben sich. Der Rest ihrer Truppe war im Pulk verstreut.

Die Wachen hatten die Tore noch nicht geschlossen, waren aber kurz davor. Mit breiten Schilden standen sie zu dutzenden den Flüchtlingen im Weg, hatten die Speere gegen die Masse gerichtet, manche drohten mit gezogenem Schwert. Wüste Beschimpfungen flogen ihnen entgegen, ebenso wie Steine und verfaultes Obst und Gemüse. Ab und zu warfen Charasch und die Brüder noch die eine oder andere Beleidigung mit ein, doch es spielte eigentlich gar keine Rolle. Die Menge war aufgebracht, wollte vor der Seuche fliehen, die ihre Mütter, Väter und Kinder dahinraffte. Der schwarze Tod grassierte in den Straßen und ein jeder nahm Reißaus. Viele waren mit ihrem ganzen Hab und Gut gekommen. Ganze Karren voll mit Decken, Töpfen, Werkzeug versperrten den Weg. Die wenigen Dinge zum Leben waren in Leinensäcken über die Schultern geworfen. Familien standen dicht gedrängt beieinander, Mütter hielten ihre Säuglinge fest an die Brust gepresst. Unter das Schimpfen und Brüllen gesellte sich Kinderweinen und Wehklagen. Charasch versuchte möglichst niemandem direkt ins Gesicht zu sehen. Ihr Leid würde sich sonst für immer in seinem Herzen festsetzen.

Dann tauchten die ersten Rauchschwaden über den Dächern auf. Sie hatten damit begonnen, ihre Toten zu verbrennen.

Die Unruhe wuchs heran. Alles drängte nach vorn, doch dort warteten die blanken Speerspitzen und die Rufe der Soldaten: „Zurück! Zurück oder wir töten euch!“

Charasch erkannte, dass es diesem Pulverfass nur eines kleines Funken bedurfte um zur Explosion zu führen. Er drängelte sich hinter Salir, der in vorderster Reihe stand und als die Menge erneut zum Tor trieb gab er dem Bruder einen Schubs.

Salir strauchelte auf die Wachen zu. Sofort schoss ein blitzendes Schwert hervor und hakte ihm die Hand ab. Schreiend und den blutigen Stumpf umklammernd ging er in die Knie, da wurde ihm ein Speer in den Magen gerammt. Sie drängte ihn zu Boden und als der Soldat die Speerspitze heraus zog nahm sie noch jede Menge Gedärm mit sich. Zuckend und blutspuckend verging Salirs Leben in einer Lache seiner eigenen Innereien.

Alketh zögerte nur einen Wimpernschlag, dann stürmte er vor, entriss der Wache ihren Speer und rammte den Schaft durchs offene Visier mitten ins Gesicht. Mehr konnte Charasch nicht erkennen, da nun scheinbar alle Flüchtlinge gleichzeitig ihre Zurückhaltung über Bord geworfen hatten. Der Bann war gebrochen. Die Wachen hatten keine Chance. Sie konnten vielleicht noch ein oder zwei Angreifer abwehren, aber in der überwältigenden Masse war es ihnen schon bald nicht mehr möglich, ihre Waffen zu heben. Sie wurden zu Boden geworfen, erschlagen mit Steinen oder blanken Fäusten. Manchen wurden auch einfach nur überrannt, die Menge kannte keine Gnade. Charasch trat in etwas, das einmal das Gesicht eines Wachsoldaten gewesen sein konnte. Er beachtete es nicht weiter, sondern versuchte sich im Strom aufrechtzuhalten. Würde er stolpern, wäre es vorbei.

Angsterfüllte Rufe drangen von hinten heran. Charasch sah zurück und erkannte den Prinzen hoch zu Ross begleitet von seiner Garde. Zudem begannen nun auch die Tore, sich aufeinander zu zubewegen. Man wollte sie einschließen und abschlachten. Bei der Erkenntnis wurde er aschfahl. Mit allem Eifer warf er sich gegen die hohen Tore um sie aufzuhalten. Schreie hallten heran, Usamaa pflügte durch die Menge wie eine Sense durchs Getreide.

Ein gewaltiger Schatten rauschte über sie hinweg und schlagartig verharrten alle in ihrem Tun und starrten hinauf. Die Bestie, die über der Stadt kreiste verkörperte alle Albträume, die sich Charasch ausmalen konnte und als sie kreischte wurde er fast ohnmächtig.

Nun herrschte Panik.

„Er… er ist wütend geworden, mein Herr. Hat um sich geschlagen und geflucht. I-ich… ich wusste nicht, was ich tun soll. Ich…“ Die junge Dienerin war total verschwitz, die Haare hingen ihr wirr ins Gesicht und sie war sichtlich um Fassung bemüht. Der leere Weinkrug in ihren Händen verriet Ysketh alles, was er wissen musste außer… „Beruhigt Euch, Mädchen. Jetzt sagt mir: wo ist er?“

Der Königinnenhain war ein Garten auf einer breiten Terrasse, die so angelegt war, dass nur die Strahlen der Morgen- und der Abendsonne sie erreichten und zur Mittagszeit der Schatten der Festung selbst auf ihm lag. Die Beete blühten in allen erdenklichen Farben und der Ausblick über die Weiten der Wüste war mit nichts zu vergleichen.

Ysketh trat durch einen Rundbogen zum Hain und fand Keral an den schlanken Stamm eines Baumes mit blassrot gefleckter Rinde gelehnt. Die massige Gestalt des Nordmannes mit den langen blonden und zu Zöpfen geflochtenen Haaren stellte ein ungewohntes Bild dar.

Er trat an ihn heran, erkannte jedoch am nachdenklichen Blick des Norska, dass er ihn zuerst sprechen lassen sollte.

Wenige Augenblicke vergingen. Dienerinnen streiften durch die Reihen der Beete, bewässerten und pflanzten.

„Eure Bäume“, sprach Keral, „sind dürr und bunt. Sie würden keinen Winter überleben. Nehmt dagegen eine Tanne. Die ist robust und hält allem stand. Auch eure Blumen; zierlich und leuchtend. Sie würden nie die Kraft aufbringen durch eine Schneedecke zu brechen und sich den Weg zum Licht zu erkämpfen. Denn Licht habt ihr hier ja genug…“ Er sah hinauf und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Ysketh war nicht ganz klar, worauf er hinauswollte, setzte aber dennoch vorsichtig zu einer Antwort an: „In der Wüste sind andere Fähigkeiten gefragt. Wasser ist rar. Ein schmaler Stamm braucht nicht viel, kann also mit wenig genährt werden. Und was die Blumen betrifft: ihre Schönheit ist selten dort draußen. Sich gegen sengende Hitze und Sandstürme durchzusetzen bedarf ebenso so viel Kraft, wie das Durchbrechen einer Schneedecke.“ Damit hatte er die Aufmerksamkeit des Norska geweckt. „Seht“, fuhr er fort, „hätte die Wüste eine Seele, so wäre diese ebenso hart und kalt, wie Euer Land hoch oben im Norden.“

Keral runzelte die Stirn. Seine Augen waren nur leicht getrübt vom Alkohol, er vertrug sicherlich reichlich mehr. „Wer seid Ihr? Ich hatte nach dem obersten Ratsherrn verlangt, oder Bashira oder dem Prinzen.“

Ysketh nickte. „Nennt mich Ysketh. Weswegen wolltet Ihr sie sprechen? Denn leider ist keiner von ihnen abkömmlich. Die Unruhen in der Stadt verlangen nach unserer Aufmerksamkeit.“

Der Nordmann tat es mit einer wegwerfenden Geste ab. „Das kümmert mich nicht. Wir müssen zurück. Wir müssen eine Armee aufstellen, uns sammeln und zurück in den Norden. Mandrek hat eine Schlacht gewonnen, aber noch nicht den ganzen Krieg. Es gibt immer noch Norska, die bereit sind zum Kämpfen. Sie werden Widerstand leisten und wir müssen sie anführen, verdammt!“ Erst jetzt wurde Ysketh der geballten Wut Kerals gewahr, die in dem massigen Krieger gestaut und nur noch wenige Krüge Wein vom Ausbrechen entfernt war. Kein Wunder, dass die Dienerin Hals über Kopf geflohen war, als der Norska seine Gemächer zertrümmert hatte.

Der Draka seufzte. „Ich kann Euren Zorn gut verstehen. Doch darüber wird erst noch entschieden, wenn…“

„Dann ist bereits zu spät. Dann könnten wir alle schon längst tot sein!“, brüllte er. „Ihr wisst nicht, was diese Kragen mit einem anrichten. Wie sie einen versklaven und dazu zwingen, Freund und Feind zu vertauschen obwohl man sich mit aller Macht dagegen stemmt. Es… es… “, sichtlich um Worte ringend hob er die Arme, ließ sie entmutigt sinken und stapfte quer über die Beete zur Brüstung. Die Dienerinnen rafften ihre Röcke und verließen rasch den Hain. Ysketh gab dem Norska noch einen Moment zur Besinnung, bevor er ihm folgte. Seltsam fand er, dass ihm nun schon wieder jemand von der Grausamkeit der Kragen berichtete. Er hatte dieser Waffe kaum eine Bedeutung zugemessen. Musste er seine Ansichten überdenken?

Beide standen sie am Rand des Hains und blickten über die Wüste. Ein erhabener Anblick. Nicht selten verlor man auf der Suche nach einem festen Punkt in der Ferne den Gedanken, der einen gerade beschäftigte.

„Habt Ihr gegen die Eleifa gekämpft?“, fragte Keral nun etwas ruhiger.

„Ja.“

Der Norska wandte sich ihm zu und deutete auf seine eigenen Wangen. „Stammen daher diese Narben?“

„Nein.“ Ysketh war überrascht, wie leicht ihm die Wahrheit einem Fremden gegenüber fiel. Dennoch richtete er gleich darauf wieder die Tücher um seinen Kopf.

Keral wandte sich wieder ab. „Wir haben alle unsere Narben. Tragt sie mit Stolz.“

Die Ansicht des Norska irritierte ihn. Noch nie hatte jemand so darüber gesprochen. Die Meisten quittierten den Anblick mit peinlichem Schweigen, verängstigtem Ignorieren oder unverhohlenem Starren. Nichts davon war angenehm. Stolz hingegen hatte er noch nie empfunden.

Ein tiefer Seufzer entwich dem Nordmann. „Ich habe nicht nur mein Volk im Stich gelassen, wisst Ihr? Da war noch etwas anderes… jemand anderes. Sie habe ich auch im Stich gelassen. Habe ihr einfach den Rücken gekehrt und sie ihrem Schicksal überlassen.“

Die Worte flossen mit einer angenehmen Vertrautheit in sein Herz. Ysketh verstand ihn. „Es gibt etwas weitaus wichtigeres, für das es sich zu kämpfen lohnt. Wichtiger als Gold, Ehre, Vaterland. Wichtiger als das Schwert und das eigene Blut. Etwas, für das es sich zu sterben lohnt.“

Keral sah ihm in die Augen und nickte. „Ihr wisst es. Daher muss ich zurück. Um jeden Preis.“

Ja, dachte Ysketh, um jeden Preis. Jeder Preis dafür ist gerecht – selbst wenn es tausende Menschenleben sind.

Bevor er noch etwas erwidern konnte, erklangen die Glocken im höchsten Turm.

„Was bedeutet das?“, fragte Keral. „Doch nicht etwa irgendeine Festlichkeit, oder?“

Ysketh war wie erstarrt. „Nein“, hauchte er zur Antwort. „Es bedeutet, wir werden angegriffen.“

Häuserreihen zogen unter ihm hinweg. Er drehte seine Kreise und betrachtete mit Genugtuung, wie sie in einem heillosen Durcheinander vor ihm flohen. Rauch stieg zu ihm herauf. Er roch Feuer und Verwesung und er liebte diesen Geruch, bestand er doch selbst nur aus Flammen und Fäulnis. Durch sein Fleisch wanden sich die Maden, in seinen Adern kochte Teer und seine Lungen waren mit dem Gestank des Todes gefüllt. Er schwebte hinab zu einer besonders großen Ansammlung dieser unwürdigen Kreaturen, deren Angst himmelhoch stank und ihn berauschte. Seine Nüstern füllten sich mit Hitze, dann stieß er den flammenden Atem aus und ergötzte sich an ihrem Geschrei.

„Schekhot!“, rief ihm eine junge Stimme entgegen, dann traf ihn etwas hartes, spitzes an der Schulter. Varren kippt auf die Seite und blieb liegen. Als er das Auge öffnete, sah er noch, wie das kleine Mädchen von ihm fortlief und zwischen den Zeltreihen verschwand. Sie hatte einen Stein nach ihm geworfen, der nun mit einigen blutigen Flecken nur wenige Zentimeter von ihm entfernt im Staub lag.

Mit den Träumen wurde es schlimmer. Sie kamen immer häufiger und wurden lebhafter. Noch immer lag ihm der Geruch von verbranntem Fleisch in der Nase und ließ ihn würgen. Aber er brach nichts weiter hervor außer ätzender Galle.

Sie lachten über ihn, die Männer und Frauen, die vor ihren Zelten standen oder saßen, essen kochten, Tierhäute bearbeiteten, Klingen wetzten und Holz schnitzten.

Sie hatten Varren mit der Schlinge, die er bereits um den Hals trug, an einen Pflock gebunden, geradeso außer Reichweite der Hundeleinen. Die abgemagerten Tiere, die nach seinem geschundenen Fleisch gierten, bellten und geiferten, kamen jedoch nicht an ihn heran. Noch nicht.

Benommen, von der Hitze an den Rand des Wahnsinns geführt, nahm er den Stein wahr, an dem sein Blut klebte. Unter Schmerzen streckte er einen Arm aus, ergriff ihn und zog ihn zu sich heran. Vielleicht konnte er somit zumindest einer dieser Bestien den Kopf einschlagen, bevor ihm die anderen Hände und Füße abrissen.

Schekhot hatte ihn das Mädchen beschimpft. Jeder Anhänger Amwendus hatte damals diesen Ausdruck an den Kopf geworfen bekommen. Die Stämme des äußeren Rings waren die schärfsten Gegner des Königs gewesen und sie wurden auch am brutalsten bekämpft. Varren selbst war damals schon ein Drakonier gewesen und hatte seine Klinge mit dem Blut der Nomaden befleckt und dafür Orden und Ehre erlangt.

Er blickte sich durch die geschwollenen Augen um. Nicht nur die Hunde waren mager, auch viele der Nomaden selbst schienen nicht ausreichend genährt werden zu können. Sie hatten allgemein nicht viel und das wenige, was sie hatten, war von niederer Qualität. Im Reich waren sie seit Amwendu geächtet und mussten umherziehen. Fliehen, wie Jheira es ausgedrückt hatte. Ihren Hass auf den König konnte Varren sogar verstehen.

Vor mehr als einer Stunde hatten sich die Blutreiter des Häuters auf den Weg gemacht. Grimmig und entschlossen und bis an die Zähne bewaffnet.

Varren drückte sich stöhnend auf die Knie, dann lehnte er erschöpft gegen den Pflock. Seine List war fehlgeschlagen. Sie würden sich Amwendu holen und Varren konnte sich nur noch fragen, ob er noch zu sehen musste, wie sie seinem König die Haut abzogen, oder ob er bis dahin bereits in mundgerechten Portionen von Hundemägen verdaut wurde.

Während er diese Gedanken beiseite zu schieben versuchte, kam ihm wieder der Traum in den Sinn. Diese Stadt war ihm viel zu vertraut gewesen. Konnte es wirklich sein, dass diese Kreatur ihnen gefolgt war?

Er kämpfte gegen die Erschöpfung und verlor.

Merihsa tupfte kaltes Wasser mit einem Tuch auf die glühende Stirn des Weisen. Es ging zu Ende mit ihm und sie konnte nichts dagegen unternehmen. Die Verbrennungen waren zu stark, hatten sich entzündet und seinen ganzen Körper infiziert. Er stand förmlich in Flammen und sehr bald würden sie ihn verzehrt haben.

Sie tauchte den Lappen noch einmal in den Kübel, rang ihn aus und legte ihn schließlich auf die Stirn des Sterbenden.

Dem Soldaten hatte sie gesagt, er wäre ihr Mann, aber das war gelogen. Sie konnte bloß nicht zulassen, dass man ihn weiter quälte. Sie kannte Rahsann nicht, er war aber auch ein paar Jahre älter als sie und Weise wurden schon früh von ihren Familien getrennt, wenn man ihr Talent erkannte. Bei Santori hingegen kam es überraschend. Er war schon immer ein wenig anders gewesen und seine Felder waren meist etwas besser bestellt als andere, dennoch hatte niemand solche Fähigkeiten in ihm vermutet, am wenigsten wohl er selbst.

Merihsa schöpfte daraus Hoffnung. Es war sonst niemand mehr da, der sie beschützen konnte. Ihre Männer hatte sich der Krieg geholt. Jene, die zu alt oder zu jung waren, hatte der König nun losgeschickt um Botschaften zu übermitteln. Auch wenn das aussichtslos war. Zu Fuß würde es zulange zu den anderen Clans dauern, aber viel mehr blieb ihnen nicht.

Jetzt war es soweit. Schon in Kindertagen hatte sie immer gespürt, wenn jemand starb. Sie konnte den genauen Moment festhalten, an dem die Götter die Seele des Sterbenden nahmen. Manchmal hoffte sie dabei einen Blick auf sie werfen zu können, doch natürlich zeigten sie sich nur den Toten.

Sie vernahm ein leises Rauschen, dann einen feinen Luftzug, als würde jemand ausatmen und der Weise, der Rahsann genannt wurde, war tot. Der Kummer machte ihre Glieder schwer, als sie das Tuch von seinem Kopf nahm und ihn mit der Decke vollständig verhüllte. Jeder im Dorf sollte sich von ihm verabschieden. Ein paar Augenblicke blieb sie noch sitzen. Manchmal spürte sie noch die Anwesenheit der armen Seele, die sich nicht von dieser Welt lösen wollte. Ihre Aura huschte unruhig umher.

„Geh nur“, flüsterte Merihsa. „Geh nur mit ihnen. Hier gibt es nichts mehr für dich. Geh. Du wirst sehen, es ist besser für dich.“

Nach einer Weile fühlte sie sich dann ganz allein.

Sie nahm den Kübel und wollte gerade hinausgehen, da hörte sie das Hufgetrappel. Mehrere Pferde näherten sich sehr schnell. Rufe wurden laut, wandelten sich in Schreie. Draußen herrschte Aufruhr, dann schossen die Reiter heran, brachten die Welt zum Dröhnen. Das Leinentuch, welches als Tür diente, wurde immer mal wieder zur Seite geweht, was Merihsa kurze Blicke nach draußen gewährte. Wie viele Reiter es waren, konnte sie nicht sagen. Alles war in aufgewirbelten Staub gehüllt. Aber sie erkannte die roten Färbungen auf ihren Körpern und bekam es mit der Angst zu tun. Die Dorfbewohner rannten panisch umher, wurden niedergetrampelt oder von schartigen Klingen zerfetzt. Merihsa schrak zurück, als jemand direkt vor der Hütte fiel. Blut spritze gegen das Laken. Sie ließ den Kübel fallen und zog sich tiefer in den Raum zurück.

Sie suchen den König, sie suchen den König, sie wollen nichts von uns, sie suchen nur den König…, versuchte sie sich zu beruhigen, doch solches Denken war töricht. Wenn sie hatten, was sie wollen, werden sie nicht davor zurückschrecken, sich an den Frauen zu vergehen und hinterher alle abzuschlachten und alles niederzubrennen.

Plötzlich sprang einer von ihnen in die Hütte. Sein Gesicht war zur Hälfte rot bemalt. Wie alle seines Clans trug er Federschmuck und die Knochen kleinerer Tiere als Kette um den Hals. Sein Oberköper war nackt und mit hässlichen Narben übersät. Die Sichelklinge, die er trug, war rot von Blut.

„Ein Glückstreffer“, raunte er und leckte sich die Lippen. Mit weit aufgerissenen Augen kam er auf sie zu und fummelte an seiner Hose um sie zu öffnen.

Merihsa wich mit pochendem Herzen zurück, dann fiel ihr etwas ein. Rasch wirbelte sie herum, rannte in eine Ecke des Raums wo auf einem niedrigen Tisch ein Teller mit etwas Brot und einem kleinen Messer lag. Sie konnte es gerade noch mit der Hand umschließen, da wurde sie auch schon gepackt. Der Andere drehte sie gar nicht erst um. Er hielt sie einfach nur fest, riss an ihrem Rock und keuchte. Merihsa umklammerte die kleine Klinge und stieß sie mit aller Kraft nach hinten. Sie hörte ihn aufheulen und war schlagartig frei. Hastig stieß sie ihn beiseite und flüchtete hinaus.

Zhara hastete durch die schmalen Gänge zurück zu der Stelle, wo sie Keisha verlassen hatten, doch sie war nicht mehr da. Einen kurzen Augenblick wurde ihr heiß und kalt zur selben Zeit, dann hörte sie die Schritte weiter vorn. Ohne zu zögern rannte sie so schnell es die verwinkelten Höhlenflure zuließen hinterher. Bald schon erkannte sie jemanden voraus und als sie schließlich näher kam, war sie sich ganz sicher, dass es sich um Keisha handeln musste. Sie rief nach ihrer Schwester, ging in einen Spurt über und bekam sie schließlich am Ellenbogen zu fassen.

Keisha wandte sich nur kurz um, riss sich los und rannte weiter.

Zhara blieb wie angewurzelt stehen. Der Blick, den ihr ihre Schwester zugeworfen hatte, barg keine Wärme, kein Erkennen, nur Mordlust. Hätte sie erneut nach ihr gegriffen, wäre es bestimmt zum Kampf gekommen. Keisha war zwar unbewaffnet, doch sie hatte andere, weitaus mächtigere Fähigkeiten.

Vorsichtig schlich sie zum Höhlenausgang und sah noch, wie Keisha von mehreren Eleifa flankiert in den Wald lief. Sicher wollten sie zur Burg – wurde diese denn eingenommen? Zhara musste sich eingestehen, dass sie zu wenig wusste. Aber falls es so war, würde sie bald folgen.

Ich verspreche es dir, Schwesterherz. Ich komme dich holen.

Sie wusste, wie es war, unter dem Kragen zu dienen, auch wenn die Erinnerungen daran verschwommen waren. Aber einzelne Bilder und Gefühle tauchten ab und zu vor ihrem geistigen Auge auf. Der Kampf gegen Syrian. Bei dem Gedanken, gegen ihre eigene Schwester kämpfen zu müssen, rang sie mit den Tränen. Sie war ihren Kragen losgeworden, doch dafür hatte sie sterben müssen. Bei Keisha durfte es nicht genau so sein. Es musste noch eine Möglichkeit geben.

Widerwillig zog sie sich zurück. Keisha konnte sie im Moment nicht helfen. Borack war verletzt und ihn brauchte sie um sich hier zurecht zu finden und einen Weg in die Burg zu finden. Und sie benötigte jemanden, mit dem sie reden konnte. Ja, sie brauchte Borack jetzt mehr als je zuvor.

In Gedanken versunken durchquerte sie die Höhle. Am anderen Ausgang streckte sie erst ihre Hand hinaus, wartete einen Moment und schlüpfte schließlich selbst ins Freie. Sie hob den Blick und sah jemanden im Gegenlicht dastehen. Mit der Hand schirmte sie die Augen ab und als sie Syrian erkannte, machte ihr Herz einen kleinen Hüpfer, dann wurden ihr die Knie weich und sie kam ins Schwanken.

Niedergestreckt zu seinen Füßen lag Borack.

"Ich dachte immer Eleifa wären weniger…männlich." Ayoka richtete sich ihre Weste und betrachtete den Mann mit der alabasterfarbenen Haut vor sich interessiert. Jorek kam sich ein wenig vor wie ein seltenes Tier. Das Spiel welches mit ihm gespielt worden war, hatte ihm durchaus gefallen, auch wenn ihn die Art der Draka etwas irritierte. Eleifafrauen waren meist zurückhaltend, schüchtern und sehr darauf bedacht, schicklich zu sein. Diese Draka teilten sich mit Männern ein Dampfbad und schienen sich einfach die Männer zu nehmen, welche ihnen gefielen. Eine andere Draka warf ihm ein feuchtes Tuch zu und beobachtete grinsend, wie er sich Blutspuren vom Körper wusch. Der Eleifa war überrascht, wie viele kleine Schnittwunden seinen Körper übersähten. Er hatte öfters verloren, als er gedacht hatte. Ein seltsames Spiel…Er war sich nicht sicher, ob er "Küss die Kriegerin" noch einmal spielen wollte.

Ayoka lächelte und band sich die tiefschwarzen Locken erneut zu einem straffen Dutt zurück. "Wir sollten das bald wiederholen."

Jorek zog seine Hose hoch, zuckte kurz zusammen, als eine Draka ihm noch schnell einen Klaps auf den nackten Hintern verpasste und sah Ayoka unsicher an. "Wir werden sehen…" murmelte er und verstummte, als die Tür aufgerissen wurde. Ein männlicher Draka mittleren Alters stand in der Tür. Er würdigte Jorek keines Blickes, sondern wandte sich direkt an seine Peinigerin. "Ayoka, sammel deine Schwertschwestern. Wir werden angegriffen. Schicke alle, die mit einem Bogen oder einer Armbrust umgehen können auf die äußeren Zinnen. Zedar hat uns ein kleines Geschenk geschickt…ein geflügeltes, nach Schwefel stinkendes, widerwärtiges Geschenk." er grinste schief. "Wenn deine Kriegerinnen den Dämonen zuerst vom Himmel pflücken, spendier ich dir einen Krug Hjerbas."

Jorek wurde schon bei der Erwähnung des starken Kräuterschnapses der Draka schlecht. Ayoka hingegen erwiderte das Grinsen und nickte, dann rief sie ein paar scharfe Befehle und die Frauen verliesen schlagartig das Zimmer. Sie warf Jorek einen kurzen Blick zu. "Wenn ich den Dämonen vor dir zur Strecke bringe, gehörst du mir." mit diesen Worten lief sie den anderen Draka hinterher und lies den Eleifa mit verdattertem Blick zurück.

Viel Zeit nahm sich Jorek jedoch nicht. Eilig zog er sich sein Hemd über den Oberkörper, griff nach seinen Schwertern und schnappte sich im Hinauslaufen noch ein paar Speere, welche in einem Köcher an der Wand lehnten. Wenn die Draka ihn herausfordern wollte. Nun, sie konnte es haben. Ein ohrenbetäubender Schrei erklang und die Festung an sich schien zu erbeben. Jorek hielt mit Mühe das Gleichgewicht und starrte fassungslos auf das Loch in der Wand, wo soeben noch das Zimmer gewesen war, in welchem er den Nachmittag verbracht hatte. Flüssiges Gestein tropfte von der Wand und die davon ausgehende Hitze lies Jorek zurückweichen. Aus dem Augenwinkel erkannte er einen schwarzen Schatten, der auf die Lücke im Fels zuraste und warf sich in letzter Sekunde zur Seite. Atemberaubender Gestank raubte ihm fast die Sinne, dennoch schaffte er es, sich umzudrehen und seinen Feind zu betrachten. Ein flügelschlagendes Ungetüm mit schuppiger Echsenhaut und ledrigen Flügeln, unter deren Spannweite sich locker ein oder zwei Häuser verstecken konnten, wütete direkt vor der Festung. Der Eleifa sah mehrere brennende Häuser, hörte das Kreischen und Schreien verzweifelter Männer, Frauen und Kinder. Sein Griff verstärkte sich um die Speere und er fing an sie mit aller Macht zu werfen. Leider bemerkte er bereits bei dem ersten Versuch, dass die Waffe wirkungslos an der dicken Haut des Monsters abprallte. Fluchend raffte er sich auf und fing an die schmalen Treppen hinauf zu jagen um zu den Draka zu stoßen.

Usamaa starrte mit erhobenem Schwert hinauf in den Himmel, wo das Böse selbst sich verfestigt zu haben schien. Vergessen war der Aufstand, vergessen die Pest. Sein Griff verstärkte sich um das Schwert, welches Hjara ihm gegeben hatte. Das Schwert in dem die Kraft des Dämonen saß, eine Kraft, die er nur einmal würde verwenden können. Das geflügelte Monster schwang sich zu ihnen hinunter der heiße Atem lies Haare versenken und die Haut sich röten. Usamaa hatte vor gehabt, die Macht gegen Bashira zu benutzen, Keisha und Zhara damit zu beeinflussen und Syrian zu seinem Gefolgsmann zu machen. Aber jetzt, wo er sah, was auf sein Volk zuraste, wusste er, was er tun musste. Einen Teil seiner Seele würde er opfern müssen. Einen großen Teil. Aber dafür würde er leben, und sein Volk mit ihm. Er hob sein Schwert weiter in die Höhe, als ein Ball aus purer Energie das Wesen gegen den Berg schleuderte. Es stieß ein markerschütterndes Brüllen aus und ein Feuerball aus einer anderen Richtung traf seine Brust. Der Dämon bedankte sich seinerseits mit einem weißglühenden Feuerstrahl. Auf einmal schienen aus allen fünf Stadtvierteln gleichzeitig Angriffe zu erfolgen. Die Weisen. Sie hatten in den Kampf eingegriffen. Usamaa atmete tief durch und lies das Schwert sinken. In diesem Moment schnellte ein Draka auf ihn zu und warf ihn aus dem Sattel.

"Bindet es, bei allen Göttern, bindet den Dämonen." Bashira schrie die Weisen an, versuchte sie zu organisieren, teilte sie in Gruppen ein und sorgte dafür, dass sie sich miteinander verbanden um die größtmögliche Kraft auf das Ungetüm zu schleudern. Zedar würde dafür büßen müssen. Ein Feuerstrahl erledigte eine Gruppe Weiser zwei Straßen weiter. Bashira ignoriere es. Sie konnte sich jetzt nicht um Einzelschicksale kümmern. Erst die Pest und nun ein Dämon. Irgendjemand wollte größtmögliches Chaos anrichten. Dafür sorgen, dass die Draka sich gegenseitig mürbe und verantwortlich machten, sich zerfleischten und bekriegten. Dieser Jemand hatte gute Arbeit geleistet. Sie lies den Zorn in ihr Oberhand gewinnen und steckte all die Energie dahinter in einen weiteren Energieball, während zwei Gruppen Weiser versuchten, die Bestie zu binden.

Zedar lächelte, als Mandrek in Begleitung einer Draka den Thronsaal betrat. Er hatte sich in den edel geschnitzten Stuhl des Clanführers gesetzt und betrachtete seine neue Errungenschaft zufrieden. "Wo ist Leif?" fragte er und winkte die junge Frau zu sich.

Mandrek neigte seinen Kopf. "Es tut mir leid, Herr, Leif ist nicht auffindbar."

Zedar nickte. "Ich vermute, er hat sich irgendwo verkrochen. Das macht dieser hinterhältige Bastard immer, wenn es brenzlig wird. Er muss aber in der Nähe sein. Ich fühle meinen Schüler. Er ist…" Zedar runzelte die Stirn. "Wütend…und enttäuscht. Ich vermute, dass seine Gefühle daran liegen, dass ich ihm sein Spielzeug weggenommen habe." Der Schmied stand auf und ging die zwei Stufen zu der Draka hinunter. Er bedeutete ihr mit einem Wink stehen zu bleiben und sie gehorchte. Interessiert umrundete er sie, betrachtete sie wie ein Stück Schmiedekunst.

"Wusstest du, dass diese hier meinem Befehl wiederstanden hat? Sie hat dagegen angekämpft." er nahm das Gesicht Keishas in die große Hand und hob es an. "Sie kämpft immer noch. Leif tat gut daran, sie an die Leine zu legen. Mit der Kraft, die in ihr steckt, hätte sie selbst mir gefährlich werden können." Er hob eine Augenbraue. Leif war soeben noch zorniger geworden. "Vielleicht sollte ich sie Maddakor übergeben. Ein Geschenk an ihn für seine Dienste. Viele Dämonen finden Gefallen an menschlichen Frauen." Der Zorn Leifs glühte nun weiß und Zedar schnellte zu Mandrek um. "Komm zu mir und sage mir, was du mit Mandrek gemacht hast, mein Schüler." Ein triumphierendes Lächeln glitt über das vernarbte Gesicht des Schmiedes, als das Gesicht seines Gegenübers aschfahl wurde. Aus dem Augenwinkel heraus sah er, wie Maddakor die Draka in Augenschein nahm.

Keisha hatte das Gefühl, zu ersticken. Heißer, nach Schwefel stinkender Atem kam ihr entgegen und die hässliche Fratze des Dämons füllte ihr gesamtes Blickfeld aus. Seine roten Augen bohrten sich in ihren Kopf, schien sie auseinandernehmen zu wollen und dennoch…sie hatte das Gefühl, als wolle er mit ihr kommunizieren. Mit ihr, mit dem kleinen bisschen Persönlichkeit, der noch in der hintersten Ecke ihres Verstandes übrig war. Es war, als würde eine Rettungsleine vor ihren Augen auftauchen, sie musste nur danach greifen. Sie fühlte den Hass und den unbändigen Zorn des Dämonenherrschers auf Zedar. Die Mordlust war beinahe greifbar. Er würde sich mit allem und jedem verbinden um sich von dem alten Schmied zu befreien. Etwas anderes zog an ihrem Willen, zog sie wieder weg von der Oberfläche, ein Befehl tauchte in ihrem Kopf auf, verdrängte das winzige Etwas, das sie darstellte und sie drehte sich zu Zedar um. "Komm her, meine Liebe, ich habe einen Auftrag für dich. Maddakor kann dich später noch besitzen."

Als Keisha Zedars Blick folgte, sah sie Leif. Leif, in seiner wahren Gestalt. Leif, der einen Kragen trug.

Amwendu schlug die Leinentücher zur Seite, welche den Eingang zu seiner Hütte verdeckten. Schwertschwingende, rot bemalte Krieger metzelten einfach alles nieder, was ihnen zwischen die Hände kam. Der König nahm seinen Speer, der am Eingang lehnte und lief mit lockerem Schritt in die Mitte des Dorfes. Männer versuchten ihn zu töten, ihn niederzuschlagen, doch er wich ihnen aus oder entledigte sich ihrer. Auf dem Dorfplatz angekommen, rammte er den Speer in den sandigen Boden und stellte sich dahinter. "IHR WOLLT MICH. LASST DIE DORFBEWOHNER GEHEN. ICH FOLGE EUCH FREIWILLIG." Seine Stimme war klar, ihr Klang jedoch wurde weit getragen und die Kämpfe starben nach und nach ab. Ein muskelbepackter Nomade ging auf ihn zu. Seine Knöchel traten weiß hervor, als er seinen Speer fest in die Hand nahm. Sein Gang wechselte in einen lockeren Lauf und dann rannte er in Richtung des Königs. Schreiend, den Speer hoch erhoben. Amwendu rührte sich nicht.

Der Nomade blieb kurz vor ihm stehen, die Speerspitze nur Millimeter von seinem Herzen entfernt. Der König zuckte noch nicht einmal mit der Wimper.

"Warum kämpft Ihr nicht?" raunzte ihn der Mann an, umrundete Amwendu und sah ihm dann wieder in die metallisch schimmernden Augen.

Der Herr der Draka neigte seinen Kopf leicht zur Seite. "Ich finde es ist an der Zeit, dass wir aufhören sollten uns gegenseitig abzuschlachten. Wir haben einen größeren Feind. Ich verspreche Euch, dass Euer Anführer mich bei lebendigen Leib häuten darf, NACHDEM wir Zedar besiegt haben."

"Zedar…alle reden nur von diesem Zedar, die Frage ist, wird er jemals hier auftauchen? Ich glaube es nicht."

Amwendu atmete tief durch. "Binnen kürzester Zeit wird er seine Dämonen in unser Land schicken. Maddakor ist nur einer davon. Er ist in Besitz einer Waffe, die weit mächtiger ist, als Ihr es Euch vorstellen könnt. Sagt Euch das Wort Zwangskragen etwas?"

Der Nomade zog seine Augen zusammen, doch dann nickte er seinen Kriegern zu. "Verschnürt ihn und nehmt ihn mit, ich bin sicher Jheira wird sich ausgiebig mit diesem Individuum hier befassen wollen."

Es gab Zeiten, da sollte man stark bleiben und seinem Herzen folgen und Zeiten, in denen man einfach nur die Beine in die Hand nehmen und rennen sollte. Dies war wohl einer der zweiten Augenblicke. Finn katapultierte sich selbst in eine Seitengasse, rollte sich ab, verfluchte sich dabei, dass er sein Breitschwert unbedingt auf dem Rücken tragen musste und rannte. Sein Dorf war verloren. Eine Armee von Eleifa war über sie hinweggefegt und hatte jedem, der nicht bei drei auf einem Baum gewesen war, einen Kragen angelegt. Männer, Freunde, Verwandte, alle waren zu willenlosen Sklaven geworden. Er hatte gehört, wie zwei Eleifa davon sprachen das Dorf Husaver als nächstes zu überfallen. Finn würde eher dort sein. Er würde sie warnen, würde die Norska sammeln. Er verstand durchaus, dass der König und die meisten Clanhäuptlinge das Nordland verlassen mussten. Wenn er ein solches Loch in der Luft gehabt hätte…Finn wäre ohne zu zögern hindurch gesprungen. Der Norska hoffte jedoch, dass Damon oder Keral sich bald wieder blicken lassen würden. Das Volk des Nordens brauchte eine Führung. In Husaver gab es eine Seherin. Sie war alt, aber vielleicht konnte sie Kontakt zu den Norska in der Wüste aufbauen. Seine in Fellschuhen steckenden Füße trugen ihn durch den tiefen Schnee und kleine Eiskristalle schlugen ihm wie spitze Nadeln in das bärtige Gesicht. Finn ignorierte es. Zu Fuß würde er schneller sein, als die Eleifa zu Pferd. Sie kannten sich hier nicht aus. Überall lauerten Gefahren. Der Norska federte in die Höhe und übersprang eine vermeintlich fest wirkende Stelle. Darunter befand sich ein Hohlraum. Nur das feine Glitzern der Eisschicht warnte davor. Ein Pferd konnte sich hier binnen kürzester Zeit die Beine oder gleich das Genick brechen. Sein Atem kam nun stoßweise. Ein Norska war nicht dafür gebaut so lange zu laufen. Nicht wie die schlanken, leichten Wüstenkrieger, bei denen man das Gefühl hatte, sie würden über eine Schneedecke laufen können, ohne einzusinken. Vor mehreren Monden war er ebenfalls in der Wüste gewesen. Ein Draka konnte einen Tag lang durchrennen und war noch nicht einmal erschöpft.

Ein Knacken im Unterholz riss ihn aus seinen Gedanken und er wirbelte herum.

Ysketh rannte durch die Flure des Palastes, dicht gefolgt von Keral, den er hinter sich schnaufen hörte. Der Hall der Glocken dröhnte durch die Gänge. Sie waren so angelegt, dass man in jedem Winkel der Feste den Klang ihres Spiels vernehmen konnte. Ysketh und Keral befanden sich so weit oben, dass sie der Lärm glauben ließ, sie stünden direkt unter den riesigen Bronzegebilden, die in den höchsten Türmen hin und her schwangen.

Irgendwo zersplitterten Krüge, jemand schrie, andere brüllten. Eine Erschütterung erfasste den Palast. Staub rieselte von der Decke.

Wahnsinn, dachte Ysketh, das ist absoluter Wahnsinn! Mandrek hatte ihm einen Auftrag erteilt und Ysketh war dabei, diesen zu erfüllen. Eine Stadt wollte er übergeben, dessen Bevölkerung zerrüttet und verzweifelt war. Deren Einwohner freiwillig die Tore öffnen würden um ihren Befreier willkommen zu heißen. Aber dieses Monster war Wahnsinn. Hatte Mandrek die Geduld verloren? Oder das Vertrauen? Wollte er schnellere Ergebnisse erzielen? Oder war dies gar nicht sein Werk?

Ysketh schwirrte der Kopf, als ihm mehrere Dienerinnen und hohe Herrschaften entgegen gerannt kamen. Sie stürzten heillos aus den Gemächern und suchten nach Schutz. Ein Gardist erschien und wollte sie zur Treppe nach unten lotsen. Keral schob Ysketh in diese Richtung, dann krachte etwas gegen die äußere Wand und Steine regneten auf sie herab. Eine Wolke aus Staub hüllte sie ein. Hustend erhob sich Ysketh, sah, wie alle anderen um ihn herum ebenfalls zu Boden gegangen waren und sich nun langsam wieder aufrichten, dann fiel sein Blick zur äußeren Wand, die nicht mehr vorhanden war. Stattdessen klaffte dort ein großes Loch, durch welches sie der freie Himmel begrüßte.

Gebannt von diesem Anblick setzte Ysketh vorsichtig einen Fuß vor den anderen zwischen die herausgebrochenen Steine bis er am Rand des Loches stand. Wasser tropfte von oben herab, jemand hatte sich wohl ein Bad eingelassen, bevor der Angriff begonnen hatte. Sein Blick wanderte vom Horizont über die Stadt, über der zahlreiche Rauchsäulen hingen. Die Feuer waren selbst von hier oben zu erkennen, ebenso wie die panischen Menschenmassen, die sich an den Toren sammelten. Ihr Geschrei mischte sich mit Kreischen der Flammen und hing über der Stadt wie eine Dunstglocke. Ysketh hatte vorgehabt, die Stadt zum Schweigen zu bringen. Er hatte den Tod eingeladen, damit dieser sein Leichentuch über den Häusern ausbreitete. Stille sollte herrschen. Dies hier war das komplette Gegenteil.

„Wahnsinn…“, hauchte er.

In Nischen am äußeren Ring waren Ballisten angebracht, die jedoch nie auf einen Angriff von oben eingestellt waren. Sie brannten. Vereinzelt schossen noch Bogenschützen von den höheren Ebenen. Dann huschte ein Schatten über ihn hinweg und prallte mit voller Wucht ein Stück unter ihm in die Mauer. Ysketh schwankte und wäre gefallen, hätte ihn nicht eine starke Hand von hinten gepackt. Er hing ein Stück über den Rand hinaus und sah das widerliche Biest, wie es sich wand, den Kopf drehte und ihn erspähte. Er wurde zurück gezogen und im selben Moment, wie er auf dem Boden aufkam, erschien der hässliche Schädel des Monsters vor ihm.

„Lauft, weg, zurück!“, schrie jemand hinter ihm. Ysketh kam auf die Beine, doch schon nach wenigen Schritten, hörte er ein scharfes Zischen. Wind sog an seiner Kleidung und mit einem Mal wurde die Hitze beinah unerträglich. Was folgen sollte, baute sich in Sekundenbruchteilen vor ihm auf. Er sah die Dienerinnen, die Adligen, den Soldaten und Keral rennen, doch sie würden es nicht mehr rechtzeitig schaffen. Keiner von ihnen könnte den Flammen entkommen.

Flammen… Wenn Ysketh eines über die Jahre gelernt hatte, dann war es, dass man seine Angst nicht verleugnen durfte. Man musste sie zulassen, nutzen, kontrollieren und lenken. Er wirbelte herum, streckte einen Arm aus, stützte ihn mit dem anderen und lenkte all seine Angst dort hinein. Die Bestie spie ihr Feuer und es breitete sich wie ein Fächer vor ihm aus, bedeckte schließlich sein gesamtes Blickfeld. Die Hitze ließ ihn in Schweiß ausbrechen und Brandblasen auf seiner Handinnenfläche entstehen, doch sie würde keinen Deut weiter kommen.

Eigentlich war es wunderschön, was er vor sich sah. Es war laut und hell und heiß aber auch wunderschön. Leider war es ein großes Risiko, die Angst zu zulassen. Denn so fand sie ihren Weg ins Herz, wo alle die schrecklichen Erinnerungen versteckt waren, die nie mehr ans Tageslicht gelangen sollten. Unbarmherzig riss sie sie los und schleuderte sie einem entgegen. Ysketh hielt den Schreien aus vergangen Tage so lange stand, wie er nur konnte, dann kippte er vornüber und wurde von längst vergangenen, uralten Flammen verschlungen.

Sie waren in einer Reihe aneinander gebunden, jeweils mit verschnürten Händen und Füßen, sodass sie kaum laufen konnten und dennoch gaben die Blutreiter der Ukthulu ein mörderisches Tempo vor. Wer nicht mithalten konnte, wurde ausgepeitscht. Merihsa rechnete es dem König hoch an, das er trotz seiner Fesseln lautstark protestiert hatte. Daraufhin hatten sie ihn geschlagen und geknebelt. Seine Haltung sprach nichtdestotrotz von Stärke und Stolz.

Sie erreichten das Lager. Unmissverständlich hatte man ihnen allen klar gemacht, wozu sie hergebracht wurden. Als Sklaven. Man hatte nicht vor sie durchzufüttern. Sie sollten solange dienen, wie sie konnten und was übrig blieb, würde an die Hunde verfüttert werden. Merihsa spielte mit dem Gedanken, bei der erst besten Gelegenheit zu fliehen. Ob sie nun jetzt oder später starb spielte doch kaum noch eine Rolle.

Als erstes fiel ihr auf, dass die Menschen hier noch ärmlicher lebten, als sie in ihrem Dorf. Natürlich hatten die Krieger ihre Pferde und Waffen. Ihre rote Bemalung kennzeichnete ihren Status. Umso mehr rot, umso höher standen sie in der Gunst ihres Stammesführers. Doch alle anderen, die kein rot trugen oder zum kämpfen geeignet waren, schienen zu hungern, waren abgemagert und trugen mürrische, von der Sonne gefestigte Masken anstatt von Gesichtern. Von Bitterkeit abgestorbene Augen verfolgten sie aus tiefen Höhlen.

Sie begannen, die Sklaven zu verteilen. Manche sollten Wasser holen, andere sich um die Hunde kümmern, wieder andere sollten bei der Reparatur der Zelte helfen und die übrigen dienten den hochgeehrten Kriegern als Leibeigene. Als die Reihe an Merihsa war, hielt sie die Luft an. Der Krieger, gegen den sie sich gewehrt hatte, war ebenfalls dabei, doch fehlte ihm ein halbes Ohr. Mit unverhohlenem Hass starrte er sie an. Sollte sie ihm in die Finger geraten, wäre sie tot, das war ihr klar.

Der Blutreiter, der sie begutachtete, trug einen Federkranz um den Hals und sein halbes Gesicht war rot gefärbt. Seine Augen wanderten langsam an ihr herab. Sie schluckte den Ekel hinunter.

„Ikhit“, brüllte ihn der Kerl mit dem halben Ohr an, „lass die Finger von ihr, sie ist mein!“

„Ach, stimmt das, Orsio? Ich sehe gar nicht, dass dein Name auf ihr geschrieben steht?!“

Der, der Orsio genannt wurde, zog seinen Dolch. „Das kann ich ändern!“ Merihsa wich vor ihm zurück, doch Ikhit stellte sich zwischen sie beide.

„Du hast bereits einmal gegen sie gekämpft – und verloren.“ Die Männer um sie herum brachen in Gelächter aus. „Ich meine, welchen Anspruch hast du noch?“

Orsios Knöchel wurden weiß, als er die Hand um den Dolch fester ballte. „Wenn ich dich in Stücke schneide, wirst du meinen Anspruch vielleicht verstehen.“

Ikhit packte Merihsa am Arm. „Vielleicht. Aber vorher werde ich diese hier zu Jheira bringen. Als Tribut. Soll ich ihm sagen, es ist ein Geschenk von dir?“

Alle lachten, nur Orsio nicht. Er zeigte mit der Dolchspitze auf Merihsa, dann fuhr er sich damit über den eigenen Hals.

Zusammen mit dem König wurde sie ins Zelt des Clanführers gebracht. Die gesichtslosen Köpfe am Eingang konnte ihre Angst kaum noch steigern. Der Mann, der im Inneren thronte war jedoch durch pure Präsenz dazu in der Lage.

Sie ließen Amwendu vor ihm knien, nahmen ihm aber weder Fesseln noch Knebel ab.

„Hier nun ist der wahre König“, sprach einer der Blutreiter, dessen gesamte linke Körperhälfte rot bemalt war. „Und er will Euch ein Angebot zu machen.“

Der Häuptling nickte, dann sah er zu ihr hinüber. „Was machst du in meinem Zelt?“ Sie war wie erstarrt, erst als der Krieger neben ihr anfing zu sprechen, begriff sie, dass gar nicht sie gemeint war. „Verzeiht, aber ich habe Euch jemanden mitgebracht. Ein Geschenk, als Wiedergutmachung für meinen Fehler.“ Ikhit beugte sich tief herab und ihm stand der Schweiß auf der Stirn. Vor dem bulligen Orsio, der zweimal so breit gewesen ist und ihn mit einem Dolch gedroht hatte, war dieser Krieger nicht zurückgewichen, aber vor dem Mann auf dem Stein buckelte er. Merihsa senkte den Blick und sprach ein leises Gebet.

„Wie auch immer“, war Jheiras lapidare Antwort. Sein Name war weithin bekannt und nicht selten erzählten die alten Frauen den Kindern Geschichten über den Häuter. Merihsa kannte sie alle und fürchtete um deren Wahrheitsgehalt.

„So, so, der König der Wüste möchte mir ein Angebot machen“, dröhnte Jheira. „Was könnte das wohl sein? Was könnte jemand, dem alles gehört, von mir wollen, hm?“

Der Blutreiter neben Amwendu sprach für ihn: „Er hat versprochen, Ihr dürft ihm die Haut abziehen, wenn Zedar besiegt ist.“

Jheira machte große Augen. „Zedar, sagt Ihr, ja? Wie großzügig. Doch verratet mir, was kümmert mich der alte Schmied, der so viele Meile fern meiner Heimat in seinem Schlund verrottet?“Amwendu versuchte unter dem Knebel zu sprechen, da schlug ihm Jheira ins Gesicht. „Ihr sprecht nur, wenn ich es zu lasse!“

Merihsa war zusammengezuckt und hatte dadurch den Blick nur kurz gehoben und über die Schultern des Häuptlings erspäht. Eine Gänsehaut überzog ihren Körper.

„Viele Jahre habe ich auf diesen Moment gewartet“, sagte Jheira. „Habe Euren Tod herbeigesehnt, Euch hassen gelernt für das, was ihr meinem Volk angetan habt, für all die Gräuel und…“ Er sprach noch weiter, doch Merihsa konnte kaum ein Wort mehr davon verstehen. Viel zu sehr war sie auf die Erscheinung fixiert, die da über den aufgespannten Häuten schwebte. Nie zuvor hatte sie so etwas gesehen. Bislang hatte sie die Geister immer nur spüren können, ihre Präsenz in der Luft gefühlt, doch noch nie war eine von ihnen tatsächlich in Erscheinung getreten. Es musste eine starke Seele, mit viel Gefühl, unverarbeitetem Schmerz sein. Sonst wurde keiner ihrer gewahr, aber der Schemen bemerkte Merihsa und dann blieb ihr der Atem weg, als es tatsächlich zu ihr sprach.

„Er hat es nicht gewusst, Namir…“

„Was hast du gesagt?!“

Merihsa fand sich in den Armen Ikhits wieder. Sie blinzelte mehrmals und sah sich im Zelt um. Alle Augen waren auf sie gerichtet.

„Was hast du gesagt?!“, wiederholte Jheira ungehalten.

Sie konnte nicht sprechen, ihre Lippen bewegten sich, doch war ihr Mund staubtrocken und sie wusste auch gar nicht, was sie hätte sagen sollen.

Jheira blickte sich einmal um, dann stierte er sie mit zornigen Augen an. „Schafft sie raus!“

Ikhit packte sie und drängte sie zum Ausgang.

„Nein, halt!“ Jheira seufzte und rieb sich die Stirn. „Gebt ihr einen schattigen Platz, versorgt sie mit Wasser, Essen… Schutz. Niemand rührt sie an, verstanden?!“

Ikhit nickte. Bevor er die am ganzen Körper zitternde Merihsa hinaus verfrachtete, nahm sie noch wahr, wie Jheira dem König den Knebel abnahm und ihn fragte: „Wie wollt Ihr mich nun davon überzeugen, dass ich Euch nicht auf der Stelle die Haut abziehe?“

Wie sie ihn anhoben und gegen den Baumstamm lehnten, bemerkte er kaum. Er wusste, dass es vorbei war, noch bevor es die beiden Draka wussten. Zhara hatte sich neben ihn gekniet, befühlte seine Wunden, das Gesicht von Sorge und Entsetzen verzerrt. Da war nichts mehr zu retten. Die Pfeilspitze, die sich ihren Weg zu seinem Herzen gebahnt hatte, die Einstiche des schwarzen Dolches der Kreatur, der Schwertstreich des Draka – es war ein Wunder, dass er überhaupt so lange überlebt hatte. Borack wollte es Zhara sagen. Wollte ihr sagen, dass sie aufhören solle, sich um ihn zu sorgen. Es war vorbei. Hier, wo sie zum ersten Mal aufeinander getroffen waren, sollten sie auch wieder für immer voneinander scheiden. Es war gut so.

Borack sah, wie sich die beiden stritten, dann hielt Zhara plötzlich inne und betrachtete ihn ungläubig. Der Draka musste ihr erzählt haben, wer für ihren Beinahtod verantwortlich war. Borack konnte ihren Schock gut verstehen. Aber sie war lebendig, kräftig und er hatte seinen Teil dazu beigetragen. Jetzt brauchte sie ihn nicht mehr. Sie hatte einen neuen Beschützer.

Borack begutachtete den Draka, den er einst bekämpft hatte. Ein starker junger Krieger. Er würde Zhara ein guter Mann sein. So etwas hätte er sich auch für Kassandra gewünscht.

„Kass…“

Die Erinnerungen an seine Tochter wurden lebendig. Sie schien ihm zu zulächeln und winkte.

„Ich bin auf den Weg zu dir, Kassandra…“

Die alten Weiber in seinem Dorf hatten oft gesagt, dass die Toten mit untrüglicher Klarheit alles sahen, jede verborgene Wahrheit erkannten. Borack blickte in Zhara Gesicht, das dem seiner Tochter ähnelte. Aber dann erkannte er noch einen ganz deutlichen Unterschied, der vorher nicht da gewesen war. Und das Händchenhalten mit dem Tod ließ ihn auch erkennen, dass sie selbst noch nichts davon wusste, es höchstens ahnte. Genau so etwas, hatte er sich auch für seine Kassandra gewünscht.

Mit Tränen in den Augen sollte er diese Welt verlassen. Er hatte ihr gutes zugefügt, ebenso so wie Elend und Tod. Für seinen Verrat erhoffte er Gnade von den alten Göttern.

„Ich freue mich so sehr auf dich, Kass…“

Zum letzten Mal in seinem Leben schloss Borack die Augen. Mit einem Traum von seiner Tochter verließ er diese Welt.

Syrian war wütend. Verwirrt und verliebt, aufgewühlt aber vor allem wütend. Wütend darauf, dass sie ihm kaum zuhörte, ihn beinah völlig ignorierte und sich nur um den Mann kümmerte, der ihr beinah das Leben genommen hatte.

Sie kniete da und schloss dem toten Norska die Augen. Ein Rascheln in den Baumwipfeln ließ Syrian kurz hinauf sehen. Saß da oben eine Eule und beobachtete sie?

Zhara erhob sich.

„Wir müssen ihn verbrennen. So verlangt es ihr Brauch.“

Sie hatte sich so sehr verändernd. Das letzte Mal hatte sie sterbend in seinen Armen gelegen, blutüberströmt und die Haut fast grau. Nun stand sie aufrecht, als wäre nie etwas gewesen. Ihre Wangen waren rosig. Sie strahlte Kraft aus und das schwarze Fell, das sie trug, ließ sie größer und gefährlicher wirken.

„Was?“, fragte Syrian ungläubig. „Wie willst du hier genügend trockenes Holz für seine Größe finden? Außerdem würden wir uns damit verraten. Niemand weiß bis jetzt wo wir sind und das es uns überhaupt noch gibt. Wir können ihn nicht verbrennen!“

Ihr Mund war zu einem schmalen Strich gepresst. Sie sah ihn nicht an, aber ihr war deutlich anzumerken, dass sie einige wütende Bemerkungen hinunterschluckte. Dann griff sie nach vorn und nahm dem Norska den Bogen, den Köcher und einige Vorräte aus kleinen Beuteln am Gürtel ab. Sie schulterte die Waffe und verstaute alles andere in ihrem Fell.

„Lass uns gehen“, sagte sie und schob sich an ihm vorbei. „Keisha braucht uns.“

Syrian starrte noch einen Augenblick lang ungläubig auf den toten Norska und fragte sich, was in den letzten Tagen geschehen war. Hatte er seine Sünden gebüßt? Hatte er sie in dem kleinen Norskadorf vor den Eleifa gerettet? Konnte es wirklich sein, dass dem Verräter ein Sinneswandeln widerfahren ist?

Ohne eine Antwort zu finden folgte er Zhara. Ein Blick nach oben verriet ihm, dass auch die Eule verschwunden war.

„Wo willst du überhaupt hin?“, rief er.

„Zur Burg“, antwortete Zhara knapp und stapfte missmutig voran.

„Die Burg ist eigenommen“, erwiderte Syrian. „Dort wimmelt es von Eleifa…“ …und manch anderem, wollte er noch hinzufügen, doch blieben ihm die Worte im Hals stecken.

Zhara kümmerte sich offenbar nicht darum. Sie warf keinen Blick zurück und wurde auch nicht langsamer. Unbeirrt führte sie ihren Weg fort.

Syrian platzte der Kragen. „Wann willst du mir eigentlich verraten, was hier vor sich geht?! Dieser Norska wollte dich töten. Er hat auf dich geschossen und du bist daran beinah gestorben. Dann haben sie dich mir weggenommen und dir diesen gottverfluchten Kragen angelegt, der dich irre gemacht hat. Ich habe nach dir gesucht, unermüdlich, gegen den Norska und Eleifa gekämpft um zu dir zu gelangen, nur um dann gegen dich kämpfen zu müssen. Ich dachte… ich dachte du wärst gestorben!“

Daraufhin blieb Zhara stehen, wandte sich aber nicht um. Syrian hielt ebenfalls an, einige Meter hinter ihr, war aber noch nicht fertig. Er bemerkte erst jetzt, wie sehr ihn das alles beschäftigt hatte. „Ich hatte nicht einmal Zeit um dich zu betrauern. Du wurdest mir einfach entrissen, aber ich habe sie getötet – die Hexe, die dich über dieses scheußliche Ding gesteuert hat. Ich habe sie getötet, doch es war keine Befriedigung, denn es hat dich nicht zurückgebracht… oder doch? Herrje, ich weiß es nicht.“ Es schüttelte ihn am ganzen Körper und seine Augen brannten. „Und jetzt finde ich dich endlich, kann mein Glück kaum fassen und du interessierst dich überhaupt nicht für mich. Stattdessen hast du nur Augen für den Mann, der dich umbringen wollte. Warum? Was ist geschehen? Bitte, Zhara, ich will es doch nur verstehen. Ich…“ Da stand sie plötzlich vor ihm und umarmte ihn. Er spürte und hörte sie schluchzen. Noch mehr als das spürte er auch ihre Wärme, nach der er sich solange gesehnt hatte. Worte fielen ihm dazu nicht ein, aber das war vielleicht auch besser so. Er erwiderte einfach ihre Umarmung und hielt sie fest.

Mit Augen, die dem grau einer aufgewühlten See glichen über der sich ein Sturm zusammenbraute, überblickte Kommandant Raenar den Burghof. Die fahle Haut spannte sich über seinen kahlen Schädel. Die Wangen waren hohl, auf der linken wuchsen noch ein paar weiße Stoppeln, auf der rechten prangte eine nässende Brandwunde. Dort hatte ihn der Draka mit der glühenden Klinge getroffen. Raenar würde ihm das nie verzeihen.

Die Norskaburg wurde geplündert. Die Männer nahmen sich, was sie wollten, zerstörten, was ihnen nicht gefiel und wer das Pech hatte, nicht durch das Wegetor fliehen zu können, wurde hingerichtet oder, im Falle der Frauen, vergewaltigt und danach gerichtet. Auf dem Hof stapelten sich die Leichen. Sie sollten ein Festschmaus für den Dämon werden. Der Gedanke war ekelerregend, aber Raenar hatte gelernt, Befehlen zu folgen, egal wie widerwärtig sie waren.

Nachdem er mit Mandrek zurückgekehrt war, hatte man ihn sofort zum Burgherrn ernannt, womit ihm alle Aufgaben übertragen wurden, die mit dem Erhalt der Burg zu tun hatten. Gleichzeitig zeichnete er sich aber auch für die restlichen Kriegsanstrengungen im Nordland verantwortlich. Immer wieder wurden Truppen ausgesandt um Widerstandsgruppen klein zu kriegen. Berichte wurde per Falken geschickt, kamen wieder zurück. Vielerorts konnten sie Siege verbuchen. Nur ganz im Norden, hoch oben in den eisigen Fängen, am Rande der Welt befand sich noch die Festung Nordwacht und hielt ihren Angriffen stand. Sie war strategisch unbedeutend, doch konnte sich dort jederzeit ein Widerstand sammeln. Das musste unterbunden werden.

Er hatte seinen Platz im Schatten des Bergfrieds auf dem Burghof. Auf einem massiven Eichenholztisch lag eine Karte und darauf stapelten sich die Berichte. Raenar saß über eine kürzlich eingetroffene Nachricht gebeugt, als die Schatten von drei Gestalten über ihn fielen. Erst nachdem er zu Ende gelesen hatte – ein weiteres Norskadorf war überrannt worden, kaum Widerstände – sah er auf. Zwei Wachen flankierten einen hochgewachsenen Mann, der in seinem grauen Mantel wie ein Bettler wirkte. Dennoch hatte er etwas an sich, das die Männer Abstand zu ihm halten ließ.

„Ja?“, fragte Raenar ungeduldig.

Einen der beiden Eleifa schien das aufzurütteln: „Mein Herr, dieser Fremde hier wollte zum großen Schmied. Er hat darum gebeten“

„Und ihr habt ihn einfach hereingelassen?“ Raenar machte sich in Gedanken die Notiz, alle Wachen auszutauschen. „Sperrt ihn einfach in den Kerker!“

Zu seiner Überraschung, war es der Fremde, der antwortete: „Den kenne ich bereits.“ Auf seinem Gesicht lag die Andeutung eines Lächelns. Obwohl sich direkt hinter ihm ein Leichenberg auftürmte und ihn jede Menge Soldaten umgaben, wirkte er kein bisschen verunsichert.

Seine Augen, dachte Raenar, sieh‘ dir seine Augen an. Sie sind tot.

„Was zum Henker wollt Ihr?“

Der Fremde sah hinauf, wobei er bläulich schimmernde Adern an seinem Hals offenbarte.

„Wie gesagt, ich will zu Zedar.“ Die Stimme blieb ruhig, kein Hauch von Unsicherheit, aber auch nicht überheblich. Es klang ganz so, als wäre das für ihn eine völlig normale Bitte. Und zu seinem Erstaunen war Raenar beinah sogar bereit, dem stattzugeben. Ähnlich wie bei seinen Wachen hatte dieser Fremde eine ungewöhnliche Wirkung. Mühsam schob der Kommandant das beiseite.

„Das wird nicht möglich sein. Der große Schmied empfängt keine Besucher.“

Nun ruhten die toten Augen auf Raenar selbst und ließen ihn erschauern. „Er wird mich aber sprechen wollen.“

„Das…“, begann Raenar, doch sein Mund war plötzlich wie ausgedörrt. Er schluckt hart und sprach. „Das bezweifle ich. Ihr könnt nicht mit ihm sprechen.“

Der Fremde nickte bedächtig, dann legte er eine Hand auf die Karte. „Sagt Zedar, wenn er doch das Bedürfnis verspüren sollte, zu sprechen, erwarten wir ihn hier.“ Er nahm seine Hand weg und enthüllte ein kleines Brandzeichen direkt über der Festung Nordwacht. Dann wandte er sich an die beiden Wachen.

„Danke, meine Herren. Ich finde allein hinaus.“ Er war im Begriff zu gehen.

Da lehnte sich Raenar vor und rief ihm hinterher: „Wer seid ihr überhaupt und wo stammt ihr her?“

Der Fremde drehte sich ein letztes Mal um, während er sich die Kapuze über den Kopf zog. „Ein Name ist für mich nicht länger von Belang. Früher nannten sie mich Graisch, den Nomaden. Und der Ort, von dem ich stamme, liegt direkt vor Euren Toren.“

„Aber dort ist nur ein Schlachtfeld!“

„Dann habt Ihr Eure Antwort“, sagte er und ging.

Raenar beschloss, nichts davon an Zedar weiterzugeben und sollte diesen Entschluss noch oft genug bereuen.

Levekei sah den schwertschwingenden Norska vor sich mit hochgezogener Augenbraue an und hob seine Hände. "Keine Angst, ich werde Euch nichts tun. Ich bin ausgeschickt worden, um Euch einen Kragen umzulegen, oder Euch zu erledigen, aber ich werde weder das eine noch das andere machen."

Der blonde Riese sah ihn misstrauisch an. "Woher sollte ich wissen, dass Ihr die Wahrheit sagt?"

Die Lippen des Eleifas zuckten belustigt. "Gar nicht. Aber ich werde mich Euch nicht weiter nähern. Ich wollte Euch nur informieren, dass sich innerhalb der Eleifa eine Widerstandsgruppe formiert. Es wäre gut, Kontakt zu Norska zu haben, die uns bei der Planung von Hinterhalten für Zedars Sklaven helfen könnten…" er verstummte und legte seinen Kopf schief. "Wir bekommen bald Besuch. Lauft. Wenn Ihr Eleifa mit einem roten Band an der Kleidung seht, versucht sie bitte nicht zu töten, verschont sie aber nicht auffällig." Levekei nickte dem Norska zu und verschwand erneut im dichten Unterholz. Kurz darauf konnte Finn ihn rufen hören. Er lenkte die anderen Eleifa in eine andere Richtung.

Finn schüttelte ungläubig den Kopf, ehe er seine Beine erneut in die Hand nahm und so schnell wie möglich weiter rannte. Er musste das Dorf warnen. Und er musste Kunde von desertierenden Eleifa geben.

Levekeis Gruppe wuchs. Manche trugen ein rotes Band um das Handgelenk, andere um den Hals oder am Oberarm, aber die Anzahl der Eleifa, welche irgendwo an ihrem Körper rot trugen, wurde von Tag zu Tag größer. Jorek war mit den Norska und einem guten Teil ihrer Widerstandsgruppe in die Wüste geeilt um dort den Draka zu helfen, eine Verteidigung aufzubauen. Er und seine Männer würden die Eleifarmee von innen heraus zermürben. Es gab viele, welche nicht seiner Meinung waren. Sie dachten, es wäre gut, die Eleifa und die Norska endlich an die Leine zu legen, sie zu versklaven und ihren Willen zu brechen. Levekei war auch einmal ihrer Meinung gewesen, bis er gesehen hatte, was die Kragen aus einem Menschen machten. Er mochte Draka nicht, er hasste sie auch nicht. Aber es machte Spaß, gegen sie zu kämpfen. Es war eine Jahrhunderte alte Tradition, gegen die Wüstenmenschen in den Krieg zu ziehen, einmal gewannen sie, einmal die Eleifa, so war es nun mal.

Der Eleifa würde dennoch niemandem, noch nicht einmal einem Draka, den Kragen an den Hals wünschen. Es gab Gründe, warum diese vor langer Zeit verboten wurden. Und nun, da Zedar nach der Macht griff und sogar Dämonen aus der Hölle auf die Menschheit losgelassen hatte, war es genug. Er blieb stehen und schüttelte den Kopf. "Hier hat sich ein Wegetor geöffnet und er ist durch." rief er den Eleifa zu, welche ihm folgten. Keiner stellte seine Aussage in Frage, nachdem Hunderte von Kriegern binnen Minuten aus der Festung verschwunden waren, erschien es nur plausibel, dass Menschen durch Löcher in der Luft an andere Orte transportiert wurden.

Santori saß mit den anderen Dorfbewohnern zusammen in der prallen Sonne, angekettet an einen Pflock, wie ein Hund. Seine Hände glitten ununterbrochen über das glatte Metall an seinem Hals, bis er das Schloss fand, dann atmete er durch. Kein Zwangskragen. Alles war besser, als von seinem Willen befreit zu werden. Er sah über die anderen Draka um ihn herum. Meist handelte es sich hier um junge Frauen. Die alten Menschen, welche nicht mehr von Nutzen waren, hatte man hinaus in die Wüste gejagt, auf dass sie dort verdursten sollten. Jheira schien nicht ganz im Klaren über die Zähigkeit der anderen Clans und Völker der Wüste zu sein. Er selbst kannte ein Dutzend Möglichkeiten in der Wüste zu überleben. Neben dem Pfahl im hartgebackenen Wüstensand, zum Beispiel, spross ein winziger, grüner Grashalm. Hier gab es Wasser, hier könnte man ein Feld anbauen und guten Ertrag machen. Sein Blick glitt weiter zu den Männern Jheiras. Viele von ihnen betrachteten die Frauen um ihn herum mit unverhohlener Gier, sie unterhielten sich über sie, deuteten auf diese oder jene, lachten abfällig und machten anstößige Gesten. Manch einer schien sogar um die ein oder andere zu spielen. Angewidert wandte Santori sich ab. Er war einer der wenigen jungen Männer, die gefangen genommen worden waren und wurde daher nicht sonderlich beachtet. Sein Blick glitt weiter über das Dorf und er schüttelte den Kopf. Sicher, die Nomaden waren arm und lebten nur von dem, was sie erbeuteten, aber sie könnten so viel aus diesem Stück Land machen. Santori war Farmer seit er denken konnte, er hatte von seinem Vater gelernt, die Natur zu lesen und das Bestmögliche raus zu holen, egal, wie widrig die Umstände gerade waren. Und nun…nun hatte er den König geheilt. Er war immer noch unglaublich erschöpft, aber das, was er getan hatte, überraschte ihn immer noch. Sicher, er hatte oftmals das ein oder andere Tier gerettet, welches andere Farmer bereits abgeschrieben hatten, aber er hatte immer geglaubt, es liege an den Kräutern, die er verwendete. Kräuter, die eigentlich nutzlos waren, wie er bei Amwendu gesehen hatte. Santori atmete tief durch und schloss die Augen. Er hatte so etwas nicht gewollt, er wollte wieder auf seine Farm, Ziegen hüten und Getreide anbauen, ab und zu ein Kenobis jagen…was machte er hier? Er wollte hier nicht sein…Eine Hand legte sich schwer auf seine Schulter und eine raue Stimme blaffte ihn an. "Was immer du auch da machst, hör auf damit. Sofort."

Santori riss überrascht die Augen auf und starrte in ein rot bemaltes Gesicht. "Ich…habe nichts getan." Für diese Antwort kassierte er einen Fausthieb, der ihn Blut schmecken und zu Boden taumeln lies. War da ein Zahn locker? Vorsichtig tastete er mit der Zunge seine Zahnreihen ab und atmete erleichtert auf. Der Blutkrieger sah ihn noch einmal warnend an. "Wenn du das noch einmal versuchst, verspreche ich dir, dass ich deinen Kopf an den Pfahl dort stecke, Weiser." bei dem letzten Wort spuckte er neben Santori aus und schnappte sich eine junge Frau. "Du kommst mit." raunzte er sie an.

Santori starrte ihm nach. "Was bei allen Göttern habe ich getan? Und was meinte er mit Weiser?" murmelte er verwirrt.

"Du bist soeben…verblasst. Es war, als würdest du dich auflösen. Als würde sich deine Präsenz woanders hin verlagern…." die Draka neben ihm sah ihn aus dem Augenwinkel heraus an und bewegte kaum die Lippen, während sie sprach. Es war den Gefangenen verboten, miteinander zu reden.

Santori lies den Kopf sinken. Warum passierte das alles jetzt? Er wollte diese Gaben nicht. Gerade, als er aufsehen wollte, wurde er an den Armen gepackt und durch den Sand auf ein Zelt zu geschleift.

Amwendu sah dem Clanführer direkt in die Augen. Nur wenige hatten dies je gewagt und die meisten davon hatten dies nicht überlebt. "Zedar ist seiner Hölle entstiegen und hat…Gäste mit gebracht. Der Dämonenherrscher Maddakor ist einer davon. Und der Schmied hat ihn irgendwie unter seine Kontrolle gebracht. Ich habe ihn gesehen." seine Hand glitt zu seinem zerstörten Auge. "Dies hier habe ich von einem fliegenden Ungetüm, das Feuer speit. Ich habe die Flammen an meinem eigenen Leib erlebt, war am Rande des Todes und hatte mit dem Leben schon abgeschlossen, als ein junger Mann, Santori, mich mit seinen Fähigkeiten gerettet hat. Zedar hat nicht nur vor, den gesamten Kontinent zu beherrschen, nein, er will ihn versklaven. Er hat Norska, Draka und sogar einigen seines eigenen Volkes die Kragen umlegen lassen. Jeder, der ihm widerspricht oder auch nur eine eigene Meinung vertritt, verliert seinen Willen. Mandrek führt diese Sklavenarmee an und sie werden binnen kürzester Zeit in unserem Land sein. Wenn wir nicht zusammenarbeiten und diesen Irren aufhalten, werden wir alle als willenlose Sklaven enden, die Zedar oder Mandrek die Füße küssen." Der König atmete tief durch. "Tötet mich, wenn Ihr wollt. Zieht mir die Haut bei lebendigem Leibe ab, aber bei den alten Göttern, fangt an mit den anderen Clans zusammen zu arbeiten. Die Völker der Wüste müssen sich vereinen und Zedar die Stirn bieten."

Jheira lehnte sich zurück und sah den König nachdenklich an. "Ihr wollt mir tatsächlich weis machen, dass Zedar, der alte Schmied, der seine Höhle niemals verlässt, Dämonen aus der Hölle beschworen hat und diese nun auf die Welt los lässt? Dass er die Zwangskragen aus der Versenkung geholt hat und nun sogar sein eigenes Volk zu willenlosen Zombies versklavt? Das kann nicht Euer Ernst sein…"

Ein Krieger stolperte in das Zelt, fiel auf die Knie und berührte mit seinem Kopf den mit Teppichen ausgelegten Boden. "Herr. Die Kaltwasserfeste. Sie wird angegriffen. Ein…feuerspeiender Dämon wütet dort…."

Keisha stockte und der alte Schmied sah sie mit erhobener Augenbraue an. "Tu, was ich dir gesagt habe." Seine Stimme war wie ein Peitschenschlag und sie fühlte, wie ihr Körper sich bewegte. Wie ihr Geist hinaus griff und anfing ein Wegetor zu erstellen. Kurz vor Vollendung brach es in sich zusammen. Zedar starrte sie zornig an. "Du sollst ein Wegetor in die Wüste erstellen." fauchte er sie an. "Du hast die Macht. Ich weiß es."

Die Draka sah ihn verzweifelt an. "Ich…kann nicht."

"Wieso kannst du es nicht?" die Stimme Zedars wurde gefährlich ruhig.

"Weil ich es nie gelernt habe. Ich wurde nie ausgebildet." Das war schlicht und ergreifend die Wahrheit. Hätte sie noch frei über ihren Willen verfügen können, hätte sie wahrscheinlich darüber nachgedacht, was sie falsch gemacht hatte und wie sie es richtig machen könnte, so war dieser Teil ihres Selbst jedoch blockiert. Das war einer der Gründe, aus denen Mandrek wichtige Personen seines Generalstabes nicht mit dem Kragen ausgestattet hatte. Ein Kragenträger konnte nicht mehr logisch denken. Er führte nur Befehle aus und wenn es nicht ging, dann ging es nicht. Diese Erkenntnis traf sie tief in ihrem Inneren, dort, wo der kleine Rest ihrer Persönlichkeit verblieben war und dieser kleine Rest sprang Saltos vor Vergnügen. Sie hatte keine Ahnung von ihren Kräften, bisher hatte sie nur per Instinkt gehandelt. Nun, ein Kragenträger verfügte über keinen Instinkt.

Zedar holte aus und schlug sie. Keisha flog quer über den Boden und rutschte bis zur gegenüberliegenden Wand. Sie schmeckte Blut, und funkelte ihren Meister zornig an. Vorsichtig wischte sie sich ihren Mund ab und betrachtete die rote Flüssigkeit darauf. Ihr Kopf schmerzte und ihr Kiefer knirschte verdächtig. Der hässliche Schmied hatte einiges an Kraft in seinem massigen Körper. Durch diesen Schlag war ihr wahres Ich einen kurzen Augenblick lang an die Oberfläche gekommen, leider wurde es sogleich wieder zurück in seine Ecke verdrängt. Der Zorn schwand aus ihren Augen und ihr Blick ging wieder ins Leere.

Zedar kaute an seiner Unterlippe. Ein Wegetor wäre wunderbar gewesen. Er selbst verfügte über einige Fähigkeiten, wie man jedoch ein solches Tor kreierte, war ihm fremd. Bisher hatten nur die stärksten Weisen der Draka es beherrscht. Mit einem solchen Tor hätte er direkt in das Zentrum der Drakamacht treten und es mit einem einzigen Angriff zermalmen können. Er winkte die Draka erneut zu sich. Sie humpelte sichtlich und Blut floss in einem kleinen Rinnsal aus ihrer Nase und ihrem Mundwinkel. Er musste sich in den Griff bekommen, wenn er sie nicht töten wollte. Sein Blick glitt zu Leif, der immer noch mit fassungslosem Gesichtsausdruck vor ihm kniete. "Grab Mandrek aus und bring mir entweder seine Leiche oder finde ihn und bringe ihn mir. Ich bezweifel, dass dieser Hurensohn tot ist."

Der Eleifa hob sich mechanisch und verlies den Saal. Nun war Zedar mit der Draka allein…fast allein. Die ständige Anwesenheit Maddakors war zu einer Gewohnheit geworden, genauso wie die Mordlust, welche ununterbrochen durch den Kragen zu ihm übertragen wurde. Er betrachtete die Frau mit der bronzefarbenen Haut eingehend, ehe er sie mit der Kraft des Dämons heilte. Sie war zu wertvoll um verschwendet zu werden. Ihre Kraft würde er anderweitig einsetzen. Es faszinierte ihn immer noch, dass sie schier ununterbrochen gegen seinen Zwang anrannte. Fast hätte er sie losgeschickt, ihm eine oder einen lebenden Weisen zu bringen, aber er traute ihr nicht ganz.

Zedar lachte. Er traute einer Draka nicht, welche den Kragen trug. Sein Lachen schallte durch die Festung. Er würde auch den letzten Rest an Widerstand in ihr brechen. Mit einem Wink gab er der Draka zu verstehen, ihm zu folgen. Dann brachte er sie in die Räumlichkeiten, in welchen die Gefangenen Norska untergebracht waren.

"Welche hiervon kennst du?"

Keisha deutete auf eine Hand voll.

"Welchen magst du am liebsten?" fragte er mit einem süßlichen Unterton, der Keisha trotz des Kragens einen Schauer über den Rücken laufen lies.

Die Draka deutete auf eine blonde Hünin mit einer blutigen Schramme im Gesicht. Sirkka. Wieso war sie hier?

"Töte sie." flüsterte der Schmied und sein stinkender Atem erfüllte Keishas Nase.

Dass sie hier richtig waren, am Ziel ihrer Reise, verriet ihnen kein dunkles Omen, kein übler Geruch oder gar kreisende Geier, in Erwartung von fetter Beute. Nein, Ysketh wusste es einfach, als er das Loch im Boden sah.

Die Karawane bahnte sich einen Weg zwischen den Felsen hindurch. Die Tiere scheuten zwar, doch schenkte ihnen kaum jemand Beachtung. Ysketh war vorausgerannt, hatte sich den Turban vom Haupt gerissen und klopfte nun den Staub aus den schwarzen Locken, die seinen Kopf umgaben und aus dem dichten Bart.

Das Loch selbst war gerade einmal breit genug um einen Karren darin versenken zu können. Wochenlang waren sie durch die Wüste geirrt, alten Karten gefolgt und kurz davor aufzugeben. Doch die Alte hatte recht behalten. Sie waren am Ziel und tief im Inneren hatte Ysketh nie daran gezweifelt.

„Meine Herren“, rief er seinen Gefolgsleuten zu. „Ich präsentiere den Schlund!“

Sie rückten näher heran. Die meisten von ihnen waren Soldaten, aber auch Gelehrte befanden sich darunter, die die Mythen entweder bestätigen oder wiederlegen wollten. Ihnen allen stand die Angst vor dem schwarzen Loch im Wüstensand ins Gesicht geschrieben.

„Los, die Seile!“, befahl er. Vier Menschen, mehr konnten nicht zur selben Zeit hinunter steigen. Ysketh war einer von ihnen. Sie befestigten die Seile an den umliegenden Felsen und begann vorsichtig den Abstieg. Das Tageslicht wurde beinah augenblicklich geschluckt, sobald sie über den Rand hinaus waren. Doch Ysketh fürchtete sich nicht. Neugier und Aufregung ließen ihn blind werden für alle Gefahren.

Bald hatten sie das Ende der Seile erreicht, unter ihnen erstreckte sich aber weiterhin Dunkelheit. Unruhe breitete sich aus. Fragen wurden aufgeworfen, der Erste begann schon wieder mit dem Aufstieg, da setzte Ysketh all sein Vertrauen in die Worte der alten Frau, die ihnen den Weg gewiesen hatte, und ließ los.

Die Finsternis verschlang ihn, der Moment des freien Falls gab ihm fälschlicherweise das Gefühl zu fliegen, dann landete er mit beiden Beinen auf festem Grund. Schwankend realisierte er, dass sie vielleicht gerade einmal einen Meter von ihrem Ziel entfernt waren.

„Kommt runter“, rief er den anderen zu. „Es ist nicht tief.“

Mit einer Fackel beleuchteten sie den Untergrund. Es war weder Fels noch Erde, worauf sie standen. Stattdessen handelte es sich vielmehr um eine Platte aus Metall, ein Tor oder so ähnlich.

Ysketh suchte auf Knien die Rillen im Metall ab. Er erkannte Schriftzeichen, Symbole, manche bekannt, die meisten uralt und viele blieben ihm gänzlich rätselhaft. Wieder musste er auf die Worte der Alten vertrauen. Er holte das Medaillon hervor, welches sie ihm gegeben hatte und sprach die alten Verse. Seine Stimme hallte von den Wänden wider und als er geendet hatte, hielten sie alle den Atem an.

Dann öffnete sich die Platte mit einem Ruck. Aus dem dünnen Spalt blies ein heißer Wind, der sie von ihren Füßen fegte. Ein Sturm quoll daraus hervor, kreischen und zerrend. Er wirbelte hinauf und als nächstes hörte Ysketh panisches Geschrei von oben. Doch ihm blieb keine Zeit, darauf zu achten. Hier unten hatte der Sturm nachgelassen und an seiner Statt war eine dünne Flamme getreten, die flackernd in der Luft stand. Fasziniert betrachtete er ihre filigrane Form. Wie sie sich leicht aufblähte und wieder zusammenzog, fast so als würde sie atmen.

Lebendig, dachte er, sie ist tatsächlich lebendig. Und zu allem Übel war sie wütend. Mit einem Mal griffen flammende Finger nach den vier Eindringlingen. Ysketh hörte seine Kameraden schreien, sah sie auflodern und reagierte gerade, als das Feuer auch ihn erreichte. Er sprang hoch und ergriff sein Seil. Da stand seine Kleidung bereits in Brand. Wütend leckte das Feuer an seinen Beinen hoch. Die Schmerzen überkamen ihn mit unglaublicher Wucht und es glich einem Wunder, das er nicht losließ. Stattdessen kämpfte er sich weiter nach oben. Die Flammen krochen seinen Rücken hinauf, seine Schulter und schließlich brannte sein Haar lichterloh. Er schrie. Um Himmels Willen, er schrie. Verfluchte und betete die Götter an, ihn zu erlösen. Mit letzter Kraft hievte er sich zurück auf den Wüstensand, rollte sich hin und her bis die Flammen erstickt waren.

Dort, inmitten von Leichen, die ihm Jahre später noch von Nutzen sein sollten, blieb er liegen, verbrannt und gezeichnet, mit Tränen in den Augen und betete.

„Wacht auf! Nun, los, wacht schon auf!“ Die brummige Stimme des Norska ließ seine Träume von Feuer und Verderben buchstäblich in Rauch aufgehen. Zischend sog Ysketh Luft ein, als er erwachte.

„Herrgott, ihr habt mit einen Schrecken eingejagt.“ Keral hockte neben ihm, das Gesicht verschwitzt und gerötet, aber von Erleichterung aufgehellt. Sie befanden sich noch immer in dem Gang, in dem sie die Bestie angegriffen hatte. Ysketh sah sich um, er musste für ein paar Sekunden das Bewusstsein verloren haben. Diener und Adlige kamen auf die Beine, jeder von ihnen unverletzt, obwohl der flammende Atem des Monsters nach ihnen gegriffen hatte. Sie hatte keine Ahnung davon, wer oder was sie gerettet hatte. Und das war auch besser so, denn es sollte möglichst niemand von seinen Fähigkeiten erfahren. Der Soldat half den Leuten auf und führte sich tiefer in die Festung.

„Ich will mich nicht verkriechen“, meinte Keral. „Solange dieses Vieh dort draußen ist sollten wir es bekämpfen. Was sagt Ihr dazu?“

Ysketh bemerkte, dass ihn der Norska aufmerksam betrachtete. Die anderen hatten vielleicht nicht mitbekommen, wie sie gerettet wurden, doch bei ihm schien es anders. Keral hatte etwas gesehen und das konnte gefährlich werden. Ysketh wich seinem Blick aus und starrte durch das Loch in der Wand auf die Stadt hinaus. Dort schwebte das Ungetüm. Irgendetwas hielt es an Ort und Stelle – offenbar wurde es von den Weisen gebannt. Dann schickte es einen Feuerstrahl gen Boden und war wieder frei.

„Wie sollen wir es denn bekämpfen?“, fragte er resigniert.

Keral erhob sich. „Irgendwann wird es landen müssen und ich will zur Stelle sein, wenn es so weit ist. Ich will Mandreks Bestie den Kopf abschlagen. Also los, steht auf und zeigt mir den schnellsten Weg hinaus!“ Er reicht Ysketh die Hand und half ihm auf.

„Also schön, folgt mir.“ Er humpelte voran, als ihm ein Gedanke blitzartig durch den Kopf schoss: Mandreks Bestie… was, wenn Mandrek sie wirklich geschickt hat und meine Unterstützung erwartet? Statt es zu töten, erwartet er womöglich, dass ich der Kreatur helfe? Bloß wie?

Vom Für und Wider dieser Überlegung gequält stieg er die Stufen hinab und fragte sich, warum das Monster ausgerechnet Flammen spucken musste…

Durch die rote Zeltplane konnte er die Sonne sehen. Eine diffuse Scheibe, die von Wellen durchzogen wurde, wenn der Wind das Zelt erfasste. Traumfänger und Dufthölzer hingen von den oberen Streben. Es klirrte leise mit jedem Luftzug.

Charasch lag inmitten von Decken und Gerümpel. Er starrte auf den hellen Kreis, den die Sonne auf die Zeltbahn malte bis er die pochenden Schmerzen nicht mehr ignorieren konnte. Blut lief ihm über die Schläfe. Langsam räumte er sich frei und kroch zum Ausgang. Je näher er kam, desto lauter wurden die Geräusche, die von draußen herein drangen. Schreie mischten sich mit lautem Krachen und Knistern. Dann wurde alles von einem lauten Kreischen übertroffen mit dem die Erinnerung wieder auf ihn einstürmte. Charasch war einen Moment lang versucht, sich wieder in die Ecke zu verkriechen. Vielleicht würde er den Angriff hier drinnen ja überleben, vielleicht würde ihn die Bestie ja übersehen…

Gleich darauf schalt er sich einen Dummkopf. Er musste hier weg, raus aus der Stadt und soweit wie möglich fort. Und das schnell.

Allen Mut zusammensuchend trat er hinaus.

Nachdem er sich an die blendende Sonne gewöhnt hatte, stellte er verwundert fest, dass er die Stadtmauern nun von einer anderen Seite sah. Er war nicht mehr in der Stadt, sondern hatte es tatsächlich vollbracht, sie zu verlassen. Das Gedrängel war mörderisch gewesen und die Wunde an seiner Schläfe pochte wütend, doch er war draußen.

Nach Kriegsbeginn durfte kaum noch jemand die Stadt betreten oder verlassen. Fahrende Händler waren der Stadtwache eh immer ein Dorn im Auge gewesen. Daher hatten viele ihre Stände einfach vor der Mauer aufgestellt und ihre Waren hier feilgeboten. Die meisten waren nun zerstört, niedergetrampelt von der flüchtenden Meute. Charasch war in das Zelt irgendeines Trödelhändlers geraten. Zumindest hat ihn das davor bewahrt, überrannt zu werden.

Noch immer strömten Menschen aus dem nun weit geöffneten Tor. Und noch immer überflog das Ungetüm die Stadt. Charasch setzte sich in Bewegung. Ihm war schlecht und er hatte Kopfschmerzen, aber der Drang, hier weg zu kommen, ignorierte seine Beschwerden einfach. Ein Pferd trabte an ihm vorbei. Es würde nützlich sein, auf dem Rücken eines Tieres zu gelangen, denn sein Weg war noch weit. Er folgte ihm und erkannte aus der Nähe den zusammengesunkenen Reiter, der sich mit letzter Kraft an den Zügeln festhielt.

„Alketh, du lebst!“

Der Bruder, der überlebt hatte, wandte sich zu ihm. „Charasch… hätte nicht gedacht, dich wieder zu sehen.“ Es ging ihm schlecht. Sein Haar war von Blut verklebt, eine aufgeplatzte Lippe und ein dickes Auge ließen sein Gesicht abgesehen von der Schlangennarbe noch unansehnlicher wirken. Noch dazu hielt er sich die Seite. Seine Stimme klang gequält: „Habe dem Prinzen sein Pferd abgenommen. Der hat vielleicht dumm geguckt, bevor die Meute über ihn hergefallen ist.“ Jetzt erkannte auch Charasch, dass das Pferd fürstlich geschmückt war.

„Wir sollten von hier verschwinden“, schlug er vor und schwang sich auf den Rücken des Tieres hinter Alketh.

„Dann halt dich fest. Ich will hoffen, wir kommen noch rechtzeitig an. Obwohl, wenn der König Jheira in die Hände fallen sollte, ist unsere Aufgabe vielleicht schon erledigt.“

Charasch hielt sich an seinem Waffenkameraden fest, spürte, wie ihn das Blut aus den Wunden lief und sich seine Brust unter flachen Atem kaum noch hob. Bei ihm würde er sich nicht die Finger schmutzig machen müssen.

„Um den alten Bullen mache ich mir keine Sorgen“, entgegnete Charasch. „Ich hoffe nur die Stämme fallen nicht übereinander her, weil jeder für sich das Recht in Anspruch nehmen will, den König zu töten.“

„Wie dem auch sei“, krächzte Alketh und hustete Blut. „Hauptsache der Magier vergisst uns nicht und wir streichen die Belohnung ein.“

Darauf erwiderte Charasch nichts. Die Belohnung sollte nur einem zuteilwerden, darin hatte sich Ysketh deutlich ausgedrückt.

Sie ritten. Fort von der verfluchten Stadt, der sie den Tod gebracht und hinaus in die Wüste um wieder zu töten.

Merihsa schämte sich. Sie saß auf weichen Decken, eine Zeltplane hielt über ihr die Sonne ab. Vor ihr befanden sich drei Schüsseln. Eine mit Brot, eine mit Käse, eine mit Trauben und dazu ein Krug, gefüllt mit Wasser. Sie hatte noch nichts davon angerührt. Zwar lag ihr Platz so, dass ihr der Blick auf die Gefangenen verwehrt blieb, dennoch wusste sie, dass die anderen litten. Von ihnen bekam sicher niemand etwas zu trinken oder zu essen. Selbst einigen der Dorfbewohner schien dieser Luxus verwehrt. Neidische Blicke trafen sie, doch niemand wagte sich an sie heran. Ihr Beschützer war ein großer, breitschultriger Krieger, der seltsamerweise keinen Tropfen roter Farbe am Körper besaß. Merihsa wusste nicht, was das bedeuten sollte, doch seine Muskeln und der strenge Blick sprachen für sich. Solange er mit dem Rücken zu ihr stand, war sie sicher. Nicht einmal dieser Orsio hatte sich noch einmal in ihre Nähe gewagt.

Es war heiß und sie hatte sein Stunden nichts getrunken. Ihr Magen knurrte. Sie tadelte sich für jeden Blick, den sie den Schalen oder dem Krug zuwarf. Sie wollte nichts davon und wenn es ihr noch so sehr danach verlangte. Sie hatte bereits gebeten, etwas von ihrem Essen und dem Wasser an die Gefangen zu verteilen. Doch ihr muskulöser Beschützer hatte sie nicht weiter beachtet. Aufstehen und einfach gehen traute sie sich nicht.

Das kleine Mädchen bemerkte sie erst, als sie erneut ihren Blick von dem Wasserkrug losriss. Die Kleine beobachtete sie in respektvollen Abstand, die langen blonden Haare wirr abstehend, das einfache Kleidchen verdreckt.

„Hallo du“, grüßte Merihsa, da schreckte das Mädchen auf, als wäre sie bei etwas Ungehörigem erwischt worden. „Nicht weglaufen“, rief Merihsa und griff nach dem Brot. „Ich habe zu essen. Möchtest du?“

Sie blieb stehen, sah zu Merihsa und warf dann einen scheuen, verängstigten Blick auf den massigen Kerl.

Merihsa verstand. „Er tut dir nichts. Ganz bestimmt nicht. Komm her.“ Sie brach etwas von dem Brot ab, wobei ihr der Duft in die Nase stieg. Ihr Mund wurde wässrig.

Die Kleine schüttelte den Kopf, eindeutig hin und hergerissen. Merihsa schluckte und probierte es mit den Trauben. Sie zupfte eine ab und hielt sie hoch. Da überwand das Kind seine Scheu und trat näher heran. Merihsa beugte sich vor und gab ihr die Traube in die Hand. Sofort stopfte sie sich die Kleine in den Mund, kaute gierig, sodass ihr der Saft aus dem Mundwinkel rann und schluckte.

Merihsa war erleichtert. „Also, wie heißt du denn? Mein Name ist Merihsa.“

Das Mädchen schaute misstrauisch und reckte den Hals nach den Trauben.

„Verstehe“, sagte Merihsa und gab ihr lächelnd eine weitere. „Bedien‘ dich einfach.“

Als wären unaussprechliche Worte gesagt worden, starrte das Mädchen sie einen Moment lang ungläubig an, dann ließ sie sich neben sie auf die Decken plumpsen und griff beherzt in die Schale. Beinah hätte Merihsa laut aufgelacht.

„Sora“, antwortete die Kleine zwischen kauen und schmatzen.

„Sora, also. Ein schöner Name. Und lebst du gern hier?“

Das Mädchen schüttelte den Kopf. Ihr Mund und ihre Finger waren vom Saft verklebt und mit kleinen Kernen gesprenkelt.

„Deine Eltern, wo sind deine Eltern? Deine Mutter?“

Sora hielt einen Moment inne und starrte angestrengt in die Schale. Merihsa wollte schon eingreifen in der Angst, etwas Falsches gesagt zu haben, da erwiderte Sora: „Vater meint, sie ist gegangen. Woandershin… von wo sie nie zurückkehren wird. Aber wir würden ihr irgendwann folgen.“ Anscheinend hatte sie das Interesse an den Trauben verloren, denn sie stellte die Schüssel wieder weg. „Aber ich verstehe das nicht. Warum sie gegangen ist und warum wir ihr nicht gleich folgen können…“

Vorsichtig streckte Merihsa die Hand aus und streichelte dem bedrückten Kind den Kopf. „Dein Vater wollte dir damit nur sagen, dass du sie wieder sehen wirst und, dass sie dich liebt. Sie ist nicht gegangen, weil sie es wollte. Aber du wirst sie wiedersehen, ganz bestimmt.“

„Das sagt Vater auch immer…“

Sie strich ihr über die Wange und erkannte dabei, wie schön Sora war. Mager und dreckig, aber unter dieser Fassade war sie ein wunderschönes Kind, mit Träumen von einer Mutter, die sie erst im Tode wiedersehen würde.

Im Tode…

Aufruhr erfasste das Lager. Plötzlich waren alle auf den Beinen, rannten herum, bauten Zelte ab und sammelten alles zusammen. Sora schmiegte sich eng an Merihsa, die die Kleine fest umschlang. Dann kam Jheira hinter einem der Zelt hervor und brüllte: „Packt alles zusammen, wir ziehen weiter. Bindet die Sklaven aneinander, wer nicht mithalten kann wird zurückgelassen. Beeilung! Wir müssen weit weg.“

Er sah zu Merihsa und deute mit dem Finger auf sie. Zorn verzerrte sein Gesicht zu einer grotesken Maske. „Sora! Geh weg von ihr und hilf den anderen!“

Die Kleine seufzte und befreite sich aus Merihsas Armen. „Ja, Vater…“ Dann trottete sie davon.

Zhara schüttelte sich um die Übelkeit loszuwerden. In letzter Zeit wurde sie immer häufiger von Schwindelgefühlen oder einem Brechreiz heimgesucht. Sie sah es als Preis für ihre schweren Verwundungen an. Ein vergleichsweise niedriger Preis, dennoch konnte er im falschen Moment zu unangenehmen Situationen führen. Wie zum Beispiel jetzt, wo sie mit gespanntem Bogen hinter Gestrüpp hockte und diesen einen bestimmten Punkt fixierte, an dem jedem Moment ein Kragenträger auftauchen sollte. Sie hatten seine Spur mit Leichtigkeit verfolgen können. Die Marionetten waren nicht clever, sie führten nur stoisch Befehle aus und gaben sich dabei nicht sonderlich viel Mühe um Heimlichkeit. Der Norska war jagen gegangen und kehrte nun mit seiner Beute, einem Fasan und zwei Hasen, zurück. Zhara spannte den Bogen, doch als der Norska die tödliche Linie überschritt, war es auch schon um ihn geschehen. Syrian hatte sich vom Baum auf ihn herabstürzen lassen. Für den Laien sah es nach einem gewöhnlichen Angriff aus, doch Zhara erkannte das Geschick des Assassinen. Er landete mit den Knien auf den Schultern seines Opfers. Sein Dolch, der glänzend schwarze der Kreatur, tauchte blitzschnell in die Beuge zwischen Hals und Schultern ein, knapp unterhalb des Kragens. Mit der freien Hand drückte er den Kopf der Beute gegen seinen eigenen Körper um einen Schrei zu vermeiden. Der Norska war tot, ehe er auf dem Boden aufschlug.

Sie hatten sich für den Tod entschieden. Nach einer kurzen Debatte waren sie zu dem Schluss gekommen, dass es besser wäre, wenn die Kragenträger sterben würden. Zwar hatte Syrian gesehen, wie Keisha einen Kragen entfernt hatte, doch war Keisha nun selbst in Gefangenschaft. Der Tod war für alle das Beste. Vor allem für die Träger.

Zhara kam aus ihrem Versteck, geriet kurz ins Schwanken, wurde aber von Syrian aufgefangen.

„Ist alles in Ordnung?“

„Mir geht’s gut, danke.“ Allmählich hatte sie es satt, ständig besorgt angesehen zu werden. „Es geht mir gut, verstanden?“

Syrian schluckte eine Antwort herunter und nickte. „Also schön“, sagte er und deutete auf den Toten. „Einer weniger. Bleiben noch drei.“

Zhara ging in die Knie und befreite den Norska vom Kragen. „Plus denjenigen, der im Zelt sitzt.“

Sie hatten das Lager leicht ausmachen können. Die Kragenträger verstanden nichts vom Verstecken. Es waren vier von ihnen gewesen, die eine kleine Feuerstelle und ein Zelt errichtet hatten. In letzteres brachten sie immer wieder essen und sprachen hinein um Berichte weiterzugeben oder Befehle entgegenzunehmen. Am Verwunderlichsten waren aber das ausgehobene Loch und die große Kiste daneben. Deren Sinn und Zweck erschloss sich den Draka nicht.

Für Vorräte und Informationen hatten sie beschlossen, dass Lager auszunehmen. Sie schlichen heran, blieben aber hinter einem Baumstamm in Deckung. Syrian kletterte hinauf, spinnengleich und ohne ein Geräusch von sich zu geben. Über seine Zeit als Auftragsmörder hatten sie nie viel gesprochen, aber es rankten sich einige abstruse Geschichten um sein Talent. Zhara glaubte sie im Moment alle.

Sie spannte den Bogen, zielte auf die Rinde und sah hinauf. Syrian hockte in einer Astgabel, hielt ihr die flache Hand entgegen, dann gab er das Zeichen. Sie beugte sich ein wenig zur Seite, gerade so, dass sie den Wache schiebenden Norska sehen konnte, der gerade nicht in ihre Richtung sah. Der Pfeil drang ihm in die Schläfe. Sofort hatte sie einen zweiten aufgespannt. Syrian war derweil hinab gesprungen und stellte sich dem ersten Norska in den Weg. Sie kämpften. Zhara wartete ab. Atmete ruhig ein und wieder aus. Als der Kragenträger ihr den Rücken zukehrte bedankte sie sich mit einem Pfeil zwischen die Schulterblätter. Syrian hielt sich nicht weiter mit dem Sterbenden auf, sondern hatte sich bereits dem verbliebenden Krieger gewidmet. Sie wirbelten umeinander, doch der Draka war schneller. Mit Schwert und Dolch bewaffnet fügte er seinem Gegner immer wieder kleine Schnitte zu, die ihn verlangsamten, bis Syrian ihm schließlich die Waffenhand abschlug und die schwarze Klinge von unten durch den Kiefer ins Hirn trieb.

Mit gespanntem Bogen kam Zhara zu ihm. Er hielt beide Klingen vor sich und so näherten sie sich dem Zelt.

„Kommt raus“, sprach Syrian. „Eure Puppen sind alle tot. Also kommt raus oder wir holen Euch!“

Drinnen raschelte etwas, dann wurde die Zeltplane beiseite geschlagen und ein Eleifa trat heraus. Zhara stockte der Atem und beinah hätte sie geschossen.

Mandrek sah von einem zum anderen und sagte: „Ich glaube, ich habe euch beide schon einmal gesehen.“

Es hatte einen kleinen Aufstand gegeben.

Kommandant Raenar saß an dem Tisch auf dem Burghof. Vereinzelt segelten Schneeflocken herab, von Norden her zogen dunkle Wolken auf. Vor ihm, auf der anderen Seite des Tisches, hockten drei Eleifa. Landsmänner, Kameraden, Soldaten… Verräter. Auf dem Tisch lagen drei rote Tücher. Raenar nahm eines davon, welches mit Blut getränkt war und rieb es zwischen den Fingern, während er sprach: „Ihr habt versucht Waffen aus der Burg zu schmuggeln und dabei fünf Männer getötet. Fünf Kameraden, die neben euch in den Krieg gezogen sind. Von den paar Kragenträgern ganz zu schweigen. Wo wolltet ihr hin mit diesen Waffen? Für wen waren sie bestimmt? Wolltet ihr die Norska damit ausstatten? Habt ihr euch mit dem Feind verbündet? Oder besteht eure kleine Rebellion nur aus Verrätern?“

Die drei sahen sich an. Gefesselt und übel zugerichtet wie sie waren, kannten sie ihre Strafe und wussten um ihr Schicksal. Der Leichenhaufen hinter ihnen war dafür Ausdruck genug. „Ihr werdet nichts von uns erfahren“, knurrte der Mittlere. „Die Kragen sind Instrumente der Hölle und wenn ihr das nicht seht, dann seid Ihr verdammt.“ Er hob die Stimme: „IHR ALLE SEID VERDAMMT!“

Raenar gab der Wache ein Zeichen, worauf diese dem Gefangenen einen heftigen Stoß mit dem Lanzenschaft versetzte.

„Rechtfertigt ihr somit euren Verrat am Vaterland, am König selbst?“, fragte der Kommandant und erhob sich. „Ihr habt einen Eid geleistet, der euch bis in den Tod verpflichtet. Wenn ihr eure Meinung nun geändert haben solltet, dann habt wenigstens den Anstand, zu sterben.“

„Mit Freuden“, schaltete sich der Linke mit ein. „Schneidet uns die Kehlen durch und werft uns diesem falschen Gott zum Fraß vor. Er wird euch sowieso alle noch verschlingen. Wir sind mit dem Zeichen des Widerstands gestorben!“ Dabei nickte er zu den roten Tüchern. Interessiert betrachtete Raenar das Stück gefärbten Stoffes in seinen Händen, während er langsam um den Tisch herum ging und sich hinter die Gefangenen stellte. „Ihr seid also bereit zu sterben – alle drei?“

Sie nickten einstimmig.

„Gut“, meinte Raenar und trat einen Schritt zurück. „Legt ihnen die Kragen an“, befahl er. Die Gefangen schrien auf, sie protestierten, wehrten sich, doch half es alles nichts. Nutzlos hallten ihre verzweifelten Schreie über den Burghof und verstummten kurz darauf. Raenar fächerte das Tuch auf und band es dem mittleren Eleifa um den Hals, so, dass es den Kragen verdeckte. „Ihr dürft weiterhin zum Widerstand gehören und euch ihm anschließen, infiltrieren und aushebeln. Vorher verratet ihr mir aber noch alles, was ihr über diese kleine Rebellion wisst.“

Er setzte sich wieder auf seinen Platz. „Ich höre.“

"Du lebst gefährlich, Levekei." Ein Eleifa war neben ihm aufgetaucht und führte sein Pferd an den Zügeln um neben ihm gehen zu können.

Levekei hob eine Augenbraue. "Wie meinst du das, Antero?"

Der Eleifa schmunzelte und zupfte an dem roten Band, welches den Oberarm Levekeis zierte. "Ich bin nicht der Einzige, der sich fragt, was es zu bedeuten hat, dass immer mehr unseres Volkes diesen…Schmuck tragen. Wahrscheinlich hätte ich weiter geschwiegen, aber….du hast einen Norska entkommen lassen. DU. Das war ein wenig…auffällig. Also, warum hast du ihn nicht getötet?"

Levekei schürzte seine Lippen und sah Antero mit schräg gelegtem Kopf an. "Was hältst du von Zedars Kragen und der Art und Weise, wie dieser Krieg hier geführt wird?"

Antero lachte. "Du hast meine Frage nicht beantwortet. Wir sind schon lange befreundet…" er sah sich um. "Aber du hast Recht, man kann eigentlich niemandem trauen. Ein falsches Wort und du hast eines von diesen in der Hölle geschmiedeten Dinger um den Hals. Ab und zu frage ich mich…" er verstummte, als er das Lächeln seines Freundes sah. "Was ist daran so witzig? Ich finde nicht, dass…" er zögerte. "Beantworte einfach meine Frage."

Levekei zog das rote Band von seinem Oberarm und betrachtete es. "Du hast Recht. Es ist zu auffällig. Anfangs war es wichtig, uns bei der Schlacht hervorzuheben. Um sicher zu gehen, dass man nicht aus Versehen den Falschen tötet, aber jetzt…wir kämpfen derzeit nicht in einer offenen Schlacht und nur wenige unserer Gegner wissen, was dies zu bedeuten hat. Vielleicht sollten wir uns ein anderes Kennzeichen überlegen." Er steckte das Band ein und spielte mit den Zügeln seines Pferdes. Nach einer für Antero unendlich lang wirkenden Pause sprach er weiter.

"Alle die ein rotes Band, einen roten Anstecker oder irgendwo etwas rotes bei sich tragen sind Rebellen. Wir haben die Nase gelinde gesagt voll von Zedar. Mandrek war schon schlimm gewesen, und schon da haben wir angefangen, uns zu formieren, aber seit Zedar mitmischt werden wir immer mehr. Wir wollen nichts mit Dämonen zu tun haben. Diese Kragen…sind ein Werk der Unterwelt. Einen Menschen derart zu versklaven, ihm seinen freien Willen und seine Persönlichkeit zu nehmen…Das ist Wahnsinn…Wenn Zedar so weiter macht wird am Ende jeder von uns eines seiner Schmuckstücke tragen. Wir kämpfen dagegen. Wirst du uns helfen?"

Antero atmete tief durch und sah seinen langjährigen Freund an. Dann fing er an zu Lachen und klopfte ihm auf die Schultern. "Hast du dich nie gefragt, warum es so viele Eleifa gibt, die anscheinend vergessen haben, sich die Stiefel richtig an zu ziehen?" er deutete auf den umgeklappten Schaft seines schwarzen, auf Hochglanz polierten Schuhs. "Ich glaube, in unserem Volk formieren sich gerade mehrere Widerstandsgruppen mit dem gleichen Ziel." er wurde wieder ernst. "Allerdings solltet ihr euch wirklich ein anderes Kennzeichen ausdenken, oder ihr übernehmt unseres, dieses Rot ist in der Tat…auffällig."

Usamaa brüllte. Nicht vor Schmerzen, auch wenn diese groß genug waren, nein, vor Zorn. "Nehmt Eure verfluchten Finger weg." schrie er und schleuderte einen jungen Mann von sich, der gerade versucht hatte, ihm an die Kehle zu springen. Wenn er diesen Mistkerl fand, der ihm sein Pferd gestohlen hatte…Der Prinz der Wüste blutete mittlerweile aus mehreren mehr oder weniger tiefen Schnitt und Stichwunden. Eine Frau war sogar mit bloßen Händen auf ihn losgegangen und hatte ihm mit ihren Fingernägeln tiefe Kratzer in den Oberarm verpasst. Sein Blick glitt wieder nach oben und er fluchte weiter. Der Dämon spuckte immer noch Feuer und steckte ein Viertel nach dem nächsten in Brand. Das noch nicht die ganze Stadt lichterloh brannte lag allein daran, dass die meisten Hütten aus Lehm, gebackenem Sand, Steinen und Felsen bestanden. Viele Höfe oder Läden hatten jedoch Zeltplanen aufgespannt um auch draußen Schatten zu spenden oder die Ware vor der Sonne zu schützen. Diese fingen rasend schnell Feuer und der Funkenflug wurde durch die aufkommende Hitze mehr und mehr begünstigt.

Mühsam wehrte er einen weiteren Angriff ab. Die meisten seiner Begleiter waren irgendwo in den Massen der Flüchtlinge untergegangen. Verflucht sollten sie sein, die Menschen hier hatten ja recht, die Stadt sollte evakuiert werden, aber mit System und nicht im Chaos. Etwas Schweres traf ihn an der Schläfe und die Welt um ihn herum drehte sich. Das letzte was er mitbekam, war, wie er von großen Pranken gepackt und von jemandem über die Schulter geworfen wurde.

Das Lager der Nomaden wurde schnell und mit viel Routine abgebaut. Jeder wusste, wo Hand angelegt werden musste und es gab keinen, der seine Aufgaben nicht kannte. Der Krieger, welcher Santori an der Leine führte sah Jheira finster nach. Er war zu seinem Herrn gegangen und hatte ihm zugerufen, dass sie einen Weisen gefangen hatten. Der Häuter schien ihn noch nicht einmal gehört zu haben.

"Ich bin kein Weiser. Wenn ich einer wäre, glaubt Ihr nicht, dass ich mich nicht schon längst befreit hätte?" fragte Santori nun zum dritten Mal. Der Krieger musterte ihn kurz und zog ihn an der Kette näher zu sich heran. "Wenn du kein Weiser bist, warum hast du dann angefangen, dich aufzulösen?"

Der Draka verdrehte die Augen. "Ich habe keine Ahnung, wie ich das gemacht habe, aber ich vermute, dass ich mich hier einfach weggewünscht habe."

"Gewünscht? Bist du ein Jin?"

Einen Augenblick lang wollte Santori loslachen, schließlich war es ein guter Witz, bis ihm klar wurde, dass der rot bemalte Kerl vor ihm es anscheinend wirklich ernst meinte.

"Bei den alten Göttern, NEIN." Ich bin ein Farmer. Ich wollte nur zurück zu meiner Farm. Dort, wo meine Ziegen sich wahrscheinlich bereits aus dem Staub gemacht haben, oder gestohlen worden sind. Wo meine Felder wachsen und das Getreide jetzt geerntet werden müsste."

"Ziegen? Getreide? Wie groß ist deine Farm und wo liegt sie?" ein weiterer Nomade, der einen schweren Leinensack zu einem Karren tragen wollte, blieb neben ihnen stehen und sah ihn an.

Santori zuckte mit den Schultern. "In der Nähe des Dorfes, aus welchem ihr uns verschleppt habt."

Der Nomade stellte seine Last ab. "Wie viele Vorräte hast du und wie viele Felder?"

Der Krieger sah den anderen wütend an. "Wir werden sicher nicht zurück kehren. Wenn dort wirklich ein Dämon die Kaltwasserfeste angreift, werden wir einen Dreck tun und uns da einmischen."

Der andere hob eine Augenbraue. "Du vergisst dich, Torek. Wir brauchen dringend weitere Vorräte. Ein Feld mit reifem Getreide und eine Herde Ziegen würden uns über Monate hinweg mit Nahrung versorgen. Wir könnten in die Berge ziehen und uns dort verbergen, bis Zedar seine Dämonen abgezogen hat."

Ein weiterer Krieger mischte sich ein. "Seid ihr alle verrückt? Sehr ihr nicht, was passiert? Dieser Hurensohn eines Eleifa fällt in unser Land ein, greift Bewohner unseres Landes mit seinen Höllenwesen an und wir sollen fliehen?" Der Neuankömmling lies seine Last fallen und legte seine Hand demonstrativ auf seinen Schwertknauf. "Ich werde sicher nicht vor einem dahergelaufenen Dämonen weglaufen. Wir sind Krieger und keine Memmen."

"Memmen? Ich finde Karash hat Recht, wir brauchen Vorräte, wenn wir überleben wollen. Hast du dir mal Gedanken darüber gemacht, wo die Nahrung herkommt, die du dir all Abendlich hineinstopfst? Unsere Frauen und Kinder leiden unter Hunger und ich selbst habe schon lange kein Brot ohne Maden mehr gesehen, von Fleisch ganz zu schweigen." Ein paar weitere Nomaden blieben neben ihnen stehen und die Menge wurde nach und nach immer größer. Sie schrien sich gegenseitig an, manch einer fing an, an seinen Waffen herumzuspielen und Santori schloss resignierend die Augen. Er hatte doch nur Farmer sein wollen.

Mandreks Blick fiel auf die Leichen um ihn herum und er seufzte. "Ihr verschwendet gutes Material." Der Eleifa betrachtete die beiden Draka ruhig. Hätten sie ihn töten wollen, wäre das bereits geschehen. Er war bereit, sie ebenso sofort zu töten, wenn sie auch nur eine falsche Geste machen würden. Die Draka ähnelte sehr der grünäugigen Kriegerin, welche er so gerne besitzen wollte….es war auch die Draka, mit der Borack aus dem Lager verschwunden war. Die Draka, die er verletzt hatte. Der andere…er hatte ihn sicher schon einmal gesehen. Ja genau. Er war es gewesen, der geholfen hatte seine eigentlich Beute von ihm weg zu zerren, als sie das erste mal nach all den Jahren aufeinander getroffen waren. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Wenn diese beiden hier waren, konnte SIE nicht weit sein.

"Es hätte auch genügt, euch einfach anzukündigen. Es hätte mir den Umstand erspart, Zedar weitere Kragenträger abziehen zu müssen, um mir mein Essen zuzubereiten. Irgendwann wird auch er misstrauisch werden, es sei denn Leif zieht sein Theater gut durch." Mandrek legte den Kopf schief und betrachtete das dunkelhäutige Paar. "Sicher seid ihr nicht hier, um euch mit mir über die Vergangenheit zu unterhalten, also, was wollt ihr?"

Die Draka sah zu dem jungen Mann und dieser erwiderte ihren Blick ruhig. Daraufhin lies sie den Bogen sinken und Mandrek lies die kleine Energiekugel verpuffen, welche sich in seiner geschlossenen Hand gebildet hatte. Er war auch ohne seine Macht gefährlich, nur leider war er immer noch geschwächt. Dieser Giftmischer Leif hatte seinem Leben um ein Haar ein Ende bereitet. Einen Schluck mehr von dem Gesöff, das er ihm untergemischt hatte und er wäre unter der Erde geblieben.

"Eigentlich wollten wir Vorräte und einen Unterschlupf erbeuten…." die Draka zögerte und sah Mandrek misstrauisch an. Dessen Lippen zuckten erneut in Richtung eines amüsierten Lächelns. "Wir wollten Keisha retten…Zedar hat ihr einen Kragen angelegt…" ihre Worte kamen zögernd, stockend, als würde man sie zwingen, sie auszusprechen.

Der Mann starrte sie an. "Zhara, schweig."

Sie sah ihn verzweifelt an. "Ich…"

Der Eleifa winkte ab. "Sie kann nichts dafür. Sie hat einmal einen meiner Kragen getragen. Die Kragen hinterlassen eine Art…Spur oder eine Art Lücke, bei der es mir möglich ist, sie einfacher zu beeinflussen, als andere Menschen. Obwohl ich zugeben muss, dass ihr Wille sehr stark ist…beinahe so stark wie der von…Keisha." Der Name passte zu der feurigen Schönheit.

"Lasst die Finger von Eurem Messer, Draka." sagte er ruhig, ohne den Blick von Zhara zu nehmen. "Ich könnte Euch schneller töten, als es Euch lieb wäre. Allerdings kämpfe ich ungern mit diesen Mitteln. Eure Drakaweisen haben damit angefangen, schmutzig zu kämpfen."

"Ach? Ihr nennt es als einen fairen Kampf, willenlose Kragenträger in ihren Tod zu schicken?" fuhr Zhara auf und stierte ihn wütend an. Sie war beinahe so hübsch wie ihre Schwester, wenn sie zornig war. Mandreks Lächeln wurde breiter.

"Ich habe nie gesagt, dass der Kampf fair sein muss. Ich mag keinen schmutzigen Kampf, der nur mittels der Macht ausgetragen wird und in den Menschen hineingezogen werden, welche nicht über diese Fähigkeit verfügen. Ein Kragenträger kann weiterhin kämpfen. Er hat sogar den Auftrag, zu überleben, zumindest sehr oft, und die meisten meiner Sklaven haben gut gekämpft. Sie verlieren also nicht die Fähigkeit mit ihren Waffen umzugehen, man könnte sagen…ihr Fokus liegt einfach woanders.

Es wäre alles einfacher gewesen, wenn sich die Draka bereits vor Jahrzehnten ergeben hätten. Euer Volk ist so stur, so eigenwillig und so verflucht freiheitsliebend, dass es einen quasi dazu zwingt es beherrschen zu wollen. Ich hätte Zedar nie in die Sache mit reingezogen, wenn ihr Draka nicht so wäret, wie ihr nunmal seid." Er breitete die Arme aus.

"Leider stehe ich derzeit ohne Armee hier und Zedar würde mich wahrscheinlich an den nächstbesten seiner Dämonen verfüttern, wenn er mich findet, schließlich muss ich in seinen Augen versagt haben. Außerdem hat er mir meine Siegesprämie weggenommen, wenn er Keisha tatsächlich einen Kragen angelegt hat. Ich hatte die Hoffnung, dieses kleine Biest zähmen zu können, auch ohne Kragen. Und jetzt stehen wir hier. Ein Assassine, eine Wüstenblume und ein Eleifa, der weiß, wie man mit bestimmten Kräften umgeht. Kommen wir also wieder zu der Frage: Was wollt ihr tun? Wir können uns bekämpfen und wahrscheinlich gehen wir alle drei dabei in die ewigen Jagdgründe ein, oder wir arbeiten zusammen und befreien Keisha von ihrem Kragen."

"Und Ihr werdet sie dann einfach so laufen lassen?" fragte der Draka misstrauisch.

Die raubtierhaft wirkenden, hellen Augen des Eleifas blitzten belustigt. "Selbstverständlich nicht. Wenn wir sie von ihrem Kragen befreit haben, können wir uns immer noch um sie schlagen. Bedenkt, dass ich der Einzige bin, der sie von Zedars Zwang befreien könnte." Das er sich nicht sicher war, ob er das wirklich konnte, mussten die beiden nicht wissen.

Bashira war erschöpft. So unglaublich erschöpft. Aber hier und jetzt aufzugeben….das durfte nicht sein. Sie hatten die Bestie ein weiteres Mal gebunden und dieses mal hatte sie daran gedacht, ihm das Maul zu zubinden. Die Stränge um den Dämon herum wurden von mehr als zehn Gruppen Weiser stabilisiert und gehalten. Immer wieder donnerten Feuer- und Energiekugeln auf ihn nieder. Leider hatten sie keinerlei Effekt, außer, dass er immer stärker zu werden schien. Die halbe Stadt brannte mittlerweile, in der in Stein gehauenen Festung klafften mehrere riesige Löcher geschmolzenen Steins und die Kräfte der Weisen und Bogenschützen liesen von Sekunde zu Sekunde mehr nach.

Bashiras Gedanken rasten und urplötzlich wusste sie, was sie falsch machten. Sie versuchten Feuer mit Feuer zu bekämpfen. Es war ein Feuerdämon, der von Flammen und deren Energie lebte. Sie mussten entgegengesetzt arbeiten. Wasser war der Schlüssel, aber woher sollten sie hier in der Wüste so schnell so viel von dem wertvollen Material bekommen? Sie fing an die geringe Feuchtigkeit aus der Luft heraus zu ziehen, bildete einen Wasserball und schleuderte ihn auf das Biest. Es brüllte vor Zorn und kämpfte weiter gegen die unsichtbaren Bande, doch es schien schwächer. Das war die Lösung. Wasser. Jetzt hatte sie nur das Problem an ausreichende Mengen zu kommen. Wasser war ein Element mit welchen sie sich bisher noch nicht auseinander gesetzt hatte. Die wenigsten Weisen konnten damit umgehen. Sie fluchte und befahl den anderen aufzuhören, den Dämon mit Feuerbällen zu beschießen. Lange würden sie die Bestie nicht mehr halten können.

Keisha, die wahre Keisha, tief in Zedars Marionette verborgen, schrie vor Zorn und Wut auf. Sie kroch aus ihrem Versteck und warf sich gegen die Barriere, welche sie davon abhielt, selbst über ihr Handeln zu bestimmen. Sie fühlte, wie sie eines ihrer Messer hob, sah, wie sich die blauen Augen Sirkkas weiteten und warf sich immer und immer wieder gegen die Barriere. Ihre Hand zitterte, als der innere Kampf sich in die Höhe schaukelte. Der Schmied starrte sie mit einer Mischung aus Wut und Überraschung an. Die kleinen Augen zusammen gekniffen. Der Befehl wurde immer stärker, wuchs vor ihrem wahren ich zu einer Mauer aus Stein heran und drohte, sie darunter zu verschütten. "Nein." presste sie zwischen den Zähnen hervor. Die Knöchel an der Hand, die den Dolch hielt, waren weiß vor Anstrengung und feine Schweißperlen traten auf ihre Stirn. Sie ging einen Schritt nach vorne.

"Du musst ihm nicht gehorchen." sagte Sirkka klar und deutlich. "Kämpfe weiter. Ich bin sicher…" der Schmied schlug sie und Blut lief aus ihrem Mundwinkel. Dennoch wandte sie ihren Blick wieder zu Keisha. "Du musst es nicht…" der nächste Schlag schickte sie zu Boden und der Befehl in Keishas Kopf wurde übermächtig.

Ysketh wies die Treppe hinab.

„Folgt ihr bis ganz nach unten. Durchquert die Halle bis zur Ostseite und verlasst sie durch das Tor. Von der Galerie aus gelangt ihr nach draußen.“

Trotz der Anweisungen rührte sich Keral nicht, sondern schaute ihn nur fragend an: „Wollt Ihr etwa nicht mitkommen?“

Ysketh schüttelte den Kopf. „Ich bin kein Krieger. Ich gehöre zum hohen Rat, mein Platz ist in den Schutzräumen bei den anderen Ratsmitgliedern. Ich wäre Euch so hilfreich wie ein Klumpfuß.“

Das Gesicht des Norska verfinsterte sich. Er hatte definitiv etwas gesehen und glaubte nicht wie die anderen daran, vom Zufall gerettet worden zu sein. Ein Draka oder Eleifa hätte seinen Verdacht wohl verborgen und sich genau überlegt, wie er dieses Wissen zum eigenen Vorteil verwerten konnte. Die Nordleute waren weniger hinterhältig. Sie trugen ihre Gefühle viel offener zur Schau. Ysketh spürte, wie sich das dünne Band des Vertrauens zwischen ihnen bis zum Zerreißen spannte. Kopfschüttelnd wandte sich der Norska ab.

„Wie Ihr meint. Zur Ostseite, sagtet Ihr?“

Ysketh nickte: „Zum Tor an der Ostseite und dann über die Galerie. Gebt auf Euch Acht.“

Ohne ein weiteres Wort spurtete Keral hinab und dem Kampf entgegen. Ysketh hasste es, den Nordmann so vor den Kopf zu stoßen, doch ihm blieb keine Wahl. Was er vor hatte, konnte er nicht in Begleitung tun.

So schnell ihn seine Füße trugen erklomm er Stufe für Stufe, bis zum höchsten Turm. Auf der engen Wendeltreppe begegnete ihm niemand und nur die schmalen Schlitze im Stein beschienen ihm mit dem letzten Licht des Tages den steilen Weg zur Spitze.

Oben angekommen trat er auf den Balkon. Von hier oben sprachen die Priester an den heiligen Tagen die Gebete über die Stadt, gaben ihren Segen und verlasen die heiligen Schriften.

Ysketh sah auf etwas hinab, das auf ihn eher wie ein schwelender Teppich wirkte. Die Straßen und Gassen bildeten ein schier unentwirrbares Labyrinth und von überall her stieg Rauch auf. Menschen schrien. Ihre Rufe hallten hoch hinauf zum Himmel, wo sie nutzlos verhallten. Der Wind zerrte an seiner Kleidung.

Ysketh stützte sich auf die Brüstung und fixierte die Kreatur, die soeben unter dem Angriff eines Wasserballs höllische Schmerzen zu erleiden schien. War es nun an ihm, ihr zu helfen? Ihr Kraft zu verleihen gegen die Weisen, womöglich sogar die Weisen selbst zu bekämpfen? Oder war es gar nicht eine von Mandreks Kreatur? Zerstörte dieses Biest nicht sogar das, was er besitzen wollte, was Ysketh ihm zu Füßen legen sollte? Welche Rolle galt ihm in diesem Kampf?

Da erst bemerkte er, dass er sich längst entschieden hatte. Nur zu diesem einen Grund war er bis hier hinauf gekommen. Er sah zum Himmel hinauf, ging in die Knie und legte den Kopf dann langsam auf die Brust. Er begann sich zu konzentrieren. Beinah augenblicklich wurde ihm heiß, so unglaublich heiß, das er sich halb ihm Wahn die Bänder, die er sich um die Arme gewickelt hatte, vom Körper riss. Der Wind nahm sie mit sich. Seine Haut glühte nun, die verbrannten Stellen leuchteten glutrot auf bis er auch die Tücher von seinem Kopf entfernte. Dann wankte er auf den Knien, die Hände zu Fäusten geballt, die Arme vor der Brust verschränkt, vor und zurück und sprach dabei die Worte, während sich über ihm der Himmel verdunkelte.

Der erste Regentropfen bewies ihm seine Macht.

Der folgende Schauer verstärkte es noch.

Der erste Blitz jedoch ließ ihn erkennen, dass er die Kontrolle verloren hatte.

Sie erreichten Qharas, als die Schatten länger zu werden begannen. Ihr eigener Schatten überquerte die Stadtgrenze vor ihnen und Charasch traute seinen Sinnen kaum, als sie ihm folgten. Alketh war dem Tode näher als dem Leben, er atmete nur noch spärlich und hatte extrem viel Blut verloren. Das Pferd lahmte und Charasch selbst fühlte sich Sterbensmüde. Ihm war, als würde er einen zentnerschweren Block hinter sich herziehen, den ganzen Weg durch die Wüste.

Qharas war eine Ansammlung von niedrigen Hütten und zahlreichen Ständen. Es war ein Umschlagplatz für allerarten von Händlern und Gütern. Viele Kaufleute, die in den großen Städten ihre Waren feilboten, erstanden sie vorher hier zu Spottpreisen. Jede exotische Erdenklichkeit war hier zu finden und erschwinglich zu erwerben. Natürlich nur, wenn man abseits des legalen Weges suchte. Selbst Angehörige der hohen Adelshäuser kauften hier ein, verschleiert und mit Decknamen, obwohl sie hier jeder kannte. Soldaten waren ebenso nicht fremd. Sie berauschten sich an den gewürzten Weinen und den rassigen Frauen.

Die Aussätzigen hatten hier einen Unterschlupf. Charasch lenkte das Pferd durch die Gassen. Er hatte längst die Zügel übernommen, da Alketh nur noch schlaff im Sattel hing. Schon manches Mal auf diesem Weg hatte er ihn für tot gehalten, doch noch entwich Atem seiner Brust und Blut seinen Wunden.

Die strohbedeckte Lehmhütte inmitten von vielen schäbigen Zwillingen, war kaum als etwas Besonderes zu erkennen. Unverkennbar war jedoch die kleine Kreidezeichnung an der Tür, die ihm beschied: Hier wohnt ein Freund.

Beim Absteigen wäre er beinah vom Pferd gefallen. Mit Mühe schleppte er sich zur Tür und klopfte. Niemand öffnete. Als er schon die Hoffnung zu verlieren begann, kamen ein älterer Herr und eine junge Frau, scheinbar seine Tochter, herbei, mit Einkäufen unter den Armen.

Charasch segnete sie viele Male, als sie ihn und Alketh hinein halfen. Ihnen wurde ein eigenes Zimmer mit zwei schmalen Pritschen zugeteilt, was mehr war, als Charasch sich erhofft hatte. Sie bekamen zu trinken und etwas zu essen. Ihre Wunden wurden so gut es ging versorgt, doch für Alketh bestand nicht viel Hoffnung. Charasch nahm die Nachricht mit einem knappen Kopfnicken hin, dann wurden sie beide allein in ihrem Raum gelassen.

Auf der Kante seiner Pritsche sitzend, lauschte er den schwachen Atemzügen des Sterbenden. Es erinnerte an raschelndes, trockenes Laub oder auch das leise Knistern einer vergehenden Glut. Ja beinah kam es ihm sogar vor wie Flüstern, ein leises, kaum wahrnehmbares… Flüstern…

Er stürzte auf die Knie und robbte zu Alketh heran. Dann hielt er sein Ohr ganz nah an dessen Lippen und hörte ihn reden: „Wozu… wozu das alles… so viel Tod… wozu… wozu das alles…?“

Langsam richtete sich Charasch wieder auf und sah auf den Sterbenden hinab. Die Schlangennarbe an seiner Wange zuckte leicht bei jedem Wort.

Er wusste, was Alketh meinte. Natürlich hatten sie viele Opfer gefordert, indem sie die Pestleichen in der Stadt verteilt hatten. Das war geplant, einem höheren Ziel untergeordnet, dessen sich Therun und die anderen voll und ganz verschrieben hatten. Alketh und sein Bruder Samir, ebenso wie viele andere, waren Helfer und, was noch viel wichtiger war, Träumer. Sie träumten von einer besseren Zukunft, einem besseren Land. Charasch träumte auch, bloß wusste er mit dem meisten davon nichts anzufangen. Er tat, was andere ihm sagten worin er gut war. Und damit war er bisher ganz gut über die Runden gekommen.

Doch diese Bestie!? Welch teuflisches Werk war sie? Charasch dachte an die Panik am Tor und die Angst, die alle ergriffen hatte - ihn eingeschlossen. Wessen Werk war das? Hatte der Magier seine Hände im Spiel? Zuzutrauen wäre es ihm, oder nicht?

Verwirrt lief er im Zimmer auf und ab. Seinem Auftrag zufolge, müsste er Alketh nun auch noch töten. Doch er entschloss sich dagegen. Zuerst musste sich Ysketh vor ihm verantworten, musste ihm schwören, dass er nichts mit dieser Bestie zu tun hatte. Vorher würde Charasch niemanden mehr töten.

Er sammelte einige Vorräte zusammen und überprüfte noch einmal den Sitz der Waffen, bevor er aufbrach. Alketh ließ er in den fähigen Händen ihrer Retter. Vielleicht konnten sie ihm ein angenehmes Ende bereiten.

Im Schutze der Dämmerung schlüpfte er aus dem Haus und entschwand in das Gewirr der Stadt.

Sie stritten. Im Delirium hatte Varren kaum noch etwas mitbekommen. Nur am Rande war er sich dessen bewusst, dass sie den König geschnappt und sich zahlreiche weitere Sklaven zu ihm gesellt hatten. Immer wieder war er für kurze Momente wach geworden und hatte seine Umgebung wahrgenommen. Doch in diesem Zustand hatten ihn nur Schmerzen, Durst, Hunger und Hitze erwartet. Die ohnmächtigen Schlafphasen waren ein Segen.

Jetzt jedoch stritten sie und er zwang sich allen Widrigkeiten zum Trotz, wach zu bleiben. Mehrere Krieger hatten sich um einen Sklaven versammelten und brüllten sich an. Varren erkannte den jungen Mann aus dem Dorf; er war Farmer gewesen, glaubte er sich zu erinnern. Doch offenbar war nicht er Gegenstand des Streits. Es ging eher darum, wie sie weiter vorgehen sollten. Ihre Uneinigkeit ließ in Varren den zarten Ruf nach Flucht aufkeimen. Er umklammerte den Stein in seiner Hand fester.

Mit großen Schritten kam Jheira herbei und beendete den Streit schlagartig, indem er es ihnen einfach lautstark befahl. Niemand wollte sich mit ihm anlegen. Dann wies er von einem zum anderen und offenbar durfte jeder sein Argument vortragen. Varren hörte nicht, was sie sagten, doch er konnte das Gesicht des Häuters sehen, welches von tiefen Sorgenfalten durchzogen wurde.

Schließlich nickte er und hob die Stimme: „Ihr sprecht wahr und daher hört meine Entscheidung. Nehmt euch ein paar Männer und Sklaven um die Lasten zu tragen und kehrt zu diesem Dorf zurück. Sammelt alles an Vorräten ein, was ihr tragen könnt, auch die Ziegen. Der Rest reitet mit mir in die Berge. Wir sammeln uns alle am Krähenfelsen, noch bevor die Nacht hereinbricht. Beeilt euch!“

Wieder kam Bewegung in die Nomaden. Die meisten schienen einverstanden und so trennte sich das Lager in zwei Gruppen. Ein Schatten warf sich auf ihn. Varren blinzelte hinauf und erkannte Ikhit.

„Hallo, falscher König. Ihr kommt mit mir und werdet dabei helfen, dieses Dorf zu plündern. Bis wir dort sind, werdet ihr allerdings meinen persönlichen Kram tragen.“ Varren ließ sich davon nicht stören. Er nahm war, dass auch der Farmer wieder zum Dorf zurückkehren sollte. Der junge Mann, der zwischendurch kurzzeitig beinah verschwunden war. Varren erhob sich und ließ sich vom Pflock lösen.

Eine Flucht wurde immer wahrscheinlicher und dieser Gedanke ließ ihn endgültig wach werden.

Es war unmöglich, es war Irrsinn, nie im Leben konnte er ernsthaft daran denken und doch tat Syrian es. Er dachte daran, mit Mandrek zusammenzuarbeiten. So verrückt es auch in seinem Kopf klang, aber es war tatsächlich ihre einzige und wohl beste Möglichkeit um Keisha zu retten. Zu dritt standen sie mitten in der Wildnis und besaßen keinen anderen Weg, als den gemeinsamen. Syrian ignorierte die kleine Stimme, die gegen die Entscheidung ankämpfte und steckte stattdessen die Waffen weg.

„Also schön, was schlagt Ihr vor?“ Dafür kassierte er einen Seitenblick von Zhara, die noch immer einen Pfeil locker auf den Bogen gelegt hatte, jederzeit bereit zu spannen und zu schießen. Er beschloss, sie ebenfalls zu ignorieren.

Mandrek musterte ihn anerkennend. „Weise Entscheidung. Nun, zuvorderst müssen wir wohl in die Burg gelangen.“

„Schon, bloß kennen wir keinen Weg hinein. Die unterirdischen Gänge sind verschüttet und mehr Zuläufe kenne ich nicht. Ihr etwa?“

„Und ob. Einige…“, er schmunzelte, „Berater, unfreiwilliger Natur, haben mir die Burg in allen Einzelheiten geschildert. Ihre Schwachstellen aufgezählt. Die meisten waren für mich uninteressant, da kaum mehr als ein, zwei Soldaten hindurch schlüpfen könnten.“

Syrian erkannte, worauf der Eleifa hinauswollte, doch war es Zhara, die sprach: „Perfekt für Assassinen.“

Mandrek betrachtete sie mit erhobenen Brauen. „Das mag wohl sein. Ihr versteht Euch auf dieses Handwerk?“

Sie schielte kurz zu ihm rüber. Syrian antwortete: „Ich kann einige Jahre Erfahrung vorweisen. Wenn Ihr eine geeignete Stelle findet, sollte das Eindringen kein Problem darstellen.“ Mandrek schien nur schwer den Blick von Zhara abwenden zu können. „Sicher seid Ihr ebenso geschickt. Flink, agil und ebenso tödlich, nicht wahr?“

„Mag sein“, zischte sie.

Belustigt wandte sich Mandrek wieder Syrian zu. „Es wird Wachen geben, auf den Mauern. Doch die meisten werden Kragen tragen und mein Einfluss auf sie ist nicht zu unterschätzen. Wir werden auf die Nacht warten. Ich werde sie ablenken und euch damit einen Weg hinein ebnen können. Drinnen müsste ihr dann allein zurechtkommen und euch auf meine Schilderungen verlassen. Holt eure kleine Freundin da raus und wir treffen uns an einem sicheren Ort.“

Es schrie förmlich nach Falle und es fiel Syrian immer schwerer, die nervige Stimme zu ignorieren. „Wie können wir Euch vertrauen?“

Daraufhin musste Mandrek lachen. „Überhaupt nicht. Aber ihr seid zu zweit. Glaubt mir: ich vertraue euch noch viel weniger!“

Zhara schnaubte wütend und stapfte davon.

„Also, seid Ihr einverstanden?“, fragte Mandrek, doch Syrian war zu perplex um darauf einzugehen. Er starrte Zhara hinterher und nach einem kurzen Augenblick der Besinnung, folgte er ihr.

Ein paar Meter weiter blieb sie stehen und schnaufte. Als Syrian sie erreichte, bemerkte er, wie sie sich sowohl den Bauch als auch die schwitzende Stirn hielt.

„Was ist mit dir“, fragte er. „Ist alles in Ordnung?“ Mandrek war zwar außer Hörweite, dennoch starrte er ihnen unablässig nach und Syrian wollte vor ihm keine Schwäche offenbaren, daher näherte er sich Zhara nicht weiter, sondern beließ es dabei, sie besorgt anzusehen.

Sie schluckte und nickte. „Alles gut, wirklich.“ Ein Lächeln wurde ihrem Gesicht aufgezwungen. „Mir geht es gut.“

Die Lüge war so offensichtlich wie der Wunsch, nicht darüber sprechen zu wollen. Syrian verstand es und wechselte daher das Thema: „Was hältst du von dem Ganzen? Es ist absoluter Wahnsinn, jedoch…“

„Es ist falsch“, warf Zhara ein. „Es ist falsch und böse und verzweifelt und… das Einzige, was wir tun können. Ich hasse es. Ich hasse ihn!“

Syrian nickte und betrachtete ihr Gesicht dabei etwas genauer. Sie war rosiger geworden. Ihre Wangen hatten etwas mehr Fülle und eine sanfte Röte, die vorher nicht dagewesen ist. Alles in allem schien sie schöner geworden zu sein, ohne, dass er genau greifen konnte, woran das lag. Als er bemerkte, dass er starrte, senkte er den Blick.

„Hör zu“, meinte er leise. „Niemand hindert uns daran mit Keisha zu verschwinden, nachdem wir sie befreit haben.“

„Und wer soll sie von ihrem Kragen befreien?“

„Vielleicht gibt es jemanden. Und wenn nicht… ist sie erst einmal frei, heißt es drei gegen einen. Welche Chancen hat er dann schon, hm?“

Sie atmete tief ein. „Stimmt wohl.“ Dann sah sie in den Wald. „Ich werde mal die zwei Kaninchen holen, die wir zurückgelassen haben.“

„Gut, ich kümmere mich ums Feuer und…“, er sah zu Mandrek, der in den Himmel starrte, „behalte ihn im Auge.“

Sie trennten sich und Syrian besah die Feuerstelle, dann wandte er sich an den Eleifa, der noch immer nur Augen für den Himmel hatte.

„Wir sind einverstanden“, antwortete Syrian.

Mandrek blieb erst stumm, dann sagte er: „Ich vermisse den Adler.“ Ohne ein weiteres Wort verschwand er in seinem Zelt.

„Herr Kommandant, es ist wieder Zeit für Eure Salbe.“ Der Heiler in seiner staubigen Robe stellte die Schale mit der übelriechenden Paste auf dem Tisch ab. Dann steckte er seine runzligen Finger hinein und verstrich etwas davon auf der hässlichen Brandwunde. Raenar zuckte nur ganz kurz, dann hatte er sich wieder unter Kontrolle. Ihn störten weniger die Schmerzen, auch wenn die Salbe höllisch brannte, als wären Brennnesseln zu ihrer Herstellung verwendet worden. Auch der fürchterliche Uringestank war zu ertragen. Er konnte es nur nicht leiden, ständig von diesem hutzligen Mann belästigt zu werden. Er war fast taub und kümmerte sich daher nicht um die Beschwerden seiner Patienten. Raenar hatte nicht übel Lust, ihm den Schädel zu Spalten nur um herauszufinden, ob ihn das störte.

Seelenruhig schmierte der Alte die Medizin auf die Wange des Kommandanten, während Raenar weitere Berichte durchging, die ununterbrochen eintrafen. Sie wurden mit jedem Mal seltsamer. Von eigenartigen Sichtungen war die Rede – abnorm große Tiere mit pechschwarzem Fell oder Gefieder, die von Norden her über die Berge kamen. Raenar kümmerte sich erst gar nicht um die abstrusen Geschichten über Riesen und andere Fabelwesen, dennoch beunruhigte ihn die Häufung derartiger Erzählungen. Wurden seine Männer allmählich verrückt? Die Kragenträger hatten kaum Phantasie, deren Berichte mussten also entweder als Wahrheiten oder… ja, als was sonst angesehen werden?

Viel wichtiger jedoch als diese Schreiben waren jene, die nicht eintrafen. Kompanien, die keinen Mucks mehr von sich gaben mussten als besiegt, was unwahrscheinlich war, oder revoltiert gelten. Letzteres ärgerte ihn besonders.

Unwirsch scheuchte er den Heiler fort. „Genug jetzt!“

„Ihr habt Euch gegen einen Verband entschieden“, gab der Alte zurück. „Nun muss es eben mehrmals erneuert werden.“ Er nahm das Schälchen wieder an sich. „Wir sehen uns dann später.“ Mit gesenktem Kopf und krummen Rücken schlurfte er davon.

Raenar erhob sich. Die Wunde juckte und zu allem Übel spürte er dieses nasskalte Wetter in den Knochen. Seine Arme und Beine waren steif und schmerzten. Heute Abend würde er sich ein Bad gönnen, mit richtig heißem Wasser. Jetzt jedoch musste er erst mal mit den anderen Generälen sprechen. Und mit Mandrek und Zedar. Diese Berichte waren beunruhigend und jemand musste entscheiden, was als nächstes geschehen sollte.

Mit einem letzten Blick in die sich auftürmenden Wolken hinauf, aus denen der Schnee jetzt viel dichter fiel, verließ er den Burghof.

Keisha liefen die Tränen über die Wangen. Diese Augen. Sie waren so blau wie die von Keral. Nun starrten sie ins Leere und ein dünner Blutfaden lief aus ihrem Mund. Keral würde ihr niemals verzeihen können. Auch wenn Sirkka zuletzt gelächelt und ihr zugeflüstert hatte, dass alles in Ordnung sei. Bis zuletzt hatte die Draka gekämpft, aber sie hatte versagt. Sie war nicht stark genug, um gegen diesen Eleifa anzukommen. Der hässliche Schmied stand neben ihr und lächelte zufrieden. "Sehr gut. Sehr gut, mein Kind. Wir müssen nur noch etwas gegen deine Gefühlsausbrüche tun. Eigentlich sollte der Kragen diese auch unterdrücken. Du bist sehr stark." Er sah sie von der Seite her an. Sie war ein wenig zu stark für sein Empfinden. Noch nie hatte er jemanden getroffen, der sich ihm so widersetzen konnte. Er hatte beinahe das Gefühl, dass sie stärker wurde, je mehr sie gegen seine Befehle kämpfte, je persönlicher sie wurden. Zedar sog noch mehr Macht des Dämonen in sich und verstärkte den eisernen Griff um ihren Willen. Sie warf ihm einen anklagenden Blick zu. EINEN ANKLAGENDEN BLICK. Irgendetwas stimmte mit dieser Frau nicht. Es sollte gar nicht möglich sein auch nur einen Funken von Persönlichkeit zu zeigen, wenn man den Kragen trug.

Leif spürte die Enge des Kragens um seinen Hals, er fühlte, wie der dicht fallende Schnee in seinen Haaren gefror, wie Nässe durch seine Fellkleidung kroch und die Kälte an ihm zu nagen begann. Dennoch lief er. Er wusste, wo man Mandrek vergraben hatte, er hatte den Befehl gegeben. All die Macht, all seine sorgsam ausgearbeiteten Pläne, sie waren dahin. Zedar hatte ihn gezwungen, ihm alles zu offenbaren. Jedes einzelne Detail seiner Pläne. Er hoffte inständig, dass Mandrek bereits tot war. Er konnte ihm ernsthaft Schwierigkeiten bereiten, sollte er noch leben. Aber eigentlich war das alles egal. Leifs Gefühle waren abgestumpft, genauso stumpf wie das Empfinden von Kälte. Er hatte einen Befehl und diesen würde er ausführen, und wenn er dabei sterben würde. Alles andere war egal. Nie hätte er gedacht, dass er selbst einmal einen Kragen tragen würde.

Er hatte das Ende des Hohlwegs erreicht und lief in die Richtung, in welcher Mandrek vergraben war. Der Magier musste bereits tot sein. Kein Mensch hätte es so lange ohne Sauerstoff in dieser Kiste ausgehalten. Außerdem hatte er ihm genug Gift eingeflößt, dass es selbst einen Bären umgehauen hätte. Andererseits durfte man Mandrek nicht unterschätzen. Wenn man ihm gegenüberstand, konnte man vergessen, dass er ein überaus mächtiger Magier war, da er lieber mit dem Schwert als mit seinen Kräften kämpfte, kam man ihm jedoch in die Quere, benutzte er seine Fähigkeiten eiskalt und ohne Rücksicht auf Verluste. Mandrek war beinahe so hinterhältig wie Leif selbst…Der Atem des Eleifa kam stoßweise in kleinen weißen Wolken, als er um die Ecke bog und eine dunkelhäutigen Draka sah, der vor einem weißen Zelt stand und sich die Arme rieb. Leif blieb stehen und zog sein leicht gekrümmtes, beidseitig geschliffenes Schwert. Mit einer weiteren, geschmeidigen Bewegung klappte er die Schwertbrecher an seinen Unterarmschienen aus. Er hatte sich diese Schmuckstücke von Jorek abgeguckt. Sie waren im Kampf äußerst nutz voll, wenn sich die Klinge des Gegners in den ausgefahrenen Metallhaken verfing, konnte er mit einer einzigen Bewegung die Waffe brechen. Mit geschmeidigem Schritt ging er auf das Zelt und den Draka zu, welcher ihn unbewegt beobachtete. In dem Moment öffnete sich die Zeltklappe und Mandrek trat heraus. Sein Blick direkt auf Leif gerichtet. Seine Lippen zuckten in dieses leicht ironische Lächeln, welches er so oft zur Schau trug. Leif hatte sich oft gefragt, ob der Magier das ganze Leben ironisch sah. Etwas zog an seinem Willen und Mandrek hob eine Augenbraue.

"Wie lautet dein Befehl?" fragte er mit fester Stimme.

"Ich soll Euch zu Zedar bringen….tot oder lebend." Leifs stimme klang hohl.

Mandrek legte seinen Kopf schief und das Lächeln wurde breiter. "Hat Zedar auch gesagt, wann?"

Der andere Eleifa öffnete den Mund, schloss in dann wieder und schüttelte den Kopf.

"Nun, ich werde mit dir mitkommen, mein willenloser Sklave, aber nicht jetzt. Ich würde sagen, du hast das bekommen, was du verdient hast." Er nickte in das Zelt. "Setz dich und warte. Und pack die Waffen weg, du könntest jemandem damit weh tun."

Leif schluckte, sein Handgelenk zitterte, als er das Schwert wieder zurück in die Scheide führte. Der Befehl Mandreks war beinahe so mächtig wie Zedars. Die beiden Männer mochten ebenbürtig sein, wenn Zedar seine Kräfte nicht aus dem Dämonen ziehen würde.

Mandrek sah zu dem Draka. "Wollt Ihr da stehen und warten, bis Ihr einschneit? Ich habe dort drinnen bereits ein Feuer und ich verspreche Euch, dass ich Euch nichts tun werde. Vorerst nicht." Seine weißblauen Augen schimmerten amüsiert und er wandte dem Eleifa und dem Draka den Rücken zu um wieder zurück in das Zelt zu gehen.

Mandrek hatte schon seit kurzer Zeit gefühlt, wie sich ein Kragenträger näherte. Er war entdeckt worden. Jetzt musste er das Beste aus seiner Situation machen. Er war froh darüber, dass Zedar seine Befehle immer noch so ungenau formulierte. Hätte er Leif befohlen, ihn sofort und ohne Umschweife zurück zu bringen, er hätte keine Chance gehabt, sich ihm zu widersetzen, ohne ihn zu töten, und wenn er ihn töten sollte, wäre der alte Griesgram wahrscheinlich noch zorniger auf ihn. Er setzte sich wieder auf eines der Kissen, welche die Norska für ihn organisiert hatten und riss sich eine Keule des Fasan ab, der über dem Feuer brutzelte und einen verführerischen Duft verströmte, der durch ein Abzugsloch an der Spitze des Zeltes in die kalte Luft gezogen wurde. Es war zu schade um die Kragenträger, sie hätten es ihm noch ein wenig angenehmer gestalten können. Sein Geist glitt hinaus, tastete erneut über den Festungsberg und versicherte sich, dass die Gänge, von denen er gesprochen hatte, noch nicht verschüttet waren. Wie einfach es doch war, die Festung auszukundschaften, wenn Bashira sich ihm nicht in den Weg stellte. Für die geistigen Ohrfeigen dieser Hexe würde er sich noch bedanken.

Zedars ehemaliger Schüler hatte sich in eine Ecke gesetzt und starrte ihn mit leeren Augen an. Der Draka trat zögernd ein. Ein Assassine. Mandrek hatte richtig vermutet. Ihm war auch durchaus bewusst, dass die beiden sich nach ihrer Rettungsaktion mit ihm treffen MUSSTEN. Nur er konnte seiner Trophäe den Kragen abnehmen und wenn er dies tat, sollten die beiden Draka hier bereits unter seinem Einfluss stehen. Auch dafür war ein sorgfältiger Plan nötig, genauso wie für den Fall, dass sie versagten. Er musterte den hochgewachsenen Mann. "Setzt Euch endlich, Ihr macht mich nervös." Er knickte seinen Finger leicht und Syrians Knie brachen ein. Mit einem überraschten Laut sackte er auf den Boden und funkelte Mandrek zornig an. Dieser kicherte leise. "Entschuldigt, das war unhöflich. Ich wollte Euch nur noch mal einen Hinweis darauf geben, mit wem Ihr es zu tun habt…Ihr gäbet einen hervorragenden Fußschemel ab, mein letzter ist leider abhanden gekommen."

Die Augen des Draka verschmälerten sich und Mandrek verkniff sich ein breites Grinsen. Es war erstaunlich wie sehr sich der dunkelhäutige Mann im Griff zu haben schien. Ein Norska wäre bereits bei der ersten Beleidigung auf ihn zugestürmt wie ein Wildschwein auf der Jagd…Die grünäugige Hexe, Keisha, hätte sich wahrscheinlich auch schon auf ihn gestürzt. Zweiteres war eine durchaus angenehme Vorstellung. Mandrek wandte sich wieder seiner Keule zu. Er musste sich zusammen reißen. Er brauchte diese beiden Draka noch. Aber es war faszinierend, wie sie sich verhielten. Er war sich nicht ganz sicher, ob diese Zhara und Syrian ein Paar waren, aber er würde sich ihre Gefühle irgendwie zu Nutzen machen.

Bashira starrte ungläubig in den Himmel, als die ersten Regentropfen den Staub auf den Straßen aufwirbelten. Regen. In der Wüste. Das hatte es seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben. Die Tropfen wurden immer größer, immer dichter und bald hatte sich die Straße um sie herum in ein Schlammloch verwandelt. Der Dämon brüllte vor Schmerz und Pein.

Die Weise fackelte nicht lange und sammelte mit den letzten ihr verbliebenen Kräften so viel Wasser wie möglich aus ihrer Umgebung und umschloss das Ungetüm mit der Wasserblase. Blitze fingen an aus den dunklen Wolken zu schießen, Dächer, welche gerade noch durch den Sturzregen gelöscht worden waren, fingen erneut Feuer und starker Wind kam auf. Ein Blitz donnerte auf die Wasserblase und befreite den Dämon, welcher sich aus der Energie und Hitze des Himmelsfeuerwerks erneut Kraft holte. Wann war es endlich vorbei? Sie lies zu, dass ihre Beine den Dienst versagten, glitt in den Matsch auf der Straße und zog rücksichtslos Kraft aus den Weisen in ihrer Umgebung. Ein Blitz schlug in kurzer Entfernung ein und überzog sie mit einer Spur aus Schlamm und kleinen Steinchen. Sie schloss die Augen und versuchte die Umgebung von sich zu isolieren. Irgendwo hier war jemand, der half, aber er hatte sich nicht unter Kontrolle. Wieder ein unausgebildeter Draka, den die Weisen übersehen hatten. Sie wollte gar nicht wissen, wie viele Machtträger noch in der Wüste frei umherliefen und keine Ahnung hatten, was sie mit ihrer Kraft anstellen konnten. Bei den alten Göttern, konnte es noch schlimmer werden? In dem Moment als sie das dachte, schlug ein weiterer Blitz in unmittelbarer Nähe ein. Die Druckwelle schleuderte die Weise zurück und gegen die Mauer eines Hauses. Kurz bevor sie das Bewusstsein verlor, sah sie, wie die Bestie sich erneut losriss. Jedoch bewies sie Überlebenswillen. Sie flog so schnell die Flügel tragen konnten aus der Zone des Regens hinaus und Richtung Berge. Wahrscheinlich wollte sich der Dämon dorthin zurückziehen, die Wunden lecken und mit gestärkter Kraft zurückkehren. Bashiras letzter Gedanke war, dass sie Vorbereitungen treffen mussten, dann wurde die Welt dunkel.

Santori fluchte, als ein Nomade an seiner Kette ruckte und ihn damit beinahe zu Fall brachte. Seine Farm…sie wollten seine Farm plündern, seine Ziegen essen, diese verfluchten…er atmete tief durch. Jetzt nur nicht aufregen, er brauchte alle Konzentration um nicht mit dem Gesicht nach unten im Wüstensand zu landen. Irgendwann fand er seinen Trott und die Zeit hatte für ihn keine Bedeutung mehr. Die erbarmungslose Wüstensonne brannte auf sie nieder, obwohl die Mittagshitze bereits vorbei war. Wie ein wütendes, rotes Auge hing sie am Horizont und sorgte dafür, dass die Luft über der Wüste flimmerte. Santoris Lippen waren trocken und nicht wenige der Sklaven waren einfach liegen geblieben. Sie wurden noch ein oder zweimal durch Peitschenschläge hochgetrieben, beim dritten Mal jedoch lies man sie einfach zum Verdursten liegen. Santoris Augen brannten durch den Wüstensand, welcher durch die Hufe der Pferde, an die sie gebunden waren, aufgewirbelt wurde, aber dort vorne konnte er es erkennen. Sein Heim. Die Ziegen, welche in ihrem Gatter um einen kleinen Teich herum grasten. Die Felder, die sein kleines Farmhaus umringten und deren goldgelbes Getreide sich kaum vom Sand abhob. Ein Lächeln glitt über seine Lippen und er wäre beinahe in das Pferd hinein gerannt, an das er gebunden war. Karash, der Krieger, welcher diesen Ausflug vorgeschlagen hatte, war nicht der Einzige, der ungläubig auf die kleine Farm mitten in der Wüste starrte, als würde es sich hier um eine Fatamorgana handeln.

Der Nomade zerrte Santori unsanft an der Kette zu sich. "Wie bei allen Dämonen der Hölle hast du das geschafft?"

Santori sah ihn mit sturem Gesichtsausdruck an. "Ich bin Farmer, was hättet Ihr denn erwartet, auf einer Farm zu finden? Staub? Ich weiß eben, wo Wasser zu finden ist und mache etwas aus dem, was mir die Erde zur Verfügung stellt." Erst jetzt merkte er, wie seine Sinne sich zu den Feldern und den Ziegen ausstreckten, wie sie automatisch alles auf deren Richtigkeit abtasteten, das Wasser, das tief unter der Wüste verborgen war nach oben transportierte…seine Augen weiteten sich ein wenig. Ihm war nie bewusst geworden, WAS er da tat. Er wurde blass.

Karash musterte ihn, dann zog er ihn am Kragen seines weiten Gewands nach oben und setzte ihn hinter sich auf sein Pferd. Als ein anderer Nomade ihn deswegen ärgerlich darauf ansprach, deutete Karash auf die Farm. "Glaubst du wirklich Jheira wäre erfreut darüber, wenn wir jemanden, der SOETWAS vollbringen kann, zu Tode schleifen?" Der Andere verstummte und lenkte sein Pferd wieder in Richtung der Farm. Karash genoss noch einen Augenblick lang das Leben, welches sich vor ihm in der Wüste ausbreitete, dann folgte er den anderen. Er war nicht der Einzige, der daran dachte, dass dieser Mann ihnen die Möglichkeit bot, sich nieder zu lassen. Ein Stück Wüste zu finden und sesshaft zu werden.

Es dauerte nicht lange und die Sklaven wurden mit Santoris Sensen ausgestattet. Nach und nach fielen die goldenen Ähren und die Ziegen wurden aneinander gebunden.

Santori hatte man in Ruhe gelassen. Er stand vor seinem Haus, die Kette an einem Pflock befestigt, an dem normalerweise sein Pferd angebunden war. Karash hatte ihm sogar seinen Wasserschlauch da gelassen, den er gierig geleert hatte. Nun schweifte sein Blick über seine Farm, sein Leben, das Leben seines Vaters und seines Großvaters. Er wandte sich ab und sah zum Horizont. Dichte schwarze Wolken hatten sich dort gesammelt und es machte den Eindruck, als würde etwas aus ihnen zu Boden fallen. Blitze erhellten die absurde Szene. Santori hob seine Hände und rieb die Augen. Er war zu müde. Die Fatamorgana würde sich gleich in Luft aufgelöst haben, er kannte die Wüste und ihre hinterhältigen Tricks. Seufzend sah er erneut in die Richtung und erstarrte. Die Wolken, die Blitze, der Regen, all das war immer noch da und unnatürlicher Weise bewegten sich die dunklen Wolkentürme nicht von der Stelle, sie schienen sich nur auszubreiten. "Bei den alten Göttern…" flüsterte er.

Ein Nomade kam vorbei, sah ihn an, folgte seinem Blick und blieb ebenfalls erstarrt stehen. Karash gesellte sich zu ihnen. "Steht dort hinten eine nackte Göttin oder…" er verstummte, als er auch er die Finsternis entdeckte. "Dort hinten befindet sich die Kaltwasserfeste…"

Jorek schüttelte den Kopf. "Ihr könnt diese Bestie nicht mit Pfeil und Bogen töten." murmelte er. Ayoka warf ihm einen kurzen Blick zu. "Das ist uns durchaus bewusst, Eleifa. Aber wir können den Dämon damit ablenken, um den Weisen die Möglichkeit zu geben, es zu töten. Sie wischte sich ihr mittlerweile nasses Haar aus dem Gesicht und fluchte leise. "Regen mag etwas wundervolles sein, aber meine Bogensehnen finden diesen…Wetterumschwung nicht besonders gut. Sie sah hinauf zu dem Ungetüm, welches in einer Wasserblase zu schwimmen schien. "Wir können hier nichts mehr tun. Unsere Bögen sind durch das fallende Wasser nutzlos geworden." Sie warf einen Pfeil weg, dessen nasse Federn ihn nur unnötig beschwert hätten. "Jetzt müssen wir hoffen, dass die Weisen es irgendwie zu Boden bekommen, damit wir es mit unseren Schwertern bearbeiten können. Ich wollte schon immer den Kopf eines Dämonen über meinem Bett hängen haben….gleich neben dem eines Eleifas." sie grinste ihn an und bedeutete ihren Kriegerinnen, ihr zu folgen. Leichtfüßig begaben sie sich wieder in die Festung und die steilen Treppen hinab, als die ersten Blitze den gesamten Fels erschüttern liesen. Auf dem Weg hinaus schlossen sich ihnen immer mehr Krieger an. Die Treppen füllten sich und plötzlich lief Keral neben ihm. Auch Damon schloss sich ihnen an und Ayoka grinste ihn an. "Wenn wir hier fertig sind, würde ich ganz gerne noch eine Runde mit Euch und dem Eleifa hier spielen." Sie zwinkerte ihnen zu und zusammen brachen sie mit hunderten von Kriegern in den Hof hinaus. Keiner dachte daran zu fliehen. Ihre Heimat wurde angegriffen und die meisten Draka würden ihr Leben für das ihrer Liebsten geben.

Keral warf einen Blick hinauf zur Festung. Dort oben, an den Zinnen des höchsten Turmes, stand da nicht eine Gestalt? Er zog seine Augen zusammen und Jorek folgte seinem Blick. Der Eleifa schürzte seine Lippen, als er Ysketh erkannte. "Entweder rettet er uns gerade die Haut, oder er versucht uns mittels der Blitze zu grillen." Murmelte er.

"Die Bestie, sie flieht." rief ein Draka und Jubel brach aus. Damon schüttelte den Kopf. "Sie wird zurückkehren. Vielleicht mit Verstärkung. Es war nur EIN Dämon, dennoch hätte er beinahe die gesamte Festung und die Stadt zerstört. Ich will nicht wissen, was passiert, wenn Zedar eine Armee Dämonen auf uns los lässt."

Ayoka gesellte sich erneut zu ihnen und nickte in Richtung Stadt. "Wir müssen die Verwundeten zusammen bringen und zusehen, das wir Ordnung in dieses Chaos bekommen. Vor allem sollten wir die Weisen suchen….die noch übrig sind. Sollte dieses Ungeheuer zurück kommen, brauchen wir ihre Hilfe." Sie sah sich um. "Und wir müssen den verfluchten Prinzen finden. Wenn Usamaa auch noch verschwunden ist, wird bald ein Krieg über den Thron ausbrechen, oder die Clans fallen über uns her und das ist das Letzte, was wir im Moment brauchen können."

Ein Blitz zerriss die Welt vor seinen Augen und ließ ihn allmählich in die Dunkelheit taumeln.

Der schwache Schein von Kerzen drang durch die Finsternis, wie das Leuchten ferner Sterne am Firmament. Ysketh lag auf dem Boden und das war auch schon alles, was er wusste.

Eine Stimme erklärte: „Wir haben ihn so vorgefunden, wie Ihr es vorausgesagt habt, Neshila.“

Der Name setzte ein Echo in seine Hirnwindungen. Nur eine Frau auf der ganzen Welt wurde so genannt und es war bereits sein zweiter Besuch bei ihr.

Die Alte beugte sich etwas vor. Die Konturen ihres faltigen Gesichts wurden vom Kerzenschein in samtenes Licht getaucht, beinah so, als würde sich selbst das Licht davor scheuen, sie zu berühren. Ihre Augen und ihr Mund blieben im Schatten. Es klirrte leise bei jeder ihrer Bewegungen.

„Ich sehe schon“, krächzte sie. „Der brennende Mann ist zu mir gekommen.“

Erneut schoss ein Blitz aus den Wolken hervor. Ysketh erstarrte augenblicklich in der Bewegung, von Regen umspült, der bei der Berührung mit seiner Haut in Dampf aufging. Sein Blick war starr auf die Kreatur gerichtet, die den Wassermassen entfloh. Ihr Weg würde sie zum Schlund in der Wüste führen, den er geöffnet hatte. Dort würde sich die Kreatur die Wunden lecken und im schlimmsten Fall in Gesellschaft zurückkehren.

Inzwischen hatten seine Hände ihm die Kleidung zerrissen und seine Finger gruben sich in das rosige Fleisch. Ysketh schrie auf, da spaltete ein weiterer Blitz Vergangenheit und Gegenwart.

„Hatte er das Medaillon bei sich, Therun?“, fragte die Alte.

„Nein“, antwortete die Stimme aus dem Jenseits. „Er trug nichts bei sich, seine Kleidung war völlig verbrannt.“

Die Kerzen flackerten auf, so als hätte jemand den Raum betreten und tatsächlich begrüßte die Alte einen Neuankömmling.

„Gut, dass du gekommen bist, Namir. Ich möchte, dass du dich um ihn kümmerst, ihn anhörst, pflegen lässt. Er hat viel zu erzählen. Eure Schicksale sind verknüpft.“

„Jawohl, Neshila.“ Eine kräftige Gestalt erschien über ihn und beugte sich herab.

„Noch etwas“, sagte die Alte an Ysketh gerichtet. „Dies ist das letzte Mal, dass wir uns sehen, brennender Mann. Daher gewähre ich dir eine Wahrheit. Entweder aus der Zukunft, der Gegenwart oder der Vergangenheit. Du darfst wählen.“

Er spürte, wie er hochgehoben wurde, während er über das Angebot nachdachte, doch sprudelte ihm die Antwort über die Lippen, ehe er sich ihrer Bedeutung im Klaren war: „Zukunft.“

Die Alte beugte sich weiter vor, sodass sich die Flammen der Kerzen in ihren pechschwarzen Augen widerspiegelten: „Sieh nicht in den Sturm hinauf!“

Mit einem hellen Knall war er wieder im Diesseits. Aufgebäumt, jeden Muskel zum Zerreißen gespannt und den Blick in den Himmel hinauf gerichtet. Seinen Augen waren weit aufgerissen und brannten schon wegen des niederprasselnden Regens.

„Nicht in den Sturm sehen“, murmelte er, doch es war zu spät. Ein Blitz löste sich aus den nachtschwarzen Wolken und sprengte den Balkon unter ihm. Ysketh stürzte schweigend in die Tiefe.

Gleichwohl lösten sich die Wolken auf, versiegte der Regen und verstummten Blitz und Donner.

Die Ablenkung kam ihm gerade recht. Während alle zu den dunklen Wolken in der Ferne starrten, beurteilte Varren ihre Lage. Die Sklaven waren gegenüber den Blutreitern in der Überzahl, doch waren es nur alte Männer und Frauen, niemand mit Kampferfahrung. Noch dazu waren sie alle völlig entkräftet vor Hunger und Durst. Eine heillose Flucht kam nicht in Frage. Es gab keinen Ort, an dem man sich verstecken konnte und auf ihren Pferden wären die Blutreiter ihnen rasch nachgekommen. Daher mussten die rotbemalten Krieger alle sterben. Varren besah die Sense in seiner Hand. Sie war scharf, nicht so stabil, wie er es sich gewünscht hätte und höchstwahrscheinlich würde das Schneideblatt im Duell mit einem Schwert zerbrechen, dennoch könnte er bis dahin schon einem der Sklaventreiber den Kopf vom Rumpf getrennt haben. Er musste nur die momentane Ablenkung nutzen. Wenn er aber nicht von den anderen Reitern niedergemacht werden wollte, musste er die Sklaven zum Aufstand motivieren. Doch der Anblick ihrer entmutigten Gesichter und geschundenen Körper ließ ihn verzweifeln. Der Farmer jedoch, dem sie so viele Privilegien zu teilten, war eine andere Sache. In ihm steckte Macht. Er könnte hilfreich sein.

Seine Gedankengänge wurden jäh unterbrochen, als einer der Blutreiter vorausdeutete und rief: „Seht dort! Was ist das?!“

Alle starrten auf den schwarzen Punkt, der sich aus dem Horizont löste und näher zu kommen schien.

„Ist das diese Kreatur?“

„Ich glaub, sie kommt hierher!“

„Was sollen wir tun?“

Mehr bekam Varren nicht mehr mit, denn kaum hatte auch er die Kreatur gesichtet begann seine leere Augenhöhle höllisch zu brennen. Er schrie auf, ließ die Sense fallen und drückte beide Hände auf das schmerzende Loch. Die Geräusche um ihn herum wurden zu einem einzigen Rauschen, das ihn Welle für Welle überspülte. Jemand packte ihn an der Schulter, brüllte ihn an, doch er riss sich los. Die Kreatur verspürte Schmerzen, unbeschreibliche Qualen und Varren bekam seinen Teil davon ab. Ihm wurde in den Magen geboxt, wohl um ihn ruhig zu stellen, was nichts half. Heiß quoll Blut zwischen seinen Fingern hervor und mit wackeligen Knien brach er auf dem Boden zusammen.

„Den Weisen“, hörte er jemanden rufen. „Bringt den Weisen her.“

Varren krümmte sich, rollte auf den Rücken und starrte in den blauen Himmel, versuchte sich irgendwie zu entspannen und atmete schnaufend. Da erschien das Gesicht des Farmers über ihm.

„Ruhig, bleibt ruhig. Ich will Euch helfen!“

Varren nahm die Hände weg, wodurch sein blutverschmiertes und schmerzverzerrtes Antlitz entblößt wurde. Mitleid rang mit Entsetzen auf dem Gesicht des jungen Mannes. Varren, umnebelt von Pein, sah trotzdem seine Chance. Er packte den Farmer am Kragen und zog in zu sich heran.

„Seid Ihr bereit zu kämpfen?“, zischte er. Mit der freien Hand griff er nach der Sense um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. „Seid Ihr dazu breit?!“

Merihsa saß auf einem Pferd und wagte es nicht, zurückzusehen, denn sie wusste, wem es einst gehörte. Orsio, der nur noch Halbohr genannt wurde, marschierte weiter hinten neben den Karren her. Seine mordlustigen Blicke brannten ihr im Genick.

Ihr Beschützer, der bullige Kerl ohne Rot am Körper, führte das Tier an den Zügeln. Schweigend und mit grimmigem Blick, was sie zwar sehr sicher fühlen ließ, doch fürchtete sich vor dem Gedanken was geschehen würde, wenn man ihn ihr wieder wegnahm. Wenn man sie ohne Schutz ließ. Sie erschauerte trotz der Hitze.

Um sie herum ritten die Blutreiter. Amwendu saß bei einem mit auf dem Pferd. Merihsa hatte öfter versucht Blickkontakt aufzubauen oder sich gar mit ihm zu unterhalten. Doch der König sah stur geradeaus und schien ganz in Gedanken versunken.

Jheira ritt voran. Er sah zurück und gab dem unbemalten Krieger, der ihre Zügel führte, einen Wink, worauf er sie samt Pferd an die Seite des Häuptlings führte. Merihsas Haut prickelte vor Aufregung und Angst. Bislang wurde sie gut behandelt, doch wie lange würde das noch andauern.

Jheira warf ihr einen abschätzenden Blick zu. Seine Augen waren vom gleichen dunklen Braun wie seine Haut. „Woher kennt Ihr diesen Namen?“

Merihsa erstarrte. „I-ich weiß… was Ihr meint. Ich…“, stammelte sie.

„Spielt nicht die Dumme!“, fauchte er.

Fieberhaft kramte sie in ihrem Gedächtnis, kam jedoch nicht darauf, was er meinte.

„Namir“, half er ihr auf die Sprünge. „Ihr sagtet Er hat es nicht gewusst, Namir. Also: woher kennt Ihr diesen Namen?“

Nun fiel es wieder ein. Die Erscheinung im Zelt, die geisterhafte Stimme, die von ihr Besitz ergriffen hatte. Erneut überzog ein Schauer ihren Körper. „Ich weiß es nicht… Ich habe etwas gesehen, dass…“

„Ihr habt etwas gesagt“, berichtigte Jheira.

„Nein“, widersprach sie. „Da war etwas… vielleicht auch jemand. Eine Gestalt in Eurem Zelt.“

Der Häuter runzelte die Stirn. „Eine Gestalt? Ich habe nichts gesehen.“

„Ich war wohl auch die Einzige, die es gesehen hat.“

„Was, wollt Ihr behaupten, Ihr habt einen Jin gesehen?“

Energisch schüttelte sie den Kopf. „Nein, keinen Dämon, nichts dergleichen. Es ist vielmehr…“ Verzweifelt suchte sie nach Worten, doch bislang hatte sie es nie erklären müssen. Es war einfach da gewesen und niemand außer ihr hatte davon gewusst. „Normalerweise spüre ich sie nur. Die Seelen der Menschen, die von uns scheiden.“

Jheira hob die Brauen. „Aber diesmal habt Ihr etwas gesehen?“

„Ja, es war das erste Mal.“

„Einen Geist?“

„So etwas in der Art, denke ich…“

„Seid Ihr eine Magierin, oder wie?“

„Nein, ich… ich bin… ich…“ Sie wusste nichts darauf zu antworten. Um ehrlich zu sein, hatte sie nie darüber nachgedacht, was diese Fähigkeit aus ihr machte. Eine Weise? Steckten verborgene Talente in ihr wie in Santori? Nein, das glaubte sie nicht. Aber dennoch, was blieb sonst übrig?

Eine Weile ritten sie schweigend nebeneinander her, während sich die Berge am Horizont immer deutlicher abzeichneten.

„Es war mein Name“, sagte Jheira schließlich. Merihsa entgegnete nichts, sondern ließ ihn weiter reden. „Namir a‘Quth Hanam, unter diesem Namen wurde ich in einem kleinem Dorf geboren. Jheira kam erst viel später. Es ist mehr ein Ruf, als ein Name.“ Dann sah er sie an und in seinem Blick lag etwas weiches, beinah freundliches. „Niemand weiß davon.“

Merihsa nickte, wie um zu bestätigen, dass das Geheimnis bei ihr sicher war. Dann vielen ihr die Regeln der Höflichkeit ein und sie sagte: „Merihsa i‘Sanaar. Unter diesem Namen wurde ich geboren.“

„Er ist schön“, sagte Jheira und Merihsa spürte, wie sie rot wurde.

Sie erreichten die ersten Ausläufer der Berge. „Wohin genau reiten wir“, fragte sie.

„Der Krähenfelsen ist ein uralter Versammlungsplatz. In den Höhlen werden wir unser Lager aufschlagen und die anderen Clans rufen. Es gibt einiges zu bereden.“ Dabei sah er zurück zum König.

„Außerdem lebt sie hier.“

„Sie“, fragte Merihsa, der sich ein leichter Verdacht aufdrängte.

Jheira nickte. „Die Alte. Kennt Ihr ihren wahren Namen?“

„Ich kenne nur die Geschichten. Jene, die mir als Kind erzählt wurden und die ich bereits einigen Kindern erzählt habe.“

„Die Geschichten von der verstoßenden Schwester“, sagte er und lächelte. „Sie sind alle wahr. Und, kennt Ihr nun ihren Namen?“

Merihsa nickte. „Neshila.“

Jheira schien darüber erfreut. „Gut, aber kennt ihr auch den Namen ihrer Schwester?“

Die kalte Nordluft war Balsam für ihre Lungen und ihre Seele. Zhara stand an einen Baum gestützt und rang mit den Tränen. Der Schnee fiel immer dichter, ein Sturm braute sich zusammen. Sie blickte in den Wald, dorthin, wo sie Borack liegen gelassen hatten. Sicher hatten sich bereits die Tiere an seinem Fleisch gütlich getan. Kein würdiges Ende für einen Norska, aber doch ein verdientes für einen Verräter. Ihr jedoch fiel es schwer, ihn so zu sehen, als jemanden, der sein Volk an Mandrek verkaufte. Was hatten die Norska ihrem eigenen Landsmann angetan, dass er so etwas Abscheuliches tat?

Die kurze Zeit, die sie mit ihm verbracht hatte, erschien eher wie ein halbes Leben. Sie hatte sich vertraut mit ihm gefühlt, irgendwie geborgen. Fast so, wie mit ihrem Vater. Oder besser: so, wie sich ein Vater benehmen sollte. Borack, das glaubte sie ganz feste, war einer der besseren Menschen gewesen und sicher auch ein guter Vater.

Kassandra, hatte er sie im Sterben genannt. Zhara beschloss, diese fremde Frau zu finden und zu enträtseln, was Borack zum Verräter gemacht hatte. Irgendwann, wenn diese Sache vorbei war.

Sie wischte die Tränen beiseite und hob die Hasen auf. Kurz wallte wieder die Übelkeit auf und sie hielt sich den Bauch.

Dann stapfte sie durch das aufkommende Schneegestöber zurück zum Lager. Aus dem Inneren des Zeltes drang ein Leuchten und Rauch stieg auf. Syrian war nirgends zu sehen, also trat sie kurzerhand ein.

An den Anblick von Mandrek, der ihr wie ein Vertrauter einen Platz auf einem Kissen zuwies, würde sie sich wohl nie gewöhnen. Sein Mund glänzte vor Fett.

„Was macht er hier“, fragte sie in Richtung des fremden Eleifa. Der Kragen um seinen Hals irritierte sie.

„Leif ist unser Gast“, sagte Mandrek mit vollem Mund. „Er ist gekommen, um mich zu Zedar zu bringen. Doch bis es soweit ist, wird er uns Gesellschaft leisten.“

Zhara starrte in die teilnahmslosen Augen des Kragenträgers und fragte sich, ob sie genauso gewesen war.

„Eine Frage“, begann Mandrek und schluckte herunter. „Ich kann mich erinnern, dass Ihr einen Kragen getragen habt. Wo ist er nun?“

Zhara legte die Hasen ab und setzte sich neben Syrian. In seinem Blick erkannte sie, dass er genau so wenig von der ganzen Sache hielt wie sie.

„Weg“, antwortete sie knapp, während sich der Wind gegen die Zeltbahnen warf und sie eindrückte.

„Und wie seid Ihr ihn losgeworden?“

Zhara fragte sich einen Moment selbst, ob sie antworten sollte und wenn ja, ob sie die Wahrheit sagen sollte. Oder würde er die Wahrheit aus ihr herausbekam egal ob sie wollte oder nicht? Sie warf ihm einen misstrauischen Blick zu, dann griff sie nach der verbliebenen Fasanenkeule.

„Ich bin gestorben“, antworte sie und biss in das fettriefende Fleisch.

Mandrek tat es ihr gleich und zwinkerte ihr dabei zu.

Der Thronsaal war verschlossen. In der großen Halle davor sollten jene warten, die eine Audienz beim König ersuchten oder eingeladen wurden. Hier war es zugig und erstaunlich schmucklos. Die hohen Wände zeigten nackten Stein und weder die Decken noch die Säulen waren in irgendeiner Weise verziert. Raenar mochte das. Er besaß eine eigene Burg vor der Küste und hielt ebenso wenig von Schmuck und Tand. Eine Festung musste praktisch angelegt sein, mit ausreichend Platz, den notwendigen Räumen. Dieses ganze Erholungszeug, welches er aus Drakafesten kannte, war ihm zuwider.

An einem langen, breiten Tisch standen die Generäle über jeder Menge Karten und Krüge mit schalem Met und Schüsseln mit hartem Brot gebeugt.

Er trat zu ihnen: „Die Herren Generäle. Ich muss Zedar und Mandrek sprechen. Es gibt einige… seltsame Berichte.“

General Grafen saß ihm gegenüber auf der anderen Seite des Tisches und hob als erster den Kopf. Er war der älteste und hochrangigste Eleifa am Tisch. Sein Haar war schlohweiß und zog sich in einem Kranz um seinen Kopf. Narbengeflechte bedeckten seine Wangen. Er hatte die fleckigen Hände unterm Kinn gefaltet und sah ihn aus wässrigen Augen an. „Kommandant, gut Euch zu sehen. Zedar ist zurzeit beschäftigt mit… seinem Liebchen, oder so. Mandrek ist nicht aufzufinden.“

Verwundert sah Raenar zu der verschlossenen Tür.

„Was sind das für Berichte“, wollte General Urghen wissen. Sein feuerrotes Haar war zu einem straffen Zopf gebunden, den üppigen Bart zähmte er jedoch nicht. Raenar reichte ihm die Schriftrollen und der General verteilte sie. Alle Männer waren in dicke Felle gegen die Kälte gehüllt. Wenn man nicht genau hinsah, könnte man sie glatt für Norska halten. Weiße Atemwölkchen stiegen aus ihren Mündern und Nasen.

Derweil sie lasen betrachtete Raenar die Karten auf dem Tisch. Einige kamen ihm bekannt vor, eine zeigte sogar Ausschnitte seiner Heimat, doch zwei dieser Karten waren ihm absolut fremd. Die Gebiete, die sie darstellten, hatte er noch auf keiner Karte zuvor gesehen. Er betrachtete sie etwas genauer, wobei ihm auffiel, dass ihre Gemeinsamkeit ein kreisrunder schwarzer Fleck in der Mitte war. Eine der beiden Karten stellte die Wüste dar, soviel konnte er erkennen. Beim genaueren Hinsehen erkannte er nun auch, dass die zweite Karte am unteren Rand die Berge nördlich der Norskalande zeigte. Seine Karten hörten damit auf, diese hier fing da gerade erst an.

„Wahrhaft seltsame Berichte“, bestätigte Grafen.

„Sind sie denn auch glaubhaft“, warf General Dorn ein. Er gehörte noch zu den jüngsten des Generalstabs, doch auch sein wettergegerbtes Gesicht, welches vom Meerwasser geschliffen worden war, durchzogen bereits mehrere Falten. Er strich sich den schwarzen Bart. „Ich meine, seltsame Tierwanderungen und alle mit schwarzem Fell. Und diese anderen hier mit den Riesen…“

„Ich glaube auch nicht jedes Wort“, fuhr Raenar dazwischen. „Dennoch sind sie bedenklich, wie ich finde. Vor allem bitte ich auf die Berichte über den Widerstand zu achten. Man rebelliert in unseren eigenen Reihen.“

„Bedauerlich, ja“, seufzte Grafen und legte den Bericht beiseite. Er schien ihn gar nicht weiter zu interessieren. Die Anderen folgten seinem Beispiel, was Raenar sehr verwunderte.

„Was gedenken wir dagegen zu unternehmen“, fragte er in die Runde.

„Nichts weiter“, antwortete Urghen neben ihm, sich den roten Bart kraulend.

„Nichts?“, wiederholte Raenar gereizt.

„Es gibt wichtigeres im Moment“, gab General Vignar zu bedenken, den er schon immer für etwas dümmlich gehalten hatte. Das schmale Gesicht und die viel zu große Nase sprachen seiner Meinung nach dafür.

„Wichtigeres? Wären die Herren auch so freundlich mit mitzuteilen, was es denn Wichtigeres geben könnte?“

„Herr Kommandant, Ihr vergesst Euch“, maßregelte ihn Dorn in seinem Flottenadmiralston. „Vergesst nicht mit wem Ihr sprecht.“

Raenar hielt sich im Zaum, aber hätte Grafen nicht in diesem Moment eingegriffen, wäre ihm sicher noch das ein oder andere dazu eingefallen.

„Ruhig Blut“, sagte der alte Mann und hob beschwichtigend die Hände. „Kommandant Raenar, ich denke doch wohl Ihr erkennt, was auf dieser Karte abgebildet ist?“ Seine knöchrigen Finger zeigten auf einen der schwarzen Flecke.

„Natürlich, Herr General. Es ist der Schlund. Ich bin selbst nie dort gewesen, doch ich kenne Zedars Schmiede.“

Grafen nickte. „Gut, dann könnt Ihr mir sicher sagen, was diese hier bedeuten.“ Er zeigte auf die beiden Karten, die Raenar unbekannt waren und ebenfalls einen schwarzen Fleck in ihrer Mitte besaßen.

„Ist das wirklich klug“, fragte Urghen an Grafen gerichtet, doch der Alte ignorierte ihn. Derweil tropfte die Erkenntnis in Raenar und er antwortete: „Es gibt mehr davon?“

Wieder nickte Grafen. „Insgesamt sind es drei. Ein Schlund in unseren Landen, ein weiterer bei den Draka und der letzte nördlich der Berge der Norska. Wie Ihr wisst, hat der große Schmied das Tor zur Unterwelt in seinem Schlund bereits geöffnet. Die beiden anderen stehen noch aus.“

„Ich glaube, ich verstehe nicht ganz“, sagte Raenar und tatsächlich schwirrte ihm der Kopf.

Der dümmlich dreinschauende General Vignar fuhr fort: „Zedar kam vor einiger Zeit zu uns und meinte, dieser Krieg wird nicht mit Truppen gewonnen, sondern mit seiner Macht. Und damit hatte er diese drei Tor zur Unterwelt gemeint.“

„Er will sie öffnen“, unterbrach Dorn. „Alle drei. Achtet darauf. Wenn Ihr die Karten in die richtige Position legt – was fällt Euch auf?“

Raenar tat wie ihm geheißen. In Gedanken verband er die schwarzen Flecke mit geraden Linien, dann traf ihn beinah der Schlag, als er es erkannte: „Es ist wie ein Kragen. Wie ein Kragen um die ganze Welt.“

„Sehr richtig“, bestätigte Grafen. „Aus dem ersten Schlund holte Zedar Maddakor hervor, doch dessen Macht ist bei weitem noch nicht auf seinem Höhepunkt. Wird es aber, wenn alle Tore geöffnet sind.“

„So kämpft man keinen Krieg“, murmelte Urghen, doch keiner beachtete ihn. Grafen fuhr fort: „Das Tor in der Wüste wurde bereits von einem von Mandreks engsten Vertrauten geöffnet, doch dabei ist irgendetwas schief gegangen. Nun will Zedar es beenden. Seine Hauptstreitmacht soll nach Süden ziehen, doch er will einen kleinen Teil auch über die Berge in den Norden schicken. Die Norska haben diesen Teil nie erforscht, daher rechnet er dort nicht mit Widerstand. Im Süden sieht es anders aus.“

Raenar schluckte schwer und versuchte das Ganze erst einmal zu verdauen. Diese alten Männer hatten es die ganze Zeit über gewusst und ihn und alle anderen im Dunkeln tappen lassen. Keine Schlachtformationen oder ausgeklügelte Strategien sollten diesen Krieg gewinnen, sondern die Mächte der Hölle. Und Zedar schwang sich zu ihrem alleinigen Anführer hinauf.

„Worum geht es nun in dieser Debatte“, fragte er in die Runde. Die Generäle wechselten rasche Blicke, bevor Dorn mit vor der Brust verschränkten Armen sagte: „Es soll entschieden werden, wer in den Norden zieht.“

Raenar zog die fragliche Karte zu sich heran. Am unteren Rand waren die Berge und erst jetzt bemerkte er, dass seine Hand genau auf der Stelle lag, wo sich die Festung Nordwacht befand. Noch bevor er aufsah spürte er die Blicke der anderen Generäle auf sich und ohne, dass ein weiteres Wort gesprochen werden musste, war es entschieden.

Zedar schob seiner neuen Sklavin eine Hirschkeule vor die Nase. Die Bankettische bogen sich bereits unter den Lasten der Speisen und Getränke, die in der Norskafestung gefunden worden waren. Die Festung hätte Monatelang einer Belagerung standgehalten. Einer normalen Belagerung. "Iss." befahl er der Draka und genoss den kurzen Augenblick des Widerstands, ehe sie sich fügte. Zuerst hatte es ihn gestört, dass sie immer wieder gegen ihn ankämpfte, jetzt jedoch gefiel es ihm. Er konnte sie immer und immer wieder unterjochen und schließlich war es das, was das Vergnügen des Kragens ausmachte. Sein Blick glitt über die Massen an Menschen, von denen nicht weniger als die Hälfte aus Krangenträgern bestand. Alles änderte sich. Früher hatte er die Einsamkeit seiner Schmiede genossen, hatte lieber aus dem Hintergrund die Fäden gezogen, jetzt musste er jedoch feststellen, dass es ein berauschendes Gefühl war, angebetet zu werden. Er konnte Mandrek durchaus verstehen. Mandrek….Zedar griff zu Leif hinaus. Sein ehemaliger Schüler war immer noch dort draußen. Er grub. Zufrieden lehnte sich der Schmied zurück, musterte die junge Frau neben ihm und grinste breit. "Tanz für mich."

Die grünen Augen weiteten sich und schienen von innen heraus zu brennen. Hinter ihr stand Maddakor und in seinen feurigen Augen glühte der gleiche Hass. Der Schmied lachte. Er lachte, bis ihm die Tränen kamen. Seine Macht war unbegrenzt, oder würde es bald sein, wenn alle Schlunde geöffnet worden waren. Die Welt würde sich vor IHM verbeugen.

"Nun mach schon, tanz für mich." wiederholte er den Befehl und verstärkte ihn mit Hilfe von Maddakors Kraft. Die Draka, welche er in ein leichtes, durchscheinendes Gewand hatte kleiden lassen, glitt geschmeidig auf die Fläche zwischen den Banketttischen und fing an sich zu bewegen.

Tanzen…unter Tanzen verstanden Draka etwas anderes als Eleifa. Sie sollte also für Zedar tanzen? Das konnte er haben. Geschmeidig und elegant bewegte sie sich in diesem unglaublich beschämenden Kleid, glitt vor und zurück, drehte sich atemberaubend schnell, sprang auf einen der Banketttische und steckte dabei ein kleines Fleischmesser ein. Es bei diesem Kleidungsstück zu verbergen war schwierig, aber Befehl war Befehl, sie sollte für Zedar tanzen. Er hatte nur nicht gesagt mit wem. Also würde sie ihn fragen. Zum ersten Mal, seit dem sie den Kragen trug, war sie mit dem Befehl einverstanden.

Sie ging vor dem hässlichen Schmied in die Knie und lächelte betörend. "Mit wem soll ich tanzen, Meister?"

Der Schmied lachte und warf die Arme in Vergnügen hoch. "Mit mir mein Engel, mit mir." rief er und Keisha griff an. Ihre Klinge tanzte über den muskelbepackten Körper Zedars, welcher sich mit einer verzweifelten Bewegung nach hinten warf. "SCHLUSS." brüllte er. Und Keisha blieb über ihm stehen, die Klinge zu einem letzten Hieb erhoben. Ihre Augen glühten und Zedar konzentrierte all seine Macht und seinen Willen auf sie. "Leg das Messer hin und setz dich. Du wirst nie wieder so etwas versuchen. Verstehst du mich? NIE WIEDER."

Nur zögerlich verschwand die Mordlust aus den Augen der Draka und sie lies das Messer fallen. Klirrend traf es neben dem Schmied auf den Felsboden und der alte Eleifa atmete erleichtert aus. Er hatte gar nicht bemerkt, dass er die Luft angehalten hatte. Irgendjemand lachte. Ein lautes, grollendes und irritierend schreckliches Lachen. Zedars Blick glitt zu seinem Dämonen. Dieser verstummte sogleich, aber irgendwie wirkte er…belustigt. Der Schmied stand auf und starrte die Draka wutentbrannt an. "Ich hatte dir befohlen, für mich zu tanzen, nicht, mich zu töten. Wieso hast du mich angegriffen?"

"Ihr habt mir befohlen, mit Euch zu tanzen, Meister. Draka bezeichnen einen Kampf als Tanz. Der Tanz mit dem Tod." Antwortete sie ruhig.

Gefährlich. Diese Frau war sehr gefährlich. Zedars Blick durchbohrte sie. "Von nun an wirst du keine Waffe mehr anfassen. Kein Messer, keine Gabel, nichts, was als Waffe in Frage kommen würde. Du wirst NIE WIEDER versuchen, mich zu töten. Und nun knie neben meinem Stuhl nieder und bleib dort."

Wieder spürte er den Funken des Widerstands und diesmal genoss er ihn nicht. Er durfte sie nicht aus den Augen lassen. Er winkte ein paar Kragenträger heran. "Bringt ihre Sachen in meine Gemächer. Ich will, dass sie dort schläft. Ich muss sie im Auge behalten." Er musste vorsichtig sein, was er ihr befahl. Wer konnte schon wissen, was harmlos erscheinende Begriffe bei den Draka bedeuteten.

Mandrek drehte den goldenen Weinbecher nachdenklich in der Hand. Vor dem Zelt stand Leif und grub fleißig ein absolut nutzloses Loch in den Schnee. Er hatte Leif befohlen, dies zu tun. Sollte Zedar versuchen, herauszufinden, was einer seiner Kragenträger gerade tat, war dies ein Indikator, dass Mandrek tot war. Er wäre sicher tot gewesen, wenn er noch so lange in der Kiste vergraben gewesen wäre.

"Wir werden in zwei Stunden los gehen. Bis dahin sollte der Schneefall noch dichter werden und unsere Spuren werden in kürzester Zeit wieder zugeschneit sein. Außerdem glaube ich, dass die Wachen bei diesem Wetter nicht sehr aufmerksam sind."

Syrian hob eine Augenbraue. "Der Schnee ist Euer Werk?"

Der Magier sah von seinem Wein auf und zuckte mit den Schultern. "Wir brauchten eine Tarnung, ich habe den Effekt nur ein wenig verstärkt. Man darf nicht zu viel mit dem Wetter herumspielen, ansonsten kann es sein, dass am anderen Ende der Welt ein grünes Tal plötzlich zur Wüste wird, oder die Wüste von einer Springflut überschwemmt wird. Ich habe sowieso das Gefühl, dass hier jemand das Wetter bereits zu sehr beeinflusst hat. Irgendetwas stimmt nicht damit…." er verstummte. Irgendetwas stimmte mit dem Machtgefüge allgemein nicht. Seine Kräfte schwankten seit kurzem. Einen Augenblick lang fühlte er sich unbesiegbar, den nächsten wie ein hilfloses Kind. Er vermutete, dass die Dämonen daran schuld waren, sie brachten das Gleichgewicht der Welt durcheinander.

Sein Blick glitt zu Zhara. Sie hatte erstaunlich viel Appetit für eine Frau. Im Moment nagte sie den letzten Rest von einem Kaninchen und schien danach beinahe enttäuscht, dass nichts mehr über war. "Hättet ihr meine Kragenträger nicht getötet, hätten wir nun mehr zu essen, meine Liebe." bemerkte er trocken.

"Ich…" Santori starrte den Mann vor sich ungläubig an. "Ich bin ein Farmer. Ich weiß nichts vom Kämpfen…." er musterte die Sense, schüttelte dann aber den Kopf. "Später…" murmelte er und schloss die Augen. Er tat das, was er auch für seinen König getan hatte. Er drang in den Körper des Kriegers ein, fühlte mit seinem Geist jede noch so kleine Unstimmigkeit und versuchte sie so weit wie möglich wieder richtig zu stellen. Er glitt weiter und erreichte den Geist Varrens. Mit einem Aufschrei lies er den Kopf des Kranken los und taumelte zurück. So viel Finsternis. So viel Verderben. Er hatte das Gefühl gehabt, direkt in die Hölle selbst zu sehen.

"Was ist los, Weiser? Kannst du ihn nicht heilen?" fragte einer der Blutkrieger.

Santori platzte der Kragen. "ICH BIN KEIN WEISER, ICH BIN KEIN JIN, ICH BIN KEIN KRIEGER. ICH BIN FARMER." und in diesem Mann wohnt die Finsternis, fügte er in Gedanken hinzu. Er atmete tief durch. Die Männer um ihn herum starrten ihn überrascht an. Santori riss sich am Riemen und kroch erneut zu Varren. "Ich werde versuchen, das Tor in Eurem Geist zu schließen. Es gehört nicht dort hin." Über ihnen verdunkelte sich die Sonne einen Augenblick lang. Santori schloss die Augen und drang erneut in den Geist des Kriegers ein. Erneut sah er diese unbeschreibliche Finsternis vor sich. Er stellte sie sich vor als ein Tor zur Hölle. Jedes Tor konnte geschlossen werden, man musste nur die Türen schließen und den Schlüssel wegwerfen. Langsam drängte er die Finsternis zurück. Schweißtropfen bildeten sich auf seiner Stirn. Er merkte es nicht. Die Dunkelheit wurde weiter zurückgedrängt…er musste nur noch die Tore zuwerfen…aber halt. Hier fehlte etwas. Der Farmer riss seine Augen auf und sah Varren mitleidig an. "Ein Teil deiner Seele…es fehlt. Ich kann das Tor nicht schließen. Ich kann dich nicht retten." erschöpft lies er sich zurück fallen. Seine Hand lag wie zufällig auf dem Griff einer Sense. Es war das einzig Richtige, was er jetzt noch tun konnte.

"Ich bin Farmer…lass uns Unkraut jäten." murmelte er und sprang auf. Aus dem Augenwinkel konnte er sehen, dass Varren es ihm gleich tat. Der Blutkrieger vor ihm verlor seinen Kopf, noch ehe ihm klar wurde, was geschah. Unkraut. Santori wollte nicht daran denken, dass er Menschen tötete. Nein, es handelte sich hier um Unkraut und Unkraut musste gejätet werden, damit das Getreide wuchs.

Zögerlich griffen weitere Sklaven zu den scharfen Sensen und nach und nach fielen die Krieger, deren Blut Santoris Feld tränkte. Nicht wenige Sklaven bezahlten mit ihrem Leben für den Aufstand, aber kein Draka würde sich gerne versklaven lassen, weder von anderen Wüstenmenschen, noch von Zedar und seinen Dämonen. Es war ein Gemetzel. Als etwas anderes konnte man es nicht bezeichnen. Santori fällte einen Krieger nach dem Nächsten, drehte sich um, als er ein Geräusch hörte und sah, wie der Krieger, den er soeben von seinen Wunden geheilt hatte, gegen Karash kämpfte. Hinter Varren schlich sich ein anderer Blutskrieger heran, das Schwert erhoben, bereit zum finalen Schlag. Santori dachte nicht lange nach. Er hob schreiend eine Hand und der Blutkrieger flog in hohem Bogen zurück, prallte gegen die Mauer seines Farmhauses und sackte in sich zusammen. Karash fuhr überrascht herum, als erwarte er direkt hinter sich einen Feind und erlag im gleichen Augenblick der Klinge Varrens. Der alte Krieger nickte Santori dankbar zu. Dieser erlaubte sich einen Blick gen Himmel. Sie hatten nicht mehr lange Zeit.

Die Aufräumarbeiten würden Wochen brauchen. Wochen, die sie nicht hatten. Ayoka versuchte so gut es ging die Draka zu organisieren. Die Norska und sogar die Eleifa halfen dabei. Viele Draka hatten gesehen, wie die Eleifa versucht hatten, zu helfen, nun arbeiteten sie Seite an Seite, schafften Verletzte in dafür geräumte Bereiche der Festung, Tote wurden auf Holzwägen verfrachtet und aus der Stadt gefahren. Sie würden dort verbrannt werden. Man durfte nicht riskieren, dass sich darunter eventuell auch Pestopfer befanden.

Ein Norska, der selbst für einen Nordmann riesig erschien, kam auf sie zu. Er trug eine schlanke Frau mit schlohweißem Haar auf den Armen wie ein Kind. Ayokas Herz schien stehen zu bleiben. Bashira….was war mit ihr geschehen. Ihre Kleidung, ihr Gesicht, alles war von Schlamm und Schmutz verkrustet. Mehrere kleine Wunden zierten ihre Haut und ihr Haar…wieso war es so weiß? Sie eilte auf den Norska zu und bat ihn, die Weise in einen Raum weiter oben in der Festung zu bringen. Er gab einen grunzenden Laut von sich, was wohl als Einverständnis gelten sollte und ging mit großen Schritten neben ihr her.

Kaum dass er Bashira auf ein Bett gelegt hatte, beugte sich Ayoka über sie und fühlte ihren Puls. Er war vorhanden, aber so unglaublich schwach. Bashira schien über ein paar Stunden hinweg Jahre gealtert zu sein. "Wie konnte das passieren?" fragte die Draka leise und bedeutete Dienern die Weise zu waschen. Ein anderer Weise war dazu gekommen. Er wirkte erschöpft, als könne er sich kaum noch auf den Beinen halten, seine Robe war vollkommen verdreckt und an den Ärmeln angesengt, eine hässliche Brandwunde zierte seine Wange. "Sie hat zu viel der Macht benutzt. Wenn sie Glück hat, ist sie nur gealtert, wenn sie Pech hat, ist sie für immer ausgebrannt." Der Weise lies sich mit einem Seufzer auf einen Stuhl nieder. "Sie hat beinahe ein Dutzend Weise ausgebrannt. Sie hat einfach nicht losgelassen und immer mehr Macht an sich gesaugt….und wofür?" Er schüttelte den Kopf. "Dieser Dämon…es war nur einer, und er ist noch nicht einmal tot. Was sollen wir tun, wenn mehr von ihnen kommen? Was sollen wir tun?" Verzweifelt barg er sein Gesicht in den Händen.

Ayoka starrte ihn an. Einen von den selbstgerechten, hochnäsigen Weisen so zu sehen, das war ein Schock. Wenn sie aufgaben, was sollte dann der Rest des Volkes denken? Sie ging vor ihm in die Knie und griff seine Hände. "Wir werden kämpfen. Denn dass ist es, was unser Volk am Besten kann. Wir werden kämpfen und nicht aufgeben. Lieber sterben wir, als dass wir Sklaven Zedars und der Dämonen werden."

"Ayoka, man hat Usamaa gefunden, er ist schwer verletzt, wo sollen wir ihn hinbringen?" Ein junger Draka stand an der Türschwelle und ein massiger Norska hinter ihm. Er trug den Prinzen wie ein Sack Kartoffeln über der Schulter.

Ayoka warf die Arme hoch. "Bei den alten Göttern, in seine Gemächer natürlich. Und fragt nicht immer mich, ich bin Kaptein der Palastwache, aber doch nicht die Herrin der Kaltwasserfeste." Der Draka schmunzelte und gab dem Norska ein Zeichen, ihm zu folgen. Allmählich hatte Ayoka die Schnauze gestrichen voll. Sie klopfte dem Weisen noch einmal aufmunternd auf die Schulter, stand auf um sich zu strecken und die schmerzenden Muskeln zu lockern, dann schickte sie eine Dienerin los, um einen weiteren Weisen zu finden, der nicht gleich vor Schwäche vom Stuhl fallen würde, wenn er Bashira heilte.

Als sie zurück in den Hof kam, stellte sie erleichtert fest, dass Damon und Keral zumindest hier den Betrieb unter Kontrolle hatten. Sie hielt einen Draka an. "Öffnet auch die oberen Ebenen für Verletzte. Ich habe den Verdacht, dass die unteren bald überfüllt sein werden." Dankbar nahm sie den Wasserbeutel an, den ein Eleifa ihr reichte. Wasser von einem Eleifa…nie hätte sie sich träumen lassen, dass sie einmal das Bett und vor allem Wasser mit einem Eleifa teilen würde.

Levekei hatte sich abgespalten. Er und beinahe zweihundert Eleifa liefen parallel zum Hauptrupp der Eleifa durch den tiefen Schnee. In der Nacht war beinahe ein guter Meter Neuschnee dazu gekommen, zum Glück hatten sie Schneeschuhe von Norska bekommen, somit liefen sie leichter, als der Haupttrupp und waren nicht so erschöpft. Die Berge des Nordens zeichneten sich nun bereits scharf am Horizont ab, dennoch hatte Levekei bisher noch nichts von diesen Fabeltieren mitbekommen, welche sich angeblich hier herumtreiben sollten. Seine Gruppe war trotzdem auf der Hut. Zedar hatte Dämonen hierher gebracht, ihn würde es nicht mehr wundern, wenn es nun auch Fabeltiere gab. Ob sie nun auf Zedars Seite waren, oder nicht, das war ihm nicht klar, auf jeden Fall würde er sich vorsehen. Der Himmel war aufgeklart und die bunten Lichter des Nordens zeigten ihr farbenfrohes Spiel über den Bergen. Vielleicht sogar ein wenig zu farbenfroh. Irgendetwas stimmte hier nicht, aber er konnte sich nicht darum kümmern. Zuerst musste er dafür sorgen, dass der Haupttrupp der Eleifa ihr Ziel nicht erreichen würden. Er gab seinen Männern ein Zeichen und sie erhöhten die Geschwindigkeit. Levekei brauchte einen gewissen Vorsprung, um die Falle zuschnappen lassen zu können.

Quarth war das, was man weitläufig einen Sündenpfuhl nannte. Tagsüber boten zahllose Händler ihre mehr oder minder legalen Waren feil, doch nachts erwachten die Schatten zum Leben und anstatt von Stoffen, Waffen, Töpfen oder Gewürzen wurden nun Alkohol, Rauschmittel jeder Art und gewisse körperliche Dienstleistungen vorzugsweise an den Mann gebracht. Quarth schlief niemals – höchstens die Moral wurde allnächtlich zu Bett getragen.

Charasch hatte vorgehabt, die Stadt längst zu verlassen, war aber mitten in den fauligen Eingeweiden, den verkommensten Vierteln, hängen geblieben. Die angestrebte Bar war eine niedrige Hütte mit schiefem Dach vor deren Tür schon der erste Betrunkene in seinem eigenen Erbrochenem wirres Zeug faselte. Charasch ignorierte ihn und trat ein.

Die Luft stank nach ranzigem Schweiß, abgestandenem Met und war geschwängert vom Opiumrauch. Der hintere Bereich war mit fleckigen Tüchern abgedeckt. Ein schwaches Licht glomm dahinter und ab und zu bewegte sich der Schatten eines Berauschten, der auf einer Liege seiner Sucht frönte.

Charasch trat an die Theke und ließ sich einen vollen Krug einschenken. Nach dem er diesen geleert hatte, folgten zwei weitere, die er sich gedankenlos in den Rachen kippte. Teilweise floss ihm das Gesöff über die Mundwinkel hinaus und auf die Hose.

„Noch einen!“, verlangt er. Der Wirt besah ihn kritisch, schenkte ein, jedoch nicht ohne einen Kommentar von sich zu geben: „Zum Kotzen gehst du aber vor die Tür. Ich hab keine Lust dir hinterher zu wischen.“

Charasch leerte den Krug zur Hälfte bevor er antwortete: „Wer hat dich denn nach deiner verfluchten Meinung gefragt, he?“

Das folgende Geräusch irritierte ihn ebenso sehr wie den Wirt. Charasch konnte weder begreifen, was es war noch, woher es stammte. Dann sah er den Schatten einer Hand, die sich hinter dem Tuch erhob.

„Der verzweifelte Klang einer armen Seele. Kommt her, Junge.“

Die Sicht verschwamm und er brauchte mehrere Anläufe um den Schlitz im Vorhang zu finden, ehe er hindurchtreten konnte. Vier Liegen standen zu jeder Seite an den Wänden. Nur zwei davon waren belegt und das Etwas in der hintersten Ecke rührte sich nicht. Rauch blies ihm entgegen.

Die Gestalt, die ihn zu sich gerufen hatte, lag direkt zu seiner Rechten. Es war ein hageres Männchen, spindeldürr und splitterfasernackt, von dem Medaillon um Hals mal abgesehen. Charasch fand es unmöglich, das Alter des Fremden zu schätzen. Zwischen den Rauchschwaden zerflossen die Gesichtszüge und der Mann könnte ebenso gut ein Greis wie ein Jüngling sein.

„Legt Euch doch neben mich. Nehmt ein paar Züge – lässt Euch die Welt in einem anderen Licht sehen.“ Er legte die lange Pfeife an seine Lippen und paffte.

„Eigentlich kann mir die Welt gerade ziemlich gestohlen bleiben.“ Schwankend trat er an die freie Liege und ließ sich darauf nieder. Der Gestank von Schweiß und anderen Körperflüssigkeit wurde größtenteils vom Opium übertüncht. Der Andere reichte ihm die Pfeife und Charasch zog nach kurzem Zögern daran.

Er musste Husten worauf wieder dieses schnarrende Geräusch folgte, was er nun als das Lachen des Fremden entlarvte.

„Wer seid ihr“, fragte Charasch, bereits benebelt.

„Ein einfacher Reisender. Ohne Ziel, ohne Heimat… einfach nur unterwegs. Unermüdlich.“

Charasch gefiel das. „Wie Nezhekret, in den Gedichten.“

Die Zeit wurde dick und langsam. Sie floss träge dahin, bewegte sich kaum noch, hing in der Luft wie der Rauch, der aus seinen Lungen strömte.

„Ja, genau so“, antwortete der Fremde.

Taubheit ergriff seinen Körper und er spürte das schlanke Holz der Pfeife nicht mehr auf den Lippen, sog nur noch sporadisch, ließ sich zur Gänze treiben.

„Ich habe Fehler gemacht… Nezhekret“, sagte er schließlich.

„Die haben wir alle, Junge.“

„Nein, nicht solche.“ Die Wirbel im Rauch schienen Formen anzunehmen, doch Charasch war zu müde um sie zu erkennen. „Nicht solche…“

Ein weiterer Stoß Rauch aus den Lungen des Anderen verwischte die Formen wieder. „Lebe mit ihnen, denn vergeben wird dir niemand. Und du solltest dir selbst auch nicht vergeben. Nein, du musst lernen, damit zu leben. Dann wirst du auch wissen was zu tun ist.“

„Das klingt nicht sehr hilfreich.“

Wieder ertönte dieses schnarrende Gelächter. „Ich weiß, Charasch.“

Er legte den Kopf auf die Seite um den Anderen zu sehen. „Ich habe Euch doch gar nicht…“ Er blinzelte. „…meinen Namen gesagt.“ Und nachdem er das nächste Mal geblinzelt hatte, war der Fremde verschwunden.

Varren sah von der blutenden Sense zu dem toten Krieger zu seinen Füßen. Es hat tatsächlich funktioniert. Der Kampfesrausch und die Siegeseuphorie ließen ihn sein schmerzendes Auge beinah vollständig vergessen. Er kümmerte sich nicht weiter um die verbliebenen Dorfbewohner, die ihre Verwundeten versorgten und sich in ihre Hütten zurückzogen. Unbeirrt näherte er sich der zusammengesunkenen Gestalt, die dort am Farmhaus lehnte. Der Blutkrieger wandte benommen den Kopf und versuchte sich zu orientieren. Varren hielt ihm die Sense unter den Hals: „Die Götter haben wirklich einen eigenwilligen Sinn für Humor, findet Ihr nicht auch?“

Ikhit sah zu ihm auf und Erkenntnis spiegelte sich in seinen Augen wieder. Seit langem kostete Varren wieder den Sieg über einen Feind und es schmeckte außerordentlich gut.

„Was dagegen, wenn wir den Spieß nun umdrehen?“ Ohne auf eine Antwort zu warten schlug er den Krieger bewusstlos, nahm ihm seine Kleider und zog sie sich selbst an. Die goldene Brosche des Königs steckte er ebenfalls ein. Dann band er Ikhit die Hände zusammen und befestigte das andere Ende des Seils am Sattel eines der Pferde. Zuletzt nahm Varren noch ein Schwert auf und schwang sich auf das Tier.

„Euer Name, Weiser. Wie ist Euer Name?“

Der junge Mann, der soeben damit beschäftigt war, seine Ziegen zu beruhigen, drehte sich seufzend um. „Santori. Und ich bin nur Farmer.“

„Also schön. Ich bin Varren und Euch sehr dankbar dafür, dass Ihr Euch entschieden habt, zu kämpfen. Ich verdanke Euch mein Leben.“

„Gleichfalls“, antwortete Santori und kam auf ihn zu. „Werdet Ihr uns jetzt einfach wieder verlassen? Was ist mit dieser Bestie? Was ist mit dem König und all den anderen von uns, die sie mitgenommen haben? Werden wir sie nicht retten?“

Der Wagemut des Farmers beeindruckte ihn. Er wäre ein guter Gefährte gegen die Dinge, die kommen würden. Doch als Varren daran dachte, was mit all den anderen geschehen war, die ihn in letzter Zeit begleitet hatten, schlug er sich diesen Gedanken wieder aus dem Kopf.

„Wir können nichts gegen Jheira und seine Blutreiter unternehmen. Das hier war Glück, wir hatten das Überraschungsmoment auf unserer Seite. Aber für die nächste Schlacht brauchen wir mehr Männer. Ich werde Hilfe holen. Ich reite nach Quarth. Bei Einbruch der Nacht sollte ich dort ankommen und von dort aus kann ich Nachricht an die Kaltwasserfeste schicken. Dann bekommen wir unsere Verstärkung.“ Er richtete den Blick voraus. „Und was die Bestie angeht – sie hat Schmerzen, ist verletzt. Sie wird keine Gefahr darstellen.“

Santori nickte und sah sich unschlüssig um.

„Ich rate Euch, mir nicht zu folgen“, schlug Varren vor. „Sammelt Eure Leute, sucht euch einen sicheren Unterschlupf bis ich zurück bin. Wir werden noch früh genug in die Schlacht reiten.“ Dann gab er dem Pferd die Sporen und ritt los – Ikhit im Staub hinter sich herziehend.

Die Berge waren blass, wie der Wüstensand, der sie umgab. Steil erhoben sie sich einer Insel gleich aus dem Dünenmeer; blieben unnachgiebig, während die heißen Winde an ihnen brandeten. Merihsa sah keinen Weg hindurch, doch Jheira führte seine Leute zuverlässig durch einen Spalt, der gerade breit genug für ein Pferd war. Beunruhigt sah Merihsa die kahlen Wände hinauf, die sie von beiden Seiten einschlossen. Die tiefhängende Sonne tauchte ihre Spitzen in die Glut des Abendrots. Auf halber Höhe sah sie eine Ziege stehen, die die Ankömmlinge seelenruhig beobachtete.

Mit einem Mal weitete sich der Weg vor ihnen und gab den Blick auf ein schmales Tal frei. Auch hier war alles staubig und karg, einzig ein knöchriger Baum, kahl und grau, streckte die Äste in den Himmel. Zahlreiche Höhleneingänge gingen zu allen Seiten in die Berge ab. Es war der perfekte Unterschlupf. Aber noch etwas anderes erkannte Merihsa und Jheira schien ihre Gedanken zu erraten als er sagte: „Dies ist der Krähenfelsen oder auch al‘Fallah, wie ihn viele nennen. Ein heiliger Ort und älter als alle Könige und Königreiche. Kein Blut darf hier vergossen werden. Wir werden uns hier friedlich begegnen und bereden, was weiterhin geschehen soll…“ Bei den letzten Worten wurde er leiser und sah hinauf. Merihsa folgte seinem Blick und erspähte den kahlköpfigen Mann. Unbeweglich, in der sandfarbenen Tunika und mit den wie in Stein gemeißelten Gesichtszügen hielt sie ihn erst für eine Statue, bevor er die Hand zum Gruß hob und verschwand. Merihsa glaubte zwar, sich auch irren zu können, doch schien das Antlitz des Fremden, der offenbar eine Art Ordensträger war, Sorge und Trauer widerzuspiegeln. Jheiras eiliges Handeln bestätigte ihren Verdacht.

„Ruft die Clans zusammen, trefft alle Vorbereitungen für ihre Ankunft!“ Er stieg vom Pferd und wandte sich an Merihsas stummen Beschützer: „Sie bekommt ein eigenes Quartier, verstanden? Lass niemanden in ihre Nähe!“ Dann eilte er einen schmalen Pfad hinauf zu der Anhöhe und verschwand an derselben Stelle, wie der Fremde.

Merihsa ließ den Blick schweifen und sog die Luft in ihre Lungen. Die Luft und den Geist dieses Ortes, der einst Götter gebar.

Zhara fand es beängstigend, wie leicht Mandrek einen Weg in die Burg fand. Für sie waren diese Gänge unpassierbar gewesen, jedenfalls auf den ersten Blick. Doch er schien jede Lücke zu kennen oder vorauszuahnen und irrte nicht ein einziges Mal. Schließlich erreichten sie einen Bach, der sich seinen Weg plätschernd unter der Burg hindurch bahnte. Von oben fiel Licht herein. Durch einen schmalen Spalt konnten sie ein Gitter erkennen.

„Dieser Weg führt auf den Burghof“, erklärte Mandrek. Und mit einem vielsagenden Blick fügte er hinzu: „Beinah unmöglich zu erreichen.“

Zhara hasste ihn dafür, wie er sie beide manipulierte. Manchmal waren es nur Worte, kleine Bemerkungen, aber nicht selten hatte sie das Gefühl, dass er sie mit seiner Macht zu lenken versuchte. Die Enge um ihren Hals wurde dann unerträglich.

„Also gut“, meinte Syrian. „Wir gehen abwechselnd. Ich zuerst. Ich spähe die Lage aus und dann folgst du mir.“ Kein Vorschlag, sondern ein Befehl. Doch Zhara war nicht gekränkt. Dies hier war sein Auftragsgebiet und sie würde seinem Talent nicht im Wege stehen.

„Was ist mit den Wachen?“, fragte er an Mandrek gerichtet.

Der Eleifa schaute hinauf und verengte die Augen. „Es sind einige, aber alle tragen sie einen Kragen. Ich werde sie ablenken, solange es mir möglich ist. Ist müsst über den Burghof zum Bergfried gelangen. Von da aus seid ihr auf euch allein gestellt. Findet eure Freundin und wir treffen uns am vereinbarten Ort.“

Syrian nickte knapp, dann begann er den Aufstieg. Zhara fixierte derweil den Eleifa und spielte alle möglichen Szenarien durch, wie sie ihn töten konnte. Sobald Keisha befreit war, würde sie alles daran setzen, dass Mandrek seinen letzten Atemzug tat. Noch einmal wollte sie sich nicht versklaven lassen, erst recht nicht auf diese Weise.

Er sah zu ihr mit diesem Blick, als könnte er ihre Gedanken laut und deutlich verstehen. Sein verschmitztes Grinsen ließ sie kochen vor Wut.

„Ihr seid dran, meine Liebe.“

Zhara trat an ihm vorbei und kletterte durch den schmalen Felsspalt hinauf. Bogen und Köcher hatten sie im Lager gelassen. Beides wäre ihnen hier nur hinderlich gewesen. Einzig ihre Dolche hatten sie dabei und mehr hofften sie nicht einsetzen zu müssen.

Der Stein war glitschig, eiskalt und an manchen Stellen messerscharf. Sie kam nur langsam voran und gönnte sich nur hin und wieder einen Blick nach oben. Dort, zwischen den Gitterstäben hindurch, sah sie, wie der dichte Schnee fiel – grau vor einem dunklen Himmel. Syrians Schatten tauchte kurz auf und sie fragte sich, wie er es nur zwischen die Gitterstäbe geschafft hatte. Sie wirkten so eng beieinander.

Zweimal rutsche sie ab und schnitt sich dabei in die Finger, aber nicht tief. Schließlich schlossen sich ihre Hände um die Eisenstäbe, woran sie sofort zu gefrieren schienen. Syrian half ihr dabei, sich durchzuzwängen, auch wenn ihr das unmöglich erschien. Sie hatte Schwierigkeiten, doch mit einem Ruck beförderte er sie ins Freie.

„Komm, folge mir!“ Geduckt hechteten sie über den spärlich beleuchteten Burghof. Angewidert erkannte Zhara einen großen Leichenberg in der Mitte und fragte sich, was die Eleifa wohl damit vorhatten. Zu ihrer Überraschung musste sie feststellen, dass Mandrek Wort hielt. Die Wachen auf den Zinnen und auf dem Hof schienen sich beinah demonstrativ weg zu drehen, als würde ihre Aufmerksamkeit ganz plötzlich von irgendetwas anderem gefangen genommen. Die beiden Draka nutzen das aus und fanden einen Dienstboteneingang in den Bergfried.

Laute Stimmen, Gebrüll und sogar Gesang drangen an ihre Ohren – ein Fest. Zedar feierte seinen Sieg.

Vorsichtig schlichen sie durch die Gänge auf den Lärm zu. Zhara war ein wenig beeindruckt von Syrians Geschick, immer die verbliebenen dunklen Ecken aufzuspüren, die von den spärlichen Fackeln nicht erleuchtet wurden. So kamen sie beinah unsichtbar voran. Ab und zu warf sie mal einen Blick in einen der Räume links und rechts. Jedes Mal bot sich ihr dabei dasselbe Bild: die Türen waren eingetreten, die Räume verwüstet und geplündert. Die Eleifa hatten ganze Arbeit geleistet.

Weiter vorn wurde es geschäftiger. Mehrere Speisen und Krüge wurde vorbeigetragen – Nachschub für die hungrigen Besatzer. Zhara erkannte auf Anhieb, dass alle Sklaven Kragen trugen.

Syrian wies sie an, ihm in einen der verwüsteten Räume zu folgen. Drinnen erkannte sie an der kargen Bettstatt und dem wenigen Mobiliar, dass es sich um eine Dienstbotenstube gehandelt haben musste.

„Das ist unser Weg“, sagte Syrian. „Ich wette Keisha ist mit Zedar im Thronsaal bei den Festlichkeiten. Wir müssen uns als Dienstboten einen Zutritt verschaffen und nachsehen, wie es um sie bestellt ist. Ich werde gehen.“ Er löste den Dolch vom Gurt und reichte ihn an Zhara.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, du hast gegen sie gekämpft. Man wird sich an dein Gesicht erinnern. Ich werde gehen.“ Mit diesen Worten löste sie ihren Dolch.

„Aber du bist ihre Gefangene gewesen“, hielt Syrian dagegen. „Sie werden sich ebenso an dich erinnern.“

„Das bezweifle ich.“

Entschlossen standen sie einander gegenüber, den eigenen Dolch dem jeweils anderen entgegenhaltend. Schließlich seufzte Syrian.

„Na schön, lass es uns ausknobeln…“

„Gern“, bestätigte Zhara und als er gerade seine Waffe wieder anband, steckte sie ihm ihren Dolch in den Gurt und huschte aus dem Zimmer. Seine gezischten Widerworte blieben ungehört. Sie schlich zu dem Punkt, an dem sich beide Gänge kreuzten, wartete auf den nächsten Sklaven und zog ihn samt zweier Brotlaibe in die nächste dunkle Ecke. Ein Problem blieb noch: der Kragen. Fieberhaft überlegte sie, was zu tun war, da trat Syrian an sie heran und reichte ihr ein paar dunkle Lappen. „Binde sie dir um den Hals. Ich denke, sie sind alle viel zu betrunken um darauf zu achten.“

Dankend nahm sie die Tücher entgegen, band sie um, nahm das noch warme Brot auf und verabschiedete sich von ihm mit einem letzten Nicken. Dann setzte sie einen leeren Blick auf und folgte dem Lärm zum Thronsaal.

Der kleine Zwischenfall hatte die Feierlaune der allerwenigsten im Saal drücken können. Die meisten hatten mit dem feucht fröhlichen Vergnügen nur für einen Augenblick inne gehalten, bis die Draka wieder an ihrem angestammten Platz saß. Gleich darauf hätte man glauben, es wäre nichts gewesen. Man prostete einander zu, stopfte fetttriefendes, in Honig gebackenes Fleisch und herzhafte Pasteten in sich rein. Met und Gewürzweine flossen in Strömen. Einige der Kragenträger wurden zum unfreiwilligen Tanzen aufgefordert und ernteten dafür brüllendes Gelächter. General Dorn stand halb auf der Bank, halb auf dem Tisch und stimmte in tiefem Brustton ein altes Seemannslied an, in welches seine Männer sogleich mit einfielen.

Raenar saß an derselben Tafel und das hatte er einer folgenschweren Veränderung zu verdanken.

General, dachte Raenar verbittert. Der neue Titel und die neuen Ehrenabzeichen machten aus ihm noch lange keinen neuen Menschen. Und sie ließen ihn auch keineswegs überzeugter sein. Dieses ganze Gerede von den Schlunden und der anderen Macht, mit der dieser Krieg gewonnen werden sollte, machte ihn ganz krank. Die Kragen hatte er zu akzeptieren gelernt. Mit Kragenträgern Krieg zu führen war wie Schach spielen – darin hatte er Talent. Aber Wesen und Kräfte aus der Unterwelt? Das sprengte seinen Horizont und auch beinah seine Loyalität. Aber eben nur beinah.

Er leerte den Humpen vor sich und ließ nachfüllen. Er war noch nüchtern genug um seinem Unmut nicht lautstark Ausdruck zu verleihen aber eben auch noch nicht betrunken genug um endlich das Bewusstsein zu verlieren. Ganz im Gegenteil zu General Grafen, der nur ein paar Plätze weiter saß. Auf dem schlafenden Gesicht des alten Mannes spiegelte sich wahrliche Glückseligkeit wider. Die knotigen Hände glänzten vom Fett und die kragentragende Norska auf seinem Schoß, die er sich als Hure hielt, schaute sich nur stoisch um. Eine echte Hure hätte ihren schlafenden Freier nach Gold und anderen Wertsachen durchsucht, doch nicht einmal das konnte diese Kragenträger.

Missmutig spülte Raenar den würzigen Wein in sich hinein und als eine weitere Dienerin vor ihm auftauchte, wollte er sie wütend fortschicken: „Verschwinde, verdammt nochmal. Ich will nichts mehr“, lallte er. Die Kragenträgerin, eine Draka, schaute ihn einen Moment lang erschrocken an, bevor sie sich wieder abwandte.

Hat sie sich wirklich erschrocken? Sein alkoholumnebeltes Hirn arbeitete langsam, dennoch kam ihm daran etwas komisch vor. Er suchte die Tafel ab und dort, vor dem rotbärtigen Urghen, der sich Hühnchenreste aus dem flammenden Gesichtshaar zupfte, fand er sie wieder. Ein paar Mal musste er Blinzeln um zu erkennen, dass ihr Blick ganz klar war, nicht so abwesend, wie bei den anderen Sklaven. Und war das wirklich ein Kragen um ihren Hals?

Raenar riss die Augen weit auf und folgte dem Blick der Draka. Offenbar versuchte sie irgendwie in Kontakt zu Zedars Schoßhündchen zu treten. Fasziniert von seiner Entdeckung blieb er reglos sitzen und beobachtete das Schauspiel, bis die Draka sich jäh umdrehte und auf den Ausgang des Saals zustrebte.

Verwirrt blieb er noch kurz sitzen, ehe er sich schwerfällig erhob und ihr hinterher schwankte. Nachdem er sich hinaus gedrängelt hatte, suchte er die spärlich beleuchteten Gänge ab. Dabei kam in ihm immer wieder die Frage auf, was er hier eigentlich tat? War das alles vielleicht nur eine Sinnestäuschung, ein Alkoholausflug, an den er sich am nächsten Morgen nicht mehr erinnern würde? Was genau glaubte er denn herauszufinden?

Er lief den Dienstboten entgegen und erkannte schließlich eine Gestalt, die vor allen anderen abbog. Die Welt zu seinen Füßen war unstet und er fühlte sich auf ein Boot bei hohem Wellengang versetzt. Mit einer Hand an der Wand abstützend schlurfte zu der Kreuzung. Der Gang, in dem die Draka verschwunden war, lag beinah vollständig im Dunkeln. Bei klarem Verstand hätte er womöglich Verstärkung oder zumindest sein Schwert mitgenommen. Doch eigentlich war ihm noch immer nicht ganz klar, wen oder was er zu finden erhoffte. Er nahm eine der Fackeln aus der Halterung und stapfte unsicher voran. Rechts neben ihm tauchte der erste Raum auf und er leuchtete hinein. Ein paar Füße erschienen im Leuchtkegel. Er ging weiter hinein und fand einen bewusstlosen Norska vor, da schob sich ihm eine Klinge an den Hals. Jemand trat ihm in die Kniekehlen und stöhnend ging Raenar nieder.

„Du redest nur, wenn du gefragt wirst, ansonsten bleibst du still oder ich schneide dir die Kehle durch“, flüsterte ihm eine eiskalte Stimme zu.

Syrian hatte nicht im selben Raum warten wollen, in dem er sich von Zhara verabschiedet hatte. So konnte er einer Falle entgehen und selbst eine stellen. Letzteres war geglückt. Der Eleifa zu seinen Füßen war hochdekoriert, offenbar ein General. Syrian packte ihn am Kinn um seinen Kopf zu fixieren, da strichen seine Hände über eine Wunde an der Wange. Der General zuckte leicht.

„Diese Verletzung… ist es ein Brandmal?“, fragte Syrian, der die Ränder der wunden Stelle abtastete. Mit einem Mal wusste er, wer ihm hier in die Falle getappt war und der Andere schien ihn nun ebenfalls erkannt zu haben.

„So, so, wen haben wir denn da?“, höhnte er. „Wer ist nun der Mistkäfer?“

Der Eleifa schnaubte verächtlich. „Und erneut beweist Ihr nur, dass Ihr zu nichts anderem als ehrlosem Schleichen fähig seid.“

Syrian erkannte, dass sein Opfer stark lallte und grinste innerlich. Betrunkene sprechen immer die Wahrheit. Er beschloss, es auszuprobieren: „Nun, Herr General. Um der Höflichkeit gütlich zu tun – Euer Schlächter hört auf den Namen Syrian und Ihr?“

Erneut kam der Eleifa kurz ins Schwanken. „Raenar, wenn Ihr es wirklich wissen wollt.“

Syrian unterdrückte einen Jubelschrei, verstärkte stattdessen den Druck der Klinge. „Da wir uns nun vorgestellt haben, wärt Ihr so freundlich mir zu verraten, was Ihr mit Eurer Gefangenen vorhabt?“

„Welcher?“

„Zedars persönliche Gefangene.“

Der Eleifa schmatzte ein paar Mal, als würde er die Antwort erst kosten müssen, bevor er sie aussprach: „Keine Ahnung. Er weiht uns nicht in alle Pläne ein. Vielleicht braucht er sie um einen der Schlunde zu öffnen, aber andere sagen, er zwingt sie dazu ein Wegetor zu schaffen. Wie dem auch sei, ich glaube, er will sich mit ihr nur im Bett vergnügen…“ Die Wut kochte in Sekundenschnelle in Syrian hoch und er war selbst davon überrascht. Er schlug dem General auf die Brandwunde und hielt ihm gleich darauf den Mund zu um den Schrei zu unterdrücken.

„Noch ein Wort darüber und ich entledige Euch eines Ohres, verstanden?“

Schnaufend kam Raenar zur Ruhe und nickte langsam. Syrian kämpfte derweil selbst mit seinem pochenden Herzen.

„In Ordnung, also was habt Ihr gesagt? Einen der Schlunde? Was soll das bedeuten?“

Raenar schüttelte den Kopf. „Das ist überhaupt das Beste am Ganzen: drei Schlunde und Zedar will sie alle öffnen. Und mich schickt man in den Norden, über die Berge. Nur wegen so eines Dämonentores. Ist das zu glauben? Kann man das tatsächlich glauben? Dafür haben sie mich extra zum General gemacht! Es ist ein Witz, ein völliger…“ Ein Ruck ging durch seinen Körper und ehe Syrian reagieren konnte, kippte der Eleifa nach vorn und erbrach sich. Syrian trat von ihm zurück und betrachtete das bedauernswerte Häufchen Elend mit Verachtung.

Zhara trat zu ihm heran.

„Ich habe nicht bemerkt, dass er mir gefolgt ist“, sagte sie.

„Ist schon gut“, beschwichtigte Syrian. „Er ist hilfreich gewesen.“

„Gut.“ Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Ich habe Keisha gesehen. Sie… sie ist…“ Syrian wandte sich zu ihr um und suchte in ihrem besorgten Blick nach dem, was sie zu sagen nicht über sich brachte. Dann weiteten sich ihre Augen. Er verstand es einen Moment zu spät und als er sich dann zu Raenar umdrehte, raste schon die Fackel auf sein Gesicht zu.

"Levekei…" der Norska neben ihm atmete schwer. Levekei hatte einen harten Marsch befohlen und die wuchtigen Nordkrieger würden nicht mehr lange mit den leichten und drahtigen Eleifa mithalten können. Levekei verlangsamte seinen Schritt, um dem Norska eine Chance zu reden zu geben. "Die Armee Zedars ist zum Stillstand gekommen…. Svensson hat mir die Nachricht übermittelt, dass sie auf jemanden warten, ich glaube, es soll ein General mit neuen Plänen bezüglich des Auftrags sein." Der blonde Hüne atmete erleichtert auf, als der Eleifa das Zeichen zum Anhalten gab. Trotz der Schneeschuhe war jeder Schritt in dem tiefen Schnee anstrengender als hundert auf normalem Grund. Zumindest kam es ihm so vor. Die Eleifa spazierten teilweise beinahe über die Schneedecke. Sie hatten eine Art zu laufen, welche Olafsson an die Draka erinnerte. Leicht, unbeschwert und man hatte den Eindruck, dass ihre Füße kaum den Boden berührten. Sein Blick glitt über die Gruppe an Widerständlern. Sie war gewachsen und sie wuchs mit jedem Tag weiter. Dunkelhaarige Eleifa und hellhaarige Norska, die zusammen kämpften. Nie hätte Olafsson sich das vorstellen können.

"Dann werden wir mehr Zeit haben, die Falle vorzubereiten. Ich will auf jeden Fall vor dieser Armee am Seekartpass sein." Levekei schürzte sich die Lippen und sah zu den Bergspitzen. Der Seekartpass war ein schmaler Pass, der in das Hochgebirge führte. Genau dorthin wollte die kleine Armee Zedars. Wenn sie den Pass vor ihnen besetzen konnten, würden sie niemals dort durch kommen…zumindest nicht ohne große Verluste. Eine alte, verlassene Festungsruine stand dort oben. Svensson einer der besten Kundschafter, die Levekei jemals kennen gelernt hatte, hatte sie ihm bis ins letzte Detail beschrieben. Der Eleifa fragte sich immer noch, woher Svensson all seine Informationen bezog. Der für einen Norska kleine und drahtige Mann mit den feuerroten Haaren war ein wahrer Meister seines Faches.

Antero gesellte sich zu ihnen und folgte Levekeis Blick. "Wir werden es schaffen. Zedar darf es nicht ermöglicht werden, sein Ziel zu erreichen…was auch immer dieses ist." Er nickte zu Olafsson. "Hat dein Bruder auch herausgefunden, was diese Armee für einen Auftrag hat?"

Der rotblonde Riese zuckte mit den Schultern. "Offensichtlich haben selbst die derzeitigen Obersten der Gruppe keine Ahnung, was sie tun sollen. Sie haben bisher nur den Ort an den sie ziehen vor seinen Ohren erwähnt. Es ist unglaublich praktisch, dass unser Schmied einen schwarzen Metallkragen für ihn herstellen konnte. Jeder glaubt, er sei ein Sklave und plaudert in seiner Gegenwart fröhlich aus dem Nähkästchen."

Levekei starrte ihn an. "Euer Schmied hat bitte was getan?"

Der Norska fletschte seine weißen Zähne, als er grinste. "Wir haben eine Metalllegierung gefunden, deren Farbe genauso dunkel ist, wie die des Kragens. Ragnar hat Svensson ein wunderschönes Exemplar angepasst und direkt um den Hals geschmiedet, so dass man genauso wenig wie beim echten Kragen eine Öffnung erkennen kann. Svensson hat ein paar Brandwunden beim Verschließen abbekommen, aber das macht meinen schmächtigen Bruder auch nicht hässlicher."

Levekei gab erneut das Zeichen zum Aufbruch und lachte dabei in sich hinein. Diese Norska waren erfinderisch. Er war sich auch nicht sicher, ob sie mutig oder einfach nur lebensmüde waren.

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Kommentare

Admin Foto: marenzeller / photocase.com
28|07|2014, 11:44

  • Wer ist das Kinderschokoladen-Kind?
    Es verfolgt uns in den Gängen des Supermarkts mit seinem penetranten Lächeln. Das Strahlen seiner blütenweißen Zähne blendet uns vor dem Schokoladenregal...
  • Bevor wir das Zeitliche segnen
    Alfred Korzybski war Pole, Amerikaner, Adeliger, Ingenieur und Linguist. Das war vor einiger Zeit, doch genau in dieser hat er auf ewig seinen Fußabdruck hinterlassen.
  • Wahrscheinlich Ponyhof
    Über energetisch geforderte Orchideen und die musikalische Spannkraft von Russischer Zeder.

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