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Erst rülpsen die, dann beten die

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Ich bin dreimal sitzen geblieben, viermal von der Schule geflogen, war Außenseiter, hatte Konflikte mit Eltern, Nachbarn, Lehrern und Polizei. Als ich 50 wurde dämmerte es mir, dass ich das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom AD(H)S haben könnte. Heute heißt bei mir ADHS: Auch Du Hast Stärken! Manchmal benutzt Gott merkwürdige, des Merkens würdige, Wege, um sie auf seine Liebe aufmerksam zu machen.

Nach meiner Schulbefreiung (man kann nur 3 x sitzenbleiben, danach hat man die "Schulpflicht erfüllt") gammelte ich drei Monate herum, schlief auch mal in Gartenlauben, bis mein Vater mir den Vorschlag machte, an einer christlichen Freizeit in einer Jugendherberge in Veckerhagen in der Nähe von Kassel teilzunehmen. Aus lauter Langeweile sagte ich zu, zumal ich sowieso keine Bindung an irgendjemanden oder irgendetwas mehr hatte.

Auf der Freizeit werkelten die Jungs, und die Mädchen bastelten. Weil ich aber weder werkeln noch basteln wollte, setzte ich mich einfach zu den Mädchen, denen ich von meiner Mutter erzählte und vorklagte. Hanna, meine heutige Frau, widersprach mir damals vehement. Sie sagte mir, dass ich nicht so schlecht über meine Mutter reden solle, dass ich sicher übertreiben würde, so schlimm könne es doch gar nicht gewesen sein. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass eine Mutter so brutal zu ihrem Kind war, wie meine Mutter es zu mir gewesen war.

Am ersten Abend passierte dann etwas, das mein Leben auf den Kopf stellte. Auf der Freizeit war ich in einem Acht-Mann-Zimmer untergebracht. Der Leiter der Freizeit war ebenfalls bei uns einquartiert. Kurz vor dem Schlafengehen fragte er, ob wir nicht Lust zum Wettrülpsen hätten. Das fand ich natürlich cool, das war meine Wellenlänge. Wir hatten dann jede Menge Gaudi und richtigen „Männerspaß“. Nach etwa 20 Minuten aber sagte der Leiter auf einmal: „Jetzt haben wir genug Scheiß gemacht, jetzt wollen wir den Abend langsam ausklingen lassen und noch gemeinsam beten.“ Ich dachte, mir fällt die Kinnlade herunter. Erst rülpsen die, dann beten die. Dieses Christsein war so viele Lichtjahre von dem Christsein entfernt, das ich bisher zu Hause kennengelernt hatte, dass ich total verwirrt war. Bisher hatte mich der christliche Glaube abgestoßen, besonders das Verhalten meiner Eltern und vieler anderer Christen. Aber hier schien alles anders. So diskutierte ich dann am nächsten Tag eine lange Zeit mit dem Freizeitleiter über den Glauben, Gott und die Bibel. Meine Vorurteile brachen wie ein Kartenhaus zusammen.

Allerdings hatte ich ein großes Problem. Was ist, wenn ich Christ werde und mir das alles plötzlich zu eng, zu komisch oder zu peinlich wird? Kann ich da auch wieder aussteigen? Nachdem der Freizeitleiter mir klargemacht hatte, dass ich jederzeit wieder aussteigen könne, ging ich das Experiment ein und bat, wie er mir empfohlen hatte, diesen Jesus, mir meine Schuld zu vergeben. Und in dem Bereich hatte ich einiges auf dem Kerbholz! Ich betete dann zum ersten Mal in meinem Leben ehrlich und lud diesen Jesus ein, in meine Machtzentrale, mein Herz, mein Denken zu kommen und mein Wesen zu verändern. In diesem Moment habe ich Jesus existenziell, fast körperlich erfahren. Ich habe plötzlich gewusst, das stimmt doch alles mit Gott. Ich konnte schlagartig glauben! In diesem Moment heulte ich unendlich viel. Gott öffnete den Vorhang vor meinem inneren Auge, mir wurde auf einmal klar, was sich in der Vergangenheit an Negativem und an Schuld in mir angesammelt hatte. Es war, als wenn Jesus einen Film meines Lebens vor mir abspulte. Ich heulte vor Scham und Trauer über mich. Und gleichzeitig heulte ich vor Freude, Glück, Befreiung und Begeisterung. Jesus hatte mir meine Schuld abgenommen, das, was ich immer verdrängt hatte. Es kam mir vor, als ob ich einen riesigen Betonklotz in meinem Rucksack gehabt und seit meiner Geburt mit mir herumgetragen hätte, den Jesus mir jetzt „einfach“ von meiner Schulter genommen hatte. Diese Erleichterung und Befreiung kann ich heute fast noch körperlich nachempfinden.

Als ich nach dem Gebet und dieser Entscheidung für ein Leben mit Jesus rausging zum Spazierengehen und Nachdenken, kam es mir vor, als wenn ich die ganze Welt mit neuen Augen sehen würde. Ich war neu geboren, wie die Bibel sagt, und es war einfach ein Wahnsinn, cool, geil, stark, irre, toll. Alles sah plötzlich anders aus, die vorbeifließende Weser, die Bäume, die Häuser, alles. Neu geboren. Das Gefühl konnte ich nicht beschreiben, damals nicht und auch heute nicht. Später habe ich mitbekommen, dass Menschen Jesus sehr unterschiedlich erfahren und wahrnehmen, manche sehr emotional, wie ich, andere eher sachlich. Auch meine Frau hat, als sie Christ wurde, eine ganz andere, viel weniger emotionale Gotteserfahrung gemacht, die eher ein Prozess war und weniger eine momentane Entscheidung. Heute, 48 Jahre nach dieser Entscheidung, kann ich sagen, dass ich noch keinen Tag bereut habe mit diesem Jesus, einfach spannend und herausfordernd. Im laufe der Zeit konnte ich immer mehr lernen barmherzig und gelassen mit mir und anderen umzugehen. Bin aber noch weiter am Üben.

Arno Backhaus – Baujahr 1950

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