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Alles Öko - oder was . . .

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„Angie, warte doch mal!“

Dieser Ausruf ließ mich abrupt stehen bleiben, obwohl ich wirklich keine Zeit hatte. Langsam und ungläubig drehte ich mich um. Tatsächlich, Karin Müller rannte im Top Speed hinter mir her. „Hach, dich hier zu treffen“, japste sie. „Geht deine Tochter auch hier in die Kita?“

„Ja, seit kurzem“, antwortete ich und musterte Karin unauffällig. Sie hatte sich kaum verändert, trug einen sackartigen, offensichtlich selbstgestrickten Pullover, Baumwollhosen mit Gummizug in der Taille und die obligatorischen Birkenstocksandalen. Ihr Motto war seit jeher: ‚Ich bin ökologisch einwandfrei aufgestellt und man sieht es mir an'.

Auch Karin taxierte mich von oben bis unten. „Gut siehst du aus in dem Business-Kostüm und mit den hochhackigen Schuhen. Du bist wohl berufstätig? Geht das nicht auf Kosten der Familie? Aber du warst ja schon früher so ehrgeizig.“

Ich lächelte Karin mild an. „Wie die Zeit vergeht, was. Ja, ich bin voll berufstätig. Meine Tochter wird von einer Tagesmutter betreut. Sie hat mein vollstes Vertrauen, wirklich.“

Karin zog die Augenbrauen hoch und zupfte Wollflusen von ihrem Pullover. „So, so, eine Tagesmutter. Bist du überhaupt verheiratet? Also mein Ernst-Uwe ist ein toller Vater, aber das weißt du ja. Er geht sehr verantwortungsvoll mit den Kindern um. Er kocht natürlich vegetarisch und backt noch immer seine wunderbaren Dinkelkekse. Wir zeigen unserem Nachwuchs den richtigen Weg in ein natürliches Leben. Da ziehen wir an einem Strang.“

Natürlich erzählte ich Karin nicht, dass meine Tochter bei einem One-Night-Stand entstanden war. Ein verheirateter Kollege war der Vater. Er sah gut aus, war intelligent, hatte zwei gesunde Kinder und demzufolge gutes Erbmaterial.

„Ich bin mit meinem Beruf verheiratet und sehr erfolgreich“, sagte ich stattdessen. „In meiner Position wäre ein Mann eher hinderlich. Wir sind eine glückliche Minifamilie. Wir ernähren uns gesund, nur kocht die Tagesmutter und nicht ich. Wir sind überhaupt sehr umweltbewusst mit allem was dazugehört: Mülltrennung, keine Einwegflaschen, Ökostrom, Biolebensmittel, was man eben so macht. Das sollten wir unseren Kindern wirklich vorleben!“ Ich schaute demonstrativ auf meine Rolex. „Du, es tut mir echt Leid, aber jetzt muss ich los. Die Chefin sollte möglichst pünktlich sein.“

***

Auf dem Weg zur Firma ließ ich die früheren Begegnungen mit Karin revuepassieren. Sie und ich waren alte Schulkolleginnen, wenn auch keine Freundinnen. Irgendwann waren wir uns in einem Schwangerschaftsvorbereitungskurs über den Weg gelaufen und hatten gewettet, welches Kind zuerst auf die Welt kommen würde, mein erstes oder ihr viertes. Natürlich war ihr Kind schneller. Ich nahm an dem Geburtsevent teil, um hautnah zu erleben, was auf mich zukommen würde.

Ich erinnerte mich gut:

Karins Familie war vollständig versammelt, denn schließlich war es eine Hausgeburt. Ihr Ernst-Uwe schenkte Kaffee an die Erwachsenen und Kakao an die Kinder ein. „Natürlich aus ökologisch fairem Anbau, das versteht sich“, betonte er. Seine Mutter saß am Fenster uns strickte. „Ein Strampler, ich verwende naturreine Baumwolle.“

Die werdende Mutter beschwerte sich, weil die Wehen nicht oft genug kamen. Sie hatte eigentlich noch Brot backen wollen. Sie lächelte mich tapfer an. „Lass dir bloß nichts gegen die Schmerzen geben. Das Zeug taugt nichts und bringt dich um das Geburtserlebnis. Du kannst lieber Kamille nehmen.“

„Die Blüten sind aus unserem Garten, natürlich ungespritzt“, mischte sich Ernst-Uwe ein, während er sich einen merkwürdig aussehenden Keks in den Mund stopfte. Er hielt mir den Keksteller unter die Nase. „ Aus Dinkelmehl, habe ich heute früh gebacken.“

Ich winkte ab, mir war urplötzlich schlecht geworden, und verabschiedete mich hastig. Im Hinausgehen hörte ich Karin:„Leute, Kinder! Gleich kommt das Köpfchen, schaut mal genau hin. Nicht erschrecken wegen des Blutes, es tut überhaupt nicht weh!”

***

In der Folgezeit traf ich Karin öfter, wenn ich meine Tochter zur Kita brachte. Sie musterte mich meist missbilligend, wenn ich aus dem Auto stieg. „Tja, nicht jeder kann es sich leisten, mit den Ressourcen unseres Planeten zu ahsen“, bemerkte sie spitz.

„Nicht jeder kann es sich leisten, seine Zeit auf dem Fahrrad zu verplempern, wenn er Termine hat“, antwortete ich nicht weniger sarkastisch.

An diesem Morgen passte Karin mich offensichtlich vor der Kita ab. „Also“, begann sie genüsslich. „Wie du vielleicht weißt, bin ich im Festkomitee für unser anstehendes Sommerfest. Wir haben beschlossen, dass wirklich jeder seinen Beitrag für das Fest leisten muss. Du bist hiermit beauftragt, ein einen großen Kuchen zu backen! Aber selbstverständlich aus natürlichen Zutaten. Schummeln und Backmischungen kommen nicht in Frage!“

„Einen Kuchen?“, nuschelte ich erstaunt. „Das ist zwar zeitlich schwierig, aber ich werde es hin bekommen.“ Niemals hätte ich zugegeben, dass ich noch nie gebacken hatte und nicht vorhatte, diese Tätigkeit zu erlernen.

„Das wäre ja dann geklärt.“ Karin streckte mir ihren Bauch entgegen. „Hast du’s bemerkt? Sechster Monat.“ Sie strahlte mich an. „Mein Mann muss nur seine Unterhose an den Bettpfosten hängen, schon schnackelt’s. Manchmal glaube ich, dass mein Körper immer empfängnisbereit ist.“

„Ja, wenn man selbstgehäkelte Verhüterlies benutzt“, grinste ich sarkastisch. „Dann kommt’s halt so.“

Karin riss die Augen auf. „Woher weißt du das jetzt. Aber daran liegt’s nicht. Sie sind aus fairer Baumwollen, sehr passgenau und reißfest, waschbar, deshalb wiederverwendbar und umweltfreundlich! Und schau mal mein Pulli! Den hat mein Mann mir zum Geburtstag gestrickt. Ist er nicht toll!“ Sie wies auf ihren schlabberig - unförmigen Pullover. „Und er backt die besten Kekse der Welt!!“

So viel Umweltbewusstsein ließ mich einknicken. Ich drehte mich auf dem Absatz um. „Ich muss dann mal. Und ich denke an den großen Kuchen!“

In der Bäckerei meines Vertrauens angekommen gab ich genaue Anweisungen. „Sie könnten vielleicht einige Stückchen Eierschale in den Teig geben. Der Kuchen kann auch ruhig etwas klitschig sein. Hauptsache er sieht aus wie handgeknetet.“

Die Fachverkäuferin musterte mich einen Augenblick und grinste. “Ah-ha, ist wohl für das Sommerfest, was. Ja, da haben wir schon eine Großbestellung.“

Ich stutzte ich und deutete stumm auf die drögen Kekse, welche hinter ihr auf einer Ablage vor sich hin bröselten.

“Genau die, aber empfehlen tu ich Ihnen die nicht so gern! Dinkelmehlkekse, staubtrocken. Wir backen sie extra für einen Kunden, der sie in großen Mengen kauft. In diesem Fall eben für das Sommerfest.”

Ich verließ die Bäckerei um einige Illusionen ärmer, doch rückte dieses Erlebnis mein Weltbild wieder zurecht, rettete meine ganz persönliche Weltordnung.

Beim Abholen des Kuchens würde ich mich unauffällig nach Häkelkondomen umsehen und vielleicht gab es hier sogar merkwürdige Schlabberpullover aus fairer Baumwolle.

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Kommentare

TynaWH cool, kurzweilig und richtig gut nachvollziehbar :-D bestimmt hat jeder mindestens eine solche Ökobekanntschaft..
26|09|2016, 12:13

Saphira Nach drittem Mal lesen stelle ich fest, ja ich weiß auch auch nicht, Ich habe selten etwas so originelles gelesen!! Die DREI Sterne die mir verrutschen , bat ich Amelie nachzureichen!!! Noch mal toitoitoi!Danke für dienen kommi und deine Wertung!!! Freue mich sehr! und ja deine Story ist einfach klasse!
11|08|2014, 20:02

Angiej Hallo Saphirs, tja, es kann nicht alles jedem gefallen. Keine Ahnung, ob Du humorlos bist oder der Text einfach nicht deins ist. Jedenfalls vielen Dank für den Kommentar und einen schönen Abend für Dich Angie
11|08|2014, 18:59

Saphira ich wünsche dir viel Glück aber so wirklich erheitert hat mich der Text, auch nach dem zweiten Mal Lesen nicht! vielleicht binichzu humorlos, ist es mir zu ..hm übertrieben? ABER es ist völlig im Thema!!! Gruß Saphira
11|08|2014, 15:04

Amelie Weltrettung darf jeder interpretieren, wie er möchte :-)
01|08|2014, 11:39

Angiej Meiner Prota meine ich natürlich!!!
11|07|2014, 09:06

Angiej Hallo pendlbauerin, zumindest ist die Welt meiner Protz wieder im Lot und somit gerettet. Ich hatte die Vorgabe so verstanden, dass es nicht um die ganz große Weltrettung ging, sondern auch um die eigene Welt. Findest Du, dass der Text nicht zum Thema passt? Kannst Du mir das bitte erläutern? Vielen Dank und einen lieben Gruß in Deinen Tag von Angie
11|07|2014, 09:06

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