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Spaghetti Carbonara

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Viele Menschen meinen, es wäre feige vor Problemen davon zu laufen, aber vielleicht haben diese Menschen die Tiefen, die das Leben für jeden von uns bereithält, noch nicht kennen gelernt und können uns daher dafür verurteilen, denn sie fühlen sich in der weichen Watte, die sie umgibt sicher und gewärmt. Der Sitz des Airbus 380, der gerade zur Landung ansetzte, war alles andere als aus Watte, er war unbequem. Es war ein Flug voller Turbulenzen gewesen, wie mein Leben. Der Flug würde nun bald zu Ende sein, mein Leben jedoch sollte erst beginnen. Ich flog einem Neuanfang entgegen. Einem Ort an welchem ich endlich meine Sorgen hinter mir lassen konnte und das Gefühl der Trostlosigkeit, welches mich hinter jeder Ecke schadenfroh angelacht hatte, konnte nun in irgendeinem Regal verstauben, denn ich hatte es nicht in meinen Koffer eingepackt. Der Weg war auf meiner Reise nicht das Ziel, denn er war hart und beschwerlich, die Steine und Felsbrocken, die mir vor die Füße geworfen wurden, erfüllten ihren Zweck und brachten mich immer wieder zu Fall. Das Ziel war glücklich zu werden. Keiner hätte es je von mir erwartet, dass ich eines Tages einfach verschwinden würde. All die gefühllosen, blinden Menschen, die mir jeden Tag zu lachten und mich für meine Heiterkeit, die nur eine von ihren Illusionen war, bewunderten, hatte ich überrascht. Die beiden Menschen, zu welchen ich am unehrlichsten von allen war, hatte ich bestimmt auch überrascht, den einen im positiven Sinne, den anderen hatte ich im Stich gelassen – mich und meine Freundin. Ich wollte keinen Gedanken mehr an die Vergangenheit verschwenden, denn meine Psychologin hatte mir einmal als Grund für meine Traurigkeit das Glorifizieren der Vergangenheit, welches eines meiner größten Hobbys war, genannt. Es war eines jener Hobbys, die einem das Leben kosten können, wenn man Pech hat und ehe man sich versieht ist man ganz auf sich alleine gestellt. Dem war ich zuvor gekommen, ja ich hatte einen klugen Schachzug getätigt, ich war brillant, denn bevor man mir alles nehmen konnte, hatte ich einfach alles zurück gelassen. Das Zeichen, welches den Passagieren zeigte, dass man sich nun anschnallen musste, leuchtete und blinkte grün und blau vor Ärger, denn ich war mutig, ich hatte meinen Gurt nicht geschlossen. Mit offenem Gurt und einem Neuanfang im Sinn näherten wir uns dem Boden, von dem ich mich jedoch nicht wieder auf den Boden der Realität, die mit zweitem Namen Trostlos hieß, bringen lassen wollte.

Erst gestern Abend war ich noch bei meiner süßen, ahnungslosen Freundin gesessen. Das Glück in ihrem Leben war nun verschwunden und hatte eine leere Stelle hinterlassen, die jedoch schnell vom Unglück besetzt wurde. Das Glück war ohne Verabschiedung gegangen und würde später umgetauft werden, vielleicht auf Idiot, Feigling oder vielleicht auch auf Albtraum aller Schwiegereltern. Gestern hatte sie noch für mich gekocht, Spaghetti Carbonara, sie war wohl auch, was meinen Geschmack betraf, ahnungsloser als ich vermutet hatte. Das Abendessen verging wie in Zeitlupe. Zwei Menschen saßen an einem Tisch, der eine dachte an die gemeinsame Zukunft und der andere an seine Reise, die ihn weit weg von allem bringen sollte. Weit weg von der Freundin, die beim Kauen Geräusche von sich gab. Weit weg von der Freundin, die nie gelernt hatte Spaghetti mit Gabel und Löffel zu essen. Und weit weg von Spaghetti Carbonara.

Als sanft konnte man auch die Landung des Flugzeugs nicht bezeichnen, denn es setzte ruckartig auf und ich musste mich festhalten, denn mein Gurt war noch immer offen. Dieser Ruck symbolisierte den neuen Beginn, den Schlussstrich, der die Vergangenheit von der Gegenwart trennte. Mit eiligen Schritten sprang ich aus dem Flugzeug, hinaus in die Gegenwart und stolperte fast. Es regnete und meine Tasche schlug beim Gehen gegen meinen Oberschenkel, die Tropfen rannen über mein Gesicht und die Nässe schlüpfe unter mein Gewand, ich war angekommen und das konnte ich spüren. Ich genoss den Augenblick, auf Blicke von Menschen, die sich vermutlich dachten, ich würde mir eine Lungenentzündung holen, wenn ich hier stehen blieb, achtete ich nicht. Passt nur selbst auf, dass eure warme Watte nicht nass wird und kaputt geht!

Ich wusste nicht, wie lange ich dort stand, vielleicht waren es nur Minuten, vielleicht eine Stunde. Irgendwann jedoch siegte die Vernunft gegen die Lebensfreude und ich eilte zum nächsten Taxi, das mich in mein Hotel bringen sollte. Es war ein teures Hotel, an meinem Lebensanfang sollte es nichts zu bemängeln geben. Der Taxilenker versuchte krampfhaft ein Gespräch mit mir zu beginnen, er war so interessiert, wollte wissen, woher ich kam, was mich hierher führte und welchen Beruf ich hatte. Beengt von den vielen Fragen, kurbelte ich das Fenster hinunter und ließ mir den kalten Regen ins Gesicht prasseln. Der Regen muss seine Freude mit mir gehabt haben, ich war immerhin einer der wenigen Menschen, die bei seinem Anblick nicht angewidert das Gesicht verzogen. Dem Taxilenker gefiel es nicht besonders, dass sein Auto nass wurde, doch der Straßenlärm übertönte ihn, seine Bitten und seine Fragen. Als ich aus dem Taxi stieg war von dem anfänglichen Interesse und der Freundlichkeit nur noch ein genervter Blick übrig, der sich jedoch mit dem Trinkgeld schnell wieder erhellte.

Sofort beim Betreten des Hotels eilte mir ein junger Mann entgegen. Er fragte mich höflich, ob er mir meinen Koffer abnehmen und mir mein Zimmer zeigen dürfe. Die Frage mit dem Koffer bejahte ich, doch bevor ich es mir auf dem Zimmer gemütlich machte, wollte ich noch eine Kleinigkeit essen. Den ganzen Flug über hatte mein Magen geknurrt und sich gemeinsam mit mir darüber geärgert, dass bei Flügen der billigeren Variante nur selten Snacks für die Passagiere ausgeteilt wurden.

Die junge Frau, die an der Rezeption stand, war ungewöhnlich schön, das fiel mir schon von weitem auf. Ihr Gesicht strahlte Ruhe aus und immer, wenn sie mit einem der Hotelgäste sprach, bildeten sich neben ihren Augen, die glänzten als wären sie Smaragde, kleine Lachfältchen. Lächelnd über ihren erfreulichen Anblick, ging ich betont lässig zu ihr und fragte sie nach dem Speisesaal und dem Menü.

Ihre süße Stimme machte meinen Neuanfang bitter.

„Um zum Speisesaal zu gelangen, gehen Sie einfach den Gang entlang und dann zur ersten Tür auf der rechten Seite. Heute Abend gibt es ein besonders leckeres Menü, über das sich unsere Gäste immer freuen: Spaghetti Carbonara. Lassen Sie es sich schmecken!“

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Kommentare

sophiephie Danke und ja ganz genau das wollte ich mit dieser Geschichte sagen! :-) Lg
10|03|2014, 21:19

Angiej Tja, die Vergangenheit (und auch Probleme die man hat) schleppt man wohl immer mit, egal wohin man reist. Das nehme ich aus deiner tollen Geschichte mit. LG Angie
09|03|2014, 09:00

Admin Foto: maimei / photocase.com
07|03|2014, 13:53

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