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Die Spitze des Bremer Domes stach mit ihrer grün angelaufenen Kupferverkleidung in die dunklen Wolkenkissen einer Winternacht. Eine Schneeflocke tanzte. Zwei folgten, vier, acht. Drei Atemzüge später webte dichtes Schneetreiben gemeinsam mit dem Kopfsteinpflaster weiß schwarze, marmorähnliche Knüpfwerke. Auf den Dächern, Marktständen, ebenso den zäh vorbeifahrenden Straßenbahnen lagen Schneekappen.

Laurens stieg aus dem Linienbus, hinein in den vorweihnachtlichen Trubel. Passanten zwängten ihn ein, schleppten ihn gedankenlos zum Markt; trotzdem beachtete ihn keiner.

Lametta, Weihnachtsengel, glitzernder Christbaumschmuck dazu Orgelklänge aus dem Dom versprachen ihm einen besinnlichen Adventsabend. So gab er den Aromen gebrannter Mandeln, Zuckerwatte und Lebkuchenspezereien nach, kletterte aus dem Menschenstrom an den weihnachtlich geschmückten Rand direkt vor einen Bratwurststand.

Der Verkäufer lockte mit Düften des Gebratenen, nebst appetitanregenden Rufen.

Dahinter haschte eine Tannenäste nach Schneeflocken. Als winzige Besucher ruhten sie auf blaugrünen Nadeln. Unzählige Kerzen zauberten mit ihrem Licht Sternenleuchten.

„Hinterher Nugatrosinen.“ Das Wasser lief ihm im Mund zusammen. Im selben Moment glaubte er würzigen Zucker getrockneter Trauben mit dem nussartigen dieser schmelzenden Köstlichkeit zu schmecken.

Aus Lautsprechern krächzte Weihnachtsmusik. Die Schweren Glockenklänge des Domes verkündeten einen sonntäglichen Adventsabend.

Hinter dem Bratwurststand drehte das Kinderkarussell einen ewigen Reigen. Kinder jauchzten auf kleinen Motorrädern, Feuerwehrautos, Hubschraubern und zwei Segelschiffen. An jedem Fahrzeug versprühten Glocken pausenlos ihre hellen Klänge.

Eine Bühne lugte zwischen Ringelspiel und Tannenbaum hervor.

Der Kinderchor sang soeben den letzten Vers von Stille Nacht. Minuten später erzählte ein Nikolaus das Märchen von der Schneekönigin.

„Wenn ich groß bin will ich auch Geschichten erzählen“, rief ein kleiner Junge.

Laurens schaute hoch, nahm seine Bratwurst und trat näher. Eine längst vergessen Seite auf seiner Seele erklang. „Wollte ich auch.“ Wehmütig fielen ihm zwei Gedichte ein, dessen Schrift an einem verlorenen Ort auf einem vergilbten Papier verblasste.

„Du lern einen Beruf“, schimpfte seine Mutter. Der Rest ging im Trubel des Marktes unter.

„So manche Menschen rauben ihren Kleinen doch alle Träume“, sagte Laurens zwischen zwei Bissen.

„So ist es oft mein Lieber. Wir suchen sie, hecheln ihnen hinterher. Sie Zerbrechen, dabei sehen wir dem Drama in seine Fratze. Was unternehmen wir? Nichts! Irgendwann sind unsere Träume irgendwo gestorben.“ Die Stimme des Mannes neben ihm klang weder rau noch sanft. Weder lebendig noch tot.

Laurens schaute nach rechts. »Kaum zu Glauben dass dieser Gimpel so was sagt«, grinste er stumm.

Schneeweißes, volles Haar hing ihm bis zum Kragen des Pelzmantels. Seine Hände lagen zum Gebet gefaltet über seinem Bauch. Am linken Mittelfinger prangte ein Siegelring. Im Gold glänzten Lichter vom Weihnachtsmarkt. Nur seine taubenblauen Augen blickten trübe zum Karussell.

Der Mann hatte Laurens Blick missverstanden.

„Gehört alles mir.“ Dabei zeigte er zum Bratwurststand, zur Hütte mit bunten Zuckerwaren überzogenen Nüssen, Lebkuchenherzen und Bergen von Marzipan als Kartoffeln, Obst und rosigen Schweinchen. „Ist das nicht genial von mir, mein Kinderkarussell neben den Ständen aufzubauen“, lachte der Mann. „Ihre Eltern dürfen am Wurststand Bratwürste kaufen.“

„Die Schaustellerei ist ihr Traum, wenn sie glücklich sind geht es in Ordnung.“

„Ha ...“ Dieses Wörtchen knallte aus dem Schausteller heraus; sein anschließendes Schweigen schmerzte. „Ihre Annahme ist falsch, mein Lieber ...“

„Laurens“, rutschte es hervor. „Ich möchte Schokoladenrosinen kaufen.“

„Angenehm, sie dürfen mich Willi nennen. Andere hier müssen mich Zuckerwilli ansprechen.“ Sein Lachen wirkte humorlos. Will nahm ihn beim Arm. „Gib meinem Gast eine große Tüte Schokorosinen“, befahl er einem seiner Angestellten. „Und zwei Becher Kaffee. Etwas Milch kein Zucker.“

Obwohl Laurens ihn immer in dieser Komposition genoss, schaute er ärgerlich Zuckerwilli ins Gesicht.« Dieser Kerl fragt mich nicht ob ich ihn so Trinken will.« Doch sein Zorn kühlte am köstlichen Geschmack seiner Rosinen schnell ab.

„Jahrzehnte lebten meine Träume so dahin“, begann Willi. „Leider steckte ich sie immer wieder zurück. „Einen liebte ich besonders.“ Wehmut schwang zwischen seinen Worten. „Aber ...“ Der Schausteller geriet für einen Moment ins Nachdenken.

„Mein Gesellenbrief als Maschinenschlosser besaß Vorrang. Danach drängte es mich zum Meisterbrief.“ Er nippte am Kaffee. Griff zur Tüte und nahm ein Stückchen heraus. „Anfangs sind Träume leicht; sie tauchen zur Oberfläche. Schwimmen auf der Wirklichkeit. Aber man kann sie in Arbeit ertränken. Unterm Pflichtgefühl verstecken.“

Domglocken riefen eine volle Stunde aus.

„Von meinem Gehalt konnte ich mir ein Haus leisten. Eine FRau, ein Sohn gehört dazu.

Willi bestellte erneut zwei Kaffee.

„Mein erstes Karussell gab’s beinahe umsonst. Sein damaliger Besitzer ging Bankrott. So landete ich im Schaustellergewerbe. Es waren lukrative Geschäfte. Meine Träume ertranken unmerklich im verdienten Geld.“ Seinem misslungenen Witz folgte ein verlegenes Lächeln.

Ein Kinderchor sang ihr Kinderlein kommet. Unterm Bratwurstgrill knackten Holzscheite.

„Wenn unser Sohn erwachsen ist sind übergeben wir ihm das Geschäft, bat mich meine Frau.“

„Frank hat uns was gehustet. Mein Kind studierte Germanistik. Heute schreibt er Bücher. Meine Firma ist ihm egal.“ Seine Hände fuchtelten eigenständig umher.

„Sie ahnen nicht was mir mein Junge sagte.“ Willi schwieg, als existierten gefährliche Geheimnisse.

Ich will nicht am Ende sagen müssen, morgen hab ich gelebt. Hat er gesagt. Zu mir!“

Erstes, Glühwein getränktes Lachen schwoll an.

„Meine Theresa ist vergangenes Jahr verstorben.

Jetzt ist es zuspät.

Lohnt nicht mehr neu anzufangen

Dies ist mein letzter Markt.

Hab mir ein Zimmer im Seniorenheimgekauft.“

Schweigen stieg zur Bühne, Lichter erloschen. Der Sternenhintergrund verschwand im Halbdunkel.

„Aus! Vorbei. Endstation.“ Der Schausteller wollte gehen. „Wünsch ihnen frohe Weihnachten.“

„Eine Frage Herr - Willi. Ihr Lebenstraum? Hätt gern gewusst ...“

Zuckerwilli schaute ihm zum ersten Mal direkt ins Gesicht. Danach hat mich bis heute keiner gefragt.“ Seine Miene wirkte belustigt, kurz darauf leicht zornig. Er trank seinen Kaffee. Wortlos. Trauer beherrschte ihn. Seine Hände zitterten plötzlich. Sein Adamsapfel tanzte.

„Hab’s vergessen.

Ich hab’s wahrhaftig vergessen“, wiederholte er unentwegt. Seine Stimme wurde leiser.

Doch was Laurens am meisten betroffen machte, war Willis hilfloses Bangen das wie Staub in seinen Falten lag.

Seine massige Gestalt schrumpfte bei jedem Schritt. Erst verdeckte ihn Schneetreiben, Sekunden später griffen des Weihnachtsbaums Äste nach ihm. Sie schwangen nach, warfen Schnee aufs Kopfsteinpflaster.

Er nahm seine Tüte und eilte zur Domsheide. Sein Bus nach Woltmershausen bog soeben zur Haltestelle ab.

Am Rande des Marktes standen fliegende Händler. „Alles einen Euro“, stoppte ihn eine Frauenstimme in gebrochenem Deutsch.

Auf dem Verkaufstisch lagen zwischen Weihnachtsschmuck Kugelschreiber, Bleistifte und Schreibblöcke.

Laurens zeigte darauf. Zugleich hielt er ihr einen Zehner hin.

„Für alles?“

„Ja!“

„Bitte sehr.“ Die Frau packte ihm das Gekaufte in eine Plastiktüte.

„Was machen sie damit?“ Diese Frage erwartete keine ernsthafte Antwort.

„Grüß dich. Schreibst du immer noch?“, fragte stattdessen eine bekannte Stimme

„Nein!

Herr Pastor!“

Laurens fühlte jenen, von Lava erhitzten Schreck, wenn man ertappt wird. Der aber auch den menschlichen Geist aufwachen lässt, ihn vor den Abzweig stellt, den richtigen oder falschen Weg einzuschlagen.

„Wozu kauft du es dann?“

Wolken flogen auseinander. Ein paar Schneeflocken wehten vom Stand an seine Wangen. Sterne leuchteten herab. Es sah aus, als blinzelten sie aufmunternd.

„Anfangen“, bekannte Laurens.

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Kommentare

Admin Foto: Photo-Beagle / photocase.com
09|12|2013, 10:56

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