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Es ist nie zu spät für alles

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Vier Briefumschläge halte ich in der Hand. Welchen soll ich nehmen? Es fröstelt mich und meine Finger sind kalt und steif. Der Wind, es ist Oktober, bläst eisig und stürmisch. Ich nehmen einen nach dem anderen von der linken in die rechte Hand. Die Kuverts sind nicht beschriftet, den Inhalt kenne ich nur zu gut. Lange habe ich über die Formulierung der Sätze nachgedacht und es hat mich einige Überwindung gekostet, was mir durch den Kopf geht, worum meine Gedanken ständig kreisen, auf das leere Blatt Papier zu bringen.

Nun habe ich mich für ein Kuvert entschieden. Ich öffne es, schließe die Augen und taste nach dem Inhalt. Mit noch immer geschlossenen Augen entfaltet ich das Blatt Papier. Noch immer möchte ich die Augen nicht öffnen, aber ich weiß, es muss sein.

Ich verzeihe dir, dass du mich nicht öfters in den Arm genommen hast!

Ich starre auf die Buchstaben, wie immer habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich jemanden einen Vorwurf mache. Und es ist ein Vorwurf, ein Vorwurf an die Mutter. Doch, wie hat die Therapeutin gesagt: „Sie müssen es aussprechen, sonst werden sie nie damit fertig werden“. Am liebsten möchte ich weglaufen aus dieser tristen Umgebung, aber dies wäre keine Lösung, ähnliches habe ich schon zu oft erlebt. Wie sehr habe ich es mir gewünscht, wenn der Vater mich maßregelte und ich mich ungerecht behandelt fühlte, dass Mutter mir beistehe, mich beiseite nehmen, über Haar und Wangen streiche, mich an sich drücke und festhielte. Oft habe ich Trost in den Augen der Mutter gesucht, den schützenden, weichen Armen, deren Geruch ich so liebte, gesucht. Heute weiß ich, dass zwischen den Eltern ein Abkommen bestand, sie konnte gar nicht anders und dennoch wäre es schön gewesen es zu erleben. Ich weiß, ich weiß, dass sie es manchmal sehr gerne getan hätte.

Aus meiner Handtasche nehme ich das Feuerzeug, halte das Blatt Papier darüber und versuche es in Brand zu setzen. Der Wind verhindert dies vorerst, nach dem dritten Versuch gelingt es mir. Während es langsam zu Brennen beginnt flüstere ich: Ich verzeihe dir, ich liebe dich! Verzeihe du auch mir! Bin ich dir jetzt näher, näher als früher? Aber es ist ja erst ein kleiner Teil meines „Gespräches“ mit dir. Noch halte ich drei Kuverts in meinen Händen und wieder beginne ich eines auszuwählen.

Ich verzeihe dir, dass du dir so wenig Zeit für mich genommen hast!

Haben wir je, nur wir zwei, einen Spaziergang unternommen, oder waren wir einmal ein Eis essen? Ich kann mich nicht erinnern. Einzig unsere Einkaufstour nach Wien, in die Meidlinger Hauptstrasse, zweimal im Jahr, Frühjahr und Winter, und dann ein Besuch bei den Verwandten, Tante Hella und Onkel Franz, manchmal ging es auch noch zu Tante Poldi und Onkel Willi, ist mir in Erinnerung. Da gab es dann Kaffee und Kuchen und die für mich uninteressanten Nachfragen nach den Leuten zu Hause. Ich habe mich gelangweilt. Dann schnell, schnell nach Hause, der Vater und die Großmutter warteten ja schon und wollen versorgt werden. Eile, immer Eile. Du hattest viel zu tun, viele zu versorgen, für viele da zu sein. Meine kindlichen Wünsche, ein Besuch im Tiergarten Schönbrunn, oder einmal in den Prater, wurden immer auf das nächste Mal verschoben. Und wenn wir dann im Zug nach Hause saßen und ich Fragen an dich richtete, warst du mit deinen Gedanken schon wieder bei den Aufgaben, die auf dich warteten.

Laxenburg – das Internat, wie viele bitterliche Tränen habe ich da vergossen, Abend für Abend habe ich mich in den Schlaf geweint. Von einem Tag auf den anderen Fremde um mich. Neue Schulkolleginnen, Lehrkräfte und die Ordensschwestern die uns rund um die Uhr beaufsichtigten. Sie versuchten zwar mich zu trösten, reichten mir ein Taschentuch, aber Wärme und Geborgenheit konnten sie nicht vermitteln. Das erfreulichste, an das ich mich erinnere war, dass du mir das Privileg gewährt hast, den Speiseplan für das Wochenende, an dem ich zu Hause war, auszuwählen. Da für mich, nur für mich, warst du aber auch in dieser Zeit nicht.

War ich zu besitzergreifend, zu egoistisch, weil ich mehr für mich ersehnte? Deine Situation war nicht einfach, da zu sein für alle und es allen recht zu machen.

Ich verzeihe Dir!

Ich überlasse auch dieses Blatt Papier dem Feuer und wähle das nächste Kuvert aus. Es fällt mir schon leichter, es zu öffnen.

Ich verzeihe dir, deine Einstellung zu Sexualität, Partnerschaft und Liebe, die du mir vermittelt hast!

Durch deine persönliche Meinung bezüglich der Themen Sexualität, Partnerschaft und Liebe, hast du viel Schönes nicht erfahren können. Du hast es nicht anders vorgelebt bekommen, du hast es an mich weitergegeben und lange, lange Zeit habe ich danach gelebt. Gefühle zulassen, aufeinander Zugehen, fördert die zwischenmenschliche Beziehung und gibt so viel Wärme. Warm war es bei uns nur in der Küche, hier wurde geheizt, in allen anderen Räumen war es kalt, kalt und still. Diese Erkenntnis, jetzt, so viele Jahre später, stimmt mich noch immer sehr nachdenklich. Kalt war auch das Verhältnis zwischen Vater und dir, nie konnte ich euch bei vertrauten Gesprächen und Umarmungen beobachten. Kälte war einfach Normalität für mich. Ich konnte mich befreien, befreien von der Kälte, ich habe gelernt Gefühle zuzulassen und schöne Momente zu genießen, auch wenn ich manchmal verletzt wurde. Schöne Augenblicke, ich hoffe so sehr, dass du solche erleben konntest.

Nur noch ein Kuvert halte ich nunmehr in meinen Händen. Es wäre nicht nötig das beschriebene Blatt dem Umschlag zu entnehmen, der Wortlaut ist mir genau bekannt.

Ich verzeihe dir, dass du mich alleine gelassen hast!

Du bist weggegangen, für immer, von einem Tag auf den anderen und hast eine große Lücke hinterlassen. Ich musste plötzlich deinen Platz einnehmen. Da war der Vater, der kleine Bruder und die Großmutter, für die ich da sein sollte. Sie waren an deine Fürsorge gewöhnt und erwarteten diese nun auch von mir. Aber, ich war doch noch so jung, viel zu jung, um diese große Aufgabe zu übernehmen. Haushalt, Betrieb und mein Job, wie sollte ich das von heute auf morgen alles bewerkstelligen? Du hast mich von diesen Aufgaben immer fern gehalten. Wie kocht man ein Gulasch, wie kommt man mit der Wäsche zurecht, von all diesen Dingen hatte ich keine Ahnung. Und der kleine Bruder konnte überhaupt nicht verstehen warum du nicht mehr da warst. Seine Fragen zu beantworten, deine Abwesenheit zu erklären, waren die schlimmsten Augenblicke für mich. Du fehltest mir so sehr. Morgens, nach dem Erwachen, dachte ich immer es sei ein böser Traum und wenn ich in die Küche ginge, würdest du bei deinem Kaffee sitzen, du würdest mir einen guten Morgen wünschen und alles wäre wie immer. Aber es war kein böser Traum, es war reale Wirklichkeit. Der sonst schon reservierte Vater, zog sich noch mehr zurück, war von Trauer gezeichnet. Viel später brachte er eine Frau ins Haus – um mich zu entlasten – wie er sich ausdrückte. Sie entlastete mich, aber es bereitete mir Qualen, sie an deinem Platz zu wissen.

Wie wäre mein Leben verlaufen, hätte es diesen 31. Oktober nicht gegeben, oder er hätte einen anderen Ausgang genommen? Ich wollte die große, weite Welt kennenlernen! Du hast es erkannt, versucht mich davon abzuhalten, hast mir die schlimmsten Szenarien beschrieben. Du hast einen Weg gefunden es zu verhindern – aber für welchen Preis!

Heute, stehe ich hier vor deinem Grab, viele, viele Jahre sind vergangen. Noch immer ist in mir Traurigkeit über den Verlust den ich erlitten habe und Traurigkeit, weil du so früh gegangen bist und mir bewusst ist, dass dir dadurch so viel Schönes verwehrt geblieben ist, du es nicht mehr erleben konntest. Deine Enkelkinder würden dir heute sehr viel Freude bereiten. Mein Bruder und ich haben ihnen von dir erzählt und sie bedauern, dass sie dich nicht kennenlernen durften. Aus ihnen sind liebevolle Menschen geworden und ich bin mir sicher du kannst sie da, wo du jetzt bist, sehen und Freude an ihnen haben.

Ich verzeihe dir, und bitte dich auch mir zu verzeihen. Heute ist mir das Ausmaß deiner Krankheit und dessen Hintergründe bekannt. Es war eine sehr schwere Zeit für dich, wie viel musstest du erleiden.

Die Briefumschläge sind leer, die Briefe dem Feuer anvertraut. Ich fühle mich um vieles leichter. Der Wind ist nicht mehr kalt und stürmisch, die Sonne blitzt zeitweise durch die Wolken. Das Wetter hat sich beruhigt, ruhig ist es auch in mir geworden. Wohlige Wärme umgibt mich und die Tränen beginnen zu fließen.

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Kommentare

Katalin Eine sehr berührende Geschichte! Katalin
23|03|2011, 07:24

kino_phil Nur die Starken können verzeihen....
18|03|2010, 11:24

Miss_Verstaendnis Liebe Nicoletta, ohne Tränen hätte die Seele keinen Regenbogen. Inspirierende Worte, dich ich mit dir teilen möchte.
18|03|2010, 11:03

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