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Meine unsere Reise

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Ich kenne ihn kaum. Weiss nichts über ihn. Nur sein Äußeres kann ich beurteilen. Erste Vorurteile schmieden. Erste Urteile verkünden.

Natürlich saßen wir eines Tages am Familientisch meiner Großmutter. Dies gilt als eine Art Einführungsritual in unserer Familie. Wer diesen Test besteht, hat schon die halbe Miete. Wir saßen gegenüber. Er war schweigsam aber lächelte immer nett und befürwortend, egal was jemand sagte. Als ältester Sohn meiner Mutter war es meine Aufgabe zu mustern, zu überprüfen und zu analysieren. Wer war er? Darf er bleiben? Bekommt sie das `ok´? Er sagte kein Wort. Das ganze Essen lang nicht. Ich dachte mir nichts dabei. Vielleicht war er nur ein höflicher Mensch und wollte einfach nicht aufdringlich wirken. Nun gut, das Essen war gemeistert und die Raucher verzogen sich auf den Balkon. Ich saß mit ihm bald alleine draußen. Er lächelte mich an und sprach das erste Mal zu mir: „How are you David? I´m Richard!“Ich war kurz davor einen lauten, verzweifelten Lacher auszustoßen und dachte: „What the fuck?“. Ein Engländer? Ich soll jetzt tatsächlich anfangen Englisch zu sprechen? Noch dazu mit jemandem, der das sauberste Englisch, das meine Ohren je hörten, spricht? Ich lächelte verkrampft zurück und begann in meinem untrainierten Ösi-Englisch zu reden. Wir unterhielten uns relativ schnell sehr intensiv über Themen der Welt und schön langsam erkannte ich, dass er ein sogenannter „Guter“ war. Wir erzählten uns vom Alltag. Von Problemen und guten Dingen. Fast zwei Stunden und eine Packung Zigaretten verbrachten wir damit zuzuhören und zu erzählen. Es gab kein Thema, in dem der andere nicht einen Rat hatte oder eine Geschichte dazu. Nach zwei Stunden war uns dann schon irgendwie das Pulver ausgegangen. Wir genossen die Ruhe. Ich beobachtete, wie er an seiner Zigarette zog. Bestimmt, relaxed, selbstbewusst, ruhig und trotzdem immer mit einem kleinen Lächeln. „Den mag ich!“ dachte ich und verfluchte ein wenig meine Mutter, warum sie ´so einen´ nicht schon früher hatte finden können. Aber es heißt ja: Lieber spät als nie!

Mittlerweile war mir diese Ruhe etwas zu ruhig geworden und ich suchte verzweifelt nach einem Thema. Es gab nichts mehr zu reden. „Das gibt’s doch nicht!“ verfluchte ich mich. Ein kleiner Gedankenblitz und ich sprach ihn einfach darauf an: „What do you think about a World journey?“. Seine Augen wurden groß und strahlten richtig. „Ha!! Da hab ich was gefunden!!!“ lobte ich mich stolz. Und schon ging es los. Wir redeten über dieses eine Thema weitere zwei Stunden und vergaßen schließlich die Zeit komplett. Wir diskutierten, wohin es gehen sollte. Wo sollte man starten und wo das Ganze beenden? Wie viel Zeit musste man sich nehmen? Wie regelte man das mit seinen Frauen? Wie viel kostete es? Was dürfen wir nicht auslassen? Wir lachten und diskutierten über jedes Ziel und insgeheim wussten wir, dass wir all das Gesagte irgendwann in die Tat umsetzen würden.

Da standen wir nun. Zwischen dem heiligsten Berg und heiligsten Fluss auf diesem Planeten. Der Wind pfiff uns durchs Haar und wir ließen alles fallen. Schwerelosigkeit umfing uns und wir wussten, es war richtig. Viele Jahre hatten wir davon geträumt diesen Schritt zu tun, diesen Moment zu erleben und nun war er da. Es fühlte sich an, als würden wir seit Stunden hier stehen. Er setzte sein bekanntes Lächeln auf. Das zeigte mir, dass er zufrieden war. Die Aussicht glich einem Einblick in die Welt in ihrem Ursprung. Keine Menschen, außer uns natürlich. Keine Maschinen. Keine unnatürlichen Geräusche. Nur der Wind und das endlose Dasein auf dieser Welt. „Endless!“, sagten wir beinahe gleichzeitig und mussten lachen. „Which kind of endless is it for you?“ fragte ich ihn. Seine Erklärung verstand ich nur zu gut. „It´s just..... I know that MY love is waiting for me at home. I know that she knows that I´m ever so happy in this situation right now. And I know that I´m happy right now. I can feel the endless love for my life and the endless love for my girl at home. Everything´s so clear. I can see everything behind the fog. Everything in the darkness. Everything makes sense now!“. Ich applaudierte nach dieser Ansprache und wir mussten wieder lachen. Es war kein verkrampftes Alltagslachen. Es war ein befreites und selbstbewusstes Lachen. Als würden wir in diesem Augenblick alles wissen, alles verstehen, alles lieben. Als wären wir nun die optimistischsten Optimisten, die diese Welt je gesehen hat. „What do you think about all that?“, riss er mich aus meinen Gedanken. „It´s funny.“ „Funny? How can this be funny?“ „It´s just....I dont know....it´s just....now we´re arrived. We are here and nobody can take this moment away. Except you. Hahahahaha. I´m kidding. I´m afraid of leaving. I´ve worked so hard my whole life just for this moment. How can I leave this place? How can I take these emotions with me? I´m afraid of losing it!“ „Oh come on Dave! We arrived minutes ago and you´re thinking about leaving? Forget it right now. We have still a few months left before we`ve got to go home!“. Damit hatte er natürlich recht. Ich und mein ständiges Denken über das Nächste. Genau in dieser Situation wusste ich, dass es richtig war, IHN gefraget zu haben, ob er dieses Abenteuer mit mir machen will. Wir zündeten uns eine Zigarette an. Ich weiss, eigentlich nicht sehr Ökonomisch an diesem Ort zu rauchen aber es gibt für einen Raucher wohl nichts Befriedigenderes, als sich frei zu fühlen und dieses Gefühl noch mit einer Zigarette zu zelebrieren. Wir sahen aus wie zwei Cowboys aus einem Westernfilm. Cool zurück gelehnt an einem Stein. Schmutzig und verschwitzt von oben bis unten. Beine hochgelegt und einfach nur daliegen. Perfekte Momente für Nonverbale Kommunikation. Es reichte ein Blick und wir grinsten wieder dem Himalaja entgegen. Es reichte ein Nicken und wir grinsten dem Ganges entgegen. Das einzig Wahre an diesem Ort, das einzig Richtige an diesem Ort, der einzig klare Gedanke an diesem Ort war: „Wir sind richtig! ICH bin richtig!“. Das nehmen wir mit nachhause. Das ist wonach wir gesucht haben. Nun sind wir wir. Nun können wir unsere Reise fortsetzen um mehr von uns und der Welt zu entdecken.

Wieder kamen wir an. Wieder mussten wir uns verabschieden. Mir wurde es zuviel von so vielen neuen Orten Abschied nehmen zu müssen. Ich weiss, wir kommen wieder zu einem anderen schönen Ort. Ich wünschte mir, dass alle an einem Fleck wären, nur um vom einen Schönen ins andere Schöne gehen zu können. Naja, das wär dann schon wieder kitschig. Richard hielt gerade sein Mittagsschläfchen. Er musste immer öfter seine alten Knochen ausruhen. Als würde ihm diese Reise schon mehr abverlangen als geben. So sollte es nicht sein und ich plante, dass wir am nächsten schönen Ziel unserer Reise nicht nur ein paar Tage sondern bis zum Ende unserer Frist bleiben würden. Entspannen, kein Reisedruck, nur da sitzen und den ganzen Tag ausruhen. Einfach richtig faul werden. Nun sind wir schon seit zwei Monaten unterwegs. „Doch schon so lange?“ fragte ich mich. Wie die Zeit vergeht. Ich vermisste mein Kind. Meine Frau. Meine Familie. Oft dachte ich darüber nach abzubrechen. Doch, zu meiner Überraschung, meine Frau wollte es nicht. Sie plädierte darauf meine Chance zu nutzen, denn beim nächsten Mal, falls es eines geben würde, wäre es keine Männerrunde mehr. Beim nächsten Mal müssen wir unsere Frauen und Kinder mitnehmen. „Da hätte ich im Augenblick wirklich nichts dagegen!“ träumte ich. Meiner Tochter die schönsten Orte auf dieser Welt zeigen zu können kann nicht schlimm sein. Sie soll sehen, dass es nicht nur unsere kleine Wohnung in einem Ghetto in unserem Kaff gibt. Sie soll sich irgendwann frei aussuchen können, wo sie im Leben sein will. Und sei es nur geographisch. Doch nun ging es nur um mich. Um meine Reise. Um mein Ziel. Doch diese Reise sollte nicht mehr so einfach bleiben.

Der alte Mann erwachte und nahm sofort einen Schluck vom Whiskey. Richard und ich sahen uns an und mussten unseren Brechreiz unter Kontrolle bringen. Dieser Mann stank nach Urin, Kotze und Schweinestall. Unerträgliche Gerüche im Einzelnen, aber alle drei auf einmal waren ein Kampf gegen das körperliche Verlangen oral zu ejakulieren. Er nahm noch einen Schluck und plötzlich schrie Richard ihn an:“Where the fuck are they? Who stole them?“. Uns wurden die Pässe gestohlen und wir wussten genau, dass dieser alte Mann dabei zugesehen hatte. Leider ist uns auch klar, dass dieser Typ in diesem Augenblick geschätzte vier Promille hatte, aber er war eben unser einziger Anhaltspunkt. Wir waren verzweifelt und waren tagelang umhergerannt nur um diese Geruchsbelästigung von einem Menschen zu finden. Wer weiss, wo der Dieb mit unseren Pässen mittlerweile schon ist. So hingen wir in Mexiko fest. Zwischen Mafia, Drogen und Tequilla. Ohne Pässe ging hier gar nichts. Eine illegale Flucht über die Grenze in die USA wurde uns auch schon angeboten, jedoch überstieg der Preis unser Jahreseinkommen. Uns blieb nichts übrig als selbst Hand anzulegen. So zogen wir weiter. Ließen den Stinkenden stinken und hofften auf den Zufall. Auf das Glück. Komischerweise waren wir zuversichtlich. Zu zuversichtlich im Nachhinein gesehen.

Nein! In diese Richtung darf diese Geschichte nicht gehen......

Es tut mir leid, ich muss hier unterbrechen. Diese Geschichte, so schön sie auch für mich und meine Fantasie ist, übersteigt mein kreatives Denken. Hier ist der Punkt gekommen, an dem ich weder zufrieden mit dem Verlauf bin, noch zufrieden mit mir selbst. Ich muss euch hier Einiges zu meinem Schreiben erzählen. Ich sah letztens eine Dokumentation von einem Indischen Regisseur, Vikram Gandhi, der ein Experiment wagte: Er gab sich als Indischer Guru aus. Er wollte eine Lehre, die es so nicht gab, verbreiten und sehen, wieviele Menschen auf ihn eingehen. Zu seiner Überraschung bildete sich in kürzester Zeit eine zwanzigköpfige Schar an Anhängern rund um ihn und bis zum Ende wusste er nicht, wie er den ihm lieb gewordenen Menschen erklären sollte, dass all das, was er machte, nur ein Experiment sei. Er beendete dieses Experiment mit folgenden Worten: „Ich will, dass jeder in sich blickt und sich selbst erkennt. Ich bin nicht der, von dem ihr denkt, dass ich es bin. Ich bin nicht euer Guru. Ich wollte euch zeigen, dass ihr euer eigener Guru seid und niemanden von Außen braucht um euch selbst empor zu heben. IHR seid EUER eigener Guru. Ihr müsst nur glauben. Ihr müsst nur sehen. Es tut mir leid, falls ihr dachtet, ich sei etwas Besonderes. Alles was besonders war, seid ihr selbst, habt ihr euch selbst beigebracht, habt ihr allein in euch gesehen.“ Die Reaktion der Betroffenen war unheimlich schön. Sie sahen ihn an und lachten. Begriffen, dass man niemanden zum Führen braucht. Sie begriffen, dass man nur sich selbst und seine Vorstellungskraft braucht.Das ist es, was ich in meinen Texten vermitteln will. Ich will Welten erschaffen, in denen ich mich selbst finden kann, die aber so nicht existieren. Klar, die geographischen Orte gibt es schon aber das Ereignis selbst ist erfunden. Das Ereignis selbst ist Fantasie, Traum, Wunsch und Hoffnung. Ich bin mein eigener Anhänger. Ich bin Jesus und seine Jünger zugleich. Ich erschaffe, was mein Kopf, Herz und meine Seele mich erschaffen lässt. Ich verfange mich in diesen Vorstellungen in der Hoffnung sie vielleicht doch irgendwann erleben zu dürfen. Ich schreibe sie nieder um mich zu teilen und um Menschen zu finden, die eventuell in ähnlichen Träumen und Hoffnungen hängen. All das schreibe ich auf um zu sehen, ob ich alleine bin oder um zu zeigen, dass jemand anderes nicht alleine ist. Ich teile mich. Die Geschichte unterbrach ich nicht aus Angst. Nicht aus Schuldgefühle oder überhaupt etwas Negativem. Ich unterbrach sie um wieder zu mir zu finden. Mich nicht zu weit hinein zu lehnen. Um mich nicht zu verlieren. Bei mir geht das schnell. Ich verfange mich in einer von mir erschaffenen Welt um in mich sehen zu können. Umso mehr ich von mir sehe, desto mehr Sehnsucht habe ich nach einer gewissen Fremde. Sehnsucht nach einer Erneuerung meiner selbst. Ich will mehr finden, mehr wissen und entdecken. Doch habe ich Angst davor mich nicht mehr von mir befreien zu können. Befreien um mich zu teilen oder einfach um nicht den Bezug zur Realität zu verlieren. Ich darf diesen Bezug nicht verlieren. Ich habe zuviel Verantwortung. Verantwortung die ich zwar nicht alleine trage, aber die ich nicht abgeben darf. Am liebsten würde ich diese jene in mein Ich mit einbinden aber Menschen in sich miteinbinden funktioniert nur, wenn sie sich ähneln. Verstehen. Mitmachen. Dies geschieht hier nicht auf die benötigte Art und Weise. Deswegen schreibe ich.

Wie mir jemand sagte: „Du BIST, also SEI“. Also lasse ich mich wieder fallen. Ich gehe wieder in mich und schreibe mich. Schreibe meine Welt. Schreibe alles und nichts. Ich schreibe.

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Kommentare

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