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Sicher Sacher?

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Nicht zu Hause und doch nicht an der frischen Luft? Die Sphinx, die diese Frage stellte, wurde bestimmt von einem echten Wiener aufgeblattlt, denn dem ist frei nach Peter Altenberg sonnenklar, dass das Kaffeehaus die einzig mögliche Antwort darauf ist. Ein Ort, der bis zum heutigen Tage besonderen Regeln unterworfen ist, an dem die Melange nie ohne ein Glas Wasser inklusive darüber liegendem Silberlöffel daherkommen würde und die Herren Ober ihre Gäste ungebremst angrantln können. Hinter Zeitungen verbergen sich die Köpfe der Hauptstadt, gleich Rauch aus dem Kamin steigen die Schwaden ihrer Zigaretten neben, unter und über dem Papier hervor. Der Konsum bleibt aber nicht auf Tabak, Koffein und Buchstaben beschränkt, auch das süße Goscherl kommt auf seine Kosten. An Auswahl mangelt es nicht, ebenso wenig an Meinungen, wo denn die beste Mehlspeis zu bekommen sei. Mit der Erhebung dieses Streits auf Gerichtsniveau kann sich jedoch nur eine Torte brüsten. Und wie sollte es anders sein, sie ist die Königin der Wiener Nachspeisenküche, die schon in aller Herren Länder ihren Weg in die Mägen der Menschen gefunden hat – selbstredend handelt es sich um die Sachertorte.

Kurzer Steckbrief: Schokoladenbiskuitteig, Marillenmarmelade, Schokoladeglasur, nicht zu vergessen das ungesüßte Schlagobers als Nebendarsteller. Über diese Grundzusammensetzung gibt es noch keine gröbere Meinungsverschiedenheit (höchstens über die Verwendung von Butter oder Margarine), doch schnell verkompliziert sich die Geschichte, wenn man die Lokalisierung der Marillenmarmelade anschneidet (im Sacher-Jargon würde man wohl eher von dem Ort bzw. den Orten sprechen, an denen die gute Torte aprikotiert wird). Hier scheiden sich nämlich die Geister der Konditoren aus dem Hause Sacher und dem K.u.K. Hofzuckerbäcker Demel. Während letzterer die Aprikotierung nur unter der schokoladigen Glasur vornimmt, köpft ersterer seine unglasierten Torten, um auch in deren Mitte den Geschmack der Marille zu verteilen. Jeda wira mog könnte man nun meinen, aber dann wären wir ja nicht in Wien. Denn hier muss der Fall von der Wurzel her an aufgerollt werden, sodass man sich auch an einem gestandenen Bahö erfreuen kann.

Wir gehen demnach ins Jahre 1832 zurück, zu welcher Zeit niemand geringerer als Fürst Metternich ein Dessert, das ihm „keine Schand macht“ für seine hohen Gäste verlangte. Es traf sich diese Forderung mit der zeitlich äußerst ungünstig gelegenen Erkrankung des Chefkochs, was aber wiederum dem Kuchlbuam Franz Sacher opportun in die Hände spielte, dessen Typ nun für die Kreation einer solchen Nachspeise gefragt war. Rückblickend kann man guten Gewissens behaupten, dass aus des einen Bettlägerigkeit des anderen Ruhm und die Sachertorte entstanden sind.

So weit so gut, problematisch und verworren wird es erst an dem Punkt, als Franzens Sohn Eduard die Torte in Demels Backstube vollendete, wo er im Zuge seiner Ausbildung sein Unwesen trieb. Fertig war der Pallawatsch, der in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zum ebenso berühmt wie zauberhaft unglaublich anmutenden Tortenstreit führte. Es trug sich nämlich zu, dass nach dem Tod von Eduards Gemahlin Anna anscheinend auch das gleichnamige Hotel sterben wollte und in Konkurs ging. Für den Demel sprang dabei das Alleinverkaufsrecht für eine „Eduard-Sacher Torte“ heraus, was jedoch dem neuen Eigentümer der noblen Sacher Unterkunft gar nicht süß aufstieß. Er ließ „Original Sacher-Torte“ als Markenzeichen registrieren und goss somit Öl in den ohnehin schon feurigen Mehlspeis-Krieg. Es war ein eben solcher, der zweite Weltkrieg um genau zu sein, der die Meinungsverschiedenheiten vorläufig auf Eis legte, doch mit dem Abzug des letzten Soldaten zog auch wieder der Unmut in die beiden Wiener Backstuben ein.

Ein unanfechtbar wunderschönes Detail in der gesamten Tortenschlacht stellt Friedrich Torberg dar, der als Stammgast beider Häuser im Prozess als Zeuge auftrat. Seine fachmännische Auskunft bestätigte, dass zu Anna Sachers Lebzeiten niemals der Schnitt durch die Torte zur Marillisierung gewagt worden war. Der Streit um Österreichs bekannteste Mehlspeise wurde schließlich außergerichtlich beigelegt und bescherte dem Hotel Sacher das alleinige Recht auf die „Original Sacher Torte“ mit dem runden Schokosiegel, während aus Demels Vitrine die „Eduard-Sacher Torte“ mit dem dreieckigen Siegel verkauft wird. Diese geringe Unterscheidungsmöglichkeit ist freilich grob fahrlässig und kann zu folgenschweren Verwechslungen der beiden Torten führen, weswegen sich auf der Homepage des Hotel Sachers auch fünf weitere, genauestens beschriebene Merkmale aufgelistet finden, die man mit detektivischen Ehrgeiz vor jedem Biss in den Baazbunki untersuchen soll und muss. Friedrich Torberg und Peter Altenberg hätten es bestimmt nicht anders gehandhabt.

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Kommentare

  • Sicher Sacher?
    Die Karriere von Österreichs berühmtester Mehlspeise macht nicht einmal vor des Richters Toren halt...
  • Etymologie der Würste
    Der Wiener Würstelstand - ein Sammelbecken für kuriose Gäste und noch viel kuriosere Fleischkombinationen!
  • Wiener Typen
    Das Problem für jeden Wiener: man kann es in Wien nicht aushalten, aber woanders auch nicht.
  • Die Lust des Müßiggangs
    Sie haben gerade nichts zu tun? Schön für Sie. Aber warum lesen Sie das jetzt?
  • Hauptsache Schreiben
    Ich bin nicht suchtgefährdet, ehrlich. Leider. Aber wenn es ums Schreiben geht ...
  • 750 ml grün
    Eine Hommage an das Leben. Und die Zweisamkeit. Und eine neue Betrachtsweise der "Dinge".

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